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Die Tochter des Regiments und andere Novellen

Balduin Groller: Die Tochter des Regiments und andere Novellen - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie Tochter des Regiments und andere Novellen
authorBalduin Groller
year1899
firstpub1888
publisherE. Pierson's Verlag
addressDresden und Leipzig
titleDie Tochter des Regiments und andere Novellen
pages244
created20140907
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VIII.

Frau Simbach war ausgefahren, um einige Besorgungen zu erledigen. Piroska befand sich allein in der Wohnung und las gerade in dem neuesten Bande von Paul Bourget, mit dessen Werken sie eine kurze Freundschaft geschlossen hatte, als ihr der Bediente auf einer silbernen Tasse eine Karte überreichte.

»Rudolf Sander!«

Er war zurück!

Sie nickte dem Diener mit dem Kopfe und eine Minute später stand Rudolf Sander vor ihr. Während sie aber ihre volle Ruhe bewahrte, war Sander sichtlich betreten, ja verwirrt. Er hatte sich nicht viele Gedanken darüber gemacht, wie die Tochter des Regimentes jetzt wohl aussehen möge, nun aber, da er sie sah, war er im höchsten Maße überrascht. Das war ja auch zu toll. Da reist man um die ganze Welt herum, um schließlich das schönste Weib auf Erden zu Hause zu 131 entdecken, und noch dazu sozusagen und gewissermaßen als die eigene Tochter!

Es dauerte eine Weile, ehe zwischen diesen beiden die ersten Worte gewechselt wurden. Piroska hatte sich lange vorher bemüht, sich nach Bildern, die man ihr gezeigt hatte, eine feste Vorstellung von Sander zu machen und nun nahm sie wahr, daß ihre Vorstellung eine unzutreffende gewesen sei. Er sah viel stattlicher aus, als auf allen Bildern. Die Sonne hatte sein Antlitz stark gebräunt und er hatte während der Reise seinen kastanienbraunen Vollbart mächtig anwachsen lassen. Der Ausdruck seiner ebenfalls braunen Augen war ein guter und treuer, war ein vertrauenerweckender, aber er vermochte doch nicht, die Wolken einer fast feindseligen Stimmung wider ihn zu zerstreuen, die sich im Laufe der Zeit in Piroskas Gemüt angesammelt hatten. Er seinerseits war beim Anblicke Piroskas zu befangen, um gleich das richtige Wort zu finden. Zunächst suchte er instinktiv, sich klar zu machen, was es eigentlich und vorzugsweise an dieser blendenden Erscheinung sei, das ihn so magisch anzog, und er kam darüber in seiner Verwirrung auch nicht ins Klare. 132 Der wundervolle Zusammenklang der Farben, das goldrote Haar, die sprechenden schwarzen Augen, die blühende weiße Frische des Gesichtes und des Halses, die in vollendeter Regelmäßigkeit hervorschimmernden Zähne, wenn sie die Lippen zu einem Lächeln öffnete, das matte Gelb der japanischen Seide des Morgenkleides, das in flüssigen, schmiegsamen Falten die edlen Formen ihres jugendlichen Körpers umschloß, – sie waren es nicht im einzelnen, es war das Gesamtbild, das ihn so anzog und zugleich bannte.

Piroska hätte keine Evastochter sein müssen, um des günstigen Eindruckes nicht sofort gewahr zu werden, in dessen Banne der ihr bis zu dieser Stunde unbekannt gewesene Vormund nun stand, und wenn ihre ursprünglichen feindseligen Absichten noch keineswegs ganz aufgegeben wurden, eine wesentliche Milderung erfuhren sie doch. Sie war auch die erste, die das Schweigen brach.

»Herr Sander!« rief sie, ihm die Hände entgegenstreckend.

»Fräulein – ich bin – ehrlich gestanden, noch etwas konfus. Ich muß erst zu mir kommen.«

133 »Wenn man so weit weggewesen ist, braucht es wohl eine Weile, bis man wieder zu sich kommt,« sagte Piroska lächelnd.

Er ergriff ihre Hände und ließ sich von ihr zu einem Sitze geleiten.

»Unsere Situation ist eine so seltsame und erstaunliche,« sagte er, indem er sich setzte, nicht aber, ohne vorher gewartet zu haben, bis Piroska ihren Sitz ihm gegenüber eingenommen.

»Ein so junger Papa und eine so große Tochter!« erwiderte Piroska lächelnd.

»Ich muß wirklich erst zu mir kommen, Fräulein!«

»Aber die Thatsache, daß ich nun einmal wirklich auf der Welt bin, konnte für Sie doch nicht eine gar so ungeheuer überraschende sein!«

»Nein; die Thatsache war mir allerdings bekannt, aber daß diese Thatsache – so aussieht, das habe ich nicht gewußt.«

»Ich danke Ihnen für die Freundlichkeit, die vielleicht in Ihren Worten gefunden werden könnte, aber eine Freude bereitet sie mir nicht.«

134 »Ach, und ich möchte Ihnen so gerne eine Freude bereiten!«

»Der Gedanke ist sicher ein schöner und edler, nur finde ich, daß Sie sich dazu Zeit gelassen haben; er kommt etwas spät!«

»Spät?! Im ersten Augenblick, da ich Sie sehe!«

»Das eben ist es! Es hätte ja sein können, daß noch weitere zehn Jahre vergehen, ehe Sie mich zu Gesichte bekommen. Dann hätten Sie sich noch weitere zehn Jahre nicht um mich bekümmert.«

»Nicht bekümmert? Ich will hoffen, Fräulein – Fräulein Piroska, – an den Namen werde ich mich erst gewöhnen müssen – daß es Ihnen in meiner Abwesenheit an nichts gefehlt hat. Meine Aufträge lauteten klar und bestimmt, und ich wäre untröstlich, wenn sie nicht im vollen Umfange erfüllt worden sein sollten.«

»Das heißt, Sie haben Ihre Leute beauftragt, für mich zu sorgen. Das hätte ja so bleiben können. Was hat Sie nun veranlaßt, sich persönlich um mich zu bekümmern?«

»Aber Kind, – ich kann mich doch nicht persönlich um Sie bemühen, wenn ich auf Sumatra sitze!«

135 »Sie waren nicht immer auf Sumatra.«

»Allerdings, ich war auch in Honolulu bei der schönen Königin Lilinokolani!«

»Mit einem Scherz kommen wir darüber nicht hinaus. Es ist nicht so schwierig zu erraten, wie ich das meine. Ihre Leute haben ganz gewissenhaft für mich gesorgt. Warum wollen Sie sich jetzt persönlich bemühen und nicht sie weiter sorgen lassen?«

»Weil ich wieder zurück bin; nichts ist einfacher. Sie betonen übrigens das »persönlich« immer so eigentümlich, daß ich darin schon eine gewisse polemische Spitze sehen muß, und ich habe Ihnen doch wahrhaftig nichts gethan?«

»Wahrhaftig nicht. Sie haben überhaupt nichts gethan!« sagte Piroska nun mit ausbrechender Bitterkeit.

Sander machte große Augen.

»Sie ist nicht blöde, meine schöne Pflegetochter,« dachte er bei sich im Stillen. »Ich finde sie eingerichtet wie eine Fürstin, und sie ihrerseits findet, daß man für sie überhaupt nichts gethan habe. Das verspricht für die Zukunft!«

Er hütete sich aber wohl, solchen Gedanken lauten 136 Ausdruck zu geben, er sagte vielmehr nach einer Weile des Nachsinnens:

»Teilen Sie mir Ihre Wünsche mit, Fräulein, und seien Sie überzeugt, daß sie erfüllt werden sollen, so weit es an mir liegt.«

»Zu alle dem ist es jetzt schon zu spät. Sie sehen mich heute zum ersten Mal!«

»Ich habe Sie schon einmal gesehen, vor acht Jahren, allerdings nur auf wenige Minuten; Sie waren ein Kind damals.«

»Also einmal haben Sie mich doch gesehen, vor acht Jahren! Und seither haben Sie sich nicht die Mühe genommen oder es nicht der Mühe wert gefunden, mich noch einmal zu sehen. Ich stehe ganz allein in der Welt. Von meinen Eltern habe ich nur eine dunkle, verschwommene Erinnerung. Sie sind mein Vormund und haben sich damit begnügt, für mich zu sorgen, d. h. andere Leute zu beauftragen und dafür zu bezahlen, daß sie für mich sorgen und auf mich Acht geben. Ist Ihnen niemals die Idee gekommen, daß ein so ganz verlassenes Menschenkind auch das geringste Zeichen der Teilnahme als eine Wohlthat hätte 137 empfinden müssen. Kein Mensch, kein einziger Mensch auf der weiten Welt hat je ein Wort der Liebe zu mir gesprochen, das in mir das Gefühl hätte wecken können, daß es doch irgend jemanden auf der Welt giebt, dem ich etwas bin.«

Sander war bei diesen Worten still und nachdenklich geworden, und es verging eine Weile, ehe er sich aus seinem Nachsinnen zu einer Antwort aufraffte.

»Es geht mir nahe, Piroska, daß Sie sich so traurigen Gedanken hingeben. Gewiß, ich habe gefehlt, und das thut mir leid. Lassen Sie mich aber jetzt wenigstens gut machen, was ich gut machen kann.«

»Ich danke Ihnen für Ihre Güte, Herr Sander, aber jetzt bin ich kein Kind mehr. Das Kind hätte Ihre Fürsorge gebraucht, jetzt bedarf ich Ihrer nicht mehr.«

»Sie weisen mich von sich?«

Piroska zuckte die Achseln, aber es zuckte auch um ihre Mundwinkel, und sie preßte ihr Battisttüchlein an die Augen.

Sander erhob sich und machte einen Gang durch das Zimmer. Piroska nahm das nicht einmal wahr, 138 da seine Schritte auf dem schweren Smyrna-Teppich lautlos verhallten. Er wußte sich nicht zu benehmen und wußte nicht, was er sagen sollte. Wie er sie so ansah, da war ihm alles das, worauf sie so viel Wert zu legen schien, die vormundschaftliche Liebe und Güte, furchtbar gleichgiltig. Er war ja vom ersten Eindruck förmlich niedergerannt worden. Wie sie bei seinem Eintritt vor ihm stand in der Schönheit Prangen, in hold aufgeblühter Jugend Pracht und Herrlichkeit, da hatte er mit einem Male alle offiziellen Vormundsgeschichten vergessen, und es meldete sich in ihm der Mann zum Wort, ausschließlich der Mann, das Element gemischt aus Schwäche und Titanenkraft, aus Verstand und ungeheurer Thorheit. Was sollte er ihr nun sagen? Das mit den Vormundschaftssachen war ja heller Unsinn im Vergleich zu dem mächtigen Wünschen und Begehren, das jetzt seine Brust erfüllte. Das war etwas Irdisches, dies etwas Himmlisches, Göttliches. Wie konnte von einer solchen Geringfügigkeit die Rede sein, wenn etwas Großes und Hohes in Frage kam!

Der Blick der Liebe sieht falsch; die Perspektive, die er sich konstruiert, ist so verschoben und verschroben, wie 139 die einer photographischen Aufnahme mit unrichtig eingestelltem Objektiv. Das Zunächstliegende gewinnt eine maßlose Bedeutung, die ihm nicht zukommt, auf Kosten des Entfernteren, aber deshalb doch vielleicht Größeren und Wichtigeren. Sander war sichs dessen noch nicht bewußt, daß er durch das Objektiv der Liebe sah, aber falsch sah er schon. Für ihn hatte jetzt nur noch Bedeutung, was Beziehung gewann auf seine Liebe, im letzten Grunde also auf ihn selbst.

»Hören Sie mich an, Piroska!« sagte er plötzlich, obgleich er wirklich nicht wußte, was er sagen sollte und nur aus dem unwiderstehlichen Drange heraus, das peinliche Schweigen zu unterbrechen.

Piroska sah erstaunt auf. Seine Stimme klang vom Fenster her, und sie hatte es doch nicht wahrgenommen, daß er seinen Platz verlassen.

»Sie zürnen mir jetzt,« fuhr er fort, »Sie müssen mir aber Gelegenheit geben –«

»Ich zürne Ihnen nicht,« unterbrach sie ihn, »mir ist nur meine völlige Verlassenheit schwer aufs Herz gefallen.« Und dabei rannen ihr die Thränen über die Wangen. Das auch noch! Er konnte überhaupt eine 140 Frau nicht weinen sehen, und nun weinte sie vor seinen Augen!

»Piroska, ich bitte Sie um alles in der Welt, nehmen Sie doch Vernunft an! Vergessen Sie das Vergangene und glauben Sie, daß ich jetzt um Sie sorgen will, wie eine Mutter um ihr Kind.«

Bei diesem Vergleich mußte Piroska trotz ihrer Thränen lächeln; bald aber gewann die Bitterkeit wieder Oberhand in ihrem Gemüte.

»Wie soll ich denn Vertrauen zu Ihnen fassen?! Sie wären verpflichtet gewesen, sich um mich zu bekümmern, und Sie haben sich nicht bekümmert. Ich war Ihnen nichts, rein nichts. Nicht die geringste Rolle habe ich in Ihrem Leben gespielt –«

»Piroska, das war! Jetzt soll es anders werden.«

»Ich will es aber jetzt nicht anders. Ihre jetzige freundliche Gesinnung rührt mich nicht. Wenn ich es darauf absehen wollte, mir überhaupt einen Mann freundlich gestimmt zu machen, ich glaube, daß ich das wohl nicht allzuschwer zu Stande brächte.«

»Sehen Sie, das glaube ich Ihnen!«

»Jetzt verzichte ich aber auf Ihr Fürsorge. Als 141 Kind hätte ich sie gebraucht, und da wäre sie mir ein Segen gewesen. Und was war ich Ihnen? Wenn man Ihnen bei Ihrer Rückkehr mitgeteilt hätte, daß Ihnen Ihr Pferd oder Ihr Lieblingshund umgekommen sei, Sie hätten es vielleicht tiefer bedauert, als wenn man Ihnen gemeldet hätte, ich sei gestorben!«

»Aber Piroska!«

»Und darum darf ich jetzt wenigstens den Stolz haben, auf Bemühungen und Aufmerksamkeiten zu verzichten, deren Wert ich vielleicht nicht richtig zu würdigen weiß, die mir aber jedenfalls verspätet erscheinen.«

»Soll nun mein Interesse darum weniger wert sein, weil ich es Ihnen entgegenbringe in dem Momente, wo ich Sie kennen lerne?«

»Sie hätten mich aber früher kennen lernen müssen! Übrigens – darüber können wir uns, wie es scheint, nicht verständigen. Lassen wir also die Sache wie sie ist; eine weitere Erörterung würde ja doch zu nichts führen.«

Sander zuckte die Achsel.

»Das heißt also wirklich: Sie schicken mich fort. Ich soll noch weiterhin meine Leute beauftragen, für 142 Sie zu sorgen, mit meiner Person soll ich Sie aber unbehelligt lassen.«

Noch einmal flammte Piroska auf.

»Wollen Sie mir einen Vorwurf machen?! Sie haben mein Vermögen verwaltet; das hätte ein Notar oder das Gericht auch besorgen können, ohne daß sie dafür besondere Regungen eines Dankgefühles beansprucht hätten, aber ich bin Ihnen ja auch dankbar, nur soll es festgestellt sein, daß die Pflicht meiner Dankbarkeit nicht weiter reicht.«

Sander sah aufmerksam zu Piroska hinüber. Da war ja etwas ganz Neues aufs Tapet gebracht worden: ihr Vermögen! Er erschrak förmlich. Wenn diese edle Dame wüßte, daß nicht ein Stück dieser kostbaren Möbel und Teppiche, nicht ein Faden an ihrem Leibe ihr rechtmäßiges Eigentum sei, ob sie da wohl auch so von oben herab mit ihm reden würde. Es schimmerte in seinem Gemüt ein Strahl von Humor auf, und der Gedanke stand nun klar vor seiner Seele: sie darf nie erfahren, in welcher Täuschung sie lebte.

Dieser Gedanke belustigte ihn und machte ihn glücklich in dem Maße, wie er anfänglich erschrocken war 143 bei der Vorstellung, daß sie die Wahrheit erfahren könnte. Noch eine Offenbarung kam ihm in dieser Minute, von welcher er früher keine Ahnung hatte, die Erkenntnis nämlich, daß ein sonst besonnener und ruhig denkender Mann unter Umständen im Handumdrehen dahingebracht werden könne, sich für eine schöne Frau zu ruinieren. Hier hatte es augenscheinlich noch keine Gefahr, aber er war sich vollkommen klar darüber, daß Piroska Herrin über ihn war. Sie brauchte nur zu wollen, und er stürzte sich kopfüber in – was sie wollte. Er fühlte, daß er seine Freiheit, daß er die Selbstbestimmung verloren hatte, und doch zog diese Erkenntnis wie ein Glücksgefühl durch seine Brust.

Er erhob sich, um zu gehen. Nur mit einem Zweifel kämpfte er noch: sollte er alles auf eine Karte setzen und ihr heute, jetzt schon, sagen, wie es um ihn stand, trotz der ihm eben nicht günstigen Stimmung, in der sie sich befand, oder sollte er vorsichtig einen gelegenen Zeitpunkt für seine Eröffnung abwarten.

Er überlegte und war sich's dessen nicht bewußt, daß das Überlegen ja doch nichts half und daß die Entscheidung schon gefallen war, bevor er noch zu überlegen 144 begonnen, gefallen Kraft seines Temperamentes, seiner innersten Natur.

»Sie wollen schon gehen, Herr Sander?« begann Piroska wieder, die sich sein nachdenkliches Schweigen nicht zu deuten wußte.

»Ich gehe,« antwortete er, und dabei klang seine Stimme durch seine innere Aufregung gedämpft. »Ich gehe, aber zuvor möchte ich Ihnen noch ein Wort sagen.«

Piroska, die sich bereits erhoben hatte, setzte sich wieder. Sie strich sich die Falten ihres Kleides zurecht, lehnte sich auf ihrem Fauteuil zurück und blickte erwartungsvoll zu ihm auf. Was mochte er ihr noch zu sagen haben.

»Piroska,« fuhr er fort, »ich habe eine Reise um die Welt gemacht, und das Reiseabenteuer, nicht ein Reiseabenteuer, das Reiseabenteuer erlebe ich jetzt hier, es ist das Reiseabenteuer meines Lebens. Es ist über mich gekommen mit einer Macht, gegen welche es keinen Widerstand giebt. Ich habe mich verloren und bin vielleicht verloren. Mein Geschick ruht in Ihrer Hand; Sie können mit mir machen, was Sie wollen. Es ist 145 meinerseits die vollständige Kapitulation auf Gnade und Ungnade.«

Piroska hatte zuerst gespannt aufgehorcht, dann aber wirkten die unerwarteten Worte mit einer solchen Kraft der Eindringlichkeit auf sie, daß sie die bisherige Ruhe und Überlegenheit ihrer Haltung verlor und eine Beute der tiefsten Verwirrung und Ratlosigkeit wurde.

»Ich verstehe das nicht,« hauchte sie und dabei war ihr Gesicht mit Purpur übergossen.

»Sie können das auch nicht verstehen, Piroska, weil Sie sich unmöglich in die Gemütsverfassung eines Mannes hineindenken können, der bisher in seinem ganzen Leben niemals einer großen seelischen Erschütterung unterworfen war, und der sich nun mit einem Male mit all seiner Gefühls- und Gedankenwelt förmlich aus den Angeln gehoben fühlt.«

»Ich verstehe das wirklich nicht, Herr Sander, was Sie mir sagen,« erwiderte Piroska leise, »aber es beunruhigt, es beängstigt mich. Auch ich habe solche Erschütterungen nicht gekannt und ich habe Furcht vor ihnen. Sie thun mir weh mit dieser Beunruhigung. Es kommt da etwas Fremdes in mein einsames Dasein, 146 und ich sehe das kostbarste Gut, das ich hatte, meine Ruhe, bedroht. Zerstören Sie nicht, was mir teuer war. Herr Sander, wenn Sie es wirklich gut mit mir meinen, schonen Sie mich – ich fürchte mich.«

»Sie sollen nicht erschrecken, Piroska. Ich dränge nicht auf Entscheidung, das wäre ja Thorheit – was wissen Sie von mir? – und ich werde gewiß nicht weiter versuchen, Sie aus Ihrer glücklichen Ruhe aufzustören, aber sagen mußte ich es Ihnen und zwar gleich und ohne mich zu besinnen, wie es um mich steht. Mich hat es. Es hat mich ganz, mit Leib und Seele. Ich bin Ihnen verfallen, und wenn Sie mich von sich weisen, so weiß ich nicht, was ich mit mir noch beginnen und was ich noch anstreben soll, da alles, alles andere für mich Sinn und Bedeutung verloren hat.«

»Das ist ein Unrecht, ein großes Unrecht. Ein Mann wie Sie hat doch noch ganz andere Aufgaben und Pflichten, als – Herr Sander, fühlen Sie denn das nicht?!«

»Was ich fühle, Piroska, das steht mit diamantener Klarheit vor mir. Ja, ich habe Pflichten und Aufgaben, und ich habe es immer ernst genommen mit 147 ihnen, aber ich kann nicht über mich hinaus. Eine Thüre, die aus den Angeln gehoben ist, kann nicht schließen.«

Piroska lächelte.

»Es ist keine Thüre, es ist ein Thor!«

»So bin ich ein Thor und verlange mir nun in meinem ganzen Leben nichts anderes zu sein.«

Piroska lächelte wieder.

»Was macht man nun mit Ihnen?«

»Was Sie wollen, Piroska. Am schönsten wäre es freilich, – aber nein! – das ist ja alles Unsinn und undenkbar. Ich will Sie nicht beunruhigen, nicht ängstigen. Wissen sollen Sie allerdings, daß ich, ich kann nichts dafür – Sie unbeschreiblich lieb habe und daß ich – es steht ein Mann vor Ihnen, der in seinem ganzen Leben noch niemals sein Wort gebrochen hat, – daß ich Sie lieb haben will bis an das Ende meiner Tage. Aber das braucht Sie nicht zu beunruhigen, das geht Sie vorläufig garnichts an, und ich bitte Sie nur um eines: sprechen Sie nicht gleich das Urteil, wenn es ein vernichtendes sein sollte. Lassen Sie sich Zeit; vielleicht kommen Sie dann doch noch zu einem 148 anderen Schlusse. Ich warte Wochen, Monate, Jahre, – ich warte, so lange ich hoffen kann. Man sagt, man hofft, so lang man lebt; ich halte mich an das Umgekehrte: man lebt, so lange man hofft!«

»Mir ist's wie ein Wunder!«

»Das ist es auch, Piroska. Ein Wunder ist geschehen. Eine neue Welt ist erstanden! Mir ist eine neue Welt aufgegangen. Piroska, das läßt sich nicht mehr ändern, ich liebe Sie unaussprechlich.«

Piroska erhob sich, er aber fuhr fort:

»Machen Sie sich nichts daraus, Piroska, und vor allen Dingen – seien Sie nicht böse darüber. Das ist nun einmal so und läßt sich nicht ändern. Und nun kann ich ja gehen. Das wollte ich Ihnen aber sagen; das sollten Sie wissen, und nun will ich demütig und in Geduld warten, wie sich mein Schicksal wendet.«

Sander hatte die letzten Worte ruhig gesprochen und dann verneigte er sich, um sich zu verabschieden. Piroska schien seine Absicht nicht zu bemerken. Sie machte einige Schritte, aber nicht zu ihm und nicht nach der Thüre, sie schritt zum Fenster und sah, ihm abgewandt, 149 nach dem Zuge der Wolken. Nach einer Weile sagte sie, ohne den Kopf zu wenden:

»Herr Sander!«

»Piroska?!«

»Kommen Sie einmal her, – noch näher!«

Nun stand er dicht neben ihr am Fenster.

Sie legte ihm die beiden Hände auf die Schultern und sah ihm ins Gesicht. Ihn aber ging ein Zittern an unter ihrer Berührung und er fühlte die Schläge seines Herzens bis zum Halse hinauf. Er wäre jetzt unfähig gewesen, ein Wort hervorzubringen; es sauste ihm in den Ohren und es flimmerte ihm vor Augen, und wie durch einen Nebel sah er das blühende, junge Frauenbild vor sich.

»Ich habe Sie ja noch nicht einmal recht angesehen,« sagte Piroska, ihre Hände noch immer auf seinen Schultern ruhen lassend und ihr Antlitz dem seinigen nähernd; »und – anschauen werde ich mir doch den Mann dürfen, von dem ich mir solche Dinge sagen lassen muß.«

»Piroska Gnade!«

150 »Sie sind ein merkwürdiger Mann. Sie drücken beide Augen zu –«

»Die Augen habe ich keinen Moment zugedrückt, so dumm bin ich nicht, Piroska.«

»Rasch entschlossen sind Sie aber, das muß man sagen. Sie springen mit beiden Füßen zugleich hinein in Ihr Abenteuer.«

»Haben Sie das Wort mißverstanden?«

»Ich habe nicht darüber nachgedacht. Die Methode ist eine gefährliche, aber –«

»Aber?«

»– eine verlockende. Die Gefahr zieht an. Bisher glaubte ich, daß das nur für die Männer gelte.«

»Bisher? Piroska – hüten Sie sich!«

»Ach?! Sie warnen mich?«

»Nicht vor der Gefahr; die empfehle ich Ihnen dringend –«

»Sondern?«

»– sondern vor mir!«

»Jetzt fürchte ich mich aber nicht mehr, Herr Sander.«

»Piroska, ich wiederhole es: hüten Sie sich!«

»Warum denn und wovor denn?«

151 Und sie hielt ihre Hände noch immer auf seinen Schultern und lachte ihn an von unten herauf.

»Piroska, ich bin ein Mann und einem solchen dürfen Sie nicht zu viel zutrauen. Ich habe Ihnen versprochen, geduldig warten zu wollen, Wochen – Monate lang, wenn Sie aber nicht gleich aufhören, so furchtbar lieb und gut und schön zu sein, dann –«

»Dann?«

»Dann – dann nehme ich Sie gleich auf der Stelle bei Ihrem roten Kopf und küsse, küsse Sie ab, daß Ihnen Hören und Sehen vergeht!«

Jetzt allerdings nahm Piroska die Hände von seinen Schultern und trat einige Schritte ins Zimmer zurück.

Sander stand einen Augenblick betreten, ein Schreck durchzuckte ihn, daß er sie verletzt, sie plötzlich wieder entfremdet und abgestoßen habe. Und dann kam es doch gleich wieder wie eine beglückende Erleuchtung über ihn. Was er gesagt hatte, war eine sehr ernste Drohung, und es war durchaus nicht ausgeschlossen und nicht unwahrscheinlich, daß den Worten die That folgen könnte. Solche Thaten vollführt man aber gemeiniglich nicht gerade vor dem Fenster, wo einem die Leute von 152 den gegenüberliegenden Wohnungen vergnügt schmunzelnd zuschauen können.

Neben allem anderen war es also auch das Gefühl einer aus der tiefsten Seele quillenden Dankbarkeit, mit dem er im nächsten Augenblicke zu ihr stürmte, sie wirklich bei ihrem roten Kopfe nahm und sie in wahnsinniger Entzückung wirklich abküßte, daß ihr wirklich Hören und Sehen verging.

 


 

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