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Die Todesfahrt der Advance im ewigen Eise

Elisha Kent Kane: Die Todesfahrt der Advance im ewigen Eise - Kapitel 20
Quellenangabe
typetravel
authorElisha Kent Kane
titleDie Todesfahrt der Advance im ewigen Eise
publisherLeipziger Graphische Werke AG
seriesSammlung interessanter Entdeckungsreisen
volume4
editorOtfried von Haustein
year1928
translatorHanns Reska
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060202
modified20161128
projectid989bc990
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Heimkehr

Es war bei dem sanft gedämpften Licht eines Sonntagabends, am 17. Juni, als wir an der offenen Wasserstraße standen, nachdem wir mit vieler Mühe unsere Boote durch die Hummocks befördert. Noch vor Mitternacht hatten wir den »roten Erich« zu Wasser gelassen. Aber noch sollten wir nicht sofort daran denken können, uns einzuschiffen; denn ein schon lange drohender Sturm brach jetzt los. Der Wogenschwall warf sich auf den Eisrand, brach Scholle auf Scholle los und zwang uns, unsere Boote und unsere auf dem Eise aufgestapelte Habe immer weiter rückwärts zu schaffen. Durch diese Arbeit wurden die Leute so erschöpft, daß ich für den Augenblick alle Gedanken an die Einschiffung aufgab und wir uns fast eine englische Meile zurück in den Schutz eines eingefrorenen Eisberges begaben. Doch auch hier noch wurden wir verfolgt. Die ganze folgende Nacht raste ein furchtbarer Orkan; unser Eisberg machte sich durch die Eisfelder auf und davon, und so verloren wir unsere Zufluchtsstätte. Abermals mußten wir rückwärts. Hielt der Sturm länger an, dann war eine Springflut zu befürchten, die uns gefährlich werden mußte. Endlich gewannen wir einen niedrigen Eisberg, dem ich zutraute, daß wir uns im Falle eines völligen Eisbruches auf ihn würden retten können. Die ganze Eisfläche war bereits mit langen Spalten durchzogen, und das Eis unter unseren Füßen begann merklich zu schaukeln! Hätte ich den Leuten zu Gefallen den äußeren Eisweg gewählt gehabt, so gab es schwerlich ein Mittel, den Gefahren des aufbrechenden Eises zu entgehen. Ich erkletterte den höchsten Punkt des Eisberges, aber vor Nebel, Gewölk und Flugwasser konnte man unmöglich weiter als 1000 Schritt sehen. Die See schob das Eis fast auf den Berg hinauf. Alles um uns brauste wie in einem Hexenkessel, und die Eisschollen jagten in allen möglichen Stellungen unter betäubendem Krachen gegen- und durcheinander.

Endlich schwieg der Sturm; die Wasser beruhigten sich, und alle Hände arbeiteten an der Einschiffung. Die Ladung wurde unter den Booten gleichmäßig verteilt, die Schlitten losgemacht und an die Bootsseiten gebunden.

Am 19. Juni nachmittags – bei einer See, so glatt wie ein Gartenteich – gingen wir in See; an der Spitze ich mit der »Hoffnung«, dann der »rote Erich« und zum Schluß der »Glaube«. Als wir die westliche Spitze von Kap Alexander umfuhren, erhob sich ein frischer Wind, und als wir den vor uns sich dehnenden Sund überblickten, sahen wir – genau wie vor zwei Jahren – die Kittiwaks und die Elfenbein- und Jägermöven kreischend und fischend ihre Flügelspitzen in die kräuselnden Wogen des schönen Wassers tauchen. Unsere erste Rast wollten wir auf der Sutherlandinsel nehmen, doch war sie mit einem so steilen Eisgürtel verbarrikadiert, daß wir unmöglich landen konnten. Ich kletterte vom Bootsmast aus auf das Plateau hinüber und füllte unsere Kochkessel mit Schnee, dann hielten wir auf die Hakluytsinsel zu. Wir hatten eine schlechte Ueberfahrt bei kurzen stoßenden Wellen. Nach einer Weile schöpfte der »rote Erich« Wasser. Seine drei Insassen retteten sich auf die beiden anderen Boote. Doch die Ladung zu bergen, war unmöglich. Das einzige, was wir tun konnten, war, daß wir das Boot flott erhielten und es an das Schleppseil nahmen. Zu gleicher Zeit gab aber auch die »Hoffnung« Notsignale und meldete, daß sie mehr Wasser ziehe, als man ausschöpfen könne. Der Wind sprang nach Westen um, von woher wir ihn nicht brauchen konnten. Ich hielt schnell Umschau und sah vor uns den grauen Blink des Packeises. Wir wußten, daß die Ränder dieser großen Eisfelder immer Spalten oder Wasserzungen haben, die etwa denselben Schutz gewähren wie Flußmündungen an einer gefährlichen Küste. Wir waren auch so glücklich, solch eine Zuflucht zu finden, legten uns an einer alten Scholle fest, und die ermüdeten Leute taten einen langen Schlaf. Darauf zogen wir weiter, indem wir die Boote meist mit Bootshaken schleppten, zuweilen auch über Eisfelder ziehen mußten, bis wir wieder offenes Wasser erreichten und der Hakluytsinsel zuruderten. Sie war kaum einladender als die Insel am Tage vorher; doch fanden wir Gelegenheit, uns und unser Gepäck mit der Flut auf das Landeis und dann unter Felsen zu bergen. Es schneite schwer zur Nacht, und die Arbeit des Kalfaterns ging schlecht vonstatten. Doch konnten wir ein Zelt errichten und unsere Abendmahlzeit aus Brotteig und Talg mit ein paar Vögeln würzen. Zwar hatten wir im Laufe des Tages eine Robbe geschossen, doch war sie untergesunken und uns somit verlorengegangen.

Am Morgen des 22. drangen wir durch den Schneesturm nach der Northumberlandinsel vor, wo uns Myriaden von Alken begrüßten, was wir mit der gewöhnlichen Einladung zu Mittag beantworteten.

Am folgenden Tage passierten wir den Murchisonsund und übernachteten auf dem Landeise am Fuße von Kap Parry. Wir hatten einen harten Tag gehabt und die Boote teils über das Eis schleppen, teils uns im Zickzack durch enge Eisspalten winden müssen. Der nächste Tag brachte uns in die Nähe des Fitzclarence-Felsens, der wie eine ägyptische Pyramide aus einem Eisfelde aufsteigt und mit einem Obelisken gekrönt ist. Am folgenden Tage machten wir bei mehr offenen Eisschlippen schöne Fortschritte, und ich kam 16 Stunden lang nicht vom Steuerruder fort.

Dieser Abend fand uns in totaler Erschöpfung. Unsere täglichen Rationen waren von Anfang an sehr klein gewesen. Aber bei dem Aufenthalt, der uns überall zu erwarten schien, hatte ich sie auf ein Minimum herabgesetzt: sechzehn Unzen Brotpulver und ein Stückchen Talg von der Größe einer Walnuß. Dazu kam reichlich Tee, der immer sehr erquickte.

Diese unzureichende Kost bewirkte bei der Mannschaft einen rapiden Verfall der Körperkräfte. Anfangs wurden sich die Leute dessen kaum bewußt und meinten, es liege an der Beschaffenheit des Eises, daß ihnen das Ziehen und Schieben immer schwerer wurde. Als wir aber im Nebel des nächsten Morgens unsere Arbeit fortsetzten und uns weiter durch die wild verworrenen Eisfelder hinschleppen wollten, wurde die Wahrheit plötzlich allen klar. Wir hatten das Hungergefühl fast völlig verloren, daß uns die Pillen von Brotstaub und Talg mit Tee eigentlich genügten. Gern hätte ich das kleine Boot nach einem Hügel geschickt, wo es nach Angabe der Eskimos große Mengen von Vögeln geben sollte; doch die Leute vermochten es nicht mehr zu ziehen. Wir waren alle sehr entmutigt. Es blieb uns nichts weiter übrig, als das Ende des Nebels abzuwarten, um dann vielleicht eine glattere Eisfläche oder irgendeine Wasserschlippe zu entdecken, die uns der Mühe des Schleppens überhob. Ich hatte einen Eisberg erstiegen, aber es war nichts in Sicht als der Dalrymplofelsen, der in weiter Ferne wie ein roter eherner Turm aufragte. Kaum aber war ich zu den Booten zurückgekehrt, da brach ein Sturm aus Nordwest über uns herein. Eine Eisflarde, die etwa eine englische Meile über uns an einer Eiszunge hing, begann auf ihr zu schwingen wie eine Tür in der Angel und schob sich dann langsam gegen unsern engen Ruheplatz vor. Anfangs trieb auch unsere eigene große Scholle vor dem Winde; aber bald darauf stieß sie mit dem feststehenden Eise dicht am Fuße der Felsküste zusammen – und im Augenblick umgab uns die wildeste Zerstörung. Die Leute sprangen mechanisch auf ihre Plätze und trugen die Boote und Vorräte zurück. Ich selbst gab für den Augenblick alle Hoffnung auf Rettung auf. Es war nicht das gewöhnliche Einquetschen, wie es die Walfischfahrer kennen, denn die ganze Eisfläche, auf der wir standen, zerschellte nach jeder Seite hin auf viele hundert Schritt weit, und die Bruchstücke überschlugen und türmten sich unter dem Drucke wie toll.

In Todesgefahr

Wir waren doch wirklich alle an schwere Prüfung gewöhnt und imstande, die Gefahren auch zu ermessen, gegen die wir rangen. Aber ich glaube nicht, daß auch nur ein einziger von uns allen genau angeben könnte, wie, warum oder auch nur wann wir uns wieder flott fanden. Wir wissen nur: Inmitten eines ganz unbeschreiblichen Getöses, das tausend Trompeten ebensowenig durchdrungen hätten wie eine Menschenstimme, flogen und wirbelten wir herum. Bald wurden wir in die Höhe geworfen, bald sausten wir in einen wüsten Schwall von Eistrümmern hinab. Und als die Leute bei der nun folgenden Pause ihre Bootshaken packten, wurden die Boote in einem wilden Strom von Eis und Schnee und Wasser dahingerissen. Völlig wehrlos trieben wir hin, solange das Aufwühlen der längs der Küste noch stehenden Eisfelder dauerte, und erhaschten zuweilen einen Blick auf das drohende Vorgebirge, das durch den Schneehimmel auf uns herabsah. Endlich blieb die Wolke an den Felsen stehen, die kleineren Bruchstücke trennten sich von ihr, und wir konnten mit Bootshaken und Rudern unsere Flottille von ihnen frei machen. Zu unserer freudigen Ueberraschung sahen wir uns bald in einem Streifen Küstenwasser, das uns Raum zum Rudern und die Gewißheit der unmittelbaren Nähe des Landes vor uns gab. Als wir es erreichten, fanden wir es mit einem ebenso unzugänglichen Eisgürtel umpanzert wie Sutherland und Hakluyt. Wir fuhren an seinem Rande hin, suchten aber vergebens nach einer Landungsstelle oder einem Zufluchtswinkel. Der Sturm und das Eistreiben begannen von neuem, aber wir konnten nichts tun, als mit einem Wurfanker die Boote an den Eisrand festlegen und auf das Steigen der Flut warten. Die »Hoffnung« zerstieß sich den Boden und verlor einen Teil ihrer Wetterverschalung, und alle Boote wurden übel zugerichtet. Der Sturm war grauenhaft. Nur durch beständige Anstrengung vermochten wir die Boote flott zu halten, indem wir das hereinschlagende Wasser unablässig ausschöpften und das herandringende Eis mit Bootshaken abwehrten.

Endlich war die Flut hoch genug, daß wir die Eisklippe erklettern konnten. Wir zogen die Boote einzeln auf einen schmalen Rand hinauf, waren aber zu müde, um sie ausladen zu können. Eine tiefe und enge Schlucht in den Felsen öffnete sich nahe an unserer Landungsstelle. Als wir die Boote in sie hineinschoben, schienen sich die Felsen über uns schließen zu wollen, bis die Schlucht eine jähe Biegung machte und wir nun eine Felswand zwischen uns und den Sturm bekamen. Wir waren in einer förmlichen Höhle.

Eben hatten wir als letztes Boot den »roten Erich« eingebracht, als ein lange nicht gehörter, aber wohlbekannter Ton unser Ohr traf: Eine Schar Eidergänse huschte an uns vorbei. Nun wußten wir, daß Brutplätze in der Nähe sein mußten. Und als wir uns jetzt naß und hungrig zu dem langersehnten Schlaf niederlegten, geschah es nur, um von Eiern und Ueberfluß zu träumen.

Wir blieben fast drei Tage in unserer Kristallwohnung und sammelten täglich wohl 1200 Eier. Draußen raste der Sturm unablässig weiter, und unsere Eiersucher hatten Mühe, sich auf den Füßen zu halten. Aber eine lustigere Gesellschaft von Feinschmeckern, wie sie innen beisammensaß und schwelgte, hat es schwerlich jemals gegeben.

Am 3. Juli schwächte der Sturm ab, doch noch immer fiel massenhaft Schnee. Am nächsten Morgen tranken wir einen vaterländischen Eierpunsch, zu dem unsere Spiritusflaschen notdürftig das geistige Element hergaben; er war aber so verdünnt, daß er vor jedem Mäßigkeitsverein hätte bestehen können. Dann ließen wir unsere Boote wieder zu Wasser und sagten der »Müdemannsruh« ein dankbares Lebewohl

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