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Die Todesfahrt der »Advance« im ewigen Eise

: Die Todesfahrt der »Advance« im ewigen Eise - Kapitel 17
Quellenangabe
typetravel
authorE. K. Kane
titleDie Todesfahrt der »Advance« im ewigen Eise
publisherLeipziger Graphische Werke AG
seriesSammlung interessanter Entdeckungsreisen
volume4
editorOtfried von Haustein
year1928
translatorHanns Reska (Bearb)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060202
projectid989bc990
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Letzter Versuch

Die sechs vom Unwetter verschlagenen Gäste waren zeitig auf; ich gab ihnen Grüße an Kalutuna mit und ließ ihn einladen, uns auf dem Schiff zu besuchen. Nachmittags folgte ich ihnen mit Meiuk auf die Walroßjagd.

Das Walroß liefert den Eskimos um die Rensselaerbucht während des größten Teils des Jahres den hauptsächlichsten Lebensunterhalt. Weiter südlich bis zum Murchinsonkanal tun dies abwechselnd Robben, das See-Einhorn und der weiße Walfisch, die im Smithsund nur zufällig vorkommen. Die Art, das Walroß zu jagen, hängt sehr von der Jahreszeit ab. Im Herbst, wenn das Packeis nur teilweise geschlossen ist, sind sie häufig an den Stellen, wo Wasser und Eis sich mischen. Und da diese späterhin sich schließen, so rücken sie immer weiter nach Süden vor. Die Eskimos nähern sich ihnen dann über das junge Eis und greifen sie in Spalten und Löchern mit Harpunen und Leinen an. Dieser Fang wird mit der kälter und stürmischer werdenden Jahreszeit furchtbar gefährlich; und selten vergeht ein Jahr, ohne daß ein Unglück geschieht. Mit dem zeitigsten Frühjahr, also etwa vier Wochen vor Wiederkehr der Sonne, beginnt die Jagd wieder, und das winterliche Hungerleiden hört auf. Der Januar und Februar sind in der Regel Wochen der Not; aber in der zweiten Märzhälfte setzt die Fischerei ein. Alles gerät dann in Erregung und Feuer.

Die Jagd vollzieht sich auf zwei Arten. Zuweilen hat das Walroß einen Eisberg erklettert und sich allzu lange im Sonnenschein gelabt. Das Loch oder die Spalte im Eis ist unterdes zugefroren. Das Tier kann, wie die anderen Robben, gegen das Eis nur von unten herauf wirken; und wenn die rastlosen Jäger es in dieser Lage mit ihren Hunden aufspüren, dann erliegt es ihren Speeren. Im zeitigen Frühjahr haben die Walrosse Junge, und dann ist ihre Glanzperiode. Die Mutter mit ihrem Kalbe wird von dem grimmig aussehenden Vater begleitet, und alle drei fluten sie von Spalte zu Spalte um die Eisberge oder lagern in der Sonne. Auf diesen Streifzügen bringen ihre wachsamen menschlichen Feinde einen andern Jagdkunstgriff in Anwendung. Er wird gleichfalls mit Harpune und Lanze ausgeführt, artet aber oft in einen regelrechten Kampf aus, wobei der Alte wacker standhält und seine unerbittlichen Feinde mit wütender Tapferkeit angreift. Nicht selten werden die Alten samt den Jungen in solcher Schlacht erlegt. Dann sind die Hütten, diese armseligen schneebedeckten Löcher, voller Leben und Tätigkeit. Haufen von Fleisch werden auf dem Eisfuß aufgetürmt. Die Weiber spannen die Häute aus, um Sohlenleder daraus zu fertigen. Die Männer schneiden einiges zu Harpunenleinen aus. Finstere Walroßköpfe starren dann von den Schneebänken herunter, wo sie der Zähne wegen aufgestapelt sind. Die Hunde werden auf dem Eise angebunden. Die Kinder, jedes mit der Rippe irgendeines Seetieres versehen, spielen Ball zwischen den Schneetriften.

Noch am Tage meiner Ankunft wurden von den Leuten zu Eta vier Walrosse erlegt, von denen zu Peteravik jedenfalls noch viel mehr. Die Fleischmassen, die so in der günstigen Jahreszeit zusammengebracht werden, sind enorm; man legt sie in Höhlen nieder, die mit schweren Steinen geschlossen werden. Ich habe mehrere dieser Vorratskeller gesehen, die das Fleisch von 10 Walrossen bargen. Die Eskimos sind nie müßig: sie obliegen rastlos der Jagd; und wenn das Unwetter sie verhindert, so bringen sie die inzwischen erlegte Beute in Sicherheit. Bei solchen Erträgnissen sollte man meinen, daß sie im Winter nicht zu darben brauchen. Aber neben ihrer Sorglosigkeit läßt noch ein anderer Grund ihre Vorräte schnell schwinden: der große Verbrauch. Es ist erstaunlich, wieviel eine Familie verzehrt. Allerdings darf man dies nicht so sehr reiner Gefräßigkeit zuschreiben, sondern es erklärt sich vielmehr aus ihren besonderen Lebensverhältnissen und den Anforderungen ihres Organismus. Der Verbrauch an Kohlenstoff in ihrem Körper muß bei den ständigen physischen Anstrengungen in der kalten Luft ins Ungeheure gehen. Ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich annehme, daß ein Eskimo in Zeiten des Ueberflusses täglich 8 – 10 Pfund Fleisch zu sich nimmt. Die Walrosse scheinen sich das ganze Jahr um die von der Flut zerbrochenen Ränder des Küsteneises aufzuhalten. Denn wenn das Wasser wieder offen wird, sind sie gleich in Haufen da und spielen mit ihren Jungen auf den offenen Stellen. Hier haben sie natürlich von den Jägern des Nordens nichts zu fürchten, da diese keine Kajaks wie im Süden besitzen, sondern ihrem Wild nur auf dem Eise nahe kommen können. Wenn im Spätsommer alles Eis geschmolzen ist, ziehen sich die Walrosse nach den Felsen zurück. Dann sind sie äußerst lebhaft und unruhig. Aber die Eskimos kundschaften ihre Schlupfwinkel sorgfältig aus, verbergen sich zwischen den Klippen, erwarten ihre Ankunft mit geduldigem Schweigen und erlegen sie mit Harpune und Leine.

Meine Abreise aus der Etabucht wurde durch Nachrichten vom Schiffe beschleunigt: Hans brachte die Botschaft, daß MacGary gefährlich erkrankt sei. Ich hatte einen Schlitten voll Fleisch, konnte daher mit meinen vier maroden Hunden nicht sehr schnell vorwärts. Aber ich fuhr und lief abwechselnd und war in sieben Stunden nach Empfang der Nachricht auf der Brigg. Glücklicherweise hatte mein ausgezeichneter zweiter Offizier die Krise des Anfalls bereits überstanden. Hans hatte ich mit dem Auftrag zurückgelassen, nach Peteravik zu gehen und Kalutuna nochmals zu einem Besuch auf dem Schiff einzuladen. Des besseren Erfolges halber hatte ich ihm als Geschenk einen Windebaum mitgegeben – ein unschätzbares Material zur Anfertigung von Harpunenschäften.

Auf der »Advance« war man um diese Zeit (20. April) beschäftigt, die wenigen noch unverbrannten Balken auszuschneiden und Schlittenkufen daraus zu sägen. Eine harte Arbeit für Invaliden; aber wir brauchten große Schlitten, wenn wir die Boote über das Eis nach dem offenen Wasser bringen wollten, das jetzt leider noch 40 englische Meilen von uns entfernt lag. Unser Aufenthalt wurde dadurch immer öder und ungemütlicher.

Am 24. abends kam Hans zurück. Er war schwer mit Fleisch beladen und brachte drei Eskimos mit, deren jeder einen Schlittenzug und völlige Jagdausrüstung besaß. Der vornehmste von ihnen war Kalutuna, ein edler Wilder und in jeder Hinsicht den übrigen Stammesgenossen weit überlegen. Er grüßte mich mit ehrerbietiger Höflichkeit, aber wie ein Mann, der ein Recht darauf besitzt, daß man ihm mit gleicher Achtung begegne. Nach kurzem Austausch der üblichen Begrüßungen setzte er sich auf den Ehrenplatz an meiner Seite.

Natürlich wartete ich, bis die Gesellschaft gegessen und geschlafen hatte. Denn bei den Wilden gilt es für unanständig, Eile zu haben. Nach Verteilung einiger Geschenke eröffnete ich ihnen meinen Plan einer nördlichen Inspektionsreise. Kalutuna empfing sein Messer und seine Nadeln mit einem »Kujanaka«, ich danke. Es war die erste Danksagung, die ich von einem Eskimo dieser hohen Regionen hörte. Er nannte mich seinen Freund, erklärte mir, daß er mich sehr liebe und glücklich wäre, den »Nalegak soack« auf einer Jagd zu begleiten.

Nunmehr war es möglich, die schließliche Besichtigung der jenseitigen Küsten des Kennedykanals noch durchzuführen. Denn die unentbehrlichen Hunde waren da; die Eskimos hatten sechzehn von ihnen mitgebracht. Am andern Morgen brachen wir auf. Die Gesellschaft bestand aus Kalutuna, Schanghu und Tatterat mit ihren drei Schlitten, aus Hans, mit der Marstonbüchse bewaffnet, und mir. Die Eingeborenen besaßen als Waffen nur ihre langen Messer und ihre Lanzen von See-Einhorn. Unsere ganze Ausrüstung war nichts weniger als schwerfällig: wir führten außer Walroßfleisch nichts mit als das, was wir auf dem Leibe trugen. Walroßfleisch und Speck waren in flachen Scheiben von Zolldicke und etwa so groß wie ein Folioband geschnitten. Nachdem sie gefroren waren, wurden sie unmittelbar auf die Querhölzer der Schlitten gelegt und bildeten so eine Art Boden. Büchse und Schlafsack wurden darauf gebunden, das Ganze mit einem weichgeriebenen Bärenfell überdeckt und mit Riemen von Walroßhaut verschnürt. Mit solcher Ausrüstung paßt der Schlitten wundervoll zu einer wilden Reise. Er kann umherschleudern wie er mag, aber er schlägt nicht um; die Kufen von Walfischknochen halten fest, selbst bei den härtesten Stößen gegen das Eis; das Fleisch, so steif wie ein Brett gefroren, dient dem Fahrer zum Sitz; die Hunde können es nicht erreichen; und hat man Appetit auf eine kalte Schnitte, so dreht man den Schlitten um und hackt das Fleisch zwischen den Querleisten heraus.

Eskimo-Schlittenzug

In lautem und wildem Chor von Menschen und Hunden jagten wir davon und kamen in etwa zwei Stunden, 15 englische Meilen von der Brigg entfernt, an einen hohen Eisberg. Von hier aus besichtigte ich das Eis vor uns; es war nicht sehr einladend, schien außerdem zerbrochen und verworfen. Dennoch gaben die Eskimos meinen Wünschen nach, den Uebergang zu versuchen; und bald befanden wir uns zwischen den Hummocks. Wir trabten neben dem Schlitten, überkletterten die Zacken und kamen so leidlich vorwärts. Etwa 30 englische Meilen vom Schiff machten wir halt. Schanghu kroch in eine Schneebank und schlief bei 30° Kälte; wir anderen schickten uns zu einem Imbiß an. Der Schlitten wurde umgedreht, und jeder war beschäftigt, sich etwas von dem gefrorenen rohen Fleisch loszuhacken, als der Eskimo Tatterat einen Freudenschrei ausstieß. Er hatte einen Talgklumpen entdeckt, den meine Leute heimlich zu meinem Privatgebrauch mit untergesteckt hatten. Augenblicklich drang sein Messer hinein, und als der innere Gehalt – die Stücke Leber und gekochtes Muskelfleisch – so einladend zum Vorschein kam, konnte auch Kalutuna der Versuchung nicht widerstehen, und beide schmausten die Leckerbissen wie ein Gourmand eine Trüffelpastete. Ich trat hinzu und nahm mir auch meinen Teil; der gute Hans aber war über das rücksichtslose Benehmen der beiden so entrüstet, daß er jede Teilnahme ausschlug. Trotzdem verschwand der zehnpfündige Klumpen in wenigen Minuten.

Nach der Mahlzeit brachen wir wieder auf. Alles wäre nach Wunsch verlaufen, hätten nicht die Bären mir mein ganzes Programm über den Haufen geworfen. Mit jedem Eisberg, den wir passierten, wurden die Spuren dieser Tiere zahlreicher; wir sahen auch ihre Lager im Schnee, wo sie auf Robben gelauert hatten. Hierdurch kamen die Hunde schon oft aus der Richtung; aber wir trieben sie vorwärts, bis wir die jenseitige Küste zu Gesicht bekamen und uns nicht sehr weit mehr von den Dreibrüdertürmen befanden. Von hier aus sah ich in der Richtung des Kennedykanals einen dunklen Streifen gelagert: es war der Wasserhimmel, das sicherste Zeichen, daß der Kanal auch jetzt offen sei. Nun begann ich natürlich um den Erfolg der Expedition zu bangen. Im selben Augenblick entdeckten die Hunde einen großen männlichen Bären, der eben eine Robbe verspeiste. Jetzt war für Hunde und Jäger kein Halten mehr; sie blieben taub für alles, was nicht die Bärenhetze betraf. Mit unglaublicher Schnelligkeit flogen sie dahin. Die Männer hingen sich an die Schlitten und trieben die Hunde zu rasender Eile an. Es war die leibhaftige wilde Jagd der Volkssage. Nach einem tollen Rennen wurde das Tier zum Stehen gebracht. Lanze und Büchse taten das übrige; und dann wurde zu allgemeinem Schmause das Lager aufgeschlagen. Die Hunde stopften sich voll, die Jäger nicht minder, den Rest des Wildes verbargen wir im Schnee. Ein zweiter Bär wurde bis zu einem großen Eisberg nördlich vom Kap Russel verfolgt, denn wir befanden uns jetzt in der Nähe des »großen Gletschers«. Aber die Hunde waren so überfressen, daß sie nicht weiter konnten, und mit ihren Herren stand es nicht viel besser. Eine Rast war unvermeidlich.

Eskimos im Kampf mit einem Eisbären

Am nächsten Morgen versuchte ich abermals, meine Freunde zur Fahrt gen Norden zu bewegen. Doch da die Bären auf der grönländischen Seite so zahlreich waren, hatten sie beschlossen, nach dem großen Gletscher einzulenken. Sie behaupteten mit völliger Sicherheit, daß sie an einem Fuße zwischen den Eisbergen viel Wild finden würden. Keine noch so dringenden Vorstellungen konnten sie bewegen, in der vereinbarten Richtung zu bleiben. Sie erklärten es für unmöglich, so hoch oben über den Kanal zu gehen. Kalutuna fügte bezeichnend hinzu, daß sie das Bärenfleisch durchaus nötig zum Unterhalt ihrer Familie brauchten, und daß der Nalegak kein Recht habe, sie an der Versorgung ihres Haushaltes zu hindern. Ich sah ein, daß ich die Besichtigung der Nordküste für dieses Mal aufgeben mußte. Ich wünschte mich baldigst zurück, um einen letzten Versuch mit Metek zu machen, ob er mir Hunde entweder leihen oder verkaufen wolle. Doch selbst dies ging nicht gleich; denn der ganze Tag wurde mit der Bärenjagd verbracht. Die Eskimos, so zügellos wie ihre Hunde, umfuhren die ganze Dallasbucht und machten endlich unter einer der Inseln unweit des Gletschers halt.

So unerwünscht mir die Verzögerung war, verschaffte sie mir doch den Genuß, den »großen Gletscher«, dies staunenswerte Eismonument, endlich einmal mit Muße betrachten zu können. Schon seit einigen Stunden hatte ich ihn über dem Eise wie eine weiße Nebelwolke hängen sehen; jetzt aber stieg er in klaren Umrissen und fast senkrecht vor mir in die Höhe. Der ganze vorher so undeutliche und verschwommene Horizont war von langen Reihen Eisbergen unterbrochen, und wenn die Hunde, von dem Geschrei ihrer wilden Treiber gehetzt, dahinrasten und sich tiefer und tiefer in dem Eislabyrinth verloren, so schien es, als wollten die Schranken einer Eiswelt uns enger und enger einschließen. Endlich hielten meine Gefährten. Und während sie ruhten und abfütterten, hatte ich Zeit, einen der höchsten Eisberge zu erklimmen. Die Atmosphäre war günstig: die blauen Kuppen von Washingtons Land waren in voller Sicht, und das schöne Kap John Barrow verlor sich in einer dunklen Wasserwolke.

Später bogen wir nach der kleinen Gruppe felsiger Inselchen ein, die dicht am Fuß des Gletschers liegen. Von solch einer Insel, der nächsten am Gletscher, die noch mit einiger Sicherheit betreten werden konnte, sah ich in noch größerer Nähe eine andere umfangreiche Insel, die von der hereinhängenden Gletschermasse bereits halb begraben war, und noch immer lösten sich große Eismassen ab und stürzten zersplitternd herunter. Ruhe war nicht der Charakter dieser anscheinend soliden Masse sondern alles zeigte Leben, Bewegung und Energie ... –

Als ich sah, daß die Jäger sich endlich wieder zusammengefunden, klappte ich mein Skizzenbuch zu und begab mich zu ihnen. Wir gruben uns in einer Schneewehe eine Höhle, legten uns mit den Hunden hinein, wärmten uns gegenseitig und schliefen recht behaglich. Zwar stürzte die Höhle über Nacht ein, doch wir waren so müde, daß wir darüber gar nicht aufwachten. Am folgenden Tage begann die Jagd längs des Gletschers und meine Ungeduld von neuem. Daher gereichte es mir wirklich zur Freude, als Kalutuna meinem wiederholten Zureden endlich nachgab und sein Gespann nach dem Eisgürtel der südöstlichen Küste umlenkte. Die Stelle, an der wir landeten, nannte ich Kap Kent. Es war ein hochragendes Vorgebirge, der Eisgürtel an seiner Basis übersät von herabgestürzten Felsbrocken. Als ich diesen Eisgürtel entlang sah, der in weiter Ferne kein Ende erkennen ließ, wie er mit Millionen Tonnen von Trümmern aller Art beladen war: Grünstein und Kalkstein und Chloritschiefer, rund und eckig, massig und zerkleinert – da fiel es mir erst recht deutlich auf, wie ungeheuer die Verflößung von Felstrümmern auf Treibeis ist, die in der Geologie eine so große Rolle spielt. Weit unten im Süden – in den gefrorenen Gewässern der Marschallbucht – hatte ich die durch den Frost aufgehaltenen Bruchstücke des vorjährigen Eisgürtels gesehen, jedes noch mit seiner schweren Last fremden Materials beladen.

In der südöstlichen Ecke der Dallasbucht, wo einige niedrige Inseln an der Mündung des Fjords etwas Schutz gegen die Nordwinde gewähren, fanden wir Ueberbleibsel eskimoischer Bauwerke: Hütten, Steinkegel und Gräber. Obgleich sie offenbar längst verlassen waren, schienen meine Begleiter doch alle Einzelheiten recht gut zu kennen. Denn sie unterbrachen ihre Jagd zwischen den Eisbergen, um einen Blick auf diese Denkmäler einer dahingeschwundenen Generation ihrer Väter zu werfen. Es waren fünf Hütten mit zwei Steinpostamenten zum Darauflegen von Fleisch, und einem der seltsamen kleinen Käfige, die als Schlafstellen dienen, wenn die Hütte überfüllt ist. Die Gräber lagen höher am Fjord hinauf. Von dem einen nahm ich ein Messer aus Knochen, fand aber keine Spur von Eisen. Die Hütten standen hoch über Wasser auf einer terrassenförmigen Berglehne. Der Eisgürtel unterhalb war alt, besaß keine Anzeichen von Zerstörung und mußte in diesem Zustand schon viele Jahre gewesen sein. Ebenso alt erschien die Eisdecke der Bucht. Und dennoch lagen um diese alten Wohnstätten Knochen von Robben und Walrossen umher, auch der Rückenwirbel eines Walfisches fand sich. Also mußte hier vor langen, langen Jahren offenes Wasser und ein Jagdrevier gewesen sein; jedenfalls hatten die Hütten damals dicht am Wasser gestanden. » Una suna nuna?« – Was für ein Land ist dies? fragte ich Kalutuna. Seine Antwort war lang, aber ich verstand sie nicht. Unser Dolmetscher sagte mir, daß der Ort noch immer »die bewohnte Stelle« heiße, und daß die Erzählung noch unter ihnen lebendig sei, wie einst Familien hier am offenen Wasser gehaust und Moschusochsen die Hügel bewohnt hätten.

Wir folgten dem Eisgürtel und schnitten nur die Buchten ab. Am nächsten Tage langten wir wieder auf der Brigg an.

Die ganze Reise hatte aus einer fast ununterbrochenen Folge sich immer gleichbleibender Bärenjagden bestanden. Sie waren stets interessant als charakteristischer Zug dieses rohen Volkes, obgleich sie für mich den Reiz der Neuheit verloren hatten.

Die Hunde werden sorgfältig darauf abgerichtet, daß sie sich mit den Bären in keinen Kampf einlassen, sondern nur seine Flucht aufhalten. Während der eine von vorn die Aufmerksamkeit des Bären auf sich zieht, fällt ihn der andere von hinten an. Und da sie beständig auf der Hut sind und einer den andern schützt, so geschieht es selten, daß sie ernstlich zu Schaden kommen oder daß es ihnen mißlingt, das Tier so lange aufzuhalten, bis die Jäger herankommen.

Eskimohütte

Nehmen wir an, ein Bär soll am Fuß eines Eisberges aufgespürt werden. Der Eskimo prüft die Spur sorgfältig und scharfsinnig. Er erkennt, wie alt sie ist, wo sie hinführt, und wieviel oder wie wenig Eile das Tier hatte, als es hier vorbeizog. Dann setzt er die Hunde auf die Fährte und trabt mit ihnen schweigend über das Eis hin. Um eine Ecke biegend, bekommen sie den Bären zu Gesicht, der wahrscheinlich gemächlich dahintrottet und nur zuweilen mißtrauisch in der Luft schnüffelt. Die Hunde brechen in ein wölfisches Geheul aus und springen an; der Jäger schreit »Nannuk, nannuk!« und alle Sehnen straffen sich zu wilder Verfolgung. Der Bär erhebt sich auf den Hinterbeinen, mustert seine Verfolger und stürmt in wilder Flucht davon. Der Jäger stemmt sich während des Laufens auf seinen Schlitten, erfaßt die Leinen von ein paar Hunden und macht sie los. Alles ist das Werk einer Minute. Die Hetzjagd wird nicht unterbrochen. Die übrigen Zughunde stürmen mit anscheinender Leichtigkeit vorwärts. Jetzt – schon scharf bedrängt, gewinnt der Bär einen Eisberg und stellt sich; die beiden Verfolger halten auf kurze Entfernung von ihm und erwarten ruhig die Ankunft des Jägers. In diesem Moment wird der ganze übrige Zug losgelassen, der Jäger erfaßt seine Lanze, stolpert über Schnee und Eis vorwärts und macht sich zum Angriff bereit.

Handelt es sich um zwei Jäger, dann wird der Bär mit Leichtigkeit erlegt; der eine macht eine Finte, als wollte er ihm den Speer in die Seite stoßen, das Tier wirft seine Tatzen nach der bedrohten Flanke, läßt dadurch die linke Seite ungedeckt und empfängt hier die Todeswunde. Doch auch ein einzelner Jäger zaudert nicht. Die Lanze fest mit den Händen gepackt, reizt er das Tier zur Verfolgung, indem er ihm rasch über den Weg springt und sich den Anschein gibt, als wolle er fliehen. Kaum aber hat das schwerfällige riesige Tier sich in dieselbe Richtung eingestellt, so springt der Jäger mit blitzschnellem Satz nach seiner früheren Stelle zurück. Der Bär will sich nun abermals wenden, aber noch während er diese Bewegung ausführt, fährt ihm die Lanze unter der linken Schulter in die Seite. Zu diesem Stoß gehört soviel Geschicklichkeit, daß ein ungeübter Jäger oft die Lanze stecken lassen und um sein Leben laufen muß. Aber selbst dann wird es einem geschickten und kaltblütigen Manne, mit guter Unterstützung durch die Hunde, selten mißlingen, den Bären schließlich zu erlegen.

Die Eskimos der Etabucht tragen aus diesen Kämpfen manche Wunde davon. Von sieben Jägern, die im Dezember die Brigg besuchten, hatten nicht weniger als fünf Zahnspuren des Bären aufzuweisen. Das Tier soll hier oben wilder sein als weiter südlich. Es braucht seine Zähne nicht häufiger, als allgemein angenommen wird. Der erstickenden Umarmung und des Boxens – Gewohnheiten des braunen und grauen Bären – bedient sich der weiße nur unter ganz besonderen Umständen. Während er über seine Eisfelder wandert, erhebt er sich auf die Hinterbeine, um bessere Fernsicht zu haben. In dieser Stellung sah ich ihn oft mit den Vordertatzen in der Luft herumschlagen, als wolle er sich für einen bevorstehenden Kampf einüben. Aber nur wenn er völlig umstellt ist oder wenn eine Mutter ihr Junges zu verteidigen hat, ficht der Polarbär auf den Hacken sitzend ... –

Voll bepackt mit Holz und anderen Geschenken, verließen die Eskimojäger nach einer Tagesrast das Schiff. Sie versprachen, Metek womöglich zu veranlassen, daß er mit seinen vier Hunden heraufkomme. Sie selbst willigten ein, mir von jedem Zuge einen Hund zu leihen. Ich empfand es als Genugtuung, daß ich diesen anfangs so mißtrauischen Leuten jetzt in anderem Licht erschien. Ohne einen Schatten von Zweifel in meine Ehrlichkeit zu setzen, ließen sie mir jeder seinen Hund zurück und baten nur, auf die Pfoten der armen Tiere zu achten, da die Hungersnot sie um fast alle Hunde gebracht habe ... –

Der Mai war nun herangekommen. Metek – weniger vertrauensvoll, weil weniger vertrauenswert als Kalutuna – kam nicht mit den Hunden; und unser eigener abgetriebener Zug wurde fast täglich gebraucht, um Lebensmittel von Eta zu holen. Alles mahnte mich, daß es bald Zeit sei, das Schiff zu verlassen und unser Schicksal den Eisfeldern anzuvertrauen. Unsere Vorbereitungen waren gut gefördert und die Leute soweit wieder gesundet, daß alle, mit Ausnahme von dreien oder vieren, mit Hand anlegen konnten.

Aber ich konnte mich nicht entschließen, die Gegend zu verlassen, ohne noch einen letzten Versuch unternommen zu haben, die jenseitigen Küsten des Kanals zu erreichen. Durch unsere Verbindung mit den Eskimos und ein paar eigene gute Jagderfolge waren wir für wenigstens eine Woche mit Lebensmitteln versehen. Ich sprach mit den Offizieren, verteilte die Arbeiten, die während meiner Abwesenheit erledigt werden sollten, und fuhr mit Morton noch einmal los. Wir hatten einen leichten Schlitten mit unseren und zwei von den geliehenen Hunden bespannt, wir selbst gingen zu Fuß. Tapfer erkämpften wir uns unsern Weg durch das Eis, hatten Fährlichkeiten bei Tage und bei Nacht. Doch außer einer Reihe von Beobachtungen, durch die wir unsere Karten berichtigen und vervollständigen konnten, erzielten wir kein weiteres Resultat. Wir fanden endlich unsern Weg zum Schiff zurück – Morton aufs neue zusammengebrochen, und ich gerade noch fähig, unsere schließliche Abreise zu überwachen.

Die Aufsuchungsarbeiten waren hiermit geschlossen.

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