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Die Todesfahrt der »Advance« im ewigen Eise

: Die Todesfahrt der »Advance« im ewigen Eise - Kapitel 16
Quellenangabe
typetravel
authorE. K. Kane
titleDie Todesfahrt der »Advance« im ewigen Eise
publisherLeipziger Graphische Werke AG
seriesSammlung interessanter Entdeckungsreisen
volume4
editorOtfried von Haustein
year1928
translatorHanns Reska (Bearb)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060202
projectid989bc990
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Not und Verzweiflung

Das Märztagebuch war wieder eine Leidenschronik. Der allgemeine Gesundheitszustand wurde zusehends schlechter. Der größte Teil der Mannschaft lag, unfähig sich zu rühren, zu Bett. In dieser Lage zeigten sich manch individuelle Charakterzüge. Einige zeigten sich ungemein dankbar für die kleinste Dienstleistung, andere ergingen sich in Klagen, die einen wollten schier verzagen, und den anderen wiederum fehlten nur die Kräfte, um aufsässig zu werden. Brooks, der eisenfeste Mann, weinte wie ein Kind, als er sich im Spiegel beschaute.

Sonntag am 4. März wurden die letzten Bissen frisches Fleisch verteilt; die Kräfte der Kranken schwanden rasch, und die Wunden der Amputierten brachen von neuem auf. Die Umgebung des Hafens lieferte nicht einmal mehr die bisherigen spärlichen Zuschüsse an Wild. Einer der Jäger, Petersen, überhaupt kein sehr zuverlässiger Mann, erklärte sich für dienstunfähig. Hans war das Glück untreu geworden. Wohl hatte er wiederholt weite Streifen unternommen und auch zweimal Renntiere gespürt; doch das erstemal waren sie außer Schußweite, das andere Mal versagte sein Gewehr. Es half nichts, daß ich alles mögliche zusammenbraute, was als Stärkungsmittel dienen konnte – Leinsamen und Kalkwasser, Chinin und Weidenstengel – und es unter dem Namen »Bier« ausbot: es wurde stündlich klarer, daß unsere Tage gezählt waren, wenn wir nicht frisches Fleisch bekommen. Nur ich wurde wunderbar aufrecht erhalten. Ich zweifelte keinen Augenblick, daß uns die Vorsehung aus diesem Jammer erlösen würde, wenn ich auch das »Wie« nicht vorauszuahnen vermochte.

Am 6. kam ich zu dem verzweifelten Entschluß, unsern einzigen zuverlässigen und dienstfähigen Jäger mit einem Schlitten zur Aufsuchung der Eskimos von Eta auszusenden. Er nahm unsere zwei letzten noch lebenden Hunde und den leichtesten Schlitten mit sich. Der Polartag hatte begonnen; der Eisweg hatte sich mit der Zeit gebessert, und die Kälte war wohl noch stark, hatte jedoch immerhin schon nachgelassen. Er sollte das erste Nachtlager in Anoatok halten; und wenn alles gut ging, konnte er die folgende Nacht in Eta und drei bis vier Tage später wieder bei uns sein. Keine Sprache vermag es auszudrücken, mit welcher Angst unsere Kranken auf seine Rückkehr warteten. Ich hatte ihn angewiesen, wenn er bei den Eskimos kein Fleisch fände, ihre Hunde zu borgen und in der Bucht auf Bären zu pürschen.

Am 10. kam Hans wieder. Er hatte am zweiten Abend glücklich die Etabucht erreicht und war dort mit freudigem Willkommen empfangen worden. Aber über die sorglos glücklichen Bewohner war eine böse Zeit hereingebrochen. Anstatt der runden, fettglänzenden Gesichter umringten ihn lauter Jammergestalten. Die Züge der Männer waren hart und knochig, und die Kinder lagen in den Kapuzen ihrer Mütter welk und faltig. Hungersnot herrschte unter ihnen. Die Haut eines kürzlich gefangenen jungen See-Einhorns war alles Eßbare, das sie besaßen. Es war die alte Geschichte von der Unvorsorglichkeit und ihren traurigen Folgen. Selbst ihre Speckvorräte hatten sie verzehrt und saßen nun traurig in Kälte und Finsternis in Erwartung der Sonne. Sogar ihre letzte Stütze, die Hunde, waren ihrem Hunger zum Opfer gefallen; von 30 Stück besaßen sie nur noch vier, die übrigen waren verzehrt worden.

Hans führte meine Aufträge vollständig und mit Geschick aus. Er schlug vor, ihnen bei der Walroßjagd zu helfen. Anfangs lächelten sie dazu verächtlich wie echte Indianer. Als sie aber meine Marston-Büchse sahen, die Hans mithatte, änderten sie ihren Ton. Wenn die See, wie damals, völlig überfroren ist, so kann das Walroß nur in seinen Luftlöchern oder zufälligen Eisspalten harpuniert werden. Diese Jagd ist schwierig, und oft geht die Harpune und Wurfleine bei dem Umsichschlagen des Tieres verloren, wie es unseren Eskimos erst am Tage vor Hansens Ankunft ergangen. Unter diesen Verhältnissen ließen sie sich leicht überreden, Hansens Begleitung anzunehmen und zu sehen, was die Spitzkugel auf das harpunierte Walroß für Wirkung tut. Das Ergebnis der Jagd war, daß Metek (die Eiderente) ein mittelgroßes Tier harpunierte, dem Hans nicht weniger als fünf Büchsenkugeln geben mußte, um es zur Ruhe zu bringen. Im Triumph wurde es heimgeschleppt, und alle aßen, als ob sie nie wieder hungrig werden wollten. Es war ein regelrechtes Festgelage, und das Interesse für die weißen Männer stieg bis in die Wolken.

Ich hatte Hans angewiesen, womöglich den Burschen Meiuk als Jagdgehilfen zu verpflichten, und nach dem soeben erzielten Erfolge nahmen die Eskimos diese Aufforderung als eine große Gunst an. Hans brachte demgemäß den Meiuk und ein Stück Fleisch als Beuteanteil mit. Dieser arme Bursche mit noch ganz kindlichem Gesicht war doch schon ein vollendeter Jäger. In seiner neuen Stellung fühlte er sich vollkommen glücklich, war jedoch so ausgehungert, daß seine Auffütterung ein schwieriges Werk schien.

Die Kranken waren bereits derart entkräftet, daß einige von ihnen das frische rohe Fleisch gar nicht mehr vertragen konnten und lediglich durch Brühe aufrecht erhalten werden mußten.

Unsere zwei Eskimojäger machten am 13. März ihren ersten gemeinsamen Ausflug bis nach Anoatok hin, nachdem Hans zuvor ein neues Wurfgeschoß aus Renntiergeweih angefertigt hatte. Am dritten Tage kehrten beide unverrichteterdinge zurück. Sie hatten weit und breit nichts als Eis angetroffen, in dem sich nicht eine einzige Spalte befand. Es schien also, als werde man den Lebensunterhalt im fernen Süden suchen müssen. Zahlreiche Bärenfährten die sie antrafen, gaben wenigstens noch einige Hoffnung ... –

Ich hatte eben Vorbereitungen getroffen, Hans abermals nach Eta zu senden, als ein verdrießlicher Zwischenfall eintrat. Unter der Mannschaft befanden sich ein paar schlechte, aber verwegene, energische und kräftige Kerle. Sie hatten mir schon Ungelegenheiten bereitet, bevor wir noch die grönländische Küste erreicht hatten, und jetzt mußte ich sie beständig im Auge behalten. Denn unzweifelhaft planten sie irgend etwas; wahrscheinlich eine Flucht nach den Ansiedlungen der Eskimos. Sie stellten sich am Morgen krank, um, wie ich erlauschen konnte, vor ihrem Aufbruch gründlich auszuruhen. Hansens Abreise mit dem Hundeschlitten käme ihnen gerade sehr passend, denn so könnten sie ihm auflauern und alles abnehmen, was sie zu ihrem Fortkommen brauchten ; möglicherweise ihn selbst zum Mitgehen zwingen. Ich mußte gegen diese Leute sehr vorsichtig auftreten und zu meinen sonstigen Obliegenheiten noch das üble Geschäft eines Polizeispions gesellen. Denn bisher hatten sie keine strafbare Handlung verübt, außerdem wollte ich den anderen das Geheimnis vorenthalten, um die Kranken nicht seelisch noch mehr niederzudrücken durch Enthüllung eines Planes, der im Falle seines Gelingens uns allen hätte verderblich werden können.

Am 19. gegen Mittag fuhr Hans ab, und mein Verdacht gegen John und Bill fand sich völlig bestätigt. Den ganzen Morgen strebten sie unaufhörlich danach, miteinander zusammenzukommen, was ich ebenso entschieden und in einer Art verhinderte, daß sie nicht einmal Verdacht schöpften. Ihre Ungeduld und ihre kleinen Listen, um ein Wort im Vertrauen wechseln zu können, waren wirklich belustigend. Ich glaubte schon, die Gefahr sei vorüber, als mir Stephenson am andern Morgen eine von Bill erlauschte Aeußerung hinterbrachte, wonach dieser ganz bestimmt im Laufe des Tages das Schiff verlassen werde. John sei inzwischen wirklich lahm geworden und könne nicht daran denken, ihn zu begleiten. Jetzt war keine Zeit zu verlieren. Bill wurde um 6 Uhr früh geweckt und erhielt Befehl, das Frühstück zu kochen. Inzwischen beobachtete ich ihn. Anfangs schien er unruhig und hatte mit John mancherlei zu flüstern, zuletzt wurde er unbefangener und kochte und servierte das Frühstück. Ich war überzeugt, daß er sich mit John draußen treffen wolle und daß dann einer oder beide entwischen würden. Daher zog ich meinen Pelz an, versah mich mit einer Waffe, unterrichtete Bonsall und Morton von der Angelegenheit und kroch durch den engen Eingang in den Schiffsraum hinaus, wo ich mich verbarg. Nach etwa einer halben Stunde kam John hinkend und brummend gleichfalls herausgekrochen. Er sah sich verstohlen um, atmete erleichtert auf und kletterte dann die wackligen Stufen auf Deck hinauf; seine Lahmheit schien völlig verschwunden. Innerhalb zehn Minuten kam auch Bill – reisefertig in Stiefeln und Pelz – aus dem Tunnel gekrochen. Ich trat ihm entgegen und befahl ihm, sofort in die Kajüte zurückzukriechen. Morton wurde auf Deck geschickt, um den anderen herbeizuholen, und Bonsall in den Tunnel gesandt, um niemanden herauszulassen. Nach wenigen Minuten kam John – jetzt noch lahmer als zuvor – zurückgekrochen. Ich erzählte nun vor der ganzen Mannschaft den Zusammenhang der Angelegenheit und die Pläne der beiden. Bill gestand zuerst und empfing auf der Stelle seine Strafe. Da die Umstände eine Haft nicht gestatteten, so hielt ich es für das beste, ihm die Handschellen ab- und sein Besserungsversprechen für wahr anzunehmen. Ich schickte ihn wieder an die Arbeit, er floß vor Dankbarkeit über. Und in kaum einer Stunde, während ich mich auf der Jagd befand, war er auf und davon. John blieb scharf bewacht zurück, und seine Reue schien aufrichtig.

William Godfreys Desertion war ein böser Fall. Denn wahrscheinlich würde er versuchen, sich Hansens Schlitten, Büchse und Hunde anzueignen. Ohne die Hunde aber bestand keine Möglichkeit, Robben und Bären zu jagen. Damit war alle Hoffnung verloren, die Kranken soweit auf die Beine zu bringen, daß man versuchen konnte, in Booten nach dem Süden zu entkommen.

Am 19. März hatte Petersen fünf Schneehühner geschossen, eine wahre Wohltat für unsere Patienten. Doch die Not stellte sich bald wieder ein, und so unternahmen die drei letzten, die noch nicht bettlägerig waren – nämlich Bonsall, Petersen und ich – am 23. einen Ausflug in die Nähe des Minturnflusses, wo sich Weideplätze für Renntiere befanden. Leider kamen wir ein paar Stunden zu spät und sahen nur an den umfangreichen Flecken aufgekratzten Schnees, wie zahlreich sie dagewesen waren. Ein paar Schneehühner und drei Hasen waren die ganze Beute des Tages. Die folgenden Tage erbeuteten wir noch einige weitere von ihnen zur großen Labe der Kranken.

Am 2. April signalisierte Bonsall einen Mann, der in einer englischen Meile Entfernung sich am Eisfluß lauschend umhertrieb. Ich glaubte, es sei der zurückkehrende Hans, und wir beide gingen ihm entgegen. Als wir näher kamen, sahen wir unsere Schlitten mit den Hunden neben ihm; der Mann aber wandte sich um und floh südwärts. Ich verfolgte ihn und ließ Bonsall hinter mir. Als der Mann, in dem ich den Deserteur Godfrey erkannte, mich allein nachkommen sah, kehrte er um und kam mir entgegen. Er sagte mir, daß er südlich bis zur Northumberlandinsel gelangt sei, daß Hans vor Anstrengung in Eta krank liege, daß er selbst sich entschlossen habe, umzukehren und sein Leben bei Kalutuna und den übrigen Eskimos zu beschließen, wovon weder Zureden noch Gewalt ihn abbringen werde. Mit der Pistole in der Hand zwang ich ihn, bis an den Aufgang zum Schiff zurückzugehen, weiter wollte er durchaus nicht. Ich ließ ihn unter Bonsalls Bewachung und ging an Bord, um Handschellen zu holen. Aber wir beide waren kaum fähig, uns zu bewegen, Petersen war auf der Jagd, und die übrigen dreizehn lagen krank darnieder. Kaum hatte ich das Deck erreicht, als Godfrey wieder davonlief. Bonsalls Pistole versagte, und ich stürzte nach dem Gewehrstande. Aber das erste Gewehr ging infolge der Kälte beim Aufziehen des Hahnes los, und mit dem zweiten in Eile abgeschossenen fehlte ich den Flüchtling, der entkam.

Das Wiederauftauchen dieses Menschen war mir rätselhaft. Hans war nun 14 Tage abwesend, während er die gleiche Reise sonst in acht Tagen zurücklegte. Sein Gespann befand sich in den Händen des Deserteurs, der sein Leben wagte, um nicht in unsere Gewalt zu fallen. Trotzdem aber war er freiwillig in die Nähe des Schiffes zurückgekehrt, mit Hunden und Schlitten und außerdem einem Vorrat von Walroßfleisch. Wollte er vielleicht seinen früheren Spießgesellen John abholen? – Auf alle Fälle kam uns Godfreys Fleischladung wie vom Himmel gesandt und tat uns vorzügliche Dienste.

Am 10. April machte ich mich mit einem von fünf Hunden gezogenen leichten Schlitten auf, um den noch immer fehlenden Hans zu suchen. Die Fahrt verlief sehr gut. Ich hatte in elf Stunden 64 englische Meilen bewältigt und befand mich eben unserm alten Zufluchtshafen gegenüber auf dem Eise, als ich weit ab von der Küste einen schwarzen Punkt bemerkte: es war ein lebendes Wesen, ein Mensch! Sofort wandte ich den Schlitten und trieb die Hunde zu rasender Eile an. Bald ließ sich der gemessene Robbenjägerschritt Hansens nicht mehr verkennen. Er änderte ihn kaum, als wir uns näher kamen. Eine Viertelstunde später schüttelten wir uns die Hände und tauschten in einem Gemisch von Eskimo und Englisch unsere Neuigkeiten aus.

Der arme Junge war wirklich krank gewesen. Nach einem fünftägigen Leidenslager mit heftigen Gliederschmerzen war er, wie er sagte, noch »ein wenig schwach«, was bei ihm freilich soviel hieß als »sehr herunter«. Ich lud ihn auf den Schlitten und fuhr mit ihm nach Anoatok, wo wir uns an heißem Tee und einem Stück von ihm mitgebrachter Walroßleber erlabten.

Hans und Meiuk waren zwei Tage nach ihrer Abreise vom Schiff in Eta angekommen und hatten alsbald mit der Jagd begonnen. Während fünf Tagen waghalsiger Eisfahrten erlegte er zwei schöne junge Walrosse, seine drei Begleiter nur drei. Seine Büchse gab ihm einen großen Vorteil, doch die ihm mitgegebenen Leinen taugten wenig, und einmal rissen sie, nachdem er ein großes weibliches Tier harpuniert. Während der Krankheit, die diesen langen Anstrengungen folgte, war er von einer jungen Tochter Schungu's sorgsam gepflegt worden. Ihr Mitgefühl und ihr Lächeln schien auf sein Herz einen Eindruck gemacht zu haben, der geeignet schien, eine gewisse Schönheit bei Uppernavik in lebhafte Unruhe zu versetzen.

Hans legte einen Teil seiner Jagdbeute auf der Littletoninsel ins Versteck, nachdem er seine Ladung durch Godfrey nach der Brigg gesandt hatte. Wie ich sah, hatte er die Pläne dieses Mannes bald durchschaut. Godfrey war tatsächlich in ihn gedrungen, gemeinsam nach dem Süden zu gehen und den Schlittenzug mitzunehmen. Auf Hansens Weigerung suchte er wenigstens dessen Gewehr an sich zu bringen, was natürlich leicht verhindert wurde. Endlich willigte er ein, das Fleisch nach dem Schiff zu schaffen, entweder in der Absicht, sich mit mir ins reine zu setzen oder sich einen Gefährten zu beschaffen. Als ihm dies fehlschlug, war er ein zweites Mal nach Eta geflüchtet. Dort hätte ich ihn gern gelassen, denn so gesund und stark er war, ging nach seiner Entfernung von der »Advance« dort alles besser und reibungsloser. Aber das böse Beispiel war ansteckend, und so beschloß ich, ihn auf alle Fälle zurückzuschaffen.

Phantastische Eisbergformation

Schon vor Eintritt des Winters hatte ich den Plan gefaßt, im zeitigen Frühjahr noch eine Rundreise im Kennedykanal zu unternehmen. Doch nahmen mich die Mißgeschicke des Winters so vollständig in Anspruch, daß dieser Gedanke in den Hintergrund trat. Doch tauchte er immer wieder auf, und ich war nun entschlossen, die Expedition allein mit unseren vier übriggebliebenen Hunden zu unternehmen und wegen des Proviants mich auf mein Gewehr zu verlassen. Die Brigg war nun mal nicht mehr zu retten, da sie schon durch das Verbrennen des Holz- und Takelwerks im Winter ihre Seetüchtigkeit eingebüßt hatte. Um aber mit den drei Booten über das Eis zu gehen und das offene Wasser zu gewinnen, mußten wir mindestens noch einen Monat auf die Vorbereitungen verwenden und die Kranken sich mehr erholen lassen. Diese Zwischenzeit gedachte ich zu dem beschlossenen Ausflug zu verwenden. Vorher aber wollte ich noch eins versuchen: Die Eskimos waren von der Northumberlandinsel nach Kap Alexander zurückgekehrt, wo jetzt die besseren Jagdgebiete lagen. Kalutuna, der beste und vorsorglichste Mann unter den Eskimos, hatte sieben Hunde durch den Winter gebracht. Ich hatte nun Hans beauftragt, mit ihm wegen vier dieser Hunde zu unterhandeln, sei es zu Kauf oder leihweise, und ihm dafür meine sämtlichen Hunde bei meiner Abreise zusagen lassen.

Hans kehrte endlich von seiner Gesandtschaftsreise zurück, mit Kaninchen, Walroßleber und Fleisch beladen – eine willkommene Gabe für Leute, die bereits seit acht Tagen keinen Bissen frisches Fleisch gesehen. Er brachte auch Metek und dessen Neffen mit, einen hübschen, vierzehnjährigen Burschen. Der große Metek hatte kurz vor Abschluß unsers Vertrags einmal eine Seitenwand von unserm roten Boot gestohlen, und sein jetziger Besuch mit einer respektablen Schlittenladung Fleisch sollte augenscheinlich diese Scharte auswetzen. Die Verhandlungen Hansens mit Kalutuna wegen dessen Hunden hatten jedoch keinen Erfolg gehabt. Ich sah, daß ich selbst nach Eta und möglicherweise nach Peteravik gehen und meine eigene Redekunst versuchen mußte, wollte ich meinen Reiseplan nicht aufgeben. Gleichzeitig hörte ich von Hans, daß Godfrey in Eta den großen Herrn spiele und sich nicht wolle einfangen lassen; und ich hatte von dem Einfluß dieses Mannes auf die Wilden nichts Gutes zu erwarten. Ich begann mit einer Kriegslist: ich legte ein paar Fußsäcke auf Meteks Schlitten, untersuchte meine sechsläufige Pistole und erklärte, daß ich mit nach Eta fahren würde. Sein Neffe blieb unter Hansens Obhut auf dem Schiff. Als wir unsere 80 Meilen zurückgelegt und in die Nähe der Niederlassung gekommen waren, hüllte ich mich so dicht in meine Kapuze, daß ich zur Not für den Knaben Paulik gelten konnte. Die Einwohner kamen heraus, um ihren Häuptling zu bewillkommnen. Unter den ersten war der, auf den ich es abgesehen hatte, und er schrie sein Timal wie der beste Wilde. Eine Sekunde später war ich an seinem Ohr, mit einem kurzen Gruß und bezeichnender Handbewegung. Er fügte sich sofort. Und nachdem er – mit einer kurzen Zwischenrast in Anoatok – seine 80 Meilen vor dem Schlitten hergegangen und getrabt, war er wieder Gefangener an Bord.

Auch meine sonstigen Unternehmungen führten zu gutem Erfolge.

Eta liegt in der nordöstlichen Biegung der Hartstenebucht. Ihm gegenüber liegt Peteravik, wo sich jetzt Kalutuna mit seinen halbverhungerten Leuten aufhielt. Auf der reinen Fläche einer Schneelehne, die in einem Winkel von 45° an einem steilen Berge liegt, bemerkt man zwei schmutzige Flecke. Kommt man näher, dann sieht man, daß diese Flecke Löcher im Schnee sind. Und in noch größerer Nähe entdeckt man über jedem Loch noch ein kleineres und eine Verdachung zwischen beiden. Dies sind die Türen und Fenster von Eta, zwei Hütten und vier Familien, bis auf die Luftlöcher völlig im Schnee vergraben. Als ich näher kam, umschwärmten mich die Einwohner mit ihrem »Nalegak! Nalegak! Tima!« (Kapitän, Kapitän, willkommen!) in lautem Chor. Niemals schienen Leute über einen unverhofften Besuch so erfreut und so bestrebt, ihm gefällig zu sein. Doch da sie luftig gekleidet waren und ein kühler Nordost blies, so krochen sie schleunigst wieder in ihren Ameisenhaufen zurück. Nachdem innen die Vorbereitungen zur Aufnahme getroffen waren, folgte ich ihnen mit Metek durch einen ungewöhnlich langen Kriechtunnel von 30 Schritt. Als ich innen auftauchte, erscholl ein neues Gebrüll des Willkommens.

Es waren schon vor mir Gäste angekommen: sechs stämmige Bewohner der benachbarten Niederlassung, die auf der Jagd vom Sturm überfallen worden waren und jetzt auf dem Ehrenplatz, der Mittelbank, hockten. Sie stimmten in die lauten Begrüßungsrufe mit ein, und bald atmete ich den ammoniakartigen Dunst von 14 starken, wohlgenährten, ungewaschenen, unbekleideten Hausgenossen. Solch einen Klumpen zusammengepferchter Menschen kann man nirgends mehr antreffen: Männer, Weiber, Kinder, mit nichts als ihrem nationalen Schmutz bekleidet, krabbelten durcheinander wie die Würmer in einer Fischreuse. Der innere Raum war nur 15 Fuß lang und sechs Fuß breit. Der erhöhte Platz, auf dem 13 Personen aufgestapelt waren, hatte sieben Fuß Breite und sechs Fuß Tiefe. In dem Raum herrschte eine Hitze von 90°!

Die Speckflamme jeder Hausmutter brannte mit einer 16 Zoll langen Flamme. Das Vorderviertel eines Walrosses, das gefroren auf dem Fußboden lag, wurde in Streifen geschnitten. Und bald begannen die Kochkessel, deren jeder 10-15 Pfund Fleisch faßte, zu dampfen. Metek, dem gelegentlich einige der Schläfer halfen, leerte sie rein aus. Mich hatte man herzlich zur Teilnahme eingeladen, doch hatte ich zuviel von der Kochkunst gesehen, um mich überwinden zu können. Ich genoß eine Handvoll geforener Lebernüsse, entkleidete mich wie die Uebrigen, da mir ein mächtiger Schweiß ausbrach, warf meinen müden Körper über die Beine der Frau Aningna (Eidergans), legte ihr Kleines unter meine Achselgrube, meinen Kopf auf Meiuks etwas zu warmen Magen, und schlief so als geehrter Gast auf dem Ehrenplatze ein.

Als ich andern Tags wieder erwachte, stand die Sonne fast schon in Mittagshöhe. Frau Eidergans hatte mein Frühstück sehr einladend hergerichtet: ein Klumpen gekochter Speck und eine ausgesuchte Schnitte Fleisch, zusammen an das Ende eines gekrümmten Knochenstücks gespießt. Die Zubereitungen hatte ich nicht gesehen, dränge mich als erfahrener Reisender überhaupt nie in Küchengeheimnisse. Mein Appetit war, wie gewöhnlich, in bester Verfassung, und schon wollte ich das lockende Präsent erfassen, als ich sah, wie die Dame Aningna am andern Kochfeuer mit einem ganz ähnlichen Knochen, der ein allgemein übliches eskimoisches Küchengerät ist, sich gemütlich am Leibe kratzte, dann gleich damit wieder in einen Kochtopf fuhr und ein dampfendes Fleischstück herausholte. Hierbei verging mir aller Appetit.

Ich blieb einige Zeit in Eta, untersuchte den Gletscher, machte Skizzen und sah einige alte Bekannte. Die Leute haben hier einen sonderbaren Brauch, der sich übrigens auch bei einigen asiatischen Völkerschaften wiederfindet: ich meine die regelrechten Förmlichkeiten bei der Trauer um ihre Toten. Hier wird systematisch geweint. Wenn einer anfängt, wird erwartet, daß alle einstimmen, und es ist Pflicht der Höflichkeit für die Vornehmsten der Gesellschaft, den Hauptleidtragenden die Augen zu wischen. Oft versammeln sie sich auf Bestellung zu einem großen gemeinschaftlichen Weinen, und zuweilen kommt es vor, daß einer in Tränen ausbricht und die anderen aus Höflichkeit seinem Beispiel folgen, ohne gleich zu wissen, um wen oder was es sich handelt. Denn nicht Todesfälle allein werden so zeremoniös betrauert, jeder andere Unfall kann dazu Anlaß geben, wie: das Mißlingen einer Jagd, das Reißen einer Walroßleine, der Tod eines Hundes. Frau Eidergans geborene Schmalbauch (Iguck) sah einmal von ihrem Kochtopf her nach mir und ließ einen sanften Tränenregen los. Ich kannte die Ursache ihres Schmerzes nicht. Aber mit aller Geistesgegenwart zog ich mein Schnupftuch, wischte ihr höflich die Augen und weinte selbst ein paar Tränen. Dies kleine Intermezzo war bald vorüber. Frau Eidergans ging wieder an ihren Kochtopf und der »Nalegak« an sein Notizbuch.

Neben den gewöhnlichen Trauerzeremonien kommen zuweilen, wenn auch nicht immer, Gebräuche ernsteren Charakters vor. Soweit ich mich unterrichten konnte, erstrecken sich die religiösen Begriffe der Eskimos nur bis zur Anerkennung übernatürlicher Wesen, die durch gewisse feierliche Handlungen versöhnt werden müssen. Der Priester und Zauberer (Angekok) des Stammes ist der allgemeine Ratgeber. Er bespricht Krankheiten und Wunden, leitet die Polizei und die Unternehmungen des kleinen Staates und ist, wenn auch nicht dem Namen nach, der Häuptling, so doch in der Tat die Macht hinter dem Throne. Er hat das Recht, Schmerzensopfer anzuordnen, die mitunter sehr drückend sein können. So kann dem verwitweten Gatten befohlen werden, sich der Robben- und Walroßjagd ein Jahr lang zu enthalten. Oefter wird ihm die Enthaltsamkeit von einer beliebten Speise, etwa Kaninchen oder ein Lieblingsstück vom Walroß, geboten, oder man erlegt ihm auf, die Kapuze zurückzuschlagen und unbedeckten Hauptes zu gehen. Eine Schwester Kalutunas starb plötzlich in Peteravik. Ihr Körper wurde in Felle genäht, nicht in sitzender Haltung, sondern langgestreckt. Ihr Gatte trug sie ohne Hilfe nach ihrem Ruheplatz und bedeckte sie, Stein zu Stein fügend, mit einem rohen Kegel. Solange das Leichenbegängnis dauerte, wurde die Specklampe außerhalb der Hütte in Brand gehalten, dann kamen die Trauernden zusammen, um zu klagen und zu weinen, und der Witwer schilderte rührend seinen Schmerz und ihre Tugenden ... –

Die Eskimos am Smithsund sind nicht in so günstiger Lage wie die südlicher wohnenden, die an den dänischen Niederlassungen einigen Anhalt haben. Sie sind ein heruntergekommener, erlöschender Stamm, der zu sehr mit des Lebens Notdurft beschäftigt ist, um Erinnerungen aus seiner Vergangenheit aufzubewahren. Ihre Unvorsorglichkeit während der Zeit des Ueberflusses führt im Winter oft Hungersnot herbei. Außerdem nimmt auch der Wildstand im allgemeinen ab, denn die Jagdreviere veröden von Jahr zu Jahr mehr. Die Leute selbst wissen ganz genau, daß sie aussterben, aber dies Bewußtsein stört ihren guten Humor nicht. Umringt von den Gräbern ihrer Toten, von Hütten, die sie noch als bewohnt gekannt, lassen sie sich selbst die Fleischvorräte schmecken, welche von Leuten, die inzwischen gestorben sind, das Jahr vorher unter dem Schnee vergraben worden waren.

Auf die Häuptlingswürde scheint bei den grönländischen wie den übrigen Eskimos nur Anspruch zu haben, wer sich als der Stärkste und Mutigste erweist. Sie haben eine gewisse Tradition in Spielen und Uebungen, wodurch diese Ueberlegenheit festgestellt wird. Diese Sitte bestand noch bis in neuere Zeit, und noch jetzt finden sich Reste davon in ihren periodisch wiederkehrenden Belustigungen. Ringen, Springen, Ziehen mit gekrümmtem Finger oder Arm, Gegeneinanderstemmen der Hacken in sitzender Stellung, abwechselnd Schläge auf die linke Schulter geben und empfangen, weiter und mit einem stärkeren Bogen schießen, den schweren Stein eine größere Strecke tragen – solche Uebungen gehören zu den Kraftproben. Ich sah einige solcher Steine in der Fortunabucht und im Discofjord, die als Andenken noch auf der Stelle liegen, wo die Athleten sie hintrugen.

Zu den Privilegien des Häuptlings gehörte das zweifelhafte Vorrecht, soviele Weiber zu haben, als er ernähren konnte. Darüber hinaus besaß er wenig andere Auszeichnungen als einen nicht genau umschriebenen Anspruch auf gewisse Jagderträgnisse. In alten Zeiten besaßen die Unternalegaks, die Vorsteher kleinerer Niederlassungen, ihre Stellen ebenfalls dank ihrer persönlichen Ueberlegenheit vor ihresgleichen, und so bestand eine Art von Feudalherrschaft ohne Erblichkeit. Aber auch hier, wie in anderen Feudalstaaten, gab es zuweilen Auflehnung der Barone gegen ihren Oberherrn ... –

Die Renntierjäger von Uppernavik pflegten den Lachsfluß bei Swartehuk hinaufzugehen bis zu einem Punkte, von wo aus sie in einem Tagesmarsch Okossikak, ein Jagdrevier der Ominaks, erreichen konnten. Es traf sich einmal, als die Ominaks ungewöhnliches Jagdglück gehabt hatten, daß eine Schar Uppernaviks, vom Glück weniger begünstigt, den Entschluß faßte, jenen in Begleitung ihres Häuptlings, des Oberherrn beider Stämme, einen Plünderungsbesuch abzustatten. Sie fanden die Ominaks um ihren Häuptling versammelt, einen kurzen, stämmigen Burschen, der in seinem Zelt auf ritterliche Weise den Wirt spielte. Aber auf seinen Gruß: »Setzt euch und eßt!«, machte der große Uppernavik, dessen Begleiter seines Winkes gewärtig waren, ein finsteres Gesicht – das Gegenteil dessen, was in der Regel hierauf geschehen muß, nämlich niederzusitzen und sich vollstopfen zu lassen. Da spannte der alte Ominak schweigend einen schweren Bogen, zog den Pfeil bis ans Ohr zurück und begrub ihn in der engen Spalte eines entlegenen Felsens. Dabei murmelte er vor sich hin: »Wer besser ist als ich ...«, der Schluß des Satzes: »– der soll mein Herr sein!« verstand sich von selbst. Da setzten sich die Uppernaviks, aßen, bedankten sich und gingen friedlich ihres Weges.

Der Gebrauch, die Braut zu entführen, findet sich, wie bei einigen nordamerikanischen und asiatischen Stämmen, auch bei den Eskimos, und selbst die Bekehrten verzichten nur ungern darauf. Die Mysterien des Angegoks, die in der Nähe der dänischen Ansiedlungen keine offene Anerkennung mehr finden, haben weiter nördlich noch einen sehr wesentlichen Einfluß. Ich habe mehrere dieser Leute persönlich kennengelernt, nachdem meine ärztlichen Leistungen mir ein Ansehen verschafft hatten, das etwa dem ihrigen entsprach. Sie selbst glauben fest an ihre Macht. Ich konnte keine Art von Taschenspielerei oder natürlicher Magie an ihnen entdecken. Ihre Täuschungen beruhen lediglich auf Stimmveränderungen, vielleicht mit ein wenig Bauchrednerei, durch Dunkelheit imposanter gemacht. Sie sprechen unter sich einen eigenen Jargon, der nur eine Entstellung der üblichen Aussprache sein soll.

Nächst den Angegoks, die als Spender des Guten angesehen werden, gibt es auch böse Zauberer, denen man all die Untaten zuschreibt, für die man einst in der Christenwelt die Hexen verfolgte. Auch diese Leute werden getötet, und zwar – wenn die alten Gebräuche befolgt werden – mit schauerlichen Zeremonien. Ich sah in Pröven einen alten, in gutem Ruf stehenden Eskimo Tobias, der vor seiner Bekehrung noch einen Zauberer hingerichtet hat. Es war ein alter, kranker Mann, und Tobias – damals hieß er Kamoka – tötete ihn einfach dadurch, daß er ihn harpunierte, in die See warf und hierauf den Leichnam den Hunden überließ.

Die Todesstrafe scheint nur bei Kapitalverbrechen vorzukommen. Für geringere Vergehen haben sie eine Art Gerichtsverfahren. Hat ein Eskimo einen andern schwer beleidigt – vielleicht seine Fangleine zerschnitten oder seine Hunde verletzt – so wird er vor den Angegok gefordert. Die Freunde der Parteien und die Müßigen aus weiter Umgegend versammeln sich am Sitz der Justiz; entweder in einer Gruppe von Hütten oder bei gutem Wetter im Freien. Der Ankläger erhebt sich und macht als Einleitung einigen Lärm mit einer Seehundsrippe auf einem Tamtam. Dann geht er zur Anklage über und bringt in langen Tiraden alles Nachteilige und Lächerliche vor, was sich über seinen Gegner auftreiben läßt. Der Angeklagte verharrt in Schweigen. Aber sobald der Redner pausiert und ein Präludium auf seinem Instrument losläßt, ertönt von Freunden und Gegnern ein Beifallsgeschrei, so wohlklingend wie bei manchen Volksversammlungen der zivilisierten Welt. Hierdurch angestachelt und am eigenen Feuer heiß geworden, beginnt der Ankläger seine Angriffe von neuem. Seine Beredsamkeit wird immer ausschweifender und anzüglicher, bis er endlich vor Erschöpfung, oder weil sein Vorrat an Schimpfwörtern nicht weiter reicht, aufhören muß. Nun tritt der Angeklagte auf und gibt ihm alles reichlich zurück, unter abwechselndem Lauschen und Applaudieren der Zuhörerschaft. – Sind die homerischen Debatten geschlossen, so machen die Angegoks ihren Hokuspokus und legen entweder dem Angeklagten für sein Vergehen oder dem Ankläger wegen grundloser Verleumdung eine Buße auf.

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