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Die Tochter des Diplomaten. Erster Teil

Philipp Galen: Die Tochter des Diplomaten. Erster Teil - Kapitel 8
Quellenangabe
authorPhilipp Galen
titleDie Tochter des Diplomaten. Erster Teil
publisherA. Schumanns Verlag
yearo.J.
printrunFünfte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Siebentes Kapitel.
Der Abschied.

Aber die Sterne, wenn sie auch noch so klar, und der Nachthimmel, wenn er auch noch so blau ist, sind nicht immer sichere Vorboten eines ebenso klaren Morgens und heiteren Tages. Geheimnisvolle Dämonen schlafen zwischen Himmel und Erde und streuen mit unsichtbarer Hand Zwietracht und Unheil zwischen beiden aus. So wirkten sie auch diesmal und raubten dem Morgen das perlende Licht, das jedem Geschöpfe auf Erden so wohl tut, wenn es nach ruhigem Schlaf hoffnungsvoll die Augen öffnet und den jungen Tag als ein neues Geschenk der Vorsehung begrüßt. Wenigstens hatte sich gegen Morgen ein nebelartiger Dunst über das Kesseltal der Grimsel gebreitet und die ringsum liegenden Höhen dem spähenden Auge der Menschen entzogen.

Als Franz Marssen bald nach fünf Uhr in den Stall trat, um nachzusehen, ob den Pferden ihr Recht geschehen und ob ihre Eisen in Ordnung seien, fand er Jürgen fleißig mit ihnen beschäftigt. Bereits waren sie geputzt und gewaschen und fraßen nun ihre kräftige Morgenspeise, während er mit geschickter Hand dem Schimmel die roten Bänder von neuem einflocht. Nachdem der Herr seine letzten Anweisungen gegeben, trat er ins Freie zurück und prüfte mit einigen ortskündigen Führern das Wetter, und alle stimmten darin überein, daß der Nebel bald sich senken und dann ein klarer Sonnentag folgen würde.

Hierin sollten sie schließlich auch recht behalten, wenn der Nebel auch bis gegen acht Uhr hartnäckig auf Höhen und Tiefen liegen blieb und den Reisenden den Anblick der großartigen Natur, durch die sie wanderten, so lange vorenthielt. Um halb sieben Uhr schon brachte der Diener des Schotten die gefüllten Reisetaschen seiner Herrschaft heraus und flugs wurden sie hinter die Sättel der Pferde geschnallt, die auf dem Hofe bereit standen, um ihre Reiter und Reiterinnen aufzunehmen. Auch die beiden Pferde vom Rhonegletscher und der sie begleitende Junge waren um diese Zeit gerüstet und Franz Marssen, der sein Ränzchen und seinen Regenmantel an Jürgen hatte abtreten müssen, standen zum Abmarsch fertig vor der Tür, um die Damen zu erwarten, die ihr pünktliches Erscheinen schon hatten melden lassen.

Der erste, der aus der Tür trat, war der alte Herr selber, der sich fest wie immer in sein Plaid hatte einhüllen lassen. Obgleich er beim ersten Blick, den er auf die Damenpferde warf, bemerken konnte, daß es keine gewöhnlichen Mietpferde seien, die man ihm so sorgfältig zur Benutzung darbot, so verlor er doch darüber kein Wort, wünschte dem Maler nur flüchtig einen guten Morgen und wandte sich dann nach der Treppe um, von der soeben seine Damen herabstiegen, von dem diensteifrigen Wirte höflich begleitet, der seinen übrigen Gästen schon viel früher ein ähnliches Geleit gegeben hatte.

Aber da sollte unser Maler doch eine kleine Freude haben. Kaum hatte die junge Schottin, die ihr Plaid nur leicht über die Schulter geschlagen, den Schimmel bemerkt, der sie selbst tragen sollte und der in seinem roten Schmuck mit dem weich gepolsterten Sattel – letzterer gehörte Tante Karolinen selber an – sich stolz und mutig geberdete, indem er lustig wieherte und den Felsboden mit dem Hufe scharrte, so rief sie lebhaft und freudig aus:

»Diesen Schimmel soll ich besteigen? O, was ist das für ein reizendes und schönes Tier!«

Der Maler lächelte freudig, und indem er höflich seinen Hut zum Morgengruß lüftete, sagte er: »Es ist mein eignes Pferd, das die Ehre hat, Sie zu tragen, und es freut mich, wenn es Ihren Beifall findet.«

»Ihr eigenes Pferd?« lautete die Frage mit einem scharfen Blick des glühenden Auges zurück. »Gut, so besteigen Sie es selber und lassen Sie mich zu Fuße gehen, ich bin stark genug dazu.«

»Ich hoffe nicht, daß das Ihr Ernst ist, mein Fräulein,« entgegnete Franz Marssen etwas bedrückt. »Heute ist es nur für Sie bestimmt und ich bin überzeugt, Sie werden mit seinem Schritt und seiner Vorsicht zufrieden sein.

Auch die Mutter, die leidlich gestärkt aussah, schien von ihrem ruhig stehenden und glatten Fuchs befriedigt zu sein, und nachdem sie dem Maler einen guten Morgen geboten, hob sie ihr kräftiger Gemahl leicht in den Sattel, der sich sodann um die anderen nicht weiter bekümmerte und schweigend sein eigenes Pferd bestieg. Die Gesellschafterin dagegen bediente der Wirt, und erst als diese im Sattel saß, stieg die junge Dame leichtfüßig auf den hohen Stein, vor den der Diener Ihres Vaters den Grauschimmel geführt hatte. Franz Marssen, noch immer ihres herben Ausrufs: »Fassen Sie mich nicht an, ich liebe das nicht!« eingedenk, stand in der Nähe, aber er rührte sich nicht von der Stelle. Seine Hilfe wurde auch keineswegs begehrt oder erwartet, die junge Dame schwang sich geschickt in den bequemen Sattel, was ihr die Kleidung, die sie trug, außerordentlich erleichterte, und so ritt man, nachdem auch der Diener sein Pferd bestiegen und der Junge als Wegweiser vorangesprungen war, in gleicher Ordnung wie am vorigen Morgen vom Rhonegletscher, von der Grimsel ab.

Franz Marssen, der noch mit dem Wirte sprach, folgte ihnen erst, nachdem sie schon einen kleinen Vorsprung gewonnen, da es aber anfangs bergauf ging, glaubte er Muße genug zu haben, um sie bald einzuholen, in der festen Überzeugung, die zwischen seinen eigenen träger gehenden Mietpferde vom Rhonegletscher würden schon den gewöhnlichen langsamen Schritt anschlagen, um jene nicht ihr angeborenes Feuer zu seinen Ungunsten austoben zu lassen.

So klein indes der Vorsprung nur war, den die Reitenden voraus hatten, so schritten die Pferde doch, die bergan immer schneller, bergab aber viel langsamer als Fußgänger gehen, so rasch voran, daß er sie sobald nicht wieder einholen konnte. Als er den ziemlich ebenen Steinweg gewonnen, der wohl eine Viertelstunde lang oberhalb der Grimsel den Weg nach den Handeckfällen einleitet, sah er die Reitenden schon weit vor sich ziehen und er mußte in der Tat seine Kräfte etwas anspannen, um sie wieder zu erreichen. Jedoch sollte ihm diese Absicht durch den guten Willen der Dame, die den Schimmel ritt, etwas erleichtert werden.

Franz Marssen wußte von seinem Lieblingspferde, daß es den andern keineswegs in der Schnelle seiner Bewegungen, auch im Schritt, nachstand, und dennoch war es jetzt weit hinter ihnen zurückgeblieben, es mußte sein Feuer also durch den Zügel der Reiterin gedämpft worden sein. Noch mehr wurde diese seine Ansicht dadurch bestätigt, daß der Diener, der anfangs hinter der Dame gewesen, jetzt vor ihr ritt und daß diese sich bei einer Wendung des Weges wie zufällig nach dem zurückgebliebenen Reisegefährten umblickte, obwohl dies sehr eilig und kaum bemerkbar geschah.

Als letzterer ihr endlich näher gekommen war, mäßigte er seinen schnellen Schritt wieder etwas, denn das Schauspiel vor ihm war zu verlockend, um es nicht noch einige Augenblicke in aller Ruhe zu genießen. Nein, so wie diese Dame, noch dazu auf dem leicht unter ihr schreitenden Schimmel, zu Pferde saß, hatte Franz Marssen noch nie eine andere gesehen. Es lag eine kühne Grazie in ihrer Haltung, mit einem so stolzen Selbstgefühl verbunden, daß sie auf dem Rücken des munteren Tieres sicher sei, die viel eher zu malen als zu beschreiben war. Gerade mit diesen Gedanken beschäftigt, ging der Maler hinter ihr her, als sie plötzlich den Zügel anzog und so den Fußgänger, der nicht stehen bleiben wollte, dicht an sich herankommen ließ. Dieser hielt gerade den Hut in der Hand und trocknete sich die heiße Stirn mit einem Tuche.

Als die Reiterin das sah, fragte sie, anfangs mit gleichgültigem Tone, der jedoch rasch zu einem kaum verdeckten Vorwurf anschwoll: »Reiten wir Ihnen zu rasch? O, wie erhitzt Sie aussehen! Aber das ist die Strafe dafür, daß Sie Ihr Pferd nicht selbst genommen; ich würde ruhiger gegangen sein und mich nicht so in Schweiß gesetzt haben, wie Sie.«

»Es ist möglich, daß Sie keine so große Eile gehabt hätten, wie ich,« erwiderte der Maler, »aber warm würden Sie doch geworden sein. Der Grund daran liegt in der Luft. Zwar deckt noch der Nebel unten das Tal, aber von oben her wirkt schon die Sonne, und bald werden wir sie über uns leuchten sehen.«

Hiermit schien er genug gesprochen zu haben, denn obgleich er jetzt dicht hinter der Reiterin herschritt, sprach er nur, wenn sie ihn durch Fragen dazu veranlaßte, und so nannte er ihr denn nach und nach die Namen der bekannten Wegstellen, über die sie zogen, und machte sie wiederholt auf die marmorglatten Granitplatten, welche das Gletschereis im Laufe der Jahre ausgewaschen und fast poliert hatte, aufmerksam. Allmählich arbeitete man sich aus dem engen und düsteren Felsental, welches sie umgab, heraus, die Aussicht wurde freier, das Auge des Menschen konnte sich wieder in der Ferne tummeln, und da Franz Marssen wußte, daß man nun bald die Gegend erreichen würde, wo nach und nach die Vegetation beginnt, so drang er mit seinem scharfen Auge sehnsüchtig durch den dichten Nebelschleier, ohne jedoch noch die ersten dunklen Zwergtannen wahrnehmen zu können. Als er während dieses forschenden Ausschauens anhaltend schwieg, drehte sich die Dame noch einmal nach ihm herum und sagte mit der ihr in manchen Momenten eigenen Hastigkeit:

»Warum reden Sie nicht? Sie haben noch kein Wort aus freien Stücken mit mir gesprochen!«

»Ich weiß ja nicht,« erwiderte der Maler bescheiden, »ob Ihnen mein Gespräch nicht störend ist. Es gibt Menschen, die in solchen wilden und romantischen Gebirgsgegenden lieber ihre Augen als ihre Ohren in Tätigkeit setzen.«

»Ja, Sie scheinen mir auch dazu zu gehören, doch ich will jetzt mit Ihnen sprechen, und damit Sie es womöglich gern tun, will ich Ihnen sagen, daß es für mich ein hoher Genuß ist, mit einem gebildeten Menschen zu reden, der mit Geschick Gegenstände zu berühren versteht, die mich interessieren.«

Der Maler erhob bei den mit Nachdruck gesprochenen Worten seinen Kopf rasch gegen die Redende, wußte aber wahrscheinlich selbst nicht, welch ein Ausdruck dabei auf seinem Gesicht lag. Dieser Ausdruck, wenn man ihn übersetzte, sagte so viel als: »Wie, halten Sie mich wirklich für einen gebildeten Menschen? Es schien früher nicht so!«

Die junge Dame aber hatte in seiner Seele gelesen und nun sah sie ihn ihrerseits mit einem ebenso sprechenden Blick an, den auch er verstand und sich etwa so übersetzte: »O ja, ich halte Sie dafür, sonst hätte ich Ihnen gestern nicht ein so großes Vertrauen bewiesen und mit Ihnen von meinen Familienverhältnissen gesprochen.«

Wie gesagt, dies kurze Gespräch wurde nur mit Blicken geführt und doch ward es verstanden und beide Teile fanden vielleicht einige Genugtuung dabei. Franz Marssen, der nach Worten suchte, um seine Gedanken auszudrücken, wollte eben zu sprechen beginnen, als ein äußerer Vorgang seine Aufmerksamkeit wieder in Anspruch nahm und davon ablenkte. Man hatte eben den wilden felsigen Engpaß überwunden und stieg auf der granitklippenreichen sogenannten ›bösen Seite‹ hinab, als die Nebel, die schon lange dünner und durchsichtiger geworden, sich plötzlich ganz senkten und ein silberweißer warmer Strahl von oben durch das leichte Dunstgewölk herniederfuhr. Als wäre dadurch auf einen Schlag der düstere Vorhang beseitigt, der den Reisenden die Aussicht in die Ferne verschloß, so sahen sie hier tief unter sich im Grunde dunkle Gruppen kleiner Zwergtannen auftauchen, hie und da eine silberne Wasserader von den sich mit Moos bedeckenden Bergen rinnen und mitten hindurch den Weg sich deutlicher abzeichnen, den man nun bis zur Handeck verfolgen mußte.

»O, mein Fräulein,« begann der Maler jetzt lebhafter als vorher das Gespräch, »jetzt heben Sie Ihre Augen auf und schauen Sie um sich. Die starre Wüste von Stein liegt hinter uns und wir sind an die Pforten des schönen Haslitales gelangt, um gleich selbst in das Paradies der Maler einzutreten.«

»Das Paradies der Maler? Wie soll ich das verstehe?« fragte die Dame. »Dürfen nur Maler in dasselbe eintreten?«

»O nein, so ausschließlich ist diese Gattung von Menschen nicht, sie gönnen auch anderen ihr Glück und ihre Freude. Aber allerdings nenne ich mit Recht das Haslital das Paradies oder vielmehr das Eldorado der Künstler. Denn bald werden Sie an den schönsten Punkten auf jedem Stein einen Zeichner sitzen und mit Begeisterung die Werke kopieren sehen, die Gottes allmächtige Hand hier so reichlich ausgestreut hat. Alljährlich pilgern meine Kunstgenossen in großer Anzahl und aus allen Ländern hierher, um im Winter zu Hause die reiche Ausbeute zu verarbeiten, die sie in einem kurzen Sommer gesammelt haben.«

»So. Wenn das so vorteilhaft für die Künstler ist, dann wundere ich mich nur, daß Sie nicht auch in diesem Eldorado sitzen geblieben sind, statt sich nach der schrecklichen Furca durch kaltes und totes Gestein hinaufzuarbeiten.«

»Nun, ich bin auch mit der Furca und was damit verbunden ist, für diesmal zufrieden,« entgegnete der Maler nach einiger Weile, wobei er seinen Kopf wie zufällig nach der Seite wandte. »Aber die Furca war freilich kein Ziel für mich, nur ein Mittel zum Zweck, denn ich war auf einem größeren Kunstausflug nach dem Süden begriffen und mußte über die Grimsel, um nach meiner Heimat zu gelangen. Übrigens bin ich schon früher ein Teilnehmer der paradiesischen Freuden dieses Tales gewesen, da ich vorigen Sommer sechs Wochen in Guttanen gewohnt und mir von dem hier in der Umgegend Gebotenen ausgewählt habe, was mir am besten gefiel.«

»Dann sind Sie wohl im Winter auch mit der Ausbeute des Sommers beschäftigt gewesen?«

»Ganz gewiß, ich bin sehr fleißig gewesen, was ich mir freilich nicht zum Ruhme anrechnen will, da es die Pflicht des mit den Händen arbeitenden Menschen ist, fleißig zu sein.«

»Arbeiten Sie denn nur mit den Händen? Ich dächte, ein Maler müßte auch viel mit dem Kopfe arbeiten?«

»Wenn er der rechte Maler ist, gewiß.«

»Nun, dafür halte ich Sie in der Tat; Sie sehen mir nicht danach aus, als ob sie bloß Ihre Hände zeichnen und malen ließen, ohne mit Ihrem Geiste dabei zu sein.«

»Sie sind sehr freundlich, aber auch das wäre kein besonderer Ruhm für mich. Der Mensch, der nicht denkt, das heißt, seinen Geist nicht wirksam sein läßt, existiert für mich nicht als solcher, sondern nur als ein ziemlich unbedeutendes Geschöpf, dem die Vorsehung aus Zufall oder Gewohnheitstrieb die menschliche Gestalt gegeben hat.«

»Sie urteilen etwas strenge darin.«

»Es scheint mir abermals eine Pflicht für den vorwärts strebenden Menschen zu sein, in dieser Beziehung am strengsten über sich selber zu Gericht zu sitzen.«

Hier brach das Gespräch ab; die junge Dame schien den in der letzten Unterhaltung gebotenen Stoff genauer zu bedenken und Franz Marssen richtete sein heller gewordenes Auge auf die reizenden Tannengruppen, an denen man jetzt vorüberkam, auf das wildströmende Wasser der Aare, die sich auf ihren jähen Sturz vorbereitete, und auf die umgrenzenden Felsenhöhen, die in der Tat einen so malerischen Charakter annahmen, daß auch weniger geschulte Augen als die seinen ihre Freude daran haben mußten.

So zog man denn den immer grüner werdenden Abhang, der sich nach der Handeck zieht, schweigend hinab und fand, als man vor dem gastlichen Wirtshaus anlangte, welches mitten in dem öden Knotenpunkt so vieler unbeschreiblicher Naturreize liegt, die übrige Gesellschaft schon von den Pferden gestiegen.

Während Franz Marssen noch draußen blieb und mit Jürgen sprach, hatte sich der alte Schotte in das Wirtshaus begeben, um vor der Hand das später einzunehmende Frühstück zu bestellen, und war dann mit seiner Familie nach dem Handeckfalle hinabgeeilt, ohne auf die Führung des Malers zu warten. Einige Minuten später ging dieser ihm langsam nach, nachdem er sich überzeugt, daß noch keine anderen Reisenden im Hause waren und daß ihnen also der Genuß des Wasserfalles in keiner Weise geschmälert werden würde. Unterdes war die junge Dame, von ihrer Ungeduld, das berühmte Naturspiel zu sehen, getrieben und von dem donnernden Gebrause, welches die ungeheure Masse des fallenden Wassers hervorbringt, auf den richtigen Weg geleitet, ihren Verwandten vorangeeilt, und als der Maler auf die Brücke trat, die so künstlich oberhalb des Falles angebracht ist, fand er die ganze Familie vereinigt vor, voller Staunen und Verwunderung, aber auch voll Angst in die schneeigen Wirbel blickend, die der Schaum des zersträubenden Flusses hervorbringt, indem er seine graugelben Fluten hie und da gegen die Felsen schleudert und dann ohne Halt in den 225 Fuß tiefen Abgrund stürzen muß.

Aber nur wenige Minuten hielt die halb betäubte und geängstigte Mutter es an dieser Stelle aus. Mit beiden Händen sich die Ohren verschließend, rief sie ihrem Manne zu: »Bringe mich fort, rasch, rasch, hier halte ich es keinen Augenblick mehr aus. Meine Nerven ertragen diesen Höllenlärm nicht, und ich habe den Tod davon!«

Der in Bezug auf die Wünsche seiner Gemahlin stets dienstbereite Gatte ergriff den Arm der Flehenden und führte sie wieder zur Höhe hinab; die Gesellschafterin blieb noch einige Augenblicke, deutete voller Entzücken auf den vom Ärlengletscher zur Linken herabstürzenden Ärlenbach, der seine schneeweißen Gewässer in denselben Trichter mit der dunkleren Aare ergießt, und folgte dann ruhig und still, wie sie sich immer verhielt, den beiden Vorangegangenen nach.

Kaum war sie fort, so trat die junge Dame näher an den Maler heran und rief ihm mit stark tönender Stimme zu: »Das ist groß, viel größer, als ich mir vorgestellt, daß es sein könnte. Kann man den Fall auch von unten sehen?«

Der Maler nickte bejahend und deutete auf den Weg, der in die Kluft zwischen den von der Aare gesprengten Felsen hinabführt. Rasch und leicht wie ein Reh sprang sie ihm voran und war schon unten in der Tiefe angelangt, ehe der bedächtiger schreitende junge Mann nur die Hälfte des Weges zurückgelegt.

Hier unten auf verschiedenen Stellen sah man denn auch, wie Franz Marssen vorausgesagt, mehrere Maler sitzen, die sich eifrig bemühten, einen Teil des großen Ganzen auf ihr Papier zu bringen. Rasch an ihnen vorüberschlüpfend, gelangte die Schottin auf einen breiteren Felsvorsprung dicht über dem stiller wirbelnden Strombett, wo sie sich endlich niederließ und den ihr nachklimmenden Reisegefährten erwartete.

»Ha, das ist auch schön,« rief sie ihm entgegen, als er endlich kam, »obwohl nicht so groß und hehr, wie von da oben gesehen. Das ist also die Aare?«

»Ja, und zwar der ganze Fluß, der mit seiner vollen Wucht, ob er will oder nicht, hier hinabstürzen muß, denn es ward ihm von der Natur beschieden, diesen Weg zu nehmen, wie auch dem Menschen auf der Erde sein Weg vorgeschrieben wird.«

»Hm, ja, aber er stürzt hier nicht in sein Grab, nicht wahr? Er steht dort unten wieder auf und lebt noch eine Weile froh und heiter fort?«

»Gewiß, und es ist dies derselbe Fluß, der Sie heute auf Ihrem ganzen Wege begleitet, der auf den Aargletschern entspringt, hier seinen großen Salto-mortale so glücklich ausführt, in unzähligen kleineren Sprüngen und Krümmungen an den Brienzer See gelangt, ihn durchfließt, dann das Bödeli durchströmt, noch einmal den Thuner See durchschwimmt und sich nach dem gemütlichen Bern wendet, um endlich im Rhein zu sterben, der so viele Jugendschwärmer aufnimmt, um sie zuletzt in der Nordsee Ruhe finden zu lassen.«

»Da hat er einen schönen und interessanten Lebenslauf, das muß man sagen. O, könnte ich mir doch eine Skizze davon mitnehmen, denn diesen Anblick möchte ich nie vergessen, wenn ich auch das Getöse, das sein Sturz verursacht, gern recht bald aus den Ohren los würde.«

»Machen Sie sich doch eine Skizze davon!« bemerkte lächelnd der Maler.

»Das vermag ich nicht, dazu fühle ich mich zu schwach. Ihr Bleistift würde leichter damit fertig werden.«

»Mein Bleistift gewiß nicht, denn zeichnen möchte ich ihn selbst nicht gern. Aber mit Farben malen, das ist nicht so schwer, wie Sie es sich vielleicht denken.«

»O, wenn man etwas recht versteht, ist es niemals schwer. Sie haben diesen Wasserfall wohl schon gemalt?«

Franz Marssen nickte freudig. »Schon zweimal und bei verschiedener Beleuchtung.«

»Und ist das Werk gelungen?«

»Ich denke es; an Sorgfalt, Mühe und Fleiß habe ich es nicht fehlen lassen.«

»Warum mag eine solche Arbeit so schwer und so wenig lohnend herzustellen sein?«

»Schwer ist sie, weil in dem Naturbilde selbst keine Ruhe liegt und man den Punkt aus dem Auge verliert, den man eben erfaßt zu haben glaubt; und wenig lohnend ist sie für den Künstler, das heißt, nicht von allen Beschauern gleich warm gelobt, weil der Wechsel zu groß ist und der eine das Bild so, der andere anders in der Natur gesehen hat, es also selten auf dem Bilde so wieder findet, wie es ihm in der Vorstellung wurzelt.«

»Sie mögen recht haben. O, mein Gott, ja, das ist schön!« rief sie, die vollen Arme vor der Brust kreuzend und sich in den herrlichen Anblick versenkend, wobei ihr Gesicht einen fast rührend schönen Ausdruck annahm, da das sonst so feurige Auge mild und weich blickte. »So schön habe ich mir Gottes Welt doch nicht gedacht!«

»Es gibt noch schönere Punkte auf Gottes Welt,« bemerkte der Maler sinnig, »sehen Sie sie nur erst mit Ruhe und Nachdenken an.«

»Nein, nein, wenn ich erst nachdenken soll, ist die größte Schönheit vorüber. Sie muß mich überstürzen, überwältigen, wie dieser Anblick – das allein befriedigt mich.«

»Weil Sie ein Gemüt haben, das überstürzt, überwältigt werden muß, um ergriffen zu werden. Andere Menschen sind anders geartet –«

»Ich weiß, ich weiß,« unterbrach sie ihn, »aber jetzt predigen Sie mir nichts vor. Hier will ich nur genießen. O, mein Gott, es wird jeden Augenblick schöner, größer, erhabener.«

»Ja, das ist wahr und hierin liegt der Unterschied zwischen Gottes und der Menschen Werken. Diese werden bei längerer Anschauung immer kleiner und unbedeutender, wo jene allmählich in den Himmel wachsen. Hier will der Anblick des Ganzen erst in unsere Seele dringen, sie ganz ergreifen, ganz erfüllen, bevor er vollkommen gewürdigt wird, und des Menschen Auge ist zu schwach, mit einem Blick alles und alles zu erfassen. Das sagen auch die Dichter, die sich schon oft an dieser Stelle versucht haben –«

»Ach, schweigen Sie mir von der Poesie still, die mit Worten beschreibt – hier kann nur, Sie haben ganz recht, die Farbe und der Pinsel wirken, und nie wie jetzt habe ich erkannt, daß auch die Malerkunst auf den Namen einer ›göttlichen‹ Berechtigung hat, die ich früher, ehe ich in der Schweiz war, nur der Dichtung allein zuschrieb.«

»Urteilen Sie nicht ungerecht, mein Fräulein. Jede Kunst hat ihre Vorzüge, wie sie ihre Grenze hat. Doch jetzt brechen Sie Ihre Betrachtung ab und steigen Sie wieder mit mir hinauf. Sie haben lange genug geschwelgt und es wird Zeit, daß Sie die irdische Milch und das irdische Brot essen, damit Ihr Körper dem Anstürmen Ihres Geistes gewachsen bleibt. Wir haben noch einen tüchtigen Marsch bis nach Meiringen und Ihre Frau Mutter muß frühzeitig nach Interlaken kommen.«

Fast widerwillig und immer von neuem mit den Augen nach dem schäumenden Wasserchaos zurückkehrend, folgte ihm endlich die junge Dame; als sie aber oben vor dem Wirtshause angekommen waren, begleitete er sie nicht in das Zimmer, sondern begab sich noch einmal nach der oberen Brücke, sei es nun, daß er selbst kein Frühstück nehmen, oder es so viel wie möglich vermeiden wollte, in näheren Verkehr mit der Familie zu treten, die ihn allmählich, das gestand er sich selber ein, mit ihrem kalten und abstoßenden Benehmen zu ängstigen anfing, je mehr ihn die natürliche Frische und Anmut und der originelle trotzige Sinn des jungen Mädchens anzog. –

Nach einer guten Stunde Aufenthalts hatten sich die Reisenden hinlänglich erquickt und die Pferde genügend geruht, um die anstrengende Reise weiter fortsetzen zu können. Als die Reihe vom Morgen wieder hergestellt, und die ersten Personen abgeritten waren, blieb die junge Dame nochmals etwas zurück, aber nicht etwa, um mit dem Maler das Gespräch fortzusetzen oder auf ihn zu warten, sondern nur um einen bedauernden Blick nach der Aar und der silbernen Ärle hinüberzuwerfen, die mit ihrem donnernden Gebraus die Abreisenden ein gutes Stück Weges begleiteten.

»Es ist schade« sagte sie plötzlich zu Franz Marssen, der wieder an ihrer Seite ging, »daß man sich im Leben so oft von Orten trennen muß, an denen man lieber Jahre als Minuten weilte. Von dieser Stelle weiche ich mit schwerem Herzen, denn ich sage mir: es ist vielleicht das letzte Mal, daß ich sie mit Augen geschaut.«

»Dies Schicksal teilt sie mit vielen anderen Stellen, denn viele sehen wir im Leben nur einmal – und nicht Örtlichkeiten allein, auch mit Menschen geht es uns so, mit denen wir oft gern länger Gedanken und Meinungen austauschten, als es die Verhältnisse gestatten zu wollen scheinen.«

Ob die junge Dame dieser Ansicht beistimmte, erfuhr unser Freund nicht, denn sie hielt, schon während er noch sprach, den Kopf gesenkt und ritt längere Zeit in Nachdenken versunken, ihren Weg fort, bis sie durch die wunderbar schöne Umgebung, die bald großartige, bald liebliche Reize entwickelte, wieder zu sich selbst gebracht wurde und der äußern Welt ihre Aufmerksamkeit schenkte.

Man war wieder in ein engeres, von der rauschenden Aar durchströmtes und von steilen Felswänden eingeschlossenes Tal gelangt, welches nur durch die reiche Fülle dunkler Tannen auf seinen Abhängen ein freundlicheres Ansehen erhielt. Hier begegneten den Reisenden schon viele Menschen zu Fuß und zu Pferde, die am frühen Morgen von Meiringen aufgebrochen waren und dasselbe Ziel erstrebten, welches sie selbst vor wenigen Stunden verlassen hatten.

Allmählich wurde das Tal schroffer und die steileren Abhänge drängten sich näher zusammen. Auf den höchsten Spitzen der Berge zeigten sich schneeige Gipfel, die mit ihren Schneemassen im Winter ungeheure und zahllose Geröllblöcke herniedergesandt hatten. Bald rauschte die Aar zur Rechten, bald rieselte sie zur Linken, denn öfters überschritt man feste Brücken, unter denen der wilde Gebirgsstrom unwillig brodelte, und endlich gelangte man auf die gigantische Felsengalerie, die auf dem Wege nach Guttanen die Aar tief unten im moosigen Grunde zur Linken hat und wo man nicht weiß, ob man sich über den reichen Wechsel der sich aufrollenden Bilder mehr freuen als über ihre grandiose Erhabenheit staunen soll.

Doch es ist nicht unsere Absicht, eine genaue Beschreibung dieser Wege und ihrer Umgebung zu liefern, nur hier und da knüpfen wir an einige Orte Gespräche zwischen den handelnden Personen an, die uns für die Folge unserer Erzählung von Wichtigkeit scheinen. So war man denn endlich gegen Mittag in das reizend gelegene Alpendorf Guttanen gelangt, und dicht vor demselben trat der Maler an die junge Dame heran, zog den Hut und erklärte, daß er ihr nicht in das Gasthaus folgen könne, wohin Jürgen ihre Familie zu führen beordert sei, da er ein Geschäft hier im Orte zu vollbringen habe.

»Ein Geschäft?« fragte die Dame verwundert. »Wollen Sie irgend etwas Schönes zeichnen?«

»Ach nein, ich will nur eine Familie besuchen, bei der ich voriges Jahr traulich und gemütlich gewohnt habe, obwohl es nur eine einfache Bauernfamilie ist.«

»So leben Sie wohl. Wir sehen Sie doch noch vor Meiringen wieder?«

»Ich werde nicht auf mich warten lassen. Sobald Sie dem Dorfe den Rücken kehren, werden Sie mich gewissenhaft in Ihrer Nähe finden.«

Er nahm noch einmal höflich den Hut ab, sie nickte ihm halb vertraulich, halb vornehm zu, und gleich darauf war er hinter einem Felsenvorsprung verschwunden, während Jürgen die Gesellschaft nach dem Pfarrhause führte, wo man in der Regel einzukehren pflegt, da der Geistliche hier, wie das oft in der Schweiz ist, zugleich die Würde eines Gastgebers bekleidet.

*

Als nach anderthalbstündigem Aufenthalt die reizende Familie sich wieder in Bewegung setzte, kam sie an einem neuerbauten Hause vorüber, das sich durch äußere Nettigkeit, eine reiche Blumenzier und ein hübsches grünangestrichenes Staket vor allen übrigen auszeichnete. Vor der Tür, die ein kleiner Vorbau überdachte, stand Franz Marssen neben einem hochgewachsenen, sauber gekleideten Mädchen mit üppigem, glänzend blondem Haar, dunkelblauem Auge und einer so zarten, frischen Hautfarbe, daß sie sogleich ins Auge fallen mußte. Eben ritt die junge schottische Dame, die letzte im Zuge, vorüber, da reichte er freundlich dem Mädchen die Hand und nahm herzlich Abschied von ihm. Die Schweizerin lächelte ihm fast herzlich zu, und als er von ihr fortgetreten war, rief sie ihm ein fröhliches »Auf Wiedersehen!« nach, dem gleichwohl ein wehmütiger Klang beigemischt war.

Franz Marssen, den die fremde Dame nur flüchtig grüßte, als er ehrerbietig vor ihr den Hut abnahm, ging etwa zwanzig Schritte hinter ihrem Pferde her. Sie schien indessen nicht zum Sprechen aufgelegt zu sein, denn wohl eine halbe Stunde ritt sie still weiter, ohne sich nur mit einem Blick nach ihrem Reisegefährten umzusehen. Endlich aber zog sie den Zügel des Schimmels leise an, dieser ging sogleich langsamer, und da Franz Marssen auf dieses bekannte Zeichen näher an sie herantrat, als wolle er nach ihrem Begehren fragen, sah sie ihm ernst forschend in das ehrliche Gesicht und sagte mit ihrem gewöhnlichen Gleichmut:

»War das Mädchen, mit dem Sie den herzlichen Abschied austauschten, die Bekannte, die Sie in dem Dorfe besuchen wollten?«

»Ja, das war sie, wenigstens die Tochter des Mannes, bei dem ich voriges Jahr sechs Wochen gewohnt habe und wie ein guter Freund behandelt worden bin.«

»Das Mädchen sah anziehend aus und war auffallend schön, wie ich hier selten eine Person gesehen.«

»O ja, sie ist auch schön, da haben Sie recht, obgleich weniger für mich als andere, die es sich nicht haben nehmen lassen, mit ihrem Konterfei eine hübsche Reihe von Kunstausstellungen in großen Städten zu schmücken.«

»So, so, dann hat sie Ihnen auch wohl schon zum Modell gedient? Nun, man muß gestehen, daß die Herren Maler sich recht artige Gegenstände für ihren Pinsel auszuwählen wissen.«

»Das wissen sie, o ja, und es muß auch so sein, denn wo wollten sie alle Gesichter und Gestalten hernehmen, wenn ihnen die Natur und eine günstige Gelegenheit nicht von Zeit zu Zeit derartige Modelle darböte. Übrigens gehört dieses schöne und in der ganzen Gegend bekannte Mädchen zu den Bewohnern des Haslitales, von welchen die Sage behauptet, daß sie vor langer, langer Zeit eingewanderte Schweden, seien, und wenn man die herrlichen Gestalten und die eigentümlich klaren Gesichter dieser Frauen und Männer betrachtet, die ein durchaus nordisches Gepräge tragen, so muß man so ziemlich von der Wahrheit dieser Sage überzeugt sein.«

»Wie?« rief die Dame in höchster Verwunderung und hielt unwillkürlich einen Augenblick ihr Pferd an, »Einwanderer aus Schweden? Ist das Ihr Ernst?«

»Gewiß, mein Fräulein. Berühmte Geschichtsforscher behaupten und belegen es, und die Gemeinde in Guttanen bewahrt in ihrer Kirche die Dokumente auf, die ihre Abstammung unwiderleglich beweisen.«

»Das ist ja höchst merkwürdig. Und wann sind diese Schweden hierhergekommen und durch welche Schicksalsschläge so weit von ihrem Vaterlande weggetrieben?«

»Das ist ein Geheimnis, welches Ihnen weder ich noch irgend ein anderer lösen kann. Jedenfalls ist es vor langer, langer Zeit geschehen, und das Merkwürdigste dabei scheint mir nur das zu sein, daß diese Nachkommen eines nordischen Volkes in so langer Zeit die sichtbaren Spuren ihrer Abstammung in Wesen, Gestalt und Zügen bewahrt haben, wie Sie sich ja wohl soeben selbst überzeugten.«

Die junge Dame antwortete nicht und blieb längere Zeit in nachdenkliches Schweigen versunken. Als sie aber nach einer Weile das dunkle, ernst blickende Auge seitwärts wandte und den Maler still vor sich hinlächeln sah, fragte sie, ohne Mißmut, aber auch ohne Freundlichkeit: »Warum lächeln Sie?«

»Ich freue mich, daß auch Sie einmal etwas tun können, was Sie heute morgen an mir gerügt haben.«

»Was hätte ich an Ihnen gerügt?«

»Daß ich so schweigsam war – und jetzt sind Sie es.«

»Nun ja, mir geht Ihre Schwedensage ernstlich im Kopfe herum.«

»Das heißt mit anderen Worten: Sie haben jetzt zu denken, wie auch ich heute früh. Daraus folgt ganz einfach, daß jeder Mensch abwechselnd Momente stillen Nachdenkens und lauter Mitteilung hat, nicht wahr?«

»Sie mögen recht haben, aber nun sagen Sie mir noch eins, da Sie ja einmal ein Maler sind. Jenes Mädchen, mit dem Sie soeben den Händedruck und den Abschiedsgruß tauschten, war also eine nordische, eine skandinavische Schönheit. Nehmen wir das als ausgemacht an. Stellen Sie sich nun alle nordischen Frauen so hellblond und mit blauen Augen ausgestattet vor, da Sie gerade jene Eigenschaften als Kennzeichen ihrer Abkunft nannten?«

»Alle wohl nicht, und es gibt gewiß Ausnahmen unter ihnen, wie es sogar in Italien und noch südlicher blonde Frauen und Mädchen mit hellen Augen gibt. Allein jene Eigenschaften sollen doch mit zu dem Grundtypus der im Norden Geborenen gehören.«

»Grundtypus! Ein bequemes Wort für oft sehr mangelhafte Begriffe! Ich will den Irrtum, in den Sie im allgemeinen, wie in diesem speziellen Fall vielleicht geraten könnten, nicht weiter verfolgen, aber Ihre Ansicht können Sie mir wohl noch über einen Punkt dartun, über den ich noch immer nicht im Klaren bin.«

»Was ist das für ein Punkt?« fragte der Maler ernsthaft.

»Mit einem Wort,« sagte die junge Dame fast mit Anstrengung, »finden Sie als Maler, als Künstler, diese allbeliebten blonden Haare und blauen Augen an Frauen schöner als dunkle Haare und Augen?«

»Oho, das ist eine sehr krittliche Frage, und sie dürfte kaum mit einem Worte zu beantworten sein. Ich für meine Person habe eigentlich darüber noch nicht weiter nachgedacht und muß gestehen, daß mir blonde Haare und blaue Augen, wenn sie mit dem Gesicht in Harmonie stehen, welchem sie angehören, also auf ihrem richtigen Flecke sind, nicht schöner erscheinen als dunkle Haare und Augen, wenn dasselbe bei ihnen stattfindet. Mir kommt es eigentlich nur darauf an, welcher Ausdruck, also welche Seelensprache in den Augen der Menschen liegt, und entspricht dieser Ausdruck meinen Begriffen von Schönheit, Reinheit und geistigem Adel, dann finde ich die Augen schön, mögen sie eine Farbe haben, welche sie wollen. Doch zu diesem Gespräch hat uns allein ganz unschuldig das schöne Mädchen in jenem Hause geführt, und wenn Sie sich dafür interessieren, wie es scheint, so kann ich Ihnen mitteilen, daß sie gegenwärtig ihrem Glück, was man in der Welt so nennt, entgegengeht. Sie hat mir eben erzählt, daß sie noch in diesem Herbst in den Stand der Ehe treten wird, und zwar mit einem schwedischen Maler, der schon einige Sommer hier gewesen ist und sie kennen und lieben gelernt hat. – Ihm haben also die blauen Augen wohler als die schwarzen getan,« fügte er lächelnd hinzu.

»Mit einem schwedischen Maler?« rief die Dame verwundert aus. »O, das ist merkwürdig. Wie seltsam doch oft das Schicksal spielt! Die Vorfahren dieses Mädchens müssen aus Schweden hierherkommen, und nun kommt abermals ein Schwede und führt sie nach ihrer alten Heimat zurück.«

»Nein, das tut er nicht, er bleibt in der Schweiz und siedelt sich mit seiner jungen Frau irgendwo an einem schönen Orte an. Jedoch hat das Schicksal hier wirklich eine Rolle gespielt, aber dergleichen findet sich häufiger, als man im gewöhnlichen Leben anzunehmen pflegt. Ich wenigstens habe viele ähnliche Beispiele erlebt und werde wahrscheinlich noch mehr erleben. – Doch sehen Sie da, hier haben wir die ebene Straße nach Meiringen erreicht. Ihr Herr Vater hält da vorne schon auf seinem müden Braunen und blickt sich verlangend nach Ihnen um. Geben Sie Ihrem Schimmel einen kleinen Druck mit dem Fuß und probieren Sie, wie er läuft, damit Sie nicht in dem Glauben von ihm scheiden, er könne sich nur wie eine Schnecke bewegen.«

Ein seltsamer Blick traf bei diesen Worten den im Scherze redenden Maler, und die Worte, die er sogleich hören sollte, gaben ihm die Erläuterung dazu. »Aha,« sagte die junge Dame mit einer ihrer früheren stolzen Kopfbewegungen, »Sie sind meiner Gesellschaft müde und geben mir den Abschied. Das soll mir eine Warnung sein, daß ich mich künftig nicht wieder nach den persönlichen Ansichten eines Menschen erkundige. So leben Sie wohl bis zu den Reichenbachfällen, denn Ihr Schimmel wird wahrscheinlich schneller laufen als Ihre Füße, die nur leidlich ermüdet scheinen. Leben Sie wohl, mein Herr.«

Sie winkte anmutig mit der Hand und gab dabei ihrem Pferde einen leichten Stoß mit der Ferse, und dieses flog, nicht im Trabe, wie der Maler geraten, sondern im Galopp den glatten Weg dahin, um bald die vorderen Reiter einzuholen, die mit der Zeit einen bedeutenden Vorsprung gewonnen hatten.

»Sie reitet gut!« dachte dabei der Maler, »und gewiß sitzt sie nicht zum ersten Male auf einem Pferde. Ich glaube, ich habe da eine ganz leidlich vornehme Bekanntschaft gemacht, und das einzige, was mir nicht daran gefallen will, ist außer dem böseblickenden Vater der Gedanke, sie könnten glauben, ich habe mich nach dieser Bekanntschaft gedrängt. Ach nein; da irren sie sich sehr in mir. Doch, das Inkognito, in welches sie sich so absichtlich hüllen, hat nun die längste Zeit gedauert – in einer Stunde vielleicht schon werde ich wissen, wer sie ist, und wie sie heißt, und dann wollen wir sehen, welches Land dieses dunkeläugige Wunderwerk hervorgebracht hat.« –

Je tiefer man in den letzten Stunden von den Bergen herabgestiegen war, und je mehr man sich der so lange nicht betretenen Ebene näherte, um so milder und wärmer war die Luft geworden, bis sich zuletzt auf dem breiten Landwege, der nach Meiringen führt, eine ziemlich bedeutende Hitze fühlbar machte, obgleich der Himmel mit leichtem Gewölk bedeckt und die Sonne seit einiger Zeit nicht mehr zum Vorschein gekommen war. Wie Franz Marssen, jetzt auf der Chaussee allein marschierend, am Staube merkte, war hier seit mehreren Tagen kein Tropfen Regen gefallen, und um an den kühlen Reichenbachfällen nicht wieder erhitzt anzukommen, ging er langsamer als vorher seinem nahen Ziele zu. Es war etwa vier Uhr, als er vor dem anmutig gelegenen Hotel Reichenbach eintraf, wohin er der Fälle wegen die fremde Gesellschaft von Jürgen hatte führen lassen. Es war gerade niemand vor der Tür, und da unser Freund keine Eile hatte, unter Dach zu kommen, so setzte er sich auf die Bank, die vor dem Hause stand und eine so hübsche Aussicht nach den über Meiringen gelegenen Gebirgszügen gewährt. Hier erfuhr er bald von Jürgen, der aus dem Stalle kam, daß die Herrschaften bereits im Hause seien, daß der Herr ihn soeben gefragt, wann der Eigentümer der Pferde anlangen werde, da er alsbald selbst nach Interlaken abfahren wolle und zu dem Zweck schon einen Wagen beim Wirt bestellt habe. »Die Damen,« fügte Jürgen hinzu, »sitzen auf dem Balkon im Gartenzimmer und trinken Kaffee. Soll ich vielleicht dem Herrn sagen, daß Sie da sind und daß er Sie sprechen kann?«

»Ja, sage ihm das, er wird mich hier vor der Tür finden, wenn er mich zu sprechen verlangt.«

Jürgen betrat das Haus, und einige Minuten darauf kam der immer stolz- und steifgehende Fremde heraus, in diesem Augenblick eine Miene zeigend, die nicht verriet, daß er gern diesen Gang angetreten, oder daß er freundliche Worte zu sprechen die Neigung habe.

Als Franz Marssen ihn erblickte, erhob er sich von der Bank und nahm einen Augenblick seinen Hut ab, was der Fremde mit kalter Höflichkeit erwiderte.

»Da Sie nicht zu uns ins Zimmer kommen,« begann der Fremde mit hochmütig lächelnder Miene die Unterhaltung, »so muß ich Sie schon selbst hier aufsuchen. Nun, mein Herr, wir sind also in Meiringen oder vielmehr bei den Reichenbachfällen, und in einer Viertelstunde werde ich mit meiner Familie nach Interlaken unterwegs sein. Mir bleibt nun in Bezug auf Sie nichts mehr übrig, als Ihnen meinen Dank zu sagen und Sie zu bitten, mir meine Rechnung zu machen.«

Des Malers offenes Gesicht nahm bei diesen ihn tief verletzenden Worten eine stolzere Miene an und wurde sichtbar etwas bleicher als vorher, sein reines blaues Auge sprühte eine selten in ihm gesehene Flamme aus, und man merkte ihm an, daß er die Worte mühsam zusammensuchte, die er endlich hören ließ.

»Was für eine Rechnung soll ich Ihnen machen?« fragte er mit einer Stimme, die erst leise bebte, aber bald einen festeren und volltönenden Klang annahm.

»Für die Pferde natürlich, die Sie mir verschafft haben.«

»Mein Herr,« erwiderte jetzt der Maler mit vollkommener Fassung, »die Pferde, die ich Ihnen zu verschaffen in der Lage war, sind keine Mietpferde und nie für Geld zu haben. Sie sind meines Vaters Eigentum, und dieser hat sie mir auf meine Bitte gesandt. Ich bat ihn aber darum, weil Sie sich auf dem Rhonegletscher in Not befanden und ich die Mittel, Ihnen zu helfen, in Händen hatte. Wenn Ihnen also meine Anwesenheit und die Pferde in den Bergen genützt haben, so soll es mich freuen, und das ist aller Dank, den ich mir für meine Handlungsweise zuerkennen darf.«

Der unbeugsam vor ihm stehende Mann reckte sich einige Zoll mehr in die Höhe, als er diese Worte vernahm, und sah seinen jungen Reisebegleiter vielleicht zum ersten Mal voll und fest an, als hätte er bis jetzt noch keine Gelegenheit gehabt, ihn genauer zu betrachten; die stolze Miene desselben, sein edles, ungezwungenes Wesen, sein in diesem Augenblick von warmen Empfindungen belebtes Gesicht imponierten ihm sichtbar, und er fing augenscheinlich eine ganz andere Meinung von dem bisher so wenig beachteten Mann zu fassen an.

»So,« sagte er etwas verlegen und in der Tat nicht wissend, wie er sich jetzt verhalten solle, »so also haben Sie den Dienst, den Sie mir geleistet –«

»Nicht Ihnen, mein Herr,« unterbrach ihn der Maler noch stolzer als vorher, »sondern Ihren Damen habe ich diesen Dienst geleistet, die mich in ihrer Verlassenheit dauerten und denen ein hilfskräftiger Mann, wenn, wie hier, eine schwächliche und kränkliche Dame darunter ist, stets helfen muß.«

»Gut, gut, also mir haben Sie diesen Dienst nicht geleistet, wie ich sehe, so brauche ich mich also auch nicht für meine Person bei Ihnen zu bedanken,« erwiderte der Herr mit seinem alten Hochmut. »Sie werden aber hoffentlich meinen Dank annehmen, wenn ich denselben im Namen meiner Frau ausspreche, wie?«

»Den nehme ich an, ja, mein Herr.«

Der Fremde nahm seinen Hut ab und verneigte sich, mit Mühe, wie man sah, aber dennoch höflich. Ohne irgend eine Regung von Wärme und ohne dem jungen Manne seine Hand zu bieten, sprach er noch einige Worte und verabschiedete sich dann, nicht einmal den Wunsch ausdrückend, ihn vielleicht in Interlaken wiederzusehen.

Gleich darauf hatten sich die beiden Männer getrennt; der Fremde war ins Haus zurückgetreten, und Franz Marssen ging, ohne es vielleicht zu wissen, maschinenartig den Fällen zu, die dicht hinter dem Garten des Gasthofes liegen und mit ihrem letzten Sturze eine Mühle treiben, deren Gerassel und Gepolter jedoch ihr donnerndes Gebrause weit übertönt.

Franz Marssen stand vor dem wildschäumenden Wassersturz und schaute nach dessen Höhe hinauf, ohne im ersten Augenblick eigentlich etwas zu sehen. Sein Herz war bedrückt und gekränkt, denn einen so seltsamen Abschied seitens eines Mannes, mit dem er mehrere Tage in so naher Berührung gestanden, dem oder dessen Familie er sich in jeder Beziehung so gefällig erwiesen, begriff er eigentlich nicht. Seine offene Natur empörte sich gegen den geheimnisvollen Anstrich, den sich dieser Mann so hartnäckig gab, und es dauerte lange, bis er das Gleichgewicht seiner Seele wiederfand, deren angeborenes Zartgefühl in der Tat tief erschüttert war. Allmählich jedoch gewann sein Auge wieder an Klarheit, und der schöne Anblick, den er vor sich hatte, besänftigte sein Gemüt bald so weit, daß er sein Blut wieder ruhiger pulsieren fühlen und sich dem Genusse des erhabenen Naturbildes mit vollem Behagen hingeben konnte.

Das starke Rauschen und Brausen des herabstürzenden Wassers übertäubte so sehr jedes andere Geräusch, daß er nicht hörte, wie unterdes zwei Menschen hinter ihm hertraten und leise miteinander sprachen. Erst als sie dicht an seiner Seite standen, bemerkte er sie und, augenblicklich ein sanfteres Gefühl empfindend, als er sie erkannte, zog er den Hut und begrüßte sie ehrerbietig mit seiner gewöhnlichen Freundlichkeit.

Es war die junge Schottin, die mit der Gesellschafterin ihrer Mutter aus dem Hause gekommen war, um ebenfalls den berühmten Wasserfall zu bewundern. »Auch das ist schön,« rief die erstere aus, indem sie sich bemühte, mit ihrer klaren Stimme das Getöse des Schaumwirbels zu überwinden, »aber den Aarfall erreicht es bei weitem nicht.«

Franz Marssen schüttelte, ihr beistimmend, den Kopf und gab ihr dann einen Wink, mit ihm etwas zurückzutreten, damit man sich besser verständlich machen und den ganzen Fall leichter überschauen könne.

»Wo kommt dieses Wasser her?« fragte die gewöhnlich schweigsame Miß freundlich in englischer Sprache.

»Es ist der Reichenbach,« erwiderte der Maler in gleicher Weise, »der aus dem Faulhorn entspringt und durch ein reiches, von Sennhütten und Vieh belebtes Wiesenland anmutig strömt. Er legt einen schönen, von hohen Bergen umkränzten Weg stolz und kühn zurück, aber auch er muß endlich hier in die Tiefe hinab, wie Sie sehen, und teilt damit das Los vieles Erhabenen auf der Welt.«

Die Dame nickte ihm ihren Dank zu und entfernte sich, um noch einmal den Fall aus der Nähe zu betrachten.

Diesen Augenblick benutzte ihre Gefährtin, um den Maler noch weiter vom Wasser fortzuführen, und dann, als das Geräusch desselben ihrer Stimme keinen Eintrag mehr tat, blieb sie stehen und sagte mit einer überaus freundlichen Miene:

»Mein Vater hat mir gesagt, daß Sie sich bereits von ihm verabschiedet haben. Nun, was Sie auch meinen Verwandten getan, ich bin Ihnen mehr verpflichtet als sie alle. Ihnen das mit meinem herzlichsten Dank zu sagen, kam ich hierher, da ich vermutete, daß Sie sich unseren Danksagungen entziehen würden. Übrigens denke ich nicht, daß wir uns hier zum letzten Male sehen, Sie wissen schon, daß wir längere Zeit in Interlaken bleiben, wo auch Sie wohnen, und vielleicht begegnen wir uns da einmal. Mir sollte das recht angenehm sein. So leben Sie denn wohl bis dahin, und möge Ihnen die in den Bergen gewonnene Ausbeute reichlichen Vorteil und Genuß bringen.«

Bei diesen Worten verbeugte sie sich noch höflicher als je zuvor und trat einen Schritt zurück, um mit der anderen Dame, die schon an ihr vorübergegangen, nach dem Hotel zurückzukehren.

Da nahm das Gesicht des Malers wieder einen lächelnden und halb bittenden Ausdruck an. »Erlauben Sie,« sagte er, »daß auch ich Ihnen einige Worte zum Abschiede sage und daß ich mit dem Wunsche, daß es Ihnen ferner wohlgehen möge, eine Bitte verbinde.«

»Eine Bitte?« fragte die Dame mit einem leichten Anflug ihres früheren trotzigen Wesens. »Sprechen Sie sie aus.«

»Nun denn, auch ich würde mich freuen, Ihnen in Interlaken irgendwo wieder zu begegnen; damit dies aber um so sicherer geschehe, so bitte ich Sie, mir Ihren Namen und den Ihres Herrn Vaters zu nennen.«

Die junge Dame machte ein erstauntes Gesicht, und doch lächelte sie etwas schelmisch dabei. »Meinen Namen wollen Sie wissen?« wiederholte sie. »O, warum denn? Namen tun ja überhaupt zur Sache nichts, wenig bei Dingen, noch weniger bei Personen. Auch ich habe ja noch nicht nach Ihrem Namen gefragt, und war ich wirklich bisweilen etwas neugierig darauf, so bezwang ich mich, weil Sie Ihr Inkognito ebenso streng behaupteten, wie wir. Sie mögen Ihre Gründe dazu gehabt haben, und wir hatten die unsrigen auch. Übrigens ist es oft interessanter, nicht zu wissen, mit wem man verkehrt, als das Gegenteil. Sollen wir uns wiedersehen, und ist es vom Schicksal bestimmt« – hier lächelte sie noch etwas stärker – »so sehen wir uns gewiß wieder, und das wird mir angenehm sein; sehen wir uns aber nicht wieder, nun, so war unser Zusammentreffen weiter nichts als eine zufällige Begegnung in den Bergen.«

»Weiter nichts, ja, da haben Sie recht!« sagte der Maler sinnend, zog tief den Hut und verbeugte sich. »So leben Sie denn wohl!«

Die Dame verbeugte sich ebenfalls und wollte sich zum Rückweg wenden. Da besann sie sich und kehrte ihm noch einmal ihr schönes, in diesem Augenblick wunderbar strahlendes Gesicht zu. »Noch eins!« sagte sie freundlich. »Wenn es Ihnen angenehm ist, zu hören, daß ich mir, falls ich jemals wieder in eine ähnliche Not wie auf jenem Gletscher geraten sollte, einen so hilfskräftigen Beistand wünsche, wie Sie es waren, so sage ich es Ihnen. Und nun leben Sie wohl! Der Wagen, den mein Vater bestellt hat, ist soeben vorgefahren, und man erwartet uns.«

Sie winkte noch einmal anmutig mit der Hand und folgte dann eilig der vorangegangenen Miß. Franz Marssen blieb stehen und sah ihr nach, bis sie hinter der vorspringenden Ecke des Hauses verschwunden war. Aber auch dann noch blieb er stehen, in tiefes Nachdenken versunken, bis er das Rollen von Rädern hörte und den Staub aufwirbeln sah, den die davonjagenden Pferde aufwarfen. Erst als die letzte Staubwolke in der Ferne verflogen war, drehte er sich langsam nach dem Wasserfall um, ging ihm wieder näher und richtete sein Auge auf die stäubenden Perlen, deren Tosen in diesem Augenblick einen Wiederhall in seiner Seele hervorriefen, wie er ihn so seltsam und bang noch nie vernommen zu haben glaubte.

»Schaum, alles Schaum, was ich vor mir sehe,« flüsterte er in sich hinein. »Wüstes Gebraus und Gesaus, was ich höre. O und doch, wie ist die Natur so groß und schön und ein wie seltsames, kleines Geschöpf ist der Mensch darin, daß er nur an ihr sich erheben und erquicken kann, wenn seine inneren Quellen langsam und träge tropfen, statt, wie sie eigentlich sollten, immer in ruhiger, friedlicher Fülle und Frische zu fließen!«

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