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Die Trapper in Arkansas

Gustave Aimard: Die Trapper in Arkansas - Kapitel 15
Quellenangabe
authorGustave Aimard
titleDie Trapper in Arkansas
publisherDie Illustrirte Welt
printrunSiebenter Jahrgang
year1859
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20180825
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X.
Der Vertrag.

Um Mitternacht, als im ganzen Lager alles sich dem süßen Schlaf hingegeben hatte, erhob sich leise eine Gestalt und kroch mit der Behendigkeit einer Schlange auf allen Vieren in dem Schatten über die Barrikaden und Schanzen weg gegen das hohe Gras und den Wald hin, welcher theilweise den Hügel bedeckte und weit in die Prairie hineinlief. Nachdem sie eine gewisse Entfernung erreicht hatte und vor Entdeckung sicher war, erhob sie sich. Ein zwischen zwei Wolken durchfallender Mondstrahl beleuchtete ihr Gesicht. Es war die Amsel.

Nachdem er bedächtig umhergeschaut und gelauscht hatte, ahmte er täuschend das Geheul eines Prairiehundes nach. Sogleich wurde dasselbe Zeichen zurückgegeben, und höchstens zehn Schritte von der Amsel entfernt erhob sich ein Mann, in welchem man den Führer hätte erkennen können, welcher vor drei Tagen bei dem ersten Feuerlärm aus dem Lager entwichen war.

Die Indianer und Waldläufer bedienen sich je nach Umständen eines doppelten Verständigungsmittels, der gewöhnlichen und der Geberdensprache. Wie die erstere, so hat auch die letztere in Amerika unzählige Schattirungen, indem, so zu sagen Jeder sie selbst bildet. Sie ist ein Gemisch von wunderlichen und geheimnißvollen Gestikulationen, eine Art Freimaurertelegraphie, deren Zeichen willkürlich wechseln und nur von den Eingeweihten verstanden werden.

Die Amsel und sein Kamerad unterhielten sich durch Geberden und zwar nahezu eine Stunde. Der Gegenstand des Gesprächs schien ihn in einem so hohen Grad zu interessiren, daß er trotz seiner Vorsicht, sich gegen Ueberraschung zu sichern, der beiden brennenden Augen nicht gewahr wurde, die aus einem Gebüsch heraus mit größter Aufmerksamkeit auf ihnen hafteten.

»Ich will einmal hören,« sagte endlich die Amsel, seinen Gedanken Worte gebend, »was Euer guter Wille ist.«

»Das kann bald geschehen,« versetzte der Andere.

»Ich zähle auf Dich, Kennedy. Was mich betrifft, so habe ich mein Versprechen erfüllt.«

»Das ist recht, und es bedarf nicht so vieler Worte, um sich zu verstehen,« entgegnete Kennedy, die Achseln zuckend. »Nur hättest Du sie an einen weniger festen Platz führen sollen. Es wird nicht leicht sein, sie zu überraschen Doch nenne mir vor Allem die Bedingungen. Ich will sehen, ob wir sie annehmen können.«

»Wozu? Du bist ja nicht der Anführer.«

»Wohl wahr; aber dennoch ...«

»Du kannst nichts dabei machen, also ist's unnütz. Ja, wenn Waktehno da wäre, so würden wir uns bald verstehen.«

»Sprich nur, denn er hört Dich,« ließ sich jetzt eine volle, kräftige Stimme vernehmen.

In dem Gebüsch rauschte es, und die Person, welche bisher unbemerkt dem Gespräch der Beiden zugehört hatte und nun glauben mochte, es sei für sie die Zeit gekommen, daran Theil zu nehmen, stürzte hervor, um an die Seite der Sprechenden zu treten.

»Ah, Ihr habt uns zugehört, Hauptmann Waktehno,« sagte die Amsel kalt.«

»Hast Du etwas dagegen?«

»Nicht das Mindeste.«

»So sprich weiter. Ich bin ganz Ohr.«

Die Person, welches von der Amsel mit dem schrecklichen indianischen Namen Waktehno (Tödter) angeredet wurde, war ein etwa dreißigjähriger Mann von reiner weißer Raçe, groß, ebenmäßig gebaut, von anständiger Haltung und mit einer gewissen Nachlässigkeit in die malerische Tracht der Waldläufer gekleidet. Sein Gesicht hatte einen edlen Charakter und namentlich jenen stolzen, freimüthigen Ausdruck, welchem man so oft unter Leuten begegnet, die an das rohe und freie Leben der Prairien gewöhnt sind.

Er heftete sein großes, leuchtendes, schwarzes Auge auf die Amsel; ein geheimnißvolles Lächeln spielte um seine Lippen, und er stützte sich sorglos auf seine Büchse, während er dem Führer zuhörte.

»Wenn ich die Leute, die mich als Führer bezahlen, in Eure Hände liefern soll, so kann es nur geschehen, wenn ich einen guten Nutzen davon habe,« sagte die Amsel.

»Nicht mehr wie billig; sprich ohne Umschweife, Amsel; wir haben keine Zeit, darauf zu hören. Wie bei dem übrigen Halbblut, herrscht auch bei Dir die Indianernatur vor; ihr könnt nie frisch auf die Sache losgehen.«

»Gut,« versetzte der Führer trotzig »Ich verlange fünftausend Piaster in gutem Geld, sonst wird nichts aus der Geschichte.«

»Darüber läßt sich reden. Wir wissen jetzt doch, an was wir uns zu halten haben. Fünftausend Piaster also?«

»Ja.«

»Und gegen dieses Geld verpflichtest Du Dich, uns den General, seine Nichte und seine ganze Begleitung in die Hände zu spielen?«

»Auf Euer erstes Zeichen.«

»Gut; jetzt gib Acht, was ich Dir zu sagen habe.«

»Ich höre.«

»Du kennst mich?«

»Vollkommen.«

»Und weißt, daß man auf mein Wort zählen kann?«

»Es ist so gut wie Gold.«

»Wohlan, wenn Du getreulich den Verbindlichkeiten nachkommst, Die Du gegen mich eingehst, und mir – ich will nicht sagen alle Mexikaner von Deiner Karawane, die meinetwegen recht ehrenhafte Leute sein mögen, aber mir höchst gleichgültig sind – nur das junge Mädchen (ich glaube, Donna Luz heißt es) überlieferst, so sollst Du nicht nur fünf-, sondern achttausend Piaster erhalten. Hast Du mich verstanden?«

Die Augen des Führers funkelten vor Habgier.

»Ja,« lautete seine Antwort.

»Was sagst Du dazu?«

»Es wird schwer sein, sie allein aus dem Lager hinauszulocken.«

»Das ist Deine Sache.«

»Ich möchte Euch lieber die ganze Reisegesellschaft in die Hand spielen.«

»Zum Teufel, was soll ich damit anfangen?«

»Hm! was wird der General sagen?«

»Was er will, das kümmert mich wenig. Gehst Du auf den Handel ein? Ja oder Nein!«

»Ja.«

»Du schwörst, unseren Bedingungen nachzukommen?«

»Ich schwöre es.«

»Wie lang gedenkt der General sich an seinem neuen Lagerplatz aufzuhalten?«

»Zehn Tage.«

»Und Du sagst, Du wissest nicht ein junges Mädchen aus dem Lager zu locken, während Du doch so viel Zeit vor Dir hast?«

»Ich weiß ja noch nicht einmal, in welcher Zeit Ihr die Auslieferung verlangt.«

»Richtig. Ich gebe Dir neun Tage Frist; das heißt, am Tag vor dem Aufbruch muß ich das Mädchen haben.«

»Ja, wenn Ihr so meint –«

»Die Uebereinkunft sagt Dir also zu?«

»Vollkommen.«

»So bleibt es dabei?«

»Unwiderruflich.«

»Da hast Du einstweilen mein Angeld,« sagte der Hauptmann, indem er aus seinem Jagdhemd eine prächtige Diamantennadel zog, die der Verräther mit Freuden in Empfang nahm.

»Diese Nadel,« fuhr er fort, »ist ein Geschenk, das ich Dir mache, und soll den achttausend Piastern für Ueberlieferung der Donna Luz keinen Abtrag thun.«

»Ihr seid ebenso großmüthig als edel, Hauptmann,« versetzte der Führer, »und man kann sich glücklich schätzen, wenn man Euch dienen darf.«

»Nur mußt Du« dabei nicht vergessen,« entgegnete der Hauptmann mit derber Stimme und eisigem Blick, »daß ich der Tödter heiße, und daß es, im Fall Du mich betrügst, in der Prairie keinen Platz gibt, der fest oder unbekannt genug wäre, um Dich vor meiner Rache zu schützen.«

»Ich weiß das,« erwiederte der Mestize mit unwillkürlichem Schaudern; »aber Ihr könnt ruhig sein. Ich täusche Euch nicht.«

»Ich wünsche es. Jetzt wollen wir uns trennen, damit nicht etwa Deine Abwesenheit bemerkt werde. In neun Tagen werde ich wieder hier sein.«

»Ihr sollt dann das Mädchen erhalten.«

Der Führer schlich sich wieder nach dem Lager zurück und langte daselbst an, ohne daß man es merkte.

Sobald die beiden Männer, welche mit der Amsel diesen abscheulichen Handel abgeschlossen hatten, allein waren, verloren sie sich schweigend in das Gebüsch, in welchem sie nach Art der Schlangen weiterkrochen, und erreichten bald einen kleinen Bach, der unbekannt und unbeachtet im Walde dahin floß. Kennedy that jetzt zwei verschiedene Pfiffe; man hörte alsbald ein schwaches Geräusch, und einige Schritte von der Stelle, wo sie Halt gemacht hatten, bemerkte man einen Reiter, der zwei ledige Pferde führte.

»Komm, Franc,« sagte Kennedy; »Du hast nichts zu befürchten.«

Der Reiter kam sogleich heran.

»Was gibt's Neues?« fragte Kennedy.

»Nichts von großem Belang,« versetzte der Reiter. »Ich habe eine Indianerfährte entdeckt.«

»Ah,« entgegnete der Hauptmann, »ist sie stark?«

»Ziemlich.«

»In welchen Richtung?«

»Sie durchschneidet die Prairie von Ost nach West.«

»Und was für Indianer sind es, Franc?«

»Comanchen, wie ich vermuthe.«

Der Hauptmann besann sich eine Weile.

»Wohl eine Jägerabtheilung?« sagte er.

»Wahrscheinlich,« versetzte Franc.

Die zwei Männer warfen sich in den Sattel.

»Franc und Du, Kennedy,« sagte der Hauptmann nach einer kurzen Pause, »ihr Beide begebt Euch nach dem Büffelpaß und lagert Euch in der dort befindlichen Höhle. Bewacht mir sorgfältig die Bewegungen der Mexikaner und richtet es ein, daß Ihr nicht entdeckt werdet.«

»Seid unbesorgt, Hauptmann.«

»Ich weiß, daß Ihr gewandte und treue Leute seid, und verlasse mich deßhalb ganz auf Euch. Gebt auch auf die Amsel Acht, denn dieser Mestize flößt mir kein sonderliches Vertrauen ein.«

»Soll geschehen.«

»Auf Wiedersehen! Ihr werdet bald Weiteres von mir hören.«

Ungeachtet der Dunkelheit schlugen jetzt die drei Männer einen Galopp an und vertieften sich nach zwei verschiedenen Richtungen in die Wildniß.

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