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Die Trapper in Arkansas

Gustave Aimard: Die Trapper in Arkansas - Kapitel 6
Quellenangabe
authorGustave Aimard
titleDie Trapper in Arkansas
publisherDie Illustrirte Welt
printrunSiebenter Jahrgang
year1859
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20180825
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Erster Theil.
Treuherz.

 

I.
Die Prairie.

Im Westen der Vereinigten Staaten, jenseits des Mississippi, dehnt sich auf eine Länge von mehreren hundert Meilen ein ungeheures, bis auf diesen Tag unbebautes und aus unbebauten Landstrichen bestehendes Gebiet aus, auf dem man weder die Wohnung des Weißen, noch den Hatto des Indianers findet. Diese endlose Wildniß, aus welcher düstere, von geheimnißvollen Raubthierfährten durchzogene Urwälder mit üppigen Prairien wechseln, wird durch mächtige Ströme bewässert, unter denen der Canadian, der Arkansas und der Red River die bedeutendsten sind.

In jenen fruchtbaren Gegenden irren zahllose Heerden von wilden Pferden, Büffeln, Elennthieren, Langhörnern und Tausende von Thieren umher, welche vor der Civilisation der anderen Theile von Amerika mehr und mehr zurückweichen und hier sich der lieben Freiheit erfreuen. Sie dienen zugleich den mächtigeren Indianerstämmen als Jagdgebiete.

An dem Saum der Wildniß gegen die Niederlassungen der Amerikaner hin, mit denen schwache Bande der Civilisation die Rothhäute in Verkehr zu bringen beginnen, streifen die Dalawaren, die Crieks und die Osagen und leben in stetem Krieg mit den unbändigen Stämmen der Pawnies, der Schwarzfüße, der Assiniboinen und der Comanchen, diesen Prairienomaden oder Gebirgsbewohnern, welche man überall in der Wüste findet, obschon kein Stamm letztere als Eigenthum anzusprechen wagt; desto besser scheinen sie sich aber auf Verheerung desselben zu verstehen, denn sie sammeln sich in ihr in großen Haufen, wenn sichs um Jagdzüge oder kriegerische Unternehmungen handelt.

In der That hat man bei einem Zug durch jene Wildniß gar verschiedenartige Feinde zu bestehen. Der wilden Thiere nicht zu gedenken, gibt es auch Jäger, Trapper (Fallenjäger) und Parteigänger, welche für die Indianer nicht minder furchtbar sind als ihre Landsleute.

Gegen das Ende des Jahres 1837, in den letzten Tagen des Monats September, der von den Indianern Inaki Kisis (Mond der fallenden Blätter) genannt wird, saß etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang ein junger Mann, den man trotz der indianischen Kleidung an der Hautfarbe leicht als einen Weißen erkennen konnte, bei einem Feuer, das bei der vorgerückten Jahreszeit bereits ein Bedürfniß geworden war. Er zählte höchstens sechsunddreißig Jahre, obschon einige tiefe Furchen auf seiner breiten mattweißen Stirne ihn älter erscheinen ließen. Seine Gesichtszüge waren schön, edel und verriethen jene stolze Thatkraft, welche dem Leben in der Wildniß entstammt. Seine hervorstehenden, von buschigen Brauen überwölbten Augen hatten einen sanften, melancholischen Ausdruck, der ihr Feuer und ihre Lebhaftigkeit milderte. Mund und Kinn waren unter einem langen, dichten Bart verborgen, dessen dunkle Farbe lebhaft gegen die befremdliche Blässe des übrigen Gesichtes abstach. Dem schlanken, wohlgebildeten Rumpf schlossen sich kräftige Glieder von einer derben Muskulatur an, die eine ungewöhnliche Körperkraft bekundeten, und überhaupt flößte sein Aeußeres jene achtungsvolle Theilnahme ein,welche sich in jenen Gegenden ausgezeichnete Persönlichkeiten weit leichter erringen, als bei uns, wo man einen derben Körperbau meist nur im Geleite der Rohheit auftreten sieht.

Der Mann war ein Jäger. Eine prächtige Büchse mit gezogenem Lauf, die ihm zur Seite lag, die Jagdtasche, welche er umhängen hatte, und die zwei mit Pulver und Kugeln gefüllten Büffelhörner, die an seinem Gurt befestigt waren, setzten sein Gewerbe außer Zweifel. Neben der Büchse lagen ein Paar lange Doppelpistolen nachlässig hingeworfen.

Die weitere Bewaffnung des Jägers bestand aus dem sogenannten Machete, einem Waidmesser mit kurzer und gerader Klinge, das der Bewohner der Prairie nie von seiner Seite läßt. Wir sehen den Mann, wie er eben gewissenhaft einem Biber die Haut abstreift, ohne dabei eine an einem Strick aufgehängte Hirschkeule, die über dem Feuer schmort, oder auch nur das geringste Geräusch außer Acht zu lassen, das in der Prairie sich erhebt.

Die Stelle, wo er sich niedergelassen hat, ist für einen Halt von einigen Stunden ausgezeichnet gut gewählt. Das hohe Gras bietet eine treffliche Waide für die zwei prächtigen Pferde, die mit gefesselten Hinterbeinen in kurzer Entfernung ihrem guten Appetit gerecht werden. Das mit dürrem Holz genährte Feuer ist nach drei Seiten hin von Felsblöcken geschützt, so daß man schon auf zehn Schritte nur eine dünne Rauchsäule bemerkt, und ein Vorhang von hundertjährigen Bäumen hält das Lager vor den unbescheidenen Blicken derer verborgen, welche möglicherweise in der Nachbarschaft auf der Lauer liegen. Kurz, der Jäger hat mit einer Umsicht, welche eine tiefe Kenntniß des Waldläuferlebens verräth, alle für seine Sicherheit erforderlichen Vorkehrungen getroffen.

Der Wiederschein des Abendroths färbte bereits die Gipfel der hohen Bäume und die Sonne war im Begriff, hinter den Bergen des westlichen Horizontes zu versinken, als die Pferde plötzlich ihr Mahl unterbrachen, die Köpfe in die Höhe warfen und die Ohren spitzten. Dem Jäger entgingen diese Zeichen der Unruhe nicht, weßhalb er wohl die Hand nach seiner Büchse ausstreckte.

Da ließ sich dreimal der Ruf einer Elster vernehmen. Der Jäger legte mit einem Lächeln die Büchse wieder bei Seite und wandte abermals seine Aufmerksamkeit dem Braten zu. Bald nachher rauschte das Gras, ein Paar schöne Schweißhunde stürzten hervor und sprangen um den Jäger her, der ihnen einige Augenblicke schmeichelte, dann aber Mühe hatte, sich ihrer Liebkosungen zu erwehren. Die Pferde hatten inzwischen sorglos wieder zu grasen angefangen.

Einige Minuten nach den Hunden langte ein zweiter Jäger in der Lichtung an. Er war viel jünger als der erstere, vielleicht zweiundzwanzig Jahre alt, von großer, schmächtiger und behender Gestalt, kräftigen Gliedern und klugen grauen Augen. Er trug sich in derselben Weise, wie sein Gefährte, und hatte eine Schnur mit Vögeln über die Schulter hängen, die er neben dem Feuer niederwarf.

Ohne ein Wort zu sprechen, schickten die beiden Jäger sich an, eine von jenen Abendmahlzeiten zu bereiten, die man durch lange Gewohnheit trefflich finden lernt.

Es war nun völlig Nacht geworden und die Wildniß wachte allmälig auf. Bereits vernahm man von der Prairie her das Gebrüll der wilden Thiere.

Nachdem die Jäger ihren Appetit befriedigt hatten, zündeten sie ihre Pfeifen an und kehrten den Rücken dem Feuer zu, damit sein Schimmer sie nicht hindere, die Annäherung von verdächtigen Gästen wahrzunehmen, welche ihnen vielleicht die Dunkelheit zuführte.

»Nun?« fragte der erste Jäger kurz zwischen ein Paar Zügen aus seiner Pfeife.

»Du könntest Recht haben,«, entgegnete der Andere.

»Ah!«

»Ja; wir sind zu weit rechts gekommen und haben deshalb die Fährte verloren.«

»Ich wußte es wohl,« versetzte der Erste. »Du sahst, Belhumeur, daß Du Dich viel zu sehr auf Deine canadischen Gewohnheiten verläßt. Die Indianer, mit denen wir's hier zu thun haben, sind ganz anders, als die Irokesen der nördlichen Jagdgebiete.«

Belhumeur gab ein Zeichen der Zustimmung.

»Uebrigens ist dies im Augenblick von geringem Belang,« nahm der Andere wieder auf. »Zunächst müssen wir erfahren, wer unsere Diebe sind.«

»Ich weiß es.«

»Gut; und welche Spitzbuben haben es gewagt, sich die mit meinem Zeichen versehenen Fallen zuzueignen?«

»Die Comanchen.«

»Das hätte ich nicht geglaubt. Zehn unserer besten Fallen in Einer Nacht fort! So wahr ich lebe, Belhumeur, sie sollen mir sie theuer bezahlen. Und wo sind die Hallunken jetzt?«

»Höchstens drei Stunden vor uns; 's ist eine Diebsbande von etwa zwölf Mann und zieht sich der Richtung nach, die sie einschlägt, gegen ihre Berge zurück.«

»Es sollen nicht alle heimkommen,« bemerkte der erste Jäger mit einem Blick auf seine Büchse.

»Dann kriegen sie nur, was sie verdienen,« sagte Belhumeur lachend. »Ich verlasse mich auf Dich, Treuherz, daß Du sie für ihre Unverschämtheit züchtigst. Aber Du wirst noch begieriger aus Rache sein, wenn Du erfährst, wer an der Spitze des Haufens steht.«

»Ah! Kenne ich ihren Häuptling?«

»Ein wenig,« versetzte Belhumeur lächelnd, »'s ist Nehü nütah.«

»Der Adlerkopf?« rief Treuherz aufspringend. »Ja, den kenne ich, und gebe Gott, daß ich diesmal die alte Rechnung, die zwischen uns aufgelaufen ist, ausgleichen kann. Es ist schon lange genug her, daß seine Mocksen mein Revier durchstreifen und mir den Weg versperren.«

In diesen Worten drückte, sich ein so grimmiger Haß aus, daß Belhumeur dabei schauderte; ärgerlich übrigens, daß er seinem Zorn den Zügel gelassen hatte, nahm der Jäger seine Pfeife wieder auf und rauchte mit einer Unbekümmertheit fort, durch die sich sein Gefährte nicht täuschen ließ.

Die Unterhaltung stockte. Die beiden Männer schienen tief in Gedanken versunken zu sein und bliesen nebeneinander ihre Rauchwolken in die Luft. Endlich wandte sich Belhumeur an seinen Kameraden.

»Soll ich wachen?« fragte er.

»Nein,« entgegnete Treuherz mit gedämpfter Stimme; »ich will für Dich und mich die Schildwache machen.«

Belhumeur legte sich sofort neben dem Feuer nieder und war einige Minuten später eingeschlafen.

Als der Uhu durch seinen Morgenruf die Nähe des Sonnenaufgangs ankündigte, weckte Treuherz, der die ganze Nacht unbeweglich wie eine Bildsäule dagesessen hatte, seinen Gefährten.

»Es ist Zeit,« sagte er.

»Gut,« entgegnete Belhumeur, der sich sogleich erhob.

Die Jäger bestiegen ihre Pferde, ritten vorsichtig die Anhöhe hinab und trafen auf die Fährte der Comanchen. In demselben Augenblick erhob sich die Sonne strahlend am Horizont, zerstreute die Finsternis; und erhellte die Prairie mit ihrem herrlichen belebenden Lichte.

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