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Die Tochter des Regiments und andere Novellen

Balduin Groller: Die Tochter des Regiments und andere Novellen - Kapitel 13
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie Tochter des Regiments und andere Novellen
authorBalduin Groller
year1899
firstpub1888
publisherE. Pierson's Verlag
addressDresden und Leipzig
titleDie Tochter des Regiments und andere Novellen
pages244
created20140907
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Moselblümchen.

Unser Freund Klaus seufzte schwer.

Das war an sich schon auffallend. Denn Freund Klaus war in dem europäischen Konzert unserer Corona sonst nicht derjenige, der Trübsal zu blasen pflegte, und dann waren die Umstände auch garnicht darnach. Wir saßen ganz munter beisammen und tranken einen guten Tropfen – vielleicht waren es deren auch mehrere – es war »Moselblümchen«. Und er seufzte doch.

»Was hat er denn?« fragte man sich in der Runde, ihn selbst dabei übergehend und in der Meinung, daß es wohl auch ein anderer wissen werde. Aber es wußte 's keiner. Klaus hielt das Glas gegen das Licht, ergötzte sich an dem Goldglanz des Weines, dann führte er das Glas bedächtig zum Munde, machte vor 206 der Nase eine Station, um auch sie mitgenießen zu lassen, dann schlürfte er den edlen Trank mit Behagen und Sachkenntnis und dann seufzte er wieder.

»Klaus hat etwas auf dem Herzen,« ließ es sich darauf aus der Corona vernehmen. »Sollen wir ihn reden lassen?«

Es wurde mit Mehrheit beschlossen, ihn reden zu lassen. Und er begann:

»Das Moselblümchen! Ihr müßt nämlich wissen, daß auch die Nase und der Gaumen ihr Gedächtnis haben.«

»Halt! Keine Reflexionen! Und wenn schon, dann doch etwas neuere und originellere. Wir brauchen uns nicht alles gefallen zu lassen!«

»Recht angenehme Herren! Aber ich will Nachsicht haben mit Euch. Meine tiefsinnige Bemerkung mußte ich vorausschicken, weil sie gewissermaßen zum Verständnis meiner Geschichte notwendig ist.«

»Ach so! Es sei ihm verziehen!«

»Moselblümchen steht vielleicht nicht in der vordersten Reihe der Rheinweine – ich bitte, mich nicht zu unterbrechen – es giebt sogar (mit Beziehung) Nörgler, die 207 ihn überhaupt nicht als Rheinwein gelten lassen wollen, aber ich liebe ihn, und für mich ist er Rheinwein. Denn ich bin ein Gemütsmensch.«

»??!!«

»Gleich. Ich kenne nämlich einen Lyriker, der die Präposition ›ohne‹ mit dem Dativ zu konstruieren pflegt. Ich habe ihm gelegentlich vorgehalten, ob er es nicht einmal mit dem Accusativ versuchen möchte. Er erwiderte aber darauf, daß er sich mit solchen Haarspaltereien nicht abgebe – er sei Gemütsmensch. Und so bin auch ich –«

»Zur Sache!« rief die entrüstete Corona.

»So oft ich nun Moselblümchen trinke, vorausgesetzt, daß er gut und angenehm kühl ist, muß ich vermöge des nicht wegzuleugnenden Gedächtnisses der Nase und des . . .«

»Schon gut, gehen wir weiter!«

»Moselblümchen wurde mir nämlich in einem Hause regelmäßig vorgesetzt, in dem sich – ich kann sagen – mein Schicksal erfüllte. Moselblümchen – so echt und so gediegen . . .«

»Keine Phantasien!«

208 »Mit der köstlichen Blume dieses Weines ist mir die Erinnerung erfüllt an den schwersten seelischen Kampf, den ich im Leben durchgekämpft, an einen Gewissenszwang, an dem ich bei einem Haare zugrunde gegangen wäre.«

»Silentium!« gebot der Novellist der Corona. »Seelischer Kampf und Gewissenszwang – das ist mein Fall. Es wird ersucht, den Redner nicht zu unterbrechen.«

»Ich möchte Euch da,« fuhr Klaus fort, »eine Gewissensfrage vorlegen. Theoretisch ist ja die Frage schon erledigt. So gottlos Ihr auch sein möget, von dem Gebot müßt Ihr doch schon gehört haben: Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Weib!«

»Wohl möglich, daß wir davon etwas gehört haben.«

»Es ist also ganz gewiß nicht schön, wenn sich ein Junggeselle an eine verheiratete Frau heranschlängelt.«

»Schön vielleicht nicht, aber –«

»Bande! Es ist nicht schön; es ist ein Diebstahl!«

»Das ist noch kein Diebstahl, wenn man sich in Ermangelung eines eigenen Herdes an fremdem Feuer wärmt.«

209 »Da bin ich aber wirklich in eine recht ehrenwerte Gesellschaft hineingeraten,« meinte Klaus resigniert.

»Junge Mädchen auch nicht, – ja, wen soll man denn eigentlich verführen?«

»Bande! Ich wiederhole es: Bande! Mein Fall ist übrigens noch komplizierter. Eine verheiratete Frau im allgemeinen – gut; reden wir nicht davon, aber die Frau eines Freundes, – die muß uns doch heilig sein!«

Ernste Gesichter in der Corona.

»Die – allerdings –!«

»Ich möchte doch bitten!« warf der unverbesserliche Novellist der Corona ein. »Verurteilen wir die Sünde, aber schaffen wir sie nicht ganz aus der Welt, wenigstens die interessanten Fälle nicht. Unsereins möchte doch auch leben!«

»Ist garnicht notwendig. Wir schaffen die Sünden ab. Nun gerade und erst recht!«

»Aber, meine Herren!« flehte der bedrängte Novellist weiter, »es giebt ja gar kein schöneres Motiv. Denken Sie sich nur: dieser großartige Konflikt zwischen Pflicht und Neigung! Auf so einen Konflikt kann ein Novellist 210 schon beinahe heiraten und sich einen eigenen Hausstand gründen!«

»Thut nichts; alle Unmoral wird abgeschafft!«

»Jetzt möchte ich mir aber doch die Frage erlauben,« nahm Klaus wieder das Wort, »ob ich weiter erzählen darf.«

»Er darf.«

»Es war das Haus meines Freundes, in dem mir der köstliche Moselwein immer vorgesetzt wurde. Moselblümchen schimmerte goldig, in noch prachtvollerem Goldglanz schimmerte ihr Blondhaar; Moselblümchen war mild, mild und sanft war auch sie, Moselblümchen war feurig, feurig funkelte auch ihr Auge –«

»Moselblümchen war hoffentlich auch kühl!«

»Moselblümchen war großartig, und sie war ein Engel. Ich liebte sie, wie noch nie ein Mann ein Weib geliebt hat.«

»Na, na!«

»Wie noch nie ein Mann ein Weib geliebt hat. Da giebt es nichts zu lächeln. Es ist schon lange her. Meine edle Denkerstirne reichte damals noch nicht bis zu den Fersen, der elegische Schwung in der holdseligen 211 Rundung meines Bäuchleins war noch nicht so entwickelt wie heute, und was den gewissen wehmütigen Zug um meine Beine betrifft – eine Folge des niederträchtigen Podagras – so war er damals auch noch nicht andeutungsweise vorhanden. Mit einem Wort, ich war jung, und die Liebe zog in mein Herz ein. Gott weiß, ich habe gekämpft, ehrlich gekämpft. Tausendmal habe ich mirs vorgesagt: Er ist dein Freund, es wäre eine Nichtswürdigkeit!«

»Nur weiter, das ist ausgezeichnet,« ermunterte der Novellist.

»In schlaflosen Nächten – o, jene Nächte! – sah ich nur ihr Bild. Ich versuchte mein Heil in der Flucht, ich reiste ab. Mit dämonischer Gewalt zog es mich zurück, es war stärker als ich.«

»Ausgezeichnet!« meinte der Novellist.

»Eine rasende Leidenschaft hielt mich in ihrem Bann. Ich kämpfte wie ein Verzweifelter. Ich versuchte es, dem Hause fern zu bleiben, magisch riß es mich hin. Ich versuchte es, wenigstens dem Moselblümchen zu entsagen – es ging nicht.«

»Hm, hm!«

212 »Die Leidenschaft siegte über alles, über Ehre, Pflicht, Treue und Glauben. Verrat an der Freundschaft, Verrat an der Ehrenhaftigkeit – was galt mir das! Das Verhängnis sollte seinen Lauf haben; ich war zu schwach für den brausenden Sturm der Leidenschaft. Ich warf alle Grundsätze, alle Rechtschaffenheit über Bord. Der Kampf war vergeblich gewesen – ich unterlag – ich versank.«

Sein Auge wurde feucht, und träumerisch prüfte sein Blick das Gold im Glase.

»Wer sich rein fühlt, und wer von sich überzeugt ist, daß er da hätte widerstehen können, der werfe den ersten Stein auf mich.«

Und wieder blickte er träumerisch vor sich hin.

»Nun? Und?« drängte jetzt aber die ungeduldige Corona.

»Und? Und? Was wollt Ihr denn noch?«

»Wir wünschen das Ende zu erfahren.«

»Das Ende! Es ist ein trübes, trauriges Lied.«

»Wir haben wenigstens die Beruhigung, daß Ihr keinen Doppelselbstmord begangen habt.«

213 »Das Ende – hier ist es: sie hat nicht wollen und hat mich ausgelacht.« – –

Unnötig zu sagen, daß Klaus für diese empörende Geschichte mit sechs Flaschen Moselblümchen in Strafe genommen wurde.

 

 

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