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Die Trapper in Arkansas

Gustave Aimard: Die Trapper in Arkansas - Kapitel 29
Quellenangabe
authorGustave Aimard
titleDie Trapper in Arkansas
publisherDie Illustrirte Welt
printrunSiebenter Jahrgang
year1859
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20180825
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VIII.
Die Höhle am Grünspanfluß.

Seit den im vorigen Capitel berichteten Ereignissen sind zwei Tage verflossen. Wir führen nunmehr zwischen drei und vier Uhr Nachmittags den Leser in die von Belhumeur entdeckte Höhle, welche Treuherz zu seiner Lieblingswohnung gemacht hat. Das Innere derselben war von zahlreichen Holzfackeln, die in den Felswänden stacken, erhellt und würde auf einen Fremden, der die Höhle zufällig besuchte, den Eindruck eines Zigeuner- oder Banditenlagerplatzes gemacht haben.

Man sah gegen vierzig Trapper und Comanchenkrieger umher zerstreut, von denen die Einen schliefen, die Andern rauchten, wieder Andere ihre Waffen putzten oder ihre Kleider ausbesserten. Einige kauerten um zwei oder drei Feuer her, über denen Kochkessel aufgehangen waren, oder brieten gewaltige Wildpretstücke zum Mahl für ihre Kameraden.

Vor den Eingängen zu der Höhle standen je zwei regungslose Schildwachen, die stumm, aber mit achtsamem Aug' und Ohr für das gemeinsame Wohl wachten. In einem durch einen vorspringenden Felsen gebauten natürlichen Gelasse saßen auf grob mit der Axt gezimmerten Stühlen zwei Frauen und ein Mann, die sich in gedämpfter Stimme mit einander unterhielten. Die Frauen waren Donna Luz und Treuherzens Mutter, der Mann, welcher ihnen, die Strohcigarre im Mund, zusah und bisweilen das Gespräch mit einem Ausruf der Ueberraschung, Bewunderung oder Freude unterbrach, der alte spanische Diener No Eusebio.

Am Eingang dieses Gelasses, welches in der Höhle eine Art gesonderten Zimmers bildete, spazierte der schwarze Elch, die Hände auf dem Rücken und ein Liedchen durch die Zähne pfeifend, mit großen Schritten auf und ab. Treuherz, Adlerkopf und Belhumeur waren abwesend.

Die Unterhaltung der beiden Damen schien sehr ansprechend zu sein. Die Mutter des Jägers wechselte oft bedeutsame Blicke mit dem alten Diener, der in seiner Theilnahme sogar seine Cigarre hatte ausgehen lassen und achtlos kalt fortrauchte.

»Oh!« sagte die alte Frau, indem sie mit Innigkeit die Hände faltete und die Augen gen Himmel erhob, »der Finger Gottes ist in alledem deutlich zu erkennen.«

»Ja,« pflichtete No Eusebio bei, »ihm haben wir Alles zu danken.«

»Und sagt mir, mein Herz, hat Euch während der zwei Monate Eurer Reise Euer Onkel, der General, nie in Worten oder Handlungen den Zweck seines Prairiezuges merken lassen?«

»Nein,« versetzte Donna Luz.

»Das ist seltsam,« murmelte die alte Dame.

»Ja wohl, seltsam,« wiederholte No Eusebio, der sich in Acht nahm, die Damen mit dem Rauch seiner Cigarre zu behelligen.

»Und wie verbrachte Euer Onkel seit seiner Ankunft in den Prairien seine Zeit?« nahm Treuherzens Mutter wieder auf. »Entschuldigt diese Fragen, mein Kind, die Euch wohl Wunder nehmen mögen, aber keineswegs durch bloße Neugierde eingegeben sind. Ihr werdet mich später verstehen und dann einsehen, daß nur die lebhafte Theilnahme, welche ich für Euch fühle, mich zu fragen veranlaßt.«

»Ich zweifle nicht daran, Sennora,« entgegnete Donna Luz mit einem bezaubernden Lächeln, »und nehme auch keinen Anstand, Euch zu antworten. Seit unserer Ankunft in den Prairien war der Onkel gedankenvoll und traurig; er suchte die Gesellschaft der Wildnißbewohner, und wo er einem begegnete, blieb er stundenlang bei ihm, um sich mit ihm zu unterhalten und ihn auszufragen.«

»Erinnert Ihr Euch, mein Kind, über was er Erkundigungen einzog?«

»Ich muß zu meiner Schande gestehen, Sennora,« antwortete das Mädchen mit einem leichten Erröthen, »daß ich diesen Gesprächen nur wenig Aufmerksamkeit schenkte, da sie mir kein Interesse zu haben schienen. Das Leben war mir bisher nur traurig und einsam verflossen, da ich die Welt bloß durch's Klostergitter ansehen durfte, deßhalb nahm mich auch die großartige Natur, die sich wie auf einen Zauberspruch vor mir aufthat, so sehr in Anspruch, daß ich nur für ihre Wunder Sinn, hatte und jeden Augenblick vor den Kundgebungen der schöpferischen Allmacht andachtsvoll hätte niedersinken mögen.«

»Ihr habt Recht, mein Kind. Verzeiht meiner Fragen, die Euch nur ermüden und deren Bedeutung Ihr nicht fassen könnt,« sagte die alte Dame, sie auf die Stirne küssend. »Sprechen wir von etwas anderem.«

»Wie Euch beliebt, Sennora,« versetzte das Mädchen, ihr den Kuß zurückgebend. »Ich fühle mich glücklich, wenn ich mit Euch plaudern kann, und jeder Gegenstand, den Ihr anregt, wird für mich von Interesse sein.«

»Aber wir schwatzen und schwatzen und denken dabei gar nicht an meinen armen Sohn, der seit diesem Morgen abwesend ist und nach dem, was er mir sagte, schon wieder zurück sein sollte.«

»Ach, wenn ihm nur nichts zugestoßen ist!« rief Donna Luz bekümmert.

»Ihr nehmt also Antheil an ihm?« fragte lächelnd die alte Dame.

»Ach, Sennora,« versetzte das Mädchen, dessen Antlitz von einem lebhaften Roth überflog, »wie könnte ich anders nach den Diensten, die er uns geleistet hat und uns sicherlich auch noch ferner leisten wird?«

»Mein Sohn hat Euch versprochen, Euren Onkel zu befreien, und Ihr dürft überzeugt sein, daß er Wort halten wird.«

»Oh, daran zweifle ich keinen Augenblick, Sennora. Wie edel und groß ist sein Charakter!«rief sie mit Begeisterung, »und wie gut verdient er den Namen Treuherz.«

Die alte Dame und No Eusebio betrachteten sie lächelnd; sie fühlten sich glücklich in dem Enthusiasmus des Mädchens. Donna Luz bemerkte ihrer Seits gleichfalls, daß sie ein Gegenstand der Beobachtung war und senkte verschämt das erröthende Antlitz.

»Oh,« sagte die alte Dame, sie bei der Hand nehmend; »Ihr dürft wohl fortfahren, mein Kind; denn es freut mich, wenn ich Euch so von meinem Sohne sprechen höre.«

Es entstand jetzt eine Bewegung in der Höhle und mehrere Männer traten ein.

»Da kömmt Euer Sohn, Sennora,« sagte der schwarze Elch.

»Ich danke, mein Freund,« versetzte «sie.

»Gott sei gepriesen!« rief Donna Luz, indem sie freudig sich erhob, alsbald aber, der unbesonnenen Aufwallung sich schämend, mit glühendem Antlitz wieder auf ihren Sitz zurück sank.

Treuherz war wirklich angekommen, aber nicht allein, sondern im Geleit von Belhumeur, Adlerkopf und mehreren Trappern. Er eilte sogleich dem Raum zu, in welchem sich seine Mutter befand, küßte sie auf die Stirne und wandte sich dann an Donna Luz, um auch sie zu begrüßen. Er that dies mit einer gewissen Befangenheit, die der alten Dame nicht entging. Der Gegengruß des Mädchens zeugte von einer nicht geringeren Verwirrung.

»Ich habe meine edlen Gefangenen lange warten lassen, sagte er scherzend. »Die Zeit muß euch in dieser Höhle schrecklich lang geworden sein. Entschuldigt, Donna Luz, daß ich Euch, die Ihr nur an Paläste gewöhnt seid, eine so abscheuliche Wohnstätte angewiesen habe; aber sie ist leider die schönste, die ich besitze.«

»Das ist zu viel!« rief der Jäger.

»Bei der Mutter meines Retters werde ich, wo es auch sei, stets wie eine Königin wohnen,« versetzte das Mädchen.

»Was hast Du heute ausgerichtet, mein Sohn, ergriff die alte Dame augenscheinlich mit der Absicht das Wort, dem Gespräch, das etwas verfänglich zu werden drohte, eine andere Wendung zu geben. »Bringst Du uns gute Nachrichten? Donna Luz ist natürlich wegen ihres Onkels unruhig und brennt vor Verlangen, ihn wieder zu sehen.«

»Ich weiß ihre Unruhe zu würdigen und hoffe, sie bald beschwichtigen zu können,« versetzte der Jäger. »Wir haben heute nicht viel geleistet, da es uns nicht gelungen ist, die Spur der Räuber aufzufinden. Es ist im höchsten Grad ärgerlich. Zum Glück sind wir auf dem Rückweg einige Schritte von der Höhle dem Doctor begegnet, der seiner löblichen Gewohnheit gemäß in den Felsklüften Kräuter suchte. Er sagte uns, daß er in der Nähe einen verdächtig aussehenden Menschen habe herumstreichen sehen. Wir machten sogleich Jagd auf ihn und erwischten auch bald eine Person, die wir mitgenommen haben.«

»Ihr seht nun, Sennor,« versetzte Donna Luz mit schelmischer Miene, »daß auch das Kräutersuchen zu etwas gut ist. Allem Anschein nach hat Euch mein lieber Doctor einen großen Dienst erwiesen.«

»Ohne es zu wollen,« entgegnete Treuherz lachend.

»Ich habe nicht das Gegentheil behauptet,« fuhr das Mädchen scherzend fort; »und wenn es nur so ist, so habt Ihr es den Pflanzen zu danken.«

»Ich gebe zu, daß das Pflanzensammeln sein Gutes haben mag; aber alles zu seiner Zeit, und diese hat der Doctor nicht immer am glücklichsten gewählt.«

Ungeachtet des schweren Ernstes der Thatsachen, auf welche diese Worte anspielten, konnten die Anwesenden ein Lächeln auf Kosten des unglücklichen Gelehrten nicht unterdrücken.

»Ich leide es nicht,« sagte Donna Luz, »daß man mir meinen armen Doctor angreift. Er ist für seine Vergeßlichkeit genug gestraft durch den Jammer, der ihm seit dem unseligen Tage keine Ruhe läßt.«

»Ihr habt Recht, Sennorita; also nichts mehr davon. Ihr erlaubt mir jetzt, Euch zu verlassen, denn meine Begleiter sterben buchstäblich vor Hunger und sind mitgekommen, um sich in etwas zu erlaben.«

»Aber was gedenkt Ihr mit dem Menschen anzufangen, den Ihr aufgegriffen habt?« fragte No Eusebio.

»Das weiß ich noch nicht. Nach der Mahlzeit will ich ihn verhören; wahrscheinlich werden seine Antworten mir als Richtschnur dienen können.«

Die Kessel wurden von dem Feuer abgenommen, die Wildpretstücke zerlegt und Trapper und Comanchen tafelten mit einander in brüderlicher Eintracht. Die Damen wurden in ihrer Abgeschiedenheit bedient, und No Eusebio erfüllte die hohen Obliegenheiten eines Wirthes mit einer Sorgfalt und einem Ernste, die eines besseren Ortes würdig gewesen wären.

Der in der Nähe der Höhle festgenommene Mensch war der Obhut zweier stämmiger, bis an die Zähne bewaffneter Trapper übergeben worden, die ihn auf's Sorgfältigste bewachten; er schien jedoch nicht entfernt an ein Entweichen zu denken, sondern erwies im Gegentheil den Speisen, die man ihm vorzulegen die Aufmerksamkeit hatte, alle mögliche Ehre.

Nach beendigter Mahlzeit traten die Häuptlinge bei Seite und besprachen sich einige Minuten mit gedämpfter Stimme. Dann ließ Treuherz den Gefangenen vorführen, um mit ihm das Verhör zu beginnen. Man hatte den Menschen bisher kaum beachtet; als er aber vor den Häuptlingen erschien, erkannten ihn diese im Augenblick.

»Der Hauptmann Waktehno!« rief Treuherz erstaunt.

»Derselbe, meine Herren,« versetzte der Gefangene mit spottendem Stolze. »Was will man von mir? Ich bin bereit, zu antworten.«

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