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Die Trapper in Arkansas

Gustave Aimard: Die Trapper in Arkansas - Kapitel 11
Quellenangabe
authorGustave Aimard
titleDie Trapper in Arkansas
publisherDie Illustrirte Welt
printrunSiebenter Jahrgang
year1859
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20180825
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VI.
Der Retter.

Um dem Leser die Lage unserer Jäger klar zu machen, müssen wir zu dem Comanchenhäuptling zurückkehren. Sobald seine Feinde unter den Bäumen verschwunden waren, richtete er sich sachte auf und lauschte mit vorgebeugtem Körper, ob sie sich auch wirklich entfernten. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, riß er von seiner Decke ein Stück ab, verband damit, so gut es gehen wollte, seinen verwundeten Arm, und folgte entschlossen der Spur der Jäger. Unbemerkt von ihnen kam er bis an die Grenze des Lagers, wo er sich hinter einem Ebenholzbaum verbarg und mit ansah, wie sie ihre Fallen wieder an sich nahmen und dann weiter gingen.

Endlich kamen die Comanchen, denen es schwer geworden war, ihre Pferde einzufangen, wieder in's Lager zurück. Der Anblick ihres verwundeten Führers überraschte sie und reizte ihren Zorn auf's Aeußerste.

Adlerkopf beschloss, der Geschichte durch den teuflischen Einfall einer Verbrennung des Waldes ein Ende zu machen, da ihn, wie er nicht zweifelte, dieses Mittel nothwendig von seinen furchtbaren Gegnern befreien mußte. Er ließ durch seine Krieger, die er nach verschiedenen Richtungen entsandte, einen Kreis bilden und an mehreren Stellen zumal das hohe Gras anzünden.

Der barbarische Gedanke war der wilden Krieger würdig; Eins hatten sie jedoch übersehen. Wie bereits bemerkt, hatten die Indianer an mehreren Stellen zumal den Brand angelegt. In der vorgerückten Jahreszeit, in welcher unsere Geschichte spielt, waren Pflanzen und Gräser von den glühenden Strahlen der Sonne so ausgetrocknet, daß sie im Nu Feuer fingen und die Flammen mit furchtbarer Geschwindigkeit sich nach allen Richtungen verbreiteten. Doch stand es immer eine Weile an, bis ein Gluthmeer sich mit dem andern vereinigte.

Während nun die Indianer mit teuflischem Freudengeschrei am Saume des Feuers hin- und herliefen, hatte der Jäger mit seinem Freund zwischen zwei Flammenmauern sich hineingestürzt, die rechts und links neben ihnen hinbrausten und das eine Mal unter ihren Füßen, das andere Mal über ihren Häuptern sich zu vereinigen drohten. Zwischen verkohlten Bäumen, die krachend niederstürzten, geblendet von dem dicken Qualm, der ihnen den Athem benahm, verbrannt von dem überallher entfallenden Funkenregen, hatten die unerschrockenen Abenteurer, die kühn ihren Weg unter einem eigentlichen Feuergewölbe verfolgten, auf Kosten einiger belanglosen Brandmale das höllische Gluthenmeer hinter sich gebracht, in welchem die Indianer ihre Opfer für immer zu begraben hofften, und befanden sich schon in weiter Entfernung, als die Comanchen sich noch zu dem Erfolg ihrer List Glück wünschten.

Mittlerweile war die Prairie ein endloses Feuerfeld, vor dem die wilden Thiere, welche in ihren Schlupfwinkeln von dem Ereigniß überrascht wurden, entsetzt dahin flohen. Der Himmel leuchtete in blutigem Widerschein und ein ungestümer Wind blies Rauch und Flamme vor sich her. Die Indianer selbst entsetzten sich ob ihrem Werk, als sie ganze Berge gleich unheimlichen Leuchtthürmen auflodern sahen, die Erde glühend wurde und ungeheure Büffelheerden den Boden mit ihrem Gestampf erschütterten, ob dem selbst des Tapfersten Herz erstarrte.

Im Lager der Mexikaner war Alles in der größten Unordnung. Die Pferde hatten theilweise ihre Fußriemen zerrissen und flohen nach allen Seiten; die Männern riefen nach Munition und Waffen oder trugen Sättel und Gepäck zusammen. Jeder schrie, fluchte, kommandirte; und Alle liefen wie toll im Lager umher.

Majestätisch näherte sich das Feuer, das auf seinem Weg Alles verzehrte. Ein dichter, mit Funken erfüllter Qualm wogte schon über das mexikanische Lager hin; noch zwanzig Minuten, und alles war vorüber. Der General umschloß seine Nichte mit den Armen und forderte vergeblich von den Führern Hülfe gegen die drohende Gefahr.

Mit einemmal legte sich der Wind, der bisher dem Feuer Flügel geliehen hatte, und damit auch die Geschwindigkeit der Flamme. Die Vorsehung schien den unglücklichen Eingeschlossenen noch einige Minuten schenken zu wollen. In diesem Moment bot das Lager einen befremdlichen Anblick, denn in dem Schrecken der Gegenwart schien selbst der Instinkt der Selbsterhaltung erstickt zu sein. Die Lanceros beichteten einander, die Führer saßen in düsterer Verzweiflung da, und der General warf dem Himmel seine Erbarmungslosigkeit vor, während der Doctor nur um die Pflanze jammerte, die er nicht finden konnte. Donna Luz lag mit gefalteten Händen auf den Knieen und betete brünstig.

»Wollt Ihr uns ohne einen Rettungsversuch verbrennen lassen?« rief der General, den Arm des Führers fest umfassend.

»Wer kann gegen Gott streiten?« versetzte die Amsel kalt.

»Gibt es kein Mittel, den Tod abzuwenden?«

»Keines.«

»Es gibt eines!« rief ein Mann, der mit versengten Haaren und halbverbranntem Gesicht sich über die Gepäckschranke in's Lager stürzte, während ein anderer ihm folgte.

»Wer seid Ihr?« rief der General.

»Was kümmert's Euch?« versetzte der Fremde. »Ich komme, Euch zu retten. Mein Begleiter und ich sind außer Gefahr und wir haben Allem Trotz geboten, um Euch Hülfe zu bringen. Laß Euch dies genügen. Eure Rettung hängt von Eurem eigenen Willen ab.«

»Befehlt,« entgegnete der General, »ich werde der erste sein, der das Beispiel des Gehorsams gibt.«

»Habt Ihr denn keinen Führer bei Euch?«

»Doch,« versetzte der General.

»So sind sie Verräther oder Dummköpfe, denn das nöthige Rettungsmittel ist in der Prairie allbekannt.«

Der General warf einen drohenden Blick auf die Amsel, der sich bei dem plötzlichen Erscheinen der beiden Unbekannten eines Schauders nicht erwehren konnte.

»Ihr könnt übrigens später mit ihnen abrechnen,« fuhr der Jäger fort; »jetzt handelt sich um etwas Anderes.

Die Mexikaner hatten in dem entschlossenen Manne instinktartig ihren Retter geahnt. Mit der Hoffnung kehrte auch der Muth wieder, und sie hielten sich bereit, seine Weisungen auf's Schleunigste zu vollziehen.

»Reißt um das Lager her hurtig alles Gras aus,« sagte der Jäger.

Jeder ging an's Werk.

»Wir müssen die Decken befeuchten,« fuhr der Fremde gegen den General fort, »und über das Gepäck ausbreiten.«

Der General, der Capitän und der Doktor folgten dieser Weisung des Jägers, während dessen Begleiter die in der Mitte des Lagers gefesselten Pferde und Maulthiere mit dem Lasso niederstreckte.

»Hurtig! hurtig!« rief ohne Unterlaß der Jäger; »das Feuer erreicht uns.«

Jeder verdoppelte seine Anstrengung und in kurzer Frist war ein großer Raum abgegrast. Donna Luz sah bewundernd dem Fremden zu, der sich mitten in der drohenden Gefahr so ruhig benahm, als besitze er eine übernatürliche Gewalt über das schreckliche Element, das ihnen mit Riesenschritten näher rückte.

»Ueberlaßt das Andere mir und meinem Gefährten,« sagte der Jäger zu den Mexicanern. »Ihr mögt Euch sorgfältig in nasse Decken einhüllen.«

Dem Rath wurde Folge geleistet. Der Fremde blickte umher, machte seinem Begleiter ein Zeichen und ging dem Feuer entgegen.

»Ich verlasse Euch nicht,« sagte der General.

»So kommt.«

An dem Ende des vom Grase befreiten Raumes angelangt, streifte der Jäger mit dem Fuß einen Haufen dürren Holzes und Heu zusammen, streute etwas Pulver darauf und zündete den Stoß an.

»Was thut Ihr?« rief der General entsetzt.

»Ihr seht es. Ich bekämpfe das Feuer mit Feuer.«

Sein Begleiter hatte auf der anderen Seite das Gleiche gethan, und nun verbreitete sich rasch ein Feuergürtel, der mit Qualm und Flammen fast das ganze Lager überwölbte. Es folgte eine Viertelstunde der äußersten Spannung und Todesangst; doch allmälig wurde die Lohe schwächer, die Luft reiner, der Rauch zerstreute sich und das Brausen der Flamme ließ nach.

Endlich konnte man sich in dem schrecklichen Chaos wieder erkennen; ein Seufzer der Erleichterung hob sich aus jeder Brust. Das Lager war gerettet, während der von den Jägern besiegte Brand seine Verheerungen weiter trug.

Man beeilte sich, den Fremden zu danken.

»Ihr habt meiner Nichte das Leben gerettet,« sagte der General bewegt. »Wie kann ich Euch je meine Schuld abtragen?«

»Ihr schuldet mir nichts,« versetzte der Jäger mit edler Einfachheit. »In der Prairie sind alle Menschen Brüder; wenn ich Euch Hülfe brachte, habe ich bloß meine Pflicht erfüllt.«

Nachdem die erste Aufregung der Freude vorüber und die Ordnung im Lager wieder einigermaßen hergestellt war, suchte Jeder die Ruhe, die ihm nach den Schrecken der Nacht zum Bedürfniß wurde.

Auch die beiden Fremden, welche bescheiden, aber mit Festigkeit die Anerbietungen zurückgewiesen, die ihnen der General im Drange der Erkenntlichkeit machte, hatten sich auf das Gepäck hingestreckt, um einige Stunden zu rasten. Kurz nach Sonnenaufgang erhoben sie sich wieder.

»Die Erde muß sich jetzt abgekühlt haben,« sagte der Eine. »Brechen wir auf, eh' diese Leute erwachen; sie könnten uns zurückhalten wollen.«

»Gut,« lautete dies lakonische Antwort des Andern.

Als sie eben das Lager verlassen wollten, legte sich eine leichte Hand auf die Schulter des Ersteren. Er wandte sich um; Donna Luz stand vor ihm. Die beiden Männer hielten an und grüßten achtungsvoll.

»Ihr wollt fort?« fragte sie mit süßer, melodischer Stimme.

»Wir müssen, Sennorita,« antwortete der eine Jäger.

»Ich begreife,« versetzte sie mit einem bezaubernden Lächeln, »nachdem wir durch Eure Hülfe gerettet sind, habt Ihr hier nichts mehr zu thun. Ist's nicht so?«

Die beiden Männer nickten bejahend.

»Ich bitte Euch noch um eine Gunst,« sagte sie.

»Redet, Fräulein!«

Sie nahm ein kleines Diamantenkreuz von ihrem Halse.

»Vewahrt dies zum Andenken an mich.«

Der Jäger zögerte.

»Ich bitte,« fügte sie mit von Thränen erstickter Stimme bei.

»Ich nehme es an,« erwiederte der Jäger bewegt, indem er das Kreuz in dem Achselband, dass über seine Brust lief, verwahrte. »Es soll mir neben dem, das mir meine Mutter gab, als Talisman dienen.«

»Ich danke Euch,« entgegnete das Mädchen erfreut. »Nun noch ein Wort.«

»Redet.«

»Eure Namen?«

»Mein Begleiter heißt Belhumeur.«

»Und Ihr?«

»Treuherz.«

Nachdem die Jäger sich nochmals zum Abschied verneigt hatten, entfernten sie sich raschen Schrittes und waren bald in der Dunkelheit verschwunden. Donna Luz folgte ihnen mit den Augen, so lange sie sichtbar waren, und kehrte dann langsam und gedankenvoll nach ihrem Zelt zurück.

Dabei murmelte sie vor sich hin:

»Treuherz! ... O, ich werde ihn nicht vergessen.«

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