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Die Todesfahrt der Advance im ewigen Eise

Elisha Kent Kane: Die Todesfahrt der Advance im ewigen Eise - Kapitel 15
Quellenangabe
typetravel
authorElisha Kent Kane
titleDie Todesfahrt der Advance im ewigen Eise
publisherLeipziger Graphische Werke AG
seriesSammlung interessanter Entdeckungsreisen
volume4
editorOtfried von Haustein
year1928
translatorHanns Reska
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060202
modified20161128
projectid989bc990
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Die Rückkehr der Abtrünnigen

Bis zum 13. Oktober hatten sich die Eskimos noch nicht wieder blicken lassen, und ich war wirklich neugierig, wo sie eigentlich stecken mochten. Ich sagte mir: wo sie sich aufhalten, dort muß auch unser Jagdrevier sein; denn in eine schlechtere Gegend sind sie gewiß nicht gezogen. So befahl ich Hans und Morton, sie aufzuspüren. Beide haben einen Hundeschlitten und einen Handschlitten mitgenommen und sollen zunächst nach Anoatok fahren. Dort sollten sie den Zugschlitten und unsere alten Hunde zurücklassen und mit den neuen, die früher diesen selben Eskimos gehört hatten, auf die Suche gehen; den einen sollten sie ganz frei lassen und den andern an einem langen Riemen führen. Ich vertraute dabei dem Instinkt der Hunde, daß sie die neuen Jagdreviere ihrer ehemaligen Herren aufstöbern würden.

Gänzlich erschöpft von den Anstrengungen ihrer Reise, kamen die beiden Abgesandten am 21. Oktober zurück. Hans, der wie alle Wilden sorglos mit dem Pulver umgeht, hatte beim Feueranmachen seine Pulverflasche angesteckt, die explodierte und ihm die Hand bedenklich verbrannte. Morton hatte beide Fersen erfroren. Dafür aber brachten sie wenigstens 270 Pfund Walroßfleisch und ein paar Füchse mit. Die Vorräte nebst den Ueberresten von unseren zwei Bären sollten ausreichen, bis das Tageslicht, das uns jetzt verließ, wiederkehrte und uns neue Jagdausflüge gestattete.

Morton und Hans erreichten jenseits Anoatok am vierten Tage nach ihrer Abreise eine kleine Ansiedlung, Eta genannt. Sie liegt hinter den nordöstlichen Inseln der Hartstenebucht, etwa 70 englische Meilen von der Brigg entfernt. Sie bestand aus vier Hütten, von denen aber zwei zusammengefallen waren. Von den beiden anderen noch bewohnten hatten Meiuk, sein Vater, Mutter, Bruder und Schwester die eine inne, die andere Awatok und Ootuna mit ihren Weibern und drei Kleinen. Die Reisenden wurden herzlich empfangen; man gab ihnen Trinkwasser, rieb ihnen die Füße und trocknete ihre Stiefel. Die Weiber zeigten etwas von der Würde guter Hausmütter und schienen den rohen Ton sehr gemäßigt zu haben, der in der Junggesellenwirtschaft zu Anoatok herrschte. Die Lampen brannten hell und ohne Rauch, die Hütten waren weniger schmutzig. In jeder brannten beständig zwei Lampenfeuer, um die an Haken und Leinen die Kleider zum Trocknen aufgehangen waren.

Die Hütte hatte den üblichen Tossut, der mindestens 12 Fuß lang war und durchkrochen werden mußte, um ins Innere zu gelangen. Oberhalb von ihm war das rohe Fenster aus geschabtem Walroßdarm, natürlich dicht überfroren. Durch ein kleines Guckloch in der Seitenwand konnte man die Bucht übersehen und allenfalls mit jemandem draußen sprechen. Das Dach besaß ein Rauchloch. Wenn die große Familie nebst Hans und Morton um die beiden brennenden Lampen hockte und das enge Einkriechloch mit einer Steinplatte versetzt war, so wurde die Hitze bald unerträglich. Und während es draußen 30° F. unter Null war, gab es innen 90° darüber – eine Differenz von 120° F.

Das Ungeziefer war hier nicht so störend wie auf dem Nachtlager zu Anoatok, da hier die Inwohner ihre Kleider über das Lampenfeuer hingen und sich mit Ausnahme eines Lendengürtels nackt schlafen legten. Nach Beendigung des Abendessens, das aus sechs gefrorenen Alken für die Person bestand, streckten sich die beiden Besucher nieder und verbrachten die Nacht in Schlaf und Schweiß. Die Bescheidenheit des Abendessens ließ erwarten, daß die Jäger der Familie bald an die Arbeit gehen würden. In der Tat hatten denn auch Meiuk und sein Vater bereits einen Ausflug nach Walrossen verabredet. Morton und Hans schlossen sich sogleich an.

Da ich von diesen aufregenden Episoden des Eskimolebens noch keine Schilderung gegeben habe, lasse ich hier Mortons Erzählung der Jagdexpedition folgen:

Eskimosiedelung »Eta«

Die vier Männer rannten mit neun Hunden und zwei Schlitten über das Eis der offenen See zu. Als sie auf das neue Eis kamen, wo dichte Nebelwolken die Nähe des offenen Wassers anzeigten, lüfteten sie von Zeit zu Zeit ihre Kapuzen und lauschten nach den Stimmen der Tiere. Bald hatte Meiuk ausgewittert, daß Walrosse an einer Stelle seien, die erst seit wenigen Tagen überfroren war. Man näherte sich vorsichtig und hörte bald das eigentümliche Bellen eines männlichen Walrosses. Diese Tiere sind in ihre eigene Musik verliebt und können sich stundenlang zuhören; es ist ein Mittelding zwischen dem Muhen einer Kuh und dem tiefen Bellen eines Fleischerhundes; die einzelnen Töne werden in schnellen Intervallen sieben- bis neunmal hintereinander angeschlagen.

Nun formierte die Gesellschaft sich im Gänsemarsch und rückte unter der Deckung von Hummocks und Eisrändern in Schlangenwindungen gegen eine Gruppe wasserfarbiger Flecke vor: kürzlich überfrorene Eisstellen, die aber durch älteres festes Eis umschlossen waren. Näher herangekommen, löste sich die Linie auf, und jeder kroch nach einem besonderen Fleck hin. Morton hielt sich, auf Händen und Füßen kriechend, hinter Meiuk. Nach wenigen Minuten kamen die Walrosse in Sicht. Es waren fünf; manchmal tauchten sie alle gleichzeitig auf und durchbrachen das Eis mit einem Geprassel, das meilenweit zu hören sein mußte. Zwei große, grimmig aussehende Männchen waren offenbar die Leiter der Herde.

Nun begannen die Jägerkünste. Solange das Walroß über Wasser ist, liegt der Jäger reglos auf dem Eise hingestreckt; sobald es unterzutauchen beginnt, macht er sich zum Sprung fertig. Kaum aber verschwindet der Kopf des Tieres unter Wasser, so ist auch schon jeder in rasendem Lauf begriffen. Und wie aus Instinkt stecken, wenn das Tier wiedererscheint, bereits alle wieder hinter Eisbuckeln gekauert. Der Eskimo scheint nicht nur zu wissen, wie lange das Walroß taucht, sondern auch die Stelle zu erraten, wo es wieder heraufkommt. In dieser Weise – durch abwechselndes Vorspringen und Verstecken – war Meiuk, mit Morton hinter sich, auf eine Fläche dünnen Eises gekommen, das kaum fähig war, sie zu tragen, und dicht am Rande des Wasserloches, in dem die Walrosse sich tummelten.

Der bisher noch immer phlegmatische Meiuk gerät jetzt in Feuer: in einem Moment hat er seine aufgewickelte Wurfleine zurechtgelegt und die Harpune fertiggemacht. Nun packt er die Harpune fester. Das Wasser bewegt sich. Pustend taucht in nur ein paar Klaftern Entfernung vor ihm das Walroß auf. Meiuk richtet sich langsam hoch; sein rechter Arm ist zurückgeworfen, der linke hängt schlaff herunter. Das Walroß sieht ihn an und schüttelt sich das Wasser aus der Mähne. Jetzt wirft Meiuk den linken Arm in die Höhe, und das Tier erhebt sich bis zur Brusthöhe aus dem Wasser, um noch einen verwunderten Blick auf die Erscheinung zu werfen, bevor es wieder untertaucht. Doch seine Neugier bekommt ihm schlecht: im Nu hat sich die Harpune unter seiner linken Brustflosse eingebohrt – im selben Augenblick verschwindet das Tier auch unter Wasser. Meiuk ist Sieger und tritt trotzdem in verzweifelter Eile den Rückzug an, wobei er aber das in ein Oehr ausgehende Ende seiner Wurfleine mitnimmt. Er langt im Laufen einen knöchernen, mit Eisen roh beschlagenen Pflock heraus, treibt ihn hastig ins Eis, schlingt seine Leine darum und tritt mit dem Fuß darauf.

Die Walroßjagd

Jetzt beginnt der Kampf. Das Walroß gerät in tollen Aufruhr, denn das verwundete Tier schlägt wild um sich. Die Leine wird bald straff, bald lose – der Jäger verläßt seine Stellung nicht. Da entsteht wenige Schritte vor ihm eine Spalte im Eis: Zwei Walrosse tauchen auf. Wut und Schrecken malen sich auf ihren Gesichtern; und nachdem sie mit grimmigem Blick das Schlachtfeld gemustert, verschwinden sie wieder. Aber im selben Moment verläßt auch Meiuk seinen bisherigen Platz, wählt einen neuen und legt seine Leine wie vorher fest. Kaum ist dies geschehen, da bricht das Walroßpaar von neuem durch das Eis – genau an der Stelle, die der Jäger eben verlassen hat. Wieder verschwinden sie – und wieder ändert der Jäger seinen Platz. So tobt der Kampf zwischen Gewandtheit und roher Kraft, bis endlich das erschöpfte Opfer eine zweite Wunde empfängt und bald so hilflos ist wie eine Forelle an der Angelrute.

Die Neigung zum Angreifen teilt das Walroß mit den Dickhäutern des trockenen Landes, denen es in der Naturgeschichte zugeordnet ist. Wenn es verwundet ist, erhebt es sich hoch aus dem Wasser, wirft sich wuchtig gegen das Eis und versucht mit seinen Brustflossen hinaufzuklimmen. Bricht das Eis unter seinem Druck ab, so werden seine Mienen noch grimmiger; sein Bellen verwandelt sich in Gebrüll, und Bart und Schnauze bedecken sich mit Schaum. Selbst ungereizt gebraucht es die Hauzähne energisch. Es bedient sich ihrer, um Klippen und Eisstufen zu erklimmen, die ihm außerdem unzugänglich sein würden. Es erklettert in dieser Weise Felseninseln von 60-100 Fuß Höhe über dem Wasser, um sich dort mit seinen Jungen zu sonnen.

Als Charakteristikum der Tapferkeit und Ausdauer des Walrosses erwähne ich, daß der eben geschilderte Kampf vier Stunden dauerte. Während dieser ganzen Zeit schoß das Tier unaufhörlich auf die Eskimos los, sobald sie sich näherten, brach mit seinen Hauern große Eistafeln ab und zeigte nicht eine Spur von Furcht. Es erhielt gegen 70 Lanzenstiche und blieb selbst dann noch mit den Hauern am Eisrande hängen – entweder unfähig oder nicht gewillt, sich zurückzuziehen. Das Weibchen focht in gleicher Weise, flüchtete aber nach Empfang eines Lanzenstiches.

Die Art, wie die Eskimos das erlegte Tier auf das Eis holten, war ebenfalls äußerst geschickt und sinnreich: Sie wachten in dessen Nacken, wo die Haut sehr dick ist, zwei Paar Längsschnitte in etwa sechs Zoll Abstand, so daß gewissermaßen zwei Henkel entstanden. Durch den einen zogen sie eine Leine von Walroßhaut, führten sie auf das Dickeis zu einem starken, fest eingerammten Pfahl, hier durch eine Schlinge, nach dem Tier zurück durch den zweiten Hauthenkel und begannen dann an der Leine zu ziehen. So hatten sie eine Art Flaschenzug, der vermöge des schlüpfrigen Walroßspecks sich sehr leicht handhabte. Denn nun zogen sie das Tier, das seine 700 Pfund wiegen mußte, mit Leichtigkeit heraus und zerlegten es ... –

Unter den mancherlei Vorbereitungen für den Winter war die Hebung des Schiffes am mühsamsten und langwierigsten. Die schweren Eismassen, die im Winter an das Schiff anfroren und zur Ebbezeit an ihm zogen, hätten durch ihre Last die ganze Brigg zerreißen können. Deshalb sollte die »Advance« durch mechanische Mittel soweit gehoben werden, daß sie nicht mehr schwamm, sondern trocken in dem umgebenden Eise läge, und diese Arbeit wurde im Laufe des Oktober durchgeführt. So viel Wärme das Mooshaus im Schiff auch hielt, so waren die Brennvorräte doch so gering und die Kälte so im Steigen begriffen, daß wir schon Ende Oktober damit begannen, Holzwerk von der Brigg zu verbrennen. Nach des Zimmermanns Gutachten ließen sich 150 Zentner Holz wegnehmen, ohne daß die »Advance« seeuntüchtig wurde. Mit dem November kam die Zeit der gezwungenen Muße, da außerhalb fast nichts mehr vorgenommen werden konnte. Von den zehn Insassen des Schiffes lagen vier bereits wieder am Skorbut krank. Selbst in den Fuchsfallen fing sich nichts mehr, und die Leute wurden reizbar und niedergeschlagen. Alles drängte sich in die Kajüte zusammen – so nämlich nannten wir das Mooshaus im Schiff mit seinem langen Eingangstunnel. Kroch man aus ihm heraus, so befand man sich in dem leeren, trostlos öden, seines Holzwerks beraubten Schiffsraume.

Am 7. Dezember erschallte der Ruf »Eskimos!« von Deck. Sie kamen in fünf Schlitten herangeflogen, die meisten der Leute uns unbekannt, und waren in wenigen Minuten an Bord. Sie übten ein Werk der Barmherzigkeit, denn sie brachten Bonjall und Petersen zurück – zwei von denen, die uns am 28. August verlassen hatten. Die beiden wußten von vielen Abenteuern und ausgestandenen Leiden zu erzählen, sie hatten durch schmerzliche Erfahrungen alles bestätigt gefunden, was ich ihnen vorausgesagt. Doch erschütternder noch war die Nachricht, daß sie ihre übrigen Gefährten in einer Entfernung von 200 englischen Meilen zurückgelassen hatten; in ihren Ansichten geteilt, gebrochenen Mutes und fast ohne Subsistenzmittel. Mein erster Gedanke war, ihnen Hilfe zu schaffen. Ich entschloß mich, den Eskimos soviel Lebensmittel anzuvertrauen, als unsere armseligen Vorräte gestatteten. Sie versprachen, alles schnellstens und ehrlich abzuliefern. Die beiden Angekommenen waren unfähig, die Reise wieder mit zurück zu machen; und von uns selbst waren außer mir nur noch zwei auf den Füßen: MacGary und Hans. Wir drei aber konnten unmöglich auch nur einen einzigen Tag abwesend sein, ohne das Leben der übrigen in Gefahr zu bringen. Man mußte sich also auf die Eskimos verlassen, obwohl sie selten der Versuchung widerstehen, sobald es sich um eßbare Dinge handelt. Wir kochten und verpackten demnach 100 Pfund Schweinefleisch, kleinere Portionen Fleischzwieback, Brotstaub und Tee – zusammen etwa 350 Pfund, und gaben diese Vorräte den Eskimos mit, die uns etwas Walroßfleisch zurückließen.

Petersen erzählte viel von dem überraschend mannigfaltigen Tierleben auf der Northumberlandinsel, und ich sah jetzt ein, daß auch wir uns jetzt besser befinden könnten, wenn wir im Sommer über den vielen Expeditionen nicht versäumt hätten, mehr Vorräte einzuheimsen. Vom Mai bis August lebten wir von Robben, und ein einziger Mann versorgte ihrer fünfundzwanzig. Diese Jagd konnte viel mehr in großem Maßstabe betrieben werden. Wir hätten im Juni eine Menge Eier sammeln können, die im Schnee sich frisch gehalten hätten, konnten noch im August einen Vorrat von Vögeln schießen. Und jetzt noch sind diese Eskimos, nur 70 englische Meilen von uns entfernt, dick und fett von Walroßfleisch. Gewiß also ist dies eine Gegend, wo man nicht Hungers zu sterben, nicht einmal den Skorbut zu haben braucht, den ich lediglich unserer zivilisierten Kost zuschreibe.

Am 12. Dezember morgens um 3 Uhr weckte mich abermals die Wache mit dem Ruf: »Eskimos!« Ich zog mich hastig an, kletterte über die Kisten, die als Treppe nach oben dienten, und sah eine Gruppe menschlicher Gestalten, eingehüllt in die Pelze und Kapuzen der Eingeborenen. Sie blieben an der Laufplanke stehen – und gerade, als ich sie anrufen wollte, sprang einer vor und faßte meine Hand. Es war Dr. Hayes. Er brachte nur wenige schmerzliche Worte hervor und forderte dann die übrigen auf, ihm zu folgen. Arme Kameraden! Ich konnte ihnen nur brüderlich die Hand drücken. Sie waren mit Reif und Schnee bedeckt und dem Verschmachten nahe. Man durfte sie nur vorsichtig an die Wärme gewöhnen, da sie solange einer fürchterlichen Kälte ausgesetzt gewesen.

Sie hatten eine Reise von 350 Meilen gemacht. Ihr letzter Marsch, von der Bucht bei Eta aus, einige 70 Meilen in gerader Linie, war bei dieser Todeskälte durch die Hummocks gegangen. Nach und nach wurden sie alle untergebracht. Nachdem sie ihre Eskimoanzüge am Ofen abgelegt, – wie schmeckten ihnen da die armseligen Leckereien, die wir ihnen zu bieten vermochten: Kaffee und Suppe von Fleischzwieback, Syrup und Weizenbrot, sogar das Salzfleisch, das wir selbst nicht essen durften! Länger als zwei Monate hatten sie von gefrorenem Robben- und Walroßfleisch gelebt. Es war ein Glück, daß sie nicht auf Petersens Rückkehr oder auf die Ankunft der Eskimos mit den Vorräten gewartet hatten. Denn die Schlitten, die diese führten, waren leer durch die Niederlassung von Eta gegangen, und was eigentlich aus dem Proviant geworden ist, hat man nie erfahren.

Auch Eskimos – fast lauter wohlbekannte Freunde – waren mit unseren zurückkehrenden Leuten angekommen. Man hatte sie in verschiedenen Hütten gemietet. Aber als man dem Schiff näher kam, hatten sich auch Freiwillige angeschlossen, so daß die Begleitung schließlich aus sechs Mann mit 42 Hunden bestand. Ihr Benehmen gegen unsere armen Freunde war sehr hilfsbereit. Sie fuhren mit fliegender Eile. In jeder Hütte, wo sie anhielten, hieß man sie willkommen; und die Weiber beeilten sich, die erschöpften Leute zu trocknen und warm zu reiben.

Immerhin ergab sich, daß die Besucher der Brigg noch einen andern Zweck verfolgten: Unter dem Zwange der Not hatten nämlich einige unserer Leute das Gastrecht verletzt. In Kalutunas Hütte hatten sie sich verschiedene Kleidungsstücke unter Umständen angeeignet, wo nur das Recht des Stärkeren ihnen zur Seite stand; und es war klar, daß unsere wilden Freunde gekommen waren, um Rache zu nehmen oder sich zumindest zu beschweren.

Nachdem ich die dringendsten Anforderungen aller befriedigt hatte, war meine erste Sorge, die Eskimos zu begütigen. Denn obwohl sie ihre stereotypen zufrieden lächelnden Gesichter zeigten, sah ich doch, daß etwas im Hintergrunde lauerte. Ich berief demnach alle zu einem strengen Verhör auf Deck, um den genauen Tatbestand zu ermitteln, und ließ dabei nicht durchblicken, welcher Partei ich recht geben würde. Unter Petersens Verdolmetschung mußte Kalutuna seine Sache vortragen, und durch ein förmliches Verhör wurde das ganze Streitobjekt klargestellt. Es war derart, daß die Unseren durch ein gutes Wort an die Eskimos jedenfalls dasselbe wie durch Gewalt oder List erreicht hätten. Zur größten Befriedigung unserer fremden Gäste erkannte ich ihnen volles Recht zu und zupfte sie zum Zeichen der Reihe nach an den Haaren. Darauf wurden sie in unseren Winterverschlag geführt, der bis jetzt ein Geheimnis für sie gewesen war. Hier setzte ich mich auf einen roten Teppich zwischen vier Specklampen, die ihr Licht über alte Damastvorhänge, Jagdmesser, Gewehre, Bierfässer, Ofen, Chronometer usw. ausgossen, und teilte an jeden fünf Nadeln, eine Feile und ein Stück Holz aus. Kalutuna und Schugu empfingen noch Messer und anderes außerdem. Schließlich wurde ihnen unsere letzte Büffeldecke neben den Ofen gebreitet, ein höllisches Feuer angefacht und ein tüchtiges Essen gekocht. Ich erklärte ihnen dabei, daß meine Leute nicht gestohlen, sondern die Pelzkappen, Stiefel und Schlitten nur genommen hätten, um sich das Leben zu erhalten; dann gab ich ihnen alles zurück. Sie taten einen guten Schlaf, der durch Essen unterbrochen und beschlossen wurde, und traten dann zufrieden und in bester Laune den Rückweg an. Allerdings hatten sie wieder einige Messer und Gabeln mitgehen heißen; doch das ist nun mal einer ihrer nationalen Charakterzüge.

Unser Winterverschlag erwies sich für die so unerwartet verstärkte Gesellschaft als derart eng, daß der Aufenthalt ungesund wurde und die Lüftung eine verdoppelte Aufmerksamkeit bedingte. Um das wenige Holz zu schonen, wurden zum Kochen und Wassererhitzen häufig Specklampen benutzt, die aber wieder durch ihren üblen Geruch belästigten. Daher stellten wir sie außerhalb des Tossut in einem kleinen, besonders dazu hergerichteten Verschlage auf. Einmal jedoch – es war am 23. Dezember – hatte die Wache ihr Amt versäumt, und dieser Kochraum geriet in Brand. Es war eine schreckliche Krisis. Denn nicht weniger als vier Mann lagen hilflos darnieder; und nur eine Wand befand sich zwischen ihnen und dem Feuer. Bevor aus dem Eisloch Wasser geholt werden konnte, stand schon der ganze Verschlag sowie das trockene Gebälk und die Verschalung des Schiffes in Flammen. Unsere Mooswände mit ihrem zunderähnlichen Material waren vom Feuer völlig zugedeckt. Ich mußte durch die Flammen hindurch, um die Wände zu schützen, indem ich an der gefährdetsten Stelle die dort hängenden Segeltuchvorhänge herunterriß. Als das Wasser herab und ins Feuer floß, wurde der Rauch so erstickend, daß ich ohne Besinnung zusammenbrach. Man zog mich auf Deck, wo ich mich ohne Bart, Haar und Augenbrauen wiederfand, dafür aber unterschiedliche Brandbeulen an Kopf und Händen besaß. Der so unvermittelte Uebergang von der Höllenglut zu einer äußeren Temperatur von 46° unter Null war eine harte Prüfung. Wenige der Wasserzubringer kamen ohne erfrorene Finger davon. Hätten wir bei diesem schlimmen Zwischenfall das Schiff verloren, dann wäre keiner von uns mit dem Leben davongekommen.

Unser zweites Winterheim auf der »Advance«

Trotz alledem begingen wir den Weihnachtsabend festlich. Wir suchten unsere Lage zu vergessen und einander aufzuheitern. Bei Tische wurden gebratene und gekochte Truthühner, Roastbeef, Plumpudding, Melonen und wer weiß was alles noch herumgereicht. Nur schade, daß all diese Herrlichkeiten aus Pökelfleisch und Bohnen bestanden!

Der Mangel an frischem Fleisch machte sich immer fühlbarer. Einige der Kranken – besonders MacGary und Brooks – schwanden zusehends dahin. Nur Walroßfleisch würde sie aufrechterhalten haben, und dies konnte man allein bei den Eingeborenen suchen. Eine Reise zu ihnen, so gefährlich sie bei der strengen Kälte auch schien, mußte gewagt werden. Wenigstens war um diese Zeit Mondschein. Alles kam darauf an, ob die Hunde die Anstrengungen der Reise aushalten würden. Mehrere von ihnen waren schon wieder an Krämpfen verendet; sie wurden gekocht und die noch lebenden damit gefüttert.

Wir traten unsere Reise nach Süden an. Aber schon nach wenigen Stunden zeigten sich die fatalen Krampfsymptome bei den Hunden, und bald waren sechs von ihnen unbrauchbar. Mein Begleiter Petersen wollte umkehren, ließ sich jedoch überreden, mit nach den verlassenen Hütten von Anoatok zu gehen, wo wir versuchen wollten, die Hunde wieder auf die Beine zu bringen. Es war ein schreckliches Fortkommen in den Windungen der Bucht; bald mußten wir den Eisrand erklettern, bald wieder aufs Eis heruntergehen – wie es die Umstände eben erforderten. Wir erreichten endlich die Hütten und krochen mit den Hunden in die besterhaltene, deren eingefallenen Giebel wir mit Schnee verstopften. Es war zu kalt, um zu schlafen. Am nächsten Morgen erhob sich ein Sturm, der den Mond verdunkelte und uns in die Hütte zurücktrieb, wo wir vor Erschöpfung in einen langen Schlaf versanken. Als wir erwachten, hatte der Sturm sich noch gesteigert. Es herrschte tiefe Finsternis und fürchterliche Kälte. Die Specklampe war erloschen und eingefroren.

Sobald der Orkan sich etwas gelegt, brachen wir auf und trieben dem Zufluchtshafen zu. Aber die erschöpften Hunde vermochten nicht mehr die Hummocks zu übersteigen. Um daher ihr und unser Leben zu retten, sahen wir uns gezwungen, zu Fuß nach dem Schiff zurückzukehren, indem wir die Hunde vor uns hertrieben.

Mit diesem ergebnislosen Abenteuer schloß das Jahr 1854.

Die intensive Kälte und der Mangel an Brennstoff zwangen uns immer mehr, uns mit Specklampen zu behelfen. Zuletzt hatten wir nicht weniger als zwölf im Gange. Die Hitze, die diese Lampen entwickelten, war erstaunlich; doch ihr Rauch und Ruß belästigten uns sehr. Von Reinlichkeit ließ sich kaum noch sprechen; alles um und an uns war mit Ruß überzogen. Die Gesichter glänzten wie die der Eskimos in fettigem Schwarz, und das Einatmen so vieler Verbrennungsprodukte förderte nicht gerade die Gesundheit.

Bald trieb mich die Not zu dem abermaligen Versuch, die Eskimos zu finden, obwohl dazu nur noch fünf Hunde, die sich nicht gerade im besten Zustande befanden, verwendungsfähig waren. Diesmal hatte ich Hans zu meinem Begleiter ausersehen, weil mir Petersen zu bedenklich war. Vom Fahren auf dem Schlitten konnte keine Rede sein; wir hatten etwa 100 englische Meilen nebenher zu traben. Aber die Reise konnte nicht sofort angetreten werden; denn der Mondschein war vorüber und alles wieder stockfinster. Schon am 14. Januar hatte ich für die Kranken nichts weiter als einen gefrorenen Bärenkopf, der als ein naturhistorisches Stück beiseitegelegt worden war. Ein paar Tage später mußte man die ungesunde Leber und die Eingeweide des Tieres zu Hilfe nehmen. Das Fleisch wurde grammweise an die Kranken verteilt; ebenso ein Fuchs, der sich am 22. gefangen hatte. Am selben Tage wurde endlich die Reise angetreten. Anfänglich ließ sie sich gut an; aber plötzlich stürzten zwei Hunde in Krämpfen nieder. Hier war nicht zu helfen. Der Mond ging unter, und die elende Finsternis umhüllte uns von neuem. Wir tappten längs des Eisfußes hin und erreichten nach vierzehnstündigen Anstrengungen die alte Hütte von Anoatok. Alle Anzeichen deuteten auf einen bevorstehenden Schneesturm. Hans schnitt sofort Schneeblöcke aus, um die Oeffnung der Hütte zu verstopfen. Ich trug die Specklampe, Proviant und Schlafzeug hinein und nahm auch die Hunde zu uns. Kaum waren wir untergebracht, als der Sturm losbrach. Hier, von der Außenwelt völlig abgeschlossen, brachten wir viele traurige Stunden zu. Wir wußten nicht, wie die Zeit verstrich; und den Zustand des Wetters konnten wir nur aus dem Wirbeln des Schneetreibens auf dem Dach unserer Kellerwohnung abschätzen. Wir schliefen, kochten und tranken Kaffee, schliefen und kochten wieder. Wenn wir glaubten, daß zwölf Stunden um seien, dann hielten wir wieder eine Mahlzeit; d. h. wir teilten getreulich den rohen Hinterschinken eines Fuchses, um damit unsern mit gefrorenem Talg belegten Schiffszwieback etwas zu würzen. Danach legten wir uns wieder schlafen und kümmerten uns nicht weiter um das Unwetter, das uns längst tief unter Schnee begraben hatte.

Mittlerweile war mit der Temperatur – obwohl der Sturm fortdauerte – eine seltsame Veränderung vorgegangen. Vom Dache herabtropfendes Wasser weckte mich; ich fand Schlafsack und Kissen völlig durchnäßt. Der warme Südost war, wie ich später fand, ganz unerwartet gekommen. Auf dem Schiff hatten sie + 26° F. (etwa 2-1/2° Kälte R.); und wir in größerer Nähe der See hatten wahrscheinlich eine Temperatur über dem Gefrierpunkt. Seit wir die Brigg bei – 44° verlassen, war also die Temperatur um mindestens 70° gestiegen. Bei solchem Wechsel leidet der stärkste Mann. Uns beide überfiel ein schwüles, beklemmendes Gefühl und ein Druck auf das Herz, den wir längere Zeit nicht wieder loswurden. Am Morgen – also als der Mond und das südliche Dämmerlicht es uns gestatteten, die Hütte wieder einmal zu verlassen – fand ich durch Vergleich des Mond- und Sternenstandes, daß wir fast zwei Tage eingesperrt gewesen. Jetzt brachen wir sofort nach den Hummocks auf. Hier aber sah es traurig verändert aus. Der Schnee hatte sich so kolossal angehäuft, daß er Menschen, Schlitten und Hunde bei dem Versuch, durchzukommen, förmlich begrub. Vergebens spannten wir uns selbst vor, es war nicht von der Stelle zu kommen. Die Dunkelheit brach aufs neue herein, und mit Mühe und Not erreichten wir die Hütte wieder. Die folgende Nacht fror es wieder hart, und trotz unserer zweidochtigen Lampe hatten wir ein elendes Quartier. Dabei dauerte der Schneefall fort, der Proviant ging auf die Neige, und bis zu den Eskimos waren es noch 46 Meilen!

Nun unternahm ich einen Versuch, den Eisrand entlang zu fahren. Wir arbeiteten uns vier Stunden lang außer Atem, erreichten aber nichts. Hans, der sonst so waghalsige und kaltblütige Mensch, weinte wie ein Kind, und auch mir selbst war nicht eben wohl zumute.

Wir hatten unser Gespann noch nicht wieder aus dem Schnee heraus, als die breite Mondscheibe sich über dem Wasserdunst erhob. Ein bekannter Hügel war in der Nähe; ich erstieg ihn und betrachtete die Küste um ihn her. Kap Hatherton schien von einem förmlichen Chaos gebrochenen Eises umpanzert. Daneben war Wasser, das unbegreifliche Nordwasser! Wie ein langer, schwarzer Keil, mit Wassernebeln umhangen, lief es von Nord nach Ost. Da war also ein Kanal durch die Hummocks, und nach Süden dehnten sich ebene Eisflächen! Hans kam auf meinen Ruf herbei und bestätigte, was ich sah und kaum zu glauben wagte. Wären die Hunde nicht gar zu erschöpft und der Mond im Untergehen gewesen, so hätten wir die Reise leicht vollenden können. Aber frohen Herzens kroch ich diesmal in unser armseliges Loch zurück und verstopfte von neuem seine gähnende Oeffnung mit Schnee. Speck hatten wir nicht mehr, folglich auch kein Feuer. Aber ich wußte doch, daß wir das Schiff wieder erreichen und, nachdem sich Menschen und Hunde gestärkt hatten, sicher zu den Ansiedlungen gelangen würden.

Obwohl meine Gefährten anfangs betroffen waren, daß wir mit leeren Händen zurückkamen, hörten sie die gute Neuigkeit von einer offenen Passage durch die Hummocks mit großer Freude. Sofort wurden nun Anstalten zu einer neuen Unternehmung getroffen. Indes mußte besseres Wetter abgewartet werden; denn Sturm und Schneefall dauerten ohne Unterbrechung an. Wir hatten mehrere Tage gar kein Fleisch mehr, da die Füchse nicht mehr in die Fallen gingen. Zu gewissem Ersatz bereitete ich Eisengetränke für die am Skorbut leidenden. Am 3. Februar endlich zogen Hans und Petersen mit dem Schlitten aus, kehrten jedoch schon am übernächsten Abend unverrichteter Dinge zurück. Die Schneemassen hatten sich zu sehr gehäuft. Petersen war ganz hin. Seine Kräfte waren geschwunden und der Skorbut ihm in die Brust getreten. Hans allein hatte die Botschaft nicht ausführen können.

Zum Glück trat jetzt wieder heiteres Wetter ein, und ich konnte mit Hans einen Jagdausflug unternehmen. Die Ausbeute bestand aus zwei Kaninchen, der ersten Gabe des wiederkehrenden Tages. Das Fleisch wurde roh verteilt und das Blut den am schwersten Leidenden zu trinken gegeben. Abermals wurde das Wetter stürmisch, und schwere Schneemassen verfinsterten die Luft. Nach meiner Ueberzeugung mußte eine große südliche Wasserfläche vorhanden sein, über die der warme feuchte Wind hinwegstrich und die uns vielleicht näher rückte und uns Befreiung brachte. Aber wenn wir gingen, so mußten wir allein gehen. Denn unsere kleine Brigg – das stand nunmehr fest – konnte nicht mehr gerettet werden! Die Zeit, da sie sich auf den Wogen wiegte, war für immer vorbei!

Nach manchen vergeblichen Ausgängen brachte Hans am 10. abermals drei Kaninchen. Sie wurden sorgfältig zerlegt und geteilt. Wir hatten gelernt, alles wohlweislich zu benutzen: die Häute gaben Suppe, die Pfoten Gelee; Lungen, Magen und Eingeweide – alles wurde verwertet. Am 12. trat Hans mit Godfrey einen neuen Jagdzug an; er hatte in den letzten Tagen ein Renntier gespürt und hoffte, es zu finden. Erst am 22. kehrte er zurück, als die Sonne bereits wieder ihre belebenden Strahlen herabsandte. Aber er brachte gute Nachrichten: er hatte das Ren angeschossen. Es war das gleiche Tier, das während der ganzen Zeit des Zwielichts um unsere Bucht gestreift und durch sein jeweiliges Auftauchen so manche Erzählungen und Fabeln veranlaßt hatte. Hans hatte es aus weiter Distanz getroffen; es trollte in langsamem Trabe davon, aber wir waren seiner sicher. Am andern Morgen machte sich Hans auf die Nachsuche und fand es nur zwei Meilen unterhalb der Bucht liegen. Es war ein Benesoak: ein Renntier, das sein Geweih abgeworfen hat. Auf den Lieblingsplätzen dieser Tiere sollen sich große Mengen dieser abgeworfenen Geweihe finden, mit denen die Dänen wenig oder nichts anzufangen wissen.

Die »Advance« in den Banden des ewigen Eises

Die Nachricht dieses Jagdglücks wurde an Bord mit allgemeinem Freudengeschrei empfangen; aber es ging uns mit unserm Benesoak fast wie jenem Mann, der einen verlosten Elephanten gewann: Wir waren derart entkräftet, daß wir und die Hunde große Mühe hatten, unsere Beute bis zum Schiff, und noch größere, sie hinaufzuschaffen. Nachdem wir das Ren in den Schiffsraum gestürzt, zeigte sich eine neue Verlegenheit: es war viel zu groß, um es durch die enge Pforte der Moosstube zu bringen. Ebenso unmöglich war es jedoch, es draußen abzuhäuten, ohne dabei die Finger zu erfrieren. Der Hunger gab das Auskunftsmittel, das Tier zu zerlegen, bevor es abgehäutet war. In wenigen Minuten hielten alle eine erquickende Mahlzeit in rohem Fleisch und darauf einen mehrstündigen Schlaf. Das Ren war eins der größten, das ich je gesehen, und hatte gewiß das Maß einer zweijährigen Kuh. Wir versprachen uns mindestens 180 Pfund gutes Fleisch, doch der folgende Tag brachte uns zum Abendessen eine bittere Enttäuschung: das ganze Fleisch nebst der Leber und den Eingeweiden war vor Fäulnis fast ungenießbar. Die so rapide Fäulnis bei einer Kälte von 35° mag abnorm erscheinen, aber die Grönländer sagen, daß ungewöhnlich niedrige Temperaturen diesen Verwesungsprozeß eher fördern als hindern. Alle Grasfresser zeigen diese Eigenheit, sofern sie nicht sofort ausgeweidet werden, was auch die amerikanischen Büffeljäger sehr gut wissen ...

Ich übergehe die belangloseren Vorkommnisse unsers Winterlebens mit den Symptomen unserer Patienten, vergeblichen Jagdausflügen und anderen einförmigen Dingen. Von den 18 Mann waren nur noch sechs imstande, irgend etwas zu leisten. Wir schufen einen bequemeren Gang vom Schiff auf das Eis, damit unsere Kranken zuweilen aus ihrem Spital an die Luft und Sonne kriechen konnten. Durch Umbau unserer Heizvorrichtungen erlangten wir einen besseren Zug und brannten jetzt zerhackte Schiffstaue.

Mein Tagebuch enthält unter dem 28. Februar folgende Bemerkungen:

»Der Februar ist vorüber. Gott sei Dank, daß seine 28 Tage um sind! Sofern uns die 31 Märztage nicht noch weiter herunterbringen, können wir hoffen, daß dieses traurige Drama zu einem glücklichen Ende kommt. Mit dem 10. April müssen sich die Robben wieder einfinden; und wenn sie uns noch am Leben antreffen, so haben wir gewonnen. Bei alledem aber werden wir noch schwere Kämpfe haben. Der Skorbut überkommt uns mehr und mehr. Ich tue mein bestes, die schwersten Fälle zu bekämpfen; doch kaum habe ich den einen etwas auf die Beine gebracht, so legt sich ein anderer hin. Die Krankheit ist vielleicht nicht mehr so bösartig wie früher, aber sie ist allgemeiner unter der Mannschaft verbreitet. Außer Morton, der aber eine Ferse erfroren hat, ist keiner von uns völlig frei davon. Von den sechs Arbeitsfähigen, die ich noch vor einem Monat zählte, können zwei nicht mehr im Freien schaffen. Die übrigen vier teilen sich in den Schiffsdienst. Hans nimmt sich zusammen, um die Jagd zu versehen, Petersen ist sein entmutigter und mürrischer Gehilfe. Bonsall und ich haben den ganzen Tagesdienst für die Wirtschaft und Krankenpflege. Wir hacken fünf große Säcke voll Eis klein, schneiden sechs Klafter achtzölliges Ankertau in fußlange Stücke, teilen Fleisch aus, wenn wir welches haben, hacken Syrup aus den Fässern, zertrümmern mit Axt und Brecheisen das Salzfleisch und die getrockneten Aepfel, schaffen Kehricht und Spülicht aus dem Schlafraum – kurz, wir sind Koch, Küchenjunge und Krankenpfleger in eins. Dazu habe ich fünf Nächte hintereinander von 8 bis 4 Uhr die Wache gehabt; habe, ohne die Kleider zu wechseln, nur unter Tage zuweilen ein wenig genickt und jede Stunde sorgfältig den Thermometerstand aufgeschrieben.

»Unter solchen Verhältnissen verlassen wir den Februar, und 41 Tage von genau der gleichen Beschaffenheit liegen noch vor uns. Und wie sehr haben diese 28 Tage uns geschwächt und mitgenommen! Aber es gibt noch Hilfsmittel, die uns retten können. Noch ein gesundes Renntier, ein leidliches Glück in der kleinen Jagd, Hilfe mit Walroßfleisch durch unsere nomadisierenden Eskimos oder – was ich am sehnlichsten hoffe und erwarte – ein Bär! Bereits haben wir einige Spuren von ihnen bemerkt. Wenn nur Hans und ich aushalten, werden wir wohl durchkommen.«

Die merkwürdige Erscheinung warmer Süd- und Südostwinde mitten im Januar schwand erst Mitte Februar; und selbst dann blieb die Wärme noch mehrere Tage fühlbar. Das Thermometer sank selten tief unter den Gefrierpunkt. Seitdem wurde es kälter und der massenhafte Schnee fest genug, daß man ihn überschreiten konnte. Zweimal wurden noch vergebliche Versuche gemacht, bis zu den Eskimohütten vorzudringen. Petersen, Hans und Godfrey waren umgedreht und hatten das Vorwärtskommen für unmöglich erklärt. Ich wußte es besser: meine Beobachtungen in der Zeit der Polarnacht hatten mich überzeugt, daß jetzt die Sache ausführbar sein mußte. Ich würde es bewiesen haben, wenn ich unser Hospital auf eine Woche hätte verlassen können.

Aber es gab Stimmungen und Einflüsse um mich herum, die sich kaum noch im Verborgenen hielten und nur durch meine Gegenwart am offenen Ausbruch verhindert wurden. Dies machte mir vor allem zur Pflicht, zu bleiben, wo ich war.

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