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Die Trapper in Arkansas

Gustave Aimard: Die Trapper in Arkansas - Kapitel 22
Quellenangabe
authorGustave Aimard
titleDie Trapper in Arkansas
publisherDie Illustrirte Welt
printrunSiebenter Jahrgang
year1859
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20180825
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Zweiter Theil.
Waktehno.

 

I.
Treuherz.

Die Sachlage war jetzt vollständig verändert. Die Jäger,welche kurz vorher sich noch ganz in der Gewalt der Indianer befanden, konnten jetzt auf dem Fuß der Freiheit unterhandeln und sogar harte Bedingungen vorschreiben. Wohl richteten sich mehrere Büchsen und Pfeile auf den Canadier, aber ein Zeichen Adlerkopfs hinderte jede Thätlichkeit.

Die Schmach, mitten in ihrem Lager sich von zwei kühnen Männern Trotz bieten zu sehen, fachte den Zorn der Comanchen an; und doch sahen sie die Unmöglichkeit ein, mit ihren entschlossenen Gegnern anzubinden, welche selbst im Fallen noch in der Lage waren, die Gefangenen, welche man retten wollte, zu tödten.

Von allen Menschen wissen vielleicht die Indianer am leichtesten sich in die Anforderungen einer unvorhergesehenen Lage zu finden. Der Comanchenhäuptling verschloß den Haß und Zorn, der in ihm loderte, in seinem Herzen, warf mit einer edlen, ungezwungenen Geberde die Decke, welche ihm als Mantel diente, zurück und näherte sich ruhigen Antlitzes und mit einem Lächeln auf seinen Lippen den Jägern, während diese in gemessener Haltung die Folgen ihres kühnen Handstreichs abwarteten.

»Meine blassen Brüder sind voll Weisheit,« sagte der Häuptling, »trotz ihrer schwarzen Haare. Sie besitzen die Schlauheit großer Krieger; sie wetteifern an List mit dem Biber und an Muth mit dem Löwen«

Die beiden Männer verbeugten sich stumm.

Adlerkopf fuhr fort:

»Da mein Bruder Treuherz sich im Lager der Comanchen von den großen Seen befindet, so ist endlich die Stunde gekommen, um die Wolken zu verscheuchen, die zwischen ihm und den Rothhäuten lagern. Treuherz ist gerecht; möge er sich ohne Furcht aussprechen. Er steht vor berühmten Häuptlingen, die nicht säumen werden, ihr Unrecht anzuerkennen, wenn sie sich gegen ihn vergangen haben.«

»Aha,« versetzte der Canadier spöttisch, »Adlerkopf hat ja auf einmal ganz andere Ansichten von uns. Glaubt er, uns mit eitlen Worten hintergehen zu können?«

Ein Blitz des Hasses zuckte aus dem wilden Auge des Indianers; aber er bezwang sich. Da legte sich plötzlich Eschis, der geehrteste Krieger des Stammes, in's Mittel.

»Mögen meine Kinder mich hören,« sagte der Greis, langsam seine Arme erhebend. »Alles muß sich heute aufklären. Die blassen Jäger werden im Rath das Calumet rauchen.«

»Sei es so,« entgegnete Treuherz.

Auf ein Zeichen von Eschis sammelten sich die ersten Häuptlinge um ihn. Belhumeur behielt übrigens seine Stellung bei und war bereit, bei der geringsten verdächtigen Geberde seine Gefangenen zu opfern.

Während die Pfeife die Runde machte, sammelte sich der Greis, und nachdem er sich gegen die Weißen verneigt hatte, sprach er folgendermaßen:

»Krieger, ich danke dem Herrn des Lebens, daß er uns Rothhäute liebt und daß er uns heute die beiden Blaßgesichter schickt, damit sie endlich ihr Herz aufschließen können. Fasset Muth, junge Männer; laßt euch das Herz nicht schwer werden und scheucht den bösen Geist von euch. Wir lieben Dich, Treuherz; wir haben von Deiner Menschlichkeit gegen die Indianer gehört. Wir glauben, daß Dein Herz offen ist und daß Dein Blut klar in den Adern fließt wie die Sonne. Es ist wahr, daß wir Indianer nicht viel Verstand haben, wenn uns das Feuerwasser beherrscht, und daß wir Dir bei manchen Gelegenheiten viel Unlust gemacht haben mögen: aber wir hoffen, daß Du nicht mehr daran denkst und daß du, so lange Du Dich mit uns in den Prairien befindest, an unserer Seite jagen werdest, wie es Kriegern ziemt, die sich lieben und achten.«

Treuherz erwiederte:

»Ihr Häuptlinge und sonstige Angehörige des Volks der Comanchen von den großen Seen, deren Augen offen sind, ich hoffe, daß ihr den Worten meines Mundes euer Ohr leiht. Der Herr des Lebens hat mein Gehirn aufgeschlossen und flößt meiner Brust Gesinnungen der Freundschaft ein. Mein Herz ist voll Theilnahme für euch, für eure Weiber und Kinder, und was ich euch in diesem Augenblicke sage, ist mir und meinem Freunde voller Ernst. Nie hat sich in der Prairie den Kriegern eures Volkes mein Hatto geschlossen. Warum bekriegt ihr mich also? Warum foltert ihr meine Mutter, eine alte Frau, und warum trachtet ihr mir nach dem Leben? Es widerstrebt meinem Inneren, Indianerblut zu vergießen; denn ich wiederhole euch, ungeachtet des Ueblen, das ihr mir zugefügt habt, ist euch mein Herz zugethan.«

»Ah,« unterbrach ihn Adlerkopf. »Mein Bruder spricht gut; aber die Wunde, die er mir schlug, ist noch nicht geheilt.«

»Mein Bruder ist thöricht, wenn er mich für so ungeschickt hält, daß ich ihn nicht hätte tödten können, wenn ich gewollt hätte,« versetzte der Jäger. »Ich werd es Dir übrigens zeigen, was ich vermag und was ich unter dem Muth eines Kriegers verstehe. Es kostet mich ein Zeichen, und diese Frau, dieses Kind hat gelebt.«

»So ist es,« bekräftigte Belhumeur.

Ein Frösteln lief durch die Reihen der Versammlung, und Adlerkopf stand der kalte Schweiß auf der Stirne. Treuherz heftete eine Weile mit eigenthümlichem Ausdruck seine Blicke auf die Indianer; dann zuckte er verächtlich die Achseln, warf seine Waffen zu Boden, kreuzte die Arme über seiner breiten Brust und wandte sich dann an den Canadier.

»Belhumeur,« sagte er mit ruhiger Stimme, »gib diesen armen Geschöpfen die Freiheit.«

»Träumst Du?« rief der Jäger. »Das wäre Dein Todesurtheil.«

»Ich weiß es.«

»Nun?«

»Dennoch bitte ich Dich darum.«

Der Canadier antwortete nicht weiter; er begann durch die Zähne zu pfeifen, zog sein Messer und durchhieb die Bande, welche seine Gefangenen festhielten. Diese sprangen wie Jaguars davon und verbargen sich mit lautem Freudengeschrei unter ihren Freunden, während der Jäger sein Messer in den Gurt steckte, gleichfalls die Waffen wegwarf, vom Pferde stieg und entschlossen sich neben Treuherz aufstellte.

»Was machst Du?« rief dieser. »Rette Dich, mein Freund.«

»Mich. retten? Warum?« entgegnete der Canadier unbekümmert. »Da ich doch einmal sterben muß, so kann es eben so gut heute als später geschehen. Vielleicht finde ich nie wieder eine so schöne Gelegenheit.«

Die beiden Männer drückten sich die Hände.

»Jetzt sind wir in eurer Gewalt, Häuptlinge,« sagte Treuherz mit ruhiger Stimme. »Handelt, wie es euch gut dünkt.«

Die Comanchen sahen sich gegenseitig eine Weile erstaunt an. Die stoische Selbstverleugnung der beiden Männer, welchen die kühne That des einen in die Lage versetzt hatte, nicht nur zu entkommen, sondern auch ihnen Bedingungen vorzuschreiben, und die, statt sich diesen ungeheuren Vortheil zu nutze zu machen, ihre Waffen niederlegten und sich selbst auslieferten, schien ihnen alle Züge von Heldenmuth, welche in der Erinnerung ihres Volkes fortlebten, zu überbieten.

Während der eingetretenen Stille hätte man können das Herz klopfen hören in der Brust der ehernen Männer, welche in Folge ihrer natürlichen Erziehung weit mehr, als man glauben sollte, wahren Edelmuth zu würdigen wissen.

Endlich warf Adlerkopf die Waffen weg, näherte sich den Jägern und begann mit bewegter Stimme, die nur schlecht zu seiner erkünstelten Ruhe und Gleichgültigkeit paßte:

»Es ist wahr, Krieger der Blaßgesichter, daß ein großartiger Geist aus euren Worten spricht und daß wir ihm mit Freude unser Ohr geöffnet haben. Wir wissen auch, daß die Wahrheit euch die Lippen aufschließt. Leider handeln wir Indianer, welchen der Verstand der Weißen abgeht, oft gegen unseren Willen unrecht; aber wir hoffen, Treuherz werde die Decke vor seinem Herzen wegnehmen, daß es so klar sei wie das unsere, und mit uns die Axt so tief vergraben, daß die Enkel unserer Urenkel sie in tausend Monden und noch hundert dazu nicht wieder auffinden können.«

Er legte seine Hände auf die Schultern des Jägers, küßte ihn auf die Augen und fügte bei: »Möge Treuherz mein Bruder sein.«

»Es sei so!« rief der Jäger erfreut, ob dieser Wendung. »Fortan sollen die Comanchen von mir eben so viel Freundschaft erfahren, als ich ihnen bisher Trotz gezeigt habe.«

Die Häuptlinge drängten sich nun um ihre neuen Freunde; welche sie auch mit Beweisen der Zuneigung und Achtung überhäuften. Die beiden Jäger waren längst im Stamm der Schlange bekannt gewesen, und ihr Ruf stand fest, indem die alten Krieger Nachts beim Lagerfeuer oft ihre Großthaten der Bewunderung ihrer jungen Leute vorzuhalten pflegten.

Die Versöhnung zwischen Treuherz und Adlerkopf war vollständig; der Edelsinn des Jägers hatte den Groll des rothen Kriegers überwunden.

Sie plauderten eben friedlich mit einander vor dem Eingang einer Hütte, als auf einmal ein großes Geschrei sich vernehmen ließ und ein Indianer mit vor Schreck verzerrten Zügen in'sdas Lager stürzte. Alles drängte sich neugierig um ihn; als aber der Indianer bemerkte, daß Adlerkopf sich ihm näherte, so ging er auf ihn zu.

»Was gibt's?« fragte der Häuptling.

Der Indianer heftete einen wilden Blick auf die beiden Jäger, welche noch weniger als die übrigen sich die Ursache des panischen Schreckens vorstellen konnten.

»Hab' Acht, daß diese beiden Blaßgesichter nicht entrinnen,« sagte er, vor Hast ganz athemlos. »Wir sind verrathen.«

»Möge mein Bruder sich deutlicher aussprechen,« versetzte Adlerkopf.

»Alle weißen Trapper, die Langmesser des Westens, haben sich vereinigt und bilden eine Kriegsschaar von gegen hundert Mann. Sie rücken in einer-Weise heran, daß sie das Lager von allen Seiten zumal bestürmen können.«

»Weißt Du gewiß, daß diese Jäger als Feinde kommen?« fragte der Häuptling.

»Wie könnte es anders sein?« antwortete der Indianer. »Sie kriechen im Gras einher, wie die Schlangen, das Gewehr vor sich und das Skalpirmesser zwischen den Zähnen. Häuptling, wir sind verrathen. Die beiden Menschen sind in unsere Mitte gekommen, um unsere Wachsamkeit einzuschläfern.«

Adlerkopf und Treuherz wechselten ein bedeutsames Lächeln,das für alle übrigen ein Räthsel war.

Dann sagte der Comanchenführer zu dem Indianer: »Hast Du den Anführer der Jäger gesehen?«

»Ja.«

»Ist's nicht Amick, der schwarze Elch, der oberste Hüter von Treuherzens Fallen?«

»Wer anders könnte es sein?«

»Gut, so tritt ab,« sagte Adlerkopf, den Boten mit einer Kopfsenkung verabschiedend, und richtete dann an Treuherz die Frage: »Was jetzt thun?«

»Nichts,« antwortete Treuherz. »Die Sache geht mich an; möge mein Bruder mich allein handeln lassen.«

»Mein Bruder ist Herr für sich.«

»Ich will den Jägern entgegengehen. Möge bis zu meiner Rückkehr Adlerkopf seine jungen Leute im Auge behalten.«

»Es soll geschehen.«

Treuherz schulterte sein Gewehr, drückte Belhumeur die Hand, lächelte dem Comanchenhäuptling zu und lenkte seine Schritte mit der gewohnten Ruhe und Sicherheit dem Walde zu, in dessen Schatten er bald verschwunden war.

»Hm,« sagte Belhumeur, das Calumet anzündend, zu Adlerkopf: »Du siehst, Häuptling, daß es in dieser Welt oft keine schlechte Speculation ist, wenn man sich von seinem Herzen leiten läßt.«

Und über die Maßen von diesem philosophischen Einfall erbaut, der dem Canadier äußerst sachgemäß erschien, hüllte er sich in eine dichte Rauchwolke.

Auf Befehl des Häuptlings wurden alle an den Zugängen des Lagers aufgestellten Schildwachen eingezogen, und die Indianer sahen mit Beklommenheit dem Erfolg des von Treuherz versuchten Schrittes entgegen.

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