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Die Todesfahrt der Advance im ewigen Eise

Elisha Kent Kane: Die Todesfahrt der Advance im ewigen Eise - Kapitel 14
Quellenangabe
typetravel
authorElisha Kent Kane
titleDie Todesfahrt der Advance im ewigen Eise
publisherLeipziger Graphische Werke AG
seriesSammlung interessanter Entdeckungsreisen
volume4
editorOtfried von Haustein
year1928
translatorHanns Reska
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060202
modified20161128
projectid989bc990
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Unsere Freunde – die Eskimos

Festen Schrittes, wie Leute, die ihres Erfolges sicher sind, verließ uns die Gesellschaft und war in wenigen Stunden unseren Augen entschwunden. Wie sie so zwischen den Hummocks verschwanden, überfiel uns erneut die düstere Wirklichkeit unserer Lage. Das traurige Gefühl unserer noch größeren Vereinsamung, die Hilflosigkeit verschiedener Gefährten, die abnehmende Widerstandskraft aller Mitglieder, unsere mangelhaften Hilfsmittel, der drohende Winter mit seiner eisigen schwarzen Nacht – all dies verstörte unsere Gedanken. John Franklin und seine Mannschaft, unser tägliches Gespräch während vieler Monate, trat jetzt in den Hintergrund vor der Besprechung unserer eigenen Lage und dem Problem: wie entkommen? wie leben? Hieran schloß sich in natürlicher Folge die Beratung der Obliegenheiten jedes Einzelnen von uns. Wir kamen bald zu dem Beschluß, daß unsere ganze Organisation und Lebensordnung die gleiche bleiben solle, wie sie bisher gewesen. Die Verteilung der Dienstarbeiten, die religiösen Uebungen, die Tischordnung, die Wachen, selbst die Beobachtungen des Himmels und das Aufzeichnen der Fluten sollte ihren Fortgang nehmen.

Weiterhin war ich darauf bedacht, einiges von den Eskimos Gelernte für uns nutzbar zu machen. Es schien mir das Beste, sie in der Einrichtung ihrer Wohnungen und ihrer eigentümlichen Beköstigung geradezu nachzuahmen – natürlich ohne ihre Unreinlichkeiten.

Querschnitt durch unsere Lagerstätten im Winter

Unsere erste Sorge war, eine warmhaltende Winterwohnung einzurichten; denn unser Brennmaterial war fast auf die Neige gegangen. Gesunde und Kranke arbeiteten nach Kräften daran, das Schiff in ein Igloe, eine Eskimohütte zu verwandeln. Zu diesem Zweck wurde Moos und Torfrasen am Lande aufgesucht, wo es sich nur irgend auftreiben ließ, und auf Schlitten heimgeschafft. Damit gewannen wir ausgezeichnete Wärmehalter; und wenn es gelang, das Quarterdeck damit tüchtig zu umpolstern, so konnten wir eine für den Frost beinahe undurchdringliche Wohnung haben. Dem Bauplan zufolge wurde unter Deck ein Raum von etwa 18 Quadratfuß abgegrenzt und von oben bis unten mit diesem Material ausgefüttert. Der Fußboden wurde sorgfältig mit Gips und Kleister überzogen, darauf eine zwei Zoll dicke Schicht von Manillawerg gelegt und eine Decke von Segeltuch darübergezogen. Der Eingang bestand, wie bei den Eskimohütten, aus einem niedrigen, mit Moos gefütterten Tunnel, mit so vielen Türen und Vorhängen, als sich irgend anbringen ließen. Dies war der Raum für uns alle und für alle möglichen Zwecke; allerdings kein großer. Aber wir zehn konnten hineinkriechen; und ich dachte: je enger, desto wärmer!

Bei dem Worte »Moosholen« darf man in dem Polarkreise an kein Sommervergnügen denken; es ist eine harte Winterarbeit. Der aus Weiden, Heide, Gräsern und Moosen gemischte Torfrasen ist zu einer harten Masse gefroren. Wir können ihn in den Schneewassergerinnen nicht mehr losbekommen, sondern müssen ihn auf den Klippen suchen, mit Brechstangen abwuchten und in Form von Steinen heimbringen. Doch endlich war auch diese unerläßliche Arbeit vollbracht. Wir hatten genug, um unsere Winterhütte zu bauen. Nun war nur noch ein großer Schneevorrat nötig, um die Außenseiten der Brigg damit zu umwallen.

Moosernte

Inzwischen waren unsere Wildbretvorräte zur Neige gegangen und bestanden am 11. September nur noch aus sechs Enten von der Größe eines Rebhuhns und drei Schneehühnern. Ich beschloß, mit einer neuen Art von Robbenjagd den Versuch zu machen. Nur zehn englische Meilen seewärts ist zwischen den Eisbergen eine starke Strömung von Wasser und Eisschollen, die zuweilen einige Robben aufsuchen, um Luft zu schöpfen. Mit Hans und den Hunden fuhr ich hinaus; doch fanden wir den Fleck derart mit losem und zerbrechlichem Eis umsäumt, daß es nicht möglich war, heranzukommen. »Nun,« dachte ich, »morgen, so Gott will, soll es besser gehen. Ich werde meine lange Flinte mitbringen, dazu den Kajak, eine Eskimoharpune mit Leine und Luftsack und ein paar breite Schneeschuhe. Ich werde knien, wo das Eis unsicher ist, und die Körperlast auf die Schneeschuhe verteilen. Hans soll nachfolgen, indem er sich rittlings auf den Kajak setzt, der im Fall des Einbrechens als eine Art Rettungsboot dienen kann. Sind wir so glücklich, auf Schußweite heranzukommen, so sticht Hans ins Wasser und holt das Wild, ehe es untersinkt.«

Ich ging mit Hans und fünf Hunden ans Werk, und wir erreichten schon nach einer Stunde den Pinnakelberg. Aber wo war das Wasser von gestern, wo waren die Seehunde? Die Eisfelder hatten sich geschlossen, und unser Jagdgelände war eine rauhe Eisebene geworden. Von einem Eisberge herunter erblickten wir jedoch im Nordwesten einen Streifen dichten Nebels – das Anzeichen offenen Wassers. Es lag gerade in der Gegend, die wir im vergangenen Frühjahr als Halberfrorene durchirrt hatten. In ein paar Stunden gelangten wir auf ein unübersehbares Eisfeld, so eben wie eine Billardtafel und von hinreichender Festigkeit. In der Ferne zeigten sich deutlich die Dampfsäulen des offenen Wassers. Ohne Zaudern und voll Hoffnung auf eine glückliche Jagd trieben wir vorwärts. Bald kamen wir auf Eis jüngeren Ursprungs, das weniger fest war als das verlassene, aber immerhin noch genügend Tragfähigkeit besaß. Schneller ging es ein Stück vorwärts, bis auf einmal Hans aus vollem Halse rief: »Pusey, Puseymut!« – Robben, Robben! Die Hunde nahmen sofort einen neuen Anlauf; und als ich vorwärts blickte, sah ich ganze Haufen borstiger Seehunde auf einer offenen Wasserfläche spielen. Zugleich bemerkte ich aber auch, daß wir uns auf einer neuen, offenbar unsicheren Eisfläche befanden. Rechts und links dehnte sich weithin die mit Rauhfrostfedern überwachsene Ebene. Die nächste solide Scholle vor uns war ein einzelner Block, der wie eine Insel über die weiße Fläche emporstand. Umkehr war unmöglich; wir mußten vorwärts. Wir trieben die Hunde mit Peitsche und Stimme an. Wir hatten noch über eine englische Meile bis zu dieser Eisinsel, und das Eis bog sich unter den Schlittenkufen wie Leder. Die Furcht überkam die Hunde und trieb sie ohne unser Zutun zu höchster Eile an.

Die Spannung in dieser Lage, bei der es für uns selbst gar nichts zu tun gab, war unerträglich. Wir wußten, daß wir verloren waren, wenn wir die Scholle nicht erreichten; und dies wiederum hing lediglich von unseren Hunden ab. Eine sekundenlange Stockung mußte alles zusammen in die rasche Flutströmung hinabreißen; und dagegen half weder Geistesgegenwart noch sonst irgendein Auskunftsmittel. Die Robben – denn wir waren ihnen jetzt nahe genug, um ihre sprechenden Gesichter zu erkennen – starrten uns mit der ihnen eigenen verwunderten Neugier an. Wir kamen an Dutzenden von ihnen vorüber, die sich bis zur Brust aus dem Wasser hoben und uns durch ihr behagliches Phlegma gleichsam verhöhnten.

Diese verzweifelte Flucht vor dem Schicksal sollte ihr Ende finden. Das Wogen des zähen Salzwassereises schreckte die Hunde derart, daß sie fünfzig Schritt vor der Scholle plötzlich stehenblieben. Sofort brach die linke Schlittenkufe ein, der Leithund folgte, und in einer Sekunde lag die ganze linke Seite des Schlittens unter Wasser. Mein erster Gedanke war, die Hunde frei zu machen. Ich beugte mich vor, um die Leine des Leithundes zu zerschneiden – und schwamm in derselben Minute neben ihm in einer Brühe von schwammigem Eis und Wasser. Hans, der gute Junge, kam heran, jammerte laut in gebrochenem Englisch und wollte helfen. Ich aber befahl ihm, sich auf den Bauch zu legen, Arme und Beine auszustrecken und sich mit dem Taschenmesser nach der Scholle hinüber zu schieben. In diesem Moment schwammen Schlitten, Hunde und Leinen in wirrem Durcheinander um mich her. Es gelang mir, den Leithund abzuschneiden und ihm aufs Eis zu helfen, denn das arme Tier hätte mich mit seinen kläglichen Liebkosungen fast ertränkt. Dann machte ich mich an den Schlitten, fand aber, daß er mich nicht trug; und so blieb mir nichts übrig, als mich am Rande des Eisloches zu versuchen. Ich ruderte rund herum, doch überall brach das verwünschte Eis in dem Augenblick ab, wo ich glaubte, gewonnenes Spiel zu haben. Durch diese Bemühungen erweiterte sich der Umfang des Wassers um mich in sehr unerwünschter Weise, und ich fühlte mich nach jeder mißlungenen Anstrengung schwächer. Hans hatte inzwischen das feste Eis erreicht, lag als guter Herrnhuter auf den Knien und betete durcheinander auf englisch und eskimoisch.

Es war fast aus mit mir. Mein Messer war beim Losschneiden der Hunde verlorengegangen, und ein zweites, das in meiner Hosentasche steckte, war in den triefnassen Falten so verwickelt, daß ich es nicht fassen konnte. Meine endliche Herausarbeitung verdankte ich einem neu eingefahrenen Zughunde, der noch an dem Schlitten fest war und durch seine Versuche, sich zu befreien, die eine Schlittenkufe dicht an den Eisrand gebracht hatte. Alle meine früheren Versuche, den Schlitten als eine Brücke zu benutzen, waren fehlgeschlagen; er brach jedesmal durch und beschädigte das Eis nur desto mehr. Jetzt fühlte ich, daß ich nur noch diese eine Hoffnung hatte. Ich warf mich auf den Rücken, um mein Gewicht möglichst zu verringern, und legte mich mit dem Genick auf den Eisrand. Dann krümmte ich langsam und vorsichtig das Bein, stemmte den Fuß an die Schlittenkufe und drückte mich langsam ab, wobei ich dem halb nachgebenden Knistern des Eises unter mir lauschte. Bald fühlte ich, daß mein Kopf auf dem Eise ruhte und meine nasse Pelzjacke auf dessen Fläche glitt. Dann folgten die Schultern glücklich nach, und durch einen letzten, kräftigeren Tritt schob ich mich vollends hinauf und war gerettet. Ich erreichte die kleine Eisinsel, wo Hans sich bemühte, mich zu frottieren. Wir retteten sämtliche Hunde, mußten aber Schlitten, Kajak, Gewehre, Schneeschuhe und alles übrige solange im Stich lassen, bis ein stärkerer Frost uns erlauben würde, zurückzukehren und die Dinge loszueisen.

Nach einem Trabe von 12 Meilen erreichten wir das Schiff wieder, und ich fand da soviel Bequemlichkeit und Herzlichkeit, daß ich unser neuestes Mißgeschick bald vergaß.

Doch ich finde, daß meine Schilderungen aus der Periode unserer emsigen Vorbereitungen für den Winter noch sehr dürftig sind und daß ich noch nicht erzählt habe, unter welchen Umständen wir Schritt für Schritt in vertrauliche Beziehungen zu den Eskimos kamen. Meine letzte Erwähnung dieser seltsamen Leute, deren Schicksale sich in der Folge so eng an die unserigen knüpfen sollten, geschah bei der Erzählung von Meiuks Flucht aus der Gefangenschaft. Während der Zeit, die ich zur Aufsuchung der Beechey-Insel abwesend war, hatten unsere auf dem Schiff gebliebenen Leute viel mit Eskimos verkehrt. Ich selbst jedoch sah keinen von ihnen im Rensselaerhafen bis zu der Zeit, als Petersen mit seinen Genossen Abschied genommen. Gerade da erschienen drei von ihnen, gleichsam als wollten sie unsere jetzigen Verhältnisse in Augenschein nehmen. Dies betrachte ich als sicheres Zeichen, daß wir von ihnen unausgesetzt beobachtet worden waren.

Gefahrvolle Schlittenexpedition

Es war allerdings jetzt ganz anders um uns bestellt. Wir hatten die Hälfte unserer Vorräte, Boote und Schlitten und mehr als die Hälfte unserer gesunden Leute eingebüßt und statt dessen die Aussicht, hier im Eise eingesargt zu werden. Natürlich mußten wir nichts so sehr fürchten als den Mangel an frischem Fleisch, deshalb war es wichtig, mit diesen Leuten in gutem Einvernehmen zu bleiben. Wir empfingen sie daher stets freundlich und gastfrei, obwohl sie zuweilen lästig wurden und zur Ordnung gebracht werden mußten.

Als diese drei Besucher Ende August zu uns kamen, quartierte ich sie in einem Zelt unter Deck ein, wo sie eine kupferne Lampe, ein Kochbecken und reichlichen Talg zur Feuerung hatten. Sie kochten und aßen unaufhörlich; und statt schlafen zu gehen, wußten sie gegen Morgen die Deckwache zu täuschen und heimlich zu verschwinden. Zum Dank für unsere Gastfreundschaft hatten sie nicht nur die Lampe und das übrige Kochgeschirr gestohlen, das sie in Gebrauch gehabt, sondern obendrein meinen besten Hund. Sie hätten sicher alle Hunde mitgenommen, wenn die übrigen nicht von der Reise so krank gewesen wären. Zudem entdeckten wir am andern Morgen, daß sie auch die Büffel- und Gummiröcke gefunden und sich angeeignet hatten, die MacGary einige Tage zuvor draußen am Eisfuß zurückgelassen.

Dieser Diebstahl setzte mich in Verlegenheit. Ich konnte kaum einen Akt der Feindseligkeit darin erblicken. Ihre früheren Mausereien hatten sie immer mit so prachtvoller Naivität ausgeführt und, wenn man sie ertappte, so herzlich gelacht, daß ich zu der Ansicht kommen mußte, ihre Begriffe von Mein und Dein seien eben anderer Art als die uns geläufigen. Andererseits stand ja leider fest, daß wir zu wenige waren, um unser Eigentum gehörig zu bewachen, und daß diese Leute unsere Güte bis zu einem gewissen Punkte falsch beurteilten.

Ich war im Zweifel, welches Strafmittel ich anwenden solle, fühlte aber, daß – wenn auch aufs Geratewohl – etwas Tatkräftiges geschehen müsse. Ich sandte sofort Morton und Riley, die zwei besten Fußgänger, mit dem Auftrage ab, sich eiligst nach der Niederlassung Anoatok zu begeben, um womöglich die Diebe zu überholen, die wahrscheinlich dort rasten würden. Sie fanden dort den jungen Meiuk, der es sich in der Hütte ganz bequem machte, in Gesellschaft von Sivu, Meteks Weib, und Anigna, Marsingas Weib. Unsere Büffelröcke aber waren bereits verschneidert und in Mäntel verarbeitet, die sie am Leibe trugen.

Eine genaue Nachsuche brachte ferner die Kochgeräte und eine Menge anderer Dinge von größerem und geringerem Werte zum Vorschein, die wir noch gar nicht vermißt hatten. Mit jener Amtsmiene, die den Gesetzesvollstreckern in der ganzen Welt eigen ist, wurden den Weibern die Sachen abgenommen, sie selbst gebunden, mit dem gestohlenen Gut und außerdem soviel Walroßfleisch aus ihren eigenen Vorräten bepackt, als zu ihrem Unterhalt erforderlich schien – dann wurden sie unverzüglich nach dem Schiff transportiert.

Die 30 englischen Meilen Weges waren eine harte Zumutung für sie. Doch sie klagten nicht; so wenig wie ihre beiden Häscher, die schon 30 Meilen gegangen waren, um sie zu arretieren. Noch waren nicht 24 Stunden vergangen, seit die Eskimoweiber das Schiff verlassen – und schon befanden sie sich wieder als Gefangene an Bord; bewacht von einem schrecklichen weißen Manne mit mürrischem Gesicht und bösen, unverständlichen Drohworten. Nicht einmal die Gesellschaft Meiuks sollte ihnen gegönnt sein. Denn diesen hatte ich an Metek, den Häuptling von Eta abgesandt, mit einer Botschaft, wie sie in Ritter- und Räuberromanen vorkommt, und ihn zur Auslösung der Gefangenen aufgefordert. Fünf Tage lang mußten die Weiber in ihrem einsamen Gefängnis seufzen und singen und kreischen, wobei jedoch ihr Appetit stets vortrefflich blieb. Endlich langte der große Metek an. Er brachte Ootunia mit, einen andern hochgestellten Mann, sowie einen ganzen Schlitten voll gestohlener Messer, zinnerner Becher, Eisenzeug und Holzstücken.

Die Einzelheiten der Friedensunterhandlungen übergehe ich. Alle Wunderdinge auf dem Schiffe, alle Erzeugnisse der Kunst und Wissenschaft, die Feuerwaffen inbegriffen, machten auf Metek nicht soviel Eindruck als die jetzt gewonnene Ueberzeugung von den überlegenen körperlichen Kräften der Weißen. Diese Nomaden wissen besser als jeder andere, welche Ausdauer und Energie dazu gehört, sich durch Treibeis und Schneewehen hindurchzuschlagen. Ohne Zweifel hatte Metek geglaubt, nach dem Abmarsch eines Teils der Schiffsbesatzung sei es mit den Kräften der Uebrigen zu Ende. Und jetzt mußte er erleben, daß wir innerhalb weniger Stunden einen Marsch nach ihrer Hütte ausgeführt, drei der Schuldigen festgenommen und sie als Gefangene auf das Schiff transportiert hatten. Solch Stück Arbeit wußte er vollauf zu würdigen. Es bestärkte ihn in der Ueberzeugung, daß die Weißen von Rechts wegen überall der herrschende Stamm sind oder sein sollten.

Die Unterhandlungen verliefen ohne Schwierigkeit, wenn sie auch mehrmals von den unerläßlichen Festlichkeiten und Ruhepausen unterbrochen wurden. Der Hauptinhalt war von seiten der Innuits (Eskimos) folgender: Wir versprechen, nicht stehlen zu wollen.

Wir versprechen, euch frisches Fleisch zu bringen.

Wir versprechen, euch Hunde zu verkaufen oder zu leihen.

Wer versprechen, euch Gesellschaft zu leisten, so oft ihr uns braucht, und euch die Plätze zu zeigen, wo Wild zu finden ist.

Die Kablunas oder Weißen versprachen dagegen:

Wir wollen euch nicht mit Tod oder Zauber heimsuchen, noch euch irgendwie Schaden zufügen.

Wir wollen auf unseren Jagden für euch schießen.

Ihr sollt an Bord des Schiffes gastfreundschaftlich aufgenommen werden.

Wir schenken euch Näh- und Stecknadeln, zwei Sorten Messer, einen Reifen, drei Stücke hartes Holz, etwas Fett, eine Ahle und Zwirn; und wir wollen euch solche Dinge, die ihr braucht, gegen Walroß- und Robbenfleisch von bester Güte in Tausch geben.

Dieser Vertrag, der für uns von großem Wert war, wurde in voller Versammlung der Leute von Eta, in der Hans und Morton als meine Abgesandten fungierten, angenommen und genehmigt. Er wurde durch keine Eide bekräftigt, aber auch niemals gebrochen. Aller gegenseitiger Verkehr geschah in seinem Sinne. Die Parteien gingen zwischen der Hütte und dem Schiff ab und zu, statteten sich Höflichkeits- und Notwendigkeitsbesuche ab, trafen sich auf Jagdpartien auf dem See- und Landeis, organisierten eine umfassende Gemeinschaft der Interessen; und es kamen Fälle von persönlicher Anhänglichkeit vor, die wohl diese Bezeichnung verdienen. Solange wir in Eis gefangen lagen, verdankten wir ihnen wahrhaft schätzbare Ratschläge in bezug auf unsere Jagdunternehmungen, und bei vereinigten Jagdausflügen teilten wir die Beute zu gleichen Teilen, wie es bei ihnen Brauch ist. Unsere Hunde waren gewissermaßen Gemeingut; und oft sparten sich die Eskimos etwas ab, um unsere verhungerten Tiere zu füttern. Sie schafften uns auch in kritischen Zeiten Fleisch, und wir konnten ihnen ein anderes Mal Gleiches mit Gleichem vergelten. Kurz: sie lernten uns nur als Wohltäter ansehen und betrauerten, wie ich weiß, unsern Abschied bitterlich.

Nordlicht und Eisbildung

Wir führten jetzt ein völlig nordisches Nomadenleben. Der Kampf mit den rauhen Elementen stärkte uns und bekam uns körperlich gut. Man muß in diesem Klima furchtbar viel essen, aber es steigert auch die Muskelkräfte. Unsere Tischgespräche waren zu dieser Zeit so heiter wie auf einer Hochzeit. Da kamen ein paar von einer Schlittenreise über 74 Meilen zurück, ein paar andere von einer Fußpartie über 160 Meilen. Jeder hatte zu erzählen, und während des Erzählens wurden schon wieder neue Pläne geschmiedet. Daneben waren wir in unseren Wintereinrichtungen auf der Brigg tüchtig fortgeschritten. Aber alle Anzeichen deuteten auch darauf hin, daß wir wenigstens drei Wochen eher einfrieren würden als das Jahr vorher.

MacGary und Morton waren nach der andern Niederlassung Anoatok gereist, um auch dort unseren Vertrag genehmigen zu lassen. Sie kamen am 17. September zurück, waren von dem 50 Meilen weiten Marsch ziemlich angegriffen, befanden sich aber bei guter Laune; denn sie brachten gute Nachrichten und ein Stück Walroß von wenigstens 40 Pfund. Sie hatten bei ihrer Ankunft in den Hütten nur drei Leute vorgefunden: Ootunia, den langhaarigen Bengel Meiuk und einen dritten Mann, den wir noch nicht gesehen hatten. Anfangs schien es zweifelhaft – besonders von Meiuk –, ob der Besuch richtig verstanden werden würde. Er war eines Diebstahls wegen unser Gefangener gewesen, war entlaufen und noch eine Quantität Walroßfleisch schuldig, das er als Entschädigung für unser Boot liefern sollte. Beide jetzt ankommenden Männer waren seine Gefangenenwärter gewesen, und er war der erste, auf den sie bei ihrer Ankunft stießen. Er mochte sich wohl denken, daß sie nicht zu seinen Gunsten hergereist seien. Aber als ihm MacGary begreiflich gemacht, daß der Besuch ihn nicht besonders betreffe, sondern daß man nur gastliche Aufnahme wünsche – da war er wie umgewandelt. Er hieß die beiden auf das herzlichste willkommen, führte sie in seine Hütte, machte den besten Platz für sie frei und schürte das Feuer mit Moos und Speck; die anderen kamen auch herbei, und alle beeiferten sich, die Gäste zu pflegen. Ihre nassen Stiefel wurden an das Feuer gehängt, ihre Sachen ausgewrungen und auf heiße Steine gelegt, ihre Füße in Heu gepackt, und die ausgesuchtesten Schnitten von Walroßleber wanderten in den Kochtopf. In der Tat – was Gastfreundschaft, Offenheit und Herzlichkeit anlangt, hatten diese Leute von uns nichts mehr zu lernen. Hieraus erklärt sich auch die Furchtlosigkeit, mit der sie zum erstenmal auf unser Schiff kamen. Damals war es mir rätselhaft gewesen, was die Harlekingrimassen bedeuten sollten, mit denen sie sich der Brigg näherten. Seitdem ist es mir klar geworden, daß es ein Beweis ihrer Unterhaltungskunst sein sollte, durch die sie sich Zutritt an Bord zu verschaffen wünschten; und als sie ihn erhielten, sahen sie bald, daß sie nichts zu fürchten hatten.

Die Bewohner von Anoatok genehmigten alles, was Metek eingegangen war; gleich als sei der ganze Vorteil auf ihrer Seite. Und als unsere Leute Abschied nahmen, packten sie ihnen, wie selbstverständlich, alles übriggebliebene Fleisch auf den Schlitten.

Die Eingeborenen kamen nun häufig an Bord, und ich machte manche Jagdpartie mit ihnen gemeinschaftlich. Dadurch lernte ich die Umgebung und die Landmarken bald so gut als sie selbst kennen, wußte jeden Felsen, jede Spalte und Strömung im Nebel wie bei Tage zu finden und zu benennen. Die Kälte war um diese Zeit, Ende September, schon infernalisch, aber der Zustand unserer Speisekammer litt nicht, daß wir daheimblieben.

Am 28. September kehrte ich von einer Reise nach Anoatok zurück, die dank der unbesieglichen Hartnäckigkeit unserer wilden Freunde voll Gefahren war.

Ich fuhr eines Mittags nach den Walroßjagdplätzen los. An einen leichten Schlitten hatte ich zu unseren fünf guten Hunden noch zwei den Eskimos gehörige gespannt. Bei mir waren Meiuk, Aotunia, der dunkelfarbige fremde Eskimo, Morton und Hans. Der Schlitten war überladen, doch ich konnte die Eskimos in keiner Weise dazu bewegen, die Last zu erleichtern. So kam es, daß wir die Force-Bai nicht zeitig genug erreichten, um sie noch bei Tageslicht zu passieren. Den Landeinschnitten zu folgen, hätte uns aufgehalten und wäre gefährlich gewesen; wir verließen uns daher auf die Spuren früherer Reisen und trieben die Hunde geradeaus. Aber die Dunkelheit überkam uns schnell, und der Schnee begann vor scharfem Nordwind zu treiben. Etwa um 10 Uhr abends hatten wir das Land verloren. Wir trieben die Hunde hart an und trabten sämtlich neben dem Schlitten her. Doch hatten wir eine falsche Richtung eingeschlagen und bewegten uns seewärts nach dem schwimmenden Eis des Sundes zu. Niemand wußte sich zurecht zu finden; die Eskimos waren total irre geworden; und die Unruhe der Hunde, die jeden Augenblick fühlbarer wurde, teilte sich den Menschen mit. Der Instinkt eines Schlittenhundes sagt ihm genau, wann er sich auf unsicherm Eis befindet; und ich kenne nichts, was dem Menschen unheimlicher wäre als die Warnung vor unsichtbaren Gefahren, wie sie aus der instinktmäßigen Furcht eines Tieres spricht.

Wir mußten in Bewegung bleiben, denn wir konnten vor dem Sturme kein Zelt aufschlagen. Er umtobte uns so wüst, daß wir Mühe hatten, den Schlitten auf den Kufen zu erhalten. Aber wir rückten vorsichtig weiter, indem wir unsern Weg mit Zeltstangen prüften, die ich verteilen ließ. Schon seit geraumer Zeit hatte ich zwischen dem Sturmgetöse ein tieferes und anhaltenderes Murmeln vernommen; und jetzt wurde mir plötzlich klar, daß ich Wogenbrandung hörte und wir uns dicht am offenen Wasser befinden mußten. Kaum hatte ich Zeit, den Rückzug zu befehlen, als eine Wolke nassen Rauhfrostes uns einhüllte und das brausende Meer selbst in einer Entfernung von wenigen hundert Schritten vor uns lag. Jetzt konnten wir unsere Lage und ihre Gefahren beurteilen. Das Eis brach vor dem Sturme auf, und es war unsicher, ob wir uns herauswickeln würden, selbst wenn wir uns direkt gegen den Sturm zurückarbeiteten. Ich beschloß, die südliche Richtung einzuschlagen, weil ich hoffte, die Godsentklippen zu gewinnen. Das Eis in jener Richtung war schwerer und vermochte wohl eher einem Nordwind zu widerstehen. Jedenfalls staken wir in einer sehr mißlichen Lage.

Unterdes war die Brandungslinie immer nähergerückt. Wir fühlten das Eis unter unseren Füßen wogen und wanken, und bald brach es auch. Reihen von Hummocks erhoben sich vor uns; und es war uns, wenn wir zwischen ihnen durchmußten, zumute, als liefen wir Spießruten. Als wir hier entronnen waren, mußten wir uns über zerstoßene Trümmer nach der Küste zu arbeiten, wobei wir bald über vorspringende Felszacken stolperten, bald bis an den Hals ins Wasser fielen. Es war zu dunkel, um die Insel zu erkennen, der wir zustrebten; wir sahen vor uns nur das schwarze Schattenbild eines hohen Vorgebirges. Die Hunde, die uns nicht mehr zu ziehen hatten, gingen mit mehr Mut vor. Immer noch das Rasen des Sturmes hinter uns, näherten wir uns der Küste. Doch jetzt kam erst das Schlimmste. Als Eismenschen wußten wir, daß man selbst unter den günstigsten Umständen nur mit Mühe und Gefahr von der allgemeinen Eisdecke auf das Landeis hinaufgelangt. Ebbe und Flut zerbrachen fortwährend das Eis an der Kante des Eisgürtels in ein Gewirr von unregelmäßigen, halb schwimmenden Massen; und diese waren jetzt vom Sturme gepeitscht, in tollem Aufruhr. Es war pechfinster. Ich überredete Ootunia, den ältesten der Eskimos, sich eine Zeltstange quer über die Schultern festbinden zu lassen. Ich gab ihm das Ende einer Leine, deren anderes ich mir um den Leib geschlungen hatte. Nun stellte ich mich an die Spitze. Ootunia folgte; hinter ihm kamen die übrigen. Ich fühlte nach den Stellen umher, wo etwa fester Fuß zu fassen wäre; und wenn eine Eistafel von einiger Größe entdeckt wurde, so trieben die anderen die Hunde an, schoben den Schlitten oder hängten sich selbst daran, wie es der Augenblick eingab. Unfälle kamen natürlich vor und waren zuweilen bedrohlich genug; doch hatten sie keine gefährlichen Folgen. Endlich gelang es einem nach dem andern, mir nach auf den Eisfuß zu klimmen und die Hunde vorauszuschieben.

Gefährliche Ueberwindung einer Eisspalte im Schneesturme

Die Vorsehung war unser Führer gewesen; die Küste, an der wir landeten, war Anoatok; wie befanden uns kaum 400 Schritt von der befreundeten Eskimoheimat! Mit Freudenrufen, jeder in seiner Sprache, eilten wir darauf zu. In weniger als einer Stunde saßen wir bei freundlich brennenden Lampen und einem köstlichen Mahl von Walroßschnitten, das uns nach zwanzigstündiger rastloser Bewegung auf dem Eise ausgezeichnet schmeckte.

Als wir die Hütte erreichten, schlug unser fremder Eskimo, Awatak oder Seehundsluftsack geheißen, mit zwei Steinen Feuer an. Der eine war ein kantiges Stück milchiger Quarz, der andere anscheinend ein Eisenerz. Er schlug einige Funken heraus, ganz in der Weise, wie überall in der Welt Stahl und Stein gehandhabt wird; als Zunder diente ihm Wolle von Weidenkätzchen, die er dann an ein Bündel trockenes Moos hielt.

Die Hütte oder das Haus Anoatok umschloß einen einzigen höhlenartigen, länglichen Raum, war nicht ohne Geschick aus Steinen gebaut und außen mit Platten von Torfmoos bekleidet. Das Dach bildete eine Art Bogen und bestand aus platten, merkwürdig großen und schweren Steinen, die übereinandergriffen. Die innere Höhe erlaubte uns kaum aufrecht zu sitzen; die Länge war ungefähr acht, die Breite sieben Fuß; eine Erweiterung gegen den tunnelartigen Eingang zu ergab etwa noch zwei Fuß Raum. Diese Wintereingangsröhre heißt Tossut; sie ist zehn Fuß lang und so eng gebaut, daß gerade ein Mann durchkriechen kann. Ihre Außenöffnung liegt tiefer als der Grund der Hütte, so daß der Kriechweg in ihr bergan geht. Die Zeit hat an dem Haus Anoatok genagt, so gut wie an den Prachtbauten in mehr südlichen Wüsten. Die ganze Front des Daches war eingefallen, hatte den Tossut ungangbar gemacht und zwang uns, unsern Einzug durch das einzige Fensterloch zu halten. Die Bresche war groß genug, daß ein Schlittenzug durchgekonnt hätte; aber unseren nordischen Freunden fiel es nicht ein, sie zu verschließen. Diese eisernen Menschen, in ihren mit Seewasser getränkten Kleidern, hockten um die Speckflamme und dampften unter anscheinendem Wohlbehagen die Feuchtigkeit fort. Die einzige Abweichung von ihrer gewöhnlichen Art (wozu sie wahrscheinlich der Anblick des offenen Daches bewogen hatte) bestand darin, daß sie sich nicht vor dem Eingang auskleideten, um ihre Bedeckung an der Luft trockenfrieren zu lassen.

Das Küchengerät der Leute war noch einfacher als das unserige. Eine Art Napf aus Seehundshaut war das Wassergefäß. Eine Steinplatte stand in etwas geneigter Richtung aus der Hüttenwand heraus und wurde vorn von einem Stein gestützt. Unter der Platte lag der Schulterknochen eines Walrosses mit der hohlen Seite nach oben, die gerade Raum gab für einen Docht mit Moos und etwas Speck. Ein Schneeblock wurde auf den Stein gelegt, der, von Flamme und Raum umgeben, sein Wasser in den untergestellten Seehundsnapf abfließen ließ. Ein Kochgeschirr besaßen sie nicht; was sie nicht roh verzehrten, brieten sie auf erhitzten Steinen. Eine einzige Walroßleine mit Wurfspieß und das, was sie auf dem Leibe trugen, vervollständigte ihre ganze Ausrüstung.

Schmelzen des Schnees

Wir als der zivilisiertere Teil der Gesellschaft machten es uns auf unsere Weise bequem. Wir kratzten die antiken Schmutzhaufen von den Schlafbänken und spannten über die trockenen gefrorenen Steinplatten ein Zelt von doppeltem Segeltuch, breiteten unsere Büffelröcke darüber und holten trockene Socken und Mokassins unter unseren nassen Ueberkleidern hervor. Meine kupferne Zuglampe, ein unschätzbares Instrument auf kurzen Reisen, spendete bald ihre wohltätige Flamme. Der Suppentopf, die Walroßschnitten und der heiße Kaffee kamen nunmehr an die Reihe; und schließlich wurde auch die gähnende Oeffnung des Kellers mit einer Gummituchdecke verschlossen.

Am – na-yah, Am – na-yah, Am – na – yah, Am – na yah,

Während unseres langen Marsches und unserer Fährlichkeiten auf dem Eise hatten wir uns gehütet, irgendein Zeichen von Ermüdung merken zu lassen; wir hatten sogar Ootunia und Meiuk zuweilen auf dem Rücken getragen. Auch verbargen wir, daß wir froren. Deshalb konnten wir jetzt auch all unsere Reichtümer und Bequemlichkeiten zutage bringen, ohne daß die Eskimos darin ein Zeichen von Verweichlichung oder Schwäche hätten erblicken können. Ich sah auch, daß sie von unserer Ueberlegenheit tief überzeugt waren, ein Gefühl, das den egoistischen und dünkelhaften Wilden immer nur schwer und spät ankommt. Ich war sicher, sie jetzt zu geschworenen Freunden zu haben. Sie sangen uns mit Amna yah an, ihrem rohen eintönigen Gesang, daß uns die Ohren hätten bersten mögen, und improvisierten sogar einen besonderen Lobgesang, den sie immer und immer wieder mit lächerlich übertriebener Gravität wiederholten, und der stets mit dem Refrain endete: »Nalegak, nalegak, nalegak, nalegak-soak!« – Häuptling, Häuptling, Häuptling, großer Häuptling! – Uns allen gaben sie besondere Zunamen und nahmen uns feierlich und mit vielen Förmlichkeiten in ihren Freundschaftsbund auf.

Nach Beendigung des Essens, des Gesanges und aller Zeremonien krochen Hans, Morton und ich in unsere Büffelsäcke, und die drei anderen drängten sich zwischen uns hinein. Noch während des Einschlafens drang mir das abermals angestimmte Nalegak ins Ohr. Ich schlief elf Stunden lang.

Lange vor uns waren die Eskimos wieder auf den Füßen und hielten ihr Frühstück mit rohem Fleisch von einer großen Keule, die in einem schmierigen Winkel lag. Ihre Gewohnheiten beim Essen waren seltsam genug: Sie schnitten das Fleisch in lange Streifen, brachten das eine Ende solchen Streifens in den Mund, zogen davon soviel hinein, als eben gehen wollte, und schnitten das Vorstehende dicht vor den Lippen ab. In der Tat gehörte viel Geschicklichkeit dazu, und keiner der Unseren, die es versuchten, brachte es ordentlich fertig; und doch sah ich es von kaum zweijährigen Kindern regelrecht ausführen ... –

Haus Anoatok

Am 2. Oktober sandte ich Hans und Hickey wieder nach den Eskimohütten, um zu sehen, ob unsere Freunde Glück auf der Walroßjagd gehabt; denn unser frisches Fleisch ging schon wieder stark zur Neige, und wir hatten außer einigem getrockneten Obst und Pökelkraut fast nichts mehr für unsere Küche als Brot und gesalzenes Rind- und Schweinefleisch. Die beiden kamen mit trüben Nachrichten zurück: sie hatten weder Fleisch noch Eskimos gefunden. Die sonderbaren Schneemenschen hatten einen rätselhaften Ausflug gemacht; wohin und in welcher Form, ließ sich nicht einmal vermuten, da sie keine Schlitten hatten. Weit konnten sie nicht sein; aber ihr Naturell ist derart unruhig, daß, wenn sie einmal auf den Beinen sind, kein zivilisierter Mensch sagen kann, wo sie wieder halt machen werden.

Ich nahm mir vor, selbst nach den Eskimos zu suchen; nur wollte ich erst ein Wurzelbier fertig brauen, dessen Hauptingredienz die Kriechweide ist, wovon wir einen guten Vorrat eingebracht. Sie besitzt eine ganz angenehme Bitterkeit.

Am 7. Oktober gerieten wir in helle Aufregung durch Hans und Mortons Geschrei: »Nannuk! Nannuk!« – ein Bär! – ein Bär! Zu unserer Schande war kein Gewehr schußfertig; und während die anderen luden, ergriff ich meine sechsläufige Pistole und eilte auf Deck. Ich sah eine mittelgroße Bärin mit einem vier Monate alten Jungen, in lebhaftem Kampf mit den Hunden verwickelt. Diese fielen die Bärin von allen Seiten an, sie aber holte sich mit fabelhafter Gewandtheit ein Opfer nach dem andern aus der Meute heraus, packte es am Genick und schleuderte es durch eine kaum merkliche Kopfbewegung viele Meter weit fort. Tudla, unser Vorhund, war bereits kampfunfähig; Jenny beschrieb eben, als ich aus der Luke auftauchte, einen großen Bogen durch die Luft und schlug bewußtlos aufs Eis nieder. Der alte tapfere, aber gegen Bären unvorsichtige Whitey war der erste im Kampfe gewesen; jetzt lag er hilflos winselnd im Schnee.

Die Eisbärenjagd

Es schien Waffenstillstand eingetreten zu sein. Wenigstens beurteilte die Bärin es so; denn sie wandte sich nun unseren Fleischfässern zu und begann sie unbekümmert umzuwenden und zu beschnüffeln. Ich schoß dem Jungen eine Pistolenkugel in die Seite. Sofort nahm die Alte es zwischen die Hinterpranken, schob es fort und zog sich hinter den Speicher zurück. Hierbei erhielt sie von Ohlsen eine Büchsenkugel, was sie jedoch kaum beachtete. Nur mit ihren Vordertatzen riß sie die Fässer mit gefrorenem Fleisch herunter, die in dreifacher Umwallung um den Speicher aufgestapelt waren, stieg über sie hinweg, packte eine halbe Tonne Heringe, trug sie in den Zähnen herunter und wollte sich davonmachen. Ich näherte mich ihr auf halbe Pistolenschußweite und gab ihr sechs Rehposten. Sie stürzte, stand aber sofort wieder auf, nahm ihr Junges wie vorher und zog sich weiter zurück. Sie hätte uns in der Tat umgehen können ohne die prächtige Taktik, die nun unsere von den Eskimos neu erworbenen Hunde entwickelten. Die Hunde an der Smithstraße sind besser auf Bären dressiert als diejenigen, die wir von der Baffinsbai mitgebracht hatten: sie sollen ihn nicht angreifen, sondern nur belästigen. Sie umkreisten die Bärin beständig. Wenn sie aber einen von ihnen angreifen wollte, dann flüchtete er in mäßiger Eile geradeaus, während ihm seine Kameraden im kritischen Moment dadurch zu Hilfe kamen, daß sie die Bärin von hinten bissen. Dies Manöver vollzog sich so regelrecht und gewissermaßen selbstverständlich, daß wir alle in Staunen gerieten. So focht das arme Tier auf seinem Rückzuge mit dem verwundeten Jungen einen vergeblichen Kampf, bis zwei Büchsenkugeln der Sache eine andere Wendung gaben. Die Bärin wankte, trat vor ihr Junges hin, starrte uns mit herausfordernden Blicken an und sank erst zusammen, als noch weitere sechs Kugeln sie durchbohrt hatten. Das Tier war äußerst mager und hatte nicht eine Spur von Futter im Leibe. Der Hunger mußte sie so dreist gemacht haben. Das ganze Tier wog 650 Pfund, das ausgeschlachtete Fleisch 300 Pfund. Seine Länge war sieben Fuß acht Zoll. Solche mageren Tiere sind, wie schon früher bemerkt, die schmackhaftesten.

Der junge Bär war größer als ein Hund und wog 114 Pfund. Wie bei Mortons Jagdabenteuer sprang er auf den Körper seiner Mutter und wehklagte über ihre Wunden jämmerlich. Als er an die Schlinge genommen werden sollte, wehrte er sich bösartig; als er sie aber endlich in der Schnauze hatte, folgte er uns doch zum Schiff. Wir ketteten ihn an der Schiffsseite an; und nun fauchte und schnappte er beständig nach allem, was ihm nahe kam. Offenbar litt er an seiner Verwundung.

Merkwürdigerweise hatten die Hunde, die in dem Bärenkampfe so mitgenommen wurden, keinen ernstlichen Schaden erlitten. Die Bärin hatte stets, ohne die Tatzen zu gebrauchen, ihre Angreifer mit den Zähnen fortgeschleudert, was die Hunde nicht sehr anzugreifen schien. Einer unserer letzterworbenen Hunde, ein dressierter Bärenjäger, verhielt sich, wenn er gepackt wurde, ganz ruhig, machte alle Muskeln schlaff und ließ sich wer weiß wie weit fortschleudern; kaum aber hatte er den Boden berührt, so sprang er zu einem neuen Angriff auf.

Die Bären scheinen wilder zu werden, in je höheren Breiten sie leben, oder vielleicht je weiter sie von den Gegenden entfernt sind, wo sie gejagt werden. In Südgrönland scheinen die ständigen Verfolgungen den Bärencharakter schon einigermaßen umgewandelt zu haben: dort greifen die Bären niemals aus freien Stücken an; und selbst wenn sie sich verteidigen müssen, tun sie dem Jäger selten ernstlichen Schaden, so daß fast nie einer ums Leben kommt.

Aus der Leber des jungen Bären hatte ich mir ein Abendessen bereiten lassen; doch es bekam mir schlecht: es zeigten sich Symptome von Vergiftung, Schwindel, Durchfall und was dazu gehört. Die gleichen Erfahrungen hatten wir schon bei einigen früheren Gelegenheiten gemacht, und ich sah nunmehr ein, daß der allgemeine Glaube an die Giftigkeit der Bärenleber mehr als bloßes Vorurteil war ... –

Ein anderes Wild, so wenig appetitlich es erscheinen mag, bekam mir besser; es waren die Ratten!

Wir hatten im vorigen Jahre so fruchtlose und gefährliche Anstrengungen gemacht, um sie loszuwerden, daß es mir geraten schien, die Erneuerung dieser Kreuzzüge zu verbieten. Da hatten sich denn diese Tiere, trotz anscheinend so ungünstigen Verhältnissen, derart stark vermehrt, daß wir ein förmliches Geheck an Bord hatten. Ihre Unverschämtheit und Gewandtheit wuchs mit ihrer Zahl. Schließlich war es völlig unmöglich, etwas unter Deck zu halten. Pelze, wollene Kleider, Schuhwerk – alles zernagten und zerstörten sie. Sie hausten in den Betten der Leute und zeigten solche Widersetzlichkeit und so viel Geschick, den Gegenständen auszuweichen, die man nach ihnen schleuderte, daß sie zuletzt als unvermeidliches Uebel geduldet wurden. Endlich schafften wir der Ratten halber alle beweglichen Sachen auf das Eis hinaus und umstellten unsern Moosverschlag mit eisernen Blechen. Doch es half alles nichts; die abscheulichen Tiere waren überall: unter dem Ofen, in den Vorratskästen, in unseren Kissen, Decken und Handschuhen.

Polarnacht

Einmal schickte ich Rhina, den klügsten Hund unserer ganzen Meute, in den Schiffsraum hinab. Ich glaubte, er werde sich wenigstens verteidigen können, der sich bei der Bärenjagd so hervorgetan. Er wählte sich ein Lager auf den oberen Enden einiger dalehnender Eisenspeichen und schlief ein paar Stunden recht gut. Aber die Ratten konnten oder wollten nicht auf die hornige Haut an seinen Pfoten verzichten und zernagten sie ihm so unbarmherzig, daß das arme Tier sich heulend und vollständig besiegt von uns heraufziehen lassen mußte. Doch ich nahm Rache, noch ehe der Winter zu Ende ging; ja ich wurde eigentlich für meine Person ihr großer Schuldner.

In der langen Winternacht machte sich Hans zuweilen den Zeitvertreib, Ratten mit Pfeilen zu schießen. Meine Gefährten mochten mit dieser Art von Schmaltieren nichts zu schaffen haben; so fielen sie mir anheim, und ihnen verdanke ich manche kräftige Fleischsuppe. Ohne Zweifel trug diese Kost dazu bei, daß ich verhältnismäßig wenig unter dem Skorbut zu leiden hatte. Ich erhielt bei diesen Zwischengerichten nur einen Konkurrenten (oder vielmehr Mitgenossen, denn wir hatten beide vollauf): es war ein Fuchs, den wir spät im Winter gefangen und gezähmt. Er wurde bald ein tüchtiger Rattenfänger und hatte nur den einen Fehler, daß er nie eine zweite Ratte fangen wollte, bevor er die erste gefressen.

Seit unserer Ankunft waren die nordischen Hasen um unsern Hafen stets häufig gewesen. Es waren schöne Tiere, schwanenweiß mit einem halbmondförmigen schwarzen Fleck an den Ohrenspitzen. Sie fressen die Rinden und Kätzchen der Weiden und lieben die steinigen Abhänge eingestürzter Felswände, wo sie in Spalten und unter Steinen Schutz vor Kälte und Schneetreiben finden. Der Polarhase, der ein Gewicht von neun Pfund erreicht und oft auf unserm Küchenzettel gestanden haben würde, wenn die Hunde nicht gewesen wären, die einen leidenschaftlichen Appetit danach hatten, geht wahrscheinlich weit nach dem Pol hin. Denn er ist imstande, die Schneekruste zu durchbrechen und noch da Futter auszuscharren, wo das Renntier und der Moschusochse verhungern müßten, letzterer ist zwar durch sein ungewöhnlich dichtes Wollkleid befähigt, hohe Kältegrade zu ertragen, wird aber doch durch Mangel an Nahrung gezwungen, bei Beginn der kälteren Jahreszeit sich wieder mehr dem Süden zuzuwenden.

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