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Die Tochter des Regiments und andere Novellen

Balduin Groller: Die Tochter des Regiments und andere Novellen - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie Tochter des Regiments und andere Novellen
authorBalduin Groller
year1899
firstpub1888
publisherE. Pierson's Verlag
addressDresden und Leipzig
titleDie Tochter des Regiments und andere Novellen
pages244
created20140907
sendergerd.bouillon@t-online.de
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III.

Auf der Aktion des Regimentes, so gut gemeint sie war, schien kein Segen zu ruhen.

Das Leben wickelt sich doch nicht so harmlos und programmgemäß ab, wie man sich das nach einem 71 Sonntagsmahle beim perlenden Schaumwein in behaglichster Stimmung auszumalen beliebt. Wer zwischen seinen vier Wänden sitzen bleibt oder sich nur im engsten Kreise seines Berufes bewegt, der freilich mag sich leicht der Täuschung hingeben, daß das Leben, wie es ihm glatt verläuft, auch im Ganzen und Großen für die Anderen nicht wesentlich anders sein werde. Wer aber auf den Markt hinaustritt und die Augen offen hält, der wird es bald gewahr, daß der Prozentsatz jener, die dem moralischen oder materiellen Bankerott erliegen, ein entsetzlich hoher ist. Freilich, das rauschende Alltagsleben nimmt nach jedem derartigen Niederbruch seinen weiteren Verlauf, als sei nichts geschehen, aber die Summe der Einzelfälle, die nach mehrjähriger Beobachtung jeder aus seinem Bekanntenkreise ziehen kann, ist eine ungeheuer große. Das Leben ist ein Kampf, ein schwerer Kampf in Ansehung der Unzulänglichkeit der Ausrüstung, die uns zuteil ward, und der Kampf kostet Opfer. Zur Schwäche gesellt sich die Schuld, zur Härte des Schicksals der Leichtsinn, zur Sorge, zur Seelenpein körperliches Gebrechen und zehrende Krankheit, – Alles arbeitet mit, den großen 72 Bankbruch vorzubereiten. Die Probe auf das Exempel ist nicht schwer zu machen. Irgend eine Vereinigung zählt hundert Mitglieder; man blättere nach einigen Jahren in der Erinnerung wie in einem Photographie-Album, und man wird staunen, was da in verhältnismäßig kurzer Zeit Zufall, Krankheit und Verbrechen für Verheerungen in den Existenzen angerichtet haben.

Auch unser Regiment ward bald vom Schicksal dezimiert. Im Anfang freilich, etwa ein Jahr lang, ging Alles in schönster Ordnung. Piroska war nach einstimmigen Beschluß der Väter vom Professor auf ein vornehmes Mädchenpensionat in Dresden gebracht worden. Briefe waren von der Kleinen, die noch nicht Deutsch konnte und die zudem natürlich von dem merkwürdigen Vaterschaftsverhältnisse des Regimentes zu ihr gar keine rechte Vorstellung hatte, nicht zu erwarten, und die Nachrichten, welche die Institutsvorsteherin gelegentlich dem Professor zukommen ließ, waren spärlich, dürftig und meist geschäftlicher Natur.

Es waren vorzugsweise die Sonntagsmahle, welche der Club der Väter zur Besprechung der Familienangelegenheit wählte. Es wurden dabei lustig 73 Luftschlösser gebaut, und es wäre sicherlich Alles wunderschön gewesen, wenn sich die Wirklichkeit nach den Phantasien der glücklichen Väter hätte richten wollen, aber es lief eben nicht Alles so glatt ab. Zwei Mitglieder schieden im Laufe des ersten Jahres aus dem Junggesellenheim. Geschäftliche Krisen hatten ihnen die Notwendigkeit auferlegt, sich zurückzuziehen und sich nach einer einfacheren und billigeren Lebensführung umzusehen. Die neuen Ankömmlinge, die an ihrer Stelle eintrafen, konnte und mochte man nicht gleich ins Vertrauen ziehen und zu einer Beitragsleistung für eine Sache verhalten, die sie ja eigentlich nichts anging. Dazu kam, daß Katharina, die so lange tapfer Stand gehalten hatte, nun doch von dem Erbübel ihrer Familie, der Brustkrankheit, befallen wurde. Sie konnte sich um die Wirtschaft nicht mehr kümmern wie früher, und die Folgen davon zeigten sich nur zu bald. Man aß nicht mehr so gut wie sonst im Heim der Junggesellen, und immer häufiger wurden die Klagen, daß nunmehr die Reinlichkeit im Hause, – früher der Stolz Katharina's – zu wünschen übrig lasse. Das kostete, als das erste Jahr um war, weitere drei 74 Mitglieder des Regimentes, die nicht einsahen, warum sie sich für ihr gutes Geld nicht ein besseres Unterkommen suchen sollten. Und nun begannen auch schon die Rückstände in den monatlichen Beitragsleistungen. Auch das war das Schlimmste noch nicht.

Eines Tages saßen der Professor, Graf Clemens und Rudolf Sander verstört beisammen und hielten Rat. Sander hatte eben eine erschütternde Nachricht mitgebracht. Raimund Hecker, der Kassier, hatte sich in seinem Zimmer erschossen. Die sofort von den drei Freunden vorgenommene Revision hatte ein niederschmetterndes Resultat. Einen Brief hatte der Selbstmörder nicht zurückgelassen, aber die Untersuchung gab doch hinreichenden Aufschluß. Das ganze Clubvermögen, von dem die Kosten der Erziehung Piroska's bestritten werden sollte, mit dem man sogar ihre zukünftige Erziehung sicher zu stellen gedacht hatte, war bis auf den letzten Kreuzer verspielt.

Eine Anzahl von vorgefundenen Lotteriezetteln und Promessen bekundete die wahnsinnige Verblendung, mit der der Schiffbrüchige noch um die Rettung gerungen. Der erste Beschluß, den die drei Freunde auf den Rat 75 des Professors faßten, ging dahin, den Fall vor Katharina, die schwer krank und nach Aussage der Arzte hoffnungslos darniederlag, zu verheimlichen. Ob sie gerichtliche Anzeige von der Unterschlagung machen sollten oder nicht, darüber wollten sie erst schlüssig werden, wenn die gerichtliche Untersuchung, die ja ohnedies erfolgen mußte, das als notwendig und zweckmäßig erweisen sollte, allein von vornherein war die Meinung vorwiegend, mit einer solchen Anzeige an das Gericht, also an die Öffentlichkeit nur im alleräußersten Notfalle zu gehen, und wenn es halbwegs anging, lieber ein Opfer zu bringen, als diese ihre Angelegenheit der öffentlichen Verhandlung preiszugeben.

Die gerichtliche Untersuchung förderte denn auch kein nennenswertes Ergebnis zu Tage. Die Landesbank, bei der Raimund Hecker angestellt gewesen war, war um einen für ihre Verhältnisse nicht eben erheblichen Betrag geschädigt worden. Sie zog es daher vor, den Verlust nicht einzubekennen und ihrerseits bei Gericht keine Anzeige zu erstatten.

So viel stellte sich nach und nach heraus, daß Raimund Hecker ein pflichttreuer und verläßlicher Beamter 76 gewesen bis zu dem Zeitpunkt, da er den ersten Versuch, an der Börse zu spielen, unternommen. Auch da war nicht die persönliche Habsucht die Triebfeder gewesen, sondern ein unvernünftiger Ehrgeiz. Er wollte eines Tages dem Regimente verkünden können, daß er als treuer Verwalter das Vermögen der Tochter des Regiments verdoppelt, verdreifacht, vielleicht verzehnfacht habe. Die würden Gesichter machen! Er, der bis dahin niemals auch nur einer Versuchung des Spiels unterworfen war, sprang da mit beiden Füßen zugleich auf den gefährlichen Grund. Er glaubte vorzügliche Informationen erhascht zu haben, und gleich der erste Versuch endete mit einer grausamen Enttäuschung. Dann folgten Wochen und Monate wahnwitzigen Ringens, und den Schlußpunkt bildete die Revolverkugel.

Katharina erfuhr von dem Unheil nichts. Vierzehn Tage nach dieser Katastrophe drückte ihr Professor Baumann, der Präsident des Junggesellenheims die erloschenen Augen zu. Das Heim wurde aufgelöst; die Junggesellen zerstoben in alle Winde. 77

 


 

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