Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Die Todesfahrt der »Advance« im ewigen Eise

: Die Todesfahrt der »Advance« im ewigen Eise - Kapitel 21
Quellenangabe
typetravel
authorE. K. Kane
titleDie Todesfahrt der »Advance« im ewigen Eise
publisherLeipziger Graphische Werke AG
seriesSammlung interessanter Entdeckungsreisen
volume4
editorOtfried von Haustein
year1928
translatorHanns Reska (Bearb)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060202
projectid989bc990
Schließen

Navigation:

Müdemannsruh

Wir ruderten nach dem Südostende der Wolstenholminsel; aber hier verließ uns die Flut, und wir begaben uns wieder auf den Eisgürtel. Die nächsten Tage ging es nach südlicher Richtung langsam weiter in schmalen Wasserstrichen, die sich zwischen dem Küsteneise und den Eisfeldern öffneten. Das Wetter blieb trübe und jeder Beobachtung ungünstig, und wir lagen bereits vor einem großen Gletscher, ehe wir inne wurden, daß ein weiteres Vordringen längs der Küste unmöglich sei. Lange Ketten von Eisbergen versperrten uns den Weg; ihre Zwischenräume waren mit Scholleneis verstopft, und es wäre ein hoffnungsloses Beginnen gewesen, hier durchbrechen zu wollen. Wir suchten 16 Stunden lang vergebens nach einem Ausweg. Das Eis war unbeschreiblich zerbrochen und verworfen. Von einem Eisberg aus entdeckte ich zwar endlich einen möglichen Ausweg nach Westen, sah aber zugleich, daß unsere Boote in den harten Kämpfen der letzten Tage unerhört gelitten hatten: Die »Hoffnung« war nicht mehr seetüchtig, und es kostete unser letztes Holz, um sie auszubessern. Stückchen für Stückchen hatten wir schon zwei Schlitten zersägt und verbrannt und nur einen verschont als unentbehrlich bei etwaigen Ueberschreitungen des Eises. Gleichzeitig schienen die Vögel, die wir bei der Dalrymplosinsel so zahlreich gesehen, wie vom Sturm vertrieben. Wieder waren wir auf die knappen täglichen Rationen gesetzt – ein Wechsel, der notwendigerweise bald seine üblen Folgen zeitigen mußte. Ich beschloß daher, trotz der Eisbarrikaden doch lieber der Küste zu folgen, um uns die Möglichkeit zur Gewinnung einigen Lebensunterhaltes offen zu lassen. Wir brauchten 52 Stunden, um diese unwegsamen Pässe zu überwinden – eine so mühselige Arbeit, daß sie ohne die disziplinierte Ausdauer der Leute einfach ganz unmöglich erschienen wäre.

Als wir die Eisschranke im Rücken hatten, zeigten sich wieder offene Kanäle. Während wir mit leichtem Winde dahinglitten, schien es einige Stunden lang, als sei alle Not vorüber. Aber plötzlich erschien wieder ein auf den Karten gar nicht verzeichneter Gletscher, vor dem sich die Eisfelder viel weiter in die See hineinschoben als die, die wir eben mit so viel Mühe passiert hatten. Unser erster Entschluß war, diese Eisschranken auf alle Fälle westlich zu umfahren. Denn unsere Leute waren viel zu erschöpft, als daß wir an ein Herüberschleppen durch die Hummocks hätten denken dürfen, besonders, da die weiche Schneedecke des Eises als ein unüberwindliches Hindernis erschien. Ich erklomm wieder eine unserer gewöhnlichen Warten: einen Eisberg. Aber was ich da erblickte, war vernichtend: es gab gar kein »westliches Wasser«! Die Eisfelder waren noch nicht aufgebrochen, und weithin nach Süden, nach Kap York zu, lag alles noch fest. Nun saßen wir also in einer Sackgasse zwischen zwei Eisbarrieren, die beide für Leute in unserer körperlichen Verfassung unüberwindlich waren; mit jammervoll geringen Hilfsmitteln und gebrochenen Kräften. Und hier sollten wir warten, bis der Spätsommer uns einen Weg geöffnet haben würde!

Vorsehungsrastplatz

Ich ließ nach den Klippen der Küste hinwenden. So verlassen und schauerlich sie auch aussahen, war es doch immer noch besser, sie zu erreichen und an der unwirtlichen Küste Fuß zu fassen, als sinnlose Abenteuer zur See zu bestehen. Ein schmaler Kanal, eine wahre Spalte im Landeise, leitete uns nach einer niedrigen Felsplatte hin, wo wir dicht unter dem Schatten einer steilen Küste landeten. Wo das Kap für den direkten Anprall der Nordwestwinde offenlag, am Fuße eines himmelhohen Absturzes, hatte sich immer noch ein Stück des Wintereisgürtels, am Felsen klebend und nicht mehr als fünf Fuß breit, erhalten. Die Fluten überschwemmten es, und die Wogen scheuerten beständig daran; aber es gewährte doch den Booten einen vollkommenen sicheren Standort. Darüber türmte sich Klippe auf Klippe, mindestens 1100 Fuß hoch, die Gipfel meist in Nebel gehüllt. Und von oben bis unten schwärmten Vögel, die in den Felsspalten nisteten. Am dichtesten saßen die Nester auf den Felskanten in etwa 150 Fuß Höhe. Aber Lummen wie dreizehige Möven bedeckten den Himmel wie mit tausenden weißglänzender Flecken und ließen ihr unaufhörliches Krächzen und Kreischen hören! Um die Szene zu mildern, führte rechts eine natürliche Brücke in einen kleinen Talgrund, der mit grünem Moos überzogen war. Jenseits und darüber hing kalt und weiß der Gletscher. Er war in seinem Abfall etwa sieben englische Meilen breit, zog sich in sanfter Ansteigung etwa drei Meilen nach rückwärts, wurde dann – den Unebenheiten seines Felsbettes folgend – plötzlich zu einem steilen, von Spalten durchzogenen Hügel, der in schroffen Terrassen emporstieg. Dann kamen zwei weniger zerklüftete Eisstrecken, die sich nach hinten dem großen Eismeere des Binnenlandes anschlossen. Von einer nördlich liegenden hohen Klippe hatte ich eine herrliche Aussicht auf diesen großen Eisozean, der das ganze Innere von Grönland zu bedecken scheint. Es war eine ungeheure wellenförmige Ebene purpurfarbigen Eises, mit Inseln dicht besetzt, und der ganze Horizont erschien durch das Spiel der Sonnenstrahlen in dem kristallklaren Eise wie ein prachtvoller Brillantring.

Der Gletscher sandte mehr Wasser aus, als einer der früher im Norden gesehenen, den Humboldt-Gletscher und den Eta ausgenommen. Ein Gießbach überflutete den Eisfuß in einer Tiefe von zwei bis fünf Fuß und breitete sich weiterhin auf dem Scholleneise aus. Ein anderer, der in bedeutenderer Höhe seinen Ausweg fand, stürzte in Katarakten von Fels zu Fels herab. Ranunkulus, Steinbrecherarten, Hühnerdarm, mannigfache Moose und arktische Gräser blühten neben den unteren Teilen des Gletschers. Das Thermometer zeigte im Schatten 38, in der Sonne 90 Grad.

Was aber die wertvollste Eigenart dieser Landschaft war: – sie wimmelte von Leben! Die Lumme und ihre Eier, in Labrador als besondere Leckerbissen geschätzt, das auf dem Guanoboden üppig wuchernde Löffelkraut – alles fand sich in endloser Fülle. Man wird verstehen, welchen Reiz das hatte für ausgehungerte, vom Skorbut aufgeriebene Leute!

Vogeljagd am Vorsehungsrastplatz

Feuermaterial konnte ich nicht hergeben; denn unser gesamter Vorrat von Speck und Talg betrug kaum noch hundert Pfund. Die eifrigsten Kochkünstler machten Versuche mit organischen Stoffen, die zur Hand waren: trockene Vogelnester, Gras- und Moosballen, die fettigen Vogelbälge – aber nichts wollte brennen. So mußten sie sich endlich mit dem Gedanken trösten, daß die Hitze möglicherweise den echten Wohlgeschmack beeinträchtigt hätte. Wir beschränkten uns pro Mann – aus freier Wahl, nicht aus Zwang – auf einen Vogel für die Mahlzeit und erhöhten die Tafelfreuden durch den besten Salat von der Welt: rohe Eier und Löffelkraut.

Diese Woche, die wir am Vorsehungsrastplatz verbrachten, war ein glänzendes Fest, so reich an Erquickung und Frohsinn, daß ich mich niemals überwinden konnte, die Leute mit unserer wirklichen Lage bekanntzumachen. Als ich die Umschau über das öde Eisfeld hielt, hatten mich nur zwei begleitet und mir versprechen müssen, darüber zu schweigen.

Es dauerte bis zum 8. Juli, ehe das Aussehen des Eises uns Hoffnung gab, weiter zu kommen. Auf die neuen Kämpfe mit der See und ihren Gefahren hatten wir uns durch Einlegung eines Vorrats von Vögeln vorbereitet. 250 Lummen waren säuberlich abgehäutet und auf den Felsen getrocknet worden. So besaßen wir wenigstens eine leidliche Zukost zu unserem Brotstaub und Talg.

Schon beim Antritt unserer Weiterreise hatten wir wieder ein Mißgeschick. Als wir die »Hoffnung« von der zerbrechlichen, sich verzehrenden Eiswerft herablassen wollten, auf der wir sie bei unserer Ankunft geborgen, stürzte sie ins Wasser hinab, verlor Reling und Rollwerk; unser bestes Gewehr versank und, was das schlimmste war, ihm folgte unser allgemeiner Liebling, unser Kessel, der Suppen-, Back-, Tee- und Wasserkessel in einer Person! Seinen Posten erbte in der Folge eine längst geleerte Zinnbüchse, die mir vor zwei Jahren eine gute Tante mit Gingernüssen gefüllt hatte.

Unsere Küstenfahrt ging längs des Eisrandes dahin. Nachdem wir die von John Roß so benannten Karmoisinklippen passiert hatten, befanden wir uns in so gehobener Stimmung, daß unsere Reise fast einem Festtagsausflug glich. Unsere Route lag immer hart an der Küste, ausgenommen dort, wo ein Gletscher sich vorschob und uns zum Ausbiegen zwang. Die Vögel der Küste erfreuten sich des jungen Sommers, und wenn wir stoppten, geschah es an irgendeiner grünbewachsenen Landspitze neben einem Gießbach, den das Gletschereis von oben herabsandte. Unsere Jäger erstiegen die Klippen und kamen mit kleinen Alken beladen zurück. Lustig loderten große Feuer aus Torfrasen, die nichts als die Mühe des Zusammentragens kosteten. Die froh gestimmten Leute würzten sich ihr langes Tagewerk mit der Aussicht auf den Feierabend, wo sie sich im Sonnenschein ausstrecken und glücklich träumen konnten, bis der Morgen sie zur Waschung und zum Gebet rief. Unser Genuß war um so größer, als wir alle genau wußten, daß es so nicht bleiben werde.

Diese Gegend mußte einmal ein Lieblingsaufenthalt der Eingeborenen, ein wahrhaftes Eskimoparadies, gewesen sein. Wir rasteten selten, ohne Ruinen ihrer Niederlassungen zu finden; doch waren sie mit Flechten überzogen und trugen alle Kennzeichen hohen Alters. Eine von ihnen unter 76° 20'; war einst ohne Zweifel ein ausgedehntes Dorf. Steinkegel zur sicheren Aufbewahrung von Fleisch standen in langen Reihen. Die aus schweren Steinen erbauten Hütten lagen einander gegenüber und bildeten eine förmliche Gasse. Auch hier waren die Zeichen eines Einsinkens der grönländischen Küste vorhanden, die ich schon bis Uppernavik aufwärts beobachtet hatte. Einige dieser Hütten wurden von der See bespült oder waren von dem Fluteis eingerissen. Die Torfsohle, allem Anschein nach von sehr altem Gewächs, schnitt dicht am Wasserrande ab und wies zwei Fuß Dicke durchschnittlich auf. Eine dieser Senkung entsprechende, ebenso deutlich ausgesprochene Hebung des Landes hatte ich nördlich vom Wolstenholmsunde festgestellt. Der Drehpunkt zwischen beiden Bewegungen mag etwa unter dem 77. Breitengrade liegen.

Am 21. erreichten wir Kap York nach einer zickzackförmigen, aber sehr romantischen Fahrt in nebligem Wetter. Hier hörten die Wasserzungen längs der Küste auf oder verwandelten sich in schmale, kaum passierbare Schlippen. Alles zeugte von dem diesmaligen späten Beginn der guten Jahreszeit. Der rote Schnee war wenigstens vierzehn Tage hinter seiner gewöhnlichen Zeit zurück. Eine feste Eisdecke, mit zahlreichen Zungen besetzt, dehnte sich hier noch weit nach Süd und Ost hin aus. Wir hatten nur zu wählen zwischen einer abermaligen, unfreiwilligen Ruhepause, bis das Küsteneis sich öffnen würde, oder dem Verlassen der Küste, um westlich einen Wasserweg zu suchen. Ich sandte einige Leute aus, um zu erfahren, ob nicht Eskimos ihren Sommeraufenthalt zu Episok, hinter dem Gletscher von Kap Imalik, genommen hätten, und veranstaltete in der Zwischenzeit eine Bestandsaufnahme unserer Vorräte. Wir fanden

Getrocknete Lummen 195 Stück
Schweinespeck 112 Pfund
Mehl 50 "
Maismehl 50 "
Fleischzwieback 80 "
Brot 348 "

Dies ergab, außer den Vögeln, 640 Pfund Lebensmittel, etwa 36 Pfund pro Mann. Wir fanden einen Rasen, der allenfalls die Dienste von Torf leisten und unsere Kessel heizen konnte. Bezogen wir ihn mit hinein, so besaßen wir an Brennvorräten:

Rasen für zwei Kochfeuer täglich 7 Tage
Zwei Schlittenkufen 6 "
Reserveruder, Schlitten, ein leeres Faß 4 "

So waren 17 Tage gedeckt und insgesamt etwa drei Wochen, wenn man das hinzurechnete, was das rote Boot und unsere leergewordenen Proviantsäcke hergaben. Die Meldungen unserer zurückkehrenden Abgesandten gaben keine Veranlassung, länger zu verweilen; es waren keine Eskimos zu Imalik und auch wohl seit Jahren keine dort gewesen, auch gab es keine Vögel in der Umgegend.

Mit MacGary erstieg ich noch einmal die Felsen und besichtigte mit dem Fernrohre sorgfältig das Eisfeld. Das Feste – wie die Walfischjäger das unbewegliche Küsteneis nennen – lag in fast ununterbrochener Ausdehnung vor uns und schloß sich unfern von unserm Standpunkt an die Küste. Die Flarden an der Außenseite waren groß und hatten sich augenscheinlich erst vor kurzem abgelöst. Zu meiner Freude jedoch sah ich deutlich einen Kanal, der sich an der Hauptmasse des Eises hinzog, bis er seewärts aus dem Gesicht verschwand. Ich berief die Offiziere zusammen, legte ihnen meine Gründe dar und befahl die Wiedereinschiffung vorzubereiten. Die Boote wurden aufgeholt, untersucht und soviel als möglich ausgeflickt. Das rote Boot wurde abgetakelt und ausgeladen, um gelegentlich als Brennholz zu dienen. Auf einem in die Augen springenden Punkte wurde eine massige Steinpyramide errichtet, auf der wir ein rotes Flanellhemd als Flagge hißten. Hier legte ich einen gedrängten Bericht über unsere Lage und unser Vorhaben nieder. Dann stachen wir in südwestlicher Richtung in die Eisfelder.

Das Eis, durch das die Fahrt ging, wurde allmählich immer geschlossener, und zuweilen mußten wir unsere ganze Eiskenntnis anstrengen, um zu bestimmen, ob irgendeine Wasserschlippe befahrbar oder unpassierbar sei. Die Unregelmäßigkeiten der Eisfläche, die mit Hummocks und zuweilen mit größeren Massen besetzt war, hinderten eine weite Fernsicht, außerdem überfielen uns öfters Nebel. Eines Abends wurde ich aus tiefem Schlaf geweckt, um zu erfahren, daß wir die Richtung verloren. Der Steuermann am vordersten Boot hatte sich von der unregelmäßigen Gestalt eines großen Eisberges, der ihm im Wege lag, beirren lassen und steuerte jetzt küstenwärts, weitab von unserm eigentlichen Kurse. Der schmale Kanal, in den er uns eingeklemmt hatte, war kaum zwei Bootslängen breit und endete nicht weit von uns in einem leichten Zickzack, und dies sowohl vor als hinter uns, denn die Spalte schloß sich zusehends, und der Rückzug war uns bereits abgeschnitten. Ohne die Leute von unserer üblen Lage zu unterrichten, ließ ich die Boote aufs Eis ziehen und unter dem Vorwande, Kleider und Vorräte zu trocknen, ein Lager aufschlagen. Nach ein paar Stunden wurde das Wetter zum ersten Male klar genug, um einen Blick in die Ferne zu tun. Ich erkletterte mit MacGary einen Eisberg, der bis zu 300 Fuß aufstieg. Aber da sah es furchtbar aus; wir waren tief in das Innere der Melvillebucht geraten. Mein tapferer Offizier, von Natur nicht sehr empfindsam und längst abgehärtet gegen die Wechselfälle des Walfischjägerlebens, vergoß Tränen bei diesem Anblick.

Hier gab es keine Wahl mehr, wir mußten uns wieder vor die Schlitten spannen und – koste es, was es wolle – uns einen Rückweg nach Westen bahnen. Einen Schlitten hatten wir bereits verfeuert. Nun zersägten wir auch das rote Boot, zu dem es gehört hatte, verstauten seine leichten Zedernplanken in den anderen Booten und legten uns dann wieder in die Schulterriemen wie in früheren Zeiten. Erst nach dreitägiger, saurer Arbeit kamen wir wieder an den Eisberg, der unserm Steuermann einen falschen Weg gewiesen. Wir holten die Boote über seine Zunge hinweg und schifften uns frohen Mutes auf einem neuen offenen Kanal ein, während ein schöner, frischer Nordwind blies.

Unsere kleine Flotte war jetzt auf zwei Boote zusammengeschrumpft. Das Land im Norden war nicht mehr sichtbar. Und so oft wir den Rand des Festeises verließen, um seinen tiefen Einbuchtungen auszuweichen, mußten wir uns lediglich auf den Kompaß verlassen. Feuermaterial war kaum noch für eine Woche vorhanden, und ein größeres Stück Wild zu erlegen, wollte gar nicht gelingen. Auf dem Eise sahen wir zwar wiederholt Robben, aber sie waren sehr auf ihrer Hut. Ein paarmal trafen wir schlafende Walrosse und kamen bei einer Gelegenheit wirklich bis auf Lanzenwurfnähe heran, doch das Tier fuhr auf den Angreifer los und entkam dann.

Am 28. hielt ich eine stumme Musterung unserer Angelegenheiten. In den letzten Tagen hatten wir uns soweit eingeschränkt, daß wir von den zuletzt eingelegten Vorräten nur drei Eier und zwei Vogelbrüste täglich entnahmen. Daneben besaßen wir noch ein wenig Brotpulver, und unser Vorrat an Brennstoffen gestattete uns noch bei jedem Halt das unentbehrliche Labsal, Tee, reichlich zu uns zu nehmen. Die Kräfte der Leute schwanden bei dieser knappen Kost hin. Trotzdem belehrte mich eine sorgfältige Berechnung des Proviants, daß selbst das wenige, was wir täglich genossen, noch zuviel sei, wenn man nicht ein ganz unangemessenes Vertrauen auf Jagdglück hegen wollte. Unser nächster Landungsplatz, dem wir alle sehnsüchtig entgegenharrten, mußte Kap Shakleton sein – eine der volkreichsten Vogelkolonien der Küste. Aber wenn ich überschlug, wieviel Tage wir noch brauchen würden, ehe wir dies gastliche Gestade erreichten, so ergab eine einfache Berechnung, daß der Mann als Tagesration jetzt nur noch fünf Unzen Brotpulver, vier Unzen Talg und drei Unzen Vogelfleisch erhalten könne.

Bisher waren wir fast ausschließlich dem Rande des Festeises gefolgt. Es hatte uns gelegentlich einen Ruheplatz oder eine Zufluchtsstätte geboten, und wir konnten zuweilen mit unseren Gewehren die Küchenvorräte aufbessern. Doch unsere Fortschritte waren dabei unerträglich langsam. Unser Vogelschrot ging bereits sehr auf die Neige. Es gab keinen Zweifel, unser Leben hing davon ab, daß wir schneller vorwärts kamen. Ich beschloß daher, es mit der mehr offenen See zu versuchen. Dieser Versuch schlug für die beiden nächsten Tage fehl; wir wurden von dickem Nebel überfallen. Dazu brachte uns ein Südwest das äußere Packeis auf den Hals und zwang uns, unsere Boote auf das Treibeis zu ziehen. Naturgemäß wurden wir hierbei wieder rückwärts geworfen und verloren einige zwanzig Meilen. Die übermäßig angestrengten Leute fühlten sehr den Mangel des schützenden Festeises. Trotzdem beharrte ich bei meinem Vorsatz und steuerte SSW, so genau, als es die Eiskanäle irgend zuließen, wobei ich beständig darauf aus war, uns in freieres Wasser zu bringen.

Nach Verlauf einiger Tage gerieten die Kräfte der Leute jedoch ernstlich in Verfall. Denn die erste Folge einer knappen Kost ist nicht Hungergefühl, sondern Kräfteabnahme, und zwar oft so allmählich, daß sie sich nur durch einen Zufall herausstellt. So fanden wir eines Tages zu unserm großen Erstaunen, daß die »Hoffnung«, die eben über eine Eiszunge geschafft werden sollte, nicht von der Stelle wich. Anfänglich glaubte ich, der nasse Schnee halte ihre Kufen fest, und da wir bei dem herrschenden starken Winde Eile halten, auf eine stärkere Flarde hinüberzukommen, so ließ ich ausladen und die ganze Mannschaft an dem leeren Boot ziehen. Zu anderer Zeit hätten sie diese Last auf den Schultern tragen können, jetzt aber brachten sie sich durch angestrengtes Ziehen kaum im Schneckengang vorwärts. Der »Glaube«, der währenddessen stehenbleiben mußte, entging kaum der Zerstörung. Die Flarde zerbrach durch den Druck des äußeren Eises, und wir sahen, wie unser bestes Boot mit all unseren Vorräten rasch von uns weggeführt wurde. Dieser Anblick wirkte auf die Leute fast lähmend. Unter anderen Verhältnissen wäre es das Nächstliegende gewesen, die »Hoffnung« in See zu setzen und dem andern Boot zu Hilfe zu eilen; jetzt aber konnte davon keine Rede sein. Ehe wir noch Zeit hatten, die Größe des Mißgeschicks richtig zu ermessen, kam zum Glück eine runde Eistafel herangekreist. MacGary und ich sprangen im Augenblick auf sie hinüber, und es gelang uns, sie über den Spalt zu flößen, der zwischen uns und dem »Glauben« entstanden war. Mit knapper Not retteten wir unser Boot.

So verschlimmerte sich unsere Lage ständig. Die alten Atembeschwerden stellten sich wieder ein, und unsere Beine schwollen so stark an, daß wir uns gezwungen sahen, unsere Segeltuchstiefel aufzuschneiden. Am meisten von allen Symptomen aber machte mir die Schlaflosigkeit Sorge. Eine Art schleichendes Fieber, das uns bei der Arbeit verfolgte, war bis jetzt nur durch gründliche Ruhe nach jedem Tagewerk niedergehalten worden, und in dieser erfrischenden Wirkung beruhten all unsere Hoffnungen auf glückliches Durchhalten.

Man darf nicht vergessen, daß wir uns jetzt in der offenen Bucht befanden – mitten in der Linie der großen Eisströmung nach dem Atlantischen Ozean – und zwar in so gebrechlichen und seeuntüchtigen Booten, daß nur unablässiges Ausschöpfen sie flotthalten konnte.

Es war in dieser Krisis unsers Schicksals, als wir einmal ein große, anscheinend schlafende Robbe auf einer kleinen Eisscholle schwimmen sahen, wie es die Gewohnheit dieser Tiere ist. Sie gehörte zu der bärtigen Art und war so groß, daß ich sie anfangs für ein Walroß hielt. Die »Hoffnung« erhielt Signal, uns zu folgen, und vor Spannung zitternd pürschten wir uns an das Tier heran. Petersen wurde mit der langen englischen Büchse an den Bug gestellt, die Ruder hatten wir mit Strümpfen umwickelt, um jedes Geräusch zu ersticken. Während wir uns näherten, wurde die Aufregung so groß, daß die Ruderer kaum Takt zu halten vermochten. Ich hatte für solche Fälle bestimmte, stumme Signale festgesetzt, um Worte zu vermeiden. Als wir bis auf etwa 300 Schritt heran waren, wurden die Ruder eingezogen; unter tiefstem Schweigen bewegten wir das Boot nur noch mit dem Hinterruder weiter.

Die Robbe schlief nicht! Wir hatten uns fast bis auf Schußweite genähert – da hob sie den Kopf ... Ich sehe noch immer den angstvollen, fast verzweifelten Ausdruck in den Gesichtern der Leute, als sie diese Bewegung sahen. Von diesem Fang hing ja ihr Leben ab! Ich senkte die Hand zum Zeichen, daß Petersen schießen solle; der arme Bursche war fast gelähmt vor Aufregung und suchte auf dem Bootsrande vergebens nach einem Auflagepunkt für sein Gewehr. Die Robbe erhob sich auf ihre Brustflossen, starrte uns einen Augenblick mit erschrockener Neugier an und krümmte sich dann, um sich ins Wasser zu werfen. In derselben Sekunde krachte der Schuß, und das Tier streckte sich in voller Länge auf dem Eise aus; sein Kopf lag fast schon im Wasser, als er schlaff zur Seite fiel. Ich wollte noch einmal schießen lassen, doch jetzt hatte alle Disziplin ein Ende. Mit wildem Geheul trieben die Leute beide Boote auf die Scholle. Eine Menge Hände packten die Robbe und zogen sie auf das festere Eis. Halb wahnsinnig waren die Leute. Erst jetzt sah ich, wieweit der Hunger uns schon heruntergebracht hatte. Lachend und heulend rannten sie auf dem Eise umher und schwangen ihre Messer in der Luft. In noch nicht fünf Minuten hatten alle die blutigen Finger im Munde oder schlangen an langen Speckstreifen.

Nicht eine Unze ging von dieser Robbe verloren. Die Eingeweide wanderten ohne jegliche Vorbereitung in den Suppenkessel; die Flossenknorpel wurden zu einer Art Salat zerschnitten, und selbst die Leber wäre beinahe noch warm und roh verzehrt worden. Auf der großen, stehenden Scholle, auf die wir für diese Nacht die Boote gezogen hatten, spendeten wir Glücklichen zwei ganze Planken des »roten Erich« an ein großes Kochfeuer und hielten ein seltenes, wildes Gelage, unbekümmert um die Gefahr, daß wir ins Treibeis geraten konnten.

Dies war das letztemal, daß wir erfuhren, wie weh der Hunger tut. Um mit Georg Stephenson zu sprechen: »Der Zauber war gebrochen, und die Hunde sicher!« Die Hunde habe ich kaum erwähnt, denn niemand dachte gern an sie. Die armen Geschöpfe Tudla und Whitey betrachteten wir als letztes Mittel gegen das Verhungern. Sie waren nach MacGarys Ausdruck »wandelndes Fleisch« und »konnten ihr Fett selbst über das Eis schleppen«. Einmal, kurz vor Müdemannsruhe, war ich nahe daran, sie zu schlachten; aber wir vermochten dies Opfer doch nicht übers Herz zu bringen ... –

Ueber unsere Weiterfahrt kann ich mich kurz fassen. Wir schossen am zweiten oder dritten Tag abermals eine Robbe und hatten von da an beständig Mundvorrat zur Genüge.

Am 1. August erblickten wir den Teufelsdaumen und waren nun wieder in den bekannten Gegenden, wo die Walfischjäger sich aufhalten. Das Wasser der Bucht war völlig frei, und wir hatten die letzten beiden Tage östlich gesteuert. Bald kamen wir zu den Enteninseln und gingen von da südlich nach Kap Shakleton über, wo wir uns anschickten zu landen.

Terra firma! Festes Land! Wie schön erschien uns dies und mit welch heißem Dankgefühl näherten wir uns ihm. Bald war ein stiller Winkel zwischen den struppigen Felsen der Küste ausgesucht, bald unsere Glückwünsche ausgetauscht. Nun zogen wir unsere zerstoßenen Boote hoch und trocken auf die Felsen und legten uns, dem Himmel für unsere Rettung dankend, zur Ruhe.

Und jetzt – bei der anscheinend gewissen Aussicht, daß wir die Heimat wiedersehen würden – überfiel mich die nervenzermürbende Sorge, die einer allzulange vorgegaukelten Hoffnung zu folgen pflegt. Ich konnte mich nicht entschließen, die Fahrt an der freien Meeresseite zu wählen, sondern suchte furchtsam die stillen Wasserkanäle tief hinten zwischen den Inseln auf, die labyrinthartig längs der Küste hingesät sind. Bei einer Nachtrast auf solch einem Felsen war es, daß Petersen mich mit einer Geschichte aufweckte. Er hatte eben einen Eingeborenen gesehen und erkannt, der in seinem gebrechlichen Kajak augenscheinlich Eiderdaunen zwischen den Inseln sammelte. Der Mann war einmal sein Hausgenosse gewesen.

»Paul Zacharias« – hatte er ihm zugerufen – »kennst du mich nicht? Ich bin Karl Petersen!«

»Nein« – hatte er geantwortet – »der ist tot, sagt seine Frau.«

Und nachdem er stumpfsinnig erstaunt einen Augenblick Petersens langen Bart angestiert, war er in angstvoller Hast davongerudert ... –

Zwei Tage später hatte sich ein Nebel auf die uns umringenden Inseln gelagert. Als er sich wieder hob, fanden wir uns in gemächlichem Takt unter dem Schatten von Karkamut hinrudernd. Da drang ein bekannter Ton zu uns über das Wasser. Wir hatten oft dem Kreischen der Möven und dem Bellen der Füchse gelauscht und geglaubt, das Eskimosignal »Huk!« zu hören. Doch diesmal war solch Irrtum nicht möglich, die Laute endeten mit einem deutlichen »Hallo!«

»Horch, Petersen – Ruder, Menschen ... was gibts?«

Und er lauschte anfangs ruhig, dann überfiel ihn ein freudiges Zittern, er stammelte:

»Es sind Dänen!«

Das war der erste Ton einer christlichen Stimme, der uns beim Wiedereintritt in die Welt begrüßte. Da standen wir alle und lugten mit langen Hälsen in die entfernten Buchtenwinkel hinein. Schon glaubten wir geträumt zu haben, als der Ruf abermals ertönte. Jetzt griffen wir mit den Rudern weit aus, daß das Eichenholz knarrte, und schossen auf das Felskap zu, von woher der Ton kam. In atemloser Spannung durchmusterten wir jeden grünen Fleck, wo unserer Erfahrung nach am ehesten die Lagerstätten von Seefahrern sein konnten.

Eine gute halbe Stunde mochten wir so gerudert haben – da stieg über der Wogenkimmung langsam der einzelne Mast einer kleinen Schaluppe auf. Petersen war bis jetzt sehr still und ernst gewesen. Bei diesem Anblick aber brach er in Schluchzen aus und konnte sich nur in einzelnen dänischen und englischen Ausrufen Luft machen:

»Es ist Fräulein Fleischer – mit dem Tranboot aus Uppernavik! ... Carlie Mossyn, der Küfergeselle, muß unterwegs sein, um Speck von Kingatok zu holen ... Die ›Marianne‹ ist angekommen mit Carlie Mossyn ... – «

Und nun fing er wieder von vorn an und verschluckte die Hälfte seiner Worte und rang die Hände.

Allerdings war es Carlie Mossyn. Der ruhige Gang der Dinge in den dänischen Ansiedelungen ist Jahr für Jahr der gleiche, und so hatte Petersen das richtige getroffen. Die »Marianne«, das einzige jährlich hier heraufkommende Schiff, lag zu Pröven, und das Fräulein Fleischer hatte die jährliche Specklieferung von Kingatok abzuholen.

Hier bekamen wir zuerst einen dunklen Begriff von den Vorgängen in der großen Welt während unserer Abwesenheit. Wie ein absonderliches Mißverständnis dünkte es uns, als wir hörten, daß Frankreich und England sich mit dem Muselmann gegen die griechische Kirche verbunden haben solle. Der erzählende Böttchergeselle war ein guter Lutheraner, und all seine Nachrichten hatten denselben theoretischen Anstrich wie er selbst.

»Was gibt's Neues aus Amerika? He, Petersen?« Und wir sahen ihn alle erwartungsvoll an, daß er uns die Antwort verdolmetsche.

»Amerika?« – sagte Carlie Mossyn – »Wir wissen nicht viel von diesem Lande, denn sie haben an unseren Küsten keine Walfischjäger. Aber ein Dampfer und eine Barke gingen vor 14 Tagen hier vorbei, um euch im Eise zu suchen.«

Wie gemächlich der Mann all seine Mitteilungen machte. Er schien uns wie ein Orakel, dessen Aussprüchen wir in fieberhafter Erwartung lauschten.

»Sewastopol ist noch nicht genommen!«

Was wußten wir von Sewastopol?!

»Aber Sir John Franklin?«

Das ging uns näher an, und unsere eigenen kleinen Angelegenheiten traten jetzt bedeutend in den Vordergrund. Franklins Leute – oder vielmehr Spuren von Toten, die ihnen einst angehört haben mochten – hatten sich fast tausend Meilen südlich von dem Punkte gefunden, wo wir sie gesucht hatten. Der Erzähler wußte das von dem Geistlichen, Pastor Kraag, der eine deutsche Zeitung hielt ... –

Nun wurden die Ruder wieder ins Wasser gesenkt, und weiter ging es in den Nebel hinein. Wir übernachteten noch einmal in der üblichen Weise, wuschen uns in süßem Wasser rein und richteten unsere zerlumpten Pelze und Wollkleider etwas her. Kosarsoak, der Schneegipfel von Landerson Hope, zeigte sich jetzt über dem Nebel, und wir hörten Hundegebell. Petersen war Faktor der Niederlassung gewesen und lenkte meine Aufmerksamkeit mit einem gewissen Stolz auf das Anschlagen der Arbeitsglocke.

Es ist sechs Uhr. Wir nähern uns dem Ende unserer Prüfungen. Kann es ein Traum sein? ... –

Wir fuhren in den großen Hafen hinein, bogen um die Ecke bei dem alten Brauhaus und zogen, umringt von einer Kinderschar, unsere Boote zum letzten Mal auf das Felsufer.

Vierundachtzig Tage hatten wir in freier Luft gelebt und waren so abgehärtet und wetterfest geworden, daß wir nicht ohne ein Gefühl von Erstickung zwischen vier Wänden zu verweilen vermochten. Doch wir tranken diese Nacht an mancher gastfreien Schwelle Kaffee und lauschten immer von neuem dem freundlichen Willkommen und den Glückwünschen zu unserer Erlösung.

Die Dänen von Uppernavik erwiesen uns alle erdenklichen Freundlichkeiten. Die Bewohner dieser entlegenen Ansiedelung hängen hinsichtlich ihrer Vorräte von dem jährlich einmal erscheinenden Handelsschiff der Kolonie ab und konnten natürlich unseren vielerlei Wünschen nicht abhelfen, ohne sich selbst manches zu entziehen. Aber sie richteten zu unserer Aufnahme einen Speicher ein und teilten in wahrhaft christlicher Liebe ihre Vorräte mit uns. Sie gaben uns noch viele Einzelheiten über die verschiedenen Franklin-Expeditionen, unter anderem auch die schmerzliche Nachricht von dem unglücklichen Ende meines Freundes und Gefährten Bellot.

Erst am 4. September war das dänische Schiff zur Heimreise fertig. Wir benutzten die Zwischenzeit, um unsere Gesundheit zu stärken und uns wieder an das Leben unter Dach und Fach zu gewöhnen. Seltsam, wenn auch nicht unerklärlich, war es, daß uns die Ruhe und das jetzige behagliche Leben mehr angriff als alle Anstrengungen der letztverwichenen drei Monate.

Am 6. verließ ich mit allen meinen Leuten Uppernavik auf der »Marianne«, einem festen, altmodisch gebauten Kasten unter dem Kommando des Kapitäns Ammondsen, der uns an den Shetlandsinseln abzusetzen versprach. Unser kleines Boot »Glaube«, das wir als eine kostbare Reliquie betrachteten, machte die Reise mit. Außer den Pelzen auf unserm Leibe und den schriftlichen Belegen über unsere Arbeiten und Leiden war dies Boot alles, was wir von der »Advance« und ihren Schätzen zurückbrachten.

Am 11. kamen wir nach Godhaven, dem Inspektorat von Nordgrönland, wo uns mein alter Freund, Herr Alrik, aufs herzlichste willkommen hieß. Die »Marianne« hatte hier bloß einige Waren auszuladen und ihre Papiere zu empfangen. Aber man verschob die Abfahrt bis zum letztmöglichen Augenblick, in der Hoffnung, daß noch Nachrichten von Kapitän Hartstenes Geschwader einlaufen würden, von dem man seit dem 21. Juli nichts mehr gehört hatte.

Schon waren wir im Begriff, die Anker zu lichten, als die Wache auf dem Hügel einen Dampfer in der Ferne sichtete. Mit einer Barke im Schlepptau kam er näher, und bald erkannten wir die Sterne und Streifen der Unionsflagge. Zum letzten Male wurde der »Glaube« ins Wasser gelassen, und die kleine Flagge, die so nahe an beiden Polen geweht hatte, entfaltete sich noch einmal im Winde.

Mit Brooks am Steuer und Herrn Alrik zur Seite, fuhr ich in Begleitung aller Boote der Niederlassung den Ankommenden entgegen. Selbst auf die erlegte Robbe waren die Leute nicht heftiger zugerudert, als sie es jetzt taten.

Wir näherten uns den Schiffen und den mutigen Männern, die gekommen waren, uns zu suchen. Wir konnten die Narbe sehen, die auch diese Schiffe im Kampf mit dem Eise davongetragen. Wir erkannten die Goldtressen an den Mützen der Offiziere und unterschieden die Gruppen, die mit Fernrohren in der Hand uns musterten.

Jetzt waren wir an der Schiffsseite.

Ein Offizier, Kapitän Hartstene, rief einen kleinen Mann in zerrissenem Flanellhemd an:

»Ist das Dr. Kane?«

Und auf dessen »Ja!« füllte sich das Takelwerk mit Landsleuten, und stürmischer Jubelruf empfing die Wiedergefundenen.

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.