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Die Todesfahrt der Advance im ewigen Eise

Elisha Kent Kane: Die Todesfahrt der Advance im ewigen Eise - Kapitel 4
Quellenangabe
typetravel
authorElisha Kent Kane
titleDie Todesfahrt der Advance im ewigen Eise
publisherLeipziger Graphische Werke AG
seriesSammlung interessanter Entdeckungsreisen
volume4
editorOtfried von Haustein
year1928
translatorHanns Reska
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060202
modified20161128
projectid989bc990
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Glückliche Fahrt

Die untere und mittlere Küste Grönlands ist so viel besucht und beschrieben worden, daß ich mich dabei nicht aufhalten will. Seit unserer Abfahrt von Sukkertoppen erlitten wir den üblichen Aufenthalt durch Nebel und Gegenströmungen, so daß wir erst gegen den 27. Juli in die Nähe der Melvillebai kamen. Am 17. wurden wir auf Proven von meinem alten Freunde, dem Oberinspektor Christiansen, bewillkommnet, den ich mit seiner Familie noch so wohlauf fand, als ich ihn vor drei Jahren verlassen hatte. Während unsere Brigg, halb segelnd, halb treibend, die Küste entlang zog, ging ich an Land, um in den verschiedenen Eskimoniederlassungen Hunde zu kaufen. Nachdem wir zu Uppernavik ein paar Tage lang die Gastfreundschaft des Gouverneurs Fleischer genossen hatten, fuhren wir weiter. Nicht weit von dieser Station hörten auch die Hütten der Eskimos auf. Früher besaßen diese Leute Sommeransiedlungen bis in die Melvillebai hinauf; im Jahre 1816 aber wurden sie von den Blattern so stark dezimiert, daß man sie auf Uppernavik beschränken konnte. Weitere Ausflüge nordwärts unternehmen sie jetzt nur noch gelegentlich, um Bären zu jagen oder Daunen und Eier zu sammeln.

Treibende Eisberge

Von jetzt an hielten wir uns etwas mehr nördlich, kamen hart an den Baffinsinseln vorbei, die ich vor drei Jahren mit Eis umpanzert, jetzt aber völlig frei fand, passierten die Enteninseln und hielten auf die Wilcoxspitze zu, hinter welcher die Melvillebai liegt. Wir machten eine schwerfällige Küstenfahrt und hatten abwechselnd Windstille und Brisen vom Lande her, bis am 27. Juli morgens in der Nähe der Einfahrt zur Melvillebai uns einer jener im Norden eigentümlichen schweren Eisnebel überfiel. Wir vermochten kaum das Deck entlang zu sehen und bemerkten dabei, daß Strömungen uns ins Ungewisse fortführten. Als die Sonne endlich den Nebel zerstreute, fanden wir die Wikorspitze hinter uns liegend. Unser kleines Schiff befand sich bereits glücklich in der Bai und trieb dem nördlich ragenden Felsen zu, welcher »der Teufelsdaumen« heißt. Die hier besonders heimischen Eisberge zeigten sich auf allen Seiten: wir waren während des Nebels mitten unter sie hineingeraten. Es kostete einen ganzen Tag Arbeit, um das Schiff durch Bugsieren mit zwei Booten vom Lande abzubringen; gegen Abend war es nicht nur gelungen, sondern ein Wind lohnte überdies noch unsere Mühe. Während wir längs der Küste trieben, hatte ich mit Befremden bemerkt, daß das Landeis bereits in Trümmer gegangen war. Dadurch drohte uns eine schwierige und von Aufenthalten verzögerte Küstenfahrt; deshalb faßte ich kurzerhand den Entschluß, nach Westen zu steuern, bis wir auf Packeis stießen, und dann einen Durchweg außen an der Melvillebai vorüber zu versuchen. Der Landeinschnitt nämlich, der diesen Namen führt, ist durch sein Kap geschützt vor den Strömungen und Eistriften, welche die Mittellinie der Baffinsbai verfolgen; an den Küsten der Bucht liegen ausgedehnte Gletscher, die fortwährend Eisberge imposantesten Umfanges abstoßen. Da sich der bedeutendste Teil dieser Eismassen unter Wasser befindet, außerdem in der Tiefe häufig andere Strömungen als auf der Oberfläche des Wassers sich geltend machen, so verfolgen sie nicht selten eine andere Rückwirkung als die umgebenden Schollen und Felder, welche dadurch auseinandergerissen und eine Zeitlang von dem Zusammenfrieren abgehalten werden. Im Winter ist die Melvillebai in ihrer ganzen Ausdehnung ein einziges Eisfeld und verharrt auch nach Rückkehr des Sommers – wenn draußen schon alles in Bewegung ist – noch lange in starrer Reglosigkeit. Stück um Stück bricht die Decke beim Fortschreiten der wärmeren Jahreszeit endlich auseinander. Doch häufig erhält sich ein fester Eisrand am inneren Bogen den ganzen Sommer lang. Dies ist das Festeis der Walfischjäger; für ihr Vorwärtskommen während der ersten Hälfte der wärmeren Jahreszeit ungemein wichtig. Denn längs des festen Randes finden sie in der Regel Raum genug, um ihre Schiffe zu schleppen, nicht selten sogar Gelegenheit zum Segeln, sofern der Landwind das schwimmende Eis von der Küste abdrückt. Dieser Gewohnheit der Walfischjäger zu folgen, verhinderte uns diesmal der bröcklige und verrottete Zustand der Eisfelder, der eine Folge des vorhergegangenen milden Sommers und Winters war. Dieser Umstand eben war ausschlaggebend für meinen Entschluß, westwärts bis an das Packeis zu gehen, seinem Rande in nördlicher Richtung auf Kap York zu folgen und so allem vor uns befindlichen Treibeis auszuweichen.

Nach mancherlei harter Arbeit und der ernstlichen Gefahr, von den Eisflarden eingeschlossen zu werden, konnte ich meinen Plan durchführen. Diese letztere Schwierigkeit bekämpften wir einfach dadurch, daß wir unser Schiff an gewaltigen Eisbergen verankerten, die es uns dann tatsächlich ermöglichten, unseren Kurs zu halten – so scharf auch das Treibeis südwärts drängte. Vier Tage einer aufregenden Fahrt brachten uns an den Rand der ausgedehnten Packeisfelder; ein günstiger Nordwest gestattete uns, durch sie hindurch zu kommen. Und wir lagen jetzt im sogenannten Nordwasser.

Zusammenstürzender Eisberg

Hier bringe ich aus dem Schiffs-Tagebuche Einzelheiten, die sich auf diese Fahrt beziehen.

Am 27. Juli schrieb ich:

Wir haben die vom Packeis zurückgeworfenen Strömungen hinter uns und dringen in ziemlich freiem Wasser, nach Nord und Ost lavierend, gegen Kap York vor.

29. Juli:

Wir erreichten loses, zerriebenes Eis – Wasserhimmel in Nord. Drangen in das Eis ein oberhalb oder nahe der Sabineninsel, um das nordöstliche Landeis zu suchen. Frische Brise vom Lande, die die Eisflarden zerbricht und herantreibt, jeden Wasserstreifen schnell wieder schließend. Aus Furcht vor einer Einsperrung beschloß ich, das Schiff an einem Eisberg festzulegen. Nach achtstündigem schweren Bugsieren, Winden und Eisankerschlagen war es glücklich geschafft. Kaum aber hatten wir ein wenig verschnauft, als es über uns zu prasseln begann und Eisstückchen, nicht größer als Walnüsse, im Herabfallen das Wasser kräuselten; wie die ersten Tropfen eines Sommerregens. Diese Anzeichen waren nicht mißzuverstehen. Und kaum fanden wir noch Zeit, das Ankertau zu kappen, als die Vorderseite des Berges mit krachendem Bersten zusammenstürzte.

Unsere Lage war kritisch genug gewesen, da gleichzeitig ein frischer Wind vom Lande her blies und die eingeklemmten Eisflarden schnell dahintrieben. Wir mußten etwa 360 Klafter Walfischtau im Stich lassen und hatten eine harte Nacht voll Arbeit im Boot.

30. Juli:

Wieder an der Längsseite eines Eisberges festgelegt. Der Nebel ist so dicht, daß man keine Viertelstunde weit sehen kann. Gelegentliche Durchblicke lassen kein brauchbares Fahrwasser erkennen. Schroffes, wildes Land im Nordost. Nachmittags zwei leibhaftige Bären gesehen und geschossen. Wir warten auf sichtigeres Wetter.

31. Juli:

Unser freier Wasserfleck füllt sich immer mehr mit losem Eis aus Süden. Ich mache eine Rundfahrt im Boot, um einen besseren Liegeplatz für das Schiff zu finden. Nach fünfstündigem Winden ankerten wir glücklich an einem andern Eisberge, ganz nahe am offenen Wasser; die nächste Gelegenheit, hoffe ich, wird uns frei machen. Eine Stunde, nachdem wir unsern vorigen Liegeplatz verlassen, hat sich dort das Packeis zusammengehäuft. Jetzt liegen wir fest an einem niedrigen und sicheren Eisberge, nur zwei (englische) Meilen von der offenen See, die sich durch die Einwirkung der Südwinde schnell gegen uns zu verbreitert. Wir hatten schwere Arbeit damit, diesen Schutzort zu erreichen, den die Walfischjäger ein »offenes Loch« nennen. Denn wir gerieten zwischen zwei Eisberge und verloren dabei unsern Klüverbaum und die Wandtaue; überdies wurde eins der Quarterboote zertrümmert.

1. August:

Ganz von Treibeis umgeben; kleine Bruchstücke von Eisfeldern. Ohne unsern Berg würden wir jetzt nach Süden geführt, so aber treiben wir mit ihm nach Nordost.

2. August:

Der beständige Eisdruck gegen unsern Berg beginnt sich geltend zu machen, und wie alle großen Flarden um uns hat auch er sich nach Süden in Bewegung gesetzt. Auf die Gefahr hin, eingeschlossen zu werden, ließ ich ein leichtes Tau nach einem viel größeren Eisberg hinführen, und nach vierstündiger Arbeit hatten wir uns glücklich an ihm festgemacht. Dieser kolossale Berg ist ein wahrer beweglicher Wasserbrecher. Er nimmt seinen Weg stetig nach Norden, während das Treibeis auf beiden Seiten nach Süden läuft und eine Spur schwarzen Wassers von der Länge einer (englischen) Meile hinter ihm frei läßt. Wir lagen letzte Nacht um Mitternacht unter 75° 27', heute vormittag unter 75° 37'; trotz aller Hindernisse dringen wir also nach Norden vor. Indessen sind wir näher am Lande, als gut ist; denn das Land ist eine weiße Gletscherwand. Dennoch kamen wir auch an dieser gefährlichen Stelle vorüber, erspähten einen Ausgang in Nordost, machten den Anker los und arbeiteten uns vorwärts, trotz all des schwimmenden Zeuges um uns her. Auf unserer Fahrt hatten wir ein prachtvolles Schauspiel: Die Mitternachtssonne erhob sich über den Scheitel unseres bisherigen Freundes, des großen Eisberges, zündete an jedem Punkt seiner Oberfläche bunte Leuchtfeuer und ließ das Eis um uns wie lauter Edelsteine und geschmolzenes Gold erglänzen. Unsere Brigg biß sich durch all diese Herrlichkeiten hindurch; und nach 5 Meilen Weges voller Windungen, hier und da aufgehalten durch Eiszungen, die durch Säge und Eismeißel entfernt werden mußten, legte sie sich säuberlich zwischen zwei Eisflarden ein. Hier blieb sie bis zum Morgen, wo sich wieder Schlippen öffneten und ich vom Mastkorbe aus einen Weg nach einem vor uns befindlichen größeren Wasserpfuhl entdecken konnte. In diesem trieben wir, nach einem Auswege suchend, hin und her wie Goldfische im Glase; bis der Nebel einfiel und der Tag endete.

3. August.

Der Tag verspricht nicht viel; endlich erhebt sich eine frische Brise, und die Eisflarden beginnen zu klaffen. Jetzt kommt alles auf praktische Eiskenntnis an. Ich will niemandem, als mir selbst, die Auswahl der Eisschlippen anvertrauen, durch die wir hindurch müssen; deshalb bin ich den ganzen Tag im Mastkorbe. Indessen bin ich guten Mutes: der Landwind ist unserer Flucht günstig; die Eisberge haben uns durch alles südwärts jagende Eis bis hierher geholfen, und jetzt, da die größeren Felder ihre Spalten öffnen, haben wir nichts zu tun, als kühn und vorsichtig zu folgen. Was die Eiszungen, Zinken und Zacken betrifft, so haben uns Kabestan und Winde viel geholfen, uns durch sie hin zu arbeiten, aber mehr noch ein tüchtiger Anlauf und der harte Eichenholz-Kopf unserer Brigg.

Mitternacht:

Wir sind aus der Bai mit ihren Millionen Widerwärtigkeiten heraus – das Nordwasser, unsere Hochstraße nach Smithssund, liegt glücklich vor uns!

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