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Die Trapper in Arkansas

Gustave Aimard: Die Trapper in Arkansas - Kapitel 20
Quellenangabe
authorGustave Aimard
titleDie Trapper in Arkansas
publisherDie Illustrirte Welt
printrunSiebenter Jahrgang
year1859
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20180825
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XVI.
Die Berathung der großen Häuptlinge.

Ungeachtet der stürmischen Unterredung mit No Eusebio hatte Adlerkopf doch fortwährend seine Gefangene mit großer Milde behandelt, wie dies überhaupt in der Art der Indianer liegt, die nicht, wie man ihnen so oft fälschlicher Weise nachsagt, ihre Gefangenen ohne Ursache quälen, sondern ihnen große Rücksicht zu Theil werden lassen und auch eine Art von Mitleid mit ihrem Unglück zu haben scheinen. Im vorliegenden Fall war das blutige Vorhaben Adlerkopfs gegen Treuherzen's Mutter eine Ausnahme von der Regel, die ihre natürliche Begründung in dem Haß fand, welchen der Häuptling dem Jäger geschworen hatte.

Die Trennung der beiden Gefangenen war ein herzzerreißendes Schauspiel; der alte Diener trat, Verzweiflung in der Seele, seinen Spähegang nach dem Jäger an, während die arme Mutter mit blutendem Herzen den Comanchenkriegern folgte.

Zwei Tage nachher fand sich Adlerkopf bei der von den großen Häuptlingen der Nation anberaumten Zusammenkunft ein, an welcher der ganze Stamm theilnahm.

Ein indianisches Lager sieht sehr malerisch aus. Wenn die Rothhäute sich auf einem Kriegs- oder Jagdausfluge befinden, begnügen sie sich damit, an der Stelle, wo sie Halt machen, vermittelst kreuzweis gelegter Pfosten ihre Büffelhautzelte aufzurichten, die unten mit Erde befestigt werden und oben eine Oeffnung zum Abzug des Rauchs haben, da sie sonst unbewohnbar sein würden.

Allmälig gewann das Lager ein Aussehen, was andeutete, daß etwas Ungewöhnliches im Werk war; denn trotz der frühen Stunde (die Sonne hatte sich kaum über den Horizont erhoben) saßen die ersten Häuptlinge in der Berathungshütte beisammen, um über eine wichtige Frage zu verhandeln.

Der Tag war der letzte, welchen Adlerkopf No Eusebio verwilligt hatte. Treu seinem Haß und voll Begier, sich zu rächen, hatte der indianische Krieger die großen Häuptlinge zusammenberufen, um die Vollmacht zu erhalten, seinen abscheulichen Plan auszuführen. Wir müssen hier wiederholen, daß die Indianer nicht aus Lust an den Leiden Anderer grausam sind. Die Nothwendigkeit ist ihr erstes Gesetz, und sie tödten keinen Gefangenen, am allerwenigsten eine Frau, wenn nicht das Gesammtwohl es fordert.

Während die Häuptlinge um das Berathungsfeuer versammelt saßen, trat der Pfeifenträger mit dem angezündeten Calumet in den Kreis, verbeugte sich nach den vier Weltgegenden, murmelte ein kurzes Gebet und bot dann, den Kopf der Pfeife in der Hand behaltend, dem ältesten Häuptling das Calumet hin, der es von Mund zu Mund gehen ließ.

Nachdem alle geraucht hatten, schüttelte der Pfeifenträger die Asche in's Feuer und sprach:

»Häuptlinge des großen Comanchenvolks, möge Natosch (Gott) euch Weisheit verleihen; er gebe, daß der Beschluß, den ihr fassen werdet, im Einklang stehe mit der Gerechtigkeit.«

Dann verbeugte er sich achtungsvoll und trat ab. Es folgte eine tiefe Stille, während welcher jeder Häuptling ernstlich die Worte erwog, die er zu sprechen gedachte.

Endlich erhob sich der Aelteste, ein ehrwürdiger, von Narben bedeckter Greis, der unter den Seinigen im Rufe hoher Weisheit stand und Eschis (die Sonne) hieß.

»Mein Sohn Adlerkopf,« begann er, »hat dem Rath der Häuptlinge eine wichtige Mittheilung zu machen. Er rede; unsere Ohren sind offen. Adlerkopf ist ein weiser und tapferer Krieger; seine Worte werden achtungsvolles Gehör finden.«

»Ich danke,« versetzte der Krieger. »Mein Vater ist die Weisheit selbst; Natosch hat vor ihm nichts verborgen.«

Die Häuptlinge verneigten sich und Adlerkopf fuhr fort:

»Die Blaßgesichter, unsere ewigen Feinde, verfolgen uns ohne Unterlaß und zwingen uns, ihnen unsere besten Jagdgründe zu überlassen und wie scheue Hirsche uns in die Wälder zu verkriechen. Sollen wir ihre Raubgier dulden, ohne uns zu beklagen? Sollen wir uns erwürgen lassen wie feige Aschahas, ohne uns zu rächen? Sagt nicht das Gesetz der Prairie – Auge um Auge, Zahn um Zahn? Möge mein Vater antworten – mögen meine Brüder sich aussprechen, ob es so recht ist.«

»Die Rache ist erlaubt,« versetzte die Sonne; »sie ist das unveräußerliche Recht des Schwachen und Unterdrückten; doch muß sie im Verhältniß zu dem erlittenen Unrecht stehen.«

»Gut. Mein Vater hat weise gesprochen. Was sagen meine Brüder?« .– »Die Sonne kann nicht lügen; was sie gesagt hat ist gut,« antworteten die Häuptlinge.

»Hat sich mein Bruder über Jemand zu beklagen?« fragte der Greis.

»Ja,« entgegnete Adlerkopf. »Ich bin beschimpft worden von einem weißen Jäger, der mich mehrmal in meinem Lager angriff. Er hat aus einem Hinterhalt mehrere meiner jungen Leute getödtet, und ich selbst bin verwundet worden, wie ihr sehen könnt, da die Wunde noch nicht geheilt ist. Die Comanchen haben keinen grausamern Feind als diesen Menschen, der auf sie Jagd macht wie auf wilde Thiere, um sich an ihren Qualen und an ihrem Schmerzgeschrei zu weiden.«

Diese mit hinreißendem Nachdruck vorgetragenen Worte hatten eine zornige Bewegung unter der Versammlung zur Folge. Der schlaue Häuptling gewahrte, daß seine Sache bei den Zuhörern Anklang fand und fuhr fort, ohne die Freude seines Innern merken zu lassen:

»Ich könnte die Kränkungen, wie schwer sie auch sein möchten, verzeihen, wenn sie mich allein träfen; aber es handelt sich hier um einen öffentlichen Feind, um einen Menschen, der unserem Volk den Untergang geschworen hat; die Nothwendigkeit zwingt mich daher, ihm einen Schlag beizubringen, wo er am verwundbarsten ist. Seine Mutter befindet sich in meinen Händen; und ich hätte als Ersatz sie opfern können; aber ich will nicht dem Haß, sondern der Gerechtigkeit das Uebergewicht lassen. Während ich die Frau leicht tödten konnte, zog ich es vor, mich an euch zu berufen, verehrte Häupter des Volks, um euren Befehl einzuholen. Ich habe noch mehr gethan. Da es mir zuwider ist, ohne Nutzen Blut zu vergießen und statt des Schuldigen den Unschuldigen zu strafen, so habe ich dem Weib vier Tage Aufschub gestattet, damit ihr Sohn Gelegenheit finde sie zu retten, indem er sich selbst der Folter überliefert. Ein Blaßgesicht, das von mir gefangen wurde, ist ausgezogen ihn zu suchen; aber dieser Mensch hat das Herz eines Kaninchens und kann nur waffenlose Feinde morden. Er ist nicht gekommen und wird nicht kommen. Diesen Morgen mit Sonnenaufgang ist die von mir verwilligte Frist abgelaufen. Wo ist der Mensch? Er hat sich nicht gestellt. Was sagen meine Brüder? Habe ich recht gehandelt, oder bin ich zu tadeln? Soll dieses Weib an den Pfahl gebunden werden, damit die diebischen Blaßgesichter erschrecken vor der Strafe und einsehen lernen, wie die tapferen Krieger der Comanchen sich nicht ungeahndet beschimpfen lassen? Ich bin zu Ende. Habe ich recht gesprochen, mächtige Männer?«

Nach diesem langen Vortrag setzte sich Adlerkopf, kreuzte die Arme auf der Brust und erwartete gesenkten Hauptes die Entscheidung der Häuptlinge.

Nach einem langen Schweigen erhob sich die Sonne.

»Mein Bruder hat wohl gesprochen,« sagte er. »Seine Worte sind die eines Mannes, der sich nicht durch die Leidenschaft hinreißen läßt. Was er sagt, ist gerecht. Die Weißen sind unsere geschwornen Feinde und sinnen auf unsern Untergang. Wie unangenehm uns auch die Marter dieser Frau sein mag, so ist sie doch nöthig.«

»Sie ist nöthig,« wiederholten die Häuptlinge.

»So trefft die Vorbereitungen,« nahm die Sonne wieder auf. »Die Hinrichtung soll den Charakter der Sühne, nicht der Rache haben. Möge Jedermann daraus die Ueberzeugung gewinnen, daß die Comanchen Weiber nicht zum Vergnügen martern, wohl aber die Schuldigen zu strafen wissen. Ich habe gesprochen.«

Die Häuptlinge erhoben sich, grüßten den Greis achtungsvoll und verließen die Hütte.

Adlerkopf hatte seinen Zweck erreicht und konnte Rache nehmen, ohne das Gehässige derselben auf sich zu laden. Er traf demgemäß seine Anstalten. Einige Weiber schnitzten Splitter von Eschenholz zum Eintreiben unter die Nägel, andere verfertigten aus Holdermark geschwefelte Moxes, während die jüngsten sich in den Wald begaben, grüne Reisbüschel beizuschaffen, zur langsamen Verbrennung des Opfers.

Inzwischen hatten die Männer einen Baum, der als Marterpfahl dienen sollte, seiner Rinde beraubt und mit einem Teig von Elennfett und rothem Oker überstrichen, um ihn her wurde das Reis aufgeschichtet, und zuletzt kam der Zauberer, welcher den Pfahl für seinen Zweck einweihen mußte.

Nach diesen Einleitungen wurde die Verurtheilte herbeigeführt und ohne Bande auf den zu ihrer Verbrennung bestimmten Holzhaufen gesetzt. Dann begann der Scalptanz.

Die unglückliche Frau ließ alles mit sich anfangen. Sie war entschlossen, ihr Leben zum Opfer zu bringen, und so schien nichts von dem, was um sie vorging, einen Eindruck auf sie zu machen. Ihre vom Fieber und Weinen gerötheten Augen schweiften über die Umstehenden hin, welche wie wilde Bestien zu brüllen anfingen; aber ihr Geist war so klar wie nur je, und die arme Mutter fühlte nur eine Qual – ihr Sohn möchte nämlich Kunde von ihrem schrecklichen Schicksal erhalten und es durch Auslieferung seiner Person abwenden wollen. Sie flehte zu Gott aus tiefster Seele, er möchte das Opfer ihres Lebens für das ihres Kindes annehmen.

Mittlerweile wirbelte der Scalptanz wüthend um sie her. Eine Schaar von Kriegern mit geschwärzten Gesichtern drehte sich paarweise um den Pfahl, und voraus zogen mit Trommeln und, Schisikuehs versehene Musikanten, welche sich schwarz und roth bemalt und den Kopf mit rückwärts wallenden Eulenfedern verziert hatten. Die mit schwarzen Federn und rothem Tuch geschmückten Krieger hatten Gewehre und Tomahawks in den Händen, deren Schaft sie beim Tanz gegen die Erde stemmten. Sie bildeten einen weiten Halbkreis um den Pfahl; ihnen gegenüber und den Zirkel vervollständigend, tanzten die Weiber.

Adlerkopf, der die Männer anführte, trug einen langen Stab, an dessen Spitze sich eine ausgestopfte Elster mit ausgebreiteten Flügeln und ein menschlicher Scalp befand; weiter unten hing ein zweiter Scalp, eine Luchshaut und ein Federschmuck.

Nachdem man eine Weile getanzt hatte, stellten sich die Musikanten zu beiden Seiten des Opfers auf und erhuben einen betäubenden Lärm, indem sie sangen, aus Leibeskräften auf ihre Trommeln lospaukten und die Schisikuehs schüttelten. So ging es eine geraume Zeit fort, und die Tänzer heulten entsetzlich dazu, so daß die Unglückliche, welche darin ein Vorspiel der ihrer harrenden Martern sehen mußte, vor Entsetzen wohl hätte von Sinnen kommen können.

Endlich berührte Adlerkopf die Verurtheilte leicht mit seinem Stabe. Auf dieses Zeichen hörte augenblicklich der Lärm auf; die Reihen lösten sich und alles griff zu den Waffen. Die Folter sollte beginnen.

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