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Die Tochter des Regiments und andere Novellen

Balduin Groller: Die Tochter des Regiments und andere Novellen - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie Tochter des Regiments und andere Novellen
authorBalduin Groller
year1899
firstpub1888
publisherE. Pierson's Verlag
addressDresden und Leipzig
titleDie Tochter des Regiments und andere Novellen
pages244
created20140907
sendergerd.bouillon@t-online.de
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II.

Katharina blühte bei ihrer neuen, erfolgreichen Beschäftigung auch wieder neu auf, wie ein Blumenstock, der vordem in der ausgetrockneten Erde am Verkümmern war, und der dann durch regelmäßige Begießung wieder erfrischt wird. Ihre Augen leuchteten wieder in jugendlichem Glanze und ihre Gestalt gewann an Fülle. Sie hatte sich vollkommen eingelebt in den neuen Beruf und fühlte sich sicher in demselben. Ihre »Herren«, wie sie die Bewohner ihrer Kolonie nannte, hielten Stücke auf sie und fügten sich willig in das von ihr festgestellte System der Zucht und Ordnung.

So war sie nun dreiundvierzig Jahre alt geworden, alt genug, um mit Würde und ohne Gefahr für ihren Ruf dem Junggesellenheim vorstehen zu können, und dabei war sie doch noch immer hübsch genug, um ihren Mietern Anlaß zu allerlei scherzhaften, aber harmlosen Galanterien zu bieten. Die Herren waren einig darüber, daß man ihr dankbar sein müsse, daß sie so hübsch sei; man sieht doch immer gerne ein hübsches Gesicht um sich. Sie hätte ja bei gleicher Tüchtigkeit auch häßlich und viel älter sein können, das wäre ja 32 auch nicht zu ändern gewesen, und man hätte es sich gefallen lassen müssen, so war es aber entschieden besser.

Den Vorsitz an der Tafel der Junggesellen führte Professor Baumann, ein jugendlicher alter Herr von unverwüstlicher Lebensfreudigkeit trotz seiner siebzig Jahre. Er war ein Landschaftsmaler von Ruf und Professor an der Akademie der bildenden Künste. Er war der erste Gast Katharina's gewesen und war ihr, da er sie gleich von Anfang an ins Herz geschlossen hatte, durch all die drei Jahre her treu geblieben. Er hatte immer ein liebenswürdiges Scherzwort für Katharina in Bereitschaft und er war es auch von vorne herein, der für die späteren Ankömmlinge den Verkehr mit ihr auf den Ton achtungsvoller Vertraulichkeit gestimmt hatte. Der alte Herr genoß eine unbestrittene Autorität an der Tafelrunde der Junggesellen, und die übrigen ordneten sich um so williger unter, als er sich die volle Jugendlichkeit der Gesinnung bewahrt hatte und niemals als Spielverderber auftrat.

Es war an einem trüben Dezembersonntag, daß sich die nunmehrigen weltlichen Bewohner des ehemaligen Klosters in einiger Erregung zu Tische setzten. 33 Im Refektorium sah es heimlich genug aus. Ein Dutzend Gasflammen verbreitete strahlende Helle und im mächtigen Kamin prasselte ein lustiges Feuer. Man hatte nur auf den Professor gewartet, und als er eingetreten war, begann er auch sofort seine übliche Plänkelei mit Katharina.

»Womit werden Sie uns heute vergiften, Fräulein Kathi?« begann er, aber es fiel sofort auf, daß dieses Mal die übliche schlagfertige Antwort auf seine Neckerei ausblieb. Katharina huschte lautlos hinaus, um nach dem Rechten zu sehen.

»Was die Fräul'n Kathi nur hat?!« fragte der Professor. (»Die Fräul'n Kathi« muß der richtige Wiener sagen, wenn er sich gehen läßt, anders will ihm's schwer von der Zunge.) »Ist sie schlecht aufgelegt? Sie hat doch sonst keine Launen.«

»Ich weiß nicht, mir ist sie heute auch so eigentümlich vorgekommen,« bemerkte Rudolf Sander, ein junger Glasfabrikant, dessen Geschäftsniederlage ebenso wie die Akademie in der nächsten Nachbarschaft des ehemaligen Klosters lagen. »Sie hat meinen Gruß kaum erwidert. Sie ist doch sonst nicht so!«

34 »Ich habe bemerkt,« mischte sich Graf Clemens Limay ins Gespräch, »daß sie sich vorhin eine Thräne aus dem Auge gewischt hat. Sehen Sie sie nur an, wenn sie wieder hereinkommt; ihre Augen sind geschwollen, sie hat geweint.« Graf Clemens war ein junger hochaufgeschossener Aristokrat, der sich dem Studium der Rechts- und Staatswissenschaften widmete, und der nun sein letztes Jahr an der Wiener Universität machte. Er war von seiner Familie, die auf einem Schlosse in Krain residierte, für die politische Laufbahn bestimmt worden, und er zeigte für diese in der That viel Neigung und eine ungewöhnliche Begabung.

»Das muß herausgebracht werden, was da los ist,« meinte Moritz Grabmann, der Disponent eines großen Bankhauses.

Das weitere Gespräch und alle Konjekturen, die nun folgen sollten, wurden durch den Wiedereintritt Katharina's abgeschnitten. Graf Clemens hatte Recht gehabt, wie sich alle sofort überzeugten; Katharina hatte geweint.

Man setzte sich zu Tische, in der gewohnten Sitzordnung; der Professor an dem oberen, Katharina an 35 dem unteren Ende. Das Gespräch wurde nur mit halber Stimme geführt und stockte oft ganz. Fräulein Kathi hatte einen Kummer und fast unbewußt bezeugte man durch diese Zurückhaltung seine Achtung vor demselben; so dämpft man unwillkürlich die Stimme in einem Zimmer, in dem ein Toter liegt. Nur der Professor versuchte es noch manchmal, die Stimmung gewaltsam aufzupulvern. So wollte er durchaus aus der Suppe seines Nachbars Sander die Leberknödel mit der Hand herauslangen, um zu beweisen, daß es sich mit diesen vortrefflich jonglieren ließe, aber der alte Spaß wollte nicht verfangen, und die Stimmung blieb eine gedämpfte.

»Wir müssen sie fragen, was ihr fehlt,« meinte der Professor, als Katharina auf kurze Zeit wieder den Saal verließ, um darüber zu wachen, daß der Sonntagsbraten in seiner ganzen imponierenden und berückenden Pracht serviert werde, und daß es beim Salat und dem Kompot nur ja nicht an etwas fehle.

»Ja, wir wollen sie fragen,« war die allgemeine Ansicht.

»Sollen wir eine Deputation von 36 Vertrauensmännern zu ihr schicken,« forschte der Professor weiter, »oder soll sie hier vor allem Volke Rede stehen?«

»Wir wollen es alle wissen, was ihr fehlt, und wenn sich etwas helfen läßt, so wollen wir alle mithelfen,« lautete der Bescheid der öffentlichen Meinung.

Nach dem Braten klopfte der Professor auf sein Glas zum Zeichen, daß er das Wort zu ergreifen wünsche.

»Fräulein Kathi!« begann er zur nicht geringen Verlegenheit der so feierlich Angeredeten. »An Sie richte ich das Wort. Wir glauben bemerkt zu haben, daß Sie irgend ein Kummer drückt.« Katharina preßte das Taschentuch gegen die Augen. »Und da wir herzlichen Anteil nehmen an allem, was sie betrifft, betrachten wir uns doch in gewissem Sinne als Ihre Kinder –« Da mußte selbst Katharina unter ihren Thränen lachen. Diese zwölf Herren mit dem siebzigjährigen Professor an der Spitze – ihre Kinder! »Und da möchten wir nun wissen, was das ist, was Sie bedrückt, und ob wir Ihnen nicht helfend zur Seite stehen könnten. Wir brauchen ja doch nicht erst zu versichern, daß Sie auf uns zählen dürfen. Also, nur Mut, und heraus mit der Sprache!«

37 Katharina entgegnete, es sei nichts, wirklich nichts, und dankte dann verwirrt für die viele ihr erwiesene Teilnahme und Güte.

»So kommen Sie uns nicht los, Fräulein Kathi,« fuhr der Professor beharrlich fort, »und von Güte ist schon gar nicht die Rede. Es giebt kein selbstsüchtigeres Volk, als das der Junggesellen. Wir wollen, wenn es möglich ist, Ihren Kummer wegbringen, aus gar keinem anderen Grunde, als weil uns das Essen besser schmeckt, wenn wir ein freundliches Gesicht vor uns haben. Jetzt setzen Sie sich also schön her zu mir und beichten Sie. Vielleicht läßt sich auch noch zu Ihrer Hacke der rechte Stiel finden.«

Katharina verließ ihren Platz und setzte sich zu dem Professor, der ihre Hand ergriff und ihr neuerdings zuredete.

»Nur Kourage! Es müßte doch kurios zugehen, wenn so viele Doktoren mit einer Krankheit nicht sollten fertig werden können. Gestehen Sie, was ist Ihnen über die Leber gelaufen?«

Es war eine traurige Geschichte, die Katharina stockend und unter Thränen erzählte. Ein junger Mann, 38 ein entfernter Verwandter von ihr, habe sich vor Jahren in ein junges Mädchen verliebt, und da die beiderseitige Verwandtschaft auf das allerentschiedenste gegen ihre Verbindung gewesen, seien sie eines Tages einfach durchgegangen. Nach vielfachen Kämpfen und Entbehrungen sei es ihm endlich gelungen, als Photograph in einem ungarischen Städtchen eine äußerst bescheidene, aber immerhin noch auskömmliche Existenz zu finden. Zwölf Jahre lang hatten sie sich nun schon so fortgebracht und sie hätten nun doch schon vielleicht beruhigter in die Zukunft blicken können, da sei aber im letzten Herbst die Cholera gekommen, und dieser sei erst der Mann und zehn Tage später dann seine Frau erlegen.

»Das ist allerdings ein schweres Unglück,« sagte der Professor, »aber liebes Fräulein Kathi, dagegen läßt sich nun wirklich nichts thun«.

»Das ist nicht alles,« fuhr Katharina fort. »Sie hatten ein Kind, ein zwölfjähriges Mädchen zurückgelassen, das nun ganz verwaist und allein auf der Welt dastand. Die Gemeinde wollte die Sorge für das Kind nicht übernehmen. Man forschte nach und 39 man machte mich, als die einzige Verwandte, die auszuforschen war, ausfindig, und da haben sie mir das Kind ins Haus geschickt. Seit gestern habe ich das Mädchen bei mir.«

Diese Mitteilung rief eine gewisse Erregung in der Junggesellen-Kolonie hervor. Die Kolonie hatte neuen Zuwachs erhalten; das war doch etwas, was sie alle anging. Und noch dazu ein Kind, ein Mädchen! Katharinas Herren steckten die Köpfe zusammen und es ging ein lebhaftes Gemurmel durch den Saal.

»Aber, Fräulein Kathi,« nahm der Professor, nachdem die erste Erregung sich einigermaßen gelegt hatte, wieder das Wort, »das Unglück ist doch nicht gar so groß!«

»Ein Unglück! Mein Gott, ein Unglück ist's nicht, aber den Schwachen drückt eine Last nieder, die der Starke vielleicht ohne Beschwer tragen kann. Was soll ich mit einem Kinde anfangen? Ich muß von früh bis in die Nacht hinein arbeiten, wie kann ich mich da der Erziehung eines Kindes widmen? Ohne Aufsicht kann ich sie nicht lassen. Soll ich ihr eine Gouvernante nehmen? Das kann ich doch nicht; oder 40 soll ich sie zu fremden Leuten thun? Ich weiß mir nicht zu raten.«

»Dürfen wir die Kleine nicht ansehen?« fragte der Professor. »Führen Sie sie uns doch zu.«

Katharina ging hinaus und kam nach wenigen Minuten, das zwölfjährige Mädchen an der Hand führend, zurück. Das Kind machte einen artigen Knix vor den Herren, als es den Saal betrat, und ließ sich, ohne Verlegenheit zu zeigen, bei der regen Aufmerksamkeit, die ihm gewidmet ward, zu dem Professor führen.

»Na, grüß Gott, Du Kleine,« sagte er, indem er ihr die Hand auf's Haupt legte. »Der reine Makart-Typus,« wandte er sich dann dozierend an die Kolonisten. »Wenn die noch einige Jahre so fortmacht, setzt Makart Himmel und Hölle in Bewegung, sie malen zu dürfen!«

Es war zunächst der koloristische Effekt, der das Auge des Künstlers in Anspruch genommen hatte. Das magere, graziös gebaute Kind hatte ein schwarzes Kleidchen an mit hoch hinaufragender schwarzer Halskrause, hohe, schwarze Kniestrümpfe und zierliche Halbschühlein. Von dem düsteren Schwarz der Trauerkleidung hob sich seltsam wirkungsvoll das Köpfchen 41 ab, das von hellem, rötlich schimmerndem Haar wie von einem Strahlenkranze bekrönt war. Das zarte, blühende Gesichtchen ward durch munter blickende, große, schwarze Augen und durch liebliche rote Lippen belebt, die regelmäßige, hübsche Zähne sehen ließen, wenn sie sich zu einem Lächeln öffneten.

»Alle Achtung!« sagte der Professor, sich wieder mit einer Art künstlerischer Befriedigung an die Tafelrunde wendend. »Ein herziger Schatz! Wie heißt Du, mein Kind?« redete er dann die vor ihm stehende Kleine wohlwollend an.

Das Kind blickte ihm mit einem Ausdruck der Hilflosigkeit in die Augen und schüttelte dann leicht den Kopf.

»Sie versteht Sie nicht, Herr Professor,« erklärte Katharina. »Sie versteht nicht ein Wort Deutsch.«

Sie versteht nicht Deutsch! Neuerliche Aufregung in der Kolonie.

»Was versteht sie denn?« fragte der erstaunte Professor.

»Nur Ungarisch.«

»Verstehen Sie denn Ungarisch, Fräulein Kathi?«

42 »Nicht eine Silbe!«

»Sie haben selber noch nicht mit ihr gesprochen?«

»Nicht ein Wort! Wie hätte ich auch können? Es ist ein Jammer!«

Es fand sich einer in der Gesellschaft, der Ungarisch reden konnte. Der wiederholte die Frage des Professors.

»Piroska, kérem!« lautete die mit heller, lauter Stimme und in Verbindung mit einem Knix erteilte Antwort.

Was hat sie gesagt? Alle reckten die Hälse zu dem Sprachkundigen, um zu erforschen, was sie gesagt habe. Dieser freute sich der Wichtigkeit, die er plötzlich erlangt hatte und berichtete: »›Piroska, ich bitt',‹ hat sie gesagt.«

»Also, wie heißt sie?« fragte der Professor, dem der fremdartige Name nicht gleich in das Ohr wollte.

»Piroska!«

»Den Namen werde ich mir nie merken können!« jammerte der Professor. »Pi–Pi–Piroska; ein merkwürdiger Name!«

»Man könnte ja auch Papiroska sagen – der Kürze halber!« rief der Witzbold der Kolonie von dem unteren Ende der Tafel herauf.

43 »Ruhe im Unterhaus!« verwies der Professor. »Übrigens war die Idee nicht schlecht; ein mnemotechnisches Hilfsmittel. Jetzt werde ich mir den Namen merken.«

Dann wandte er sich wieder an die Kleine, machte ihr ein möglichst freundliches Gesicht und winkte sie zu sich heran. Piroska trat noch einen Schritt näher zu ihm.

»Komm' her, mein Kind,« sagte er, ihre Hand erfassend. »Reden kann man also mit Dir nicht, aber einen Kuß kannst Du mir doch geben, der für die ganze Kolonie gelten soll.«

Er hielt ihr sein weißbärtiges Gesicht hin und lachte sie gütig an. Piroska verstand und gab ihm mit der Folgsamkeit eines braven Kindes einen Kuß. Katharina fand dann, daß die Herren doch nicht länger gestört werden dürften, entschuldigte sich, daß es so weit schon geschehen sei, und bedeutete dann dem Kinde, daß sie den Saal nun wieder verlassen müßte. Piroska küßte nun dem Professor aus freien Stücken die Hand, machte den übrigen Herren noch einen artigen Knix und ließ sich dann von Katharina abführen.

44 Piroska hatte in der Kolonie Eroberung gemacht. Alles war einig, daß sie ein allerliebstes, herziges und wohlerzogenes Kind sei. – Schade nur, daß sie nicht deutsch kann!

Nach dem Dessert schlug der Professor vor, daß man heute noch ausnahmsweise etwas länger beisammen bleiben solle, um das Ereignis des Tages zu besprechen. Der Antrag wurde angenommen und Katharina beauftragt, für alle einen guten schwarzen Kaffee zu brauen.

Der Auftrag war sehr rasch besorgt und bald hatte jeder die dampfende Mokkatasse vor sich. Katharina stellte noch einige brennende Kerzen für die Raucher auf den Tisch und zog sich sodann zurück.

»Ich hätte eine Idee!« rief der Professor in das Stimmengewirr.

»Hört, hört!« Dem Präsidenten wurde immer willig Gehör geschenkt.

»Ich finde nämlich,« setzte der Professor fort, »daß für uns alle Bedingungen gegeben sind, ein gutes Werk zu thun. Wenn man gut gegessen und getrunken hat, ist man am ehesten zugänglich für edle Regungen. Wir haben gut gegessen und gut getrunken, jetzt rauchen wir 45 gut: wir haben es hier gut warm, draußen ist's bitter kalt, wir haben hier angenehme, strahlende Helligkeit, draußen ist's ungemütlich finster. Werfen wir einen Ring ins Meer, thun wir ein gutes Werk!«

»Jawohl, für Piroska!« tönte es im Chorus.

»Erraten! Das habe ich mir gedacht. Wir sitzen hier zwölf Mann hoch beisammen wie die Apostel. Das wird doch keine Hexerei sein, für die Kleine etwas zu thun. Fräulein Kathi ist in Sorgen, die wir ihr abnehmen können, ohne uns sonderlich wehe zu thun. Was wird uns denn das schaden, wenn wir monatlich einen, oder sagen wir zwei Gulden hergeben, um das Kind etwas lernen zu lassen? Wir haben schon alle so viel unnützes Geld ausgegeben, daß wir uns nichts brechen werden, wenn wir einmal ein kleines Opfer für einen vernünftigen Zweck bringen. Wie die Dinge jetzt liegen, dürfte aus der Kleinen ein Dienstmädchen werden. Das wäre doch schade, und das sollen wir nicht zugeben, nachdem sie uns einmal auf dem Lebensweg begegnet ist. Sie soll auf unsere Kosten etwas lernen, daß sie zu einem ordentlichen Beruf kommt und sich dann später mit Anstand selbst fortbringen kann.«

46 »Einverstanden!« erklang es vom Unterhaus. »Wir adoptieren Piroska!«

»Adoptieren! Das ist eine hübsche Idee,« stimmte der Professor zu, den Gedanken gleich aufnehmend. »Piroska wird unsere Tochter, für die wir sorgen wollen.«

»Die Tochter des Regiments!« rief der Lauteste im Unterhaus, Raimund Hecker, der Hauptkassier der Landesbank.

Auch dieses Wort wurde aufgegriffen und es stand nun sofort fest, daß Piroska die Tochter des Regiments sei. Alle fühlten sich förmlich erhoben bei dem Gedanken, daß sie nun eine neue, ernste Würde, die Vaterwürde erlangt hätten.

»Ich habe keine große Praxis in den weiblichen Berufsarten,« fuhr der Professor fort, »aber es ist mir klar, daß wir sie zu einem nützlichen Beruf erziehen lassen müssen. Ich denke, sie soll Näherin werden oder Kleidermacherin. Sie wird kein glänzendes Dasein haben, aber sie wird doch in der Lage sein, sich durch ihre Arbeit zu erhalten, und das ist die Hauptsache.«

»Ich stimme für Kleidermacherin,« rief Raimund Hecker herauf. »Das bietet doch mehr Aussichten. 47 Wenn sie Talent hat, kann sie es zu etwas bringen. Sie kann sich etablieren, kann einen Salon eröffnen, und schließlich und endlich wird einer von uns designiert, der sie heiraten muß. Dann ist sie definitiv versorgt.«

»Das ist gar nicht so dumm, was Freund Hecker sagt,« meinte der Professor, und ein beifälliges Gemurmel drückte die Zustimmung der Majorität aus. »Wir wollen also gleich den Monatsbeitrag mit zwei Gulden festsetzen. Mit vierundzwanzig Gulden im Monat läßt sich schon etwas richten. Also – einverstanden?«

In die nun von allen Seiten erklingenden Zustimmungs-Kundgebungen schnitt aber scharf und klar und hell ein Protestruf.

»Ich bin dagegen!«

Alles stutzte. Wer treibt selbst da Opposition? Es war Moritz Grabmann, der Disponent des großen Bankhauses. Das Unterhaus war über den unerwarteten Widerspruch ganz rebellisch geworden.

»Er soll wegbleiben, wenn er nicht mitthun will!« erklang es herauf. »Die Majorität entscheidet! Wir 48 sind dafür! Wir führen es doch durch und nun gerade erst recht!«

Der Professor gab sich Mühe, Öl auf die empörten Wogen der Diskussion zu gießen.

»Nur ruhig Blut, meine Herrschaften,« rief er beschwichtigend. »Die Sache ist ernst und verdient wohl erwogen zu werden. Behandeln wir sie parlamentarisch, sonst kommen wir nicht vorwärts. Es empfiehlt sich nicht, daß mehr als sechs Herren auf einmal und zugleich das Wort ergreifen. Vielleicht ist auch das schon zu viel. Ich beantrage, Herrn Grabmann ruhig anzuhören und erteile nun ihm das Wort zur Begründung seines Protestes.«

Moritz Grabmann erhob sich.

»Meine Herren! Ich habe mir erlaubt, anzudeuten, daß ich anderer Ansicht bin, als Sie. Das hat Ihnen nicht angenehm geklungen, – thut mir leid! – aber ich habe vor, Ihnen noch viel Unangenehmeres zu sagen. (Oho!) Ihr ›Oho‹ läßt mich sehr kalt und wird mich jedenfalls nicht hindern, Ihnen meine Meinung zu sagen.«

»Aber – meine Herren!« bat der Professor. 49 »Wozu denn plötzlich der gereizte Ton? Um was handelt es sich denn? Um eine Kleinigkeit. Wir wollen ein gutes Werk thun, und dabei hat doch jeder das Recht, mitzuhalten, oder sich auszuschließen, aber zu irgendwelchen Zwistigkeiten liegt doch wahrhaftig kein Anlaß vor.«

Grabmann war während dieser Unterbrechung ruhig stehen geblieben, dann fuhr er fort:

»Ich habe nur eine Frage an den Herrn Vorsitzenden: Habe ich das Wort oder habe ich es nicht?«

»Sie haben es,« bestätigte der Professor.

»Dann möchte ich bitten, mich gütigst ausreden zu lassen, und überhaupt dafür zu sorgen, daß in diesem Saale die Redefreiheit gewahrt und respektiert werde.«

Wieder erhob sich ein Gemurmel des Mißfallens; die herausfordernde Art des Redners hatte etwas Aufreizendes. Der Professor wiegelte mit ausdrucksvoller Handbewegung ab, und nun konnte der Redner ungestört weitersprechen:

»Ich habe versprochen, Ihnen noch Unangenehmeres zu sagen und ich bin nicht gesonnen, Ihnen das zu schenken. Was Sie da ausführen wollen, meine Herren, 50 ist eine Komödie – eine Komödie sage ich und das halte ich aufrecht; lassen Sie es mich auch gleich aussprechen, eine unwürdige Komödie. Wir sollen, wenn ich recht gehört habe, ein Kind adoptieren. Gut, schön. Das ist aber kein Spaß und kein Spiel. Man muß sich klar sein, was man will. Eines ist sicher: so macht man solche Sachen nicht! Sie wollen großmütig zwei Gulden monatlich votieren. Dagegen habe ich nichts, und wenn man zu mir kommen wird, werde auch ich mir nicht die Taschen zuhalten. Wogegen ich aber eine ernste Einwendung zu erheben habe, das ist die Leichtfertigkeit, um nicht zu sagen Frivolität, mit welcher da in eine ernste Sache hineingestiegen werden soll.

Zwei Gulden wollen Sie monatlich spenden. Das ist weniger, als jeder von Ihnen wöchentlich auf Zigarren braucht, weniger, als Sie in einer Woche für das Theater ausgeben, aber immerhin kann es unter Umständen genug sein für ein Almosen. Wenn Sie dieses Almosen geben, so respektiere ich das, aber Sie dürfen nicht bei dieser Geschichte auch noch ein Geschäft machen wollen. So billig ist die Gloriole eines Wohlthäters der Menschheit denn doch noch nicht zu kaufen. 51 Sie wollen sich in dem Hochgefühl bespiegeln, daß Sie ein schutzloses Kind angenommen, vielleicht vor dem Untergang gerettet haben, Sie wollen sich aufspielen als Väter, Sie wollen mit Stolz auf unsere Tochter, auf die Tochter des Regiments blicken, – alles für zwei Gulden! Das ist zu viel verlangt; da werden Sie sich doch etwas mehr anstrengen müssen.

Sollen wir, zwölf ernsthafte Männer, uns zusammenthun, um uns eines gottverlassenen Wurms anzunehmen, und das mit den zwei Gulden soll das ganze Ergebnis sein? Das wäre einfach lächerlich. Ein Apparat von zwölf Adoptivvätern, und richtig die Riesensumme von vierundzwanzig Gulden monatlich! Dazu brauchen wir Sie nicht. Wenn Sie mich böse machen, nehme ich den ganzen Krempel auf mich und lasse Piroska auf meine Kosten die Schneiderei erlernen. Wo bleibt dann Ihre berühmte Humanität und Ihre großartige Vaterschaft?

Also, Klarheit vor allen Dingen, meine Herren! Entscheiden Sie sich erst darüber, was Sie eigentlich wollen. Entweder – oder! Almosen oder Adoption! Wollen wir ein Almosen geben, dann lassen wir Piroska 52 in Gottes Namen die Schneiderei erlernen, aber drapieren wir uns dann nicht mit der großartigen Vaterliebe. Wir unterstützen dann einfach ein armes Mädchen, – basta, fertig! Wollen Sie aber das Kind wirklich adoptieren, dann geht die ganze Sache sofort aus einem anderen Ton. Wenn man schon das Glück hat, zwölf solche Väter zu gewinnen, dann muß es auch der Mühe wert sein. Solche Dinge führt man mit Anstand durch oder man läßt die Hände davon. Wir werden unser Kind nicht der Gefahr aussetzen, von einer Werkstatt in die andere gepufft und schließlich vielleicht auf die Straße gesetzt zu werden. Unsere Tochter muß unserer eigenen sozialen Stellung entsprechend eine Dame werden. Wir haben die Pflicht, sie in dem ersten Pensionat erziehen zu lassen und ihre Zukunft von vornherein sicher zu stellen. Das ist natürlich keine Kleinigkeit, aber eine Adoption ist auch kein Spaß.

Also noch einmal, entscheiden Sie sich, ob Almosen oder Adoption. Ich erkläre jetzt schon, daß ich nach beiden Richtungen mit mir reden lassen werde, nur dafür werde ich nicht zu haben sein, mir für zwei Gulden billige Lorbeeren zu kaufen.«

53 Grabmann's Worte machten einen tiefen Eindruck auf die Gesellschaft. Raimund Hecker kratzte sich hinter dem Ohre.

»Der Mann sagt' was,« meinte er. »Gar so Unrecht hat er ni–icht!«

Das ganze Unterhaus war sofort auf Grabmann's Seite.

»Das hätten wir wirklich früher überlegen sollen!« sagte Willy Nock, der junge Besitzer eines Exportgeschäftes.

»Ganz meine Ansicht!« versicherte Gustav Fürst, der Juwelier von der Währingerstraße.

Aber auch das Oberhaus stand unter dem Banne der Grabmann'schen Argumentation. Der Professor, Graf Clemens und Rudolf Sanders, der Glasfabrikant, steckten die Köpfe zusammen und bestätigten sich, daß in der That an dem, was Grabmann gesagt habe, »etwas d'ran« sei.

Die Unterhaltung wurde jetzt wieder allgemein und sehr lebhaft, und der Professor sah sich kraft seiner Autorität als Vorsitzender genötigt, einzugreifen, um wieder System in die Verhandlung zu bringen.

54 »So kommen wir nicht weiter, meine Herren!« rief er. »Wir müssen bei der parlamentarischen Behandlung des Gegenstandes der Tagesordnung bleiben. Ich bitte diejenigen, die zur Sache zu sprechen wünschen, sich bei mir zum Wort zu melden.«

»Ich bitte um's Wort!« meldete sich Gustav Fürst.

»Herr Fürst hat das Wort.«

»Ich beantrage ein Komitee zu wählen, das die Angelegenheit studieren und uns in den nächsten Tagen ein Referat erstatten soll.«

»Wird der Antrag unterstützt?«

Der Antrag wurde nicht unterstützt. Von allen Seiten ertönten Rufe.

»Nein! Kein Komitee! Wir wollen kein Komitee! Wir wollen selbst entscheiden!«

Gustav Fürst fuhr dann fort:

»Nach der glänzenden Aufnahme, die mein Antrag gefunden, sehe ich mich veranlaßt, ihn zurückzuziehen. Dafür beantrage ich, daß wir heute so lange sitzen bleiben, bis wir zu einem Beschlusse gelangt sind. Weiters erlaube ich mir den Zusatzantrag, einige Flaschen 55 Wein auffahren zu lassen. Wie können doch unmöglich so trocken dasitzen!«

Das leuchtete ein. Der Wein wurde bestellt und die Beratung nahm ihren Fortgang. Der Professor war es, der wieder zuerst das Wort ergriff:

»Wir müssen unserem Freunde Grabmann jedenfalls dankbar sein, daß er uns seine Bedenken und seine Anregungen vorgebracht hat. Es ist kein Zweifel, daß seine interessanten Ausführungen, die uns die Sache in einem neuen Lichte gezeigt haben, Beachtung verdienen. Mit dem Almosen, sagen wir lieber mit der Unterstützung, wären wir ja bald fertig. Dazu bedürfte es keiner großen Beratung. Mit der Adoption allerdings ist es nicht so einfach, wie es auf den ersten Anblick erschien. Wir kennen auch den Umfang der Pflichten zu wenig, die wir auf uns nehmen müßten. Ist Herr Grabmann in der Lage, uns vielleicht auch darüber nähere Aufklärungen zu erteilen?«

»Ich habe die Sache natürlich noch garnicht eingehender überlegen können,« erwiderte Grabmann sich erhebend, »aber das Wichtigste ist mir doch auch jetzt schon klar. Piroska ist jetzt zwölf Jahre alt, wir hätten 56 also noch zwölf Jahre lang für die Erziehungskosten aufzukommen. Diese Kosten veranschlage ich für das Jahr mit achthundert bis tausend Gulden. Demnach würde von unserer Tafelrunde auf den Kopf ein Monatsbeitrag von zehn Gulden entfallen. Das wäre ja noch nicht unerschwinglich; damit ist es aber auch noch nicht abgethan. Es müßte doch auch Piroska's Zukunft von vornherein wenigstens halbwegs sicher gestellt werden, und das ginge entweder durch die Lösung einer Police bei einer verläßlichen Versicherungsgesellschaft oder die Gründung eines entsprechenden Reservefonds. Die Versicherung scheint mir in diesem Falle und bei der verhältnismäßigen Kürze der Zeit nicht ratsam. Die zu bezahlende Prämie würde so hoch ausfallen, daß wir für denselben Betrag fast schon selbst den Reservefond bilden könnten. Dabei hätten wir auch nicht die Kosten für das Risiko, das ja in Rechnung zu ziehen ist für den Fall des Ablebens unseres Schützlings. Ich bin also nur für den Fall für die Adoption, als es sich erweisen sollte, daß wir alle Anwesenden Willens und kräftig genug sind, die aus diesem Verhältnis sich ergebenden Pflichten und Lasten zu tragen.«

57 »Adoption! Adoption!« ertönte es vom Unterhause herauf.

»Ich bitte um's Wort!« rief Gustav Fürst aufspringend und ohne abzuwarten, daß es ihm erteilt werde, fuhr er fort: »Ich stelle den positiven Antrag, daß wir das Kind adoptieren. Es wäre doch lächerlich oder richtiger sehr traurig, wenn eine solche Versammlung von angesehenen, ehrenhaften Männern nicht imstande sein sollte, ein armes Kind vom Untergang zu retten. Wir können stolz sein, meine Herren, auf das Kind, das wir kriegen, und wir wollen es treu behüten!«

Gustav Fürst hatte eine sehr glückliche Art zu reden, und bei ihm gab weniger das, was er sagte, den Ausschlag, als die temperamentvolle und eindruckssichere Form, in welcher er seine Ansicht zum Ausdruck brachte.

Die allgemeine Stimmung war für die Adoption, und nur der Form halber nahm der Vorsitzende eine Abstimmung vor. Der Antrag auf Adoption war einstimmig angenommen.

»Damit haben Sie, meine Herren,« verkündete darauf der Professor, »gleichzeitig die Verpflichtung übernommen, durch sechs Jahre einen monatlichen 58 Beitrag von zehn Gulden zu leisten. Es wird gut sein, mit der Beitragsleistung sofort zu beginnen. Hier ist mein Beitrag für Dezember.«

Er legte eine Zehnguldennote auf den Tisch und sofort flogen mehrere Brieftaschen aus den Säcken.

»Wählen Sie sich nur zunächst einen Schatzmeister, meine Herren,« fuhr der Professor fort.

»Raimund Hecker!« rief es vom Unterhaus; und Raimund Hecker, der Hauptkassier der Landesbank, wurde zum Schatzmeister des Regimentes ernannt. Da man nun eine Regimentstochter hatte, betrachteten sich die »Väter« als Regiment.

Hecker legte sich eine Liste an und begann sofort mit den Eintragungen. Graf Clemens, Moritz Grabmann und Rudolf Sander erlegten, nachdem sie rasch das Geld aus ihren Zimmern geholt hatten, gleich den ganzen Betrag für sechs Jahre.

Gustav Fürst war davon ganz begeistert. »Das ist anständig, das ist nobel! Habe ich nicht Recht gehabt, daß man mit solchen Männern an der Seite nicht ängstlich zu sein braucht? Zehn Kinder, wenn Sie wollen, erziehen wir, nicht eins! Kinder, ich freue mich 59 riesig! Da hat man doch wirklich etwas geleistet. Ich zahle auch auf ein Jahr im Vorhinein!«

Mehrere andere folgten seinem Beispiele, und als der Schatzmeister die Eingänge summierte, stellte es sich heraus, daß man nach dem ersten Anlauf zweitausendsiebenhundertunddreißig Gulden in der Kasse hatte.

Gustav Fürst jubelte. »Meine Herren, das ist großartig! Ich beantrage, daß wir jetzt Champagner trinken. Einen schöneren Anlaß dazu giebt es nicht!«

Der Antrag ward angenommen, und nach wenigen Minuten war der Champagner in Eiskübeln zur Stelle.

»Ich habe den Antrag nicht ohne Absicht gestellt,« flüsterte Fürst listig seinem Nachbar Hecker zu. »Jetzt kommt nämlich der Reservefond an die Reihe, – da muß man den Herrschaften ein bischen einheizen!«

»Wenn es uns mit dem Reservefond ebenso gut geht, wie mit den Beiträgen,« sprach nun mit bewegter Stimme der Vorsitzende, »dann wäre ja das Schicksal unseres Kindes zur Not wirklich sicher gestellt. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll, meine Herren. Sie haben wirklich ein gutes Werk gethan!« Der alte Mann war wirklich bewegt und die Thränen traten ihm 60 in die Augen. »Könnte ich, wie ich wollte, dann wäre die ganze Sache ja sehr bald geregelt, aber Sie wissen, ich bin kein Kapitalist. Ich bin ein Künstler, ein Maler in Österreich – das sagt so ziemlich alles. Zudem werde ich im nächsten Jahre, weil ich siebzig Jahre alt werde, nicht etwa, weil ich nichts mehr könnte, pensioniert, aber ich habe nicht Kind und nicht Kegel, und etwas wird sich doch schon thun lassen. Geld habe ich allerdings nicht, das habe ich nie gehabt, aber ich widme dem Reservefond ein Bild. Es ist ein Motiv vom Chiemsee, und ist zum Abliefern fertig. Mein fester Preis für solche Bilder ist beim Kunsthändler fünfhundert Gulden, sollte aber jemand von den hier Anwesenden geneigt sein, das Bild zu erwerben, so würde ich es für dreihundert Gulden ablassen und den Betrag dem Reservefond widmen.

»Gemacht!« rief Grabmann kurz und trocken.

»Hoch unser Präsident! Bravo Grabmann!« schrie Gustav Fürst begeistert.

»Ich bitte um Entschuldigung,« ließ sich jetzt Graf Clemens vernehmen, indem er sich in seiner ganzen Länge erhob. »So geht das doch nicht, und ich lege ernstlich 61 Verwahrung gegen einen solchen Vorgang ein. Herr Grabmann hat uns außerordentlich geistreich und namentlich sehr überzeugend dargethan, daß es nicht angehe, weil es nicht anständig sei, Geschäfte auf dem Rücken und auf Kosten unseres Kindes zu machen. (Aha!) Mich wenigstens hat er so sehr überzeugt, daß ich jetzt unmöglich zugeben kann, daß er ein solches Geschäft mache. (Sehr gut! Heiterkeit.) Der Preis des Bildes beträgt, wie wir gehört haben, fünfhundert Gulden. Nicht einmal unser Herr Präsident ist berechtigt, Wohlthaten zu üben auf Kosten unseres Kindes. Das Bild kostet fünfhundert Gulden und nicht einen Kreuzer weniger, Herr Grabmann!«

»Ich kaufe es für fünfhundert,« entgegnete Grabmann und legte den Betrag auf den Tisch. »Mein Kompliment, Herr Graf! Es ist Ihnen gelungen; Sie haben mich hineingelegt.«

»Mich mit!« erwiderte Graf Clemens lachend. »Denn ich widme jetzt natürlich denselben Betrag.«

Das kleine Scharmützel unterhielt die Anwesenden auf das beste, und regte ihre eigene Freigebigkeit lebhaft an.

62 »Meiner Seel'!« rief Gustav Fürst enthusiastisch, »das sind Herren, das sind Männer, mit denen man gehen kann! Ich habe zweihundert Gulden zeichnen wollen, aber ich thue ein Übriges und zeichne dreihundert. Da weiß man doch, wieso und wofür? Höchstens werde ich in der nächsten Woche ein paar Kundschaften mehr betrügen, um das wieder hereinzubekommen!«

Und alle thaten sie ein Übriges und zeichneten mehr, als sie sich ursprünglich vorgenommen hatten. Gustav Fürst hatte es sehr schlau bedacht, daß der Champagner nur nützen könne.

Beifälliges Aufsehen erregte es, als bei der Musterung des herumgereichten Subskriptionsbogens bemerkt wurde, daß sich auch ein Tausender auf demselben vorfinde. Rudolf Sander, der junge Glasfabrikant, hatte, ohne ein Wort zu reden, tausend Gulden gezeichnet, und als ihm jetzt eine Ovation dafür dargebracht wurde und alle ihm freundlich zutranken, da entschuldigte er sich noch förmlich.

»Er ging nicht gut anders,« sagte er. »Da waren sie erst vor wenigen Tagen bei mir und erklärten, wir müßten unseren Radfahr-Klub zu dem ersten und 63 elegantesten der Stadt machen. Da ließ ich mich denn hinreißen, zur Einrichtung der Klub-Räume fünfhundert Gulden beizusteuern. Und da hat mich nun das Gewissen gedrückt, und ich glaubte für eine ernste Sache doch wenigstens doppelt so viel widmen zu müssen, als ich für eine Kinderei hingab.«

»Gegen die ›Kinderei‹ muß ich protestieren,« rief Gustav Fürst, der ebenfalls Mitglied des genannten Klubs war, »unser Radfahr-Klub ist keine Kinderei, aber deshalb ist unser Sander doch ein ganzer Mann; – er soll leben!«

Schon wollte der Schatzmeister die gezeichneten Beiträge addieren, als sich Graf Clemens den Bogen noch einmal erbat. Er wurde ihm hingereicht und der Graf sah ihn Posten für Posten genau durch.

»Etwas ist da nicht in der Ordnung,« begann er, und sofort verstummten alle, um seinen Worten zu lauschen. »Ich vermisse hier zu meinem Erstaunen eine Widmung unseres Freundes Moritz Grabmann.«

Jetzt fuhr aber Grabmann auf:

»Es ist mir eine besondere Ehre, daß der Herr Graf meine geringe Persönlichkeit einer so auszeichnenden 64 Beachtung würdigt. Zum Glück kann ich aber darauf hinweisen, – Sie waren ja alle Zeugen, meine Herren! – daß ich vor noch nicht zehn Minuten meinen Beitrag, fünfhundert Gulden, hier bar auf den Tisch des Hauses niedergelegt habe. Mehr habe ich nicht zu bemerken.«

»Es thut mir leid,« erwiderte Graf Clemens, indem er sich erhob und nachlässig mit dem Schnürchen spielte, an dem sein Kneifer hing, »es thut mir besonders leid, mich wieder in einem entschiedenen Gegensatze zu meinem geehrten Freunde zu befinden. Ich muß immer wieder auf seine Worte – es waren wahrhaft goldene Worte! – zurückkommen und wiederholt auch meinerseits betonen, daß man keine Geschäfte auf Kosten unseres Kindes machen darf. (Aha! Heiterkeit und Zustimmung. Gustav Fürst: Er hat ihn schon wieder beim Frackschößel!) Wir waren Zeugen, daß Herr Grabmann hier ein Bild gekauft hat. Gut; das ist ein Geschäft, wie ein anderes, für unsere besonderen Zwecke ist es jedoch ganz belanglos.«

»Aber ich habe doch den Betrag für unseren wohlthätigen Zweck zur Verfügung gestellt!« rief Grabmann, jetzt schon ungeduldig werdend.

65 »Ich bitte um Verzeihung,« fuhr Graf Clemens mit unerschütterlicher Ruhe fort, »das haben nicht Sie gethan; der Herr Professor war so gütig, es zu thun, und ihm gebührt unser verehrungsvoller Dank dafür. So wäre es freilich sehr bequem, Wohlthaten zu üben. Sie haben doch für Ihr Geld den vollen Gegenwert erhalten, oder werden ihn heute, morgen erhalten. Ebenso könnte ja Herr Gustav Fürst (Gustav Fürst: Hört!) dem wohlthätigen Zwecke einen Brillantring im Werte von fünfhundert Gulden widmen. Ich bin ein edler Mensch und kaufe den Ring; dann gehe ich hin und verkaufe den Ring wieder um fünfhundert Gulden – (Gustav Fürst: Das kriegen Sie in Ihrem Leben nicht dafür! Dafür stehe ich gut.) Möglich, aber das Bild unseres Professors kann ich unter Umständen auch um tausend Gulden verkaufen. Wieso bin ich da wohlthätig gewesen? Für mich, und ich glaube für jeden ist es somit vollkommen klar, daß Herr Grabmann für den zu schaffenden Reservefond thatsächlich noch nichts beigesteuert hat, und ich sehe gar keinen Grund, gerade ihn von einer solchen Beitragsleistung zu dispensieren.«

»Wirklich sehr gut!« erklärte Gustav Fürst. »Also, 66 Grabmann, keine Müdigkeit vorschützen und herausrücken mit den Hundertern! – Er kann's thun,« wandte er sich halb entschuldigend, halb belehrend an die Übrigen. Für diese bedurfte es aber keiner Entschuldigung und keiner Belehrung, sie waren ohnedies alle der Meinung, daß ihm ein neuerlicher kleiner Aderlaß ganz bestimmt nicht schaden werde.

Grabmann fügte sich, es ging nicht anders.

»Mir geschieht Unrecht,« erklärte er, indem er sich mit weiteren fünfhundert Gulden auf den Bogen eintrug, »aber man soll nicht sagen –«

Was man nicht sagen soll, das verschwieg er in der richtigen Voraussetzung, daß das die verehrliche Gesellschaft ohnehin schon wüßte. Graf Clemens sah sich den Bogen noch einmal an, reichte ihn dem Schatzmeister und nahm wieder das Wort:

»Vielleicht ist es Balsam für das verwundete Herz unseres Freundes Grabmann, wenn ich hiermit erkläre, daß ich um denselben Betrag, um den ich ihn jetzt geschwächt habe, mich selbst bestrafe. Ich bitte, den von mir gezeichneten Betrag um fünfhundert Gulden zu erhöhen.«

67 »Da lasse ich mich's auch noch einen Fünfziger kosten,« schrie Gustav Fürst entzückt, »jetzt soll schon alles hin sein!«

Als Raimund Hecker, der Schatzmeister, nun die Beträge addierte, da stellte es sich heraus, daß der Reservefond viertausenddreihundertundfünfzig Gulden betrug; rechnete man die bereits erlegten Monatsbeiträge dazu, so stellte sich der nun für Piroska zur Verfügung stehende Betrag insgesamt auf siebentausendundachtzig Gulden. Damit konnte das Unternehmen schon gewagt werden, zumal da man sich allerseits noch der Hoffnung auf weitere Zuwendungen und auf besondere Glücksfälle hingab. Wenn man erst wirklich einmal ein Kind hatte, dann würde die Sorge für dasselbe doch noch manchen fruchtbaren Gedanken zu Tage fördern. Gustav Fürst stellte die Frage, ob man für die Tochter des Regiments auch fechten gehen dürfe. Das wurde abgelehnt.

»Schade!« rief er bedauernd. »Ich hätte bei meinen Bekannten sicher tausend Gulden für Piroska zusammenfechten können!«

Sein Bedauern half ihm aber nichts. Wenn ein Kind schon so viele Väter habe, könne man füglich davon 68 absehen, auch noch fernstehende Leute zur Beitragsleistung heranzuziehen. Das sei nun ihre eigene Sache, und es würde ihnen schlecht anstehen, wenn sie da noch betteln gehen wollten. Gustav Fürst war aber unter dem Eindruck des großen Wohlthätigkeitsaktes, der da in Angriff genommen worden war und wohl auch unter der belebenden Wirkung des Champagners, den er sich ja reichlich zu Gemüte geführt hatte, in so gehobener Stimmung, daß er mit noch einem Vorschlag herausrückte.

»Ich werde«, sagte er, »zur Erinnerung an den heutigen Tag, den ich als einen wahrhaft großen Tag in dem Kalender meines Lebens rot anstreichen möchte, silberne Denkmünzen für unser ganzes Regiment anfertigen. Auf der Aversseite werden die Anfangsbuchstaben der Namen sämtlicher Väter und auf dem Revers die Inschrift »Die Tochter des Regiments« zu lesen sein. Diese Münze – der Herr Präsident, als der eigentliche Vater oder Vormund – erhält natürlich eine goldene, – soll jeder von uns an der Uhrkette tragen, damit er sich täglich unseres Kindes und der für dasselbe übernommenen Pflichten erinnere.«

69 »Wir werden das sinnige Geschenk mit Dank annehmen,« rief Moritz Grabmann, indem er dabei unter beifälligem Gemurmel der Versammlung einen besonderen Ton auf das »sinnige Geschenk« legte. Man hatte ja doch immer seine stille Freude daran, wenn man einen geehrten Freund mit einer sanften Pression ein wenig – hineinreiten konnte. Aber Gustav Fürst ließ sich nicht spotten. Er für seine Person habe niemals daran gedacht, aus diesem Anlaß ein Geschäft machen zu wollen, wie ein gewisser anderer Herr, dessen Namen er nicht nennen wolle, der aber Moritz Grabmann heiße. Es sei selbstverständlich von vornherein seine Absicht gewesen, die Münzen kostenlos beizustellen.

Nachdem die Beratungen nun so weit gediehen waren, beschloß man, Fräulein Kathi vorzuladen, um ihr von dem Ergebnis der Verhandlung Mitteilung zu machen.

In tiefer Erschütterung hörte darauf Katharine den Bericht des Professors an, und als er geendigt hatte, beugte sie sich unter Thränen nieder, um ihm die Hand zu küssen.

»Nicht Hand küssen, Fräulein Kathi!« rief da Gustav 70 Fürst. »Auf den Mund, Fräulein Kathi! Der alte Herr soll auch einmal zu etwas kommen!«

Katharina richtete sich auf und küßte den Professor unter Äußerungen lebhaftester Zustimmung der Anwesenden auf den Mund.

»Fräulein Kathi!« ließ sich darauf Gustav Fürst wieder vernehmen. »Ich thät' auch schön bitten um ein Busserl!«

Allgemeiner Protest wurde laut.

»Aber, meine Herren!« rief Gustav Fürst in die empörte Menge, und dann fügte er gleichsam erklärend und gewissermaßen bittlich hinzu: »Es ist ja nur, weil ich ein gar so schöner Mensch bin!«

Ach soo!

Katharina ging hin und gab auch Herrn Gustav Fürst einen Kuß während ihr die Thränen über die Wangen liefen.

 


 

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