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Die tote Stadt

: Die tote Stadt - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorPaul Levin
booktitleMeisternovellen nordischer Autoren
titleDie tote Stadt
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080505
projectid23680b2e
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III.

Judith stand hinter Hermann und schob lachend ihren Arm unter den seinen.

»Ja, nun hast du mich«, sagte sie.

»Judith, wie soll ich dir danken!«

»Zuerst müssen wir an das Hotel in Helsingborg telegraphieren, wo ich die Nacht hatte bleiben wollen. Sonst haben wir Monsieur Finsen wieder hier, ehe wir es uns versehen.«

Sie gingen auf die Telegraphenstation, und Judith schrieb das Telegramm, während sie die Zungenspitze zwischen den lächelnden Lippen balancieren ließ.

»Bleibe drei Tage in Kopenhagen. Reisen Sie weiter, Konzert drei Tage später arrangieren. Treffen uns Göteborg.«

»Eiltelegramm!« rief sie dem Telegraphisten zu.

Und während sie ihren Handschuh anzog, hörten sie und Hermann den schnellen Schlag des Telegraphenschlüssels die Nachricht von ihrem Glück über den Sund senden.

Dann gingen sie in die Stadt, um einen Wagen zu ergattern. Es war keiner an dem späten Zug, der eigentlich nur zur Durchreise benutzt wurde. Judith und Hermann mußten in die engen Straßen hinein, um die Wohnung eines Fuhrmanns aufzusuchen.

Sie gingen mit Wohlbehagen durch die Ruhe und Stille. Sie kamen durch enge Gassen, wo die Häuser sich vor Alter vornüber neigten und in die Knie sanken, sie balancierten über ein paar mürbe Bretter auf einem verfallenen Hof, der von baufälligen Galerien eingerahmt war, sie schellten an einer zerrissenen Glocke und kamen sich vor wie ein Paar Abenteurer, die eine Beförderung in das Land der Romantik suchten.

Sie fuhren in der Lenznacht in dem halb zurückgeschlagenen Wagen am Sund entlang nach Hermanns Heim.

Sie fingen an, von Finsen zu sprechen, obwohl er sie nicht interessierte. Aber keines von ihnen wollte von dem sprechen, was ihnen beiden am nächsten lag. Sie benutzten Finsen als Vorwand.

Hermann lauschte Judiths Stimme, ohne aus die einzelnen Worte zu achten. Hin und wieder führte ein Windhauch von der See einen Zipfel von Judiths Mantel über seine Knie, dann erbebte sein ganzer Körper.

Finsen hatte Judith singen hören, als sie vor drei Jahren nach Paris kam, um dort zu studieren. Er, der ein hervorragender Pianist war, kam gleich auf sie zu, um ihr zu sagen, daß sie eine seltene Stimme habe, und daß er sie zu einer berühmten Sängerin machen wolle. Sie hatte zugeschlagen, weil Finsen ein sehr angesehener und ein sehr begabter Mann war. Er führte sie von ihren Landsleuten fort und in interessante Pariser Kreise ein, und er kämpfte tapfer, um die vielen Männer, die sie umschwärmten, in gebührendem Abstand zu halten. Denn Finsen liebte Judith mit einer Leidenschaft, die sie anfänglich erschreckte und ihr später lächerlich vorkam. Eines Tages, als sie sich zu einer großen Tournee vorbereiteten, hatte er in völlig erotischer Ekstase erklärt, daß er sie niemals verlassen werde. Er wolle um ihretwillen alles aufgeben. Er habe schon alle Brücken abgebrochen und sei um Scheidung von seiner Frau eingekommen, und werde nun fortwährend mit empörten Briefen von ihr und ihrer Familie bombardiert. Jetzt gehöre er Judith, und sie könne mit ihm machen, was sie wolle. Er wolle ihr folgen und sie nie aus den Augen lassen. Er wolle sie umkreisen, bis sie ihn erhörte.

Judith war bezaubert von seiner Fähigkeit, ihren Gesang zu verstehen, er ahnte alles, was darin lag, und weckte ihr eigenes Verständnis dafür. Was konnte ihr da das andere schaden? Einen Impresario mußte sie haben, und es gab keinen besseren als Finsen. Und der ewige Kampf mit ihm schmeichelte ihr anfangs und ward ihr allmählich zur Gewohnheit. Die beiden Menschen waren gewissermaßen aneinander gekettet, und sie zerrten jeder an seiner Seite der Kette.

Judith erzählte, während sich die Dunkelheit über den Sund und den einsamen Wagen herabsenkte, der sich langsam an dem stillen Strandwege entlang arbeitete.

Als sie ihre Erzählung beendet hatte, sagte Hermann: »Judith, ist das nicht ein Traum? Fahre ich wirklich mit dir nach meinem Heim? Ich höre, daß du redest, aber ich weiß kaum, was du sagst.«

Judith beugte sich lachend über ihn und sagte:

»Sich mich doch an – ich bin wirklich kein Gespenst.«

»Bist du es – du, Judith – Judith – ist es nicht eine Vision, wie an jenem Abend in der Bibliothek, als die Sehnsucht nach dir mich so heftig überkam, daß ich dich sah? Ich konnte es nicht lassen, in meinen öden Stuben umherzugehen und nach dir zu suchen. Ich ging in einer eigentümlich festlichen Stimmung und fühlte dich um mich herum. Es war ein Sommerabend, und ich konnte den Blumenduft durch die offenen Fenster spüren. Dann setzte ich mich wieder in die Bibliothek, und zum erstenmal in meinem Leben fühlte ich mich ganz als Dichter. Es war, als kämen die Worte ganz von selber aufs Papier, als schriebe ich aus meinem tiefsten Erlebnis heraus. Und wenn ich nun die Worte, die ich mir selber sooft leise vorgesungen habe, dir sage, so kehren sie ja zu ihrem Ursprung zurück.«

Ganz leise sagte Hermann:

Die goldene Nacht.

Zu diesem strahlenden Titel
Schreib' ich ein schlichtes Lied.
Die Nacht, so still und schweigend
Über die schlafende Erde zieht.

Langsam zieht sie und schweigend
Hin über Land und Meer,
Zwei glücksel'gen Menschenkindern
Leuchtet ihr Sternenheer.

Ich glaube, es schritt ein Wandrer
Wohl über den taufeuchten Rain,
Ahnte nichts von der Wonne,
Die in dies stille Haus zog ein.

»Begreifst du jetzt, daß ich nicht so recht daran zu glauben wage, daß dies mehr ist als ein Traum – nein, du verstehst mich überhaupt nicht und ich weiß nicht, wie ich dir mein ganzes Leben erklären soll. Zu Hause will ich versuchen, es zu tun. Zu Hause in der Bibliothek und in meinen eigenen Räumen. Hier will ich nur, meinen Arm um dich geschlungen, sitzen und deine Nähe fühlen.«

»Aber sage mir doch, Hermann, was hast du im Grunde in den drei Jahren erlebt, seit ich dich nicht gesehen habe?«

»Nichts und alles. Ich habe so wenig erlebt, daß ich mich noch nicht von meiner ersten Jugend losgerissen habe, und so viel, daß ich zu nichts mehr Lust habe. Es kommt mir vor, als wenn die anderen eine große Komödie spielten, in der ich keine Rolle erhalten habe. Aber das ist verkehrt, denn man soll mitspielen. Man soll sich selber sagen: ich will die oder die Maske tragen – die des Gelehrten, des Dichters, des Beamten, des Politikers, was es nun sein mag. Man soll versuchen, in die Illusion hineinzukommen, daß dies alles etwas bedeutet, denn sonst kann man das Leben nicht leben. Und man soll dafür sorgen, sich soviel wie möglich mit den andern zu schaffen zu machen. Man soll ihnen schmeicheln und Interesse für ihre Angelegenheiten heucheln, man soll sich vor dem Platz der Mächtigen beugen, um später selber dort zu sitzen und zu sehen, wie sich andere vor einem beugen. Aber siehst du, wir Bratts haben das niemals nötig gehabt, und deshalb kann ich es auch nicht. Wir sind schlechte Soldaten, denn wir mögen uns nicht führen lassen. Ich habe nur eine Eroberung gemacht, und die führe ich über Nacht in das Haus meiner Väter!«

Sie saßen eine kleine Weile schweigend da. Judith unterbrach die Stille.

»Sobald ich dich traf, überkam mich eigentlich die Lust zu bleiben. Ich habe Dänemark ja seit mehreren Jahren nicht gesehen. Als du und ich vorhin in der Bahn saßen, packte mich ein Gefühl, daß ich wieder daheim sei. Weißt du noch, als ich reisen wollte? Den letzten Abend brachtest du mich in die Bibliothek. Ach, wie jung und verlegen wir damals beide waren. Ich sehe dich noch vor mir. Du wandertest zwischen allen den Regalen auf und nieder. Und du erzähltest mir, daß du mich liebtest, und du sagtest, ich solle nicht reisen, du könntest mich nicht entbehren. Wie deutlich du mir vor Augen stehst! Du sprachst in fliegender Eile und wagtest nicht einmal, mich anzusehen. Und schließlich kamst du und küßtest mir die Hände. Ach ja, ich war damals so dumm und unbarmherzig. Aber »das Reisefieber lag mir im Blut, und während du mich batest, zu bleiben, stand ich in meine eigenen Gedanken versunken da und nahm Abschied von der Bibliothek und dem Hause und von deiner Mutter und dir – und wünschte, daß es erst der nächste Tag sei, und daß ich erst in der Bahn säße. Lieber Hermann! Und während ich umherstreifte und sehr wenig an dich dachte, saßest du daheim auf demselben Fleck und dachtest an mich.«

Sie saßen jetzt schweigend da, jedes mit seinen Gedanken beschäftigt. Und plötzlich sagte Judith:

»Drei Tage – drei Tage haben wir jetzt.«

Hermann sprang auf.

»Drei Tage – was soll das heißen? Meinst du, daß du jemals zu Finsen zurückkehren wirst? Ich sollte dich von mir lassen! Drei Tage – ja, und alle Tage, die darauf folgen.«

Judith lehnte sich in Hermanns Arm zurück und fühlte mit Wohlbehagen, wie stark er sie umschlang. Er war nicht der verlegene Hermann, den sie kannte; es war wieder die verwegene Liebe in ihn gefahren, wie in Helsingör, als er für sie handelte und sie Finsen mit Gewalt entriß.

Und plötzlich fühlte sie Hermanns Mund auf dem ihren. Sie schlang die Arme um seinen Hals und ihre Lippen begegneten sich wie Flammen. Sie wußten nicht, wer sie waren, es gab nicht Zeit, nicht Raum für sie. Die Nacht breitete ihre weichen Schwingen über sie aus und das Plätschern des Sundes trug sie weit weg.

Ein Peitschenknall weckte sie, der Wagen stand mit einem Ruck still, und der schläfrige Kutscher, der fast auf dem ganzen Wege geschlafen hatte, wandte sich nach ihnen um.

»Hier ist es!«

Hermann sprang zuerst hinaus. Er nahm Judiths Reisetasche vom Bock, bezahlte den Kutscher und hob Judith herab.

Es war gegen vier Uhr, die Morgendämmerung schimmerte draußen über den Sund. Es war nicht hell und nicht dunkel, es war eine Nacht mit Verheißungen von einem Tage, und ein Tag, der die Nacht noch nicht vertrieben hatte. Das alte, weiße Haus lag schweigend dahinter, aber oben auf dem Dache begann es schon zu schimmern, und in den Bäumen des Parkes erwachten die Vögel.

Hermann stand, Judith in den Armen haltend, da.

Er trug sie nicht wie eine Last, sondern als sei sie eine feine, duftende Blume.

Unten vom Strandwege her drang das Knirschen der Wagenräder an ihr Ohr. Dann verschwand der Wagen, und keine Spur von Menschen war mehr vorhanden.

Und in jubelndem Lebensmut hob Hermann Judith hoch in die Höhe, zu der steigenden Sonne empor, und rief mit der vollen Kraft seiner Lungen über das erwachende Land:

»Judith!«

Dann setzte er Judith wieder nieder und schloß ihr die Tür des Hauses auf.

Eine fieberhafte Geschäftigkeit befiel sie beide. Sie sprachen leise, um niemand von der Dienerschaft zu wecken, geräuschlos trugen sie Judiths Sachen in Hermanns Schlafzimmer.

Sie sahen einander nicht an; wenn ihre Hände sich begegneten, zitterten sie. Die Verwandlung aus dem Dunkel und der Einsamkeit da draußen zu dem Licht im Zimmer und der Wirklichkeit der Möbel machte sie unsicher. Judith zog die Vorhänge langsam vor die Fenster.

Draußen erwachte der Tag mehr und mehr, und als Judith sich nach Hermann umwandte, fiel ein Sonnenstreif durch die schmale Öffnung zwischen den Gardinen auf ihr Haar.

Hermann streckte seine Arme nach ihr aus, er umfaßte ihren Körper, sie schlossen beide die Augen. Zärtlich küßte er ihr Stirn und Haar, einmal, viele Male. Hermann war leichenblaß, sein Blick mied den ihren und sein Umfangen löste sich, als würden seine Arme gelähmt. Ohne ein Wort zu sagen, stürzte er zur Tür hinaus.

Judith stand einen Augenblick ganz verwirrt da, das Blut schoß ihr ins Gesicht, und ihre Hände wurden ganz weiß und kalt. Aber das währte nur eine Sekunde. Dann sank das Blut wieder, und sie mußte unwillkürlich lachen.

Sie hörte Schritte auf dem Kies draußen, und sie guckte durch die Öffnung zwischen den Gardinen.

Da draußen ging Hermann unruhig und hastig auf und nieder, ohne Hut. Judith summte eine Melodie vor sich hin, als sie sich langsam entkleidete.

Sie ließ sich mit Wohlbehagen zwischen die weißen, kühlen Bettücher gleiten, die Müdigkeit beschlich sie liebkosend, und als sie sah, daß sie vergessen hatte, ihre Ringe abzunehmen, fühlte sie sich zu wohlig, um aufzustehen und sie abzulegen. Noch im Halbschlummer hörte sie Hermanns Schritte draußen vor dem Fenster.

Dann überkam sie der Schlummer ganz, sie hörte nichts und träumte nicht. Auf ihren Lippen lag noch ein Lächeln. Die Strahlen der Sonne flimmerten tiefer und tiefer ins Zimmer hinein, schließlich erreichten sie Judiths Hand und ließen alle die kostbaren Steine in ihren Ringen aufblitzen.

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