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Die Tochter des Diplomaten. Erster Teil

Philipp Galen: Die Tochter des Diplomaten. Erster Teil - Kapitel 9
Quellenangabe
authorPhilipp Galen
titleDie Tochter des Diplomaten. Erster Teil
publisherA. Schumanns Verlag
yearo.J.
printrunFünfte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel.
In der Heimat.

Die mehr oder minder angenehmen Ereignisse der letzten Tage und ihr unerwartet seltsamer Schluß konnten den Geist Franz Marssens wohl eine Zeit lang beschäftigen, allein ihn tief zu bewegen, oder ihm gar auf die Dauer ein trübes Gepräge aufzudrücken, das vermochten sie nicht. Dazu war dieser Geist viel zu elastisch und jugendfrisch, zu strebsam und ernsteren Zielen zugewandt, und so ward es ihm nicht schwer, nach kurzer äußerer Zerstreuung mit gesammelter Kraft wieder zu sich selbst zurückzukehren und, seinen alten edlen Vorsätzen getreu, den mit Eifer begonnenen Weg ruhig weiter zu verfolgen.

Mit guten Naturanlagen begabt, hatte Franz Marssen eine vortreffliche Erziehung, zwar nicht im Hause seines Vaters, aber bei einem hochgebildeten und einsichtsvollen Lehrer in Düsseldorf genossen. Nach seines Vaters Meinung sollte er sich irgend einem Fachstudium widmen, falls er Neigung dazu verspürte; ein seinen Fähigkeiten und Wünschen unangemessener Zwang aber war ihm dabei in keinerlei Weise auferlegt worden. Fleißig, aufmerksam und mit großer Fassungskraft begabt, machte er schnelle und bedeutende Fortschritte in fast allen Lehrgegenständen, allein, vorzüglich alles Schöne und Edle erfassend, was sich seinem jugendlichen Auge bot, ergriff ihn frühzeitig eine unwiderstehliche Neigung zur Malerei, wozu vielleicht gerade Düsseldorf die meiste Anregung geboten hatte. Während er nun mit Einwilligung seines Vaters sein ganzes Herz dieser Kunst zuwandte, vergaß er doch nicht die Ausbildung seines Geistes und setzte diese noch emsig mit allen Kräften fort, nachdem er sich schon lange ausschließlich seinen künstlerischen Bestrebungen gewidmet hatte. So wurde er unter geschickter Leitung ein guter Maler, aber auch zugleich ein gebildeter Mensch, ein denkender, strebsamer Künstler, der die Welt, wie der Egoist und beschränkte Kopf, nicht nur in sich, sondern auch außer sich sieht und sucht und der also bedeutend von vielen seiner Kameraden abwich, die als Maler es für unnötig hielten, sich auch um andere Dinge in der Welt, um Wissen und Wissenschaft zu bekümmern. Während er zeichnete und später malte, studierte er in den Mußestunden auch die Geschichte der Kunst und kam dadurch auf die Geschichte der Welt, die ja alles umfaßt, was sich auf Erden bewegt, was den Fortschritt im Guten und Rechten schafft und die edelste belehrende Quelle des menschlichen Geistes ist.

So wuchs er allmählich zum Jüngling und zum Manne heran, der sich bewußt ist, ein mitschaffender Teil des großen sich immer neu gebärenden Ganzen zu sein. Bei nicht gerade reichen Mitteln, womit sein Vater ihn unterstützen konnte, aber auch nicht kärglich eingeschränkt, erwarb er sich schon frühzeitig durch glückliches Porträtieren ein kleines Einkommen und benutzte dasselbe zu verschiedenen Reisen im Innern Deutschlands, bis er von Karlsruhe, wo er zuletzt gearbeitet und sich bereits unter den größten Meistern der Gegenwart einen ehrenhaften Ruf erworben, auf den Wunsch seines Vaters nach der Schweiz übersiedelte, wie wir bereits erfahren haben.

Was nun die Bekanntschaft betraf, die er so zufällig auf seinem letzten Ausfluge angeknüpft, so hielt er selbst sie für ein unbedeutendes, flüchtig vorübergehendes Ereignis ohne alle Folgen, wie ihm deren ähnliche wohl schon früher begegnet waren. Anfangs freilich war ihm das geheimnisvolle Dunkel, welches über der Familie des finsteren Fremden und diesem selbst schwebte, der offenbar keine ganz unbedeutende Persönlichkeit war, etwas peinlich gewesen, indessen wie ihn dieser abgestoßen und das ganze Verhältnis verbittert hatte, so hatte sein Künstlerauge durch den Anblick seiner Tochter einen hochherrlichen Triumph gefeiert, ohne daß sein Gefühl im geringsten dabei in Anspruch genommen worden wäre. Wenigstens sagte er sich das, wenn er an dieselbe dachte, von jetzt an oft genug. Aber nicht nur die eigentümliche Schönheit, die dieses Mädchen auf eine so seltene Weise auszeichnete, hatten ihm zu denken und zu sinnen gegeben; auch der widerspruchsvolle, trotzige, jedenfalls aber naturwüchsige Geist, der diesem zierlichen und ausdrucksvollen Kopf innewohnte, hatte ihr in seinen Augen einen unbeschreiblichen Reiz verliehen, und das dämonische Feuer, das bei mancher Gelegenheit aus ihren Augen blitzte, hatte seinen eigenen männlichen Geist zum Widerspruch angestachelt, so daß er, wenn er auch nicht imstande war, über sich selbst klar zu werden, sich doch gestehen mußte, daß er dadurch einigermaßen aus seinem gewöhnlichen stillen und ernsten Geleise gerückt war.

Mit solchen Gedanken beschäftigt, finden wir ihn, nachdem die schnellen Pferde schon längst die Reisenden entführt, noch immer vor dem brausenden Wasserfall stehen, und erst allmählich gelang es ihm, sich von seiner inneren Zerstreuung zu befreien und den äußeren Eindrücken der Natur hinzugeben, was für den edlen und reinen Naturmenschen stets ein siegreicher Schritt zur nüchternen Weltanschauung ist.

»Eine zufällige Begegnung in den Bergen,« sagte er sich zuletzt, »ja, sie hat es selbst richtig bezeichnet, das war es und weiter nichts, und so wollen wir von jetzt an die ganze Begebenheit auffassen. Das schließt aber nicht aus, daß sie mir ein schönes Modell sein und bleiben soll, und dazu habe ich ja schon in meinem Skizzenbuch den ersten Schritt getan. Die Schottin, auf dem Schimmel unter der alten Föhre im Hochlande reitend, soll meine erste neue Arbeit sein, ja morgen schon will ich sie beginnen, mit einem Genuß und einem Behagen, die mir schon jetzt wie prickelndes Feuer in den Fingerspitzen zucken.«

So weit war Franz Marssen in seinem Gedankengange gekommen, als er von Jürgen unterbrochen wurde, der mit freudig strahlendem Gesicht herankam, seinem Herrn das Skizzenbuch brachte und meldete, daß die fremden Herrschaften nach Interlaken aufgebrochen seien.

»Ich weiß es schon, Jürgen,« erwiderte der junge Mann, »aber was willst du mir noch sagen?«

»Ach, Herr,« versetzte der gute Bursche mit einiger Verlegenheit, »der Herr hat mir ein Trinkgeld gegeben – darf ich es denn wohl mit gutem Gewissen annehmen, da ich die Reise doch im Auftrage des Herrn Doktors machte?«

Man sieht, Jürgen war noch ein sehr wenig industriöser Diener und dabei außerordentlich bescheiden, was in der Schweiz viel sagen will, wo, wie in keinem Lande der Welt, nach unserer eigenen Erfahrung, die dienstbaren Geister jederlei Gattung die unverschämtesten Ansprüche erheben. Allein der gute Jürgen war von der so schamlos wuchernden Fremdenkultur noch nicht ›beleckt‹, er war ein ungefälschter Sohn seines Landes und dabei der treue Diener eines wackeren Herrn, den er, wie alle ihm Untergebene, liebte und auf dessen Geheiß er ohne Entschädigung acht Tage lang durch Fels und Schlucht geklettert wäre, um irgend einen ihm überwiesenen Fremden zu seinem Ziele zu leiten.

Franz Marssen lachte, als Jürgen ihm jene Frage vorlegte und erwiderte: »Ich wüßte keinen Grund, warum du dies Geld nicht mit gutem Gewissen annehmen solltest – was hat der Herr dir denn gegeben?«

Jürgen griff in die Tasche und zog ein neues Goldstück hervor, das er seinem jungen Herrn mit triumphierendem Gesicht zeigte.

»Nun,« sagte dieser, »das hast du wohl verdient, und jetzt laß mich allein und sorge für die Pferde.«

»Soll ich denn heute nicht mehr mit ihnen nach Hause zurück? Aushalten könnten sie den Weg schon.«

»Es hat keine Eile, denke ich, laß sie sich lieber ruhen. Morgen früh um fünf Uhr kannst du heimwärtsziehen und zu Hause meinen Vater und die Tante grüßen und ihnen sagen, daß ich wohlauf bin und gegen Mittag bei ihnen eintreffen werde.«

»Wollen Sie denn zu Fuße gehen, Herr? Es sind ja drei Pferde da. –«

»Aber mit Damensätteln – nein, ich gehe diesmal lieber und das Wetter ist gut. Adieu!«

Unser Maler war ein guter Fußgänger und rüstiger Bergsteiger, wie wir bereits erfahren haben, und da er auch jetzt noch nicht übermüdet war, so benutzte er die schöne Abendstunde, um nach den oberen Fällen des Reichenbachs emporzusteigen und an geeigneten Orten einige Skizzen vom Wasserfall aufzunehmen, wie es stets seine Gewohnheit war. Erst lange nachdem die Sonne hinter dem See von Brienz versunken war, kehrte er nach dem jetzt übervollen Gasthof zurück, nahm in Gesellschaft der allen Nationen angehörenden Gäste sein Nachtessen ein und ging dann zur Ruhe, da sich eine leichte Müdigkeit endlich seiner Glieder bemächtigt hatte.

Der nächste Morgen war so golden klar und lieblich frisch, daß unser Freund schon um sechs Uhr seinen kurzen Weg nach Brienz antrat, mit fröhlichem Blick die Gebirgszüge an beiden Seiten der Aar betrachtend, von denen unzählige silberne Wasserfäden in wilden Sprüngen und mit sanftem Gemurmel herabrieseln und das Auge wie das Herz des Wanderers erfreuen. In Brienz hielt er sich bis um zehn Uhr auf, dann bestieg er das abgehende Dampfboot, das er leider, wie stets im Monat Juli, fast nur mit Engländern gefüllt fand, die in ganzen Schwärmen auf die Schönheit der Schweiz förmlich Jagd machen und alle Häuser, Schiffe, Wagen und Pferde dermaßen in Anspruch nehmen, daß, wenn es so fort geht, in kurzer Zeit kein bescheidener Deutscher mehr irgend einen Reiz in gemütlicher Stille und Behaglichkeit darin wird genießen können.

Auch diesmal blieb unserm Maler nur ein kärglicher Platz neben dem Steuermann übrig, allein er war ein genügsamer Reisender, wenn sein Auge Befriedigung fand, und dafür hatte die gute Natur auf dem blaugrünen schönen Brienzer See ja so reichlich gesorgt. Berge, Schluchten, Wellen und Wolken mit sicherem Blick überfliegend, sog er die Reize, die sich ihm boten, mit vollem Behagen ein, und so kam er endlich in ruhigster Stimmung in Interlaken an, um alsbald seinen Weg nach dem väterlichen Hause anzutreten. –

Wenn man aus den stillen Bergen des Berner Oberlandes, wo man immer nur einzelne Menschen oder höchstens in einem abgelegenen Gasthofe einer etwas zahlreicheren Gesellschaft begegnet, nach dem Bödeli hinabsteigt und an der Landungsbrücke der Aar vor Interlaken das Dampfboot verläßt, so wird man überrascht von dem Gewühl und dem Gedränge, welches sich sogleich in dem beliebten Sammelpunkt der Schweiz zu entwickeln beginnt. Fuhrwerk jederlei Art, vom elegantesten bis zu einfachen Gebirgskarren herab, ist dicht am Wasser in einer unabsehbar langen Wagenburg aufgefahren; betreßte Kutscher und Diener jeder Gattung umringen uns und ein so buntes Menschengewühl zeigt sich auf der Stelle dem verwunderten Auge, daß man glaubt, wie durch einen Zauberschlag mitten in das Gewirr und Gelärm einer übervollen Hauptstadt versetzt zu sein.

Hat man nun mit wenigen Schritten den allgemeinen Sammel- und Spazierplatz, den berühmten Höheweg unter der Nußbaumallee erreicht, so sieht man, daß man sich allerdings unter Menschen aus großen Städten bewegt, aber diese haben hier ein so eigentümliches, von dem ihrer Heimat so abweichendes Aussehen, daß man nicht weiß, ob man mehr unter Franzosen, Deutschen, Polen und Ungarn oder unter Engländern und Russen wandelt, da alle Nationalkostüme, so weit deren noch getragen werden, hier in den vielfältigsten Abstufungen vertreten sind. Viele von ihnen jedoch, namentlich Bewohner der großbritannischen Inseln, haben sich in die ganz eigene Gattung schweizerischer Touristen verwandelt und stolzieren mit olympischer Allerweltsverachtung in den fabelhaftesten Trachten einher. Mit vielfarbigen Strümpfen, Kniehosen und Gletscherschuhen bekleidet, blutrot wollene Hemden und Jacken von allerbequemster Form nebst blauen oder grünen Schleiern auf den gestutzten, mit Federn geschmückten Zylinderhüten tragend, renommieren alte und junge Herren mit langen Alpstöcken die Straße auf und ab und glotzen die ewigen Schneeberge mit ihren wasserblauen Augen so vertraulich an, als ständen sie mit ihnen auf dem ›Du und Du‹-Fuß und hätten bei ihrer Geburt Gevatter gestanden.

Aber nicht allein die Männerwelt mit Bärten, die man oft Zotten nennen und für verbleichtes rotes Blätterwerk halten könnte, auch die der Frauen zeigt sich hier in einem ganz ungewöhnlichen und dem Neuling seltsam erscheinenden Aufputz, denn es gibt in Interlaken auch löwenkühne weibliche Touristen, die den Ruhm einer ganz besonderen Gattung in Anspruch nehmen. Freilich rauschen viele von ihnen noch in Krinolinen, die mit ihrer Breite die halbe Straße einnehmen, und in seidenen Roben einher, deren Schleppen sich fußlang, gleich den Wellen hinter einem Dampfboot, hinter ihnen herwälzen und den feinen Staub der Straße in Wirbeln aufwühlen, viele aber gehen auch mit hochgeschürzten Röcken einher und scheinen sich zu freuen, der staunenden Welt zeigen zu können, daß der liebe Herrgott da oben auch sie mit Beinen und Zubehör wie die Männer begabt hat. Viele von ihnen, ob sie nun zu Pferde, zu Esel sitzen oder zu Fuße gehen mögen, tragen auch drei Ellen lange Alpstöcke und nägelbeschlagene Bergschuhe, grüne und blaue Schleier an den Hüten, und Oberkleider, von denen man in der Tat oft nicht weiß, ob sie aus einer Herren- oder Damengarderobe stammen; und endlich sind die blauen Brillen ein beliebter Putz, damit der ewige Schnee der Alpen, den man hier morgens, mittags, abends und nachts vor der Nase hat, die schönen Augen nicht blende, wenn einmal – Gott verzeih' uns die Sünde! – ein schönes Auge sich hier blicken läßt, wo unter auf- und abwogenden Menschen so unzählige und so verwunderlich häßliche, ja widerliche sind, wie wir an keinem Ort der Welt gesehen zu haben uns erinnern, trotzdem sie sich, wie indianische Squaws, mit blitzenden Geschmeiden und Zieraten behängen, die oft vom Hals bis zum Knie herabreichen.

Franz Marssen, dem der Anblick des eben geschilderten Interlakener Publikums kein neuer mehr war, ging mit seinem gewöhnlichen ruhigen Schritt durch die Wagen, Reiter und Fußgänger den Höheweg hinab, weniger auf die ihn umgebenden Menschen, als auf die erhaben schöne Bergkette achtend, die sich jetzt auf der Südseite der Straße immer grandioser aufzurollen beginnt. Erst als er den Staub und das Gewühl des Höheweges verließ und in die Seitenstraße einbog, welche nach dem Hause seines Vaters führte, wehte ihn eine wohltuende heimatliche Luft an und sein Gemüt erfreute sich der lieblichen Stille, die hier allmählich zu walten begann und immer mehr zunahm, je weiter das bunte Allerlei der Hauptstraße hinter ihm liegen blieb. Nach und nach nahmen auch die Häuser an Zahl und Größe ab, die freien Gartenräume zwischen ihnen wurden länger und breiter, und endlich gelangte er in den stillen Nebenweg, an dessen Ende das Schweizer Asyl des Doktor Marssen lag. O, wie war schon hier alles so frisch, kühl und rein! Die dichtbelaubten Nußbäume hauchten einen erquickenden Duft aus, die grünen Hecken bedeckte kein farbloser Staub und von den saftigen Wiesen strömte der kräftige Geruch frisch geschnittenen Heues herüber, welches dem Talbewohner in diesem Jahre die erste Ernte lieferte. In der Perspektive der Straße aber, hoch über allem Erdengewühl, thronte auf ihrem gewaltigen Piedestal die ewig schöne und herrliche Jungfrau, die Königin dieses und aller übrigen Täler, und die grünen, schön geschwungenen Berge davor, mit ihren geheimnisvoll dunklen Tannenwäldern, strahlten ihm mit einem Zauber entgegen, daß sein Herz vor Freude und Glück aufschwoll, und er kaum genug Fassungskraft im Auge hatte, um alles und jedes zu überschauen und in die aufjauchzende Seele einzusaugen.

Endlich bog er in die letzte schmale Nebengasse ein und da – da lag das väterliche Haus, still und friedlich unter seinem breiten, weit vorspringenden Dach, halb von Weinblättern bedeckt und mit üppigen Rankengewächsen geschmückt, deren saftige Blätter und farbenreiche Blüten die Pfeiler der Veranda umringelten, wie sie kein anderes Haus im ganzen Bödeli so geschmackvoll und zierlich geordnet aufzuweisen hatte.

Als er dies Haus in der Ferne auftauchen sah, blieb er einen Augenblick stehen und schaute es mit stillem inneren Behagen und fast nie gefühlter Befriedigung an. Ja, er fühlte, daß er eine Heimat, eine schöne Heimat besitze und daß innerhalb derselben Menschen wohnten, denen er sein ganzes Herz widmen konnte, und von denen er gewiß war, daß sie ihm ihr ganzes Herz wieder widmeten.

»Wer wird der erste sein, den mein Auge sieht,« fragte er sich, »wessen Willkommenruf wird mir zuerst in die Ohren tönen?« Ha – und ja, da kam der erste schon oder vielmehr die erste, denn Tante Karoline selber trat eben mit ihrem leichten sinnigen Schritt von den Stufen der Veranda herunter, ein Körbchen mit frischen Erdbeeren in der Hand tragend, die sie für den Bruder und den wahrscheinlich bald anlangenden Liebling, der aus den Bergen kam, fürsorglich hatte pflücken lassen.

Franz schritt lächelnd und mit freudestrahlendem Gesicht ihr entgegen, die ihn noch nicht sah, aber da schlug sie die sanften Augen auf und, laut aufschreiend vor Freude, setzte sie das Körbchen mit Früchten rasch auf die Erde in das Gras, da nicht gleich ein Tisch oder eine Bank zur Hand war, und lief dem Neffen mit offenen Armen entgegen, den sie liebte, wie eine Mutter nur ihren eigenen Sohn hätte lieben können.

»Franz!« rief sie frohlockend, »da bist du, willkommen, mein lieber, guter Junge!« – Und »Tante Karoline!« rief er und beide hatten sich schon erreicht und umschlangen sich fest und innig, so daß man nicht sehen konnte, ob der eine oder die andere zärtlicher und beglückter war.

Karoline war ganz aus ihrem sonst so ruhigen Gleichgewicht geraten, aber das dauerte nicht lange; bald war sie wieder die alte stille Tante geworden, nur hielt sie die Hand des Neffen noch immer fest, nachdem sie ihn unter die Veranda geführt und auf einem Stuhl hatte Platz nehmen lassen, vor dem ein gedeckter Tisch stand, an welchem auch heute, wie es Sitte war, pünktlich um ein Uhr gespeist werden sollte.

Allein nicht lange verharrte die ruhige Hausfrau in untätiger Ruhe. Bald war sie wieder aufgesprungen, hatte die Erdbeeren, Brot und Wein herbeigeholt, und während nun Franz ohne Weigerung von dem Dargebotenen »kosten und sich stärken« mußte, hing sie mit ihren treuen zärtlichen Augen an seinen Lippen, um die merkwürdigen Dinge zu vernehmen, die er ohne Zweifel in reichster Fülle zu erzählen hatte.

Jedoch, er war noch nicht zum Erzählen aufgelegt, vielmehr schwebte ihm eine Frage schon lange auf den Lippen, und diese sprach er nun zuerst aus.

»Wo ist der Vater, Tante?« lautete sie, und dabei schaute er sich im Kreise um, als suche er ihn auf irgend einer Stelle, wo er wohl sonst zu sitzen pflegte.

»Er ist im Augenblick nicht hier,« erwiderte die Tante, »er muß bald kommen. Er ist bei einem schwerkranken Patienten, den er täglich zweimal besucht, dem es aber jetzt schon besser geht.« Und nun erzählte sie dem aufmerksamen Neffen, was sich, wie wir schon wissen, vor einigen Tagen bei Mürren zugetragen hatte. »Nun aber,« fuhr sie lebhaft fort, als sie damit zu Ende gekommen, »erzähle du mir von deinen eigenen Erlebnissen und laß dir gleich sagen, daß du uns auf dein Abenteuer recht neugierig gemacht hast.«

Franz zögerte noch, lächelte und sagte dann: »Du weißt ja, wo ich gewesen bin, und hast gewiß schon meine große Mappe geöffnet. Nun, darin ist fast all mein Erlebtes, das heißt Gesehenes, enthalten, das magst du mir glauben.«

»Jawohl, ich weiß, daß du auf dem Montblanc gewesen bist, und du hast viel Schönes davon mitgebracht. Aber davon will ich jetzt noch nichts hören, erspare es, bis der Vater hier ist. Erzähle mir lieber vom Rhonegletscher – du weißt schon –«

»Ach so! Ja, das ist erst der Schluß meiner Reise, das kommt zuletzt. –«

»Nein, das muß bei mir zuerst kommen, denn meiner Meinung nach ist es gewiß das Interessanteste. – Die drei Damen – du verstehst schon?«

Franz mußte unwillkürlich laut lachen. Das Gesicht der guten Tante verriet eine Neugierde, wie er sie nie auf demselben wahrgenommen.

»Worüber lachst du?« fragte sie dann, sich zur Ruhe zwingend. »Doch nun sprich' – waren sie alle drei jung?«

Er schüttelte den Kopf und nahm eine ernstere Miene an. »Nein, nur eine von ihnen, liebe Tante. Die zweite war von mittlerem Alter, und die dritte, derentwegen ich hauptsächlich um die Pferde bat, war sogar weit über die Jugend hinaus und ich wage zu sagen, da du darin vernünftig bist: sie war etwa von deinem Alter und dabei leidend und sehr schwach.«

»O, und doch reiste sie im Hochgebirge? Ihretwegen also hast du die Pferde kommen lassen?«

»Ja, eins wenigstens, und sie hat auf deinem sanften Fuchs geritten.«

»Und wer hat deinen feurigen Schimmel geritten?«

»Die jüngste Dame natürlich.«

»War sie schön?« fragte die Tante vorsichtig und mit ruhiger Bedachtsamkeit die Miene des Erzählenden musternd.

»Wunderbar schön,« erwiderte Franz ohne alle sichtbare Bewegung, »in einer Art schön, wie ich noch nie ein weibliches Wesen gesehen.« Und nun erzählte er in ruhiger Weise, wie und wo er die Bekanntschaft der schottischen Familie gemacht, wie er die junge Dame, die sich verstiegen, vom Rhonegletscher herabgeholt und wie er dann allen bis nach den Reichenbachfällen das Geleit gegeben.

»Aber wie hießen und wer waren sie?« fragte die Tante, nachdem sie jedem einzelnen Worte des seine Tat so einfach schildernden Neffen die größte Aufmerksamkeit geschenkt.

»Ja, das weiß ich nicht,« fuhr er fort, »sie bewahrten streng ihr Inkognito und kein Mensch konnte irgend etwas von ihnen herausbringen, was uns Aufschluß über ihre Verhältnisse und Namen gegeben hätte.«

So wußte Karoline endlich alles, was Franz erlebt hatte. Nur eins hatte er ihr verschwiegen und auch dem Vater verschwieg er es später. Von der kalten Unfreundlichkeit, der Ungeselligkeit und dem finsteren Wesen des Vaters der jungen Schottin sagte er ihnen nichts, vielleicht darum nicht, weil er den Anteil, welchen die Seinigen an seinen Erlebnissen nahmen, und das Vergnügen, welches sie darüber empfanden, dadurch nicht schmälern wollte, daß er ihnen eine Kehrseite derselben enthüllte, vielleicht aber auch aus dem ihm selbst unbewußten Drange nicht, um keinen Schatten auf die Begleitung der jungen Dame fallen zu lassen, die als ein so helles Lichtbild in seinen Reiseerinnerungen stand.

»Nun aber,« fuhr er nach den letzten Worten fort, »will ich dich mit der schönen Schottin selbst bekannt machen.« Und er holte sein Skizzenbuch hervor und zeigte ihr zuerst das Porträt der Fremden.

Die Tante schaute lange und bedächtig prüfend auf das Gesicht des jungen Mädchens hin. »O ja,« sagte sie endlich, »schön ist dies Gesicht, auch nach meinem Urteil, aber – nimm es mir nicht übel, lieber Junge, ich kann mich auch irren – mir scheint als ob doch etwas Hartes, Kaltes oder Erkältendes, vielleicht gar Unweibliches darin läge, was nicht allein die phantastische Kleidung verschuldet, sondern sich auch in den eben nicht allzu weichen Zügen ausprägt. Meinst du nicht auch?«

Franz zuckte unmerklich zusammen, als wäre eine feine Fiber in seiner Seele zerrissen. »Unweibliches?« fragte er fast wehmütig. »O, dann habe ich sie nicht getroffen, dann war meine Auffassung falsch, denn nie habe ich etwas echt Weiblicheres gesehen. Bei alledem – ja – hast du vielleicht recht, wenn du damit meinst: etwas Eigenes, Fremdartiges, vielleicht Starres, was erst die Zukunft, mag sie sich nun der Freude oder des Schmerzes als Mittel bedienen, schmelzen muß.«

Die Tante blickte von neuem auf die meisterhaft ausgeführte Zeichnung, als prüfe sie sie mit ihrer ganzen weiblichen Spürkraft, schüttelte dann den Kopf und seufzte leise.

»Du seufzest? Warum?« fragte der Neffe liebevoll und doch selbst halb beklommen.

»O, ich seufze ja nicht, nein, gewiß nicht, aber du hast recht: wenn dies Gesicht mit Farben gemalt würde, müßte es schön wie der junge Tag selber sein.«

»Oder auch wie die Nacht, und zwar mehr, wenn sie von züngelnden Blitzen, als von klaren Sternen erleuchtet ist. Denn eine solche Nacht kann auch wunderbar schön sein und einem Künstlerauge seltene Effekte bieten, nicht wahr?«

»Nun ja, aber ich liebe den sonnigen Tag mehr, wenn auch eine klare Mondnacht bei einem ruhigen Gewissen etwas recht Schönes und Anmutiges hat.«

»Die Menschen denken darin verschieden. Doch nun betrachte meine zweite Skizze. Das soll mein neuestes Bild werden – ist es nicht schön?«

Karoline beschaute auch diese Skizze aufmerksam und mit verständigem Auge, wie es ihr von Natur eigen war und wie der Neffe sie einen Entwurf zu betrachten gelehrt hatte, und sie freute sich sichtlich über die gelungene Auffassung. »Das willst du also malen?« fragte sie.

»Ja, mit Leidenschaft, Tante, ich habe mich nie so auf ein Bild gefreut. Schon heute nachmittag werde ich einen großen Blendrahmen nehmen und die Zeichnung beginnen. Sie wird mir leicht werden und schnell von der Hand gehen, da mir alles frisch im Kopfe steht.«

»Heute schon? Willst du uns, deinem Vater, der so viel und wichtiges mit dir zu reden hat, gar keine Zeit schenken?«

»Gewiß, liebe Tante, und recht gern, aber arbeiten kann ich doch bei Tage, und am Abend läßt es sich am besten plaudern.«

»Gut, gut, laß ihn nur erst kommen. Aber wie? Willst du es dir nicht erst ein wenig bequem machen? Die schweren Bergstiefel drücken dich gewiß und deine Kleider sind arg voll Staub.«

»Nein, nein, es ist ja mein Reiseanzug und der ist der bequemste von allen. Nachher, vor Tisch noch, sollst du mich aber schmuck und blank sehen.«

In diesem Augenblick hörte man am hinteren Ende des Korridors innerhalb des Hauses eine Tür zuschlagen und gleich darauf einen gewichtigen Schritt sich der Veranda nähern. Es konnte kein anderer als Doktor Marssen sein, der von der anderen Seite der Straße her durch eine Nebenpforte unbemerkt in das Haus getreten war. Franz sprang auch sogleich auf, er hatte des Vaters festen und ruhigen Schritt erkannt. Eine halbe Minute später standen sich die beiden Männer gegenüber und ihre Hände fielen kräftig ineinander.

»Franz, mein Junge!« rief Doktor Marssen mit lauterer Stimme als gewöhnlich, »da bist du ja. Na, also endlich! Nun, sei mir herzlich willkommen, du bist aber wohl eben erst angelangt?«

»Vor einer kleinen Stunde, mein guter Vater, und ich freue mich, dich so wohl und frisch zu sehen!«

Des Vaters dunkelblaues Auge glitt ruhig über die kräftige Gestalt und das von der Sonne gebräunte Gesicht des Sohnes, und der sprechende Ausdruck seiner Miene zeigte, wie groß seine Freude war, den Vielgeliebten wieder bei sich zu haben, obwohl er darüber wenig Worte hören ließ. Franz war gewiß ebenso glücklich, dem treuen Vater wieder nahe zu sein, aber auch er ließ seine Empfindungen mehr durch liebevolle Blicke als Worte erraten, denn die beiden Männer waren sich an Wesen und Charakter in vielen Punkten ähnlich und auch im äußeren Verhalten hatte der Sohn manchen Zug, wenn er ihm nicht schon angeboren war, vom Vater angenommen. So waren sie beide in der Regel gleich ernst, ruhig und bedachtsam, im Handeln und Reden, und wenn irgend etwas Leidenschaftliches in ihnen nistete, so war es die grenzenlose Bewunderung der sie umgebenden Naturschönheiten, die freilich bei dem zarter besaiteten Sohn und infolge der Liebe zu seiner Kunst eine andere, man möchte sagen, höhere Richtung genommen hatte, während sie bei dem Vater, dem reinen Naturmenschen, mehr ein notwendiger Lebensgenuß war.

So saßen sie denn jetzt beinahe noch eine halbe Stunde still redend beisammen und in dieser Zeit hatte der Arzt in allgemeinen Umrissen die Schilderung der Reise des Malers vernommen, dessen Mitteilungen er, wie Karoline vorher, ein aufmerksames Ohr schenkte. Während er aber sprach, bemerkte Franz mit seinem feinen Auffassungsvermögen, daß der Vater ernster als gewöhnlich erschien, und da ihm bei dieser Gelegenheit dessen Patient einfiel, so fragte er nach ihm.

»Ah,« sagte der Doktor, »Karoline hat dich also schon davon in Kenntnis gesetzt! Nun ja, es geht dem armen Teufel ganz leidlich, besser als ich mir dachte, daß es ihm in den ersten Tagen gehen würde. Sein Kopf wird bald geheilt sein, auch die Quetschung des Fußes ist nicht von Bedeutung, und die längste Zeit zur Heilung wird sein gebrochener Arm gebrauchen.«

»Er wird also gänzlich wiederhergestellt werden?«

»Mit Gottes Hilfe, ja! Doch nun wird es wohl Zeit sein, daß du dich zum Essen bereit machst, du hast ja den ganzen Staub deiner heutigen Wanderung noch auf dem Rock. Ha, da kommt die Resi schon mit den Tellern. Mach schnell, mein Junge. Bei Tische erzählst du uns genauer, was du getrieben, und dann – ja dann werden wir später noch Zeit genug haben, auch von ernsteren Dingen zu reden, hm!«

Franz entfernte sich, um sich in seinem Zimmer umzukleiden. Als er eben fortging, kam Karoline aus der Küche nach der Veranda, und sogleich sagte der Bruder zur Schwester:

»Nun, Karoline, bist du wohl ganz glücklich, he? Dein Liebling ist ja wieder im Hause. Sag', hat er dir schon sein Abenteuer auf dem Gletscher gebeichtet? Mir hat er bis jetzt kein Wort davon gesagt.«

»Alles, Leo, alles bis ins kleinste weiß ich, es ist wahrhaftig ein ganz unschuldiges Abenteuer gewesen.« Und sie wiederholte fast Wort für Wort, was sie vor kurzem erst selbst gehört, und zeigte das Skizzenbuch vor, welches auf dem Tische liegen geblieben war.

Doktor Marssen lächelte heiter, als sie mit ihrem Bericht fertig war, und betrachtete mit Anteil die beiden Skizzen. »Nun,« sagte er, »da hat er sich wenigstens einen hübschen Stoff mit von der Reise gebracht, und das war ja der Hauptzweck, wegen dessen er ging. Wohl dem, der so seine Zwecke erreicht, vielen wird das leider nicht in der Welt beschieden. Ah, da kommt die Suppe – ist denn Franz schon fertig, Resi?«

»Er kommt schon den Korridor herunter, Herr Doktor!« antwortete die schmucke Magd und setzte rasch für den Herantretenden, der in einer hübschen Sommertracht, in langen Beinkleidern und eleganter Wäsche erschien, den noch fehlenden Stuhl hin.

*

Wie der Vater es gewünscht, so erzählte Franz bei Tische auch ihm seine Begegnisse auf der Rückreise und sprach ihm bei dieser Gelegenheit seinen Dank für die Bereitwilligkeit aus, mit der er ihm Jürgen und die Pferde geschickt hatte. Die Mitteilungen des Sohnes waren den Zuhörern so interessant, daß sie sogar noch eine Weile nach Tische auf ihren Plätzen sitzen blieben, was sonst nicht ihre Gewohnheit war. Franz, der die Neigung der beiden Geschwister kannte, gleich nach dem Essen ein kurzes Schläfchen zu halten, wollte sie auch heute nicht darin stören und so brachte er rasch seine Erzählung zu Ende und sagte zu Karoline, nachdem er sich vom Stuhle erhoben und seine »Gesegnete Mahlzeit« gesprochen hatte:

»Nun, liebe Tante, bitte ich mir den bewußten Schlüssel aus, den ich während meiner Abwesenheit deiner Sorgfalt anvertraute.«

»Ah ja, zum Atelier. Hier hast du ihn, er ist nicht aus meiner Tasche gekommen und du wirst alles in bester Ordnung finden; ich bin noch heute morgen drüben gewesen und habe den Staub abgewischt.«

Franz nahm dankend den Schlüssel und verabschiedete sich, um sogleich in sein Atelier zu gehen, welches er seit mehreren Wochen nicht gesehen und nach dem er schon unterwegs eine so große Sehnsucht empfunden hatte. Da auch wir diesen Ort aus eigener Anschauung kennen lernen müssen, so begleiten wir ihn dahin und verlassen somit die Veranda, um in den zwar einfachen, aber von dem Licht der Sonne voll beschienenen Garten zu treten.

Am äußersten nördlichen Ende desselben, mit dem Wohnhaus durch einen rechtwinkligen, breiten und dichtbelaubten Weingang verbunden, lag ein kleines, ebenfalls im Oberländer Stil gebautes Haus, das seinen mit leichter Holzschnitzarbeit verzierten und mit einem ungewöhnlich großen Fenster versehenen Giebel gerade nach Norden kehrte. Ehemals war dies Haus nicht so stattlich wie jetzt, vielmehr nur eine Scheune gewesen, seit einem Jahre aber, wo die Anwesenheit des Malers einen stillen und seiner Arbeit allein gewidmeten Raum nötig gemacht, hatte Doktor Marssen dieselbe zweckmäßig ausbauen und auch äußerlich gefällig herstellen lassen, so weit es eben seine mäßigen Mittel gestatteten.

Im niedrigen Untergeschoß dieses kleinen, der ganzen Nachbarschaft als Malerwerkstätte bekannten Hauses befand sich nur ein Gartenzimmer, dessen Tür unmittelbar in den Weingang führte, im Obergeschoß, zu dem man auf einer zierlichen Außentreppe gelangte, war ebenfalls nur ein Gemach, eben das Atelier des Künstlers. Die auf der breiten Hausseite gelegenen zwei Fenster desselben, von denen das eine zugleich als Tür diente, waren in der Regel durch Rouleaux von festem dunklem Zeuge verhangen, wogegen das nach Norden sehende große Giebelfenster zur Zeit der Anwesenheit des Malers das Licht hereinließ, denn hier stand die Staffelei, an der er zu arbeiten pflegte.

Unmittelbar unter diesem Fenster lag eine niedrige grüne Hecke, die den Garten des Arztes von dem seines nächsten Nachbars schied, der als Eigentümer eines kleinen Besitzes sein Haus wohnlich eingerichtet und zu einer Privat-Pension umgestaltet hatte, in welchem er im Sommer in der Regel nur ein kleines Dachstübchen bewohnte, um zu spät gekommenen Reisenden oder auch einem Liebhaber stiller Wohnungen den gehörigen Raum darin zu gewähren.

Der zum Teil sichtbare Garten dieses Nachbars war eigentlich nur ein weiter, großer, von wenigen schmalen Wegen durchschnittener Rasenplatz, den eine reichliche Anzahl edler Obstbäume bedeckte, in deren Schatten hier und da Tische und Bänke angebracht waren, um den in der Pension Wohnenden einen überaus ländlichen, aber jedenfalls frischen und erquickenden Platz zu bieten. Weit hinter den Obstbäumen sah man durch die Blätter das Dach der Pension selbst vorragen, die wie alle Häuser dieser Gegend im Schweizerstil gebaut und deren Fenster mit grünen Jalousien versehen waren. Hinter diesem Hause in weiter Ferne und Höhe aber zog sich das schöne Hardergebirge auf dem rechten Ufer der Aare herum, auf diese Weise mit seinen ausgezackten Spitzen und dunkelen Felshöhlen einen schönen Rahmen um das vom Atelier aus sichtbare ländliche und anmutige Bild schlingend.

In dem ziemlich geräumigen Malerzimmer selbst sah es, Dank der fast täglichen Fürsorge Karolinens, auffallend ordentlich, ja schmuck aus, wenigstens standen die drei oder vier Staffeleien, welche fertige Gemälde in vergoldeten Rahmen trugen, an geeigneter Stelle, und auch die alle Wände bedeckenden Skizzen, Aquarellen, Modelle und einzelne plastische Figuren, wie man sie in einem Maleratelier findet, waren auf ihren Konsolen und Simsen regelrecht geordnet und gänzlich vom Staub befreit.

Um dem mit einer mattgrünen Tapete bekleideten Raume, dessen Fenster nur sehr kurze Gardinen zierten, ein etwas wohnliches und gefälligeres Ansehen zu geben, hatte Karoline in der dem nördlichen Fenster gegenüberliegenden Ecke ein kleines Sofa, davor einen Tisch auf einem hübschen Teppich, und zwischen den beiden Seitenfenstern einen alten Spiegel mit seltsam geschnitztem Holzrahmen angebracht; das war aber auch alles, was außer einigen Stühlen der Künstler in den nur den Musen geweihten Raum hatte einschmuggeln lassen.

So war also das kleine Atelier beschaffen, nach dem unser Freund ein so heißes Verlangen getragen, dies war für ihn die traulichste Stelle im ganzen Besitztum seines Vaters; hier wirkte und schaffte er, was sein Genius ihm zuweilen zu wirken und zu schaffen gestattete; darum drang auch kein trüber unlauterer Gedanke hier ein, hier war immer alles licht und klar, denn hier wohnte die Lust und die Freude an der Arbeit, so wie die Hoffnung auf das Gelingen derselben, und hier war auch der süßeste Genuß am vollbrachten Werke zu finden. O, wer da weiß, wie lieb ein Maler sein Malzimmer, ein Schriftsteller seine stille Klause und seinen Schreibtisch hat, wenn er mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele bei seiner Arbeit sitzt, also der rechte Künstler ist, der wird auch die Sehnsucht Franz Marssens danach in der wilden Öde der Berge, der wird seine Freude begreifen können, als er mit bebender Hand die Tür aufschloß und mit fröhlich aufleuchtendem Gesicht in das halb verdunkelte Zimmer trat.

Eine Weile blieb er in der Mitte stehen und schaute sich nach allen Seiten um, gleichsam um alle seine kleinen Schätze zu begrüßen oder vielleicht auch sich ihrer Anwesenheit zu versichern. Dann aber schritt er rasch nach dem großen Fenster, zog den grünen Vorhang auf, warf einen flüchtigen Blick über den benachbarten Garten und das in der Ferne im bläulichen Nebeldunst liegende Gebirge und drehte sich dann gleich wieder nach den Staffeleien hin, auf denen drei fertige und in der Tat wohlgelungene Gemälde von ziemlicher Größe standen. Einige Minuten lang prüfte er jedes von ihnen mit scharfem Blick, denn er hatte die Örtlichkeit, die sie darstellten, erst vor kurzem gesehen; endlich trat er lächelnd und offenbar zufriedengestellt davon fort und rückte seine Arbeitsstaffelei vor dem Fenster zurecht, die alsbald wieder in Anspruch genommen werden sollte. Aus einem Wandschrank nahm er sodann, vorsichtig den schönsten auswählend, einen schon fertig mit Leinwand überspannten Blendrahmen, stellte ihn auf die Staffelei am Fenster und begann sofort, und kaum das zur Seite gelegte Skizzenbuch benutzend, mit dunklem Stift die Umrisse des Bildes zu zeichnen, dem er schon seit mehreren Tagen alle seine Gedanken gewidmet hatte. Kaum aber hatte er die notwendigen Linien der Berge, des Sees und der links im Vordergrunde wurzelnden alten Föhre hingeworfen, so ergriff er einen neuen und schärferen Stift und fing mit ungemeiner Fertigkeit und Sicherheit an, das Pferd und die Reiterin zu zeichnen, die ihn allein zur Darstellung dieses Gemäldes veranlaßt hatte.

Wenn ein Künstler, seinem innersten Drange folgend, bei einer ihm behagenden Arbeit sitzt, vergißt er leicht Zeit und Stunde; Frost und Hitze, Hunger und Durst kümmern ihn wenig, und wenn ihm nur der Himmel glückt, den er malt, dann kann der wirkliche Himmel da draußen voller Wolken und Nebel hängen, er sieht ihn ebensowenig, wie er das Brausen des stürmischen Windes hört.

Es war schon vier Uhr geworden, und Franz Marssen saß noch immer vor der Staffelei und zeichnete emsig fort. Um diese Zeit aber pflegte man in der Familie Kaffee zu trinken, und wenn er dann nicht im Vorderhause erschien, brachte ihm Resi, die Magd, gewöhnlich seinen Anteil. Diesmal jedoch war es Karoline selber, die den Labetrunk auf warmen Kohlenbecken hereintrug, aber Franz war so tief in seine Arbeit versunken, daß er den Schritt der Kommenden zwar vernahm, aber nicht nach ihr hinblickte, da er sie für die Magd hielt. Die Tante bemerkte diesen Irrtum sehr wohl, trat um so leiser auf, um ihn nicht zu stören, und entfernte sich sogleich wieder, ohne nur ein Wort gesprochen, aber nicht ohne einen bewundernden, liebevollen Blick auf den fleißigen Arbeiter geworfen zu haben.

Bereits war es fünf Uhr geworden, und Franz saß immer noch vor der Staffelei. Wenn er es auch gewollt hätte, er konnte nicht von der Arbeit loskommen, die ihn wie mit eisernen Banden fesselte. Immer und immer wieder wollte er eine Pause eintreten lassen und nur noch dies und das vollenden; wenn es aber vollendet war, sprang der Zeichenstift wie von selbst auf einen andern Punkt über, und eine neue Aufgabe war entstanden, die nun doch zu Ende gebracht werden mußte. So war er schon ziemlich weit in der Zeichnung der Reiterin vorgerückt, als ein schwerer Tritt auf der knarrenden Außentreppe ertönte und Franz augenblicklich erkannte, daß sein Vater ihm, was nur selten geschah, einen Besuch im Malerzimmer abstattete.

Der achtsame Vater, der, sobald er ins Zimmer trat, auf der Stelle wahrnahm, daß der Kaffee unberührt auf dem Tische stand, schritt an seinen Sohn, der sogleich den Stift niederlegte und ihm entgegenkam, heran und sagte:

»Wie, du sitzest noch immer bei der Arbeit und hast noch nicht einmal deinen Kaffee getrunken? Bist du denn gar nicht müde von deiner weiten Morgenwanderung? Wozu diese Hast, diese Rastlosigkeit, Franz? Gönne deinem Körper doch einmal Ruhe und deinem Geiste Erholung; die hinfällige Natur des Menschen bedarf ihrer unbedingt, und ich will dir nicht wünschen, daß du frühzeitig die traurige Erfahrung an dir selber machst, wenn du ihren Gesetzen unablässig entgegenhandelst.«

»O nicht doch, mein lieber Vater,« versetzte Franz, indem er ihm, der sogleich Platz auf dem kleinen Sofa nahm, eine Zigarre anbot, eine frühzeitige körperliche Hinfälligkeit brauchst du bei mir nicht zu fürchten. Ich bin nicht im geringsten müde, eine so kleine Bergtour greift mich nicht an, und mein Geist hat auf dem Wege hierher genug geruht. Meine Organisation, das glaube mir, verlangt mehr nach Arbeit, als nach Erholung, ja, oft scheint mir gerade die Arbeit Erholung zu gewähren, wenigstens befinde ich mich am wohlsten, wenn ich vom Morgen bis zum Abend beschäftigt bin.«

»Das scheint dir nur so; diese Täuschung bewirkt die geistige Aufregung, in der du nicht merkst, was um dich her, was in dir vorgeht. Doch ich sehe schon, in diesem Punkte predige ich, wie immer, auch heute tauben Ohren. Wenn du es aber wirklich so eilig hast, will ich dich nicht stören und lieber in meinem Zimmer warten, bis du Zeit findest, mit mir zu plaudern.«

Franz, der ähnliche, in väterlichem Tone gesprochene Worte schon oft vernommen, aber dennoch seinem unaufhaltsamen inneren Drange nicht widerstehen konnte, den Wünschen des Vaters in diesem Punkte also stets entgegenhandelte, glaubte ihn diesmal in ernsterer Weise sprechen zu hören, und so setzte er sich zu ihm nieder und sagte, seine Hand auf die des Vaters legend: »Ich habe es nicht mehr so eilig, da du hier bist, lieber Vater. In solcher Gesellschaft zeichne und male ich nicht, da will ich gern reden, was du mit mir zu reden hast. Für dich habe ich immer und viel Zeit.«

Der durch diesen freundlichen Zuspruch leichtgewonnene Vater lächelte und sagte: »Nun, dann trinke zuerst deinen Kaffee, und dabei wollen wir zusammen verhandeln, was sich am besten tun läßt, wenn wir allein sind. So. Nun zünde dir auch eine Zigarre an und enthülle nur ganz offenherzig deine Pläne, die du mir zwar von Chamouny aus in einem Briefe schon angedeutet hast, die ich aber aus deinem eigenen Munde näher erörtert hören möchte.«

Die letzten Worte taten dem Sohne kund, daß ihm gleich am ersten Tage ein ernsthafteres Gespräch mit dem Vater bevorstand, als er erwartet hatte, denn der Gegenstand, den derselbe angeregt, war wichtig für ihn, war ein bedeutsames Moment für seine fernere Entwicklung, und seine ganze zukünftige Existenz hing, davon war er fest überzeugt, von dem Ausfall dieser Unterredung ab. Als er dies im Fluge bedachte, rötete sich sein Gesicht vor innerer Erregung, sein Auge nahm einen lebhaften Glanz an, und indem er die kaum angebrannte Zigarre beiseite legte, sagte er:

»Mein guter Vater, du kommst meinem Wunsche zuvor, mit mir über einen so wichtigen Punkt zu sprechen, obgleich ich in diesem Augenblick gerade nicht darauf vorbereitet war. Jedoch, da wir einmal allein sind und du die für mich so verhängnisvolle Bahn betreten hast, so will ich dir offen und ehrlich meine Wünsche und Pläne auseinandersetzen, und von deiner Einsicht, deiner Güte und Bereitwilligkeit es abhängen lassen, ob und inwieweit sie ausgeführt werden können. Sieh, ich bin jetzt von einer ganz hübschen Reise mit reichlichem Arbeitsvorrat zurückgekehrt und denke diesen ganzen Sommer in aller Stille bei Euch zu bleiben und dabei recht fleißig zu sein. Natürlich will ich nicht immer im Hause sitzen, sondern will die günstigen Tage benutzen, um auf die Berge zu steigen, wie du es liebst, in ihnen herumzuklettern und unter deiner Führung oder allein, wie es sich gerade trifft, unsere herrliche Umgebung genießen, wobei ja immer kleine und angenehme Studien gemacht werden können.«

»Nun ja,« warf der Vater hin, als Franz eine längere Pause eintreten ließ, um die Wirkung dieses Anfangs zu beobachten, »das läßt sich hören, und so soll es wirklich ausgeführt werden. Vierzehn Tage gebe ich dir für dich allein, aber dann mußt du mit mir hinaus auf die Schneefelder, um einmal wieder frische Luft zu schöpfen. In diesen vierzehn Tagen will ich dich nicht stören, du magst dich der Welt und uns verschließen, so viel du willst; ist die Frist aber vorüber, dann poche ich an deine Tür und rufe: Fort mit dem Pinsel, herunter mit dem Malerrock, und rasch in den Bergrock gefahren! Jedoch, mein Junge, von diesen kleinen Plänen wollte ich heute eigentlich nicht mit dir sprechen, du hattest ja viel größere im Sinn, die du mir vom Fuße des Montblanc aus andeutetest. Nun also heraus mit der Sprache und laß mich sehen, wie es dir ums Herz ist.«

Franz lächelte freudig und hoffnungsvoll den so ermutigend redenden Vater an. »Ach ja,« fuhr er fort, »diese Pläne hatte ich und habe ich noch. Laß mich also alles mit einem Wort aussprechen, was mir auf der Seele liegt. Meine bis jetzt enthüllten Pläne bezogen sich auf diesen Sommer, die folgenden beziehen sich auf den Herbst und den nächsten Winter, vielleicht sogar auf noch längere Zeit. Sieh, ich bin in Savoyen gewesen und habe nebenbei einen kleinen Teil von Italien gesehen. O, mein Vater, was mir dieser kleine Teil gezeigt, das hat mir schon tief und gewaltig das Herz bewegt und meine Augen sehnsuchtsvoll nach dem Süden gelenkt. Nach dem Süden also will ich, muß ich, mein Vater, auf längere Zeit, denn ich fühle es in meinem innersten Wesen; erreiche ich dieses Ziel meiner Wünsche nicht, so wird mir das größere Ziel meiner Bestrebungen auch verloren gehen. Also, da hast du das eine Wort: ich möchte Italien, ganz Italien sehen. Es handelt sich nur noch um deine Beistimmung dazu – und da du mir dieselbe bisher zu allen meinen Unternehmungen gewährt hast, so hoffe ich sie auch für diese. Allerdings, und hier stehe ich vor dem feindseligsten aller Riegel, erfordert diese Reise Mittel, und damit wird mir vielleicht, wie du mich schon früher hoffen ließest, die gute Tante beistehen, von der du einmal behauptetest: wenn sie wolle, habe sie die Mittel zu dieser Reise, und also könne sie mir dieselben auch bewilligen.«

Während der letzten Worte des Sohnes hatte Doktor Marssen den Kopf tief auf die Brust geneigt, und auch ihm war dabei die Zigarre ausgegangen. Als er jetzt sein männliches Gesicht erhob, war es ernst, viel ernster, als Franz es gewöhnlich sah, und sein Herz schlug heftiger als vorher, da er fühlte, der immer so gute Vater habe irgend einen Grund, die so sehnlich begehrte Reise zu mißbilligen. Aber da sagte dieser mit fast sanfter Stimme, die bei dem starken Manne stets einen tiefen Eindruck auf den Hörer machte:

»Mein lieber Franz, ich will auch mit einem Wort zu dir sprechen, und dies Wort soll lauten: ich habe persönlich nichts, gar nichts gegen deinen schönen Plan einzuwenden, wenn – und das ist ja einmal leider so oft die Hauptsache in der Welt – wenn die nötigen Mittel dazu vorhanden sind. Gehst du auf ein oder zwei Jahre nach Italien, so kostet das Geld, viel Geld, denn du wirst nicht als armseliger Vagabund in den Kneipen der Vorstädte deine Zwiebeln verzehren wollen – nein, das sollst du auch nicht, dazu bin ich zu stolz, wenn dein Kunstdrang und Künstlertrieb dich auch so weit verlocken sollte. Was ich nun an Geld in den letzten Jahren erspart hatte, das habe ich, wie du weißt, an den Neubau dieses Hauses verwandt, und so bin ich augenblicklich nicht gerade zu einer solchen Reise versorgt. Deine Bilder da willst du noch nicht verkaufen – still, ich weiß es – und vielleicht, ach ja! hast du auch noch keinen Käufer dafür. Da bleibt denn eben nur die gute Tante Karoline übrig. Nun ja, Karoline hat Geld, viel Geld, mein Sohn, aber ob sie bereit sein wird, dir davon mitzuteilen, das ist eine andere Frage.«

»Wie?« rief Franz erstaunt aus, denn daß Tante Karoline ihm ihre Mittel vorenthalten sollte, wenn sie welche besaß, schien ihm eine Unmöglichkeit zu sein. »Wie, sie sollte mir von ihrem Gelde nicht geben, wenn sie es hat? Das glaube ich nicht, mein Vater, selbst wenn du es mir sagst.«

Doktor Marssen zuckte die Achseln, in einer Art, die zu sagen schien: »Lieber Freund, wie du die Sache ansiehst, hast du recht, aber wie ich sie ansehe, habe ich auch recht.«

»Du zweifelst wirklich?« fragte Franz verwundert.

Der Vater nickte. »Ja,« sagte er fest und mit tönender Stimme, »ich zweifle. Doch, aus diesem unseren ersten Gespräch, Franz, wird sich ganz natürlich ein zweites, viel ernsteres und längeres entwickeln, aber erst gehe du selbst zur Tante und trage ihr dein Gesuch vor. Vielleicht gewährt sie dir, was sie mir versagt, du bist ja ihr Liebling. Mag sie es dir aber gewähren oder abschlagen – komm zu mir, wenn du mit ihr gesprochen hast, und dann – wenn du den Grund nicht früher von ihr selber erfährst, will ich dir sagen, warum ich zweifle, oder vielmehr, gerade herausgesagt, in Sorge bin, daß Karoline dir die Mittel zur Erfüllung deines Lieblingswunsches, deiner Studienreise nach Italien – nicht und wahrscheinlich nie gewähren wird.«

»Du sprichst wirklich im Ernst. Vater?«

»Im vollkommensten Ernst, ja, ja, ja!« Und er stand auf und ging mit dröhnenden Schritten und gerötetem Gesicht im Zimmer hin und her, denn das geführte Gespräch hatte ihn aus irgend einem Grunde seltsam aufgeregt. »Geh zu ihr und höre, was sie dir sagt,« wiederholte er. »Wie ich sie kenne, schlägt sie dir dein Gesuch ab – und dann, wie gesagt, komm zu mir und du sollst erfahren, warum sie es dir abschlägt. Dieses Warum, mein Sohn, ist außerdem ein tiefer geheimnisvoller Born, aus dem du bisher noch keinen Tropfen getrunken hast. Erst wenn du mit der Tante gesprochen, sollst du einen langen Zug daraus tun, und dieser Zug wird dein Auge in vielen Dingen hell und deinen Geist ernst machen, wie sie noch nie vorher gewesen sind. Doch genug für jetzt – ich muß noch einen Gang ins Freie machen und will dich nicht länger stören.«

Ohne noch auf ein Wort des verwunderten Sohnes zu warten, nahm er seinen Hut und stieg langsam die Treppe hinab, während Franz ihm kopfschüttelnd nachsah und nicht wußte, wie er sich das alles erklären sollte. So merkwürdig bestimmt in seinen Annahmen, so fest vertrauend auf seine Untrüglichkeit hatte er den Vater noch nicht gefunden, und nun gerade in Bezug auf die weiche, sanfte Tante, die ihn so herzlich liebte, das konnte er am wenigsten begreifen. Es musste ein ganz ungewöhnlicher Grund vorhanden sein, warum sie ihm nicht die Mittel zur Reise bewilligen sollte, wenn sie sie besaß, und je länger er darüber nachdachte, um so mehr schien ihm der Vater in einem Irrtum befangen zu sein, und um so mehr, – o, Jugend, warum sollte sie es nicht! – wuchs die Hoffnung wieder in ihm empor, die Sorge des Vaters werde der Liebe der Tante weichen und sein jahrelang gehegter Wunsch, Italien zu sehen, werde nun endlich doch erfüllt werden.

Alle diese zwischen Zweifel, Verwunderung und Hoffnung schwebenden Gedanken hinderten ihn aber nicht, wieder Platz vor der Staffelei zu nehmen und mit neuem Eifer seinen Entwurf fortzusetzen, so daß er, als das Licht des Tages zu schwinden begann, mit der notwendigsten Vorzeichnung zustande gekommen war und nun am folgenden Tage an die Untermalung gehen konnte – eine neue Freude, denn dieser herrlichen Gestalt zu Pferde, diesem von Jugend, Geist und Schönheit strahlenden Gesicht Farbe, das heißt Leben zu geben, das hatte er ja lange gewünscht, und endlich sollte dieser Wunsch in baldige Erfüllung gehen.

Als er nun, nach Beendigung der heutigen Arbeit, sein neues Werk aus allen Richtungen betrachtend, prüfend davor auf- und niederging, warf er zufällig einen Blick aus dem Treppenfenster und sah unten in der Öffnung des nächsten Weinganges Tante Karoline stehen. Als sie auch seiner ansichtig wurde, grüßte sie freundlich herauf, und da er rasch die Tür öffnete, rief sie:

»Bist du bald fertig, Franz? Dann komm zu mir herab.«

»Ah,« dachte der junge Mann, »sie ruft mich selbst zu sich, die Gelegenheit ist günstig, benutzen wir sie!« und sofort rief er laut: »Tante, wenn du mir eine Bitte erfüllst, so schließe ich auf der Stelle mein Atelier und komme zu dir hinab, um den ganzen Abend bei dir zu bleiben.«

»Komm nur, die Bitte soll dir schon erfüllt werden!«

Franz warf nur noch einen Abschiedsblick auf seine Arbeit, dann wechselte er den Rock, nahm den Hut und stieg die Treppe hinab, nachdem er die Tür fest verschlossen hatte. Die Tante erwartete ihn am Fuß der Treppe. Er nahm ihren Arm, legte ihn in den seinigen und schritt langsam mit ihr den schönen Weingang hinab, der schon tief beschattet dalag, denn die Sonne war in diesem rings von Bergen umgebenen Tale längst hinter einem derselben verschwunden.

»Nun,« begann sie das Gespräch, »du hast heute wieder sehr lange gearbeitet, mein Lieber. Es ist unrecht, daß du uns so ganz vernachlässigst.«

»Du irrst, wenn du denkst, daß ich den ganzen Nachmittag vor der Staffelei gesessen. Der Vater war bei mir, und da haben wir uns lange und ernst unterhalten.«

»Leo, dein Vater, war bei dir? So? Davon hat er mir ja nichts gejagt, als er vorher mit mir sprach. Was hattet Ihr denn so Ernstes zu verhandeln?«

Franz sah der guten Tante fest ins Gesicht, ob er es wohl wagen dürfe, ihr sein Herz auszuschütten. Das Gesicht aber war ruhig, und keine Linie darin drückte etwas aus, was den Maler von seinem Unternehmen hätte zurückschrecken können. »Und diese gute Seele,« dachte er dabei, »das beste Weib auf der Welt, sollte mir eine für mich so bedeutungsvolle Bitte abschlagen können? O, wie ein so praktischer Mann, wie mein Vater, der sich so trefflich auf die Beurteilung der Menschen versteht, sich doch in seiner eigenen Schwester irren kann!«

»Wir haben meine Zukunftspläne besprochen,« sagte er laut, indem er mit stiller Beobachtung die Tante von der Seite fixierte.

»Ah! Die darf ich wohl nicht kennen lernen?«

»Warum nicht, gerade auf dich ist am meisten gerechnet und deinem guten Herzen eine Hauptrolle dabei vorbehalten.«

Karoline wurde mit einem Male auffallend schweigsam und ließ wie eine halb verdorrte Blume den Kopf hängen. Einen Augenblick schien sie noch über irgend etwas nachzudenken, dann seufzte sie leise und flüsterte beinahe nur: »Laß hören!«

»Ja,« fuhr Franz lebhafter fort, »ich habe dem Vater meinen Entschluß auseinandergesetzt, den ganzen Sommer über, einige kleine Ausflüge abgerechnet, bei Euch zu bleiben. Bist du damit einverstanden?«

»O, ich! Ich freue mich sehr darauf, das weißt du ja; ich habe es auch kaum anders erwartet. Du bist ja lange genug fortgewesen. Aber nur weiter. Den Sommer nur?«

»Nur? Du mußt doch an mein Fortkommen denken, liebe Tante. Sieh, und da will ich nun im Herbst nach Italien ziehen und recht lange dort bleiben und nicht eher wiederkommen, als bis ich mit gutem Gewissen zu mir sprechen kann: jetzt, Franz Marssen, bist du ein Meister, nun brauchst du fürs erste keinen andern Maler mehr zu studieren, jetzt magst du dein eigenes Licht leuchten lassen! Und dann will ich mich irgendwo häuslich ansiedeln – natürlich in Eurer Nähe – und glücklich und zufrieden auf meine Vergangenheit zurückblicken und nur noch der Gegenwart leben.«

Karoline seufzte abermals. Ach, wer hat sich nicht auf ähnliche Weise schon seine Zukunft als eine schöne, ungetrübte, nur zu genießende Gegenwart gedacht! Ja, mit der Vergangenheit kann man schon fertig werden, aber wenn es nur keine neue Zukunft gäbe, die mit jedem anbrechenden Morgen frisch geboren wird und erst in das Reich der Vergangenheit eintritt, wenn unsere Gegenwart ein- für allemal vorüber, das heißt, wenn unser Auge auf Erden geschlossen ist!

Gewiß dachte sie Ähnliches. Antworten aber konnte sie nichts darauf, sie nickte bloß mit dem Kopfe.

Franz nahm das für eine Beistimmung und fuhr fort: »Vielleicht geht Ihr mit nach Italien und seht Euch auch das herrliche Land an, wie?«

»Das glaube ich nicht,« sagte Karoline mit fester und einen unwiderruflichen Entschluß kundgebender Stimme.

»Warum nicht?«

»Ich will meine ferneren Tage in Ruhe verbringen, die ich in meinem Leben so wenig gehabt. Hier aber habe ich sie endlich gefunden.«

»Sie muß doch wohl noch nicht ganz vollständig sein.« scherzte Franz, »denn nach deinem Seufzer zu schließen, gibt es noch immer etwas in oder außer dir, was dich nicht ganz zur Ruhe kommen läßt.«

Karoline ließ ihren Kopf tiefer sinken und wagte nicht, ihrem Liebling, der solches, ohne Arg, ohne Absicht, fast nur im Scherz sprach, ins Gesicht zu sehen. Franz aber, der zu bemerken glaubte, daß das gute Wesen durch ihn in eine trübe Stimmung geraten sei, nahm leise ihren Arm aus dem seinen und schlang diesen fest um ihre Hüfte, in welcher innigen Verbindung er jetzt noch langsamer als vorher seinen Spaziergang auf und nieder mit ihr fortsetzte.

»Wenn Ihr nicht mit wollt, werde ich freilich allein gehen müssen,« fuhr er wieder fort.

»Gewiß, Franz, und wir werden dich sehr vermissen.«

»Ich Euch auch, und doch ist die Reise nötig, durchaus nötig für meine ganze künstlerische Ausbildung. Wenn sie nur erst fest beschlossen wäre!«

Karoline sah den mit einem Mal so ungewiß Sprechenden mit ihren blauen Augen groß an. »Wie,« rief sie, »ist sie es denn noch nicht? Was hat der Vater gesagt?«

»Seine Einwilligung hat er mir gegeben, ja, aber eins kann er mir beim besten Willen nicht geben und das ist – leider – das nötigste dazu – das Geld.«

Karoline schwieg: ohne Zweifel ahnte sie bereits, was kam, denn sie erbebte in des Neffen Arm mehrmals leise wie Espenlaub.

»Nein,« sagte sie, »ich weiß es wohl, so viel Geld besitzt er nicht, wie du brauchst, da sein regelmäßiges Einkommen gerade nur für unsere jetzigen Bedürfnisse reicht. Wir haben schon öfter darüber gesprochen. So verkaufe doch deine schönen drei fertigen Bilder – gib sie nach irgend einer Ausstellung. –«

Jetzt erbebte Franz, von einem seltsamen Gefühl ergriffen, das sich jedesmal in seiner Brust bemerklich machte, wenn von dem Verkauf seiner Bilder gesprochen wurde. »Ja,« erwiderte er, »es wird am Ende nichts anderes übrig bleiben, obgleich es schmerzlich ist, sich von den Bildern zu trennen, mit denen man sich Jahr und Tag liebevoll beschäftigt hat, auf denen man jeden Halm, jedes Sandkorn, jeden Wassertropfen kennt, und doch – und doch – aber laß uns davon nicht reden, Tante, überlege dir lieber, ob du nicht auf andere Weise Wege und Mittel ausfindig machen kannst, mir meine Reise nach Italien zu ermöglichen.«

Karoline schritt unhörbar wie ein Schatten über den feinen Kies, nur ihre Brust atmete laut, so daß Franz es hören konnte.

»Es ist schmerzlich,« sagte sie oftmals stockend, als wollten sich ihr die Worte nicht aus der Seele lösen, »jemanden, wie du es mir bist, ich meine – der mir so nahesteht – etwas abschlagen zu müssen. Doch nein, nicht abschlagen, Franz. Denn sieh, das Wenige, was ich mir von meinem kleinen Einkommen – es rührt vom Vermögen meiner Mutter her – erspart, das will ich dir geben, gern, alles in allem, aber das ist so wenig, daß es für mich hier wohl zwei Jahre ausreicht, wo mir mein wohlhabender Bruder alles übrige gibt, aber für dich wäre es nur ein Tropfen im Meere.«

Der junge Mann blieb verwundert stehen. »Wie,« rief er, »das ist ja nicht möglich. Der Vater sagte mir ja, du habest über viel, viel größere Mittel zu gebieten als er, wenn du nur wolltest.«

Es ging eine große Bewegung in Karolinen vor. Ihr Herz schlug so gewaltig, daß sie die Hand dagegen pressen mußte, alle ihre Empfindungen drängten sich nach ihren Augen, und das Weiße darin wurde schon feucht. »Hat der Vater das gesagt?« fragte sie mit mühsam unterdrücktem Schluchzen. »Dann hat er unrecht getan, er hat dir eine falsche Hoffnung erregt. Ich besitze keine Mittel, über die ich verfügen kann, und wenn ich sie besäße, so darf ich, so will ich nicht darüber verfügen, selbst zu deinen Gunsten nicht.«

»Du willst nicht? Also hast du sie doch? O, das ist ja seltsam. Ich lerne dich heute von einer ganz neuen Seite kennen. Das ist ein geheimnisvoller Tag – erst enthüllt der Vater, dann du mir unbekannte und ganz unerwartete Dinge.«

»Der Tag ist nicht geheimnisvoll,« erwiderte Karoline leise, »nur die Lage ist es, in der ich mich dir gegenüber in dieser Geldfrage befinde.«

»So schließe mir das Geheimnis auf, Tante Karoline!« bat Franz mit aller Innigkeit, deren er fähig war.

Aber da war es mit der, nur mit Mühe bisher behaupteten Fassung der Tante vorbei. Sie brach plötzlich in einen heftigen Tränenstrom aus und suchte sich den Armen des Neffen zu entziehen. »Nein,« rief er, sie entschlossen festhaltend, »ich lasse dich nicht. Wenn jemand, den ich lieb habe, weint, so muß ich wissen, warum er weint, sonst bin ich nicht mehr glücklich, Tante.«

»O, mein Sohn,« rief sie schluchzend, »was mutest du mir zu! Dich kann mein Unglück nie unglücklich machen, aber ebensowenig kann ich dir das Geheimnis desselben aufschließen. Nein, niemals, niemals werde ich zu dir darüber reden, es würde mir das Herz brechen.«

Franz stand von seiner Bitte zurück, als er diese mit fester Entschlossenheit gesprochenen Worte vernahm. »Ach, ich verstehe,« sagte er nur. »Dies Unglück wurzelt in deiner Jugend, nicht wahr?«

Sie nickte mit von neuem überströmenden Augen. »Ja,« sagte sie endlich mit wehmütigem Aufblick nach dem abendlichen Himmel. »Ich habe nur einmal in meinem Leben einen teuren Toten begraben und fühle keine Kraft in mir, ihn mit meinen eigenen Händen aus der Gruft der Erinnerung zu heben. Mag er schlummern, fest und ewig, wie hoffentlich auch ich einst schlummern werde.«

Der Ton, mit dem Karoline diese Worte sprach, ergriff ihres Neffen weiches Herz auf das tiefste. In dieser traurigen Stimmung hatte er sie noch nie gesehen. Er drückte sie fester an sich und schwieg. Aber da fiel ihm plötzlich mancherlei aus früheren Tagen ein. »Tante,« rief er, »nur noch eins sage mir: hängt dieses Geheimnis vielleicht mit dem Trübsinn zusammen, von dem du bisweilen schon vor vielen Jahren geplagt wurdest und dessen Ursache mir nie enthüllt worden ist?«

Sie nickte. »Du magst es getroffen haben. Nun aber kein Wort mehr darüber, du verstehst mich. Wenn du wissen willst, warum ich ein unglückliches Weib bin, und warum ich deine Bitte nicht erfüllen kann, dir von dem Gelde die Reise nach Italien zu bezahlen, welches dein Vater mein Eigentum nannte, so frage ihn selbst danach, er mag dir sagen, was ich beim besten Willen nicht sagen kann, meine Einwilligung hat er bereits dazu. Auch lag es, wie ich weiß, in seiner Absicht, dir nach deiner Heimkehr Aufschluß über alle unsere Verhältnisse zu geben, die du nicht so genau kennst, da du seit deiner Kindheit deine eigentliche Heimat und dein Vaterland verlassen hast. Auch mir, wie ihm, scheint es geboten, daß du endlich einen Blick in unser Familienschicksal wirfst, damit du auf etwaige künftige Ereignisse vorbereitet bist. – Jetzt habe ich dir alles gesagt, was ich sagen konnte, und nun lebe bis zum Abend wohl.«

Sie machte sich geschickt und hastig aus seinem Arm los, ging mit ungewöhnlich raschen Schritten den Weingang hinab und verschwand im Hause, dessen breites überhängendes Dach schon tiefe Schatten über seine Umgebung warf.

»Rätsel, nichts als Rätsel!« dachte Franz Marssen, als er hinter der Vorangegangenen ruhig nach dem Hause schritt, um sich zu seinem Vater zu begeben. »Was für ein seltsames Geheimnis mag es nur sein, das sie veranlaßt, ein Vermögen, welches sie ohne Zweifel besitzt, nicht antasten zu wollen? Ich will nicht, sagte sie ausdrücklich, sie hat also darüber zu verfügen! Ach, es scheint doch eine kleine weibliche Hartnäckigkeit dabei im Spiele zu sein. Nun, ich werde es ja hören. – Ist mein Vater zu Hause, Resi?« fragte er die Magd, die eben am Tische unter der Veranda ihre Vorkehrungen zum Abendtisch traf.

»Ja, Herr, er sitzt in seiner Stube am Fenster und sieht nach den weißen Bergen hinauf.«

Eine Minute später klopfte Franz bescheiden an die Tür seines Vaters. »Herein!« rief dessen mächtige Stimme, und bald darauf standen sich die beiden Männer wieder gegenüber und schauten sich schweigend eine Weile an.

Es war hier noch hell genug, daß sie ihre Züge gegenseitig erkennen konnten. Wie der Vater gefaßt und seiner Überzeugung gewiß aussah, so prägte sich eine eigentümliche Befangenheit, mit Verwunderung gemischt, auf des Sohnes Gesicht aus.

»Nun,« sagte der Vater, »hast du meine Schwester gesprochen.«

»Ja, Vater, und ich komme, um dir zu sagen daß du mit deinem Zweifel und deiner Sorge recht behalten hast.«

»Ah, ich habe es dir ja gesagt. Und was nun?«

»Nun wollte ich dich bitten, mir das Rätsel zu lösen und das Geheimnis mitzuteilen, was Euch beide umsponnen hält. Die Tante wünschte sogar, daß du mir den Beweggrund ihres Handelns in Bezug auf jene Geldfrage mitteilest.«

»Gut,« erwiderte der Vater, schlug die kräftigen Arme vor der breiten Brust zusammen und ging mit niedergebeugtem Kopfe vor seinem Sohne hin und her. »Das trifft sich ja herrlich zusammen. Sie will, daß ich rede, ich selbst will reden und du willst hören, da stimmen wir ja wunderbar überein!« Nach kurzer Pause aber fuhr er mit erhobenem Kopfe und stärkerem Stimmton fort: »Ja, Franz, ich will reden, zu dir reden, und ich habe schon längst die Absicht dazu gehabt, dir das Notwendigste aus meiner Vergangenheit mitzuteilen, da du es doch einmal wissen mußt, so weit du nicht schon davon unterrichtet bist. Jedenfalls hätte ich es vor deiner Reise nach Italien getan, denn du kannst Jahre ausbleiben, und meine Schwester wie ich – können sterben.«

»Das wolle Gott verhüten!« sagte Franz warm und legte seine Hand liebevoll auf die mächtige Schulter des Vaters.

»Er wolle es, ja, mein Sohn! Aber ich bin, obgleich noch rüstig und gesund an Leib und Seele, nur ein Mensch; und ein Mensch ist, seltsam genug, immer eine überreife Frucht, die jeder Windstoß, wenn er von der gefährlichen Seite weht, zu Boden werfen kann. Du sollst also meine Lebensgeschichte erfahren, mit der die meiner Schwester aufs innigste verbunden ist. Darum handelt es sich hier. Ich will dir endlich alle Eröffnungen machen, die du dir früher schon oft durch einzelne Fragen erbeten hast, deren Beantwortung ich aber immer hinausschob, weil ich nicht gern in meinen eigenen Wunden wühlen und dir die Erkenntnis der Schattenseite der Welt ersparen wollte, einer Welt, in welche du glücklicherweise nicht einzutreten brauchst. Doch sieh, man ist nicht alle Tage in der rechten Stimmung, über sich selbst und das eigene Schicksal zu reden. Ich bin es zum Beispiel heute nicht. Vielleicht bin ich es morgen. Sobald die rechte Stunde aber gekommen ist, sollst du befriedigt werden und dann einen Blick in das Leben eines Menschen tun, dem in der Wiege, als das brausende Meer ihn in Schlummer sang, nicht prophezeit ward, daß er im Alter sein Haupt im Schatten dieser Schneeberge zur Ruhe legen würde. Aber unter der Sonne ist alles möglich, mein Sohn. Das sanfte rosige Licht, welches eben da oben die Gletscher der Jungfrau bestrahlt, bescheint seltsame Dinge in der Höhe wie im Tale, und so klein und winzig die Menschen auch sind, die in den Tälern der Erde wie Ameisen über- und durcheinander laufen, so tun sie sich doch oft einander Böses an, und sieh, hier – hier steht ein Mann, den sie nicht mit Keulen, wohl aber mit menschlicher Gerechtigkeit zu Boden geschlagen haben, denn du mußt wissen, mein Sohn, daß die menschliche Gerechtigkeit sich oft nur gerecht nennt, dagegen oft die schreiendste, unnatürlichste, schändlichste Ungerechtigkeit ist.«

Franz Marssen stand tief erschüttert vor seinem mit lauter Stimme redenden Vater. So flammend, so sprühend vor Zorn hatte er ihn noch nie gesehen.

Eben wollte derselbe wieder zu sprechen beginnen, da klopfte es leise an die Tür, und auf den Hereinruf steckte Resi das blühende Gesicht durch den Spalt und bat die Herren, zu Tische zu kommen, Fräulein Karoline erwartete sie schon unter der Veranda.

Doktor Marssen gab seinem Sohne einen Wink mit der Hand, als wollte er sagen: »Genug für heute, ein andermal!« Und dieser verstand ihn und sie gingen nun beide schweigend vor die Tür des Hauses, wo die große Tischlampe hell unter den magisch beleuchteten Weinblättern brannte und das wieder aufgehellte Gesicht der guten Karoline ihnen freundlich entgegenblickte, die sie mit den Worten empfing:

»Guten Abend, Ihr Männer! So kommt denn, setzt Euch und laßt Euch die Speise wohlschmecken!«

 

Ende des ersten Teiles.

 

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