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Die Trapper in Arkansas

Gustave Aimard: Die Trapper in Arkansas - Kapitel 5
Quellenangabe
authorGustave Aimard
titleDie Trapper in Arkansas
publisherDie Illustrirte Welt
printrunSiebenter Jahrgang
year1859
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20180825
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IV.
Die Mutter.

Vor dem Thor der Hacienda stand No Eusebio mit zwei gesattelten Pferden.

»Soll ich Euch begleiten, Sennor?« fragte der Mayor Domo.

»Nein,« lautete die trockene Antwort des Hacendero.

Er warf sich in den Sattel und nahm seinen Sohn vor sich.

»Nehmt das zweite Pferd zurück,« sagte er, »ich brauche es nicht.«

Dann drückte er seinem Pferd die Sporen in die Seite, daß es vor Schmerz laut aufwieherte, und jagte von dannen. Traurig und gesenkten Hauptes kehrte der Mayoral in das Haus zurück.

Die Hacienda war hinter einem Hügel verschwunden. Don Ramon hielt jetzt an, zog ein seidenes Taschentuch heraus, verband seinem Sohne die Augen und setzte, ohne ein Wort zu sprechen, seinen Ritt fort. So ging es lange in der Wildniß dahin. Es war eine traurige Reise, die eisig in die Seele schnitt. Lautlos trug das Roß den schwarzen Reiter und den gebundenen Knaben, der nur zuweilen durch ein flüchtiges Schaudern oder ein unterdrücktes Schluchzen ein Lebenszeichen von sich gab, über den sandigen Boden. Der Anblick war so seltsam und erschütternd, daß der Muthigste sich darob entsetzt haben würde.

Stunden verschwanden, ohne daß ein Wort zwischen Vater und Sohn gewechselt worden wäre. Die Sonne näherte sich bereits dem Horizont, und an dem tiefblauen Himmel begannen einige Sterne sichtbar zu werden. Noch immer trabte das Pferd weiter.

Die Wildniß gewann einen immer traurigeren und wilderen Charakter. Jede Spur von Pflanzenwuchs war verschwunden. Nur hin und wieder unterbrachen Haufen von durch die Zeit gebleichten Knochen die dunklere Färbung des Erdreichs. Raubvögel wiegten sich über dem Reiter in der Luft und ließen ihr rauhes Geschrei vernehmen, und aus den geheimnißvollen Schlünden der Chaparals vernahm man das heisere Concert, mit welchem die wilden Thiere den herannahenden Abend begrüßten. In jenen Gegenden weiß man nichts von einer Dämmerung. Mit dem Untergang der Sonne tritt auch die Nacht ein.

Don Ramon ritt noch immer weiter. Endlich um die achte Stunde des Abends machte er Halt. Der fieberische Ritt hatte gegen zehn Stunden gedauert. Das Pferd keuchte und strauchelte bei jedem Schritt. Don Ramon blickte umher und ein zufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen. Nach allen Seiten hin war nichts als die Sandebene der Wüste zu schauen, und nur am fernen Horizont bemerkte man die schattenhaften Umrisse eines Urwaldes, welche der Landschaft einen noch düstereren Ausdruck verliehen.

Don Ramon stieg ab, setzte den Knaben auf den Sand und löste dem Roß den Zügel, damit es das ihm vorgelegte Futter verzehren konnte; dann näherte er sich seinem Sohn und nahm ihm das Tuch von den Augen. Der Knabe blieb unbeweglich liegen und heftete matte, kalte Blicke auf seinen Vater.

»Sennor,« begann Don Ramon in gemessenem Tone, »Ihr seid hier zwanzig Wegstunden von meiner Hacienda entfernt und werdet bei Todesstrafe nie mehr in dieselbe Euren Fuß setzen. Von diesem Augenblick an steht Ihr allein; Ihr habt keinen Vater, keine Mutter, keine Familie mehr. Da Ihr selbst eine wilde Bestie seid, so verurtheile ich Euch, unter den Raubthieren der Wildniß zu leben. Mein Entschluß ist unwiderruflich; Eure Bitten ändern nichts daran – verschont mich damit.«

»Ich bitte nicht,« versetzte der Knabe in dumpfem Tone. »Man fleht nicht zu seinem Henker.«

Ein Schauder überlief Don Ramon. In fieberischer Aufregung schritt er einigemal auf und ab, faßte sich aber bald wieder und fuhr fort:

»In diesem Beutel habt Ihr für zwei Tage Lebensmittel. Ich lasse Euch auch die gezogene Büchse zurück, die in meiner Hand ihr Ziel nie verfehlt hat, ebenso diese Pistolen, diesen Säbel, dieses Messer und dazu noch Kugeln und Pulver. In dem Proviantbeutel findet Ihr einen Stahl und Alles, was zum Anmachen von Feuer nöthig ist; auch das Evangelienbuch Eurer Mutter habe ich beigelegt. Ihr seid todt für die Gesellschaft, in die Ihr nicht mehr zurückkehren dürft. Ihr seht hier die Wüste; sie gehört Euch. Ich habe keinen Sohn mehr. Lebt wohl. Der Herr erweise Euch Barmherzigkeit Zwischen uns ist auf Erden alles aus. Ihr bleibt allein und ohne Familie; an Euch ist's jetzt, ein neues Leben zu beginnen und selbst für Eure Bedürfnisse zu sorgen. Die Vorsehung verläßt diejenigen nie, die ihr vertrauen; fortan wird sie allein über Euch wachen.«

Nachdem der harte Mann so gesprochen, legte er seinem Pferd wieder den Zügel ein, löste die Bande seines Sohnes, stieg in den Sattel und galoppirte von hinnen.

Raphael erhob sich auf die Knie, neigte das Haupt vorwärts, hörte ängstlich auf den dumpfen Hufschlag im Sande und folgte, so lang sich im Mondscheine noch etwas unterscheiden ließ, mit den Augen den dunkeln Umrissen des Reiters. Nachdem die letzteren sich im Schatten der Nacht vermischt hatten, drückte der Knabe die Hand auf seine Brust und ein Ausdruck von Verzweiflung lagerte sich auf seinen Zügen.

»Meine Mutter! meine Mutter!« rief er. Dann sank er auf den Sand zurück. Er war ohnmächtig.

Nachdem Don Ramon seinen Galopp eine geraume Weile fortgesetzt hatte, ließ er allmälig und fast unwillkürlich sein Thier langsamer gehen und lauschte beklommen auf die unbestimmten Geräusche in der Wildniß: er wußte sich für sein Bangen wohl keinen Grund anzugeben; möglich aber, daß er einen Hülferuf des unglücklichen Sohnes zu hören erwartete, der ihn zu sich zurückrief. Seine Hand griff sogar ein paarmal mechanisch in die Zügelriemen, als gehorche sie einer geheimen Stimme, die zur Umkehr mahne; aber der trotzige Stolz seines Geschlechtes behielt die Oberhand, und er ritt weiter.

Die Sonne ging eben auf, als Don Ramon die Hacienda erreichte. Vor dem Thore harrten zwei Personen seiner Rückkehr – Donna Jesusita und der Mayor Domo.

Bei dem Anblick des bleichen, stummen Weibes, das wie eine Bildsäule der Verlassenheit vor ihm stand, fühlte der Hacendero sein Herz von einer unbeschreiblichen Trauer beengt.

Er wollte an den Beiden vorbeireiten. Donna Jesusita trat ihm einige Schritte entgegen und faßte den Zaum des Pferdes.

»Don Ramon,« rief sie in ihrer Herzensangst, »was habt Ihr mit meinem Sohn angefangen?«

Der Hacendero gab keine Erwiederung. Als er den Schmerz seiner Gattin sah, preßten Gewissensbisse ihm das Herz in der Brust zusammen, und er fragte sich, ob er zu seinem Handeln wirklich berechtigt gewesen. Donna Jesusita wartete vergeblich auf Antwort.

Don Ramon betrachtete seine Gattin; er wurde besorgt, als er die unzerstörlichen Furchen bemerkte, welche der Schmerz diesem noch vor wenigen Stunden so ruhigen und gelassenen Antlitz eingegraben hatte. Die edle Frau war leichenblaß, ihre Augen, die tief in den dunklen Höhlen lagen, brannten von einer fieberischen Gluth, und große Flecken, Spuren der Thränen, welche jetzt versiegt waren, färbten ihre Wangen. Sie konnte nicht mehr weinen. Ihre Stimme war heiser und gedämpft, und aus der gepreßten Brust hob sich der Athem nur in ächzenden Lauten.

Nachdem sie eine Weile vergeblich auf Antwort geharrt hatte, wiederholte sie die Frage:

»Don Ramon, was habt Ihr mit meinem Sohn angefangen?«

Der Hacendero wandte verlegen das Gesicht ab.

»Ha, Ihr habt ihn getödtet!« rief die Mutter in herzzerreißendem Tone.

»Nein,« erwiederte er, durch ihren Schmerz beängstigt und zum erstenmal in seinem Leben genöthigt, die Gewalt einer Mutter anzuerkennen, die Rechenschaft fordert für ihr Kind.

»Was habt Ihr mit ihm gethan?« entgegnete sie, auf ihrer Frage beharrend.

»Später, wenn Ihr ruhiger seid,« erwiederte er, »sollt Ihr Alles erfahren.«

»Ich bin ruhig,« sagte sie. »Warum heuchelt Ihr ein Mitleid, das Ihr nicht fühlt? Mein Sohn ist todt, und Ihr seid sein Mörder.«

Don Ramon stieg vom Pferde.

»Jesusita,« sagte er, indem er die Hände seiner Gattin ergriff und sie mit Innigkeit anblickte, »ich schwöre es Euch bei Allem, was heilig ist, daß Euer Sohn lebt. Ich habe kein Haar seines Hauptes angetastet.«

Die arme Mutter blieb eine Weile gedankenvoll stehen.

»Ich glaube Euch,« sagte sie; »aber was ist aus ihm geworden?«

»Wohlan,« versetzte er mit Stocken, »wenn Ihr doch Alles wissen wollt, so vernehmet, daß ich Euren Sohn in der Wüste zurückließ; ich versah ihn noch vorher mit den Mitteln, selbst für seine Sicherheit und seine Bedürfnisse zu sorgen.«

Ein kalter Schauder schüttelte den Körper der Mutter.

»Ihr seid sehr gnädig gewesen,« sagte sie mit unsicherer Stimme und bitterer Ironie – »sehr gnädig gegen ein Kind von sechzehn Jahren. Don Ramon, es empörte Euch, Eure Hände in sein Blut zu tauchen; deßhalb zogt Ihr es vor, dieses Geschäft den wilden Thieren und Indianern, welche diese Wüste bevölkern, zu überlassen.«

»Er war schuldig,« entgegnete der Hacendero in gedämpftem, aber festem Tone.

»Wohlan, Don Ramon,« rief sie mit Feuer, »Ihr habt Euren Sohn verurtheilt; ich werde ihn retten!«

»Was«fällt Euch ein?« entgegnete der Hacendero erschrocken ob der Willensfestigkeit, die er aus den Augen seiner Gattin blitzen sah.

»Kümmert Euch nicht darum, Don Ramon,« antwortete sie. »Ich werde meine Pflicht erfüllen, wie Ihr der Eurigen nachkommen zu müssen glaubtet. Gott wird richten zwischen uns. Zittert, daß er nicht eines Tages das Blut Eures Sohnes von Euch fordere!«

Don Ramon beugte das Haupt unter diesem Fluch. Bleichen Antlitzes und die Brust von Gewissensbissen durchwühlt, begab er sich langsam in die Hacienda. Donna Jesusita folgte ihm eine Weile mit den Augen.

»O mein Gott!« rief sie, »gib, daß ich noch zu rechter Zeit komme.«

Unter einer Baumgruppe verborgen standen zwei gesattelte Pferde bereit. Donna Jesusita bestieg das eine.

»Wohin gehen wir, Sennora?« fragte der Mayor Domo.

»Ich suche meinen Sohn,« entgegnete sie mit klarer Stimme.

Die Hoffnung schien sie völlig umgewandelt zu haben. Ein lebhaftes Roth färbte ihre Wangen, und ihre schwarzen Augen schossen Blitze.

No Eusebio ließ vier prächtige Leithunde los, die in jenen Gegenden unter dem Namen Ractreros bekannt sind und zu Verfolgung einer Fährte benützt werden. Nachdem er ihnen durch ein Hemd, das Raphael getragen, die Witterung gegeben hatte, machten sie sich unter lautem Gebell auf den Weg. Einen Blick voll Hoffnung austauschend, folgten ihnen die Donna und No Eusebio. Es wurde den Hunden nicht schwer, die Spur aufzufinden, da sie gerade verlief und durch keinen Aufenthalt unterbrochen worden war.

Als Donna Jesusita die Stelle erreichte, wo der Vater den Knaben verlassen hatte, war die frühere Anwesenheit Raphaels nur noch an den zurückgebliebenen Spuren zu erkennen, unter denen ein ersterbendes Feuer und andere Anzeichen, darauf hindeuteten, daß er kaum eine Stunde den Ort verlassen haben konnte.

»Was thun?« fragte No Eusebio beklommen.

»Wir gehen vorwärts,« lautete die entschlossene Antwort der Donna, welche ihrem Pferd die Sporen in die Seite drückte, daß es vor Schmerz laut aufwieherte und wieder wüthend zu rennen begann. No Eusebio folgte ihr.

Am Abend desselben Tages herrschte in der Hacienda del Milagro die größte Bestürzung. Donna Jesusita und No Eusebio waren nicht zurückgekehrt. Don Ramon ließ alle seine Diener aufsitzen, und, mit Fackeln versehen, begannen die Peones und Vaqueros eine großartige Streife nach ihrer Gebieterin und dem Mayor Domo. Die Nacht entschwand, ohne zu einem befriedigenden Resultat zu führen.

Mit Tagesanbruch aber fanden sie das Pferd der Donna Jesusita halb verzehrt in der Wüste. Das Geschirr fehlte. Um den Roßkörper her schien der Boden der Schauplatz eines grimmigen Kampfes gewesen zu sein. Verzweifelnd ertheilte Don Ramon Befehl zur Rückkehr.

»Mein Gott« rief er, als er wieder in der Hacienda anlangte, »beginnt jetzt schon meine Züchtigung?«

Wochen, Monate und Jahre verschwanden, ohne daß etwas vorfiel, um den über dieses unglückliche Ereigniß gebreiteten Schleier zu lüften. Trotz der eifrigsten Nachforschungen konnte man nichts über das Schicksal Raphaels, seiner Mutter und No Eusebio's erfahren.

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