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Die tollen Männer

Robert Louis Stevenson: Die tollen Männer - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenarrative
authorRobert Louis Stevenson
booktitleDie tollen Männer und andere Geschichten
titleDie tollen Männer
publisherDiogenes Verlag AG
isbn3257207085
firstpub1924-1927
translatorMarguerite Thesing
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Erstes Kapitel

Eileen Aros

Es war ein schöner Morgen Ende Juli, als ich zu Fuß die letzte Strecke Weges nach Aros antrat. Ein Boot hatte mich nachts zuvor in Grisapol abgesetzt; ich hatte mit dem mageren Frühstück des kleinen Gasthofes vorlieb genommen, hatte Sack und Pack zurückgelassen, um es gelegentlich auf dem Seewege abzuholen, und trat nun fröhlichen Herzens den Marsch, quer über die Landzunge an.

Heimisch war ich, der Nachkomme eines reinen Niederlandgeschlechtes, hierzulande nicht. Aber ein Onkel von mir, Gordon Darnaway, hatte nach einer ärmlichen harten Jugend und einigen Jahren zur See sich hier auf den Inseln ein junges Weib genommen; Mary Maclean war ihr Name, die letzte ihres Hauses; und als sie bei der Geburt einer Tochter starb, war Aros, der meerumspülte Hof, in seinen Besitz übergegangen. Mehr als den nackten Lebensunterhalt bot ihm dieser nicht, wie ich wohl wußte. Er war ein Mann, den das Mißgeschick verfolgte; mit dem kleinen Kinde belastet, scheute er sich, von neuem den Kampf mit dem Leben aufzunehmen, und blieb in Aros zurück, ruhelos und dem Schicksal grollend. Jahre der Einsamkeit waren über ihn hinweggegangen, ohne ihm Hilfe oder Zufriedenheit zu bringen. Inzwischen starb unsere Familie im Niederlande langsam aus. Keinem jenes Geschlechtes war sonderlich viel Glück beschieden; mein Vater war vielleicht der Glücklichste von allen: er überlebte nicht nur die meisten, sondern hinterließ auch einen Sohn als Erben seines Namens und ein wenig Geld, um ihn zu stützen. Ich war Student an der Edinburger Universität und lebte leidlich auf eigene Kosten, wenn auch ohne Sippe und Freundschaft, als Kunde von meinem Dasein sich zu meinem Onkel Gordon auf der Roß von Grisapol verlor; und er, für den Blut dicker als Wasser war, schrieb mir noch am selben Tage, als er von mir erfuhr, und lehrte mich, Aros als meine Heimat zu betrachten. So kam es, daß ich meine Ferien in jenen Gegenden, weitab von menschlicher Gesellschaft und Behagen, unter den Klippfischen und dem Moorgeflügel, verlebte; und darum kehrte ich an jenem Julitage, nach beendetem Studium, so leichten Herzens dorthin zurück.

Die Roß, wie wir sie nennen, ist eine Landzunge, weder breit noch hochgelegen, aber so wild, wie Gott sie nur je geschaffen hat, rechts und links von weitem Meer umgeben, in dem wüste Inseln und Riffe den Seemann bedrohen; das Ganze im Osten überragt von einigen sehr hohen Klippen und dem mächtigen Gipfel des Ben Kyaw. »Nebelberg« sollen die Worte auf Gälisch bedeuten, und er trägt seinen Namen mit Recht. Denn jener Bergrücken, der über dreitausend Fuß hoch liegt, fängt alle vom Meere hergetriebenen Wolken auf; ja, häufig schien es mir, als ob er sie selber erzeuge, da Ben Kyaw auch dann noch einen Schleier trug, wenn der ganze Himmel bis zum Meeresspiegel rein und klar war. Auch Wasser spendete der Berg, der infolgedessen bis zu seinem Scheitelpunkt versumpft war. Ich habe es erlebt, daß wir auf der Roß im hellsten Sonnenscheine saßen, während der Regen wie schwarzer Krepp sich auf den Berg niedersenkte. Aber diese Feuchtigkeit ließ ihn mir mitunter nur noch schöner erscheinen; denn wenn die Sonnenstrahlen auf seine Lehne fielen, funkelten die vielen Felsen und Wasserlaufe bis nach dem fünfzehn Meilen entlegenen Aros hin wie Edelsteine.

Der Weg, dem ich folgte, war ein Hirtenpfad. Er barg so viele Krümmungen, daß die Länge meiner Reise sich fast verdoppelte; er führte über rauhes Gestein, das man nur sprungweise überqueren konnte, und über weiche Niederungen, in denen man fast bis zum Knie im Moor versank. Nirgends war eine Spur von Anbau; in den ganzen zehn Meilen von Grisapol bis Aros fand sich kein einziges Haus. Natürlich waren Häuser vorhanden, – zum mindesten deren drei; aber sie lagen rechts und links so weit ab vom Wege, daß kein Fremder sie von dort hätte aufspüren können. Die Roß ist zum großen Teil von Granitblocken bedeckt, von denen einzelne ein zweiräumiges Haus an Größe übertreffen, und die einer neben dem andern ruhen. Farne und dichtes Heidekraut wachsen in den Spalten und dienen den Vipern als Brutstätte. Woher immer der Wind blies, brachte er Seeluft mit sich, salzig wie auf einem Schiff; die Möven waren so zahlreich wie das Moorgeflügel auf der Roß; und überall, wo der Weg ein wenig stieg, blitzte der leuchtende Meeresspiegel zündend auf. Mitten im Landinnern habe ich bei Hochflut an windigen Tagen das Tosen der Brandung, die gegen Aros anläuft, vernommen, laut wie Schlachtgebrüll, und die mächtigen, furchtbaren Stimmen der Wirbel, die wir die ›Tollen Männer‹ nennen.

Aros selbst – Aros Jay habe ich die Einheimischen es nennen hören, und sie sagen, es bedeute »das Haus Gottes« – ist nicht eigentlich ein Teil der Roß und auch keine Insel. Es bildet die südwestliche Ecke des Festlandes, schmiegt sich ihm eng an und ist nur an einer Stelle durch ein kleines Watt, das an seinem schmalsten Übergang keine vierzig Fuß mißt, von der Küste getrennt. Bei Hochflut war es hier klar und still wie in einem Teiche oder Binnenfluß; nur die Pflanzen und Fische waren andere und das Wasser selbst grün statt braun; bei Ebbe jedoch, wenn der Tiefstand erreicht war, konnte man an ein, zwei Tagen im Monat trockenen Fußes von Aros nach dem Festland gehen. Es gab stellenweise gute Weide, wo mein Onkel die Schafe, die ihm zur Nahrung dienten, grasen ließ; vielleicht war das Gras hier besser, weil die kleine Insel höher gelegen war als die Landzunge; ich bin jedoch allzu unwissend, um hierüber zu entscheiden. Das Haus war für die dortigen Verhältnisse gut und hatte zwei Stockwerke. Es blickte mit der Front nach Westen, über die Bucht hinaus; hart in der Nähe befand sich ein Landungssteg für die Boote, und von der Tür aus konnte man die Nebel auf Ben Kyaw brauen sehen.

Überall an der dortigen Küste, besonders aber bei Aros, wandern die großen Granitblöcke, von denen ich gesprochen habe, scharenweise, wie Viehherden an einem Sommertage, ins Meer hinaus. Dort stehen sie und gleichen nichts in der Welt so sehr wie ihren Nachbarn auf dem Lande; nur trennt sie statt der stillen Erde die schluchzende salzige Flut, und statt des Heidekrautes umblühen sie Büschel von Seenelken; an ihrem Sockel aber windet sich statt der giftigen Sandviper der große Seeaal. – An windarmen Tagen kann man stundenlang im Boot zwischen ihnen hin- und herirren, und das Echo folgt einem durch das ganze Labyrinth; bei Flut jedoch stehe der Himmel dem Menschen bei, der jenen Kessel brodeln hört.

An der Südwestspitze von Aros sind diese Blöcke überaus zahlreich und von weit größerem Umfang. Ja, weiter draußen im Meer müssen sie eine gewaltige Wucht erreichen, ist doch die offene See an die zehn Meilen im Umkreis mit ihnen so dicht besät wie ein ländlicher Ort mit Häusern. Einige ragen dreißig Fuß über das Meer empor; andere wieder sind unsichtbar, aber alle sind den Schiffen gefährlich, und an klaren Tagen, wenn der Wind von Westen blies, habe ich, von Aros aus, die großen, schweren weißen Sturzwellen an vierundsechzig solchen begrabenen Riffen branden sehen. Aber in der Nähe der Küste ist die Gefahr am größten, denn hier, am Ende der Landzunge, bildet die wie ein Mühlstrudel rasende Flut einen weiten brodelnden Wassergürtel, – die Roost genannt. Oft bin ich bei totenstiller Ebbe hier draußen gewesen, – und seltsam wahrlich ist der Ort. Die See wirbelt und schäumt und kocht wie ein Hexenkessel mit einem hin und wieder schwatzenden, hüpfenden Geräusch, als spräche die Roost mit sich selber, Wenn aber die Flut wieder zu steigen beginnt, vor allem bei schwerer See, gibt es niemanden, der sich dem Ort auf eine halbe Meile im Boot nahen dürfte, und kein Schiff, das hier steuern und flott bleiben könnte. Man kann das Getöse noch auf sechs Meilen Entfernung hören. Nach der Seeseite zu ist der stärkste Wirbel; hier ist auch die Stelle, wo die mächtigen Sturzwellen, die wir hierzulande die ›Tollen Männer‹ nennen, zusammen ihren Tanz aufführen – einen Totentanz. Es heißt, daß sie mitunter fünfzig Fuß hoch steigen; damit muß aber nur das grüne Wasser gemeint sein, denn die Gischt steigt doppelt so hoch. Ob sie ihren Namen ihren Bewegungen, die rasch und wild und possenhaft sind, oder ihrem Toben verdanken, das bei Flutwechsel ganz Aros erdröhnen läßt, ist mehr, als ich zu sagen vermag.

In Wahrheit ist jener Teil des Inselmeeres bei südwestlichem Wind nicht mehr und nicht weniger als eine Falle. Fände ein Schiff durch die Riffe seinen Weg und hätte es die ›Tollen Männer‹ glücklich überwunden, so müßte es an der Südküste von Aros, in der Bucht von Sandag, wo die vielen traurigen Ereignisse, von denen ich berichten will, unserer Familie zustießen, stranden. Der Gedanke an all diese Gefahren an einem mir seit so langer Zeit vertrauten Orte, heißt mich die jetzt eingeleiteten Arbeiten zur Errichtung von Leuchtstationen an den Küstenvorsprüngen und Bojen längs den Engen unserer eisenumgürteten und ungastlichen Inseln besonders begrüßen.

Das Landvolk kannte manche Märe über Aros, wie ich von meines Onkels Knecht Rorie, einem alten Diener der Macleans, der bei der Heirat ohne weiteres seine Dienste auf ihn übertrug, wußte. Es ging die Sage von einem unglücklichen Seegespenst, das sein Wesen auf eine eigene, unselige Art in den kochenden Wirbeln der Roost trieb. Eine Seejungfrau war einmal am Strande von Sandag einem Dudelsackpfeifer begegnet und hatte ihm dort eine liebe lange Mittsommernacht hindurch vorgesungen, so daß er am anderen Morgen von Wahnsinn befallen aufgefunden wurde und von jenem Tage an bis zu seinem Tode nur eine Rede führen konnte; wie sie ursprünglich auf Gälisch lautete, weiß ich nicht, aber man hat sie übersetzt. »Ach, das süße Singen aus der See.« Von Seehunden, die jene Küste umlagern, weiß man, daß sie Menschen auf menschliche Weise angesprochen haben und großes Unglück voraussagten. Hier war es auch, wo ein gewisser Heiliger auf der Fahrt nach Irland, wo er die Hebrider bekehren wollte, zum ersten Male landete. Und ich meine, er hatte einiges Recht auf seinen Heiligentitel, denn mit Schiffen, wie sie in vergangenen Zeiten üblich waren, eine so stürmische Fahrt vollbringen und an einer so heiklen Küste landen, grenzt wahrlich an das Wunderbare. Ihm oder einigen seiner mönchischen Diener, die dort eine Zelle besaßen, verdankt das Inselchen auch seinen schönen, heiligen Namen: das Haus Gottes.

Unter diesen Altweibergeschichten gab es eine, der ich mehr Glauben zu schenken geneigt war: wie man mir sagte, strandete in jenem Unwetter, das die Schiffe der unbesieglichen Armada an der ganzen Nord- und Westküste Schottlands zerstreute, ein mächtiges Fahrzeug bei Aros und ging vor den Augen vereinzelter Menschen, die sich auf einem der Hügel versammelt hatten, mit Mann und Maus und wehender Flagge unter. Diese Erzählung hatte einige Wahrscheinlichkeit für sich, denn an der Nordküste, zwanzig Meilen von Grisapol, lag ein anderes Schiff derselben Flotte auf dem Meeresboden. Man erzählte die Märe, wie es mir schien, ausführlicher und nachdrücklicher als ihre Mitlegenden, und eine Einzelheit insbesondere trug viel dazu bei, mich von ihrer Wahrheit zu überzeugen: der Name des Schiffes war im Gedächtnis der Leute geblieben und klang echt spanisch in meinen Ohren. Die »Espiritu Santo« war es genannt – ein gewaltiges Schiff von vielen Stockwerken und Kanonen, beladen mit Kostbarkeiten, mit Granden aus Spanien und wilden Soldadoes, die jetzt klaftertief, westlich von Aros in der Bucht von Sandag, von ihren Kriegen und Fahrten bis in alle Ewigkeit ausruhten. Vorbei mit den Saluten für das feste Schiff, »der heilige Geist«, vorbei mit günstigen Winden und glücklichen Abenteuern; nun faulte es tief unter dem Tang, beim Toben der ›Tollen Männer‹, wenn die steigende Flut sich vor der Insel bäumte. Von jeher war mir dies ein seltsamer Gedanke, der noch an Seltsamkeit wuchs, je mehr ich über Spanien erfuhr, von wo aus es die Segel gehißt, in Begleitung einer so stolzen Schar und von König Philipp, dem üppigen Monarchen, ausgesandt. Und nun muß ich berichten, daß die »Espiritu Santo« an jenem Tage auf meinem Wege von Grisapol mir viel im Sinne lag. Ich hatte die wohlwollende Aufmerksamkeit unseres damaligen Rektors der Edinburger Universität, des berühmten Schriftstellers Dr. Robertson, gewonnen und war von ihm mit der Ordnung und Auslese einiger alter Schriften betraut worden; und an einer Stelle fand ich zu meiner größten Überraschung eine Aufzeichnung über dasselbe Schiff, die »Espiritu Santo«, mitsamt dem Namen seines Kapitäns, und wie es mit einem großen Teil des spanischen Schatzes beladen gewesen und auf der Roß von Grisapol gesunken sei. Die genaue Stelle jedoch hatte man von den wilden Stämmen jenes Ortes und jener Zeit trotz aller Nachforschungen des Königs nicht erkunden können. Wenn ich das eine nun zum anderen fügte und König Jamies Goldsuchertätigkeit mit unserer Inseltradition verband, mußte in mir der Glaube erstarken, daß der Ort, den der König vergeblich zu erfragen suchte, kein anderer als die enge Bucht von Sandag auf meines Onkels Gebiet sein konnte; und da ich von jeher einen Hang zur Technik besaß, hatte ich hin und her überlegt, wie jenes gute Schiff, mitsamt seinen Ingots, Unzen und Dublonen zu heben und unser Haus Darnaway zu seinem lang entschwundenen Ansehen und Reichtum zurückzubringen sei.

Es war ein Plan, den ich rasch bereuen sollte. Meinem Denken wurde gar bald eine andere Richtung gegeben, und seitdem ich Zeuge eines seltsamen Gottesurteils geworden bin, hat mein Gewissen den Gedanken an die Schätze der Toten nicht ertragen können. Aber selbst zu jener Zeit muß ich mich von schmutziger Habgier freisprechen. Begehrte ich Reichtum, dann nicht für mich selbst, sondern um einer willen, die meinem Herzen nahestand – für meines Onkels Tochter, Mary Ellen. Sie hatte eine Zeitlang auf dem Festlande die Schule besucht und eine gute Erziehung genossen, ohne die sie armes Kind glücklicher dran gewesen wäre. Denn Aros war für sie nicht der rechte Ort, mit Rorie, dem alten Diener, und ihrem Vater als einzigen Gesellschaftern. Dieser, schlecht und recht auf dem Lande unter den Kameroniern erzogen, ein langjähriger Clyde- und Inselschiffer, der jetzt aus tiefstem Herzen mißvergnügt seine Schafe regierte und eine spärliche Küstenfischerei ums liebe Brot betrieb, war einer der unglücklichsten Männer Schottlands. Erschien mir, der nur ein, zwei Monate blieb, der Aufenthalt dort langwierig, wieviel mehr dann noch ihr, die jahraus, jahrein unter den Schafen und schwirrenden Möwen, bei Tanz und Sang der ›Tollen Männer‹ auf der Roost, ihre Tage in jener Einöde verbrachte.

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