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Die Todesfahrt der »Advance« im ewigen Eise

: Die Todesfahrt der »Advance« im ewigen Eise - Kapitel 18
Quellenangabe
typetravel
authorE. K. Kane
titleDie Todesfahrt der »Advance« im ewigen Eise
publisherLeipziger Graphische Werke AG
seriesSammlung interessanter Entdeckungsreisen
volume4
editorOtfried von Haustein
year1928
translatorHanns Reska (Bearb)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060202
projectid989bc990
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Wir verlassen das Schiff

Die Einzelheiten der Vorbereitung zu unserer Flucht waren immerhin so wichtig für uns, daß ich sie nicht ganz mit Schweigen übergehen kann. Sie hatten schon zeitig im Herbst begonnen und waren auch während unserer härtesten Winterprüfungen nie ganz eingestellt worden. Alles, was die Hände rühren konnte – und wäre es auch nur zum Eiderdaunenzupfen gewesen – fand jeden Augenblick der Muße eine nützliche Verwendung. Aber seitdem unsere Mannschaft durch reichlichere Kost wieder Spannkraft bekommen, wurden unsere Beschäftigungen systematischer und mannigfaltiger. Die Anfertigung von Bekleidungsstücken war gut vorwärtsgeschritten. Für jeden waren Mokassins von Segeltuch vorhanden, und drei Dutzend lagen noch überschüssig im Vorrat. Jeder hatte drei Paar Stiefel, meist aus Teppichzeug mit Sohlen von Walroß- und Seehundshaut. Auch das Leder von den Heizgeräten der Brigg und das Sprachrohr aus Guttapercha wurden verschustert. Die Wolldecken wurden in Oberkleider verwandelt. Jeder war sein eigener Schneider. Die wollenen Vorhänge, die früher unsere Kojen geziert hatten, gaben ein paar große Bettbezüge, die mit Eiderdaunen vollgestopft wurden. Zwei Büffelpelze von gleicher Größe wurden so eingerichtet, daß sie an diese Federbetten angeknüpft werden konnten, so daß sie nach Bedarf in Schlafsäcke verwandelt und später zum Trocknen und Lüften leicht wieder auseinandergenommen werden konnten.

Unsere Säcke für Lebensmittel waren so abgemessen, daß sie unter den Bänken der Boote Platz fanden. Wir hatten sie durch Teer und Pech wasserdicht gemacht, nachdem sie vorher gegen diese Stoffe durch eine Lage von Gips und Mehlkleister undurchdringlich geworden. Jeder Sack wurde fest mit Stricken eingeschnürt. All diese Handarbeiten hatten uns im Winter und mehr noch im Frühling Beschäftigung gegeben und den Geist einigermaßen in Spannung gehalten. Aber es gab noch mehr zu tun. Das Schiffsbrot wurde mit Hebebäumen zu Pulver geschlagen und dies in Säcken gestampft. Schweinefett und Talg schmolzen wir ein, füllten es in Säcke und ließen es gefrieren. Ein Vorrat eingedickter Bohnensuppe wurde in gleicher Weise für die Zukunft aufbewahrt; und das Mehl wie der Rest von Fleischzwieback wurden durch doppelte Säcke vor der Nässe geschützt. Dies war alles, was wir an Lebensmitteln mit uns zu nehmen hatten. In der ersten Zeit nach unserm Aufbruch, während wir unsere fahrende Habe über das Eis schleppten, mußte sich Zeit genug finden, noch einige Male mit dem Hundeschlitten nach dem Schiff zurückzukehren und mancherlei zurückgelassene Lebensmittel nachzuholen. Im übrigen waren wir auf unsere Gewehre angewiesen.

Neben alledem hatten wir unsern Lagerbedarf und die hochwichtige Ausrüstung der Boote und Schlitten zu besorgen. Wir besaßen drei Boote, die durch Stürme und Eis alle stark mitgenommen waren. Zwei davon waren Walfischboote aus Zedernholz, 26 Fuß lang, 7 Fuß in der Mitte breit und 3 Fuß tief. Sie wurden im Kiel und Boden durch eichene Balken und Rippen verstärkt, durch ein Aufsatzbord um sechs Zoll vertieft, und erhielten ein nettes Zeltdach von Segeltuch. Unsere vorjährige vergebliche Fahrt nach der Beechy-Insel hatte mich belehrt, daß es besser sei, jedem Boot nur einen Mast zu geben. Sie bekamen einen sehr starken, von dem man hoffen konnte, daß er sowohl auf dem Eise wie auf dem Wasser werde Segel tragen können. Das dritte Boot war unser »roter Erich«. Wir setzten es auf den alten Schlitten »Faith«; nicht so sehr in der Hoffnung, beide zur Fahrt zu benutzen, sondern eigentlich nur, um im Notfall Brennholz zu haben, wenn es uns an Speck mangeln sollte. Trotz all unserer Zimmermannskunst war keines der Boote seetüchtig zu nennen. Sie wurden alle drei auf Schlitten gestellt, die von der Mannschaft durch Stricke und Schulterriemen gezogen werden mußten. Die Lebensmittel wurden sorgfältig unter den Ruderbänken verstaut, die wissenschaftlichen Instrumente kamen unter die Rudertaljen eines unserer Boote, der »Hoffnung«; unseren schönen Theodoliten mußten wir als zu groß und zu schwer leider im Stich lassen. Pulver und Blei, von denen unser Leben abhing, wurden sorgsam in Beutel und Zinnbüchsen verteilt, die Zündhütchen, kostbarer als Gold, nahm ich persönlich in Verwahrung. Es wurden Plätze für die Gewehre eingerichtet und Jäger für jedes Boot ernannt. Die Kochapparate betreute Petersen, der ein sehr guter Metallflicker war. Sogar die alten Ofenrohre, die zwei arktische Winter durchgemacht, fanden noch Verwendung; jedes Boot hatte zwei große, eiserne Hohlzylinder als Wetterschutz für das Feuer, das in eisernen Näpfen voll Schweinefett oder Speck mittels starker Dochte unterhalten wurde. In diese Zylinder wurden Zinngefäße eingehangen, worin man Schnee schmelzen oder Tee und Suppe kochen konnte. Diese Zinngefäße waren aus zerschnittenen Zwiebackbüchsen angefertigt. Es war gut, daß wir hiervon etwas zuzusetzen hatten, denn sie hielten das Feuer nicht lange aus. Doch wir mußten auch mit dem Zinn sparsam umgehen, denn wir brauchten es als Bootbeschlag gegen das Eis. Unsere Küchengeräte waren so radikal aufgebraucht, daß wir weder Tassen noch Teller mehr besaßen, ausgenommen irdene, die die Reise nicht aushalten konnten. Deshalb schnitten wir Teller aus allen möglichen zurückgelegten Zinnwaren. Die Fleischzwiebackbüchsen gaben ein schönes Service, und einige früher der naturhistorischen Sammlung angehörige Büchsen mit den schauerlichen Aufschriften »Aetzsublimat« und »Arsenik« wurden ausgeleert, gescheuert und zu Teetassen verarbeitet.

Um den Gedanken eine feste Richtung zu geben, hatte ich den Tag der Abreise im voraus auf den 17. Mai angesetzt. Jeder Mann erhielt 24 Stunden für sich, um seine acht Pfund Privateffekten auszuwählen und in Ordnung zu bringen. Nach dieser Zeit gehörte er nicht mehr sich selbst, sondern ausschließlich der Allgemeinheit. Das lange geduldete Bummelleben unserer Rekonvaleszenten hatte sie verwöhnt, deshalb fanden sie sich schwer in diese Anordnung. Einige von ihnen arbeiteten noch an Dingen, die ihnen persönlich wichtig sein mochten. Jetzt warfen sie sie in Patientenlaune unvollendet weg. Ich hieß sie in einzelnen Fällen aufheben und von anderen fertigmachen. Aber meine einmal gegebene Anordnung hielt ich unerbittlich aufrecht. Denn es war unumgänglich, alle Gedanken und Kräfte des einzelnen auf das eine große, gemeinsame Werk zu richten: die Abreise auf Nimmerwiederkehr.

Es gibt leider wenig Menschen, die das Mißgeschick erhebt. Nicht ein Zeichen von Freude und Lebhaftigkeit war an den Leuten zu bemerken, als wir endlich begannen, die Boote auf die Schlitten zu setzen und nach dem Eisfluß hinüberzuschaffen. Es gab viele Zweifler, die gar nicht glauben wollten, daß es wirklich heimginge. Sie meinten, es werde einen gewöhnlichen Ausflug geben und man werde schließlich immer wieder auf das Schiff zurückkehren. Als wir die glatte Eisfläche vom Schiff aus überfuhren, was sehr gut ging, da die Boote ihre Ladung noch nicht hatten, hob sich die Stimmung schon bedeutend; die Unglückspropheten hatten behauptet, die Schlitten würden keinen Zoll breit von der Stelle rücken. Das erste harte Werk war der Transport der Bootschlitten über das viele Brucheis, das zwischen der Eisfläche und dem Eisfuß lag. Doch in 24 Stunden hatten wir es geschafft, und unsere kleinen Archen standen glücklich oben mit ihrer netten Zeltbedachung und dem übrigen Ausputz, dem sogar eine, aus einem alten Hemd gefertigte, kleine amerikanische Flagge nicht fehlte. Alle gingen hierauf wieder an Bord, wo uns das beste Abendessen labte, das unter solchen Umständen noch aufzutreiben war, dann legten wir uns schlafen und träumten von der Abreise am nächsten Tage. Die Leute waren aber fast alle noch Invaliden und der Arbeit wie der freien Luft entwöhnt, man durfte sie nur sehr allmählich wieder daran gewöhnen. So machten wir am ersten Tage auch nur zwei Meilen, und zwar lediglich mit dem einen Boot; in dieser Weise wurden sie auch die nächsten Tage noch geschont. Sie kehrten zeitig zurück zu einem tüchtigen Abendessen und warmen Betten, und ich hatte die Freude, sie jeden Tag gestärkt und wohlgemut wieder auszusenden. Das Wetter war glücklicherweise prächtig.

Unser letzter Abschied vom Schiff aber vollzog sich in feierlicher Form. Die ganze Mannschaft versammelte sich in dem ausgeräumten und zerstörten Winterverschlag, um an der Zeremonie teilzunehmen. Es war ein Sonntag. Die Mooswände waren niedergerissen und ihre Holzstützen verbrannt worden. Die Betten hatte man bereits nach den Booten geschafft; der ganze Raum war leer und kalt, alles ringsum öde und trostlos. Wir lasen die Gebete und ein Kapitel aus der Bibel, und dann, als alle schweigend in der Runde standen, löste ich das Bild Franklins aus seinem Rahmen und wickelte es in eine Gummirolle. Danach verlas ich die von verschiedenen zu Inspektionen Beauftragten eingereichten Berichte, die alle die Notwendigkeit eines Rückzuges aus der Polarregion klar ergaben. Dann wandte ich mich an die ganze Mannschaft; ich suchte nicht die Beschwerden zu beschönigen, die unserer warteten; aber ich versicherte sie, daß durch Energie und strenge Disziplin alle zu besiegen sein würden, daß die 1300 Meilen von Eis und Wasser, die zwischen uns und den nördlichsten Ansiedlungen von Grönland lagen, mit Sicherheit für die meisten von uns, mit Hoffnung für uns alle zurückgelegt werden könnten. Ich fügte hinzu, daß Ehre und Religion uns als Kameraden und Christen die Pflicht auferlegten, jede Rücksicht auf die eigene Person zum Schutze der Verwundeten und Kranken hintanzusetzen, und daß dies für jeden und unter allen Umständen die oberste Verhaltungsmaßregel sei. Zum Schlusse gab ich ihnen zu beherzigen, wie viele Prüfungen wir bereits überstanden, und wie oft eine unsichtbare Macht jeden von uns aus Not und Gefahr errettet habe. So ermahnte ich sie, Vertrauen auf den zu haben, der in seinen Beschlüssen nicht wankend werde.

Meine Worte fanden gute Aufnahme. Nach kurzer Beratung setzte einer der Offiziere eine schriftliche Erklärung auf, worin meinen Ansichten volle Zustimmung erteilt und treue Mitwirkung bei dem Unternehmen, den Süden in Booten zu erreichen, zugesagt wurde. Alle ohne Ausnahme unterschrieben.

Die von mir verlesene Auseinandersetzung der Gründe, die mich zur Aufgabe der »Advance« bewegen, heftete ich jetzt an eine Strebe neben dem Schiffsaufgange, wo sie jedem in die Augen fallen mußte, der etwa in der Folge, wenn ein Unglück uns überkommen, die Brigg besuchen sollte. Sie schloß mit folgenden Worten:

»Ich betrachte das Verlassen des Schiffes als unvermeidlich. Wir haben nur noch für 36 Tage Lebensmittel, und eine sorgfältige Untersuchung hat uns belehrt, daß wir unserm Fahrzeug nicht länger Brennholz entnehmen können, ohne es gänzlich seeuntüchtig zu machen. In einem dritten Winter würden wir, um nicht zu verhungern, gezwungen sein, in der Weise der Eskimos zu leben, und alle Hoffnung aufgeben müssen, bei dem Schiff und seinen Hilfsmitteln zu bleiben. In keiner Weise würde daher für die Auffindung Franklins noch etwas geschehen können.

Unter allen Umständen würde ein längeres Ausharren denen von unserer Gesellschaft verderblich werden, die bereits unter der außerordentlichen Strenge des Klimas und seinen krankmachenden Einflüssen leiden. Der Skorbut hat jedes Mitglied der Expedition geschwächt, und eine außergewöhnliche, mit Starrkrampf verwandte Krankheit hat zwei von unseren besten Leuten dahingerafft. Ich glaube von mir und meinen Gefährten sagen zu können, daß wir alles, was erwartet werden konnte, getan haben, um unsere Ausdauer und Hingebung für unser Unternehmen zu beweisen. Der Versuch, durch Ueberschreitung des Eises mit Schlitten endlich zu entkommen, erscheint mir als eine gebieterische Pflicht, als das einzige Mittel, unser Leben und die mühsam erlangten Resultate der Expedition zu retten!

Advance, 20. Mai 1855.

E. K. Kane.«

Dann versammelten wir uns auf Deck. Die Flaggen wurden aufgehißt und wieder eingezogen. Die Leute machten noch ein paarmal die Runde um das Schiff, musterten den Bau und tauschten Bemerkungen aus über die zahlreichen Defekte und Wunden, die wir ihm durch das fortgesetzte Ausholzen geschlagen. Das Gallionbild, »die schöne Auguste« genannt, eine kleine, blaue Mädchenfigur mit hochroten Wangen, die ihre Brust und Nase zwischen Eisbergen eingebüßt, wurde herabgenommen und an Bord des Bootes »Hoffnung« geschafft. Als ich zögerte, diese neue Belastung noch aufzunehmen, erklärten die Leute:

»Sie ist jedenfalls Holz. Und wenn wir sie nicht fortbringen, können wir sie verbrennen.«

Als wir alle reisefertig waren, kletterten wir noch einmal über das Eis nach den Booten. Hier wurde alles gemustert, und jedes Boot erhielt seine Leute zugeteilt. Jeder Mann trug wollene Unterkleider und darüber einen vollständigen Pelzanzug nach Art der Eskimos, die schon beschriebenen Stiefel und Socken zum Wechseln, einen Schulterriemen zum Ziehen und eine große Schneebrille, ebenfalls nach Eskimoart dadurch gefertigt, daß man einen feinen Spalt in ein Stückchen Holz schnitt. Einige hatten ganze Gesichtsmasken aus Guttapercha, was aber noch weniger elegant wirkte als die Holzbrillen.

Abgerechnet vier Kranke, die sich nicht regen konnten, und mich selbst, der ich das Hundegespann zu führen und den allgemeinen Schaffner- und Kurierdienst zu versehen hatte, blieben nur zwölf Männer, was für jeden Schlitten sechs ergeben hätte, also zu wenig, um ihn fortzubringen. Man mußte sich daher entschließen, nur einen Schlitten auf einmal zu nehmen und den anderen jedesmal nachzuholen.

Die Tagesordnung für die Reise war von mir genau entworfen worden; sie begann und schloß mit einem allgemeinen Gebet. Jeder hatte sein ihm zugewiesenes Amt. Das Kochen ging reihum.

Die Bootsschlitten machten nur kurze Fahrten, jeder etwas über eine englische Meile täglich. Es war grundlegende Regel, daß niemals von neuem aufgebrochen wurde, bevor nicht alle ordentlich ausgeschlafen und geruht hatten. Die Weiterreise richtete sich also weniger nach festgesetzten Stunden als nach dem Zustande der Mannschaft. Dabei war Bestimmung, die Mittagszeit und den grellsten Sonnenschein zu verschlafen. In den wohlüberdeckten, mit Menschen und Schlafutensilien vollgestopften Booten fanden die Müden eine leidliche Bequemlichkeit, obgleich die Luft immer noch kalt genug war. Am 24. waren beide Schlitten erst sieben englische Meilen vom Schiffe entfernt.

Während dieses langsamen Vorrückens war ich vollauf beschäftigt mit Fahrten zwischen der Station Anoatok, den Eskimohütten und der verlassenen Brigg. Schon während der Vorbereitungen zur Abreise hatte ich Anoatok (d. h. den von den Winden geliebten Ort) zu einer Zwischenstation und einem Ruheplatz für unsere Kranken während der Unruhe der Abreise ausersehen. Der verfallene Steinkeller wurde ausgebessert, gereinigt, mit einer Art Ofen und einem Rauchrohr versehen und das Innere durch Hobelspäne, Kissen und Decken so wohnlich als möglich gemacht. Am 15. Mai wurde mit dem Fortschaffen der Kranken nach der Hütte begonnen und nach und nach auch ein großer Teil der Lebensmittel vorausgeschafft und in der Nähe versteckt. Denn die geschwächten Leute hatten an den Booten und Schlitten schon genug zu ziehen. Alle diese Transporte erfolgten durch unser kleines Hundegespann, ohne welches unser Fluchtversuch gewiß jämmerlich gescheitert wäre. Sie zogen in den nächsten vierzehn Tagen nach der Abreise den Schlitten in verschiedenen Fahrten zwischen 700 und 800 englischen Meilen weit.

Viele einzelne Vorfälle, so interessant und wichtig sie auch für uns waren, können hier nicht erzählt werden. Der Anfang der Reise ging schlecht genug; die Leute an den Schlitten verloren oft den Mut und wurden hinfällig. Bei einzelnen zeigten sich Anschwellungen und Skorbutanfälle. Es war klar, daß sie ohne bessere Kost nicht bestehen konnten; sie mußten, wenn schon nicht frisches Fleisch, so doch zumindest frisches Brot und heißen Tee haben. Während ich Godfrey nach Eta sandte, jagte ich mit Morton nach dem Schiff zurück, das jetzt ein trauriger Aufenthalt war. Alles umher sah ganz so aus wie im vorigen Jahr bei dem Leichenbegängnis unsers Kameraden. Magog, ein alter Rabe, einer von dem Paare, das sich zwei Jahre in unserer Nähe aufgehalten, hatte von der Brigg Besitz genommen. Wir zündeten Feuer an, schmolzen Speck und buken reichlich Brot, fanden auch noch einige Bohnen und getrocknete Aepfel. Nach kurzer Rast machten wir uns auf den Rückweg und verteilten unsere Vorräte an die Leute auf dem Eise. Sofort eilte ich nach der Krankenstation, wo damals noch die Patienten lagen, die ich in hilflosem Zustand fand. Ihre Lebensmittel waren erschöpft, die Lampe verlöscht, der Sturm hatte den Eingang erbrochen und das Innere mit Schnee gefüllt, ohne daß sie es hätten hindern können. Nachdem ich hier Ordnung geschaffen und die Kranken erwärmt, getrocknet und erquickt hatte, taten wir einen langen Schlaf und ließen einen schweren Sturm sich austoben. Nach einiger Zeit stellte sich hier Godfrey ein und brachte Metek mit; sie hatten auf zwei Schlitten reichliche Fleischvorräte. Mit einem Teil davon eilte ich sogleich zu den Leuten auf dem Eise und fand sie im Kampf mit den Schneewehen des letzten Sturmes sehr erschöpft, doch nicht entmutigt.

Abermals fuhr ich nach dem Schiff, diesmal außer von Morton noch von Metek mit seinem Schlitten begleitet, um Brot zu backen. Wie dies Brot oder Mehlpudding in drei Stunden bereitet werden kann, soll hier nicht verraten werden – genug, es geht! Wir packten Metek eine Ladung von 150 Pfund auf seinen Schlitten, an Herrn Brooks adressiert. Er lieferte sie ab, hatte jedoch eine schriftliche Weisung für diesen, daß er ihn sogleich wieder zum Schiff senden solle, beiseitegebracht. Es half ihm aber nichts. Wir brauchten ihn und seine Hunde zu notwendig; und außerdem konnte er uns nicht entgehen, da seine Wohnung jenseits lag und es nur einen Weg dahin gab. Er kam also wieder. Wir hatten in der Zwischenzeit etwa 100 Pfund Gebäck fertig und ein paar Säcke Schweinefett ausgeschmolzen. Nach diesem starken Tagewerk gingen wir zu Bett. Zu Bett! Es war nichts mehr vorhanden, was dem ähnlich gesehen hätte. Wir trennten die alten Matratzen auf, krochen in die Polsterhaare hinein und schliefen gut genug. Wir verließen das Schiff mit zwei starken Schlittenladungen; es waren die letzten Vorräte, die mitgenommen werden konnten. Zu meinem großen Bedauern mußte manches zurückbleiben, unter anderem die so mühsam zusammengebrachte naturhistorische Sammlung, mehrere Instrumente und meine stillen Freunde, die Bücher. Ich warf einen letzten Abschiedsblick auf alles rund um mich und gab dann meinen Hunden das Peitschensignal zur Abfahrt.

Nachdem wir so unsere Mundvorräte glücklich in Anoatok zusammen hatten, bestimmte ich sofort zwei südlicher gelegene Stationen, wohin sie vorauszuschaffen seien; die eine hieß Navialik, der Platz der dicken Möven, eine Landspitze gegenüber Kap Hatherton, die andere war eine ebene Eisfläche bei der Littletoninsel. Die Fortschaffung zu Schlitten wurde teils von Metek, teils von mir besorgt. Auf einer dieser Fahrten fand ich zu meiner großen Bestürzung, daß das Eis plötzlich eine Aenderung erfahren hatte. Es war bleifarbig und von durchdringendem Wasser naß und mürbe geworden. Mir mußte angst werden um unsere Leute mit den Booten und um die rechtzeitige Unterbringung der Lebensmittel; ich mußte von den Eskimos noch einige Hunde zu erhalten suchen. Meine nächste Aufgabe aber war zur Zeit, uns wieder frisches Fleisch zu verschaffen, und ich befand mich in dieser Absicht eben auf einem Abstecher nach Eta. Als ich in die Nähe dieser Niederlassung kam – es mochte Mitternacht sein, denn die Sonne stand tief am Himmel – schlug schon von weitem lautes Gelächter an mein Ohr, und als ich um die Ecke bog, stieß ich plötzlich auf ein Lager von Eingeborenen. Einige dreißig Männer, Weiber und Kinder waren auf einer kleinen, durch Vogeldünger gefleckten Felsplatte versammelt. Außer einer Moosbank, die den Windzug von dem Fjord her abhielt, waren sie gänzlich ohne Schutz gegen das Wetter, obgleich die Temperatur 5 Grad unter Null (etwa – 17 Grad R.) betrug. Die Hütten waren ganz verlassen, der Schneetunnel eingefallen, das Fenster war offen wie im Sommer. Alles, was Leben hatte, befand sich auf dem nackten Felsen. Und wie sie schrien und lachten und schnarchten und sich herumwälzten, dieses Zigeunervolk! Einige saugten Vogelbälge aus, andere kochten unglaubliche Mengen von Alken in mächtigen Töpfen von Speckstein; zwei Jungen balgten sich um eine Eule; es war das einzige Exemplar der Strix nyctea, das ich anders als im Fluge gesehen. Aber ehe ich sie retten konnte, hatten sie sie in Stücke gerissen und delektierten sich an dem frischen Fleisch und Blut und begruben ihre Gesichter in den zerzausten Federn. Die Feuer wurden mit Torfmoos und den zerzausten Vogelbälgen unterhalten, dienten aber nur zum Kochen, denn um sich zu wärmen, hockten die Leute lieber eng zusammen. Kresut, der alte blinde Patriarch, bildete den Mittelpunkt, und um ihn sammelte sich ein Gewirr von Männern, Weibern und Kindern, so durcheinandergeschlungen wie ein Nest voll Aale. Nur Kinder trollten ab und zu und brachten Moos herbei, die Gesichter mit Blut beschmiert, in den Zähnen Leckerbissen von roher Leber. Die ganze Szene zeugte von Ueberfluß und Faulheit – es war das dolce far niente des kurzen Eskimosommers. An eine Vorsorge für den dunklen Winter dachten sie nicht, denn obgleich auf den Felsen Vögel in der Sonne trockneten, so hätte doch eine einzige Jagdpartie von Peteravik die ganzen Vorräte in einer Nacht aufessen können.

Freilich schien es, als könne hier niemals Mangel herrschen. Die kleine Alke nistete in den Schuttkegeln unter den Klippen in so ungeheurer Menge, daß die Leute mit dem Fleischbeschaffen nicht mehr Mühe hatten als eine Köchin, wenn sie Gemüse holt. Ein Knabe, der mit einem aus Seehundsriemen geflochtenen Fangnetz nach den Klippen geschickt wurde, kam in wenigen Minuten mit so vielen Vögeln zurück, als er nur tragen konnte. Die Hunde waren ebenso glücklich und wohlgenährt wie ihre Herren.

Vogelfang im Polarsommer

Anigna, Marsumas Weib, hatte nächst der Madame Metek einen größeren Einfluß als die anderen Weiber der Ansiedlung. Ich hatte ihr mal ein Blutgeschwür geöffnet, was die dankbare Seele nie vergessen konnte. Sie jagte ohne Umstände den alten Kresut von seinem Mittelplatz und setzte den Nalegak dafür hin. Um mir eine Decke zu geben, zog sie ihren eigenen Oberrock von Vogelbälgen aus, und ihr zweijähriges Kind gab sie mir als Kopfkissen. Nachdem ich den inneren Menschen mit Vogellebern gestärkt, war ich bald eingeschlafen. Am Morgen ließ ich meine abgetriebenen Hunde in der Pflege von Marsuma und Aningna und nahm einstweilen ihr eigenes Gespann. Unsere Beziehungen zu diesen unseren Freunden waren derart, daß sich das von selbst verstand. Die Leute sahen wohl, daß es uns nicht zum besten ging. Der alte Nessark belud meinen Schlitten mit Walroßfleisch, und zwei der jungen Leute begleiteten mich, um mir durch das Brucheis zwischen der Littletoninsel und dem Festland zu helfen.

Bevor ich Eta verließ, machte ich einen Morgenspaziergang mit dem jungen Sipsu (hübscher Junge) nach dem landeinwärts dicht unter einem Gletscher gelegenen See. Er führte mich zuerst über den Spielplatz, wo alle seine jungen Freunde aus der Niederlassung sich mit Ballschlagen belustigten. Jeder hatte als Schläger eine Walroßrippe. Der Ball, den sie eine Bank von gefrorenem Schnee hinaufzutreiben suchten, war aus einer Gelenkkugel des Walrosses gefertigt. Schallendes Gelächter ertönte, wenn einer der eifrigen Spieler fehltraf, und je mehr sich das Spiel der Entscheidung näherte, desto aufgeregter wurde ihr Geschrei. Sie zählten hitzig an den Fingern – acht, acht, acht! denn mit zehn war das Spiel gewonnen.

Ueberraschend war es und doch so natürlich, daß diese vom Hunger umhergepeitschten Eisnomaden ihre Spiele und Belustigungen genau so gut besaßen wie unsere Kinder unter einem milderen Himmel, daß die Eltern ihren Kleinen Spielschlitten, kleine Harpunen und Netze machten, Miniatursinnbilder eines Lebens voll Leiden und Gefahren. Wie fremdartig nahm sich diese heitere Kinderlust aus unter den drohenden Schatten zackiger Eisklippen! Ich wurde erdrückt von dem Gedanken, daß wir selbst möglicherweise noch länger in dieser Welt des Frostes würden schmachten müssen – und diese Kinder desselben Schöpfers hatten hier ihre Heimat und spielten so unbefangen wie die Vögel, die über uns kreisten.

Sommerfreuden: Eskimojugend beim Ballspiel

Die Naturszenerie am See, die außer mir, meinem Bruder und Leutnant Hartstene noch kein Weißer wieder gesehen hat, ist von ergreifender Wirkung. Eine mächtige, im Sonnenschein glitzernde Eismasse ist zwischen hohe, schwarze Basaltwände eingezwängt. An ihrem Fuße öffnet sich ein großer Tunnel, und aus ihm hervor in den See stürzt sich ein wilder Strom, der die stille Wasserfläche weithin aufrührt und auf ihr einen weiten Halbkreis von Schaum zieht. Myriaden von Vögeln flogen umher, und die grünen Abhänge waren besät mit den Blüten der purpurfarbenen Lychnis und des arktischen Hühnerdarms.

Der See wimmelt von Fischen, anscheinend Lachsforellen, aber die Eingeborenen kennen den Fischfang nicht. Der Gletscherstrom ist etwa zehn Fuß breit, und man versicherte mir, daß er zu keiner Zeit des Jahres ganz versiegt. Obwohl der Tunnel sich mit Eis verschließt und der See oft viele Fuß dick überfriert, so kann man doch, selbst mitten im Winter, den Strom unter der Decke sehen und hören, wie er sich seinen Weg unter dem Gletscher hervor in den See bahnt.

Diese armen Eskimos kennen außer ihrer kleinen Welt nichts. Zeigt man nach Osten gegen das Festland hin, wo die Renntiere unbehelligt ziehen, weil sie dies Wild nicht zu jagen verstehen, so antworten sie: »Sermik!« – Gletscher, Eiswall. Fragt man, wie weit ihr Volk nach Süden und Norden reicht, so erfolgt immer wieder dasselbe Kopfschütteln, dasselbe: »Sermik soak!« dahinter gibt es für sie nichts mehr. Holz haben sie nicht, da die See soweit keins heraufführt. Sie kennen daher nicht Pfeil und Bogen wie die südlicheren Stämme, und der Kajak existiert bei ihnen nur als sagenhaftes Wort. Der enge Belt, auf den sie angewiesen sind, ist mindestens 600 englische Meilen lang, und durch diese ganze Strecke kennt jeder den anderen. Kein Heirats-, Geburts- oder Todesfall, der nicht überall durchgesprochen und in das Gedächtnis aufgenommen würde. Ich selbst konnte 140 Leute bei Namen nennen. Alle scheinen eine einzige, große Familie zu bilden. Ihre Hütten sind in Entfernungen verteilt, wie sie eine Fahrt mit dem Hundeschlitten ergibt und wie die Jagdplätze liegen. Hat ihnen der Winter Straßen gebaut und Land und Meer in eine feste Masse zusammengekittet, so beginnen die freundschaftlichen Besuche, und durch die Dunkelheit verbreiten sich die Nachrichten von dem Befinden und den Hilfsmitteln jedes einzelnen. Der hauptsächlich benutzte Fahrweg ist dann so ausgefahren wie eine unserer Landstraßen. Die Hunde rennen von Hütte zu Hütte, fast ohne daß der Fahrer sie leitet. Dieser richtet sich nach den Sternen, jeder Fels hat seinen Namen, jeder Hügel seine Bedeutung, und ein Fleischversteck in dieser wüsten Wildnis kann von dem jüngsten Jäger ohne Mühe wieder aufgefunden werden.

Um zu zeigen, in welche Gefahren diese Leute geraten können, will ich eine Geschichte erzählen, deren viele aus der letzten Zeit im Umlauf waren.

Während der Hungersnot des verwichenen Winters in Eta beschlossen zwei unserer Freunde, Awatok und Meiuk, das Walroß auf dem offenen Eise aufzusuchen. Es war ein höchst gefährliches Unternehmen, aber sie hielten es doch für besser, als ihre Hunde aufzuessen. Es gelang ihnen, ein großes männliches Walroß zu erlegen, und eben wollten sie vergnügt heimkehren, als ein Nordwind das Eis zerbrach. Nun befanden sie sich plötzlich auf einer treibenden Scholle. Ein Europäer hätte in dieser Lage den Versuch unternommen, an Land zu kommen. Diese beiden Eskimos aber wußten, daß das Eistreiben an der Küste stets am gefährlichsten ist, und trieben ihre Hunde auf den nächsten Eisberg zu. Sie erreichten ihn nach einigen Kämpfen und arbeiteten sich mit ihren Hunden und ihrer halbzerlegten Beute hinauf. Es war gegen Ende des letzten Mondlichts im Dezember, eine dichte Finsternis umgab sie. Sie banden die Hunde an zackiges Eis fest und legten sich selbst nieder, um durch den Sturm nicht fortgeweht zu werden. Zuerst brach sich die See über ihnen, doch sie erreichten einen höher gelegenen Platz und bauten aus Eis eine Art Wetterschirm. In der fünften Nacht erfror Meiuk einen Fuß, und Awatok verlor eine große Zehe. Doch sie blieben guten Mutes und aßen ihr Walroßfleisch, während sie langsam südwärts trieben. Der Berg stieß zweimal mit Eisfeldern zusammen, und sie waren der Meinung, sie hätten den »großen Kessel« bereits passiert und wären in das Nordwasser der Baffinsbai eingelaufen. Es war gegen Ende des zweiten Mondlichts, also nach einer Gefangenschaft von vier Wochen, als sie feststellten, daß ihr Eisberg Grund gefaßt habe. Sie machten ihre Hunde los, sobald sie sahen, daß das junge Eis um den Berg sie tragen werde. Sie hatten die Hunde an lange Walroßleinen gelegt, und durch deren Hilfe gelang es ihnen, sich selbst durch den offenen Wassersaum zu arbeiten, der immer einen Eisberg umgibt, und festes Eis zu gewinnen. Sie langten in ihrer Heimat an wie vom Tode Auferstandene. Doch das Willkommen war traurig, denn hier herrschte noch immer Hungersnot.

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