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Die Trapper in Arkansas

Gustave Aimard: Die Trapper in Arkansas - Kapitel 34
Quellenangabe
authorGustave Aimard
titleDie Trapper in Arkansas
publisherDie Illustrirte Welt
printrunSiebenter Jahrgang
year1859
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20180825
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XIII.
Das Gesetz der Prairieen.

Vor dem Eingang der von Treuherz bewohnten Höhle war ein ansehnlicher Platz abgeräumt worden; man hatte die Bäume geschlagen und gegen zweihundert Hütten errichtet, welche nun dem Comanchenstamm als Lager dienten. Trapper, Jäger und Rothhäute trieben sich hier in schönster Eintracht um. Mitten in diesem rasch entstandenen Dorfe, dessen verschiedenfarbig angestrichene Büffelhautzelte in regelmäßigen Linien errichtet waren, befand sich ein größeres, über dem an langen Stangen Scalpe flatterten und in dessen Innerem stets ein Feuer brannte. Dies war die Berathungshütte.

Im Dorf ging es äußerst lebhaft zu. Die Indianer prunkten in kriegerischem Farben- und Waffenschmuck, als ob sie sich zu einem Kampfe vorbereiteten. Auch die Jäger hatten ihre besten Kleider angelegt und ihre Gewehre auf's Sorgfältigste geputzt, wahrscheinlich weil sie derselben bald benöthigt zu sein glaubten. Unter der Obhut von zwanzig Kriegern standen die an den Hinterbeinen gefesselten Pferde, welche man vollkommen gesattelt und zum sofortigen Gebrauch fertig gemacht hatte. Rothhäute und Jäger gingen geschäftig und. gedankenvoll ab und zu, während, gegen den Indianerbrauch, an verschiedenen Orten eine Anzahl von Schildwachen ausgestellt war, um die etwaige Annäherung von Fremden sogleich zu melden. Kurz, alles ließ vermuthen, daß sich irgend eine eigenthümliche Prairiescene vorbereite.

Aber seltsamer Weise waren weder Treuherz noch Adlerkopf noch der schwarze Elch, anwesend; blos Belhumeur überwachte die Zurüstungen und unterhielt sich dabei mit dem alten Comanchenhäuptling, der Sonne. Die Gesichter der beiden Männer waren ernst und ihre Stirnen gedankenvoll An dem heutigen Tag sollte nämlich Donna Luz dem Räuberhauptmann ausgeliefert werden.

Es war gegen acht Uhr Morgens. Klar und blendend beleuchtete die Sonne das von uns geschilderte Gemälde. Donna Luz kam, auf den Arm von Treuherzens Mutter gestützt, aus der Höhle hervor; Eusebio folgte. Die beiden Frauen waren blaß und traurig und ihre Augen vom Weinen geröthet.

Als Belhumeur ihrer ansichtig wurde, ging er grüßend auf sie zu.

»Ist mein Sohn noch nicht zurück?« fragte die alte Dame unruhig.

»Nein,« antwortete der Jäger; »aber er wird sicherlich nicht lange säumen.«

»Ach Gott, eine geheime Ahnung sagt mir, daß irgend ein unglückliches Ereigniß ihn fern von uns hält.«

»Davon müßte ich auch wissen, Sennora. Als ich ihn heute Nacht verließ, um Euch zu beruhigen und seine mir ertheilten Weisungen ausführen zu lassen, befand er sich in einer vortrefflichen Stellung.

»Ihr müßt daher den Muth nicht sinken lassen.«

»Ach,« seufzte die arme Frau, »seit zwanzig Jahren lebe ich in steter Angst, und jeden Abend muß ich fürchten, meinen Sohn am Morgen nicht wieder zu sehen. Gott! hast du denn kein Erbarmen mit mir?«

»Beruhigt Euch, Sennora,« sagte Donna Luz, zärtlich ihren Arm um sie schmiegend. »Oh, ich fühle es ja, wenn Treuherz jetzt in Gefahr schwebt, so hat er sich ihr um meines Onkels willen unterzogen. O Gott, gib ihm Glück und Gedeihen!«

»Die Sache wird sich bald aufklären. Verlaßt euch nur auf mich, meine Damen, ihr wißt, daß ich euch nicht täusche.«

»Ja,« sagte die alte Frau, »Ihr seid treu und liebt meinen Sohn. Ihr wäret nicht hier, wenn etwas zu befürchten stände.«

»Ich danke für Eure gute Meinung, Sennora. Zwar kann ich Euch für den Augenblick nichts sagen; doch bitte ich, habt noch eine kurze Geduld. Vorderhand genüge es Euch zu wissen, daß er fort ist, um die Sennorita glücklich zu machen.«

»Oh ja,« entgegnete die Mutter, »er ist immer gut, immer voll Aufopferung.«

»Darum heißt er auch Treuherz,« flüsterte das Mädchen.

»Und nie ist ein Name besser verdient worden, Sennorita,« sagte der Trapper mit Entschiedenheit. »Man muß so lang mit ihm gelebt haben wie ich, um ihn recht würdigen zu könne«

»Nun ist die Reihe an mir, Euch für die gute Meinung zu danken, die Ihr von meinem Sohne habt, Belhumeur,« entgegnete die alte Dame, dem Jäger die schwielige Hand drückend.

»Ich habe nur die Wahrheit gesprochen, Sennora. Es würde in der Prairie viel besser aussehen, wenn alle Jäger ihm gleich wären.«

»Ach Gott, die Zeit enteilt. Kommt er denn immer noch nicht?« murmelte sie, mit fieberischer Ungeduld umhersehend.

»Bald, Sennora.«

»Ich möchte die Erste sein, die ihn sieht und begrüßt.«

»Das geht leider nicht an.«

»Warum nicht?«

»Euer Sohn hat mich beauftragt, Euch und die Sennorita zu bitten, Ihr möchtet in die Höhle zurückgehen Er wünscht nicht, daß Ihr Zeugen der Scene seid, die hier vorgehen wird.«

»Aber wie erfahre ich, ob mein Onkel gerettet ist?« fragte Donna Luz ängstlich.

»Man wird Euch nicht lange in Ungewißheit lassen, Sennorita. Aber jetzt muß ich bitten, daß Ihr nicht mehr länger hier bleibt.«

»Gehorchen wir, mein Kind,« sagte die alte Dame, »wir wollen hinein gehen, da mein Sohn es wünscht.«

Donna Luz folgte ihr bereitwillig, warf aber noch verstohlene Blicke zurück, ob sie den nicht kommen sähe, den sie liebte.

»Wie glücklich ist der Mensch, der eine Mutter hat,« murmelte Belhumeur mit einem erstickten Seufzer, während er den beiden Frauen nachschaute, die im Schatten der Höhle verschwanden.

Plötzlich stießen die indianischen Schildwachen einen Ruf aus; ein Mann, der vor der Berathungshütte stand, wiederholte ihn. Auf dieses Zeichen erhoben sich die Häuptlinge der Comanchen und traten aus der Hütte hervor. Die Jäger und Indianerkrieger griffen zu ihren Waffen und stellten sich erwartungsvoll rechts und links vor dem Höhleneingang auf.

Eine Staubwolke wälzte sich schnell gegen das Lager her, und bald bemerkte man einen Trupp Reiter, die mit verhängten Zügeln einhersprengten; sie trugen meist die Tracht der mexikanischen Gambusinos. An ihrer Spitze ritt auf einem prächtigen rabenschwarzen Pferde ein Mann, in welchem Alle sogleich den Räuberführer Waktehno erkannten. Er war keck mit seiner Mannschaft erschienen, um die Vollziehung des abscheulichen Handels zu fordern, den er vor drei Tagen beantragt hatte.

Wenn in den Prairieen ein paar Reiterhaufen sich begegnen oder die Krieger und Jäger ein Dorfbesuchen, so ist es Brauch, daß man unter lautem Anruf auf einander zugaloppirt und die Gewehre abfeuert. Diesmal war von keinem solchen Gruß die Rede. Comanchen und Jäger blieben still und finster, und rührten sich bei der Ankunft der Räuber nicht von der Stelle.

Dieser kalte und trockene Empfang befremdete den Hauptmann nicht, er runzelte zwar ein wenig die Stirne, that aber doch, als achte er nicht darauf und ritt unerschrocken an der Spitze von zwanzig Mann in's Dorf.

Als sie vor der Berathungshütte anlangten, vor welcher die Häuptlinge standen, machten sie plötzlich Halt und schienen auf einmal in eherne Statuen umgewandelt zu sein. Dieses kühne Manöver wurde mit so großer Gewandtheit ausgeführt, daß die Jäger, die sich auf's Reiten gut verstanden, einen Ausruf der Bewunderung nicht unterdrücken konnten.

Kaum hatten die Räuber Halt gemacht, als die Reihen der rechts und links von der Berathungshütte stehenden Jäger und Krieger fächerartig auseinander wichen und sich hinter den Fremden wieder schlossen. Auch diese Bewegung ward mit großer Geschicklichkeit ausgeführt, und die Räuber befanden sich jetzt mitten in einem von mehr als fünfhundert gut bewaffneten Kriegern gebildeten Kreis.

Bei diesem Manöver überrieselte den Hauptmann eine Unruhe, und es reute ihn schier, hergekommen zu sein; doch unterdrückte er sogleich diese unwillkürliche Bewegung und lächelte verächtlich, da er sich für vollkommen gesichert hielt.

Nach einer leichten Begrüßung gegen die Indianerhäuptlinge wandte er sich an Belhumeur und fragte mit fester Stimme:

»Wo ist das Mädchen?«

»Ich weiß nicht, was Ihr mit dieser Frage wollt,« versetzte der Jäger spöttisch. »Hier gibt es, so viel ich weiß, kein Mädchen, über das Euch irgend ein Recht zustünde.«

»Was soll das heißen und was geht hier vor?« murmelte der Hauptmann, einen trotzigen Blick um sich werfend. »Hat Treuherz den Besuch vergessen, den ich ihm vor drei Tagen gemacht habe?«

»Treuherz vergißt nie etwas,« entgegnete Belhumeur mit fester Stimme: »doch darum handelt sich's jetzt nicht. In den zehn Jahren, während welcher Ihr an der Spitze eines gesetzlosen Raubgesindels steht, seid Ihr der Schrecken der Prairieen geworden, indem Ihr gegen Weiße und Rothhäute mit Raub und Mord zu Feld zieht. Ihr gehört keinem Lande an und würgt ohne Unterschied Reisende, Trapper, Jäger, Gambusinos oder Indianer, wenn Euch die Blutthat nur etwas Gold einbringt. Erst vor einigen Tagen habt Ihr das Lager friedlicher mexikanischer Reisenden überfallen und sie erbarmungslos hingeschlachtet. Diese verbrecherische Laufbahn muß einmal enden, und jetzt ist ihr das Ziel gesteckt. Wir alle, Indianer sowohl als Jäger, haben uns vereinigt, Gericht über Euch zu halten und das unerbittliche Gesetz der Prairieen auf Euch anzuwenden.«

»Auge um Auge, Zahn um Zahn!« riefen die Umstehenden, ihre Waffen schwenkend.

»Ihr seid sehr im Irrthum, Sennores,« versetzte der Räuber zuversichtlich, »wenn ihr glaubt, ich biete gutwillig meinen Hals dem Messer dar, wie ein Schaf, das man zur Schlachtbank führt; dann aber, weil ich nicht traute, habe ich Begleitung mitgebracht. Ihr seht hier zwanzig entschlossene Männer, die sich zu vertheidigen wissen. Wollt ihr uns noch halten?«

»Schaut um Euch und seht selbst, was Ihr thun könnt.«

Der Räuber blickte zurück. Fünfhundert Gewehre zielten auf seine Bande. Es überlief ihn kalt, und eine Leichenblässe bedeckte sein Gesicht. Der Räuber begriff, daß er sich in einer schrecklichen Gefahr befand. Doch faßte er sich bald wieder und fuhr mit scherzender Stimme gegen den Jäger fort:

»Was sollen diese Drohungen, die mich doch nicht schrecken können? Ihr wißt wohl, daß ich gegen eure Kugeln geschützt bin. Wie Ihr selbst sagtet, habe ich vor einigen Tagen mexikanische Reisende angegriffen. Ihr müßt deßhalb auch wissen, daß der wichtigste von den Reisenden in meine Gewalt gefallen ist. Wagt es, nur ein Haar meines Hauptes anzutasten, und der General, der Onkel des Mädchens, das ihr vergeblich meinen Händen zu entreißen sucht, hat alsbald mit seinem Leben den Schimpf zu bezahlen, der mir angethan wird.Versucht daher nicht länger, mich einzuschüchtern, sondern gebt mir gutwillig Diejenige heraus, um deren willen ich gekommen bin, oder ich schwöre euch, daß in einer Stunde der General aufgehört hat zu leben !«

Plötzlich drängte sich ein Mensch durch die Menge und trat mit den Worten vor den Banditenführer hin:

»Ihr täuscht Euch; der General ist frei.«

Der Sprecher war Treuherz.

Ein Jubel lief durch die Reihen der Jäger und Indianer, während die Räuber von Schrecken gefesselt standen.

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