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Die Todesfahrt der Advance im ewigen Eise

Elisha Kent Kane: Die Todesfahrt der Advance im ewigen Eise - Kapitel 10
Quellenangabe
typetravel
authorElisha Kent Kane
titleDie Todesfahrt der Advance im ewigen Eise
publisherLeipziger Graphische Werke AG
seriesSammlung interessanter Entdeckungsreisen
volume4
editorOtfried von Haustein
year1928
translatorHanns Reska
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060202
modified20161128
projectid989bc990
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Zwischen Tod und Leben

Der April ging zu Ende. Nun war die kurze Periode herangekommen, in der arktische Expeditionen überhaupt nur möglich find. Die Verhältnisse an Bord lagen allerdings keineswegs günstig; doch war meine Gegenwart nicht unbedingt erforderlich. Jetzt mußte ans Werk gegangen werden.

Die solange betriebenen Vorbereitungen für die neue Expedition waren bald beendet. Ich besaß jetzt wieder sieben Hunde, die sehr gut miteinander eingefahren waren. Ich übergab Ohlsen den Befehl über die Brigg und erteilte ihm ausführliche Verhaltungsmaßregeln, die sich namentlich auf den Verkehr mit den Eskimos bezogen: Man sollte sie mit Güte behandeln, doch zugleich sorgsam überwachen, sie streng an unsere Schiffsordnung binden und nicht nach ihrem Belieben an Bord kommen lassen. Bestrafungen dürften nur durch sie selbst oder in ihrer Gegenwart erteilt werden, Feuerwaffen dürften nur gebraucht werden, wenn es sich um Zurückweisung eines Angriffs handele. In solchem Falle aber sei scharf – und nicht etwa über die Köpfe weg – zu feuern. Denn der Zauber der Feuerwaffen den Wilden gegenüber müsse unfehlbar sein.

Am meisten drückte mich der Gedanke, daß ich von der ganzen Mannschaft nur zwei einigermaßen Gesunde zurückzulassen hatte und nur zwei Offiziere, nämlich der Arzt und Herr Bonsall, Ohlsen Beistand leisten konnten. Denn aus vier Gesunden und sechs Invaliden besteht unsere ganze Schiffsbesatzung.

Mein Reiseplan ging dahin, dem Eisgürtel bis zum großen Humboldtsgletscher zu folgen, dort aus unserm Depot vom vorigen Oktober Vorräte einzunehmen, dann entlang dem Fuße des nordwestlich laufenden Gletschers weiter zu gehen und den Versuch zu wagen, ob nach der amerikanischen Seite hinüber zu kommen sei. War ich an dieser Küste erst einmal auf glattem Eis, dann kam ich auch weiter und vermochte festzustellen, was sich jenseits der eisumpanzerten Fläche jener Bucht ergab.

MacGary ging am 25. April mit dem Hauptschlitten ab, während ich mit Godfrey dem Plane gemäß zwei Tage später folgte. Auf unserm neugebauten, leichten, nur neun Fuß langen Schlitten nahmen wir Brot, Tee, Pemmikan, ein kleines Zelt und zwei Schlafsäcke mit. Unsere Küche bestand aus einem Suppenkessel zum Schneeschmelzen und Teekochen, den wir ebenso mit Speck wie mit Spiritus heizen konnten. Dazu kamen die notwendigsten mathematischen Instrumente. Der vordere Schlitten führte wenig Vorräte, da er sich aus den Depots versorgen sollte. Seine Ladung bestand meist aus Brot, das wir bei gekochten Speisen nur ungern entbehren; außerdem wickelt es auch das Fett des Pemmikans ein, das sonst dem Magen leicht zuwider wird.

Das Zelt erfuhr in seiner Einrichtung eine Abänderung, die auf unseren Erfahrungen der Herbstreisen beruhte. Ein großer Uebelstand beim Lagern unter einem Zelt liegt – wenigstens im Norden – darin, daß der gefrierende Hauch des Atmens sich in langen Federn an die schrägen Zeltwände, also wenige Zoll vom Munde des Schläfers, anhängt und sammelt und beim etwaigen Schmelzen auf ihn herabtropft. Und dem abzuhelfen, ließ ich die Zeltstangen erst in etwa achtzehn Zoll Höhe vom Boden durch die Leinwand gehen; dadurch fiel das untere Stück senkrecht herab und lief dann als Bodendecke nach innen. So wurde zu unbehindertem Atmen eine genügende Höhe gewonnen.

Selbst unter den günstigsten Verhältnissen und für noch ungebeugte Männer mußte die jetzt bevorstehende Reise hart werden. Sie sollte der ganzen Expedition die Krone aufsetzen. Man wollte bis an das äußerste Ende Grönlands vordringen, die Eiswüste zwischen ihm und dem unbekannten Westlande durchmessen und rundum nach einem Ausgang in das geheimnisvolle Jenseits suchen. Dieser Plan ließ sich nicht völlig durchführen, immerhin aber soweit verfolgen, daß man erkannte, was später noch zu tun sei, und außerdem mancherlei geographisch interessante Punkte feststellte ... –

Wir waren dem ersten Schlitten am 27. April gefolgt und holten ihn zwei Tage später ein. Die Hunde befanden sich in gutem Reisezustande; und außer der Schneeblindheit schien sich kein Hindernis entgegenzustemmen. Doch schon beim Passieren der Marschallsbucht fanden wir so hohe Schneewehen, daß wir mit den Schlitten steckenblieben. Wir mußten abladen, das Gepäck auf den Rücken nehmen und für die Hunde eine Bahn treten. So quälten wir uns vorwärts bis an die Mündung des Mary-Minturn-Flusses, wo das Wasser erst später zugefroren war und wir daher eine lange Strecke ebene Bahn fanden. Von jetzt an kamen wir schneller vorwärts und erreichten am 4. Mai den Fuß des großen Gletschers. Dieser Erfolg war jedoch teuer erkauft. Schon vom 3. an zeigte sich der Skorbut wieder in bedenklicher Weise. Bei unserm Marsch längs der Küste versanken wir oft bis an die Hüften im Schnee, und die Hunde waren so vergraben, daß man unmöglich daran denken konnte, sie zum Ziehen zu verwenden. Diese enorme Schneeablagerung war vermutlich auf kalte niederschlagende Winde zurückzuführen, die von den benachbarten Gletschern abprallten; denn im Rensselaerhafen hatten wir durchschnittlich nur vier Zoll Schneetiefe. So mußten wir häufig die Schlitten abladen und die Ladung selbst schleppen – eine Anstrengung, die wassersüchtige Anschwellungen und große Hinfälligkeit zur Folge hatte. Drei Leute wurden von Schneeblindheit befallen, ein vierter bekam zu seinem Skorbut noch Brustanfälle, und am 4. Mai wurde noch ein fünfter dienstuntauglich. Vielleicht wären wir dennoch weiter gegangen. Aber zu allen Uebeln kam noch das größte, daß die Bären unsere Proviantverstecke gefunden und erbrochen hatten. So war die Hoffnung vernichtet, unsere Vorräte aus den verschiedenen Depots ergänzen zu können. Dies war gewiß ein unvermeidliches Unglück, denn die Offiziere, denen ich die Anlegung der Depots anvertraut, hatten alles Erdenkliche getan, um sie zu sichern. Die Pemmikanfässer waren mit Steinblöcken bedeckt, zu deren Handhabung drei Männer erforderlich waren. Doch die ungeheure Kraft des Bären befähigt ihn, die schwersten Felsblöcke zu beseitigen; und mit seinen Klauen hatte er die eisernen Fässer buchstäblich zerfetzt. Das Spiritusfaß, dessen Herschaffung im vorigen Herbst mich eine besondere Reise gekostet, war so total zerstört, daß davon nicht eine einzige Daube mehr aufzufinden war.

Auf der Höhe von Kap James Kent wurde ich selbst, während ich die geographische Breite aufnahm, plötzlich von Krämpfen und Ohnmacht befallen. Meine Glieder wurden steif, und es zeigten sich Symptome unsers Winterfeindes, des Starrkrampfes. Ich wurde auf den Schlitten gebunden, und weiter ging die Reise wie bisher.

Eisbären an einem ausgegrabenen Depot

Daher konnten wir am Tage nur neun englische Meilen zurücklegen. Meine Kräfte sanken aber so rapid, daß mir sogar die sonst so behagliche Temperatur von 3° unter Null (- 17° K.) unerträglich war. Der linke Fuß erfror mir, was einen störenden Aufenthalt verursachte; und in der Nacht zeigte sich deutlich, daß die Gliedersteife von wassersüchtigen Ergüssen herrührte. Am 5. Mai bekam ich Delirien und wurde jedesmal ohnmächtig, wenn man mich aus dem Zelt auf den Schlitten brachte.

Meine Kameraden stellten mir vor, daß es selbst bei guter Gesundheit unmöglich sei, noch weiter vorzustoßen. Der Schnee wurde immer tiefer, manche Wehen waren gar nicht zu passieren. Auch unter der übrigen Mannschaft war der Skorbut mit ähnlichen Symptomen wie bei mir ausgebrochen; selbst Morton, der stärkste von allen, wurde hinfällig. So wenig mir aus jener Periode auch erinnerlich ist, so weiß ich doch, daß ich diesen fünf braven Männern – Morton, Riley, Hickey, Stephenson und Hans – meine Rettung zu verdanken habe. Obwohl sie selbst kaum mehr sich fortzuschleppen vermochten, schafften sie mich doch in Gewaltmärschen zurück, nachdem sie unsere Vorräte und das Gummiboot bei der Dallasbucht versteckt hatten. Am 14. Mai wurde ich an Bord wieder aufgenommen und schwebte eine Woche lang zwischen Leben und Tod. Nach des Arztes Diagnose hatte ich neben Skorbut auch noch ein typhöses Fieber. Stephenson ging es ebenso. Unsere schlimmsten Symptome waren wassersüchtige Ergüsse und Nachtschweiße.

Der arme Schubert, unser lustiger französischer Koch mit seinem reichen Schatz Berangerscher Lieder, war unterdes in eine bessere Welt heimgegangen. Sein stets heiteres Gesicht und seine Schnurren vermissen wir sehr in unserer traurig-engen Wohnung.

Als wir vor Monatsfrist gegen Norden zu einer Expedition aufbrachen, die bis in die Mitte des Juni hätte dauern sollen, hatte ich angeordnet, die Niederlage auf der Butlersinsel einzuziehen und die Vorräte rund um das Schiff auf das Eis zu legen. So wurde den Eskimos die Versuchung und Möglichkeit zu Plünderungen benommen; und die Sachen waren zum sofortigen Verladen bereit, falls irgendein Zwischenfall dies erforderlich machen sollte. Ohlsen hatte die Weisung erhalten, das Verladen allmählich zu betreiben, die Winterbedachung des Schiffes abzunehmen und das Vorderkastell wieder bewohnbar zu machen. Bei meiner Rückkehr war alles gut und ordnungsgemäß ausgeführt. Ich fand das Schiff so hergerichtet, daß wir in vier Tagen hätten in See gehen können. Lediglich das Quarterdeck besaß nun noch seinen Ueberbau; – hier wohnten die Offiziere und sämtliche Kranke. Zwar rumorte der Wind etwas in diesem Bretterhause, doch war das für die Kranken weit wohltätiger als die weniger gelüfteten Räume unterhalb.

Verfallender Eisberg

Den Hans befreite ich nunmehr von jeder andern Beschäftigung und übertrug ihm ausschließlich die Jagd, versprach ihm auch ein Geschenk für seinen Schatz, wenn wir nach Fiskernaes kamen. Er schoß sofort die zwei ersten Renntiere, was uns 140 Pfund schönen Wildbraten verschaffte – eine wahre Wohltat für unsere kranken und heruntergekommenen Leute. Ueberhaupt war nun die Zeit der Entbehrungen vorüber und mit dem Tageslicht auch die Aussicht wiedergekehrt, daß wir keinen Mangel an gesunder Nahrung mehr leiden würden. Schon am 1. Mai waren die freundlichen Schneeammern zu unserm Felsen zurückgekehrt, die uns am 4. November verlassen hatten, und erfüllten die Luft wieder mit ihrem lieblichen Gezwitscher. Von Seehunden begann es buchstäblich zu wimmeln. Ich habe gelernt, ihr Fleisch dem des Renntiers vorzuziehen; wenigstens das der weiblichen Robbe, das von dem Geruch frei ist, der den Männchen anhängt.

Seit dem 12. Mai waren die Seiten der »Advance« frei von Schnee und das Takelwerk rein und trocken. Die Eisfelder durchlaufen schnell die merkwürdigen Prozesse des Zerfalls, und das Wintereis ist nur noch sechs Fuß dick. Am 20. Mai brachte man die Neuigkeit, daß eine Burgemeistermöve gesehen worden sei – eins der frühesten und sichersten Zeichen des wiederkehrenden offenen Wassers. Es ist kein Wunder, daß wir im Eis vermauerten Einsiedler auf solche Dinge achten und uns ihrer freuen: sie sind Pfänder des nahenden Lebens, ein Oelzweig in dieser trostlosen Wüste. Wir fühlen den Frühling in jedem Pulsschlag.

Das erste, was ich nach meiner Rückkehr tat, war die Absendung MacGarys nach Süden, um zu untersuchen, ob unser erstes Lebensmitteldepot mit dem Rettungsboot noch in guter Beschaffenheit sei: Er machte die Reise im Hundeschlitten binnen vier Tagen und kehrte mit der hocherfreulichen Nachricht zurück, es sei alles wohlerhalten. Die angenehmste Feststellung auf seiner Reise war ihm aber eine Spalte offenen Wasser, die sich wie eine Zunge nach dem Zufluchtshafen hin erstreckte.

Sobald ich mich etwas besser fühlte, begann ich darüber nachzudenken, wie der Fehlschlag unsers nördlichen Ausflugs wieder gutzumachen sei. Leider waren unsere Mittel und Kräfte sehr zusammengeschmolzen. Schubert war gestorben, und sein Tod hatte einen ungünstigen Eindruck auf die Gemüter hinterlassen. Nur drei Mann waren noch dienstfähig; von den Offizieren lagen Wilson, Sonntag, Brooks und Petersen darnieder. Außer Sonntag, Hayes und mir verstand niemand eine Landaufnahme zu leiten, und von uns dreien war nur Dr. Hayes auf den Füßen.

Nach den Hindernissen, die unseren Fortschritten am Humboldtgletscher ein Ziel gesetzt, blieb uns noch übrig, die westliche Küste des Sundes von Kapitän Inglefields Kap Sabine an aufwärts zu untersuchen. Man mußte sich darüber Klarheit verschaffen, ob der Smithssund in seiner ferneren Ausdehnung in noch entlegenere Kanäle münde. Dies zu wissen, war für uns um so wertvoller, als unsere Beobachtungen uns gezeigt hatten, daß die nördliche Küste nach Osten, nicht aber nach Westen umbiege, wie unser Vorgänger angenommen ... Ich beschloß, mich bei diesen bevorstehenden Ausflügen fast ganz auf die Hunde zu verlassen und die Forschungsexpeditionen eine nach der andern abgehen zu lassen, so schnell es die Hunde ausführen können. Dr. Hayes wurde zur Durchführung dieser Aufgabe bestimmt. Ich selbst war erst soweit, daß ich mit einiger Unterstützung die Runde an den Krankenbetten machen konnte; so mußte ich mich damit begnügen, wenigstens in dieser Art nützlich zu sein.

Ich gab dem Arzt, der noch keine Reise unternommen, einen Schlittenzug und unsern besten Treiber Godfrey mit. Er soll in so gerader Linie als möglich über den Sund auf Kap Sabine gehen. Längs des jenseitigen Küstenzuges könnte leicht das Eis ebener und fahrbarer sein als auf der grönländischen Seite, wo der große Gletscher seine Massen von Eisbergen aussendet, die das Eis in Aufruhr bringen. Die beiden erhielten den von Ohlsen gebauten leichten Schlitten. Der Schnee war jetzt so wässerig, daß fast kein Feuer nötig war, um Wasser zu bekommen; sie konnten also Spiritus und Talg entbehren und um so mehr Pemmikan mitnehmen. Die Hunde waren wieder in ausgezeichnetem Stande. Voll brennenden Eifers verließ die Expedition am 20. Mai das Schiff. Sie hatten prachtvolles Wetter; einen klaren milden Sonnenschein, der die Robben haufenweise aus ihren Löchern auf das Eis lockte.

Die Anzeichen des nahen Sommers mehrten sich. Leider gestattete unsere Schwäche uns noch nicht, ernsthafte Aufgaben in Angriff zu nehmen. Das Eis verlor schnell an Zusammenhalt; es fiel Schnee, der wieder zerfloß. Leichter Nebel überzog in den letzten Maitagen das Land; die bisherige Klarheit der Atmosphäre schwand, und der Himmel nahm ein perlfarbiges Sommerkolorit an. Wir konnten nun süßes Wasser aus den Felsspalten holen, und von den Eisbergen rannen dünne Wasserfäden herab. Der Eisgürtel war kaum noch erkennbar, abgerundet, gesunken und gebrochen, seine Basis mit Wassertümpeln überschwemmt. Jetzt war er der Brigg, die er durch sein ständiges Wachsen im Winter bereits hinten gehoben, nicht mehr gefährlich.

Robben von der zottigen Abart – die Netsik der Eskimos und Dänen – werden auf den Eisfeldern immer zahlreicher. Sie legen sich neben ihren Eislöchern vorsichtig in die Sonne. Hans schoß vier von ihnen, wobei er sich des Eskimo-Jagdkniffes bediente, daß ein weißer Schirm auf einem Schlitten langsam vorgeschoben wird, bis der Jäger in Schußweite heran ist. Wir haben jetzt mehr frisches Fleisch, als wir genießen können: in den letzten drei Wochen außer den Seehunden noch Schneehühner, Kaninchen und zwei Renntiere. So erholen wir uns rasch vom Skorbut.

Wie könnte ich bei all diesen so unerwartet gekommenen Hilfsmitteln an dem Schicksal Franklins und seiner Genossen verzweifeln? Können sie noch leben? Vier Monate früher, von der Dunkelheit und Krankheiten niedergebeugt, hätte ich wohl mit Nein geantwortet. Aber mit der Rückkehr des Lichtes kommt zu uns ein wildes Volk herunter, das nur die primitivsten Jagdgeräte besitzt und sich dennoch kaum 40 Meilen von uns fettgemästet hat, während ich der Gegend alle Hilfsmittel absprach. Wie wir jetzt wissen, finden sich selbst im härtesten Winter hier und da offene Wasserstellen, an denen es Seehunde, Walrosse und zeitig ankommende Vögel in Menge gibt.

In einem Punkte habe ich meine Ansicht geändert: nämlich hinsichtlich der Befähigung des Europäers und Amerikaners, sich an das Klima des hohen Nordens zu gewöhnen. Gott möge allerdings jeden zivilisierten Mann vor dem Schicksal bewahren, eine Reihe von Jahren in dieser entnervenden Nacht auszuhalten. Aber um den Polarkreis – selbst bis zum 72. Grad hinauf, wo es nur darauf ankommt, der Kälte zu widerstehen – können sich Menschen akklimatisieren; denn es ist immerhin hell genug, um im Freien zu arbeiten.

Ich kann mir kaum denken, daß von den 138 auserlesenen Mannschaften Franklins – darunter Männer von den Orkneyinseln, Walfischjäger, junge abgehärtete Leute unter so intelligenter Führung – nicht noch einige am Leben sind. Vielleicht haben doch einige kleinere Trupps, mit oder ohne Hilfe der Eskimos, einen Jagdgrund gefunden, wo sie von Sommer zu Sommer Speise und Brennstoff und Renntierhäute genug einbringen konnten, um sich drei bis vier Winter zu halten.

Die rätselhaften Vorgänge in einem Körper, der sich einem fremden Klima anbequemen muß, sind hier noch auffälliger als unter den Tropen. Unähnlich den schleichenden bösen Einflüssen eines heißen Klimas, sind im Polarkreise die Anfälle unmittelbar und plötzlich und entscheiden sich schnell. Es bedarf kaum eines einzigen Winters, um sagen zu können, wer ein hitzeerzeugender akklimatisierender Mann werden wird. Petersen z. B., der sich zwei Jahre in Uppernawik aufgehalten , betritt selten einen geheizten Raum. Ein anderer von uns, Georg Riley, hat sich so an die Kälte gewöhnt, daß er auf unseren Schlittenreisen ohne anderen Schutz als seine Kleidung schläft, während draußen eine Temperatur von 30° unter Null herrscht. Die Mischlinge an der Grönlandsküste nehmen es ebenfalls mit den Eskimos im Ertragen von Kälte auf. Unter Franklins Leuten mußten sich viele solcher Männer befinden. Wie gesagt: ich vermag mir einfach nicht solch eine Katastrophe vorzustellen, die den Untergang sämtlicher Mannschaften herbeigeführt haben sollte. Ich denke mir, sie werden sich in kleinere Abteilungen aufgelöst haben, und eine oder die andere hat doch eine Wasserstelle gefunden, die durch Flutschnellen offen blieb und wo sie Füchse fangen, Bären, Seehunde, Walrosse und Walfische erlegen konnten ...

Nun ist es gerade ein Jahr her, daß wir Neuyork verließen. Ich bin nicht mehr so optimistisch als damals; denn Zeit und Erfahrung haben mich ernüchtert. Alles um mich her ist ja auch dazu angetan, Enthusiasmus und selbst bescheidene Hoffnungen zu dämpfen. Ich liege hier in erzwungener Untätigkeit; ein gebrochener, von Sorgen gebeugter Mann; mit noch vielen Gefahren vor mir und einem harten Winter hinter mir, der mir zwei meiner besten Gefährten entriß.

Und doch bleibe ich noch jetzt, nach zwei unergiebigen Forschungsexpeditionen, bei meiner eben ausgesprochenen Ueberzeugung.

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