Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Robert Louis Stevenson >

Die tollen Männer

Robert Louis Stevenson: Die tollen Männer - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/stevenso/tollmann/tollmann.xml
typenarrative
authorRobert Louis Stevenson
booktitleDie tollen Männer und andere Geschichten
titleDie tollen Männer
publisherDiogenes Verlag AG
isbn3257207085
firstpub1924-1927
translatorMarguerite Thesing
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110811
projectid28b90250
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel

Ein Mann aus dem Meere

Rorie machte sich auf den Heimweg, zu einem warmen Zimmer und Frühstück; mein Onkel dagegen hatte es sich in den Kopf gesetzt, die Küste von Aros abzusuchen, und ich empfand es als meine Pflicht, ihn überall zu begleiten. Er war jetzt gefügig und ruhig, wenn auch körperlich und geistig von unsicherer Schwäche, und betrieb seine Untersuchungen mit kindischem Eifer. Er kletterte die Felsen weit hinunter und lief am Strande den fliehenden Wellen nach. Jede zerbrochene Planke, jeder Fetzen Taus waren in seinen Augen ein Schatz, den es sich bei Gefahr des Lebens zu sichern galt. Zu sehen, wie er so mit schwankenden Schritten der Brandung nachjagte und sich den Schlingen und Fallen der tangbewachsenen Felsen aussetzte, hielt mich in ständiger Aufregung. Mein Arm war stets bereit, ihn zu stützen, meine Hand hielt ihn beim Rocke fest; ich half ihm, seine armseligen Funde aus dem Bereich der wiederkehrenden Wellen herauszuziehen. Eine Amme, die ein siebenjähriges Kind zu betreuen hat, hätte die gleiche Aufgabe gehabt.

Wenn auch die Reaktion auf den Wahnsinn der verflossenen Nacht ihn schwächte, so erwiesen sich doch die in ihm schwelenden Leidenschaften stark wie die eines gesunden Mannes. Seine Furcht vor dem Meere lebte, wenn auch vorübergehend überwunden, doch in unverminderter Kraft fort. Wäre das Meer ein See lebendigen Feuers gewesen, er hatte nicht ängstlicher vor einer Berührung mit ihm zurückschrecken können, und als er einmal ausglitt und bis zur Wade in einen Wassertümpel hineinfuhr, glich der Schrei, den er aus tiefster Seele ausstieß, einem Todesschrei. Eine Weile danach saß er schwer schnaufend wie ein Hund da, jedoch die Beutegier siegte abermals über seine Furcht; und abermals wankte er in den quirlenden Gischt hinaus; abermals kroch er unter den platzenden Wasserblasen auf den Felsen umher, sein Sinnen und Trachten anscheinend ausschließlich auf Treibholz gerichtet, das im besten Falle noch dazu gedient hätte, ins Feuer geworfen zu werden. Dabei schalt er, trotz seines Entzückens über seine Funde, unablässig über sein Mißgeschick.

»Aros,« sagte er, »ist kein guter Ort für Schiffsunglücke, gar kein guter Ort. Die ganzen Jahre über, in denen ich hier gewohnt habe, ist dies das zweite, und dabei sind die besten Sachen hin, glatt hin!«

»Onkel,« sagte ich, da wir inzwischen ein Stück offenen Strandes erreicht hatten, wo nichts ihn ablenken konnte, »ich sah dich gestern, wie ich dich niemals zu sehen erwartet hatte – du warst betrunken.«

»Nein, nein,« sagte er, »so schlimm war's nicht. Ich hatte allerdings getrunken. Um die Wahrheit zu sagen, ich kann es nicht ändern. Keiner ist für gewöhnlich so nüchtern wie ich; aber wenn ich den Wind pfeifen höre, werd ich, glaub ich, verrückt.«

»Du bist religiös,« antwortete ich, »und Trinken ist eine Sünde.«

»Ja, wenn's keine Sünde wäre,« entgegnete er, »würd' ich wohl gar nicht danach fragen. Es ist schierer Trotz, siehst du. In dem Meere dort lebt ein gut Stück von der alten Erbsünde; unchristlich bleibt's, und wenn man's noch so milde betrachtet. Wenn es nun gar tobt und der Wind schreit – das Meer und der Wind sind so eine Art Vettern, mein ich, – und die ›Tollen Männer‹, die verrückten Burschen, brüllen und lachen, und die armen Seelen so die liebe lange Nacht da draußen in der Öde auf ihren Nußschälchen gegen den Tod ankämpfen – ja dann kommt's über mich wie Besessenheit. Ich bin ein Teufel, ich weiß es. An die armen Schifferleute denk ich gar nicht; ich bin für das Meer, ich bin wie einer seiner eigensten ›Tollen Männer‹ .«

Ich glaubte, ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen zu können. Ich wandte mich dem Meere zu; die Brandung rollte lustig weiter, Welle für Welle jagte mit fliegender Mähne gegen den Strand, bäumte und bog sich und stürzte über die nächste hinweg auf den zerstampften Sand. Draußen waren die Salzluft, die aufgeschreckten Möwen, das zerstreute Heer der Seestreitrosse, die sich wiehernd begrüßten, während sie sich zum Sturmlauf gegen Aros sammelten; und dicht vor uns schlängelte sich jene Linie über die Sandfläche, über die hinaus sie trotz ihrer großen Zahl und Wut niemals zu dringen vermochten.

»Bis hierher sollst du und nicht weiter,« sagte ich; »hier sollen sich legen deine stolzen Wellen.« Und dann zitierte ich, so feierlich als ich es nur irgend vermochte, eine Strophe, die ich schon oft zuvor dem Chor der Wellen angepaßt hatte:

»Der Herr, der ob den Wolken thront,
»Gebeut dem sündigen All,
»Erhabener als der Wasser Wucht
»Und wilder Wogen Schwall.«

»Ja,« sagte mein Verwandter, »zuletzt wird der Herr triumphieren; daran zweifle ich nicht. Aber hier auf Erden wagen die törichten Menschen ihm ins Gesicht zu trotzen. Es ist nicht klug; ich sage nicht, daß es klug ist; aber es ist Lebenslust, Augenweide, Würze der Freude.«

Ich schwieg hierauf. Wir hatten begonnen, den schmalen Streifen Land zu überschreiten, der zwischen uns und Sandag lag. Ich hielt daher mit den wenigen mir übrig gebliebenen Argumenten zurück, kraft derer ich die bessere Natur dieses Mannes zu rühren hoffte, bis wir auf dem Schauplatz seines Verbrechens angelangt waren. Auch er verfolgte das Thema nicht weiter, sondern ging in festerer Haltung neben mir. Der Appell an seine Vernunft wirkte wie ein Kräftigungsmittel. Ich sah, daß er das Suchen nach wertlosem Plunder über einer tiefen, düsteren und dennoch anregenden Grübelei vergessen hatte. In drei bis vier Minuten hatten wir den Abhang erklommen und befanden uns bereits auf dem Abstieg nach Sandag. Das Wrack war durch die See arg mitgenommen; der Rumpf war herumgeschleudert und weiter ins Meer gezogen worden; vielleicht lag auch das Heck etwas höher, denn die beiden Teile waren jetzt ganz von einander losgerissen. Als wir neben dem Grabe angelangt waren, hielt ich inne, entblößte trotz des heftigen Regens mein Haupt und sprach zu meinem Oheim, ihn fest ins Auge fassend: »Ein Mann wurde durch die Vorsehung Gottes von Todesgefahr errettet; er war arm, er war nackend, er war durchnäßt und müde, er war ein Fremdling. Er hatte alles Recht der Welt auf das Mitleid deines Herzens; vielleicht war er das Salz der Erde, heilig, hilfreich und gut; vielleicht war er von Sünden beladen, ein Mensch, für den der Tod den Anfang der Hollenpein bedeutete. Ich frage dich hier im Angesichte des Himmels: Gordon Darnaway, wo ist der Mann, für den Christus gestorben ist?«

Bei den letzten Worten schrak er merklich zusammen; aber es kam keine Antwort, und sein Gesicht drückte kein anderes Gefühl als unruhige Besorgnis aus.

»Du warst meines Vaters Bruder,« fuhr ich fort; »du hast mich gelehrt, dein Haus als mein Vaterhaus zu betrachten, und wir sind beides sündige Menschen, die vor des Herrn Angesicht in den Sünden und Fährnissen des Lebens wandeln. Durch das Böse, was wir tun, führt Gott uns zum Guten; wir sündigen, ich wage nicht zu sagen durch seine Versuchung, aber ich kann getrost sagen mit seiner Zustimmung, und für jeden, den viehischen Menschen ausgenommen, sind seine Sünden der Anfang der Weisheit. Gott hat dich durch dies Verbrechen gewarnt; er warnt dich auch jetzt noch durch das blutige Grab zu unseren Füßen; und wenn keine Reue, keine Besserung, keine Umkehr zu Ihm folgen sollte, wessen sollen wir uns dann in der Folge versehen, wenn nicht eines denkwürdigen Gerichts?«

Noch während ich diese Worte sprach, glitten meines Onkels Augen von meinem Gesicht hinweg. Sein Aussehen erfuhr eine unbeschreibliche Veränderung: die Gesichtszüge schienen zusammenzuschrumpfen, die Farbe wich aus seinen Wangen, zitternd hob er die eine Hand und wies damit über meine Schulter hinweg in die Ferne, und wieder fiel der vielgenannte Name von seinen Lippen: Die Christ-Anna!

Ich drehte mich um, und wenn ich mich auch nicht im gleichen Maße wie er entsetzte, wozu der Grund bei mir, dem Himmel sei Dank, wegfiel, war ich dennoch erschrocken über den Anblick, der sich mir bot. Die Figur eines Mannes stand aufrecht auf dem Kabinenverschlag des gescheiterten Schiffes, den Rücken zu uns gekehrt. Er schien, die Hand über den Augen, die offene See abzusuchen, und seine Gestalt, die sehr hoch war, hob sich in ihrer ganzen Größe gegen den Horizont ab. Wohl tausendmal habe ich betont, daß ich nicht abergläubisch bin, aber in diesem Augenblick, da mein ganzes Denken auf Tod und Sünde gerichtet war, erfüllte mich die unerklärliche Erscheinung eines Fremden auf dieser meerumschlossenen, einsamen Insel mit einem Erstaunen, das an Schrecken grenzte. Es schien kaum möglich, daß eine Menschenseele bei einem Seegang, wie er gestern Nacht an der Küste von Aros tobte, lebendig das Land erreichen konnte, und das einzige Fahrzeug meilenweit in der Runde war vor unseren Augen bei den ›Tollen Männern‹ untergegangen. Zweifel stürmten auf mich ein, die jede Ungewißheit unerträglich machten; ich trat, um die Frage ein für allemal sofort zu entscheiden, vor und rief die Gestalt an, wie man ein Schiff anruft.

Der Mann drehte sich um, und ich meinte ihn bei unserem Anblick zusammenschrecken zu sehen. Sofort kam mir mein Mut wieder, und ich machte ihm durch Zeichen und Rufe klar, näher zu kommen. Er sprang auch sogleich auf den Strand hinunter und begann, sich uns zögernd und mit vielen Pausen zu nähern. Bei jedem neuen Beweis seiner Unruhe wurde ich selbstsicherer und trat abermals einen Schritt vor, indem ich ihm mit dem Kopf und mit der Hand Mut zuwinkte. Es war klar, daß der Schiffbrüchige nicht sonderlich viel Gutes über die Gastlichkeit unserer Insel gehört hatte, und in jenen Zeiten genoß die Bevölkerung im hohen Norden in der Tat in dieser Hinsicht einen schlechten Ruf.

» Sieh doch,« sagte ich, » der Mann ist ein Schwarzer!« Gerade in diesem Augenblick brach mein Verwandter mit einer Stimme, die kaum wiederzuerkennen war, in einen ununterbrochenen Strom von Flüchen und Gebeten aus. Ich sah ihn an; er war auf die Knie gesunken, sein Gesicht war qualverzerrt. Bei jedem Schritt, den der Schiffbrüchige näher trat, schrillte seine Stimme lauter, verdoppelten sich Beredsamkeit und Inbrunst seiner Sprache. Ich nenne seine Worte Gebete, denn sie waren an Gott gerichtet; sicherlich aber hat nie zuvor eine Kreatur solche himmelschreiende Widersinnigkeiten seinem Schöpfer zugerufen: wahrlich, wenn Gebet Sünde sein kann, dann war es diese wahnsinnige Rede. Ich lief auf ihn zu, packte ihn an den Schultern und zerrte ihn auf die Füße.

»Schweig, Mann,« rief ich, »ehre deinen Gott mit Worten, wenn nicht mit Taten. Hier, auf dem Schauplatz deiner Schuld, sendet Er dir die Möglichkeit zur Sühne. Vorwärts, nimm sie wahr! Geh jenem Geschöpf, das zitternd dein Erbarmen heischt, wie ein Vater entgegen.«

Mit diesen Worten versuchte ich, ihn zu dem Schwarzen hinzudrängen, aber er schlug mich zu Boden, entriß sich meiner Faust, indem er einen Fetzen seiner Jacke in meiner Hand zurückließ, und floh wie ein Hirsch den Aroser Berg hinauf. Ich erhob mich taumelnd, betäubt und verletzt; der Neger war überrascht, vielleicht auch erschrocken auf halbem Wege zwischen mir und dem Wrack stehen geblieben; mein Onkel hatte, in großen Sprüngen von Fels zu Felsen schnellend, bereits einen beträchtlichen Teil des Weges zurückgelegt, und ich sah mich also im Augenblick zwischen Pflicht und Pflicht zerrissen. Ich entschied mich – und ich hoffe zu Gott, daß ich recht getan – zu gunsten des armen Burschen am Strande, war doch sein Unglück zum mindesten nicht von ihm selbst geschaffen und von der Art, daß ich es bestimmt zu lindern vermochte; außerdem hatte ich begonnen, meinen Onkel als einen unheilbaren, hoffnungslosen Wahnsinnigen zu betrachten. Ich schritt daher auf den Schwarzen zu, der mein Kommen mit verschlungenen Armen, wie einer, der auf jedes Schicksal gefaßt ist, erwartete. Bei meinem Herannahen streckte er mir mit großer Gebärde, wie ich sie auf der Kanzel gesehen habe, die Hand entgegen und sagte etwas im Predigerton, von dem ich kein Wort verstand. Ich versuchte, ihn zuerst englisch und dann gälisch anzureden, beides aber vergeblich, und ich sah ein, daß wir uns auf die Sprache des Ausdrucks und der Gesten verlassen mußten. Hierauf bedeutete ich ihm, daß er mir folgen solle, was er bereitwilligst, mit einer ernsten Verneigung gleich einem gefallenen König, tat. Währenddessen war keinerlei Veränderung über sein Gesicht gegangen; während des Wartens hatte er weder Besorgnis, noch jetzt, da er der Furcht behoben war, Erleichterung gezeigt. War er, wie ich annahm, ein Sklave, so konnte ich nicht umhin zu glauben, daß er in seinem Heimatlande von erhabener Stellung gestürzt war, und trotz seiner Erniedrigung rang seine Haltung mir Bewunderung ab. Als wir an dem Grabe vorbeikamen, hielt ich inne und wies mit der Hand und den Augen zum Himmel, als Zeichen meiner ehrfürchtigen Trauer um den Toten, und als Antwort verbeugte er sich tief mit ausgebreiteten Armen. Die Bewegung war befremdlich und wirkte doch wie eine althergebrachte Sitte; wahrscheinlich gehörte sie zum Zeremoniell des Landes, woher er kam. Gleichzeitig wies er auf meinen Onkel, dessen hockende Gestalt wir auf einer Erhöhung über uns sehen konnten, und berührte mit dem Finger seine Stirn, zum Zeichen daß er ihn für verrückt hielt.

Wir gingen den langen Weg am Strande nach Hause, da ich auf dem Abkürzungspfad quer über die Insel meinen Onkel aufzuschrecken fürchtete, und beim Gehen hatte ich Muße, die kleine dramatische Szene, durch die ich meinen Vermutungen Gewißheit zu verschaffen hoffte, in mir ausreifen zu lassen. Ich blieb daher auf einem der Felsen stehen und fing an, vor dem Neger die Handlungen des Mannes nachzuahmen, den ich tags zuvor in Sandag beim Aufnehmen der geographischen Lage belauscht hatte. Er verstand mich sofort, und mir die Komödie aus den Händen nehmend, zeigte er mir, wo das Boot war, wies auf das Meer hinaus, wie um die Lage des Schoners anzugeben, und dann auf das Felsufer hin, wobei er mit fremdländischer aber klar erkennbarer Betonung die Worte »Espiritu Santo« aussprach. Ich hatte also mit meinen Mutmaßungen recht gehabt; die angebliche historische Untersuchung war nur ein Mäntelchen für die Schatzsucherei gewesen; der Mann, der Dr. Robertson hinters Licht geführt hatte, war derselbe, der im Frühjahr in Grisapol aufgetaucht war, und der jetzt mit vielen anderen unter der Roost von Aros begraben lag: dahin hatte ihre Goldgier sie gebracht, dort waren ihre Knochen zu ewigem, unruhigem Schlummer eingegangen. Inzwischen fuhr der Schwarze mit seiner Nachahmung der Szene fort; jetzt blickte er himmelwärts, wie wenn er das Herannahen eines Unwetters beobachtete; dann, in dem Charakter eines Seemannes, winkte er den anderen zu, an Bord zu kommen; im nächsten Augenblick lief er als Offizier am Ufer entlang, um in das Boot zu springen, und wieder bog er sich als eifriger Bootsmann über die Ruder. Die ganze Zeit über jedoch bewahrte er die gleiche feierliche Miene, so daß er mir kein einziges Lächeln entlockte. Schließlich deutete er in einer nicht mit Worten zu beschreibenden Pantomime an, wie er selbst zu dem Wrack hinaufgegangen sei, um es zu untersuchen, und wie seine Kameraden ihn zu seinem Leidwesen und seiner Empörung im Stich gelassen; und zuletzt faltete er noch einmal die Arme über der Brust und neigte den Kopf wie jemand, der sich in sein Schicksal ergeben hat.

Nachdem somit das Geheimnis seiner Gegenwart aufgeklärt war, machte ich ihm durch eine Skizze das Schicksal des Schiffes und aller, die an Bord gewesen waren, klar. Er zeigte weder Überraschung noch Kummer, sondern schien durch ein plötzliches Öffnen und Heben der Hand seine früheren Freunde oder Gebieter (welches sie nun gewesen sein mochten) dem Willen Gottes anzuempfehlen. Eine wachsende Achtung stieg in mir auf, je länger ich ihn beobachtete. Ich sah, daß er starken Geistes und ernsten, gesetzten Charakters war, wie ich sie zum Umgang liebte, und noch ehe wir das Aroser Gehöft erreichten, hatte ich ihm seine unheimliche Farbe, wenn ich sie auch nicht ganz vergessen konnte, gänzlich verziehen.

Mary erzählte ich rückhaltlos das Vorgefallene, wenn auch, wie ich zugeben muß, das Herz mir dabei versagte; aber ich hatte unrecht, an ihrem Gerechtigkeitsgefühl zu zweifeln.

»Du hast recht getan,« sagte sie, »Gottes Wille geschehe.« Und sie machte sich sogleich daran, uns aufzuwarten.

Sobald ich mich gesättigt hatte, bat ich Rorie, den Schiffbrüchigen, der immer noch aß, im Auge zu behalten, und machte mich auf die Suche nach meinem Onkel. Ich sah ihn, noch ehe ich weit gegangen war, auf der selben Stelle auf dem höchsten Gipfel in anscheinend der selben Haltung sitzen. Von jenem Punkte aus breitete, wie gesagt, der größere Teil von Aros und der Roost sich wie eine Landkarte zu seinen Füßen aus. Es war klar, daß er nach allen Richtungen scharfen Ausguck hielt, denn kaum war mein Kopf über dem Rande der ersten Anhöhe aufgetaucht, als er aufsprang und sich umwandte, als wolle er mir entgegentreten. Sofort rief ich ihn an, so gut es ging und in dem gleichen Ton und mit den gleichen Worten, deren ich mich häufig bediente, wenn ich ihn zu Tisch bat. Er antwortete nicht einmal durch eine Bewegung. Ich trat etwas weiter vor und versuchte abermals zu verhandeln, mit dem gleichen Resultat. Als ich mich ihm indes zum zweiten Male näherte, flammte seine irrsinnige Furcht wieder auf, und noch immer schweigend wie das Grab, aber mit unglaublicher Schnelligkeit begann er vor mir den steinigen Bergrücken entlang zu fliehen. Eine Stunde zuvor war er todmüde und ich relativ frisch gewesen. Jetzt aber schöpfte er frische Kraft aus der Glut des Wahnsinns, und jeder Gedanke an Verfolgung wäre umsonst gewesen. Ja, der Versuch allein hätte vielleicht schon genügt, um seine Furcht aufzupeitschen und damit auch das Gefährliche unserer Lage zu verschärfen. Mir blieb daher nichts übrig, als nach Hause zu gehen, und Mary meinen traurigen Bericht zu erstatten.

Sie nahm ihn, wie auch den ersten, mit ruhiger Fassung entgegen und brach, indem sie mich aufforderte, mich hinzulegen und der Ruhe zu pflegen, die ich so dringend nötig hatte, selbst auf, um ihren irregeleiteten Vater zu suchen. In jenen Jahren hätte viel dazu gehört, um mich des Schlafes und des Appetits zu berauben. Ich schlummerte lang und fest, und Mittag war längst vergangen, als ich aufwachte und mich die Treppe hinunter zur Küche begab. Mary, Rorie und der schwarze Schiffbrüchige saßen schweigend um das Feuer herum und ich sah, daß Mary geweint hatte, wie ich bald erfuhr, mit gutem Grund. Erst sie und dann Rorie waren aufgebrochen, um meinen Onkel zu suchen; nacheinander hatten sie ihn oben auf dem Hügel hockend gefunden, und vor beiden war er stumm und eilig geflohen. Rorie hatte vergeblich versucht, ihn einzuholen; der Wahnsinn lieh seinen Sprüngen eine nie geahnte Kraft. Er setzte von Fels zu Fels über die breitesten Abgründe hinweg, jagte wie der Wind über die Hügel, floh die Kreuz und die Quer wie ein gehetzter Hase vor den Hunden; schließlich mußte Rorie es aufgeben, und das letzte, was er von ihm sah, war, wie er wieder wie zuvor auf der Aroser Anhöhe saß. Selbst in der tollsten Jagd, selbst als der schnellfüßige Diener für einen Augenblick sehr nahe daran war, ihn einzufangen, hatte der arme Irre keinen Laut von sich gegeben. Er floh stumm wie ein Tier, und dieses Schweigen hatte seinem Verfolger Entsetzen eingeflößt. Die Lage hatte etwas Herzzerreißendes. Wie war dieser Geisteskranke einzufangen? Wie sollten wir ihn inzwischen ernähren, und was würden wir später mit ihm anfangen? Das waren die drei Schwierigkeiten, die es zu lösen galt.

»Der Schwarze«, sagte ich, »ist die Ursache dieses Anfalls. Vielleicht ist es sogar seine Anwesenheit im Hause, die meinen Onkel auf dem Berge festhält. Wir haben getan, was recht und billig ist; wir haben ihn unter diesem Dache erwärmt und gespeist; jetzt schlage ich vor, daß Rorie ihn mit dem Fischerboot übersetzt und ihn über die Roost nach Grisapol geleitet.«

Mary stimmte diesem Vorschlage von Herzen zu; wir forderten daher den Schwarzen auf, uns zu folgen, und begaben uns alle vier nach dem Landungssteg. Wahrlich, der Himmel hatte sich gegen Gordon Darnaway erklärt; etwas Unerhörtes hatte sich auf Aros ereignet: während des Unwetters hatte sich das Boot losgerissen, war gegen die rauhen Pfähle des Steges gerannt und lag jetzt mit eingebeultem Bug vier Fuß tief im Wasser. Mindestens drei Tage waren nötig, um es wieder flott zu machen. Aber ich ließ mich nicht entmutigen. Ich führte die ganze Gesellschaft bis zu der Stelle, wo das Watt am schmalsten war, schwamm auf die andere Seite und winkte dem Schwarzen, mir zu folgen. Er gab mir durch Zeichen zu verstehen, daß er der Kunst nicht mächtig sei. Die Wahrheit sprach aus seinen Gesten, keinem von uns wäre es eingefallen, sie zu bezweifeln, und als auch diese Hoffnung vernichtet war, mußten wir unverrichteter Sache nach dem Hof zurückkehren. Der Neger schritt ohne Verlegenheit in unserer Mitte.

An jenem Tage konnten wir nur noch einen letzten Versuch unternehmen, uns mit dem unglücklichen Geisteskranken in Verbindung zu setzen. Wieder sahen wir ihn auf seinem Ausguck hocken; wieder floh er uns schweigend. Aber wir ließen zu seiner Pflege wenigstens Nahrung und einen schweren Mantel zurück; der Regen hatte zudem aufgehört, und es versprach, eine milde Nacht zu werden. Wir glaubten, uns jetzt bis zum Morgen ausruhen zu können; Ruhe tat uns vor allem not, damit wir den ungewöhnlichen Anstrengungen gewachsen waren, und da niemand Lust zum Reden verspürte, trennten wir uns zeitig.

Ich lag lange wach und grübelte über einen Feldzugsplan für den morgigen Tag nach. Ich wollte den Schwarzen auf der Sandager Seite aufstellen, von wo aus er meinen Onkel auf das Haus zutreiben sollte. Rorie und ich sollten im Westen und Osten die Kette, so gut es ging, schließen. Je mehr ich die Bodengestaltung der Insel überlegte, desto überzeugter wurde ich, daß es zwar schwer aber möglich war, ihn auf die Niederung an der Sandager Bucht zu treiben; war das erst einmal gelungen, so war ein Entkommen trotz der Kraft seines Wahnsinns kaum zu befürchten. Auf seiner Furcht vor dem Schwarzen baute ich meinen Plan auf, denn ich wußte, daß er, welche Richtung zur Flucht er auch immer wählen mochte, nicht auf den Mann zulaufen würde, den er von den Toten auferstanden glaubte; und so war denn wenigstens eine Richtung des Kompasses gesichert.

Als ich endlich einschlief, war es nur, um nach kurzer Zeit durch einen Traum von Schiffsunglücken, Schwarzen und Abenteuern unter dem Meeresspiegel wieder aufgeschreckt zu werden. Ich war so fieberhaft erschöpft und erregt, daß ich aufstand, die Treppe hinunterging und vor das Haus trat. Drinnen in der Küche schliefen Rorie und der Schwarze; draußen war eine wunderbar klare Sternennacht, die nur hier und da eine verirrte Wolke, Nachzüglerin des Sturmes, trübte. Es war dicht vor der Hochflut, und die ›Tollen Männer‹ schrien und tobten durch die dunkle, windlose Stille. Nie zuvor, selbst nicht als der Sturm am ärgsten raste, hatte ich ihrem Gesang mit dumpferer Beklemmung gelauscht. Jetzt, da alle Winde heimgegangen waren, da die Tiefe sich in ihren Sommerschlaf zurückgewiegt und die Sterne ihr sanftes Licht über Land und Meer ergossen, schrien diese Strudel immer noch nach Aufruhr und Verderben. Ja, schien es doch, als wären sie ein Teil des Bösen in der Welt und von allem Leid des Lebens. Und ihr sinnloses Lärmen war nicht der einzige Laut, der das Schweigen der Nacht durchbrach. In das Tosen der Roost mischte sieh, bald schrill und durchdringend, bald fast ersterbend, der Klang einer menschlichen Stimme. Ich erkannte sie als die meines Onkels; und eine große Furcht vor den Strafen Gottes und vor dem Bösen in der Welt bemächtigte sieh meiner. Ich flüchtete mich in das Dunkel des Hauses wie an eine Freistatt und lag lang grübelnd über diese Mysterien im Bette wach.

Es war spät, als ich zum zweiten Male erwachte, und ich sprang in meine Kleider und eilte in die Küche. Sie war leer; Rorie und der Schwarze waren beide vor längerer Zeit heimlich auf und davon; bei dieser Entdeckung stand mir das Herz still. Auf Rories Treue konnte ich mich verlassen, nicht aber auf seinen Verstand. Hatte er sich so wortlos hinweggestohlen, dann war es nur, um, meinem Onkel zu dienen. Welchen Dienst aber konnte er ihm allein, geschweige denn in Begleitung des Mannes, der für meinen Onkel die Verkörperung seiner Schrecken war, zu leisten hoffen? Selbst wenn es nicht schon zu spät war, um tödliches Unheil zu verhüten, galt es doch keinen Augenblick länger zu zögern. Bei diesem Gedanken war ich schon aus dem Hause heraus; und manchen Lauf entlang den rauhen Hängen von Aros habe ich gemacht, aber keinen, der sich mit dem an jenem verhängnisvollen Morgen vergleichen kann. Keine zwölf Minuten brauchte ich, glaube ich, für den ganzen Anstieg. Mein Onkel war von seinem Ausguck verschwunden. Zwar war der Korb erbrochen und das Fleisch auf dem Rasen verstreut, aber er hatte keinen Bissen davon gegessen, wie es sich später herausstellte. Daneben war rings in weitem Umkreis keine Spur von einem menschlichen Wesen zu entdecken. Der klare Himmel war bereits taghell erleuchtet; schon blühte die Sonne in rötlichem Schimmer auf dem Gipfel Ben Kyaws auf, während die zottigen Hügel von Aros rings unter mir und der Schild des Meeres im durchsichtig grauen Zwielicht der Morgendämmerung dalagen.

»Rorie!« schrie ich; und noch einmal »Rorie!« Meine Stimme erstarb im Schweigen; keine Antwort kam. Hatte man es tatsachlich unternommen, meinen Onkel zu fangen, so war es klar, daß sich die Jäger, statt auf ihre Schnellfüßigkeit in erster Linie auf ihre Geschicklichkeit im Pirschen verließen. Ich lief weiter, wobei ich mich an die höchsten Vorsprünge hielt und nach rechts und links ausspähte, und blieb erst auf dem Sandager Berge stehen. Vor mir lagen das Wrack, der kahle Sandgürtel, die träge schwellenden Wogen und das lang sich hinstreckende Felsgestade; zur Rechten und Linken in wildem Durcheinander Erdhügel, Anhöhen und Schluchten der Insel. Und nirgends ein menschliches Wesen.

Plötzlich erstrahlte die Sonne über Aros, und Schatten und Farben sprangen ins Leben. Keine halbe Minute später brach unter mir, im Westen, unter einer Schafherde eine Panik aus. Ein Schrei ertönte. Ich sah meinen Onkel daherstürmen. Ich sah den Schwarzen in wildem Eifer hinter ihm her jagen, und noch bevor ich alles begriffen hatte, tauchte Rorie auf, der ihm auf Gälisch, wie einem Hunde, der eine Schafherde treibt, Anweisungen zuschrie.

Ich sprang hinzu, um mich dazwischen zu werfen, doch hätte ich besser daran getan, zu bleiben, wo ich war, denn so war ich es, der dem Wahnsinnigen den letzten Ausweg abschnitt. Im Augenblick sah er nichts vor sich als das Grab, das Wrack und die See in der Sandager Bucht. Doch Gott weiß, daß ich alles zum Besten tat. Mein Onkel Gordon erkannte, in welche für ihn furchtbare Richtung die Jagd ihn trieb. Er machte kehrt und bog im Zickzack rechts und links aus. Allein so stark ihn das Fieber in seinen Adern auch stieß, der Schwarze war flinker als er. Mochte er sich noch so sehr drehen und wenden, stets kam er ihm zuvor und hetzte ihn weiter, dem Schauplatz seines Verbrechens zu. Plötzlich schrie der Unglückliche auf, daß die Ufer vielfältig widerhallten; und jetzt riefen sowohl Rorie und ich dem Schwarzen zu, er möge einhalten. Doch alles war vergebens, denn es stand anders geschrieben. Der Verfolger rannte immer weiter, die Jagd stürmte immer noch schreiend an uns vorüber; sie bogen an dem Grabe aus und streiften die Planken des Wracks; blitzschnell hatten sie den Sandgürtel überquert, und noch immer jagte mein Onkel weiter, stracks in die Brandung hinein, und der Schwarze auf Armeslänge hinter ihm her. Rorie und ich blieben beide stehen, denn die Sache war über Menschenkraft hinausgewachsen; hier waren Gottes Ratschlüsse, die sich vor unseren Augen vollzogen. Niemals gab es ein rascheres Ende. An jener steilen Küste brauchte es eines einzigen Sprunges, um sie in die Tiefe zu schnellen; keiner von ihnen konnte schwimmen. Noch einmal mit ersticktem Schrei bäumte der Schwarze sich auf, dann hatte sie die seewärts rasende Strömung gepackt; und sind sie je wieder an die Oberfläche gekommen, was Gott allein weiß, so muß es zehn Minuten später gewesen sein, am äußersten Ende der Roost, wo die Seevögel kreisen und fischen.

 << Kapitel 5 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.