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Die Todesfahrt der Advance im ewigen Eise

Elisha Kent Kane: Die Todesfahrt der Advance im ewigen Eise - Kapitel 6
Quellenangabe
typetravel
authorElisha Kent Kane
titleDie Todesfahrt der Advance im ewigen Eise
publisherLeipziger Graphische Werke AG
seriesSammlung interessanter Entdeckungsreisen
volume4
editorOtfried von Haustein
year1928
translatorHanns Reska
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060202
modified20161128
projectid989bc990
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Die verlorene Hoffnung

Der Sturm legte sich erst am 22. August, worauf wir unsere auf dem Eise zurückgebliebenen Kameraden mittels einer Bootsexpedition glücklich hereinbrachten. Während der gezwungenen Ruhezeit war das Schiff an dem Eisgürtel festgelegt gewesen, der die Küste einsäumte. Jetzt nahmen wir die Flutzeit wahr, legten ein Tau auf den Eisstrand, spannten uns vor, wie die Pferde vor einem Kanalboot, und zogen das Schiff etwa drei englische Meilen die Küste entlang. Am Fuße einer düsteren jähen Felsenwand hin schleppten wir uns gegen eine tiefeingeschnittene, nach Nordost offene Bucht. Könnte man von Landspitze zu Landspitze vordringen, so würde viel Zeit gewonnen; so aber mußten wir allen Windungen des Landeisgürtels folgen, da wir ohne diese Hilfe bald wieder ins Treibeis geraten wären. Am folgenden Tage zogen wir unser Schlepptau weiter, ohne daß wir wesentlich weiter nach Norden vorrückten, denn die Küste läuft hier entschieden östlich. Doch fanden wir die Breite 78° 41', und so waren wir bereits weiter nördlich, als irgend jemand vor uns, ausgenommen Parry auf seiner Schlittenpartie von Spitzbergen aus. Eine kleine Streifpartie, die ich aussandte, fand frische Spuren von Wild und brachte einen Moschusschädel mit. Es muß also, damit diese Tiere hierher kommen, doch irgendwo eine Landverbindung oder bedeutende Annäherung zwischen Amerika und Grönland geben. Wir sammelten in dieser Bucht nicht weniger als 22 Arten blühender Pflänzchen.

Die nächsten Tage setzten wir unsere Pferdearbeit fort, indem wir die Flutzeit benutzten, um das Schiff weiter zu ziehen, das während der Ebbe jedesmal auf Grund geriet. Wir kamen so ziemlich bis in den hintersten Teil der Bucht. Aber das Thermometer stand nun auf dem Gefrierpunkt; das junge Eis um die Brigg häufte sich bedenklich. Ein langer schwerer Schneefall kam hinzu und füllte die Zwischenräume der Eisschollen mit steifem Schlamm. Jedes Weiterkommen schien unmöglich; nur ein tüchtiger Südwind hätte uns noch vorwärtsbringen können.

Das Warpen der »Advance«

Der Mangel an Ruhe, der rasche Eintritt des Winters und unsere geringen Fortschritte verfehlten nicht, ihren niederdrückenden Einfluß auf die Offiziere und die Mannschaft geltend zu machen, so feste Männer alle auch sind. Der Gedanke des Vordringens auf diese Weise findet offensichtlich nicht ihren Beifall. Ich berief die Offiziere zu einer förmlichen Beratung; und alle mit einer Ausnahme hielten ein weiteres Fortkommen für unmöglich und stimmten für die Umkehr, um mehr südlich einen geeigneten Überwinterungsplatz zu suchen. Die Ansicht konnte ich mit dem besten Willen nicht teilen; ich setzte ihnen auseinander, wie wichtig es sei, einen Ausgangspunkt für unsere künftigen Schlittenausflüge zu gewinnen und wie solch Punkt nur vor uns im Norden zu suchen sei. Ich erklärte ihnen meine Absicht, das Schiff nach der nördlichen Landspitze der Bucht hinwarpen zu lassen; dort werde der Augenschein lehren, welche Maßregeln für das Frühjahr getroffen werden müßten, und an dem nächstmöglichen geeigneten Platz solle Winterquartier genommen werden. Die Aufnahme, welche dieser Entscheid bei meinen Kameraden fand, war höchst erfreulich. Mit allem Eifer gingen sie wieder an ihr hartes und freudloses Werk.

Das Warpen begann von neuem; jeder, ich nicht ausgenommen, nahm seinen Platz am Schiffsgöpel. In der Tiefe der Bucht zeigte sich das Eis weniger widerspenstig, und wir griffen abermals zum Bugsiertau und den Schulterbändern. Unser Erfolg war jedoch nicht vollkommen; die Brigg kam jetzt selbst bei Hochwasser zum Aufsitzen. Wir erleichterten sie soviel als möglich, indem wir eine Menge schwerer Gegenstände an die Küste und in die ausgesetzten Boote schafften. An einem festsitzenden Eisberg legten wir schwere Taue und hielten alles bereit, um uns bei eintretender Gelegenheit sofort loswinden zu können.

In der Nacht kippte das Schiff wieder; und zwar so plötzlich, daß wir alle aus den Kojen kollerten. Zugleich wurde der Kajütenofen umgeworfen und schüttete eine Ladung glühender Anthrazitkohlen aus. Das Deck brannte lichterloh, und ich mußte dem Gemeinwohl einen Tuchrock opfern, mit dem ich den Brand solange dämpfte, bis Wasser heraufkam.

Am Abend des 27. August wurde die Brigg wieder flott, und die Mannschaften am Bugsiertau zogen wacker an. Nachts gegen 10 Uhr saßen wir aufs neue fest – seit drei Tagen das fünftemal! Trotz all dieser Zusammenstöße war das Schiff nur wenig beschädigt und noch völlig wasserdicht. Früh am Morgen des 28. arbeiteten wir uns wieder los, und ich faßte nun den Entschluß, unter Benutzung des ruhigen Morgens in das lose Eis einzudringen und geradeaus auf das nördliche Landeis vorzugehen. Dies Eis ist sehr alt und wahrscheinlich fest genug, um das Schiff an seiner Kante entlang fortbugsieren zu können.

Jetzt haben wir das stehende Eis erreicht und so befunden, wie wir hofften. Wir können nun ein wenig verschnaufen und uns die Dinge ansehen. Der rauhe und trümmerhafte Anblick der Fläche vor uns verheißt nicht viel Erfolg für eine Schlittenpartie. Aber ein einziger günstiger Wind kann alles ändern; überdies steht es ja auch noch gar nicht fest, daß das Eis weiter nördlich die gleiche ungünstige Beschaffenheit zeigt. Uebrigens ist auch noch der Eisgürtel vor uns; zwar hier und da heruntergebrochen und schwer zu passieren, dennoch aber für Fußgänger anscheinend auf viele Meilen hin gangbar. Ich war sicher, daß eine entschlossene Bootsexpedition sich einen Weg dahin bahnen könne, und entschloß mich zu dem Besuche und zu einer persönlichen Untersuchung der Küste, um zu sehen, wo wir überwintern müßten. Solch eine Expedition hatte ich schon seit einiger Zeit vorbereitet. Unser bestes und leichtestes Boot, die »verlorene Hoffnung«, war mit einem Dach von Segeltuch versehen worden und bot so alle Bequemlichkeiten eines Zeltes. Wir nahmen einige kleine Fässer Pemmikan ein, und ein Schlitten wurde auseinander genommen und unter die Ruderbänke gesteckt.

Die Expedition bestand aus sieben Mann, lauter freiwilligen und zuverlässigen Leuten. Wir hatten Büffelpelze zum Wachen und Schlafen, jeder trug den Gürtel voll wollener Socken, so daß die nassen durch die Körperwärme wieder trocknen konnten, einen Zinnbecher und ein Messer mit Scheide am Gürtel. Ein Suppentopf und eine Lampe vervollständigten das Schiffsgerät. In wenigen Stunden war das Boot reisefertig. Ich befahl meinem Stellvertreter auf der Brigg, sie an einem sichern Platz zu bergen und dort unsere Rückkehr zu erwarten. Von den herzlichsten Glückwünschen begleitet, schieden wir.

Zu Beginn unserer Reise stießen wir auf eine enge verstopfte Passage zwischen dem Eisgürtel und dem Packeise. Sie war nur wenige Klafter breit und das Jungeis auf ihr so stark, daß es uns beinahe hätte tragen können. Durch Zerschlagen des Eises arbeiteten wir uns langsam vorwärts. Durchnäßt, durchfroren und hungrig hielten wir unser erstes Nachtquartier. Ein Segel wurde noch über die Zeltdecke des Bootes gespannt, die Kochlampe angezündet, die Büffelpelze wurden ausgebreitet, die feuchten Socken mit trockenen vertauscht. Als heißer Tee und Pemmikan kam, vergaßen wir schnell die Mühseligkeiten des Tages.

Nachdem wir diese Bootfahrt etwa 24 Stunden fortgesetzt, hatte sie ihr Ende erreicht; vor- und seitwärts war Packeis und auf der andern Seite etwa zehn Fuß über unseren Köpfen der Eisgürtel. Wir warteten das Hochwasser ab, benutzten eine von einem Rieselbach in das Eis hineingewaschene Schluft und vermochten auf diese Weise das Boot auf den Eisgürtel hinaufzuziehen. Hier aber mußten wir es natürlich zurücklassen. Unter einem Abhange brachten wir es in Sicherheit, beluden den Schlitten mit dem Allernötigsten und drangen weiter vorwärts. Dabei fiel uns zum ersten Male das Eigentümliche unserer Pilgerfahrt auf. Wir befanden uns auf einer fortlaufenden Eiskante, die an dem Fuße der Felsen festsaß, die See überragte und selbst wieder von steilen Klippen, oft über tausend Fuß hoch, überragt wurde. Sauber und schön war diese aus Eis gebaute Hochstraße gewiß, wenn auch mächtige Eisblöcke auf ihr herumlagen und lange scharfe Felszungen aus der Klippenwand in unsern Weg hineinragten. Wir rückten auf unserer Galerie so schnell vor, als die Hindernisse es irgend erlaubten. Besonders lange Aufenthalte verursachten die zahlreichen Wasserbäche, die sich meist steile und tiefe Betten in das Eis gewaschen hatten, die wir durchwaten mußten. Unsere Nachtquartiere nahmen wir unter überhängenden Felsen. Bei solch einer Gelegenheit erreichte die Flut unser Zelt, und um unsere Schlafpelze vor dem Naßwerden zu schützen, mußten wir sie solange in die Höhe halten, bis das Wasser sich verlaufen hatte. Diese Geduldprobe hatte wenigstens auch ihre komische Seite. Acht Amerikaner in tragende Bildsäulen verwandelt, leider bis an die Knie im Wasser!

Immer dem Eisgürtel folgend, gelangten wir am 1. September in eine andere Bucht, die nicht viel kleiner war als jene, in der wir die »Advance« gelassen. Hier hörten die Kalkfelsen auf. Ein Gletscher, dessen Überschreitung viel Mühe machte, versperrte uns den Weg. Er war sehr abschüssig und unser Schuhwerk sehr glatt; eine unfreiwillige Rutschfahrt in das Wasser unter uns lag häufig nahe genug; doch kamen wir mit Hilfe von Stricken und indem wir uns platt auf das Eis legten, ohne Unfall hinüber. Jenseits hatten wir eine Tragstelle über Land von etwa drei englischen Meilen. Der Schlitten wurde abgeladen und das Gepäck auf die Schultern genommen. Dem Stärksten wurde der Theodolit anvertraut, ein etwa 60 Pfund schwerer metallner Mechanismus in einem Mahagonikasten. Als wir die Küste wieder erreichten , empfingen uns dieselben wilden Klippen und der felsüberhangene Eisgürtel, wie wir sie hinter uns gelassen.

Am Fuße der Eiskante

Nachdem wir drei Tage unterwegs waren, stellten wir durch Beobachtungen fest, daß wir nur 40 englische Meilen von der Brigg entfernt waren. Außerdem, daß wir an sich jeden Tag nur wenig vorwärts kamen, hatten wir auch durch die Windungen der Küste viel Zeit verloren. Ich entschied mich, den Schlitten zurückzulassen und zu Fuß weiter zu dringen. Dazu nahmen wir außer unseren Instrumenten nur Pemmikan und einen Büffelpelz mit. Die Temperatur lag nicht viel unter dem Gefrierpunkt; wir fanden ein Zelt daher entbehrlich, und bei dieser leichten Ausrüstung konnten wir leicht doppelt so schnell als bisher vorwärts kommen. Am 4. September legten wir mit ziemlicher Bequemlichkeit 24 Meilen zurück. Der einzige Uebelstand dabei war, daß wir uns so wenige Lebensmittel mitzunehmen vermochten. Jeder erhielt beim Ausmarsch eine Quantität Pemmikan, die mit seiner übrigen Belastung zusammen 35 Pfund wog. Trotzdem fanden wir schon diese Last sehr groß.

Am 5. September hielt uns eine neue Bucht auf, größer als alle bisher in Smithssund gesehenen. Es war eine vollkommen schöne, offene Wasserfläche, die mit der Eiswüste außerhalb seltsam kontrastierte. Die Ursache dieser anfangs unerklärlichen Erscheinung fand sich in einem brausenden Flusse, der aus einer Schlucht im Hintergrunde der Bucht hervorbrach und mit der Heftigkeit eines Schneesturms über die Felsenblöcke dahinschoß. Dieser Fluß, vielleicht der größte in Nordgrönland, ist an seiner Mündung etwa dreiviertel englische Meilen breit; ich nannte ihn Mary-Minturns-Fluß. Sein Lauf wurde später bis zu einem innern Gletscher verfolgt, aus dem er in zahlreichen Bächen hervorbricht. Am Ufer machten wir halt, eingelullt von der ungewohnten Musik fließenden Wassers.

Am nächsten Morgen kreuzten wir den Fluß, wobei wir unsern Pemmikan so gut als möglich über Wasser zu halten suchten. Unfreiwillige Tauchbäder gab es unfehlbar, so oft wir versuchten, die herausragenden eisbelegten Steine zum Uebergang zu benutzen. Und obwohl uns das Wasser nicht über die Hüften ging, kostete uns der Uebergang doch so viel Mühe und Kraft, daß wir einen halben Tag zu rasten beschlossen.

Einige Meilen weiter hin springt eine große Landzunge vor, die die Bucht in zwei Hälften trennt. Hier ließ ich vier meiner Leute, die sich erholen mußten, zurück und stieß am nächsten Morgen mit drei Freiwilligen unter Vermeidung der fast unwegsamen Küste gerade über das Eis weg auf das nordöstliche Vorgebirge vor. Dies Eis war neu und äußerst unsicher; der Marsch auf seinem Rande am offenen Wasser erforderte viel Umsicht. Wir ließen den schweren Theodoliten zurück und führten nichts mit uns als einen Taschensextanten, einen Frauenhofer, einen Gehstock und für drei Tage Pemmikan.

Die »Advance« zu Beginn der Polarnacht

Nach einem Marsche von 16 englischen Meilen erreichten wir die Landspitze. Etwa 8 Meilen weiter lag ein großes Vorgebirge, das die Aussicht nach Norden hin völlig abschloß. Deshalb faßte ich den Plan, irgendeinen hohen Aussichtspunkt aufzusuchen und hiermit meine Rekognoszierung zu beschließen. Nach einem schweren Tagemarsch hatte ich von einer Höhe von 1100 Fuß herab einen Anblick, den ich niemals vergessen werde. Die Aussicht reichte bis über den 80. Parallelkreis hinaus. Weit nach links hinüber lag die westliche Küste, dehnte sich in nördlicher Richtung und verschwamm im Ungewissen; rechts schweifte der Blick über Hügelkuppen bis zu einer düsteren Mauer, die ich später als den großen Humboldtsgletscher erkannte; noch weiter hin lag das Land, das jetzt Washingtons Namen trägt. Der ganze weite Raum zwischen der Ost- und Westküste war ein solides Eismeer. Dicht an der Küste, fast unter unseren Füßen, zogen sich Hummocks in langen Linien hin. Weiter hinaus bildete eine Herde Eisberge, die an Zahl zunahmen, je weiter sie zurücktraten, eine fast undurchdringliche Barriere. Denn ich konnte nicht zweifeln, daß das Eis zwischen ihnen so zertrümmert sei, daß mit dem Schlitten unmöglich durchzukommen wäre. Zwar schien in der Ferne das Eis weniger durcheinander geworfen; aber die Entfernung täuscht hierbei sehr. Die Hervorragungen platten sich ab, und selbst hohe Eisberge bilden anscheinend eine ebene, einladende Fläche. Langsam und mit einem Seufzer senkte ich das Fernrohr und dachte nun ernstlich an das Winterquartier.

Ich hatte auf meiner Schlittenexpedition keinen Platz getroffen, der so viele Eigenschaften eines guten Winterhafens vereinigt hätte, als die Bucht, wo die »Advance« augenblicklich lag. Wir kehrten um und bekamen sie bald zu Gesicht, wie sie sich mit ihren Masten scharf von der hinterliegenden Gletscherwand abhob.

Ohne Unfall kamen wir an Bord. Ich teilte unseren Kameraden in wenigen Worten das Ergebnis unserer Reise und meinen Entschluß, hierzubleiben, mit und ließ das Schiff sofort zwischen die kleinen, in der Bucht liegenden Felseninseln lotsen. Hier fanden wir bei fünf Faden Tiefe vollkommenen Schutz gegen das äußere Eis.

Aber die Ruhe, die wir unserer kleinen, tapferen Brigg gönnten, sollte eine lange werden: – sie hat ihren Hafen nicht wieder verlassen und liegt noch heute dort in den Banden des Eises!

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