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Die Totenfresser

Niklaus Manuel: Die Totenfresser - Kapitel 8
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Totenfresser
authorNiklaus Manuel
year1923
firstpub1523
publisherH. Haessel Verlag
editorFerdinand Vetter
addressLeipzig
titleDie Totenfresser
pages133
created20100308
sendergerd.bouillon@t-online.de
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6. Die Dichtungen des Landvogts von Erlach 1513–1527.

Den bald nach 1523 eintretenden Rückschlag in der reformatorischen Bewegung hat Manuel nur außerhalb der Hauptstadt miterlebt, als Landvogt zu Erlach. DieseVersetzung mochte ihm ein willkommener Ersatz dafür sein, daß die Weibelstelle, um die er sich noch vom italienischen Feldzug aus (1522) beworben hatte, ihm entging und daß die Einnahmequellen des Künstlers mehr und mehr versiegten. Neuerlich bekanntgewordene Briefe an den Rat zeigen uns den Landvogt Manuel als umsichtigen Wirtschafter und als besorgten Anwalt der Bedrängten. Dazwischen schickt er einmal, im Spätherbst 1526, seinen Gnädigen Herren ein Faß Erlacher Weins zu, mit einem XXXII heitern Brief, womit er ihnen vermittelst einer allegorischen Darstellung der Weinzucht und Weinbereitung den Gegenstand der Sendung schalkhaft zu erraten gibt.

Seine Aufmerksamkeit aber blieb den religiösen Fragen nach wie vor zugewandt, und seine Muße widmete auch der Landvogt von Erlach noch mehrmals der satirischen Dichtung im Dienst der reformatorischen Gedanken. Der Ablaßhandel erregt von neuem seinen Zorn, aber auch bereits seinen Spott. Denn in der Stadt, wo Samson einst im Münster seine Bude aufgeschlagen, geht das Geschäft nicht mehr; nur bei den Bauern auf dem Lande versucht der fromme Gaukler Richardus Hinderlist noch sein Glück. Doch auch hier ist man jetzt aufgeklärt: die Bauern und Bäuerinnen wollen das Geld zurückhaben, das sie seinerzeit für die Ablaßbriefe ausgegeben. Die Weiber ziehen den Betrüger an einem Seil empor, und dieser bekennt nun, daß er ein bloßer Geldmacher ist und dabei einen sehr schlechten Lebenswandel führt. Man nimmt ihm sein Geld ab als Entschädigung für den Ablaßkauf und überläßt den Rest einem würdigen Armen, der dafür Gott dankt.

So das Spiel vom Ablaßkrämer, das kaum zur Aufführung bestimmt war. Manuel führt in dem erwähnten Briefe von 1529 unter seinen »Schimpfchristen« einen »Gaukler vom Ablaß sprechend« und einen»Ablaßkrämer« an: der erste Titel bezieht sich wahrscheinlich auf den Eingang unsrer Satire, der aus einer parodierten Ablaßpredigt besteht, worauf die eigentliche Handlung erst folgt. In der einzigen, von Manuel selbst geschriebenen und mit einer Titelzeichnung versehenen Handschrift unsres Spiels steht zu Anfang und zu Ende die Jahrzahl 1525, daneben dort noch das Monogramm Manuels und sein Künstlerzeichen, der Schweizerdegen (Dolch), während hier das Schlußwort des Textes, »schwitzerdegen«, den Verfassernamen ersetzt. Manuel zeigt sich im »Ablaßkrämer«, wie seinerzeit XXXIII in der Eingangsszene seiner »Totenfresser«, angeregt und beeinflußt von dem Basler Pamphilus Gengenbach, der in Bileamsesel (bei Goedeke, P. Gengenbach) bereits einige Jahre vorher einen Ablaßkrämer seine Ware ausbieten und vom Bauern und der Bäuerin abgewiesen werden läßt. Der Ablaß heißt hier eine päpstliche Hinterlist; Hinderlist heißt der Ablaßprediger bei Manuel.

Das Barbali, im folgenden Jahr (1526) erschienen, nimmt das Klosterleben aufs Korn. Die Dichtung bezeichnet sich selber als ein bloßes »Gespräch« und war jedenfalls auch nicht für eine Aufführung durch eine Truppe im Freien geschrieben (zwischen der ersten und zweiten Szene klafft eine Lücke von einem ganzen Jahr), aber trotzdem sehr beliebt: sie hat seinerzeit acht Auflagen erlebt. Als Manuels Werk ist sie wieder durch das Schlußwort schwyzertegen beglaubigt. 1523 war in Basel, 1524 und 1525 in Zürich das Neue Testament Luthers deutsch als Nachdruck herausgekommen, und nach seinem Text sind auch die zahlreichen Belegstellen in allen Ausgaben wiedergegeben, außer in dem einen der beiden Froschauerdrucke des Ursprungsjahrs, der diese Stellen in Reime gegossen enthält. Das Ganze ist die dialogische Ausführung eines Kapitels aus dem 1521 bei Pamphilus Gengenbach in Basel erschienenen Dritten Bundesgenossen des Eberlin von Günzburg, worin die Christenheit ermahnt wird, sich über die Klosterfrauen zu erbarmen, und insbesondere die Gründe einer Mutter widerlegt werden, aus denen sie ihre Tochter zur Nonne machen will; zugleich aber ist das Stück eine selbständige und beredte Verherrlichung des durch die Reformation verkündeten allgemeinen Priestertums, das vermöge göttlicher Einwirkung auch in einem Kinde sich offenbart. Das elfjährige Barbali soll ins Kloster, hat aber das Neue Testament gelesen und weist nun alle Zureden der Mutter und der XXXIV Geistlichen siegreich ab, indem es die Würde des Ehestands hoch über das schriftwidrige Klosterleben erhebt.

Dem Klosterleben scheint in dieser Zeit, aber vielleicht noch in Bern, Manuel auch ein Fastnachtsspiel Von Nonnen und Mönchen gewidmet zu haben, wovon uns nur 23 Verse am Schluß der neulich entdeckten Hamburger Handschrift erhalten sind. Dieses Spiel ist wohl dieselbe Schrift, die Manuel in dem Brief an Zwingli von 1529 als »Vier Männer und vier Weiber bei einem Zechgelage« bezeichnet; denn auch in dem uns erhaltenen Bruchstück des »Fastnachtsschimpfs von Nonnen und von Mönchen, wie sie miteinander Kurzweil trieben« treten vier Männer auf und erwarten Weiber zu einem Gelage. Der dabei angeschlagene Ton ist durchaus in Manuels früherer Art. Von dem Inhalt und Gang des Stückes wissen wir freilich nichts.

Als nach dem Religionsgespräch von Baden, wo im Frühjahr 1526 Eck, Faber und Murner mit Ökolampad, Haller u. a. über Messe und Heiligenverehrung gestritten hatten, beide Teile sich den Sieg zuschrieben und Murner die Gegner durch den säumigen Druck der Akten erbitterte, sah sich im Dezember 1526 der Rat von Bern veranlaßt, das Singen von Liedern zu verbieten, die von der »Disputatz«, von Zwingli, Luther u. dgl. handelten. Auf beiden Seiten machte sich damals die Erregung der Gemüter im volksmäßig derben Liede Luft. Murners »Kirchendieb und Ketzerkalender« von 1527 sollte unter anderm auch die Antwort sein auf ein »schändliches, lästerliches Liedlein« von der Disputation zu Baden. Ein solches Lied »wider Ecks und Fabers Disputieren« (ebenso wie schon das Lied von Biccocca) schreibt zuerst Bullinger unserm Manuel zu, und es ist keinerlei Grund vorhanden, das als fliegendes Blatt in zwei undatierten Froschauerdrucken uns erhaltene Gedicht einem andern zuzuweisen.

XXXV Das Lied von Ecks und Fabers Badenfahrt ist in der 14zeiligen Strophe des Meistersingers Schilher oder Schiller (»Schilers hoffthon«) verfaßt, die der »Bernerweise« des alten Eckenliedes und anderer Gedichte aus dem Sagenkreise Dietrichs von Bern entspricht, wonach auch verschiedene Lieder von Bern und vom Burgunderkriege gingen. Wiederum sind es zwei einfache Bauern, in deren derben Reden sich die Ereignisse spiegeln. Der bayrische Schweinetreiber Eck hat zu Baden ein Schwein mit sieben Ferkeln gewonnen, d. h. »eine Sau gemacht« (sich blamiert) mit seinen sieben Thesen. Dem schreienden und um sich hauenden Eck (Manuel läßt ihn als den ungeschlachten Riesen Ecke der Dietrichssage auftreten, der dort von dem Berner Dietrich besiegt wird) hat Susschin (Ökolampad) den Weg verrannt; seine Argumente blies der Bär (Haller von Bern) durch die Tür wie Sommermücken usw.

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