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Die Totenfresser

Niklaus Manuel: Die Totenfresser - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Totenfresser
authorNiklaus Manuel
year1923
firstpub1523
publisherH. Haessel Verlag
editorFerdinand Vetter
addressLeipzig
titleDie Totenfresser
pages133
created20100308
sendergerd.bouillon@t-online.de
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2. Die Handlung des Stückes.

Erster Auftritt

(bei Bächtold [B] Vs. 1–752, mit Abzug von 175–210, 437–494, 737–750 und einzelnen andern Versen, die in der Hamburger Hs. [H] noch fehlen; bei uns Vs. 1–28): XVII

Die Totenmessen und die geistliche Hierarchie.

(Die Szene ist wie alle späteren am päpstlichen Hofe gedacht, zu dem aber die Hauptstraße von Bern den stehenden Hintergrund bildet. Alle sprechenden Personen des Spiels sind von Anfang an auf der Bühne anwesend; auch die beiden Apostel des fünften Auftritts erscheinen gleich zu Beginn als Zuschauer auf der Hinterbühne.)

Bei Gelegenheit des Leichenbegängnisses eines reichen Bauern, den die Leidmänner beklagen, triumphiert der Kilchherr mit Meßner [sigrist], Metze und Tischdiener über die Einträglichkeit der Totenmessen und Jahrzeiten. Ebenso der auf dem Throne sitzende Papst, der hiedurch, sowie durch die Schlüsselgewalt und die geistlichen Rechte, durch Ablaß und Fegefeuer, zu Macht und Reichtum gekommen ist. Kardinal, ›byssdschaf‹ [Bischof], Propst und Dekan stimmen ihm bei und preisen das gute Leben, das sie mit Krieg, Jagd und jeglicher Hoffart, dem Evangelium zuwider, aber des Papstes Lehre gemäß, führen; der Pfarrherr mit Metze und Kaplan, der Abt und der Prior samt dem Schaffner, der junge Mönch, die Nonne, die Begine und der Nollbruder [diese beiden in den Drucken umgestellt] spüren dagegen bereits den neuen evangelischen Geist im Volke und die daherige Abnahme ihrer Einkünfte, und sind auch teilweise selbst mit ihrem Stand zerfallen [dem der Mönch flucht] oder nützen ihn zu zweifelhaftem Gewerbe aus [als weitere geistliche Personen sind später – noch nicht in der Hamburger Hs. – hinter dem Bischof der Vicari Fabler und hinter dem Abt und Schaffner der Quästionierer Bonaventura Giler, s. unten, eingeschoben]. Von Laien treten sodann auf: der Landfahrer, der mit seinen Pilgergängen auf »St. Jakobs-Straße« bei den Bauern keine Unterstützung mehr findet, der kranke XVIII Hausarme, dem die Pfaffen, Mönche und Nonnen das Almosen vorwegnehmen [und der sich nun einzig des Himmelreichs getröstet, das den Armen verheißen ist], endlich der Edelmann, dessen Vorfahren ihr Gut den Pfaffen und Mönchen gegeben haben und dessen Kinder nun darben müssen, ohne daß ihnen der »Wolfsgesang« der Priester hilft [die mit dem Fegefeuer sich bereichert haben].

Zweiter Auftritt

(Bächt. 753–863; bei uns 629–738):

Die päpstliche Schweizergarde.

Der Gardehauptmann sowie die Gardeknechte Hans Eberzahn [Zahn], Heini Ankennapf, Ludi Krüterziger [Benedict Löwenziger] und Dies [Durs] Kalbskopf preisen den Papst, der sie aus den frommen Spenden der Bauern auf Kosten der Armen reich besoldet und der dem Heini, welcher die Kriegsmetze Sibylla Zöppli [Hure Sibylla Schieläugli] mit sich führt, sowie dem Dies einträgliche Pfründen und Chorherrenstellen gegeben hat, während Ludi ein reicher Dorfpfaffe zu werden hofft. Auch der »Schryber« hält auf den Papst, dessen Geldquellen so mannigfaltig sind, mehr als auf Christus und Petrus.

Dritter Auftritt

(Bächt. 864–1083; bei uns 739–956):

Rhodiserszene.

Von einem Posten und dem Gardehauptmann eingeführt, erscheint ein Rhodiser Ritter und meldet dem Papst, wie seit Mitte Augusts die Türken Rhodus beschössen, wie sie es einnehmen und sodann Apulien angreifen würden, XIX sofern nicht der Papst, der soviel Geld für den Türkenzug gesammelt, Hilfe bringen werde. Aber dieser, der andere Kriege zu führen hat, hat für Rhodus keinen Heller übrig. Der Ritter muß mit leeren Händen nach Rhodus heimkehren, um dort zu sterben, und ruft auf den Papst die himmlische Rache herab, die dem Antichrist angedroht ist; der Türke aber, auf der Szene erscheinend, spottet der Christenheit, die bereits zu drei Vierteilen sein ist und es bald ganz sein wird.

Vierter Auftritt.

(Bächt. 1084–1387; bei uns 957–1260):

Bauernszene

Der Doktor Lüpolt [d. L. predicant; später, vor V. 1834, in beiden Fassungen: doctor Lüpolt (Lütpolt) Schüchnit] flucht dem Papst, der, indem er Rhodus preisgibt, sich unwürdig zeigt, auch nur der geringste Sauhirt auf Erden zu sein, und fragt die herankommenden Bauern, ob auch sie von seiner Schinderei wüßten. Ihrer sieben treten auf und beklagen sich zunächst über den Betrug, der seinerzeit mit dem Ablaß in der Frauenkapelle des Chors der Kirche zu Bern durch den grauen Mönch und Herrn Heinrich Wölfli getrieben worden ist. Gegen sechshundert Jahre lang löse man den Ablaß, der doch immer noch von der Kirche versetzt sei. Diese stütze sich auf die Konzilien und habe doch einst eine Hure zum Papst gehabt. Christus habe der Obrigkeit Zins und Zoll entrichtet, nicht den Pfaffen, und den armen Hirten, Bauern und Laien sei er zuerst verkündet worden. Die Ablaßkrämer, die Christi Heil um Geld verkauft und Gott zu einem Krämer gemacht hätten, seien schlimmer als Diebe: man sollte sie alle ertränken. XX

Fünfter Auftritt

(Bächt. 1466–1761; bei uns 1261–1546):

Aposterszene.

Petrus kommt mit Paulus aus dem Hintergrund, und nachdem er den Papst lange mit und ohne Brille betrachtet hat, fragt er einen Kurtisan, wer der Mann sei, den man da wie einen Türken oder Heiden auf den Achseln trage. Jener wundert sich der Frage von seiten des Petrus und nennt den Papst den Herrn ungezählter Fürstentümer, die er, der Statthalter Petri, als dessen Erbteil besitzen will. Petrus kann sich nicht erinnern, je nach Rom gekommen zu sein; er ist ein armer Fischer gewesen und kennt weder jenen noch sein Gesinde. Der Kurtisan aber, der den Alten für gedächtnisschwach hält, belehrt ihn über die Macht des Papstes, den man mehr fürchtet als den Kaiser und als Gott selbst und der für Geld den Himmel zu kaufen gibt: Petrus solle sich nur vor seinem Banne hüten. Dieser entsetzt sich über den Frevel an Gott, den sein angeblicher Statthalter begeht: Christus allein könne uns selig machen. Auch von der Schlüsselgewalt, die man, der Auskunft des Kurtisans zufolge, ihm, dem Apostel, zuschreibt, weiß er nichts: die Schlüssel zum Himmel besitzen alle Christen zumal. Er fragt nun den Paulus, was er von dieser Auskunft des »Pfäffleins« halte, und ob er selbst, Petrus, sich wirklich so weit habe vergessen können, als Nachfolger Cbristi, der ihm einst die Füße gewaschen, der Oberste unter allen Christen sein zu wollen. Aber Paulus kennt den Papst auch nicht; täte er die Werke Petri und Christi, so könnte man ihm wohl seine Ansprüche hingehen lassen. Doch dem Petrus ist nichts davon bekannt, daß der Papst je gepredigt oder sich der Armen angenommen hatte, und die beiden sind darüber einig, daß er geradezu das XXI Widerspiel Christi sei. Sie wollen mit ihm nichts zu tun haben; Gott, der keine Frühmesse verschläft, wird diese Gottesschmach nicht ungestraft lassen.

Sechster Auftritt

(Bächt. 1762–1801, 1444–1451, 1388–1443, 1452– 1465, [1802–1833]; bei uns 1547–1664):

Musterungsszene.

Der Papst beruft die Kardinäle zum Kriegsrat und ordnet [unbekümmert um die Gewalttaten, die jetzt zu Rhodus geschehen mögen] sein Heer zum Krieg, wofür er aufs Frühjahr einen Ablaß in deutsche Lande ausschreiben will. Ein Kardinal begrüßt freudig diese Aussichten. Es marschieren auf: der Geschützhauptmann mit einem mächtigen Geschwader [400 Geschwadern], der Hauptmann der Reisigen mit 200 [400] Glenen, der Hauptmann der Stratioten mit 400 [300] Mann, die in zehn Jahren nie anders als im Feld gelegen haben, der Hauptmann der Pellkaner [Italianer], der dem Papst vor langen Jahren zu Ravenna, Rimini, Pistoja und in der Venediger Schlacht gedient hat, der Hauptmann der Eidgenossen, die vor langer Zeit schon für ihn gegen die Türken auf der Tiber [fehlt in den Drucken] gestritten haben, endlich der Hauptmann der Landsknechte, der ihm mit kräftigen Flüchen sechshundert alte Kriegskatzen mit wild zerschnittenen Knebelbärten zuführt. Der Papst heißt seine Kriegsleute willkommen und will ihnen einen Kardinal schicken, der sie mustert und bezahlt; er gibt ihnen Banner und Zeichen und heißt sie sich mit Wein füllen; der Bauer, der die Schuhe mit Weidenruten bindet, muß die Kosten tragen. [Der oberste Hauptmann, Kardinal de Sancte Unfrid, führt das 80 000 Mann starke Heer ab, von dem er einen Katalog gibt: 500 Glene XXII zu Roß, 1000 Ertschiere, 4000 leichte Pferde, 20 000 deutsche und 25 000 welsche Fußknechte, 38 Kartaunen, 22 Schlangen nebst anderem Geschütz, 800 Bauern mit Schaufeln. Der Papst entläßt das Heer mit seinem Segen.]

Siebenter Auftritt

(Bächt. 1834–1945; bei uns 1665–1770.)

Gebet des Doktors Lüpolt [Lütpolt] Schüchnit.

»Herr Jesu Christ, laß uns alle Menschenlehre verachten und an deine Erlösung und an dein Evangelium uns halten statt an des Papstes Acht und Bann und an die Zeugnisse der Heiden. Könnte ich mit einer Axt auf einen Streich die päpstlichen Rechte zerscheiten! Das hieße wahrhaft wider den Türken gestritten. Herr, laß uns auf dich und nicht auf jenen sterblichen Madensack vertrauen und verleih uns deinen göttlichen Segen!«


Das Totenfresserspiel, das der Maler und Kriegsmann Niklaus Manuel während der ersten reformatorischen Bewegungen in Stadt und Land Bern, aber ein halbes Jahrzehnt vor der staatlichen Glaubensänderung, durch die Berner Jungmannschaft öffentlich aufführen ließ, ist ein – in Art und Stil an die zur Fastnacht üblichen Narrengerichte sich anschließendes – eigentliches Volksurteil des jungen Bern über die Mißbräuche der Kirche: über dasWohlleben der Priester, das diese aus den Einkünften der Totenmessen, des Ablasses und der Bußen für die Übertretung des Keuschheitsgelübdes der Geistlichen so üppig zu bestreiten wissen; über die Ländergier und Kriegslust des Papstes, der dann doch für den Schutz bedrängter Christen nicht zu haben ist, das einfältige Volk durch den Ablaß und die geistlichen Rechte betrügt und seine Macht durch ein XXIII wohlgerüstetes Heer aufrecht hält. Unser Spiel ist die muntere Abrechnung, die der Laie und bereits beliebte Volksdichter über die bisherigen, aber nunmehr verjährten kirchlichen Ansprüche und Anmaßungen einer- und die Bestreitungen und Anforderungen der Gelehrten und der Ungelehrten aus dem Volke anderseits den Freunden und Gegnern überreicht, – eine bündige, bürgerlich derbe Zusammenfassung der Beschwerden und Begehrungen, die insbesondere durch die Begebnisse des abgelaufenen Jahres beim Städter und beim Bauer wach geworden sind und dort wie hier im unvergessenen Dichterwort und -bild nachwirkend durch die folgenden Jahre zu dem endlichen Umschwung von 1528 zweifellos kräftig beigetragen haben.

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