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Die Trapper in Arkansas

Gustave Aimard: Die Trapper in Arkansas - Kapitel 2
Quellenangabe
authorGustave Aimard
titleDie Trapper in Arkansas
publisherDie Illustrirte Welt
printrunSiebenter Jahrgang
year1859
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20180825
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Vorspiel.
Der Ausgestoßene.

I.
Hermosillo.

Den Reisenden, der sich zum erstenmal nach den südlicheren Theilen Amerikas einschifft, befällt unwillkürlich ein Gefühl unerklärlicher Trauer. In Wirklichkeit ist auch die Geschichte der neuen Welt eine beklagenswerthe Märtyrergeschichte, in welcher unablässig Fanatismus und Habgier Hand in Hand gehen.

Das Suchen nach Gold gab die Veranlassung zur Entdeckung von Amerika, und der glückliche Erfolg wandelte das neue Land zu einem Stapelplatz um, nach welchem habsüchtige Abenteurer mit dem Dolch in der einen und dem Kreuz in der andern Hand kamen, um Haufen des so heiß ersehnten Metalls zu sammeln, dann aber wieder in die Heimath zurückzukehren, wo sie den gewonnenen Reichthum zur Schau stellten und durch ihren zügellosen Luxus zu neuen Wanderzügen anreizten.

Diesem unsteten Zustande ist es zuzuschreiben, daß man in Amerika nichts von jenen großartigen Denkmälern, sozusagen den Grundmauern jeder Colonie findet, die sich in einem neuen Lande fortpflanzen will. Wenn man jenen ungeheuren Continent, der sich dreihundert Jahre hindurch im friedlichen Besitz der Spanier befunden hat, heute durchwandert, so trifft man kaum da und dort irgend eine namenlose Ruine, während die Monumente, welche vielleicht Jahrhunderte vor seiner Entdeckung durch die Azteken und die Inkas errichtet wurden, noch immer in ihrer majestätischen Einfachheit dastehen, um Zeugniß abzulegen von dem früheren Vorhandensein ihrer Erbauer und von ihren Anstrengungen zu Förderung der Civilisation.

Ach, was ist aus jenen ruhmvollen, von ganz Europa beneideten Eroberungen geworden, in welchen das Blut der Henker mit dem ihrer Opfer zum Besten einer Nation sich mischte, welche einst so stolz war auf ihre tapferen Capitäne, auf ihr fruchtbares Land und ihren die ganze Welt umfassenden Handel.

Die Zeit ist fortgeschritten und das südliche Amerika büßt eben jetzt die Verbrechen, die auf seinem Boden begangen wurden. Zerrissen von Parteien, die sich um die Macht der Stunde streiten, von verderbenbringenden Oligarchieen unterdrückt und verlassen von den Fremden, die sich von seinem Fette mästeten, bricht es allmälich zusammen unter der Last seiner Trägheit, die außer Stand ist, den bleiernen Sargdeckel, der es erstickt, zu lüften, und wird sich erst wieder aufraffen, wenn einst eine neue Raçe, die rein ist von Menschenmord und das göttliche Gesetz zu ihrer Richtschnur nimmt, ihm Arbeit und Freiheit, diese Lebenselemente der Völker, bringen wird.

Mit einem Wort, die spanisch-amerikanische Raçe ist in dem Besitzthum geblieben, das sie von ihren Vorfahren erbte, ohne seine Grenzen zu erweitern; ihr Heldenmuth liegt im Sarge Carls V. begraben, und vom Mutterlande hat sie nichts beibehalten, als die Gastlichkeit, die religiöse Unduldsamkeit, die Mönche, die Guittareros und die bettelnde Soldateska mit ihren Stutzbüchsen.

Unter allen Staaten des großen mexikanischen Bundes ist Sonora der einzige, welcher sich in Folge seiner Fehden mit den benachbarten Indianerstämmen und der beharrlichen Reibung unter der Bevölkerung selbst theilweise eine charakteristische Physiognomie erhalten hat. Die Sitten seiner Bewohner verrathen eine gewisse Wildheit, welche bei der Vergleichung mit denen der inneren Provinzen auf den ersten Blick auffällt.

Der Rio Gila kann als die Nordgrenze des Staates betrachtet werden, der im Osten und Westen von der Sierra Madre und dem kalifornischen Meerbusen eingeschlossen wird. Die Sierra Madre, früher Durango, theilt sich in zwei Gebirgszüge, von denen der Hauptzug die Richtung von Norden nach Süden beibehält, der Ausläufer aber gegen Westen umbiegt und sich hinter den gegen das stille Weltmeer hin liegenden Staaten Durango und Xalisco hinzieht. Dieser Zweig der Cordilleren bildet die südliche Grenze von Sonora.

Die Natur scheint gleichsam zum Vergnügen mit vollen Händen ihre Wohlthaten in diesem Lande ausgestreut zu haben. Das Klima ist lachend, gemäßigt, gesund; der Boden birgt Schätze von Gold und Silber, bringt köstliche Früchte hervor, und auch an Arzneipflanzen ist ein Ueberfluß vorhanden.« Man findet hier die heilkräftigsten Balsame, die für die Färberei so wichtige Cochenille, trefflichen Marmor, kostbare Edelsteine, Wild und Fische aller Art. Doch haben in den weiten Oeden des Rio Gila und der Sierra Madre die unabhängigen Indianer, die Comanchen, Pawnies, Pimas, Opatas und Apachen den Weißen einen rohen Krieg erklärt und machen sich auf ihren unablässigen und unversöhnlichen Streifzügen theuer bezahlt für das Abhandenkommen jener Reichthümer, die ihren Vorfahren geraubt wurden und die sie ohne Unterlaß als ihr Eigenthum zurückfordern.

Die drei Hauptstädte der Sonora sind Guaymas, Hermosillo und Arispa. Hermosillo, früher Pitic genannt und berühmt durch die Expedition des Grafen de Raoussel Boulbon, ist die mexikanische Handelsniederlage für das stille Weltmeer und hat mehr als neuntausend Einwohner. Die Stadt liegt auf einer gegen Nordwesten sanft seewärts sich abdachenden Ebene und lehnt sich an einen gegen frostige Winde Schutz verleihenden Berg, El cerro de la campana, Glockenberg genannt, dessen Gipfel aus ungeheuren Steinblöcken besteht, die beim Anschlag einen klaren metallischen Ton von sich geben. Im Uebrigen ist diese Ciudad, wie die anderen Städte des spanischen Amerika's, schmutzig, aus gestampfter Erde gebaut und rollt vor den erstaunten Augen des Reisenden ein Bild von Trümmern, Sorglosigkeit und Verödung auf, das die Seele mit Trauer erfüllt.

Am Tage des Beginns unserer Erzählung, am 17. Januar 1817 zwischen drei und vier Uhr Nachmittags, zu einer Zeit also, um welche die Bevölkerung gewöhnlich sich in den Schatten ihrer Wohnungen zurückzieht und ihre Siesta hält, bot das sonst so ruhige Hermosillo einen befremdlichen Anblick. Ein Haufen von Leperos, Gambusinos, Schleichhändlern und Rateros drängte sich mit Geschrei, Drohungen und Geheul in der Calle del Rosario oder Rosenkranzstraße. Einige spanische Soldaten – denn Mexiko hatte damals das Joch des Mutterlandes noch nicht abgeworfen – suchten vergeblich Ordnung herzustellen und die Menge zu zerstreuen, indem sie mit ihren Lanzenschäften kreuz und quer auf das Volk lospaukten.

Der Tumult steigerte sich, und namentlich schrieen und gestikulirten die Hiaquisindianer, welche sich dem Menschenhaufen beigesellt hatten, in einer wirklich schrecklichen Weise. In den Fenstern der Häuser drängte sich Kopf an Kopf, und die Blicke, welche augenscheinlich voll Spannung auf einem außergewöhnlichen Ereigniß hafteten, waren dem Cerro de la campana zugewendet, von dessen Fuß aus dicke Rauchwolken zum Himmel wirbelten.

Plötzlich vernahm man ein mächtiges Geschrei, die Menge wich voll Schrecken auseinander, und ein junger Mensch, fast noch Kind, da er kaum sechzehn Jahre zählte, jagte, wie von einer Windsbraut getragen, in wüthendem Galopp auf einem halbwilden Pferde einher.

»Haltet ihn!« riefen die Einen.

»Den Lasso auf ihn!« schrieen die Andern.

» Valgamedios!« murmelten die Frauen, sich bekreuzend; »es ist der Teufel selber!«

Ohne übrigens an ein Anhalten zu denken, machte sich Jeder so geschwind als möglich bei Seite; der kühne Knabe aber setzte mit glühendem Gesicht und einem göttlichen Lächeln auf den Lippen sein Jagen fort. Sein Auge glänzte, und nach rechts und links theilte er derbe Hiebe mit seiner Chicote an diejenigen aus, welche sich zu sehr in seine Nähe wagten, oder nicht so schnell, als sie wünschten, aus seinem Bereiche kommen konnten.

» He, he, Caspita!« sagte ein Vaquero mit dummem Gesicht und athletischem Gliederbau, als der Knabe an ihm vorbeistreifte; »zum Teufel mit dem Narren, der mich fast umgeworfen hätte! Ei der Tausend!« fügte er bei, nachdem er einen Blick auf den jungen Menschen geworfen hatte; »ich täusche mich nicht, es ist Raphael, der Sohn meines Gevatters. Halt ein wenig, Picaro.«

Während der Vaquero die letzteren Worte bloß durch die Zähne murmelte, löste er von seinem Gurt den Lasso ab und begann dem Reiter nachzulaufen. Der Haufe, welcher seine Absicht begriff, rief ihm begeisterten Beifall zu.

»Bravo! Bravo!« erscholl es von allen Seiten.

»Fehl' ihn nicht, Cornejo!« ermuthigten ihn einige Vaqueros händeklatschend.

Cornejo – denn wir kennen jetzt den Namen dieser interessanten Persönlichkeit – näherte sich unmerklich dem Knaben, vor welchem sich mehr und mehr die Hindernisse anhäuften. Durch das Geschrei der Umstehenden aufmerksam gemacht, wandte der Reiter den Kopf und erblickte den Vaquero. Eine Leichenblässe überflog sein Gesicht; er sah, daß er verloren war.

»Laß mich doch mich retten, Cornejo,« rief er dem Anderen mit unsicherer Stimme zu.

»Nein, nein,« brüllte der Haufe. »Den Lasso auf ihn – den Lasso!«

Die Menge fand Geschmack an dieser Menschenjagd und fürchtete um ein Schauspiel zu kommen, das ihr in hohem Grade interessant geworden war.

»Ergib Dich!« entgegnete der Riese. »Wo nicht, so kriegst Du meinen Lasso wie ein Ciboto.«

»Ich ergehe mich nicht,« rief der Knabe entschlossen.

Diese Zwiesprache fand Statt, während der Eine sein Pferd ausgreifen ließ und der Andere hinterdrein jagte. Die Menge folgte brüllend nach. Wie überall, ist der Pöbel barbarisch und kennt kein Mitleid.

»Laß mich!« fuhr der Knabe fort, »oder ich schwöre Dir bei den armen Seelen im Fegfeuer, es gibt ein Unglück.«

Der Vaquero lächelte höhnisch und ließ seinen Lasso um den Kopf sausen.

»Nimm Dich in Acht, Raphael,« sagte er. »Zum letztenmal, willst Du Dich ergeben?«

»Nein, tausendmal nein,« rief der Reiter wüthend.

»In Gottes Namen denn,« sagte der Vaquero.

Der Lasso pfiff durch die Luft.

Aber nun fand ein seltsames Ereigniß Statt. Raphael hielt sein Pferd plötzlich an, schwang sich aus dem Sattel, stürzte wie ein Jaguar auf den Riesen los, der von der Erschütterung in den Sand niedertaumelte, und stieß ihm, da Niemand sich widersetzte, das Messer in die Kehle, das die Mexikaner stets im Gürtel zu tragen pflegen. Ein Blutstrom schoß dem Knaben in's Gesicht; der Vaquero aber wälzte sich einige Sekunden und wurde dann starr. Er war todt.

Der Haufe stieß einen Schrei des Schreckens und des Entsetzens aus. Schnell wie der Blitz hatte der Knabe seinen Sattel wieder gewonnen und begann auf's Neue sein verzweifeltes Rennen, wobei er mit teuflischem Lachen sein Messer in der Luft schwenkte. Als man nach der Betäubung des ersten Schrecks dem Mörder wieder nachsetzen wollte, war er verschwunden, ohne daß Jemand genau die Richtung, in welcher es geschehen, anzugeben wußte.

Wie es in solchen Fällen zu geschehen pflegt, erschien der Juez de letras (Criminalrichter) mit einer Schaar zerlumpter Alguazils auf dem Mordplatze, als es zu spät war.

Der Erstere, Don Inigo Tormentos Albaceyte mit Namen, mochte ungefähr fünfzig Jahre zählen. Er war ein kleiner, fetter Mann mit einem schlagflüssigen Gesicht, der seinen Spaniol aus einer goldenen, mit Diamanten besetzten Dose schnupfte, und unter einer anscheinenden Leutseligkeit die schnödeste Habsucht verbarg; dabei besaß er eine Verschmitztheit und Kaltblütigkeit, die nichts zu erschüttern vermochte.

Man hätte glauben sollen, das Entkommen des Mörders müsse die würdige Magistratsperson etwas in Harnisch gebracht haben; dem war übrigens nicht so. Er schüttelte einigemale den Kopf, sah sich in der Menge um und blinzelte mit feinen kleinen grauen Augen.

»Der arme Cornejo,« sagte er, indem er philosophisch seine Nase mit Tabak vollstopfte. »Ein solches Ende mußte es früher oder später mit ihm nehmen.«

»Ja,« versetzte ein Lepero, »er ist ordnungsmäßig getödtet worden.«

»Das dacht' ich mir,« entgegnete der Rath. »Der den Stoß führte, hat sein Handwerk verstanden, 's ist ein lustiger Bruder, der so was gewöhnt ist.«

»Ah, meint Ihr?« erwiederte der Lepero mit Achselzucken. »Es war ein Knabe.«

»Pah,« sagte der Richter mit erkünsteltem Staunen und ließ unter den Brauen weg einen Blick nach dem Sprecher hinschießen. »Ein Knabe?«

»Fast so,« versetzte der Lepero, der sich etwas darauf einbildete, daß man ihn auch anhörte. »Es ist Raphael, der älteste Sohn des Don Ramon.«

»Halt, halt, halt,« sagte der Richter mit geheimer Freude. »Doch nein,« fügte er bei, »'s ist nicht möglich, Raphael ist höchstens sechzehn Jahre alt und würde mit Cornejo keine Händel angefangen haben, da dieser Recht behalten haben würde, wenn er ihn nur fest am Arm gefaßt hätte.«

»Es ist doch so, Excellenz; wir Alle haben es gesehen. Raphael hat bei Don Aquilar Monte gespielt, und es scheint, das Glück war ihm nicht günstig, da er alles Geld, das er bei sich hatte, verlor. Darauf gerieth er in Wuth und steckte, um sich zu rächen, das Haus in Brand.«

» Caspita!« rief der Richter.

»Es ist so, wie ich Eurer Excellenz zu berichten die Ehre hatte. Man sieht dort noch den Rauch, obschon das Gebäude in Asche liegt.«

»Wirklich,« versetzte der Richter, indem er nach der von dem Lepero angedeuteten Seite hinblickte; »und dann –«

»Dann sann er natürlich auf seine Rettung,« fuhr der Andere fort. »Cornejo wollte ihn anhalten.«

»Er hatte Recht.«

»Hätte er's lieber bleiben lassen, denn Raphael hat ihn getödtet.«

»Da habt Ihr auch Recht,« sagte der Richter. »Doch nur ruhig, meine Freunde, die Gerechtigkeit wird ihn rächen.«

Diese Versicherung wurde von den Umstehenden mit einem zweifelhaften Lächeln aufgenommen. Ohne auf den Eindruck zu achten, den seine Worte hervorbrachten, befahl der Mann der Gerechtigkeit seinen Gehülfen, den Leichnam, welchen sie bereits durchsucht und geplündert hatten, unter das Portal der nahen Kirche zu schaffen; er selbst ging unter vergnügtem Händereiben nach seiner Wohnung zurück.

Nachdem er ein leichtes Mahl eingenommen hatte, warf er sich in ein Reisekleid, steckte ein Paar Pistolen in den Gürtel, schnallte sich einen Degen um und kam wieder zum Vorschein. Zehn bis an die Zähne bewaffnete, gut berittene Alguazils erwarteten ihn unter dem Hause. Ein Diener hielt ein prächtiges, schwarzes Roß, das ungeduldig stampfte und in den Zügel biß, am Zaum. Der Juzgo warf sich in den Sattel und ritt der Streifmannschaft voraus, die er zu einem kurzen Trab ausholen ließ.

»Der Richter Albaceyte reitet zu Don Ramon Garillas,« sagten die unter den Thüren der Nachbarhäuser stehenden Neugierigen. »Wir werden morgen etwas Neues hören.«

» Caspita!« meinten Andere; »sein Picaro von Sohn wird doch nicht den Strick gestohlen haben, der ihm zum Schwingel dienen sollte.«

»Hm,« bemerkte ein Lepero mit einem Lächeln des Bedauerns, »der kühne Bursche sagte es ihm voraus, daß es ein Unglück geben werde. Seine Enchilada an Cornejo war prächtig; der arme Teufel ist ganz in der Ordnung abgethan worden.«

Inzwischen setzte der Richter seinen Ritt fort, erwiederte mit der größten Pünktlichkeit die Begrüßungen, mit denen er unterwegs überhäuft wurde, und erreichte bald das Freie. Er hüllte sich nun in seinen Mantel und fragte, ob die Gewehre geladen seien.

»Ja, Excellenz,« antwortete der Oberalguazil.

»Gut. Jetzt nach der Hacienda des Don Ramon Garillas. Holt wacker aus, damit wir noch vor Einbruch der Nacht anlangen.«

Der Trupp setzte sich in Galopp.

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