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Die tollen Männer

Robert Louis Stevenson: Die tollen Männer - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenarrative
authorRobert Louis Stevenson
booktitleDie tollen Männer und andere Geschichten
titleDie tollen Männer
publisherDiogenes Verlag AG
isbn3257207085
firstpub1924-1927
translatorMarguerite Thesing
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110811
projectid28b90250
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Viertes Kapitel

Der Sturm

Ich fand meinen Onkel unter dem Giebeldache stehend, die Wetterzeichen beobachtend, eine Pfeife zwischen den Fingern.

»Onkel,« sagte ich, »in der Sandager Bucht sind Männer an Land ...«

Weiter kam ich nicht; ich vergaß in der Tat nicht nur meine Worte, sondern selbst meine Müdigkeit, so seltsam war die Wirkung auf Onkel Gordon. Er ließ seine Pfeife fallen und lehnte sich mit hängendem Unterkiefer, starren Augen und totenblassem Gesicht an die Hausmauer. Wir müssen einander wohl eine Viertelminute lang schweigend angeblickt haben, ehe er die folgende sonderbare Antwort gab: »Hatte er eine Pelzkappe auf?«

Ich wußte jetzt so gut, wie wenn ich dabei gewesen wäre, daß der Mann, der in Sandag begraben lag, eine Pelzkappe getragen hatte, und daß er lebend an Land gekommen war. Zum ersten und einzigen Male verlor ich die Geduld mit dem Mann, der mein Wohltäter und der Vater des Mädchens war, das ich zu meiner Frau zu machen hoffte.

»Diese waren lebende Menschen,« sagte ich, »vielleicht Jakobiten, vielleicht Franzosen, vielleicht Seeräuber, vielleicht auch Abenteurer, die hierher gekommen sind, um das spanische Schatzschiff zu suchen; was sie aber auch sein mögen, sie sind jedenfalls Eurer Tochter und meiner Kusine gefährlich. Und was Euer eigenes angstgequältes Gewissen betrifft, so kann ich Euch nur sagen, daß der Tote dort, wo Ihr ihn gebettet habt, gut schläft. Ich habe heute morgen an seinem Grabe gestanden; er wird nicht erwachen, bevor die Posaune des Gerichts ertönt.«

Mein Verwandter sah mich während meiner Rede blinzelnd an; dann schlug er eine Weile den Blick zu Boden und zerrte blöde an seinen Fingern: es war klar, daß er der Sprache nicht mächtig war.

»Kommt,« sagte ich. »Ihr müßt an andere denken. Ihr müßt mit mir den Berg hinaufsteigen und Euch das Schiff ansehen.«

Ohne ein Wort oder einen Blick gehorchte er und folgte langsam meinen ungeduldigen Schritten. Alle Spannkraft schien aus seinem Körper gewichen, und statt wie sonst von einem Stein zum anderen zu springen, kletterte er mühsam die Felsen hinauf und hinunter. Es gelang mir auch nicht, ihn durch meine Rufe zur Eile anzuspornen. Ein einziges Mal antwortete er weinerlich und im Tone eines Menschen, der körperliche Schmerzen leidet: »Ja, ja doch, ich komme schon.« Lang ehe wir den Gipfel erreichten, empfand ich nur noch Mitleid mit ihm. War das Verbrechen auch ungeheuerlich gewesen, die Strafe war ihm augenscheinlich angemessen.

Endlich hatten wir die Spitze erreicht und konnten uns umsehen. Alles lag düster und drohend vor unseren Augen; der letzte Sonnenstrahl war verschwunden. Wind blies, wenn auch nicht stark, so doch in kurzen, unruhigen Stößen; der Regen hatte dagegen aufgehört. Trotz der kurzen Zeit, die bis zu meiner Rückkehr vergangen war, hatte die Macht der Wellen ungeheuer zugenommen. Schon schlugen sie hier und dort über den äußeren Riffen zusammen und klagten und stöhnten in den Grotten von Aros. Ich spähte, anfangs vergeblich, nach dem Schoner aus.

»Da ist er,« sagte ich schließlich; indes verursachten Lage und Kurs, die er inzwischen angenommen, mir einiges Kopfzerbrechen. »Sie können doch nicht auf die offene See hinaus wollen,« rief ich.

»Das ist ihre Absicht,« sagte mein Onkel, und es klang etwas wie Freude aus seiner Stimme. Im gleichen Augenblick machte der Schoner eine Drehung, die ihn in eine Richtung brachte, welche jeden Zweifel ausschloß. Die Fremden hatten bei dem drohenden Sturm vor allem daran gedacht, vom Lande abzukommen. Bei diesem Wind jedoch, in diesen von Klippen besäten Gewässern und gegen eine so mächtige Strömung bedeutete ihr Kurs den sicheren Tod.

»Du großer Gott!« rief ich. »Sie sind verloren, alle miteinander.«

»Ja,« entgegnete mein Onkel, »alle – alle sind verloren. Es bleibt ihnen nichts übrig, als Kyle Dona zu gewinnen. Bei dem Tempo aber kämen sie nicht durch, und wenn sie den Bösen selbst zum Steuermann hätten. Eine schöne Nacht für ein Schiffsunglück,« fuhr er fort und berührte meinen Arm mit den Fingerspitzen, »meinst du nicht auch? Schon das zweite dies Jahr! Huh, werden die ›Tollen Männer‹ tanzen!«

Ich sah ihn an, und in diesem Augenblick fing ich an, an seinem Verstande zu zweifeln. Er blickte, wie Sympathie heischend, halb schüchtern, halb freudig, zu mir auf, und alles, was bereits gewesen war, versank angesichts dieser neuen Katastrophe.

»Wenn es nicht schon zu spät wäre,« rief ich voller Entrüstung, »würde ich das Boot nehmen und hinausfahren, um sie zu warnen.«

»Nein, nein,« protestierte er, »du darfst nicht dazwischenkommen, darfst dich nicht in solche Sachen mischen. Es ist Sein Wille.« Hier lüftete er die Mütze. »Und eine schöne Nacht, eine herrliche Nacht hat Er dazu ausersehen.«

Etwas wie Furcht begann sich in mein Herz einzuschleichen. Ich erinnerte ihn daran, daß wir noch nicht gegessen hatten, und schlug vor, nach Hause zu gehen. Aber nein! Um nichts in der Welt war er dazu zu bewegen, seinen Beobachtungsposten zu verlassen.

»Ich muß mir die Sache ansehen, Charlie, Junge,« erklärte er und rief, als der Schoner zum zweiten Male beidrehte: »Schau, die verstehen's! Mit denen konnt' es die Christ-Anna nicht aufnehmen!«

Die Männer an Bord mußten bereits einige, wenn auch noch nicht den zwanzigsten Teil der Gefahren erkannt haben, die ihr todgeweihtes Schiff umgaben. Bei jeder Pause, die der launenhafte Wind machte, mußten sie gewahr werden, wie sehr die Strömung sie zurücktrieb. Je fruchtloser der Kampf, um so straffer zogen sie die Taue. Mit jeder Minute donnerte und schäumte die steigende Flut über neuen, begrabenen Riffen. Wieder und wieder brachen sich die Sturzwellen in dröhnendem Verderben unmittelbar unter dem Schiffsbug, und in den Wogentälern trieb brauner Schlick und triefender Tang. Wahrlich, jetzt galt es, die Gewalt über das Tauwerk zu behalten! Gott weiß es, an Bord jenes Schiffes war keine einzige Hand müßig. Und den Ablauf dieser, für jedes menschlich fühlende Herz so grauenvollen Szene verfolgte mein irregeleiteter Onkel mit gespannter Aufmerksamkeit und wollüstiger Kennermiene. Als ich mich umwandte, um den Berg hinabzugehen, lag er oben flach auf dem Bauch, die ausgestreckten Hände im Heidekraut verkrampft, geistig und körperlich scheinbar um Jahre verjüngt.

In trüber Stimmung langte ich zu Hause an und wurde bei Marys Anblick noch niedergeschlagener. Ich fand sie mit gelassener Miene, die kräftigen Arme entblößt, beim Brotbacken. Schweigend nahm ich einen Haferkuchen von der Anrichte und setzte mich nieder, um zu essen.

»Bist müde, Bub?« fragte sie nach einer Weile.

»Nicht so sehr ermüdet, Mary,« antwortete ich, mich erhebend, »als des Aufschubs und vielleicht auch dieses Ortes müde. Du kennst mich gut genug, um, was ich auch sage, gerecht zu beurteilen. Nun, Mary, des einen darfst du sicher sein: du wärest besser an jedem anderen Ort als hier.«

»Das eine weiß ich jedenfalls,« gab sie zur Antwort, »ich werde dort sein, wo meine Pflicht ist.«

»Du vergißt, daß du auch eine Pflicht gegen dich selber hast,« sagte ich.

»So, so, Bub,« entgegnete sie, heftig den Teig schlagend, »hast du das etwa in der Bibel gelesen?«

»Mary,« sagte ich feierlich, »du darfst mich jetzt nicht auslachen. Gott weiß, daß mir nicht nach Lachen zumute ist. Das Allerbeste wäre, wir könnten deinen Vater mitnehmen, aber, ob mit oder ohne ihn, ich will dich von hier fort wissen, mein Mädchen; um deinet-, meinet – und auch deines Vaters willen möchte ich dich weit, weit von hier fort wissen. Ich bin mit anderen Gedanken hierhergekommen; ich bin hergekommen, wie einer, der nach Hause kommt. Jetzt ist alles anders, und ich habe nur noch den einen Gedanken und die eine Hoffnung – zu fliehen, ja, das ist das Wort, von dieser verfluchten Insel zu fliehen – wie ein Vogel des Vogelstellers Schlinge flieht.«

Sie hatte mittlerweile mit ihrer Arbeit aufgehört. »Und glaubst du wirklich,« sagte sie, »glaubst du wirklich, ich hätte weder Augen noch Ohren? Weißt du denn nicht, daß ich mich fast zu Tode gegrämt habe um diese Kostbarkeiten (wie er sie nennt, Gott verzeih's ihm) und sie am liebsten in die See würfe? Glaubst du wirklich, ich konnte mit ihm tagaus, tagein zusammenleben, ohne das zu sehen, was du in ein, zwei Stunden gesehen hast? Nein,« sagte sie, »ich weiß, daß Unrecht an ihnen klebt; welches Unrecht weiß ich nicht und will es auch nicht wissen. Ich hab noch nie gehört, daß ein arg Ding durch unnütz Fragen besser geworden wäre. Aber, Bub, du darfst niemals verlangen, daß ich meinen Vater verlasse. Solange noch Atem in ihm ist, werde ich bei ihm sein. Es wird nicht mehr lange sein, Charlie, kann ich dir sagen, nicht mehr lange. Er trägt das Zeichen an der Stirn, und es ist vielleicht besser so, – ja, besser.«

Ich schwieg eine Weile, da ich nicht wußte, was ich sagen sollte, und als ich endlich aufsah, um zu sprechen, kam sie mir zuvor.

»Charlie,« sagte sie, »was für mich recht ist, braucht's für dich nicht zu sein. Es ist Sünde über dies Haus gekommen und Unglück. Du bist ein Fremder; nimm dein Hab und Gut und geh fort an einen besseren Ort und zu besseren Menschen, und wenn es dich je zurücktreibt, und sei es nach zwanzig Jahren, du wirst mich wartend finden.«

»Mary Ellen,« sagte ich, »ich habe dich gebeten, mein Weib zu sein, und du hast so gut wie dein Jawort gegeben. Und damit gut! Wo du bist, da werde ich auch sein, so wahr ich mich vor meinem Gott zu verantworten habe.«

Bei diesen Worten brach plötzlich ein tobender Wind los, der einen Augenblick später still zu stehen und schaudernd das Haus von Aros zu umkreisen schien. Es war der erste Ausbruch, der Prolog kommenden Sturms, und als wir uns zusammenschreckend umsahen, fanden wir, daß wie bei Abenddämmerung eine Finsternis sich um das Haus gelagert hatte.

»Gott erbarme sich aller armen Menschen auf dem Meere!« sagte Mary. »Meinen Vater werden wir bis morgen früh nicht zu Gesicht bekommen.«

Dann erzählte sie mir, während wir beim Feuer saßen und auf die steigenden Windstöße horchten, wie diese Veränderung mit meinem Onkel gekommen war. Den ganzen Winter über war er düster und unstet gewesen. Immer wenn die Roost stieg, oder, wie Mary sagte, die ›Tollen Männer‹ tanzten, pflegte er bei Nacht stundenlang auf dem vorspringenden Uferfelsen und bei Tage auf der Aroser Höhe auf der Lauer zu liegen, den Kampf der Wellen beobachtend und den Horizont nach einem Segel absuchend. Nachdem am zehnten Februar das Wrack mitsamt den Kostbarkeiten in Sandag ans Land gespült war, war er anfänglich unnatürlich vergnügt gewesen, und seine Aufregung hatte um keinen Grad nachgelassen, nur hatte sich dazu allmählich eine wachsende Melancholie gesellt. Er vernachlässigte seine Arbeit und hielt auch Rorie von der seinen ab. Die beiden pflegten sich stundenlang unter dem Giebeldache vorsichtig, ja mit schuldbewußter Miene zu unterhalten, und wenn sie dann ihrerseits an den einen oder anderen Fragen stellte, wie sie es wohl anfangs getan hatte, war man ihr verwirrt ausgewichen. Seitdem Rorie den Fisch bemerkt hatte, der der Fähre folgte, hatte sein Herr nur ein einziges Mal seinen Fuß auf das Festland gesetzt, und das war in der Zeit des stärksten Flutwechsels gewesen, als er bei Ebbe trocken hinübergehen konnte. Drüben hatte er sich dann verspätet und sich plötzlich durch die wiederkehrende Flut von Aros abgeschnitten gefunden. Mit einem Schrei des Entsetzens hatte er sprungweise die Furt überquert und war fiebernd vor Angst daheim angelangt. Die Furcht vor dem Meere, quälende, nagende Gedanken an das Meer verfolgten ihn auf Schritt und Tritt in seinen Reden und Gebeten, und selbst wenn er schwieg, zeugte sein Ausdruck von ihrer Gegenwart. Zum Essen erschien Rorie allein; kurz darauf jedoch kam mein Onkel, steckte sich eine Flasche unter den Arm und ein Stück Brot in die Tasche und machte sich, diesmal von Rorie gefolgt, auf den Rückweg zu seinem Beobachtungsposten. Ich hörte, daß der Schoner näher an Land zurückgetrieben worden war, daß die Besatzung den Kampf jedoch mit dem Mut und dem Geschick der Verzweiflung fortsetzte, und die Nachricht erfüllte meine Seele mit Dunkelheit.

Kurz nach Sonnenuntergang brach der Sturm mit voller Gewalt los, ein Sturm, wie ich ihn im Sommer und in der Schnelligkeit, mit der er heraufzog, selbst im Winter nie wieder erlebt habe. Mary und ich saßen schweigend da, während das Dach über unserem Kopf in allen Fugen krachte, das Unwetter draußen heulte und die Regentropfen zischend in das prasselnde Feuer fielen. Unsere Gedanken waren weit weg bei den armen Leuten auf dem Schoner oder bei meinem nicht minder unglücklichen Onkel, der obdachlos auf den. Felsenvorsprung auf der Lauer lag. Trotzdem schreckten wir von Zeit zu Zeit zusammen, wenn der Wind sich erhob und gleich einem festen Körper gegen den Giebel schlug oder plötzlich abflaute und sich zurückzog, sodaß das Feuer hell aufflammte und unsere Herzen hoch aufschlugen. Dann wieder packte der Sturm das Dach an allen vier Enden und schüttelte und rüttelte es wie ein zorniger Leviathan, und im nächsten Augenblick glitt er in kalten, matten Wirbeln schaudernd durchs Zimmer an uns vorbei, sodaß das Haar sich auf unsere Köpfen sträubte. Und wieder brach er in einen Chor melancholischer Stimmen aus, säuselte dumpf im Schornstein und umstrich mit sanften, flötengleichem Klageton das Haus.

Es mochte acht Uhr geworden sein, als Rorie erschien und mich geheimnisvoll zur Tür zog. Es schien, daß mein Onkel selbst seinem standhaften Gefährten Furcht eingeflößt hatte, und Rorie bat mich, voller Unruhe über sein phantastisches Gebaren, die Wache mit ihm zu teilen. Ich beeilte mich, seinem Wunsche zu willfahren, um so mehr als Furcht und Grauen und die elektrische Spannung der Nacht mich selber unruhig machten und zum Handeln trieben. Ich hieß Mary guten Mutes sein, da ich ja einen Schutz für ihren Vater bedeutete, hüllte mich fest in einen Plaid und folgte Rorie ins Freie.

Die Nacht war, obwohl Mittsommer dicht hinter uns lag, dunkel wie im Januar. Tastendes Zwielicht wechselte mit der tiefsten Finsternis, ohne daß man die Ursache hierfür aus den sausenden Schrecken des Himmels herauszulesen vermochte. Der Sturm sog einem den Atem aus den Nüstern; das ganze Himmelsgewölbe glich einem einzigen, ungeheuren, donnernden Segel, und wenn eine vorübergehende Stille sich auf Aros niedersenkte, konnten wir die Windstoße von ferne jammern hören. Über dem ganzen Niederland der Roost tobte der Orkan mit gleicher Stärke wie auf hoher See, und Gott allein weiß, mit welcher Wut er das Haupt Ben Kyaws umraste. Regen und Gischt hüllten uns wie nasse Laken ein. Rings um die Insel hämmerte die Brandung mit regelmäßigen, wuchtigen Donnerschlägen gegen Riffe und Strand. Bald laut, bald leise, wie die Klangsymphonie eines Orchesters, schwoll diese stetige Tonflut. Und hoch über allem Wirrwarr erklangen die wechselnden Stimmen der Roost und das abgerissene Gebrüll der ›Tollen Männer‹. In jener Stunde wurde mir blitzschnell klar, woher diese ihren Namen bezogen. Denn ihr Lärmen, das die anderen Geräusche der Nacht überschrie, erschien mir, wenn nicht gar ausgelassen lustig, so doch von unheimlicher, fast menschlicher Jovialität. Wie eine Schar wilder Männer, die ihren Verstand vertrunken und sich der Macht der Rede begeben haben, ihren Wahnsinn stundenlang in die Nacht hinausschreien, so schrien in meinen Ohren und tollten diese tödlichen Wirbel an Aros vorbei.

Arm in Arm erkämpften Rorie und ich uns taumelnd und mit Anstrengung Meter für Meter unseren Weg. Wir glitten auf dem schlüpfrigen Boden aus und fielen stolpernd über Steine. Zerschunden, zerschlagen, bis auf die Haut durchnäßt und außer Atem brauchten wir fast eine halbe Stunde, um die kurze Strecke von dem Aroser Gehöft bis zu dem Felsvorsprung, von dem aus man die Roost übersehen konnte, zurückzulegen. Hier war, wie es schien, der Lieblingsausguck meines Onkels. Dort, wo die Klippe am höchsten und steilsten ragt, bildet ein kleiner brüstungsähnlicher Erdhügel einen Unterschlupf gegen die gemeinen Winde, von wo aus ein Mensch in Ruhe die Brandung und den irren Streit der Wogen beobachten kann. Wie man von einem Fenster aus einen Vorfall auf der Straße verfolgt, so blickt man von diesem Posten herab auf das Steigen und Fallen der ›Tollen Männer‹. Freilich schaut man in einer Nacht wie dieser nur auf eine Welt der Finsternis, in der die Wasser kochen und schäumen, die Wogen mit der Wucht und dem Gepolter einer Explosion aneinander rennen und Türme von Gischt schnell wie Gedanken auf- und niedertauchen. Niemals zuvor hatte ich die ›Tollen Männer‹ in solcher Raserei gesehen. Die Wucht, Höhe und Geschwindigkeit ihrer Sprünge lassen sich nicht schildern. Hoch über unsere Köpfe stiegen ihre weißen Säulen in die Dunkelheit empor, um im nächsten Augenblick gespenstergleich wieder zu verschwinden. Mitunter sah man drei solcher Säulen zugleich in die Höhe streben und versinken; dann wieder packte sie ein Windstoß – und der Gischt schlug schwer wie eine Woge über uns zusammen. Dennoch wirkte das Schauspiel eher aufreizend in seiner Ausgelassenheit als gewaltig und eindrucksvoll. Jedes Denken wurde durch den ohrenzerreißenden Lärm unterbunden; eine fröhliche Leere bemächtigte sich des menschlichen Gehirns, ein Zustand, der an Irrsinn grenzte. Ich selbst ertappte mich dabei, wie ich dem Tanz der ›Tollen Männer‹ gleich einer Melodie auf einem Kirmesinstrument folgte.

Meinen Onkel wurde ich zuerst in jenem flüchtigen Dämmerlicht gewahr, das zeitweilig die pechschwarze Finsternis der Nacht unterbrach, als wir uns noch einige Meter von ihm entfernt befanden. Er stand, den Kopf nach hinten gebogen, die Flasche an den Lippen, aufrecht hinter der Brüstung. Als er die Flasche wegstellte, erkannte er uns und begrüßte uns mit spöttischem Handschwenken.

»Hat er getrunken?« schrie ich Rorie zu.

»Wenns bläst, ist er immer betrunken,« erwiderte Rorie gleichfalls mit erhobener Stimme; trotzdem hatte ich Mühe, ihn zu verstehen.

»War er – denn auch im Februar so?« fragte ich.

Rories »Ja« war mir eine Quelle der Freude. Der Mord war also nicht kaltblütiger Überlegung entsprungen; er war eine Tat des Wahnsinns, ebensowenig zu verurteilen wie zu verzeihen. Mein Onkel war, wenn man will, ein gefährlicher Irrer, nicht grausam und schlecht, wie ich gefürchtet hatte. Aber – welch eine Szene für eine Zecherei! Welch schreckliches, unglaubliches Laster hatte dieser arme Mensch sich ausersehen! Von jeher hatte ich die Trunkenheit für einen wilden, fast furchtbaren Genuß gehalten, mehr teuflisch als menschlich. Und nun gar Trunkenheit hier draußen, in dieser brüllenden Finsternis, auf einer Felsklippe über dieser Hölle von Gewässern, mit einem Kopf, in dem es wirbelte wie in der Roost, mit schwankendem Fuß am Rande des Verderbens, das Ohr gierig nach den Zeichen des Schiffsuntergangs gespannt –: wahrlich, diese Art von Trunkenheit war, wenn überhaupt in irgend einem Menschen glaublich, für meinen Onkel, der fest einem Glauben der Verdammnis anhing und von dunkelsten Befürchtungen gepeinigt war, eine moralische Unmöglichkeit. Und dennoch war es so; als wir die geschützte Stelle erreicht hatten und wieder atmen konnten, sah ich des Mannes Augen mit unheimlichem Glanz die Nacht durchleuchten.

»Ah, Charlie, Mann, es ist großartig!« rief er. »Sieh her!« fuhr er fort und zog mich an den Rand des Abgrunds, von wo der betäubende Lärm und die Wolken von Gischt aufstiegen, »sieh doch, wie sie tanzen, sieh doch. Mann! Ist es nicht die reine Sünde?«

Er sprach das Wort mit sichtbarem Behagen aus, und es war mir, als passe es in die Szene.

»Sie heulen nach dem Schoner,« redete er in seiner dünnen, irren Stimme weiter, die unter dem schützenden Abhang klar vernehmbar war, »und er kommt auch immer näher, jawohl, immer näher, näher und immer näher; und sie wissen es auch; die da unten wissen es ganz genau; sie wissen, daß es mit ihm vorbei ist. Charlie, Bursch, sie sind alle betrunken auf dem Schoner, alle stockbetrunken. Auf der ›Christ-Anna‹ hatten die am Heck auch alle einen Rausch. Niemand kann ohne Schnaps auf dem Meere untergehen. Rede du nur,« fuhr er in plötzlichem Zorne auf, »was verstehst du davon? Ich sage dir, daß es anders nicht möglich ist; sie wagen's nicht, ohne Schnaps zu ertrinken. Hier,« meinte er, mir die Flasche hinhaltend, »nimm einen Schluck.«

Ich war im Begriff, abzulehnen, als Rorie warnend mich berührte, und wirklich hatte ich mich bereits eines Besseren besonnen. Ich nahm daher die Flasche und tat nicht nur einen kräftigen Zug, sondern verschüttete dabei noch glücklich den größeren Teil ihres Inhalts, Es war reiner Alkohol und benahm mir beim Schlucken fast den Atem. Mein Verwandter merkte den Verlust nicht, sondern bog abermals den Kopf zurück und trank den Rest bis zur Neige. Dann warf er laut lachend die Flasche zu den ›Tollen Männern‹ hinab, die ihren Empfang durch lärmende steile Sprünge zu begrüßen schienen.

»Hier, Kinder,« schrie er, »hier ist euer Teil! Vor Morgengrauen werdet ihr einen fetteren Bissen erhalten!«

Da, während einer plötzlichen Windstille, tönte aus einer Entfernung von noch nicht zweihundert Metern eine klare menschliche Stimme aus der Finsternis zu uns herauf. Im nächsten Augenblick stürmte der Wind brausend über die Felsklippe hin, und die Roost brüllte und sprudelte und tanzte in erneuter Wut. Doch wir hatten den Ton gehört und wußten mit qualvoller Sicherheit, daß jetzt das verlorene Schiff vor seinem Untergange stand und daß das, was wir gehört hatten, der letzte Kommandoruf seines Herrn gewesen war. Vorn über den Rand gebeugt, alle Sinne bis aufs Äußerste gespannt, erwarteten wir dicht aneinander gedrängt das unvermeidliche Ende. Eine lange Zeit, scheinbar eine Ewigkeit, verging, bis der Schoner plötzlich auf einen einzigen kurzen Augenblick vor einem Hintergrund ragenden, leuchtenden Schaumes auftauchte.

Noch sehe ich das gereffte, lose flatternde Großsegel, als der Mastbaum schwer auf das Deck hinstürzte; noch sehe ich die schwarzen Umrisse des Schiffsbugs und meine, auf der Ruderpinne den ausgestreckten Körper eines Mannes unterscheiden zu können. Dennoch zog das ganze Bild mit Blitzesschnelle vorüber; die gleiche Woge, die es uns enthüllte, begrub das Schiff für immer unter sich; der Todesschrei vieler Stimmen stieg zu uns empor und wurde vom Brausen der ›Tollen Männer‹ erstickt. Und damit nahm die Tragödie ihr Ende. Das starke Schiff mitsamt all seinem Gerät, mit so zahlreichen Menschenleben, die anderen sicherlich teuer und zum mindesten den Eigentümern selbst kostbar wie der Himmel waren, war, während in der Kabine vielleicht noch die Lampe brannte, im Nu in den brodelnden Wassern versunken. Wie ein Traum war es entschwunden. Und der Wind fuhr fort zu stürmen und zu heulen, und die gefühllosen Wasser der Roost stiegen und sanken wie zuvor.

Wie lange wir drei dort sprachlos und bewegungslos verharrten, weiß ich nicht, aber es muß eine lange Zeit gewesen sein. Schließlich krochen wir hintereinander, fast mechanisch, zu dem schützenden Abhang zurück. Während ich so, tief unglücklich und nicht völlig Herr meiner Sinne, gegen die Brüstung lehnte, konnte ich meinen Verwandten in veränderter, trüber Stimmung vor sich herschwatzen hören. Einmal wiederholte er mit weinerlicher Eintönigkeit: »Wie sie kämpfen mußten – wie schwer sie kämpfen mußten, die armen Burschen, die armen Burschen!« – Dann wieder jammerte er: »Daß das ganze Zeug hin wäre«, weil das Schiff, statt am Ufer zu stranden, bei den ›Tollen Männern‹ untergegangen war; und in all diese irren Reden hinein spielte ein Name – Christ-Anna – mit schaudernder Ehrfurcht ausgesprochen. Währenddem ließ der Sturm mit merklicher Schnelligkeit nach. Nach einer halben Stunde war der Wind zu einer Brise abgeflaut, und den Wechsel begleitete oder verursachte ein schwerer, kalter, klatschender Regen. Ich muß dann eingeschlafen sein, und als ich völlig durchnäßt, steif und ohne jede Erfrischung erwachte, war der Tag angebrochen, ein grauer, nasser, trostloser Tag. Der Wind blies in matten, unruhigen Stößen, es war Ebbe, die Roost hatte ihren niedrigsten Stand erreicht, und nur die starke Brandung, die rings um Aros gegen die Küste hämmerte, war Zeuge von den Schrecknissen der Nacht.

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