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Die Trapper in Arkansas

Gustave Aimard: Die Trapper in Arkansas - Kapitel 33
Quellenangabe
authorGustave Aimard
titleDie Trapper in Arkansas
publisherDie Illustrirte Welt
printrunSiebenter Jahrgang
year1859
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20180825
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XII.
Kriegslist.

Nach dem befremdlichen Ansinnen, welches der Räuberhauptmann gestellt hatte, beeilte er sich, in seine Höhle zurückzukommen. Er war jedoch zu sehr an das Leben in der Prairie gewöhnt, um nicht zu wissen, daß seiner Spur alsbald mehrere von den Feinden folgen würden, und bot daher alle seine List auf, um sie irre zu führen, indem er zahllose Umwege machte, und stets wieder in seine eigenen Fußstapfen zurückkam, so daß er nach dem alten Sprachgebrauch wohl zehn Schritte machte, bis er um einen einzigen vorwärts kam. Dadurch war natürlich sein Marsch sehr verzögert worden.

Als er die Ufer des Flusses erreichte, der mit seinen Wellen den Höhleneingang bespülte, blickte er noch einmal um sich her, um sich zu überzeugen, daß kein vorwitziges Auge seine Bewegungen bewache. Alles war ruhig und nirgends etwas Verdächtiges zu bemerken.

Er schickte sich eben an, den im Gesträuch versteckten Floß auf's Wasser hinunterzuschieben, als ein leichtes Geräusch im Gebüsch seine Aufmerksamkeit fesselte. Der Räuber fuhr zusammen, riß hastig ein Pistol aus dem Gürtel und ging entschlossen auf die Stelle zu, von welcher das Geräusch herkam. Da sah er denn einen gegen die Erde gebückten Menschen, der damit beschäftigt war, Pflanzen auszugraben.

Lächelnd steckte er das Pistol wieder bei; er hatte den Doctor erkannt, der seiner Lieblingsbeschäftigung oblag und in seinem Eifer für nichts Anderes ein Auge hatte. Nachdem der Räuber den Gelehrten eine Weile mit verächtlichen Blicken gemessen hatte, wollte er ihm schon den Rücken zuwenden; aber es kam ihm ein anderer Gedanke. Er ging auf den Doctor zu und schlug ihn derb mit der Hand auf die Schulter – eine Behandlung, welche den armen Gelehrten bewog, vor Schrecken Pflanzen und Spaten fallen zu lassen.

»Heda, mein Wackerer,« redete ihn der Räuber an, »kommt mit mir, ich brauche Euch.«

»Was wollt Ihr von mir?« fragte er. »Seid Ihr krank?«

»Gott sei Dank, ich nicht, aber einer von Euren Freunden, der sich in meiner Gefangenschaft befindet. Ihr werdet mir folgen. Keine Weigerung,« fügte er bei, als der Doctor sich entschuldigen wollte, »oder ich schieße Euch vor den Kopf. Ihr habt keine Gefahr zu besorgen; meine Leute werden Euch die Achtung erweisen, welche der Wissenschaft gebührt.«

Da hier ein Widerstand nutzlos war, so fügte sich der gute Doctor wohl oder übel in das Ansinnen; ja er that es jetzt sogar mit aller Bereitwilligkeit, und es glitt ihm dabei für einen Moment ein Lächeln über die Lippen, das den Räuber nachdenklich gemacht haben dürfte, wenn er es hätte bemerken können. Der Hauptmann ließ den Doctor vorausgehen.

In dem Augenblick, als sie nach dem Fluß hinunter stiegen, bogen sich die Zweige eines Strauches sachte auseinander, ein geschorener Kopf mit einer Wirbellocke, die mit einer Feder verziert war, kam zum Vorschein: ihm folgte ein Rumpf und dann ein ganzer Körper, welcher geduckt wie ein Jaguar den Beiden nachschlich.

Der lauernde Indianer war Adlerkopf. Er sah stumm zu; wie die beiden Weißen den Floß bestiegen und dann in die Höhle hineingingen, worauf auch er im Dickicht verschwand und dabei nur das Wort »Och« vor sich hin sprach, das in der Sprache der Comanchen »gut« bedeutet –und eine Kundgebung der größten Freude ist.

Der Doctor hatte einfach als Köder gedient, um den Räuber in die Schlinge zu locken, welche ihm von dem Indianerhäuptling gelegt worden war. Aber stand denn der würdige Gelehrte im Einvernehmen mit Adlerkopf? Wir werden dies bald sehen.

Am andern Morgen mit Tagesanbruch ließ der Räuber die Umgebung der Höhle untersuchen. Es fand sich keine Spur vor. Der Hauptmann rieb sich die Hände; sein Ausflug war ihm zweifach geglückt, weil es ihm gelungen, unbemerkt in die Höhle zurückzukommen. In der Ueberzeugung, daß er nichts mehr zu fürchten habe, wollte er nicht mehr so viele Menschen unthätig um sich behalten. Er stellte provisorisch seine Bande unter den Befehl Franks, eines alten ausgedienten Banditen, in welchen er volles Vertrauen setzte, und entließ sie, indem er nur zehn zuverlässige Männer anwies, in der Höhle zu bleiben.

Denn so interessant sich auch die Angelegenheit zu machen versprach und so sicher der Erfolg zu sein schien, wollte er doch darob seine übrigen Geschäfte nicht vernachlässigen und zwanzig Bursche müßig ernähren, die, wenn sie nicht stets im Geschirr erhalten wurden, vielleicht gar Schlimmes gegen ihn selbst ausheckten. Man sieht daraus, daß der Hauptmann nicht nur ein kluger Mann war, sondern auch seine ehrenwerthe Genossenschaft aus dem Grunde kannte.

Nachdem die Räuber die Höhle verlassen hatten, winkte der Hauptmann dem Doctor, führte ihn zu dem General und stellte ihn demselben mit seiner gewöhnlichen ironischen Höflichkeit vor. Eh' er sie allein bei einander ließ, zog er ein Pistol aus dem Gürtel, hielt es dem Gelehrten auf die Brust und sagte:

»Wenn es bei Euch schon nicht richtig unter dem Hute ist, könnte Euch doch ein Gelüste anwandeln, mich zu verrathen. Merkt Euch daher meine Worte: bei dem ersten zweideutigen Schritt, den Ihr Euch erlaubt, knallt Euch dieses Pistol vor den Kopf. Ihr wißt, wie Ihr daran seid, und mögt jetzt handeln, wie es Euch gut dünkt.«

Dann steckte er das Pistol wieder ein und entfernte sich mit spöttischem Lachen.

Während der Doctor diese Ermahnung anhörte, glitt über seine Lippen unwillkürlich ein schelmisches Lächeln, das zum Glück von dem Hauptmann nicht bemerkt wurde.

Das Gefängniß des Generals und des Negers war von dem Höhleneingang ziemlich entfernt. Die Gefangenen befanden sich allein, da der Hauptmann ihre Beaufsichtigung für unnöthig hielt. Sie saßen mit gesenktem Haupt und gekreuzten Armen in tiefem Nachdenken auf ihrer Laubstreu.

Beim Anblick des Arztes erhellte ein flüchtiges Lächeln der Hoffnung das finstere Gesicht des Generals.

»Ihr auch da, Doctor?« sagte er, ihm die Hand bietend. »Soll ich mich freuen, oder muß ich trauern über Eure Anwesenheit?«

»Sind wir allein?« entgegnete der Arzt.

»Ich glaube,«versetzte der General. »Jedenfalls werden wir uns leicht davon überzeugen können.«

Der Doctor sah sich bedächtig in allen Winkeln um und kehrte dann wieder zu den Gefangenen zurück.

»Jetzt können wir miteinander sprechen,« sagte er.

Der Doctor war in der Regel so zerstreut und in seine wissenschaftlichen Speculationen vertieft, daß die Gefangenen kein sonderliches Vertrauen in ihn setzten.

»Und meine Nichte?« fragte der General unruhig.

»Sie befindet sich unter dem Schutz eines Jägers, Namens Treuherz, der sie mit der höchsten Achtung behandelt.«

Diese Kunde gab dem General allen seinen Muth wieder.

»Oh,« sagte er, »jetzt liegt nichts mehr daran, wenn ich auch gefangen bin. Meine Nichte ist gerettet; mag nun kommen was will.«

»Nein, nein,« versetzte der Doctor, »Ihr müßt im Gegentheil noch vor morgen um jeden Preis zu entwischen suchen.«

»Warum?«

»Eure Wunden scheinen mir nur leicht zu sein; sie sind auf dem Weg der Heilung.«

»So ist es.«

»Glaubt Ihr gehen zu können?«

»Ja.«

»Versteht mich recht; ich meine damit einen starken Marsch.«

»Ich glaube, ja, wenn es durchaus sein müßte.«

»Ei«,« ließ sich jetzt der Neger vernehmen, der bisher still zugehört hatte; »bin ich denn nicht stark genug, meinen Herrn zu tragen, wenn er nicht mehr gehen kann?«

Der General drückte ihm die Hand.

»Richtig,« sagte der Doctor. »So weit wär's gut. Also fort müßt Ihr.«

»Ich wünsche dies selbst auch; aber wie?«

»Ja, das weiß ich selbst noch nicht,« versetzte der Doctor, sich die Stirne reibend. »Doch seid nur ruhig, ich werde schon ein Mittel finden.«

Es ließen sich Tritte vernehmen. Der Hauptmann erschien.

»Nun, wie steht's mit den Kranken?« fragte er.

»Nicht sonderlich gut,« antwortete der Doctor.

»Pah!« versetzte der Hauptmann, »es wird sich schon machen. Ohnehin kömmt der General bald in Freiheit und kann sich dann nach Muße pflegen. Kommt, Doctor; ich hoffe, ich habe Euch lange genug mit Eurem Freund plaudern lassen.«

Der Arzt folgte ihm ohne Widerrede, nachdem er zuvor durch eine Geberde dem General Vorsicht empfohlen hatte.

Der Tag entschwand, ohne daß etwas Besonderes vorfiel. Die Gefangenen sahen mit Ungeduld der Nacht entgegen, denn das zuversichtliche Wesen des Doctors hatte ihnen unwillkürlich Hoffnung eingeflößt.

Gegen Abend kam der würdige Gelehrte wieder; er trat fest auf, sein Gesicht strahlte, und er hatte eine Fackel in der Hand.

»Was bringt Ihr, Doctor?« fragte ihn der General. »Ihr seht so heiter aus.«

»Ich bin es auch,General,« antwortete er lächelnd, »denn ich habe ein Mittel gefunden, Euch zu befreien – natürlich und mich mit.«

»Das Mittel?«

»Ist schon halb ausgeführt.«

»Was wollt Ihr damit sagen?«

»Oh, es ist eine einfache Sache; aber doch würdet Ihr sie nicht errathen. Die Räuber schlafen insgesammt, und wir sind die Herren der Höhle.«

»Wär's möglich! Aber wenn sie erwachen?«

»Seid unbesorgt; erwachen werden sie freilich, aber das steht wohl wenigstens noch sechs Stunden an.«

»Wie wißt Ihr dies?«

»Weil ich ihrem Nachtessen eine Portion Opium beigemischt habe. Sie liegen jetzt da wie Bleiklötze und schnarchen wie Essenblasbälge.«

»Oh, das ist vortrefflich!« rief der General.

»Nicht wahr?« entgegnete der Doctor bescheiden. »Nun, ich habe das Unheil wieder gut machen wollen, das ich durch meine Nachlässigkeit stiftete. Ich bin zwar kein Soldat, sondern nur ein armer Arzt, weiß aber doch bei thunlicher Gelegenheit meine Waffen so gut zu nützen, wie nur irgend einer die seinigen.«

»Hier sind sie hundertmal mehr werth, Doctor, Ihr seid ein vortrefflicher Mensch.«

»Jetzt vorwärts; wir wollen keine Zeit verlieren.«

»Gut. Aber was habt Ihr mit dem Hauptmann gemacht?«

»Weiß der Henker, wo er ist. Nach dem Diner hat er uns verlassen, ohne irgend Jemand etwas zu sagen. Ich ahne übrigens, wohin er ging, und müßte mich sehr täuschen, wenn wir ihn nicht bald wieder zu sehen kriegten.«

»So ist's wohl das Beste, wenn wir nicht länger säumen.«

Sie traten ihren Weg an.

Ungeachtet des von dem Doctor angewendeten Mittels, fühlten sich übrigens der General und der Neger nicht ganz ruhig. In dem Raume, welcher den Räubern als Schlafsaal diente, sahen sie da und dort die Schläfer umherliegen.

Sie gingen weiter und erreichten den Eingang der Höhle, wo sie eben den Floß zur Ueberfahrt über den Fluß losmachen wollten, als sie im Mondschein einen zweiten Floß bemerkten, welcher mit ungefähr fünfzehn Mann langsam gegen sie heranfuhr. Sie konnten also nicht mehr weiter; und wie sich einer so großen Anzahl von Gegnern erwehren?

»Unglückliche Schickung!« murmelte der General verzweifelnd.

»Und der Plan hat mich so viele Mühe gekostet,« jammerte der Doctor.

Die Flüchtlinge zogen sich in eine Felsenvertiefung zurück, um unbemerkt zu bleiben, und sahen mit klopfendem Herzen dem Landen der Ankömmlinge zu, deren Bewegungen ihnen immer verdächtiger wurden.

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