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Die Totenfresser

Niklaus Manuel: Die Totenfresser - Kapitel 6
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Totenfresser
authorNiklaus Manuel
year1923
firstpub1523
publisherH. Haessel Verlag
editorFerdinand Vetter
addressLeipzig
titleDie Totenfresser
pages133
created20100308
sendergerd.bouillon@t-online.de
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4. Die Datierung der beiden »evangelischen Freiheitsspiele« Manuels.

Anshelm hat freilich auch – durch sein Ansehen als bester Berner Geschichtschreiber der Zeit – wesentlich dazu XXV beigetragen, daß die Entstehung und Aufführung unserer beiden Spiele Jahrhundertelang um ein Jahr zu früh angesetzt und daß dadurch für die Folgezeit Niklaus Manuel zum Vorläufer statt – was ihm als Laien allein zukam – zum treuesten und erfolgreichsten Nachtreter der ersten wirksamen Schritte der Berner Reformfreunde von 1522 und 23 gemacht worden ist. Anshelm hat in seiner Berner Chronik – übrigens erst im Anschluß an die Ereignisse vom August und September 1522! – die Aufführung auf die Fastnacht »diß jars« (des 1522sten also, mußte man ihn verstehen und wollte er wohl auch verstanden sein) zurückverlegt, mithin diese Schaustellungen um mindestens ein halbes Jahr vor jenen herbstlichen Ereignissen – ein ganzes vor dem geschichtlichen Datum der Aufführungen an der Kreuzgasse – geschehen lassen. Er ist dazu verführt worden – oder seine Nachfolger und Nachschreiber haben ihn so verstanden – unter dem Einfluß der ersten und für lange Zeit einzigen, auch sonst vielfach unzuverlässigen, Zürcher Druckausgaben der beiden Spiele von 1524 und weiterhin, wonach dieselben an der Herren- und an der »alten« Fastnacht 1522 aufgeführt worden wären. Die katholischen Gegner freilich haben diese Vordatierung bemängelt: der Luzerner Stadtschreiber Cysat spricht fünfzig Jahre nach Anshelm sogar von einer»betrüglichen« Zurückstellung des Datums in den Drucken der »hochschmählichen« Berner Komödien. Tatsächlich – wie wir das vor zwanzig Jahren im 29. Bande der »Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache« nachgewiesen haben, freilich ohne seither damit in Bern oder auswärts Zustimmung, aber auch ohne dagegen Widerspruch zu erfahren – tatsächlich sind denn auch in Manuels »Totenfressern« einige Begebnisse der Berner und Schweizer Reformationsgeschichte berührt und teilweise mit wörtlichen Anführungen wiedergegeben, die erst in den spätern Verlauf des Jahres 1522 XXVI fallen: der Prozeß des ketzerischen Pfarrers Jörg Brunner im September, die Bittschriften Zwinglis und der Handel des verheirateten Pfarrers Urban Wyß wegen der Priesterehe, Juli bis November, endlich der Kommentar Sebastian Meyers von Bern zum Hirtenbrief des Bischofs von Konstanz, Spätjahr 1522.

Erst diese drei Ereignisse vom Sommer und Spätjahr 1522, sowie die Eroberung von Rhodus durch die Türken vom August 1522, haben Manuel für ganze Szenen und Reden seines ersten sicher zu datierenden reformatorischen Fastnachtsspieles, unserer »Totenfresser«, den Stoff geliefert und wahrscheinlich auch erst den Anstoß gegeben zu dieser Dichtung, sowie zu der kürzern »Von Papsts und Christi Gegensatz«. Denn er ist sicher der Verfasser wenigstens der Urform dieser Spiele, die uns jetzt in der neulich entdeckten Handschrift vorliegt, während für die davon mehrfach abweichende gedruckte Form, worin neben Anspielungen auf Berner und Zürcher Ereignisse von 1523 und 1524 auch einige sehr störende Umstellungen erscheinen, wohl der Ausdruck Anshelms gelten mag, daß die beiden Spiele »fürnemlich« (d. h. größtenteils, in der Hauptsache) von Niklaus Manuel gedichtet seien.

Seit der ersten Ausgabe (Zürich 1524) und seit dem Bekanntwerden des einschlägigen, um 1535 geschriebenen Teiles der Chronik Anshelms gelten diese beiden Spiele als auf die Fastnacht 1522 verfaßt und aufgeführt. Die Benutzung der Berner Ereignisse vom Sommer 1522 in dem größern, alle Mißbräuche des Papsttums zusammenfassenden Stücke ist aber so zweifellos, und die darin vorkommende Eroberung von Rhodus so unentbehrlich im Aufbau des Ganzen, daß an eine frühere Entstehung des Spieles, in das dann die Rhodiserszene erst nachträglich eingeschoben sein müßte, nicht zu denken ist.

Höchst wahrscheinlich ist auch das kleinere Spiel, worin XXVII lediglich die kriegerische Hoffart des Papstes und sein Ablaßhandel bekämpft werden, erst zu Fastnacht 1523 entstanden und aufgeführt worden; undenkbar jedenfalls ist eine Aufführung beider Spiele an der Fastnacht 1522, also zu einer Zeit, da Manuel vor Mailand lag. Die Erinnerung des ein Dutzend Jahre später schreibenden Zeitgenossen Anshelm, daß im nämlichen Jahre zu Fastnacht erst das größere, acht Tage später das kleinere Spiel aufgeführt und dazwischen, am Aschermittwoch, ein spöttischer Umzug mit dem Ablaß und mit dem »Bohnenlied« gehalten worden sei, wird wohl richtig sein; nur daß er sich durch die falsche Jahrzahl der Zürcher Ausgaben hat irreleiten lassen. Mit der richtigen Ansetzung dieser Aufführung auf Fastnacht 1523 stimmt es dagegen gut, daß in der ersten Jahreshälfte von 1523 »denen so das Spiel in der Kreuzgasse machten«, 21 Pfund vom Rate geschenkt wurden, während für 1522 weder Spiel noch Spende solcher Art erwähnt werden.

Mit diesen beiden reformatorischen Fastnachtsspielen von 1523, die seine bedeutendste dichterische Tat sind, ist Manuel zwar noch nicht, wie man dies bisher meist dargestellt hat, einer der Heerführer der evangelischen Sache im beginnenden Reformationskampf Berns gewesen;wohl aber ist der reisige Gegner der Politik Papst Leos vom vorigen Frühjahr jetzt, in dem Jahr der Vorreformation seiner Vaterstadt, auch im öffentlichen, bürgerlichen Leben derselben der vernehmlichste und wirksamste »Rufer im Streit« um die Glaubensänderung geworden, die im Brachmonat darauf in dem Reformationsmandat von Viti und Modesti ihren amtlichen Ausdruck und fünf Jahre später, in den Neujahrstagen 1528, durch das große, den Übertritt Berns vollendende Religionsgespräch in der Barfüßerkirche, wo Manuel als bestellter »Rufer« die Sprecher anzukündigen hatte, ihren Abschluß fand. XXVIII

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