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Die Tochter des Regiments und andere Novellen

Balduin Groller: Die Tochter des Regiments und andere Novellen - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie Tochter des Regiments und andere Novellen
authorBalduin Groller
year1899
firstpub1888
publisherE. Pierson's Verlag
addressDresden und Leipzig
titleDie Tochter des Regiments und andere Novellen
pages244
created20140907
sendergerd.bouillon@t-online.de
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IX.

Die Welt war eingeschneit. Piroska und Sander, seit anderthalb Jahren ein glückliches Paar, saßen auf der Höhe des Semmerings im wohlig durchheizten Speisesaale des Hotels, und freuten sich beim Mittagessen des winterlichen Ausblicks und der strahlenden Wintersonne, unter deren Schein selbst die Weingläser lustig funkelten.

Sander füllte die Gläser.

»Unser Rudl soll leben!« rief er, indem er sein Glas erhob und Piroska an sich zu ziehen versuchte.

»Unser Rudl soll leben!« wiederholte Piroska und stieß mit ihm an, ihn aber wehrte sie ab. »Er soll 153 hoch leben, mich mußt Du aber in Ruhe lassen, sonst halten uns noch die Kellner für ein Liebespaar!«

»Der Irrtum wäre nicht zu arg, übrigens kennen sie uns ja.«

Er ließ ihr aber nun doch Ruhe; sie hatten ja Wichtiges zu besprechen. Rudl, ihr großer Sohn – er war nun doch schon sechs Monate alt – war genannt und damit der wichtigste Gesprächsstoff berührt worden, den es für sie überhaupt gab, und der niemals ganz erschöpft werden konnte. Er hatte auch der Vorzüge und Tugenden zu viele, als daß man mit der entsprechenden Würdigung derselben überhaupt jemals ganz hätte fertig werden können. –

Es war damals nach der ersten entscheidenden Begegnung rasch gegangen mit den beiden. Wie betäubt und fast taumelnd hatte sich Sander entfernt, aber am nächsten Tage war er wieder bei Piroska.

»Frau Simbach ist wieder nicht zu Hause!« rief ihm Piroska damals entgegen.

»Schade!«

»Das wird ihr leid thun. Sie haben kein Glück, Herr Sander.«

154 »Piroska!«

»Du hast kein Glück, Herr Sander.«

»Piroska!«

»Du hast kein Glück, Rudolf.«

»Jetzt bist Du brav. Und warum habe ich kein Glück?«

»Weil Du Frau Simbach, die sich so nach Dir sehnt, nicht antreffen kannst.«

»Es ist ein unglücklicher Zufall. Ich habe ihr nämlich zufällig durch Becher schreiben lassen, daß sie zufällig gerade jetzt bei ihm erscheinen soll.«

Da waren sie denn wieder ungestört und dann waren sie bald einig geworden. Mit der Hochzeit wurde auch nicht lange gewartet und dann bezogen sie, dem Wunsche Piroskas entsprechend, das freundliche Herrenhaus im Mürzthal. Kaum ein Jahr war ins Land gegangen, da war auch schon der kleine Rudolf da und brachte eine Erhöhung des Glücks und zugleich auch eine Vermehrung der Sorge und der Geschäftigkeit mit.

Piroska hatte dieses Mal ihren Gatten auf einer seiner geschäftlichen Fahrten nach Wien begleitet, und nun befanden sie sich auf der Rückreise nach Mürzthal. 155 Auf der Höhe des Semmerings war die Eisenbahnfahrt unterbrochen worden. Sie wollten, weil der Wintertag gar so herrlich, die Luft da oben so mild und still war, noch einen Spaziergang nach dem Sonnwendstein machen, und den Rest der Fahrt thalwärts im Schlitten zurücklegen. Das Programm wurde auch treulich eingehalten. Vom Sonnwendstein, auf den sie ohne Beschwer gelangten, da der Weg zuvor ausgeschaufelt worden war, ließen sie entzückt die Blicke über die großartige Gebirgscenerie schweifen, die in ihrer leuchtenden weißen Pracht nicht minder anziehend war, als zur Sommers- oder Herbsteszeit, wo die Natur mit den grünen, blauen, braunen und goldigen Tinten ihre sieghaften Wirkungen übte.

Lustig erklangen die Schellen, als sie dann im Schlitten thalwärts fuhren. Schon neigte sich die Sonne zum frühen Niedergang. So still auch die Luft war, die schrägen Strahlen wärmten nicht mehr. Piroska hüllte sich fester in ihren weichen Sammetpelz und schmiegte sich an Sander, der beglückt an ihrer Seite saß. Der Kutscher ließ die Pferde munter laufen.

»Schön ist's!« sagte Piroska.

156 »Ob es schön ist!« erwiderte Sander und küßte sie auf den Mund. Sie aber rückte die verschobene Reisedecke wieder zurecht und verwies ihm sein Thun mit stummer Geberde und ausdrucksvoller Miene. Der Kutscher könnte sich ja umsehen!

»Das thut er sicher nicht!« flüsterte Sander. »Das ist ein Ehrenmann!«

»Schön ist's!« wiederholte Piroska. »Schau, Rudolf, ich habe jetzt wieder einmal Stunden verlebt, in welchen ich vielleicht das Schönste genoß, was das Leben zu bieten hat, – ich war wunschlos.«

»Und bist es noch?«

»Ja.«

»Oh, Du Elende! Du hast wirklich keinen Wunsch?!«

»Das darf man nicht so nehmen. Einen Wunsch habe ich natürlich schon: ich möchte wieder bei unserem Rudl sein.«

»Es ist doch ein Glück, daß wir uns gefunden haben, sonst wär's jetzt nichts mit unserem Rudl. Und wie hart Du mich angelassen hast, als wir uns das erstemal sahen!«

»Das hattest Du auch redlich verdient.«

157 »Doch nicht so ganz; ich war nur damals zu dumm, gleich die richtige Antwort zu geben. Ich hatte mich ja garnicht viel um Dich kümmern können, denn ich war erst ganz kurze Zeit vor meiner großen Reise Dein Vormund geworden.«

»Ah, Du willst Dich noch nachträglich entschuldigen.«

»Habe ich nicht Recht? Wie ich dann zurückkam – da fällt mir übrigens ein schönes Märchen aus meiner Kinderzeit ein.«

»Erzähle, Rudolf.«

»Ein blühender Jüngling verließ seine Hütte, um das Glück zu suchen. Er zog in die weite Welt hinaus, ging die Straßen auf und die Straßen ab, und so suchte er den ganzen Erdball ab und konnte das Glück nicht finden. Er suchte und suchte und darüber verging viel Zeit, und er wurde ein alter Mann, der des Suchens müde ward. Da beschloß er, wieder heimzukehren. Auf den Stab gestützt, ein gebrochener Greis, langte er bei seiner Hütte an. Auf dem Bänkchen vor derselben, im Schatten einer Linde, die inzwischen groß und mächtig geworden war, saß eine liebliche Jungfrau mit goldblondem Haar. Dem Greise gefiel das schöne 158 Kind ausnehmend und er fragte: »Was thust Du hier?« »Ich warte auf Dich.« »Wer bist Du?« »Ich bin das Glück.«

»Das ist ein schönes Märchen!« rief Piroska.

»Fast ist es das Märchen meines Lebens. Ich haste um die Erde herum, und wie ich zurückkomme, finde ich Dich!«

»Da habe ich ja noch mehr Glück gehabt, als das Glück im Märchen. Denn der zu mir kam, war wenigstens kein alter Mann!«

Lustig ging die Fahrt unter Schellengeklingel weiter. Die Sonne war schon hinter den hohen Bergkappen niedergegangen und frühe Dämmerung senkte sich in die Thäler. Mit einem Male stutzte aber Sander und blickte gespannt ins Weite. Piroska bemerkte es und fragte:

»Was fällt Dir auf, Rudolf. Siehst Du Mürzthal schon?«

»Ich sehe es: dort liegt es, aber –.« Er vollendete nicht; er spähte nur in erhöhter Spannung hinaus. Piroska folgte seinem Blick, und ihr gutes Auge fand auch den Anlaß zur Sorge. Sie fragte angstvoll:

159 »Glaubst Du, daß der Rauch Böses bedeuten kann? Die Fabriksschlote qualmen vielleicht stärker als gewöhnlich.«

»Das wird es auch sein, aber das Bild ist ein ungewöhnliches. – Kutscher, fahr zu, rascher!«

Der Kutscher trieb die Pferde an. Schon in der nächsten Minute aber erhob sich Sander erschreckt im Schlitten. Er hatte erst Funken aufspringen und gleich darauf zwischen den weißlichen Rauchwolken Flammen aufzüngeln gesehen. Auch Piroska hatte das gesehen und erbleichend faßte sie seinen Arm.

»Sei ruhig, Kind,« redete er ihr zu. »Die Fabrik ist versichert.«

Er sprach von der Fabrik, um sie womöglich vor der schreckhaften Vorstellung zu bewahren, die ihm jetzt den Herzschlag stocken ließ. Gierig verschlang er mit den Augen die Entfernung und nun ward das Schreckliche Gewißheit: nicht die Fabrik war's, – das Herrenhaus brannte, und in dem Herrenhaus hatten sie ihren Rudl geborgen gewähnt!

»Heiliger Gott, unser Kind!« rief mit entsetzensstierem Blick Piroska, die nun auch die furchtbare Gefahr erkannt hatte.

160 Mit einem mächtigen Sprung war Sander auf dem Bock an der Seite des Kutschers. Er riß diesem die Zügel und die Peitsche aus der Hand und hieb nun zwischen die Pferde, daß diese wie rasend dahin flogen. Es war eine tolle, waghalsige Fahrt. Bei den Kurven der Serpentinen wurde das Gefährt immer weit hinausgetragen, – noch eine Handbreite weiter, und die Insassen des Schlittens wären einige Sekunden später mitsamt den Pferden und dem leichten Gefährt zerschmettert im Abgrund gelegen.

Der einzige, der um sein Leben zitterte, war der Kutscher. Dazu war er denn doch nicht aufgenommen, solche Todesängsten auszustehen. Er war aber so verschüchtert und zitterte thatsächlich an allen Gliedern so, daß er auch nicht den Mut fand, ein Wort der Einsprache zu erheben, er unterwarf sich ganz und widerstandslos dem mächtigen Willen Sanders.

Als die Thalsohle erreicht war, verschärfte Sander den Zug noch mehr, er forderte den gehetzten Tieren auch noch das Letzte ab, und sie gaben willig und treu bis auf das letzte Atom her, was sie an Kraft und Atem in sich hatten. Am ganzen Leibe rauchend und 161 in Schweiß gebadet, standen sie, als Sander vor dem großen Fabriksthore die Zügel zurückriß. Er hob Piroska aus dem Schlitten und nun lief er mit ihr über den Hof nach dem Herrenhaus.

Es war inzwischen dunkel geworden. Das ganze Dach des Herrenhauses war ein gewaltiger Feuerherd. Die Fabriksfeuerwehr war in voller Arbeit. Laute Kommando-Rufe ertönten, und durch das allgemeine Wirrsal stachen grelle Signale für die Mannschaft zur planvollen Regelung der Arbeit.

Aus einem Fenster des ersten Stockwerkes schiebt sich die Gestalt eines Mannes. Jetzt steht er auf der obersten Sprosse der Leiter, die steil an die Wand gelehnt ist und unten von zwei Männern gehalten wird.

Er hat das Kind im Arme!

Und wie er dasteht im Flammenscheine, erscheint er in der gespenstigen Beleuchtung wie ein Riese, übermenschlich an Gestalt und an Kraft. Vorsichtig setzt er den Fuß auf die nächste Sprosse, da prasselt es über ihm aus dem brennenden Dache auf; ein gewaltiges Rauschen, und Millionen Funken fliegen auf. Ein Ruck 162 und ein Dröhnen – ein feuriger Balken hat sich vom First gelöst, er neigt sich, er sinkt, er stürzt und er stürzt auf das Haupt des Retters. Noch steht er einen Augenblick, mit der Rechten sich an die Leiter anhaltend, mit der Linken das in seinem Kissen wohlverwahrte Kind weit von sich streckend, um es vor dem feurigen Ungemach zu schützen, dann aber verlassen ihn die Kraft und Besinnung. Ein Schrei des Entsetzens rings. Das Kind entgleitet seiner Hand und fällt im Bogen aus der Höhe herab. Sander, der in fieberhafter Erregung und in ohnmächtiger Angst dem Schauspiel gefolgt war, bricht aus der vor Schreck erstarrten Menge heraus und kommt noch zurecht, sein Kind mit den Händen aufzufangen. Es ist heil und unversehrt, und er unterdrückt gewaltsam einen Aufschrei des höchsten Glücksgefühl, als er es dann in die Arme der fast zu Tode geängstigten Mutter legt.

Der Retter, es war Friedrich, der wackere Pförtner, fiel rücklings von der Leiter. Die zwei Männer, welche die Leiter gehalten hatten, hatten vergeblich versucht, den Fallenden zu halten und den Sturz wenigstens zu mildern. Das Gewicht des starken Mannes war zu 163 groß, er fiel mit voller Wucht nieder und blieb liegen, ohne sich zu regen.

Während die Löscharbeiten fortgesetzt wurden, trugen einige Männer Friedrich in das Pförtnerhäuschen und Piroska mit dem Kinde auf dem Arme, sowie Sander begaben sich ebenfalls dahin. Der reiche Fabriksherr hatte in diesem Augenblicke keine andere Zufluchtsstätte, sein Weib und Kind zu bergen. Piroska wußte in dem Häuschen bereits Bescheid, und da der kleine Rudl sich rasch hatte beruhigen lassen, und bald wieder eingeschlafen war, legte sie ihn auf das Bett Friedrichs und sie widmete sich nun ganz dem Verunglückten, den man wie seinerzeit den verwundeten Burschen, auf das Sofa gebettet hatte. Piroska wußte auch, wo das Verbandszeug zu finden war und sie war gerüstet, dem Fabriksarzt, der zur Stelle war, an die Hand zu gehen.

Es kam aber nicht dazu. Der Arzt hatte mit einem Schwamme Kopf und Gesicht des verunglückten Pförtners vom Ruß und vom Blute gereinigt. Bart und Kopfhaar waren versengt, das hatte aber nichts zu bedeuten, das Entscheidende war, daß er nach kurzer Untersuchung eine Fractur des Schädelknochens zu 164 konstatieren hatte. Er schüttelte stumm den Kopf und lehnte mit ausdrucksvoller Geberde Piroskas Hilfe ab, dann gab er leise den Auftrag, den geistlichen Herrn zu holen.

Piroska setzte sich an das Schmerzenslager Friedrichs und nahm seine Hand in die ihrigen, und als dann der Geistliche erschien, um durch die heilige Handlung dem Sterbenden den letzten Liebesdienst der Kirche zu erweisen, da knieten Piroska und Sander andächtig zu beiden Seiten des Lagers.

Bis tief in die Nacht wachten die beiden im Pförtnerhäuschen. Das dürftige Licht einer Steinöllampe reichte gerade aus, das Antlitz des sterbenden Pförtners beobachten zu können, es war aber kein Wunsch von seinem Gesichte abzulesen. Er lag ohne Bewußtsein und mit geschlossenen Augen, nur eine leise Hebung und Senkung der mächtigen Brust, sowie der Schlag des Herzens, der noch mit der Hand zu fühlen war, verrieten, daß noch Leben in dem Körper sei.

Um zwei Uhr Morgens schlug Friedrich die Augen groß auf, und ein offener, klarer Blick ruhte eine Weile auf Piroskas Antlitz; dann that er einen tiefen 165 Atemzug, und es war vorbei. Er hatte aufgehört zu leben. Piroska war es, die ihm die Augen zudrückte. Dann knieten sie und ihr Mann nieder und verrichteten ein stummes Gebet. –

* * *

Ein verfehltes Leben hatte seinen Abschluß gefunden, aber wenn auch verfehlt, vergeblich ist es doch nicht gewesen. Friedrich Platter, der nach manchen Stürmen des Lebens im Pförtnerhäuschen der Sander'schen Fabrik gestrandet war, hatte seinem Kinde die größte Wohlthat erwiesen, die ein Mensch einem anderen erweisen kann, er hatte der Mutter das Kind, sein eigenes Enkelkind vor dem sicheren Tode errettet. Piroska, die ihm treu die Augen zugedrückt, wußte das nicht, aber er, Friedrich Platter, er hat es gewußt. – –

 

 

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