Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Balduin Groller >

Die Tochter des Regiments und andere Novellen

Balduin Groller: Die Tochter des Regiments und andere Novellen - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie Tochter des Regiments und andere Novellen
authorBalduin Groller
year1899
firstpub1888
publisherE. Pierson's Verlag
addressDresden und Leipzig
titleDie Tochter des Regiments und andere Novellen
pages244
created20140907
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

V.

Von all den Stürmen und Wechselfällen, durch welche das Erziehungswerk bedroht war, hatte Piroska nie etwas erfahren. Nachdem das für ihre Erziehung bestimmte Geld unterschlagen, Katharina gestorben und das Junggesellenheim aufgelöst war, hatte Professor Baumann noch einmal die Reste des Regimentes um sich geschart, um in gemeinsamer Beratung festzustellen, was nun in dieser Sache zu thun und zu lassen sei. Seinem Rufe hatten Folge geleistet Graf Clemens, Moritz Grabmann, der Disponent des großen Bankhauses, Rudolf Sander, der junge Glasfabrikant, Gustav Fürst, der Juwelier von der Währingerstraße und Willy Nock, der Besitzer des Exportgeschäftes.

Es wurde zunächst in Erwägung gezogen, ob man unter den veränderten Verhältnissen nicht lieber den schönen Plan ganz aufgeben sollte. Das ging nicht mehr. Wer sollte sich denn um das Kind kümmern? Der Professor war nach dem Tode Katharinas auch gerichtlich als Vormund bestätigt worden. Er mußte sich der Kleinen auch weiterhin annehmen, und wenn alles sie verließ. Andererseits waren aber seine 85 Lebensumstände nicht danach, daß er in seinen Jahren leichten Herzens ein junges Mädchen an Kindesstatt hätte aufnehmen sollen, und dann hatte er ja die ganze Aufgabe nicht für seine Person, sondern gewissermaßen im Namen und im Auftrage des Regimentes übernommen.

Es war nicht der Professor selber, der diese Bedenken vorbrachte, sie wurden vielmehr von Moritz Grabmann ins Treffen geführt, und ihre Stichhaltigkeit wurde von keiner Seite bestritten.

Auch die Idee, den Plan zu ändern, Piroska aus dem Institut zu nehmen und die ursprüngliche Absicht durchzuführen und sie mit geringem Kostenaufwande zu einem Dienstmädchen oder einer Nähterin heranbilden zu lassen, wurde sofort verworfen. Es hätte sich ja darüber reden lassen, wenn sie nicht schon mehr als ein Jahr in einer feinen Erziehungsanstalt zugebracht hätte. So schien es ein Unrecht. So jung das Kind auch noch war, den Abstand hätte es doch empfunden, und es war vorauszusehen, daß durch eine solche Maßregel der Keim zu einem Unglück gelegt worden wäre.

Wieder war es Grabmann, der das schwankende Regiment zum Stehen und zum Entschluß brachte. Wie 86 sich die Dinge gestalten würden, meinte er, ließe sich heute noch nicht ermessen; alles komme darauf an, Zeit zu gewinnen. Um das zu erreichen, erklärte er sich bereit, für das nächste Jahr die Kosten allein zu tragen.

Damit war nun allerdings Zeit gewonnen, und die Sitzung wurde unter dem von Moritz Grabmann besonders betonten Eindruck aufgehoben, daß es eine Schande wäre für das ganze Regiment, wollte man das einmal Begonnene nicht auch mit Ehren zu Ende führen.

Die nächste Versammlung, die ein Jahr später abgehalten wurde, fand nur noch drei Teilnehmer: den Professor, Graf Clemens und Rudolf Sander. Willy Nock war auf Geschäftsreisen und Gustav Fürst war durch eigene Angelegenheiten so in Anspruch genommen, daß er den Wohlthätigkeitssport nicht mehr mitmachen konnte. Moritz Grabmann endlich war – zu Schiff nach England. Er hatte seinem großen Bankhause die Kleinigkeit von einer Viertelmillion gestohlen, im Übrigen aber die Sache nicht so tragisch genommen, wie der unglückliche Raimund Hecker. Er hatte das Geld auch nicht in thörichter Verblendung verspielt, sondern schön rund beisammen und für sich behalten. Dumm hatte 87 er die Sache nicht angestellt, und er gehörte zu jenen seltenen Ausnahmen unter den Defraudanten, die nicht erwischt werden.

Sein Jahr hatte er ehrlich bezahlt, und wenn er nun an der neuerlichen Versammlung des immer mehr zusammenschmelzenden Regimentes nicht teilnahm, so hatte er dafür seine guten Gründe, die als ausreichende Entschuldigung gelten konnten, auch wenn sie nicht ausdrücklich und schriftlich angeführt wurden.

Die Beratungen verliefen dieses Mal sehr still; man fühlte sich gedrückt und war kleinlaut. Der alte Professor war in der letzten Zeit recht hinfällig geworden; er litt nicht nur an allerlei körperlichen Gebrechen, sondern auch unter trüben Stimmungen, deren er nicht mehr Herr werden konnte – senectus ipsa morbus est!

Graf Clemens erklärte freimütig, daß er gethan habe, was er thun könne; mehr könne er nicht leisten, ohne seine Verhältnisse in Unordnung zu bringen. Seine Apanage betrage sechstausend Gulden jährlich, und mehr als ein Jahr lang habe er sich gewisse Einschränkungen auferlegen müssen, um die Opfer wett zu machen, die er im Anfange für Piroskas Erziehung 88 gebracht. Schulden habe er nie gehabt und er wolle auch keine machen. Vorderhand müsse er also aus dem Spiele bleiben; damit wolle er aber nichts verschwören. Er sei verlobt und könne jetzt nichts entbehren; nach seiner Verheiratung wolle er aber gerne wieder sein Teil tragen.

Das war klar und aufrichtig gesprochen und da auf den Professor, dessen künstlerische Spannkraft vollständig nachgelassen hatte, ebenfalls garnicht mehr zu rechnen war, so blieb nichts anderes übrig, als daß sich nun Rudolf Sander erbot, die Kosten für das nächste Jahr auf sich zu nehmen.

Als das erledigt war, brachte der Professor eine Angelegenheit zur Sprache, die doch eine gewisse Lebhaftigkeit in die bis dahin so stille Beratung brachte. Vor wenigen Tagen war ihm eine anonyme Sendung zugegangen, ein Brief, der eine Tausendguldennote und einen offenbar mit verstellter Handschrift geschriebenen Zettel »für Piroska!« und sonst nichts enthielt. Der Brief war in Wien und nicht einmal »eingeschrieben« aufgegeben worden.

»Ich habe mit gutem Grunde,« sagte der Professor, 89 »diese Sache erst jetzt vorgebracht, nachdem wir für das nächste Jahr vorgesorgt haben, weil ich es von vorneherein nicht für ausgeschlossen hielt, daß dieser anonyme Beitrag auch abgelehnt werden könnte. Ich habe nämlich meine Vermutungen über die Person des Spenders.«

Diese selben Vermutungen hatten Graf Clemens und Rudolf Sander auch. Die ganze Art der Widmung ließ es als wahrscheinlich erscheinen, daß da Moritz Grabmann dahinterstecke, und da war es nun allerdings sehr die Frage, ob man sich von einem Diebe etwas schenken lassen solle. Natürlich nicht! Darüber brauchte kein Wort verloren werden, aber überlegen mußte man die Sache doch. Erstlich war der Betrag nicht ihnen geschenkt, sondern einem Waisenkinde, und da ging es doch nicht an, die Großartigen zu spielen auf Kosten des Kindes. Und dann, erwiesen war es doch nicht, daß das gestohlenes Geld und wirklich Grabmann der Absender desselben sei. Was sollte man thun? Mit dem Gelde zum Gericht laufen? Diese Scherereien wollte keiner auf sich nehmen. Den Tausender der bestohlenen Bank übersenden? Damit war der Bank sehr wenig geholfen, zudem war der Rechtstitel für sie, 90 es zu behalten, nicht einmal so klar, wie für Piroska. Denn schließlich war es ja doch nur eine Vermutung, daß die Sendung von Grabmann herrührte. Nach allen diesen Erwägungen wurde beschlossen, den mysteriösen Geldbetrag zu Gunsten Piroska's anzulegen und ihn nicht zur Entlastung der immer weniger werdenden Väter zu verwenden. –

Wenige Monate nach dieser letzten Beratung wurde Rudolf Sander zu Professor Baumann berufen. Der alte Herr lag zu Bett und er selbst hatte die Hoffnung aufgegeben, es in diesem Leben noch wieder zu verlassen. Seine Kräfte nahmen zusehends ab; es ging zu Ende mit ihm. Zugleich mit Sander hatte er einen Notar zu sich beschieden, da er seinem letzten Willen eine legale Form zu geben wünschte. Viel hatte er nicht zu testieren. Er hatte als Künstler gelebt und kam nun als Künstler zum Sterben, – und als Künstler in Österreich! Ein Vermögen hatte er überhaupt nie besessen und in der letzten Epoche der Krankheit und Unthätigkeit war er sogar in recht kümmerliche Verhältnisse geraten. Was ihm aber auf seinem Krankenlager Unruhe, ja schwere Sorge bereitete, das war das 91 Geschick seines Adoptivkindes, der Tochter des Regimentes. Das Mädchen war schon zu lange als junge Dame behandelt worden, als daß es jetzt noch ohne Gefahr für die weitere Entwicklung in eine wesentlich niedrigere Atmosphäre hätte gerückt werden können. Das Kind versprach nebenbei zu einer vollendeten Schönheit zu erblühen; es mußten die Gefahren ins Auge gefaßt werden, welchen sie preisgegeben würde, wenn sie ohne jeden Schutz und Schirm gelassen werden sollte.

Der letzte Wille des Professors bestand also im Wesentlichen darin, daß Rudolf Sander, der einzige Getreue, der übrig geblieben war, sich verpflichte, die weitere Sorge für Piroska zu übernehmen. Rudolf Sander erklärte sich dazu ohne weiteres bereit, mehr um den seiner Auflösung entgegengehenden Greis zu beruhigen, als aus persönlicher Anteilnahme an dem Kinde, von dem er nicht einmal mehr wußte, wie es aussah, und das bisher überhaupt nur eine sehr untergeordnete und nebensächliche Rolle in der Welt seiner Gedanken und Empfindungen gespielt hatte. Die materielle Seite der Frage kam für ihn kaum in Betracht. 92 Er war sehr reich, obschon er aus seiner bürgerlichen Lebensführung niemals heraustrat. Er schenkte Jahr für Jahr bedeutende Beträge für die Altersversorgungs-Kasse seiner Arbeiter, deren er mehrere Hunderte beschäftigte, da konnte er wohl auch die Verpflichtung, ein Kind zu erhalten, übernehmen, ohne sich deshalb gleich durch Sorgen bedrückt zu fühlen. Wenn er seinen Arbeitern Wohlthaten erwies, so war dabei die geschäftliche Rücksicht ebenso maßgebend, wie die humane Regung. Er wollte sie sich willig erhalten, und den Gedanken an einen Ausstand, den er sehr fürchtete, in ihnen nicht aufkommen lassen. So war für ihn auch hier in erster Linie nicht der Wunsch entscheidend, für das Kind etwas zu thun, sondern das Bestreben, dem alten Freunde für die letzten schweren Lebenstage eine Beruhigung zu verschaffen.

»Sie haben bei dem Spiele den ›schwarzen Peter‹ gezogen,« sagte der Professor trüb lächelnd, als er Sanders Zusicherung hatte, »mögen Sie es nie im Leben bereuen, da mitgespielt zu haben!«

Professor Baumann hatte noch eine Mitteilung auf dem Herzen und er war einigermaßen erstaunt, als der 93 theatralische Effekt ausblieb, den er sich von derselben versprochen hatte.

»Ich fühle mich verpflichtet,« sagte er, »das Geheimnis der Herkunft Piroska's zu lüften. Ich habe alle darauf bezüglichen Papiere zusammengerichtet. Piroska ist in Wirklichkeit die Tochter unserer armen seligen Jungfer Kathi.«

Der Notar war nicht der Mann, sich durch solche Familiengeheimnisse aufregen zu lassen, und was Sander betraf, so ließ ihn diese Nachricht vollkommen gleichgiltig. Er erkundigte sich nur, ob noch irgend welche Verwandte vorhanden seien, mit welchen er sich ins Einvernehmen zu setzen habe, und als das verneint wurde, dachte er überhaupt nicht mehr an das große Geheimnis. Er lehnte es auch ab, die Papiere gleich zu übernehmen. Das habe Zeit, der Professor werde ja doch bald wieder gesund werden, er solle sie einstweilen nur ruhig behalten.

Der Professor wurde aber nicht bald wieder gesund, im Gegenteil, er starb sehr bald darauf, ohne daß Sander die Papiere übernommen hätte. Er übernahm sie auch später nicht; denn er hatte sie vergessen, und bekam sie nun überhaupt nie wieder zu Gesicht.

94 Sander sorgte nun dafür, daß die Zahlungen für Piroska regelmäßig geleistet wurden. Als pünktlicher Geschäftsmann war er auch, als er zu seinem Vergnügen zwar, aber doch auch mit dem Hintergedanken, dabei für das Geschäft einen Nutzen erzielen zu können, und sei es nur durch Sehen und Beobachten, eine Weltreise antrat, darauf bedacht, daß die Interessen Piroska's entsprechend gewahrt werden. Die Reise konnte immerhin anderthalb bis zwei Jahre dauern, und in einem halben Jahre mußte Piroska aus dem Pensionat geholt werden. Er machte daher auch da reinen Tisch, ehe er seine Weltfahrt antrat.

Frau Ernestine Simbach, die Wittwe eines ehemaligen langjährigen Beamten der Fabrik, schien ihm geeignet, Mutterstelle an Piroska zu vertreten. Ohne daß er rechtlich dazu verpflichtet gewesen wäre, zahlte er der Frau eine regelmäßige Jahrespension aus; da durfte er schon einen Dienst von ihr in Anspruch nehmen, durch den ihre Verhältnisse ja nur noch verbessert werden konnten. Frau Simbach war selbst kinderlos; sie stand schon in vorgerückten Jahren, war in jedem Betracht vertrauenswürdig, und so konnte ihr wohl ohne 95 Bedenken die Aufsicht über ein junges Mädchen übertragen werden. Sie erhielt den Auftrag, die Wünsche der ihr anvertrauten jungen Dame nach Thunlichkeit zu berücksichtigen und gleichzeitig wurde der Hauptkassier der Fabrik angewiesen, die erforderlichen Mittel zur entsprechenden standesgemäßen Lebensführung der beiden Damen stets zur Verfügung zu stellen.

Als das alles in Ordnung gebracht war, reiste Sander ab. Ein halbes Jahr später war Piroska's Pensionszeit abgelaufen und Frau Simbach fuhr nach Dresden, um sie heimzuholen.

 


 

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.