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Die Trapper in Arkansas

Gustave Aimard: Die Trapper in Arkansas - Kapitel 32
Quellenangabe
authorGustave Aimard
titleDie Trapper in Arkansas
publisherDie Illustrirte Welt
printrunSiebenter Jahrgang
year1859
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20180825
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XI.
Die Gefangenen.

Nach dem Einfall der Rothhäute und Jäger in das mexikanische Lager hatten die Räuber dem Befehl ihres Hauptmanns gemäß sich in allen Richtungen zerstreut, um desto leichter den Nachstellungen ihrer Feinde zu entkommen. Der Hauptmann und die vier Banditen, welche die gebundenen und geknebelten Gefangenen trugen, waren unter Gefahr, tausendmal sich die Glieder zu zerschellen oder in einen Abgrund zu stürzen, den Felsenabsturz hinunter gekommen.

Nachdem sie eine Strecke zurückgelegt hatten, machten sie, beruhigt von dem Schweigen rings umher, noch mehr aber von dem Gefühl, über unerhörte Schwierigkeiten weggekommen zu sein, Halt, um Athem zu schöpfen. Tiefe Dunkelheit umhüllte sie; nur weit oben über ihren Häuptern sahen sie, wie das Geflimmer blasser Sterne die Fackeln der Jäger, welche ihnen nachsetzten, aber sich nicht auf den Weg wagten, den sie selbst eingeschlagen hatten.

»Die Sache steht gut,« sagte der Hauptmann »Wir mögen uns jetzt eine kurze Ruhe gönnen, Kameraden, denn für den Augenblick haben wir nichts zu fürchten. Legt eure Gefangenen hierher; zwei von euch werden die Umgegend recognosciren.«

Seinem Befehle wurde Folge gegeben.

Einige Minuten später kamen die beiden Räuber mit der Meldung wieder zurück, daß sie eine Höhle entdeckt hätten, wo sie vorläufig Schutz finden könnten. Der Hauptmann beschloß, dahin seine Zuflucht zu nehmen, und bald hatten sie einige Klafter unter ihrem ersten Haltort eine ziemlich geräumige Grotte erreicht. Der Hauptmann ließ sich zunächst angelegen sein, den Eingang gut mit einer Decke zu verschließen, was um so leichter anging, da derselbe so eng war, daß die Räuber nur gebückt hatten durchkommen können.

»Hier können wir wie zu Hause thun,« sagte der Hauptmann, »und brauchen die Narren nicht zu fürchten.«

Er zog einen Feuerstahl aus der Tasche und zündete eine Holzfackel an, denn er hatte mit der Vorsicht, welche Leute von seinem Gewerbe auch in der bedenklichsten Lage nie verläßt, für Mitführung solcher Behelfe Sorge getragen.

Als die Banditen die Gegenstände unterscheiden konnten, stießen sie ein Freudengeschrei aus: was sie in der Dunkelheit nur für eine Felsnische gehalten hatten, war eine von den natürlichen Höhlen, welche man in jenen Gegenden so häufig antrifft.

»Ha, ha,« lachte der Hauptmann, »wir müssen uns doch ein wenig umsehen, wo wir sind. Bleibt hier und habt auf die Gefangenen Acht, während ich unsere neue Domäne recognoscire.«

Er zündete eine zweite Fackel an und untersuchte die Höhle, welche mittelst einer leichten Senkung in den Berg hinein drang und hohe Scheidewände zeigte, so daß durch sie da und dort eine Art Saal gebildet wurde; auch erhielt sie durch unmerkliche Zerklüftungen Luft von außen, denn das Licht brannte hell und der Hauptmann konnte mit Leichtigkeit athmen. Je weiter dieser in seinen Untersuchungen vorwärts kam, desto frischer wurde die Luft, was ihn auf die Vermuthung führte, daß er sich einem Ausgang nähere. Er war etwa zwanzig Minuten fortgeschritten, als ein Windstoß sein Gesicht traf und seine Fackel fast auslöschte.

»Hm,« murmelte er, »da ist ein Ausgang. Wir müssen klug sein: weg mit dem Licht, denn wer weiß, was uns draußen begegnet?«

Er trat die Fackel mit dem Fuße aus und blieb eine Weile ruhig stehen, um seinen Augen Zeit zu lassen, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. In Beziehung auf das Räuberhandwerk gab es keinen klügern Mann, als Waktehno, und wenn der Plan, den er beim Angriff auf das Lager im Auge hatte, auch nicht geglückt war, so lag der Grund in einem Zusammentreffen von Ereignissen, die er nicht voraussehen konnte. Auch faßte er sich nach dein erlittenen Schlag bald wieder und nahm sich vor, ihn bei erster Gelegenheit heimzugeben.

Das Glück schien ihm übrigens von Neuem zu lächeln, als es ihm in einem Augenblick, da er dessen am meisten benöthigt war, einen fast unentdeckbaren Zufluchtsort zeigte. Er konnte es kaum erwarten, bis seine Augen hinreichend an die Dunkelheit gewöhnt waren, um die Gegenstände unterscheiden zu können; denn er zweifelte nicht, einen Ausgang aufzufinden, welcher ihm eine fast unangreifbare Stellung verlieh. Seine Erwartung wurde nicht getäuscht. Kaum war die durch das Fackellicht veranlaßte Blendung verschwunden, als er in nicht großer Entfernung einen matten Schein bemerkte.

Er ging entschlossen darauf los und erreichte nach einigen Minuten den ersehnten Ausgang. Das Glück hatte sich entschieden auf's Neue für ihn erklärt. Der Ausgang der Höhle stieß an das Ufer eines kleinen Flusses, welcher in der Nähe auf eine Weise unterirdisch verlief, daß die Räuber, wenn sie schwimmen wollten oder einen Floß anfertigten, ein- und ausgehen konnten, ohne Spuren zurückzulassen, also gegen alle Nachforschungen gesichert waren.

Der Hauptmann, der bereits seit zehn Jahren sein einträgliches Gewerbe trieb, kannte die westlichen Prairien zu gut, um sich nicht überall schnell zurecht zu finden. Er machte die Wahrnehmung, daß der Fluß ziemlich weit von dem mexikanischen Lager ablag und mit seinen zahllosen Windungen sich immer weiter von demselben entfernte. Er machte seiner Brust durch einen Seufzer der Beruhigung Lust, und nachdem er sich wohl umgesehen und die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß er über seine Lage unbesorgt sein dürfe, zündete er seine Fackel wieder an, um zurückzukehren.

Seine Kameraden lagen mit Ausnahme eines Einzigen, der bei den Gefangenen Wache hielt, in tiefem Schlaf. Der Hauptmann weckte sie.

»Auf« rief er ihnen zu. »Es ist jetzt keine Zeit zum Schlafen;wir haben etwas Anderes zu thun.«

Die Räuber erhoben sich träg, rieben die Augen aus und gähnten, daß sie sich fast die Kinnlade verrenkten. Der Hauptmann hieß sie zuvörderst den ersten Eingang der Höhle fest vermachen und befahl ihnen sodann, ihm mit den Gefangenen zu folgen, denen er, damit sie selbst gehen konnten, die Füße entfesseln ließ. In einer der zahlreichen saalartigen Abdachungen, welche der Hauptmann auf seinem Wege gefunden, mußte ein Hüter mit den Gefangenen zurückbleiben, während Waktehno mit drei anderen Räubern tiefer in die Höhle hineinging.

»Ihr seht,« sagte er, indem er ihnen den Ausgang zeigte, »zu was das Unglück gut sein kann; denn der Zufall hat uns in ein Versteck geführt, wo uns Niemand suchen wird. Du, Frank, gehst sogleich nach dem Sammelplatz, den ich den Andern bezeichnet habe und führst sie mit denen, welche bei der letzten Unternehmung nicht betheiligt waren, hierher. Du, Antonio, sorgst uns für Lebensmittel. Ich brauche euch nicht zu sagen, daß ich eurer Rückkehr mit Ungeduld entgegensehe.«

Die beiden Banditen stürzten sich in den Fluß und verschwanden. Gegen die Zurückgebliebenen fuhr der Hauptmann fort:

»Wir wollen jetzt Holz zum Feuer und Laub zum Lager sammeln. Hurtig! an's Werk!«

Eine Stunde später prasselte ein lustiges Feuer in der Höhle und die Räuber lagen auf trockener Streu in tiefem Schlafe.

Mit Sonnenaufgang traf der Rest der Bande ein, der noch dreißig Mann zählte. Dem würdigen Hauptmann schwoll das Herz vor Freude bei dem Anblick des schönen Spitzbubenhaufens, der ihm noch zur Verfügung stand; denn an seiner Spitze verzweifelte er nicht, seine Angelegenheiten wieder zu ordnen und bald eine glänzende Wiedervergeltung zu üben.

Nach einem reichlichen, aus Wildpret bestehenden und mit Mezcal angefeuchteten Frühstück gedachte endlich der Hauptmann seiner Gefangenen; er begab sich nach dem Raum zurück, der ihnen als Verwahrungsplatz diente.

Der General hatte, seit er in die Hände der Räuber gefallen war, kein Wort gesprochen und ließ sich geduldig die harte Behandlung gefallen, die ihm zu Theil wurde. Seine Wunden hatten sich in Folge der gänzlichen Vernachlässigung sehr verschlimmert und bereiteten ihm viel Schmerz, aber kein Klagelaut kam über seine Lippen. Seit seiner Gefangenschaft nagte ein tiefer Kummer an seinem Herzen, denn er sah den Plan, um dessen Willen er in die Prairie gezogen war, vereitelt, ohne daß er hoffen konnte, ihn jetzt zur Ausführung zu bringen. Alle seine Begleiter waren todt, und er wußte nicht, welches Schicksal ihm selbst bevorstand. Nur ein Trost blieb ihm, die Gewißheit nämlich, daß es seiner Nichte gelungen war zu entkommen.

Der Hauptmann erschrack über den Zustand, in welchem er den Gefangenen fand.

»Muth, General,« sagte er zu ihm. »Zum Henker, das Glück wechselt; ich kann auch ein Geschichtchen davon erzählen. Carai! Man muß nicht verzweifeln, denn Niemand weiß, was die nächste Stunde bringt. Gebt mir Euer Ehrenwort, keinen Fluchtversuch zu machen, und es sollen Euch sogleich Eure Bande abgenommen werden.«

»Ich kann Euch dies nicht versprechen,« entgegnete der General mit Festigkeit, »ohne einen Meineid zu begehen; ich schwöre Euch im Gegentheil, zu Bewerkstelligung meines Entkommens kein Mittel unversucht zu lassen.«

»Das ist brav gesprochen,« versetzte der Räuber lachend, »und an Eurer Stelle würde ich ebenso geantwortet haben; nur glaube ich, daß es Euch im gegenwärtigen Augenblick mit dem besten Willen unmöglich sein wird, irgend einen Schritt zu thun. Gleichwohl bin ich, was Ihr auch dagegen vorbringen möget, willens, Euch und Euern Diener in Freiheit zu setzen, – wohlgemerkt, ich meine damit nur Eure Glieder – und Ihr möget dann thun, was Ihr könnt.«

Er zerhieb mit seinem Säbel die Bande an den Armen des Generals und leistete sodann dem Neger Jupiter den gleichen Dienst. Letzterer konnte sich kaum wieder frei bewegen, als er zu springen und zu lachen begann und dabei ein paar furchtbare Reihen blendend weißer Zähne zeigte.

»Bist Du toll, Schwarzer?« rief ihm der Räuber zu. »Ruhig jetzt, wenn Du nicht eine Kugel in Deinem Hirnkasten haben willst.«

Dann wandte er sich wieder zu dem General, wusch dessen Wunden mit frischem Wasser und verband sie sorgfältig. Nachdem er die Gefangenen noch weiter mit Lebensmitteln versehen hatte, denen übrigens nur der Neger zusprach, entfernte er sich.

Gegen Mittag berief er die Angesehensten der Bande zusammen.

»Caballeros,« redete er sie an, »wir können nicht leugnen, daß die erste Partie des Spiels verloren ging. Die Gefangenen, die wir gemacht haben, ersetzen uns die Kosten lang nicht; auch dürfen wir nicht in dem Schach bleiben, das uns entehrt und lächerlich macht. Ich bin im Begriff, eine zweite Partie anzufangen. Diesmal müßte es recht unglücklich hergehen, wenn ich nicht gewänne. Habt während meiner Abwesenheit ein sorgsames Auge auf die Gefangenen und merkt euch namentlich, was ich euch jetzt sage.Wenn ich morgen um Mitternacht nicht gesund und wohlbehalten in eurer Mitte bin, so werdet ihr eine Viertelstunde später ohne Erbarmen die beiden Gefangenen niederschießen. Ihr habt mich verstanden? – ohne Erbarmen.«

»Ihr könnt ruhig gehen, Hauptmann,« versetzte Frank im Namen der Uebrigen. »Eure Befehle sollen vollzogen werden.«

»Ich verlasse mich darauf; nur eins – erschießt sie weder eine Minute früher, noch eine Minute später.«

»Gerade zur rechten Zeit.«

»Das wäre abgemacht. Lebt wohl. Werdet nicht allzu ungeduldig; wenn ihr mich nicht bei euch habt.«

Mit diesen Worten verließ der Hauptmann die Höhle, um sich Treuherz in den Weg zu stellen. Wir haben bereits gesehen, wie es dem Räuber bei den Trappern ergangen ist.

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