Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustave Aimard >

Die Trapper in Arkansas

Gustave Aimard: Die Trapper in Arkansas - Kapitel 24
Quellenangabe
authorGustave Aimard
titleDie Trapper in Arkansas
publisherDie Illustrirte Welt
printrunSiebenter Jahrgang
year1859
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20180825
Schließen

Navigation:

III.
Das Opfer.

Wie in einem früherem Capitel bemerkt wurde, hatte der Doctor das Lager der Mexikaner verlassen, um von Donna Luz einen Auftrag an den schwarzen Elch zu besorgen. Der Gelehrte war aber, wie so viele seines Schlages, bei dem besten Willen von der Welt eine sehr zerstreute Natur. Nur die Zuneigung zu der Nichte des Generals hatte ihn bewogen, so bereitwillig die ihm zugemuthete Sendung anzutreten, von der er sich durchaus keinen vortheilhaften Erfolg versprach, und wenn er sich auch entschlossen auf den Weg machte, um das Mädchen zu beruhigen, so geschah es mehr in der Ueberzeugung, die Laune eines Patienten zu befriedigen, als mit dem Bewußtsein, daß er einen ernstlichen Auftrag erfülle.

Statt daher geraden Wegs auf den Hatto des schwarzen Elchs zuzureiten, stieg er bald vom Pferde, führte es am Zügel und begann Naturalien zu sammeln, ein Geschäft, welches ihn–bald so sehr in Anspruch nahm, daß er darüber die dringliche Empfehlung der Sennorita und den Grund, warum er das Lager verlassen hatte, völlig vergaß.

Darüber entschwand die Zeit; der Tag war bereits zur Hälfte abgelaufen, und von dem Doctor, den man längst zurückerwartete, ließ sich nirgends etwas blicken. Im Lager der Mexikaner herrschte die größte Aufregung. Der General und der Capitän hatten sich nach Kräften gerüstet, um einen Ueberfall abzuwehren; aber Alles blieb ruhig; und die Mexikaner waren schon geneigt zu glauben, daß sie durch einen falschen Lärm geschreckt worden seien.

Nur Donna Luz wurde immer ängstlicher; ihre Augen schweiften über die Ebene hin, und vergeblich ruhte ihr Blick auf der Gegend, aus der sie die Rückkehr ihres Boten erwartete.

Plötzlich kam es ihr vor, als zeige das hohe Gras eine Bewegung, die ihr nicht natürlich schien. Vom Wind konnte sie nicht herrühren, denn es wehte kein Lüftchen; die Hitze lagerte mit einem Bleigewicht auf der Landschaft, die von der Sonne versengten Blätter hingen regungslos an den Bäumen, und doch hielt das geheimnißvolle Wallen des Grases an. Auch war dasselbe nicht allgemein verbreitet, sondern näherte sich allmälig dem Lager mit einer Regelmäßigkeit, die einen organischen Impuls ahnen ließ; denn in demselben Verhältniß, als die vorderen Halme zu zittern begannen, ließen die entfernteren nach und wurden zuletzt wieder völlig unbeweglich. Die Schildwachen wußten sich die Erscheinung nicht zu deuten.

Der General war zwar noch nie mit den Indianern persönlich in feindliche Berührung gekommen, hatte aber zu viel von ihrer Kampfweise gehört, um hier nicht irgend eine Teufelei zu vermuthen, und da er das Lager, welches aller seiner Vertheidiger bedurfte, nicht entblößen wollte, so beschloß er, selbst auf Kundschaft auszuziehen. Er war eben im Begriff, über die Verschanzungen wegzusteigen, als ihm der Capitän achtungsvoll die Hand auf die Schulter legte.

»Was wollt Ihr, mein Freund?« fragte ihn der General, sich umwendend.

»Mit Eurer Erlaubniß möchte ich eine Frage an Euch richten, General,« antwortete der Capitän. »Ihr wollt das Lager verlassen? Ohne Zweifel um zu recognosciren?«

»Allerdings.«

»General, dieser Dienst gebührt mir.«

»Ich danke Euch; aber ich muß selbst sehen, was sich gegen uns anspinnt. Die Sache ist zu wichtig, als daß ich sie selbst Euch vertrauen könnte.«

»Ihr müßt bleiben, General,« versetzte der Capitän, »wenn auch nicht um unserer, so doch um Eurer Nichte, dieses unschuldigen zarten Wesens willen, das im Unglücksfall allein stünde, ohne Stütze und Beschützer, unter einer wilden Bevölkerung. Was liegt an dem Leben eines armen Burschen ohne Familie, der Alles Eurer Güte zu danken hat? Die Stunde ist gekommen, in der ich Euch meine Erkenntlichkeit beweisen kann. Laßt mich meine Schuld zahlen. – Ihr wißt,« fuhr der junge Mann drängend fort, als der General ihn unterbrechen wollte, »daß ich mich glücklich schätzen würde, bei Donna Luz Eure Stelle zu vertreten; aber für dieses edle Amt bin ich noch zu jung. Laßt mich daher jetzt an Eurer Statt handeln; der Dienst gebührt mir.«

Und halb mit Gewalt zog er den greisen Offizier zurück, setzte mit einem Sprung über die Verschanzung weg und schritt ohne weiteres Abschiedszeichen von hinnen. Der General folgte ihm mit den Augen, bis der junge Mann verschwunden war, fuhr dann mit der Hand über die sorgenvolle Stirne und murmelte:

»Ein wackerer Junge – ein trefflicher Charakter.«

»Nicht wahr, Onkel?« bemerkte Donna Luz, die ihm unbemerkt an die Seite getreten war.«

»Du hier, mein liebes Kind?« sagte er mit einem Lächeln, dem er vergeblich einen heiteren Ausdruck zu geben versuchte

»Ja, Onkel, ich habe Alles gehört.«

»Schon recht, meine Kleine,« versetzte der General; »aber dies ist kein Augenblick für eine Rührscene. Ich muß auf Deine Sicherheit Bedacht nehmen. Komm' mit mir; hier könnte Dich leicht eine indianische Kugel erreichen.«

Er nahm sie bei der Hand und führte sie nach ihrem Zelte. Nachdem er sie mit einem Kuß auf die Stirne und der Ermahnung entlassen hatte, unter Dach zu bleiben, kehrte er nach den Verschanzungen zurück, um besser beobachten zu können, was in der Ebene vorging. Dabei machte er sich Gedanken über des Doctors lange Abwesenheit.

Capitän Aquilar war ein unerschrockener Soldat und in den unablässigen Kriegen Mexiko's gebildet, so daß er recht wohl Muth mit Klugheit zu verbinden wußte. In einiger Entfernung vom Lager legte er sich flach auf die Erde und erreichte kriechend einen Felsblock, der vollkommen geeignet war, ihm als Versteck zu dienen. Alles um ihn her schien ruhig zu sein, und kein Zeichen verrieth die Nähe eines Feindes.

Nachdem er geraume Zeit sich in der Gegend umgesehen, wollte er schon wieder nach dem Lager zurückkehren, um dem General zu melden, daß er sich getäuscht habe und keine unmittelbare Gefahr zu besorgen stehe; da sprang plötzlich zehn Schritte von ihm mit gestellten Ohren und rückwärts geworfenem Kopf ein scheues Aschata auf, das unter Zeichen des größten Schreckens von hinnen floh.

»Ah,« dachte der junge Mann; »sollte es doch etwas geben? Sehen wir noch zu!«

Er machte von dem Felsen aus, der ihn schirmte, einige Schritte vorwärts, um sich zu überzeugen; ob seine Besorgnisse Grund hatten. Da rauschte das Gras mit Macht, und ein Dutzend Männer standen um ihn her, noch ehe er Zeit gewann sich zur Wehr zu setzen oder den unvorsichtig preisgegebenen Schirm wieder aufzusuchen

»So,« sagte er kaltblütig; »jetzt weiß ich doch, mit wem ich zu thun habe.«

»Ergebt Euch,« rief ihm einer der Männer zu.

»Nur zu!« entgegnete er mit einem spöttischen Lächeln. »Ihr seid Narren; eh' ihr mich kriegt, müßt ihr mich vorher säuberlich todt schlagen.«

»Das kann wohl geschehen, mein feiner Junker,« erwiederte derselbe, welcher zuerst gesprochen.

»Aber ich werde mich wehren,« versetzte der Capitän scherzend, »und das macht Lärm. Wenn meine Freunde uns hören, so ist Euer Ueberfall vereitelt, und ich erreiche was ich will.«

Die Ruhe, mit welcher der Offizier gesprochen, machte die Räuber nachdenklich. Sie gehörten zu der Bande des Hauptmanns Waktehno, der sich selbst unter ihnen befand.

»Euer Einfall ist gut,« versetzte der Banditenanführer spöttisch; »aber man kann Euch abthun ohne Lärm, und dann ist auch Euer Plan vereitelt.«

»Pah! wer weiß das?« erwiederte der junge Mann.

Und ehe die Räuber ihn hindern konnten, machte er einen mächtigen Sprung rückwärts, überrannte zwei von seinen Gegnern und eilte, was er konnte, dem Lager zu. Nachdem die erste Ueberraschung vorüber war, setzten ihm die Räuber nach. Der Wettlauf dauerte einige Zeit, ohne daß die Banditen den Abstand zwischen sich und dem Flüchtling merklich kleiner werden sahen; denn da sie von den mexikanischen Schildwachen, die sie zu überrumpeln beabsichtigten, nicht gesehen werden wollten, mußten sie Winkelzüge machen, die ihrer Geschwindigkeit Eintrag thaten.

Sobald der Capitän den Seinigen aus Rufweite nahe gekommen war, blickte er zurück. Die Räuber benützten die kurze Zeit, die er sich nahm, um wieder zu Athem zu kommen, so gut, daß sie ihm einen Vorsprung abgewannen.

Der junge Mann sah jetzt ein, daß eine Fortsetzung der Flucht das Unglück beschleunigen würde, das er zu hindern wünschte. Sein Entschluß war schnell gefaßt; er wollte als Soldat sterben und auch im Unterliegen noch denen, für welche er sich opferte, nützlich werden. An einen Baum sich lehnend, steckte er seinen Säbel aus Griffweite in die Erde, zog seine Pistolen aus dem Gürtel und wandte sich gegen die Banditen um, die kaum noch dreißig Schritte von ihm entfernt waren. Dann rief er, um die Aufmerksamkeit seiner Freunde anzuregen, mit dröhnender Stimme:

»Auf! auf! da sind die Feinde!«

Darauf feuerte er nacheinander seine vier Doppelpistolen auf die Feinde ab und wiederholte, so oft einer der Räuber fiel:

»Auf! da sind die Feinde! Sie umzingeln uns. Habt Acht! habt Acht!«

Aufgebracht über diese mannhafte Vertheidigung stürzten die Banditen, ihre bisherige Vorsicht vergessend, mit Wuth auf ihn los, und nun begann ein furchtbares, eigentlich gigantisches Schauspiel – der Kampf eines einzelnen gegen fünfunddreißig; denn sobald einer der Räuber fiel,trat ein anderer an seine Stelle.

Der junge Mann wollte zwar sein Leben zum Opfer bringen, aber es doch so theuer als möglich verkaufen. Wir haben gesagt, daß er bei jedem Schuß, bei jedem Säbelhieb, den er that, seinen Warnungsruf ausstieß, und die Mexikaner antworteten darauf durch ein gut unterhaltenes Musketenfeuer auf die Räuber, die sich jetzt offen zeigten und mit Wuth auf den Offizier losgingen, welcher ihnen so kühn mit dem unübersteiglichen Walle seiner treuen Brust den Weg versperrte.

Endlich sank der Capitän auf ein Knie nieder. Die Räuber stürzten im Durcheinander über ihn her und brachten in ihrem Eifer, ihm den Garaus zu machen, gegenseitig sich Wunden bei. So erlag Capitän Aquilar; aber selbst im Fallen erfreute er sich des Trostes, ein Dutzend Räuber geopfert zu haben, die für ihn ein blutiges Grabgeleite abgaben.

»Hum,« murmelte Waktehno, der ihn voll Bewunderung betrachtete; welch' ein gewaltiger Mensch! Wenn die Andern ihm gleichen, so werden wir nicht an's Ziel kommen. Vorwärts!« fuhr er gegen die Banditen fort, die seiner Befehle harrten; »wir dürfen ihnen nicht Zeit lassen, daß sie uns wie einen Flug Tauben niederschießen. Zum Angriff! Zum Angriff!«

Die Räuber sammelten sich ungestüm um ihn, schwenkten ihre Waffen und begannen mit dem Rufe, ›zum Angriff!‹ den Fels zu ersteigen. Andererseits schickten sich die Mexikaner an, für den Heldentod des Capitän Aquilar, dessen Zeugen sie gewesen, Rache zu nehmen.

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.