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Die Tochter des Regiments und andere Novellen

Balduin Groller: Die Tochter des Regiments und andere Novellen - Kapitel 15
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie Tochter des Regiments und andere Novellen
authorBalduin Groller
year1899
firstpub1888
publisherE. Pierson's Verlag
addressDresden und Leipzig
titleDie Tochter des Regiments und andere Novellen
pages244
created20140907
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Seitensprünge.

Oberst Brunner eilte mit leichten, jugendlich-elastischen Schritten die große Freitreppe des Wiener Südbahnhofes hinauf, um noch für den Neunuhr-Zug nach Baden zurecht zu kommen.

Um eine Nüance war sein Schritt vielleicht zu jugendlich, um eine Nüance nur, eine Kleinigkeit, nicht der Rede wert, für den Beobachter aber doch immerhin merklich und verräterisch. Dieselbe Nüance, wirklich nur eine Messerspitze Salz zuviel, machte sich sonst auch in seinem ganzen Gehaben und in seiner Erscheinung bemerkbar.

Es war ein wunderschöner Mai-Vormittag. Der Oberst war in Zivil ausgerückt, ohne Überzieher. In Zivil! Das erklärt manches. Vor kurzem erst hatte er seinen Abschied genommen, und nachdem man durch 230 fünfundzwanzig Jahre den Rock des Kaisers getragen, dann mag sich ja wohl eine leichte Unsicherheit in der Wahl des eigenen Rockes und der nicht im Verordnungswege geregelten eigenen Hose einstellen. Oberst Brunner hatte den Dienst mit einemmale satt bekommen, und so sprang er denn mit beiden Füßen plötzlich wieder ins »Zivil«. Schließlich mußte es sich auch so leben lassen, und er nahm sich vor zu leben. Er hatte nun lange genug die Würde gekostet, zuletzt als der Vater des Regiments. Nun hatte er das alles satt bekommen; er war Junggeselle und er fühlte sich jung. Er fühlte sich's vielleicht zu sehr. Sein schwarzes Schnurrbärtchen stand ihm recht verwegen zu Gesicht, aber es gab Leute, die da behaupteten, sie hätten das Schnurrbärtchen schon gekannt, als es noch grau war, und was seine tadellose Frisur betraf, so gab es wieder Leute, die der Ansicht waren, der Oberst lasse außer Haus frisieren, und er sei nicht einmal dabei, wenn ihn der Friseur schön mache. Allen diesen Gerüchten auf den Grund zu kommen, war nicht möglich. Thatsache war, daß der Oberst recht unternehmungs- und lebenslustig aussah, als er im offenen Fiaker beim 231 Bahnhof vorgefahren kam – er hatte sich am Graben das fescheste Zeugl ausgesucht – und als er, nachdem er eine Karte erster Klasse gelöst, die Treppe hinaufstürmte.

In dem Coupé, das er betrat, saß bereits eine Dame. Der Oberst griff sich instinktiv an den Hemdkragen und an die Kravatte, grüßte dann mit weltmännischer Höflichkeit, um im nächsten Augenblick schon die Begrüßung auf den Ton liebenswürdiger Vertraulichkeit zu stimmen. Er hatte nämlich in der eleganten Dame die Sektionsrätin Wanda von Weyersperg erkannt, dieselbe, die er im letzten Frühling auf dem Weißen-Kreuz-Ball kennen gelernt, und der er damals gleich mit ungeheurer Schneidigkeit den Hof gemacht hatte. Auch die Dame hatte ihn bei seinem Eintritt sofort erkannt und sie lächelte ihn an, wie man eben einen Schuldbewußten anlächelt, dem zu verzeihen man entschlossen ist. Er fühlte sich aber garnicht schuldbewußt; denn einer Dame auf Leben und Tod den Hof gemacht zu haben, hielt er für ein sehr verdienstliches Werk. Er legte sogar unverzüglich wieder los, indem er beteuerte, namenlos glücklich zu sein, daß ihm ein gütiges Schicksal u. s. w.

232 »Auch ich bin sehr erfreut,« versicherte Frau Wanda. »Unser Roman hat also sein ›Fortsetzung folgt!‹«

»Gewiß, Gnädigste! Es beweist noch nichts gegen einen Roman, wenn er in Lieferungen erscheint.«

»Ich bedaure nur,« bemerkte Frau Wanda, vorsichtig eine Rückendeckung suchend, »daß mein Mann da nicht mitlesen kann.«

»Unnötig, Gnädigste; versichere, ganz unnötig. Männer sind dafür ein schlechtes Publikum, sie haben kein Interesse für Romane.«

»Das würde auch gegen Sie sprechen, Herr Oberst.«

»Meinte es nicht so, gnädigste Sektionsrätin; meinte nur Ehemänner.«

»Ach so! Sie hätten also eine kleine Schwäche für die dreieckigen Romane, Herr Oberst?«

»Dreieckig ist ausgezeichnet gesagt; ganz ausgezeichnet, Gnädigste; mein Kompliment! Muß ich mir merken. Was Schwäche betrifft – allerdings sehr groß!«

»Jetzt brauchte also nur auch ich noch dieselbe Schwäche zu haben –«

»Möchte ganz ergebenst gebeten haben!«

»Dann wäre alles in Ordnung.«

233 »Versichere, in der schönsten Ordnung, Gnädigste.«

Die Sektionsrätin war eine schöne, aber auch eine verständige Frau. Sie übersah den jugendlichen Obersten vollständig und ließ sich durch seine Tiraden nicht beunruhigen, die ganz gut aus einem verläßlichen Handbuch oder Trichter für unwiderstehliche Schwerenöter – es giebt auch solche Litteraturwerke – hervorgeholt sein konnten. Eine gewisse Befriedigung empfindet jede Frau über eine Eroberung, aber hier ward ihr Stolz doch einigermaßen gedämpft. Der Oberst vom Weißen-Kreuz-Ball und der schmachtende, etwas angejahrte Jüngling da im Coupé, – es bestand da doch ein großer Unterschied!

Erst schämte sie sich ein wenig, daß auch für sie, die doch die Backfisch-Phantasien schon längere Zeit hinter sich hatte, der Waffenrock eine so bedeutende Rolle gespielt hatte. Denn der Mann da in seiner sorgfältig gewählten bürgerlichen Kleidung imponierte ihr bei weitem nicht so und erschien ihr auch nicht annähernd so blendend wie der glänzende Offizier in der Uniform. Bald tröstete sie sich aber mit dem Gedanken, daß die Schuld da doch nicht ganz auf 234 ihrer Seite sei. Herr von Brunner hatte in der Uniform thatsächlich mehr Haltung gehabt und sein Stilgefühl hatte ihn nach seiner Metamorphose verlassen. Es war klar, daß er es erst wieder finden mußte. Sie aber hatte keine Veranlassung gehabt, ihr Stilgefühl zu verlieren und dieses beruhigte sie vollständig über die Ungefährlichkeit des stürmischen Hofmachers.

So hörte sie denn seinen schwungvollen und begeisterten Versicherungen nur noch mit geteiltem Interesse zu und dachte nebenbei noch an ihren Herrn Sohn, ein prächtiges Bürschchen von zwei Jahren, auf den sie sich schon recht freute und der ihr nun entschieden interessanter war, als der feurige Oberst, der sie doch so abgekühlt hatte.

Als der Zug nach kaum mehr als halbstündiger Fahrt in Baden hielt, stiegen beide aus und verababschiedeten sich von einander, der Oberst a. D. mit der Versicherung, daß ihm die Fahrt unvergeßlich bleiben werde, so kurz sie auch war: jedes wahre Glück sei ja kurz; sie mit der Empfindung, daß sie sich im Leben doch vielleicht einmal schon besser unterhalten habe.

Der Oberst war nach Baden gefahren, weil er in 235 Wien nicht wußte, was er mit sich anfangen sollte. Sein militärischer Beruf hatte ihn ja auch früher nicht all zu sehr in Anspruch genommen, aber er hatte doch sein Amt und seine Sorge gehabt. Wenn er jetzt am Morgen aufstand, hatte er zwar nicht seine frühere Sorge, aber er wußte dafür auch nicht, wo er hingehöre und was er zu thun habe. Das Nichtsthun ist nicht so leicht und das Nichtszuthunhaben nicht so angenehm, wie man gemeiniglich annimmt.

Er war also nach Baden gefahren, um sich die Zeit zu vertreiben. Das ist eine Landpartie, wenn man will, aber ohne das Risiko einer solchen. Man ist an der Eisenbahn, hat immer Tramway oder Fiaker bei der Hand; man hat, wenn man will, die schöne Natur, dabei aber die Ressourcen der Stadt, elegante Restaurants, wo man gut und teuer speisen kann, behagliche Kaffeehäuser und für den Notfall winken sogar theatralische Genüsse.

Der Oberst begann seine Landpartie, indem er sich in ein Kaffeehaus begab und die Zeitungen einschließlich der illustrierten und der Witzblätter durchsah und sich den Appetit für das Mittagessen durch einige 236 Gläschen grüner Chartreuse schärfte. Als er genügend geschärft zu haben glaubte, fand er sich zur table d'hôte in einem der feinsten Gasthäuser Badens ein, und nach Tisch erfüllte er den eigentlichen Zweck seines Ausfluges, er machte einen kleinen Spaziergang. Er hatte sehr gut gegessen und sehr gut getrunken und war demgemäß in sehr guter Stimmung. Er fand es sehr hübsch auf der Welt, und ein Zug tiefer Menschenliebe ging ihm durch das weichgewordene Herz. Sogar abenteuerlustig war er geworden, und er hatte Glück. Wie er so im Parke promenierte, hatte er, ehe er sich's recht versah, ein blondes Abenteuer vor sich.

Eine junge Dame führte da ein kleines Kind an der einen Hand, ein gelbes, schwarzschnauziges Mopperl an der andern spazieren. Die junge Dame hatte eine gute Figur, prachtvolles Blondhaar – Blond war immer seine Schwäche gewesen – und ein frisches, feingezeichnetes Gesichtchen. Seine allgemeine Menschenliebe begann sich sofort zu spezialisieren, und wohlwollend, wie er gestimmt war, glaubte er auch seine ursprüngliche Auffassung nicht berichtigen zu müssen, selbst als er bei genauerer Erwägung auch für seine Person hätte 237 finden müssen, daß es nicht eigentlich eine »junge Dame« sei, sondern eine allerdings sehr hübsche Bonne, wofür sie ja schließlich auch nichts konnte. Und wenn auch! Er war niemals hochmütig gewesen, immer hatte er im Menschen den Menschen geschätzt. Er hatte zwar stets eingesehen, daß es einen Unterschied der Stände geben müsse, er war aber auch immer durchdrungen gewesen von dem Bewußtsein, daß man die Vorrechte der eigenen Stellung nicht mißbrauchen dürfe. Kurz, er war ein ideal denkender Mensch. Seine demokratischen Gefühle hatten sogar eine wesentliche Erweiterung und Vertiefung erfahren, seitdem er nicht mehr die Uniform trug; er kam sich vor, als lebe und liebe er incognito, und da kann man schon etwas wagen.

Er schlängelte sich also an die junge Dame heran und fand in Miene, Blicken und Lächeln freundliches Entgegenkommen, mit dem Dialog freilich ging es schon schwieriger. Die englische Dame konnte nicht deutsch, und er nicht englisch. Das störte ihn aber nicht; die Schwierigkeit der Konversation hatte auch ihren Reiz. Man lachte und wußte nicht über was. Er sprach 238 schlecht deutsch und sie schlecht englisch in dem Bestreben, sich näher zu kommen – es war einfach herrlich. Etwas mehr störte es ihn dann schon, als er zu bemerken glaubte, daß ein Kadett und noch dazu einer aus seinem eigenen Regimente sie in respektvoller Entfernung, aber systematisch umkreise. Hätte er nur noch die Uniform getragen, dem Fant hätte er schon Art und Anstand beigebracht.

Nach einer Weile gab ihm plötzlich die hübsche Engländerin die Leine, an welcher sie das Mopperl führte, in die eine Hand, in die andere das Händchen des Kindes, schärfte ihm noch etwas sehr eindringlich ein, was er nicht verstand, und verschwand dann um die nächste Biegung des Promenadenweges. Das allein hätte ihn weniger verdrossen, aber daß darauf auch die blaue Hose des fürwitzigen Kadetten hinter derselben Biegung verschwand, das drückte doch auf seine eben noch so gehobene Stimmung.

Das perfide Albion! Wie perfid man an ihm gehandelt hatte, das empfand er erst so recht, als gleich darauf ein in Baden residierender Erzherzog um die Ecke bog und allergnädigst direkt auf ihn loszusteuern 239 und ihn huldvollst anzureden geruhte. Der Oberst wußte sich nicht recht zu benehmen. Mit einem Mopperl und einem kleinen Kind an der Hand hatte er noch nie Front gemacht.

»Ein reizendes Kind!« bemerkte der hohe Herr gütig nach der leutseligen Begrüßung des alten Bekannten.

»Meine kleine Nichte,« log der Oberst.

»Ah, die Baronin Molnár hat noch so kleine Kinder?«

»Eine ganze Menge, kaiserliche Hoheit!« log der Oberst weiter. Die Arme war nämlich kinderlos, aber jetzt war er einmal drin und da kam es ihm auf ein paar mehr oder weniger nicht mehr an.

»Das freut mich. Grüßen Sie sie schön von mir, Herr Oberst!«

Der Oberst schlug die Absätze zusammen; das war alles, was er unter den gegebenen Umständen thun konnte. Der hohe Herr nickte lächelnd und ging seines Weges weiter.

Daß doch der Donner in das perfide Albion und namentlich in alle naseweisen Kadetten führe! Jetzt 240 kommt auch die Sektionsrätin Weyersperg dahergesegelt. Manche Leute haben ein wahres Talent, zur unrechten Zeit zu kommen. Natürlich bleibt sie vor ihm stehen und sieht ihn verdutzt an.

»Sie wundern sich, Gnädigste, über das idyllische Bild!« hub er mit einem nicht ganz geglückten Lächeln an. »Ich bin ein enormer Kinderfreund und führe da meine kleine Nichte spazieren.«

»Ihre – wa–as?!«

»Meine kleine Nichte.« Das Lächeln wollte noch weniger glücken, als eben vorher. Ein schrecklicher Verdacht stieg in ihm auf. Er hatte sich den Fratzen bisher nicht einmal recht angesehen. Am Ende war es gar kein Mädel, sondern ein Bub. Ein Blick hinunter beruhigte ihn. Das Kleidchen bewies noch nach keiner Seite etwas; es konnte ein Bub, aber es konnte auch ein Mädel sein, und er war entschlossen, für das weibliche Geschlecht zu kämpfen und in diesem Kampfe zu stehen und zu fallen.

»Sag' schön, mein Kind, wie heißt Du?« fragte die Sektionsrätin sich niederbeugend.

»Ich heiße Paul,« sagte das Kind mit heller 241 Stimme und lächelte die Dame mit dem Ausdrucke höchster Verwunderung an.

»Glauben Sie ihr nicht, Gnädigste,« fiel der Oberst ein. »Sie wissen, wie die Kinder lügen können. Sie hat den Größenwahn und möchte sich nur für einen Herrn ausgeben.«

»Ich heiße Paul,« wiederholte der Kleine, seine großen Augen zu dem fremden Manne aufschlagend.

»Die Nichte scheint in der That ein Knabe zu sein,« meinte die Sektionsrätin mit grausamer Ruhe. Der Oberst gab die nutzlosen Versuche zu lächeln auf und wischte sich dafür lieber den Schweiß von der Stirn.

»Es wäre übrigens nicht ganz unmöglich,« erwiderte er einlenkend. »Vielleicht habe ich mich vergriffen und in der Eile einen von den kleinen Bengeln erwischt.«

Die Ausrede gefiel ihm selbst nicht recht, aber heraus war sie einmal.

»Ihre Schwester hat so viele Kinder?«

»Enorm!«

»Und lauter kleine?«

242 »Lauter kleine. Die reine Kleinkinderbewahranstalt. Es ist ganz unmöglich, sich da noch auszukennen!«

»Meine arme alte Freundin! Sie muß aber die vielen Kinder erst in der letzten Zeit bekommen haben?«

»Alle erst in der allerletzten Zeit. Es ist ein wahrer Jammer, meine Gnädigste.«

Er war innerlich wütend. Ihm soll noch einmal eine Engländerin ein Kind anhängen wollen!

»Wo ist Miß Florence?« fragte die Sektionsrätin den kleinen, schmählich verleumdeten Paul. Da kam aber auch die Engländerin schon atemlos herangelaufen. Ein Blick der Sektionsrätin empfing sie, ein Blick, der sprach Bände! Ob sie ein Engel sei, das war dem Obersten schon zweifelhaft geworden, daß sie aber fliegen werde, das stellte der Blick in sichere Aussicht. In dem Obersten begann es fürchterlich zu tagen und es ward sogar erschreckend hell in ihm, als der Kleine, den er noch immer an seiner Seite hatte, sich an die Sektionsrätin drängte und mit einem Gesichtchen, das sofortige Bereitwilligkeit zum Weinen verriet, ausrief:

»Paul will mit Mama dehen!«

243 Die Sektionsrätin bückte sich und küßte den Kleinen. Also auch das noch! Der Herr Oberst fand es äußerst sonderbar, daß die Erde ihm nicht den Gefallen erweisen wollte, sich aufzuthun, um ihn zu verschlingen. Er sah die Sektionsrätin fragend, verzweifelnd an und stotterte mühsam:

»Verzeihen Sie – Gnädigste – das Kind –«

»Ja, Herr Oberst, die Sache ist recht merkwürdig, Ihre Nichte ist wirklich mein Sohn.«

»Ihr Herr Sohn! Womit ich die Ehre habe, mich ganz ergebenst zu empfehlen.«

Er legte noch vertrauensvoll die Leine des Mopperls und das Händchen des Kindes in ihre Hände, versicherte noch einmal, daß es ein wahrhaft reizendes Kind und ihm die Begegnung natürlich ungeheuer angenehm gewesen sei, und im nächsten Moment hatte ihn die nächste Biegung des Promenadenweges verschlungen.

 

 

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