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Die Tochter des Diplomaten. Erster Teil

Philipp Galen: Die Tochter des Diplomaten. Erster Teil - Kapitel 7
Quellenangabe
authorPhilipp Galen
titleDie Tochter des Diplomaten. Erster Teil
publisherA. Schumanns Verlag
yearo.J.
printrunFünfte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Sechstes Kapitel.
Auf der Grimsel.

Freundliche Gesichter und hilfreiche Hände findet man auf der Grimsel jederzeit, wenn es gilt, Reisende zu empfangen und unter Dach zu bringen, die durchnäßt, von Kälte erstarrt und hungrig und durstig von den Bergen herabgestiegen sind; allerdings muß man auf geräumige und komfortabel eingerichtete Wohnungen keinen Anspruch erheben, denn die sind hier nicht zu finden, und die vorhandenen, die eigentlich nur zu Schlafstätten dienen sollen, sind eng, höchst bescheiden möbliert und nur durch dünne Holzwände voneinander getrennt. Leider mußten am gegenwärtigen Tage diese Ansprüche, wenn sie erhoben wurden, noch mehr ermäßigt werden, denn seit zwei Tagen waren von beiden Richtungen her nur Gäste hinzugekommen, fast keine aber wieder abgereist. Das schlechte Wetter, welches das Besteigen des Passes so beschwerlich, bei reichlichem Schneefall oder andauernden Regengüssen sogar gefährlich macht, hatte sie sämtlich an das gastliche Haus in der Steinwüste gefesselt, und da die Gesellschaft, die man fand, im ganzen erträglich, die Tafel reichlich bestellt, und die Betten im erwünschten Zustande waren, so fügten sich die meisten mit Ergebung und Geduld in ihr unvermeidliches Schicksal. Die größte Anzahl derselben bestand aus Reisenden, die nach der Furca und dem Urserental wollten, einige andere aber waren eben daher gekommen, um nach den Aarfällen im Haslital und weiter nördlich zu gehen, und letztere waren dieselben Damen und Herren, die wir schon auf der Furca und am Rhonegletscher kennen gelernt haben.

Als die Familie des geheimnisvollen fremden Herrn vor der Tür des Grimselhospizes erschien, sprangen eilfertig mehrere Diener und Dienerinnen herbei, um die vom Frost erstarrten Damen die steinerne Treppe hinaufzuführen, ihnen beim Umkleiden hilfreiche Hand zu leisten und dann ihre nassen Hüllen zu trocknen. Fürs erste freilich mußten sich die drei Damen mit einem Zimmer begnügen, und da es einmal nicht zu ändern war, so fügten sie sich darein. Für den Herrn selber fand sich noch ein kleines leeres Kämmerchen, das er allein benutzen konnte, aber für den armen Maler, trotzdem er auch hier bekannt und willkommen war, stand kein einziges Gemach leer. Indessen wurde er sehr bald aus seiner Verlegenheit gezogen, denn einer der ersten bereits anwesenden Gäste, die den Ankommenden auf dem Flure entgegentraten, war der Ungar, Baron Tekeli, und sobald derselbe vernahm, daß sein ehemaliger Reisegefährte von der Furca herab kein Obdach habe, beeilte er sich, ihm die Hälfte des seinigen anzubieten, was sofort dankbar angenommen wurde.

Während nun die Damen bis zur Mittagstafel ihr Zimmer nicht verließen und auch der alte Herr sich behaglich auf dem seinen ruhte, wandte sich Franz Marssen, sobald er trockene Wäsche angelegt, nach dem allgemeinen großen Gastzimmer, und dies fand er allerdings, nicht mit Gästen nur, sondern auch mit Tabaksrauch fast überfüllt. Die ersten, auf die sein Blick fiel, waren Mr. Raphael Flail und seine blondlockige Lady, die sich auch hier in einer entfernten Ecke ein bequemes Sofa zu erobern gewußt hatten und von hier aus mit gleichgültigen Blicken die fremden Menschen betrachteten, die in verschiedenen Gruppen umherstanden oder saßen und dabei lebhaft plauderten, mitunter auch Karten spielten oder bei einer Flasche Wein die Würfel handhabten.

Auch das französische Ehepaar war mitten in dem geschwätzigsten Kreise zu finden und die Dame, wie ihr Gemahl freuten sich herzlich, den jungen Maler wiederzusehen, der den Mut bewiesen, eine junge Schottin aus der Gefahr des Erfrierens zu retten, was sie schon längst auf der Grimsel allen Anwesenden wiederholt berichtet hatten.

Grollend und murrend, wie auf der Furca und am Rhonegletscher, spazierten die beiden Mecklenburger auch hier im Zimmer auf und ab, und bereits hatten sie fast alle Deutschen, die ihnen begegnet, gefragt, ob das Reisen in der Schweiz bei solchem verteufelten Wetter denn wirklich ein so großes Vergnügen sei? Sie ihrerseits könnten nicht begreifen, warum die Menschen so unsinnig wären, gerade solche Orte in der Welt aufzusuchen, die man doch eigentlich, wenn man vernünftig wäre, fliehen müßte wie die Pest. Als sie aber den Maler kommen sahen, traten sie ihm freundlich entgegen, schüttelten ihm die Hand, hießen ihn willkommen und kredenzten ihm sogleich ein Glas Wein, das er ihnen abzuschlagen weder den Mut noch die Neigung besaß.

Am herzlichsten aber erwies sich ihm, wie schon gesagt, von Anfang an der stille Ungar. Er faßte beide Hände des jungen Mannes, drückte sie warm und erkundigte sich lebhaft nach dem Befinden der schönen Schottin, die er, wie er offen gestand, hier wiederzusehen eine außerordentliche Freude empfinde.

So war Franz Marssen bald wieder in einen bekannten Kreis geraten, und wenn es ihm Vergnügen gewährte, noch neue Bekanntschaften zu machen, so boten sich unter den Deutschen, Franzosen, Engländern und Holländern, die hier zusammengetroffen, genug Persönlichkeiten dar, die ein weniger abstoßendes Wesen zeigten, als jene beiden ersten Engländer und der hochmütige Herr, in dessen Gesellschaft er den letzten Weg zurückgelegt hatte. So war er denn auch bald in lebhaftem Plaudern mit diesem und jenem begriffen, und bei Tische fand er seinen Platz neben dem Ungar, dem es leider nicht möglich gewesen, einen Stuhl neben der jungen Schottin zu erhalten, da niemand ihm sagen konnte, wohin sie sich setzen würde. Als die ganze Gesellschaft schon am Tische Platz genommen, erschienen nun auch diese vier Personen und erregten, wie früher, auch hier großes Aufsehen unter den Anwesenden, zumal das kleine Abenteuer der jungen Dame auf dem Rhonegletscher bald allgemein bekannt geworden war. Worüber die meisten sich aber wunderten, war der Umstand, daß diese Fremden sich so wenig um den mutigen Retter in der Not bekümmerten, wie auch dieser es mit ihnen machte, denn der Maler saß am entgegengesetzten Ende des Tisches, und als die Familie eintrat, hatte er nur flüchtig nach ihr hinübergeblickt, ohne eine nähere Bekanntschaft zu verraten, wie sie doch notwendig nach einer längeren gemeinschaftlichen Reise zwischen beiden Parteien stattfinden mußte.

Auch nach dem Essen, welches ziemlich viel Zeit fortnahm, bemerkte man keine Annäherung zwischen den obengenannten Personen, und einige Minuten später, nachdem Baron Tekeli den Damen seine Huldigungen dargebracht, die man ebenfalls kalt aufnahm, entfernten sich diese schon wieder, um ihr Zimmer erst zur Teestunde zu verlassen, wo sie noch einmal den Speisesaal betraten und sich still unterhielten, während der ältere Herr, den man in Ermangelung eines anderen Namens jetzt allgemein »den Schotten« nannte, sich mit einigen ihm zunächst sitzenden Herren in ein Gespräch einließ.

Indessen war die Geselligkeit auch am Abend, bei dem starken Zusammenfluß so vieler Fremden, im ganzen nicht gemütlich zu nennen; niemand fühlte sich so recht behaglich, da die Aussicht auf den nächsten Tag ungewiß und der Raum zu beengt war, um sich gemächlich hin und her bewegen und untereinander mischen zu können. So verließen denn die Damen zuerst schon frühzeitig den raucherfüllten Raum, da sich einige Herren nicht enthalten konnten, von ihren Zigarren einen etwas zu reichlichen Gebrauch zu machen. Als die Damen verschwunden waren, rückten die Herren näher zusammen und sprachen heiter bei einigen Flaschen Wein miteinander; aber auch sie verfügten sich frühzeitig zur Ruhe, nur einigen wenigen die Tafel und die Trinklust überlassend, wozu natürlich unsere mißvergnügten Mecklenburger gehörten, die erst lange nach Mitternacht ihr Kämmerchen aufsuchten, um ihr schauerliches Mißgeschick, das sie auch an diesem Tage verfolgt, endlich in einem Schlaf zu verträumen, der sich durch entsetzliches Schnarchen drei Zimmer weit verriet und die Nachbarn wahrhaft ängstigte, die oft glaubten, jene so dumpfen und knarrenden Töne dröhnten von außen herein und verkündeten das Zunehmen des Windes, der sich gegen Abend von Norden her durch empfindliche Kälte hinreichend bemerklich gemacht hatte.

*

Franz Marssen hatte also durch die Zuvorkommenheit des stillen Ungars ein Kämmerchen und darin ein Lager gefunden, auf das er seine müden Glieder zur Ruhe legen konnte, die Ruhe zum Schlaf aber hatte der freundliche Mann ihm nicht geben können, obwohl er selbst fest und ununterbrochen schlief. Anfangs waren es die lebhaft kreisenden Gedanken, die sich des regsamen Geistes unseres Freundes bemächtigt hatten, denn die Lust und der Trieb zur sichtbaren Gestaltung eines vor seiner Phantasie stehenden Bildes war mit rasch wachsender Gewalt in ihm erwacht, und wenn ein produktives Gehirn erst einen bestimmten Gegenstand erfaßt hat, so muß es kraft einer inneren Naturnotwendigkeit, die kein Mensch begreift, der nicht selbst Künstler ist, an die Vollendung der sich wie von selbst ergebenden Aufgabe gehen; und überfällt ein solches Schaffen in den stillen Stunden der Nacht seine Seele, so ruht auch der Leib nicht und um den Schlaf ist es für diesmal geschehen.

Als unser Maler aber nach langer Überlegung und wiederholter Auffrischung seiner Erinnerung sich die Züge des Gesichts so fest eingeprägt zu haben glaubte, daß er sie am nächsten Morgen unbehindert auf das Papier werfen könne, und er sich nun endlich zum Schlummer zurecht legte, störte ihn der brausende Wind auf, der von den benachbarten Gletschern und Höhen herunterfuhr und sich in dem Bergkessel stauchte, in welchem das Grimselhospiz liegt. Ungestüm fegte er nun vor den kleinen Fenstern auf und ab und machte die Läden erbeben, die zum Schutze gegen den von außen andringenden Feind vor denselben angebracht sind.

Als unser Freund aber der melancholischen Stimme des Windes eine Weile gelauscht und sich auch an sein Tosen gewöhnt hatte, störte ihn von neuem das entsetzliche Schnarchen der in der Nähe schlafenden Fremden, was die dünnen, sich durch das sonst steinerne Gebäude ziehenden Holzwände leider nur zu sehr begünstigten. Endlich aber hatte er auch diese Störung überwunden, und nun schlummerte er sanft und fest ein. Allein nicht lange sollte er sich dieses Schlafes erfreuen, denn allmählich brach schon der neue Tag an und abermals ließ sich ein lauter Lärm von den nahen Ställen her vernehmen, wo die zahlreich versammelten Pferdeknechte sich mit ihren hungrigen Tieren zu schaffen machten. Bald auch wurde es im Hause selbst lebendig, die Diener und Mägde gingen an ihre tägliche Arbeit, einzelne Führer weckten Fremde, die früh aufbrechen wollten, und so dauerte es nicht lange, bis das ganze Haus in Bewegung zu sein schien.

Franz Marssen, als er diese, ein frisches Leben verratenden Laute vernahm, konnte es nicht länger im Bett aushalten, und da er auch den Ungar schon munter fand, standen sie beide auf und kleideten sich um so rascher an, als ihr Gemach ungemein kalt und eng war. Als sie aber zunächst aus dem Fenster blickten, um nach der Witterung auszuschauen, trat ihnen nichts als eine wüste, schneebedeckte Gebirgslandschaft entgegen, und von dem unmittelbar über ihrem Fenster sich breit ausdehnenden Dache hingen ellenlange Eiszapfen herab, als wäre man mitten im Winter, während man doch noch vor wenigen Tagen Ursache gehabt, sich über die große Hitze zu beklagen.

Als der junge Mann bald darauf vor die Tür trat, gewahrte er ein reges Leben vor dem Hause. Wohl ein Dutzend Pferde standen schon gesattelt im Hofe, und die Führer und Treiber schnallten mit lauten Scherzen die Gepäckstücke auf, welche die geduldigen Tiere nebst den Menschen über die Berge tragen sollten. Man hatte sich also zu einer raschen Abreise entschlossen, und der Himmel schien dieselbe mehr als in den letzten Tagen zu begünstigen. Zwar sah er noch grau und nüchtern aus, aber die Schneewolken waren verschwunden und die auffallende Kälte, welche die Luft erfüllte, ließ die kundigsten Führer vermuten, daß der Tag sich, je weiter er vorrückte, um so klarer gestalten werde.

Als Franz Marssen in das Gastzimmer trat, fand er schon viele Damen und Herren mit dem Frühstück beschäftigt, und unsere Bekannten: die Franzosen, die Mecklenburger, Mr. Raphael Flail und seine Lady saßen mitten unter ihnen, zu denen sich nun auch der Ungar gesellte, der mit ihnen aufbrechen wollte, nachdem er von seinem Schlafkameraden vernommen, daß die schottische Familie, mit der er am liebsten gereist wäre, wahrscheinlich erst am folgenden Tage, wenn nicht noch später, abreisen würde, da die bestellten Pferde frühestens erst am Abend dieses Tages eintreffen konnten.

Hastig, wie immer an solchen Reisemorgen, nahmen die Abziehenden ihr Frühstück ein, und schnell, nachdem sie ihre Rechnungen bezahlt, hüllten sie sich in ihre Mäntel und Tücher und begaben sich auf den Hof, um die harrenden Pferde zu besteigen. Es ist dies jedesmal eine bunte und lärmvolle Szene und dem das Gehaben der Menschen aufmerksam Beobachtenden gewährt sie immer ein großes Vergnügen. Auch Franz Marssen stand lächelnd auf der hohen Treppe des Hauses und schaute befriedigt das rege Treiben an, bis alle in den Sätteln saßen, und nachdem er von den Bekannten bis auf Wiedersehen freundlich Abschied genommen, sah er die erste Karawane den Weg nach dem Haslital einschlagen, während bald darauf der größere Teil der noch ziemlich müde aussehenden Reisenden den beschwerlicheren Weg nach dem Rhonegletscher nahm.

Um sich ein wenig zu erwärmen und einen Blick auf die nahen Schneeberge zu werfen, begleitete er die zuletzt Abreisenden eine Strecke, als er sich aber genügend bewegt, kehrte er wieder um, nun ebenfalls an sein Frühstück denkend, dem alsobald die beschlossene Morgenarbeit folgen sollte.

Als er in das jetzt ziemlich leere Haus eintrat, herrschte eine wohltätige Stille darin, und der Wirt benachrichtigte ihn, daß niemand mehr unter seinem Dache weile, als die Gesellschaft, mit der er selbst am Tage zuvor gekommen, und daß man schon beschäftigt sei, derselben behaglichere und größere Zimmer zurichten zu lassen.

Franz Marssen, der aus Erfahrung wußte, daß die Damen sich erst spät im Gastzimmer zum Frühstück einfinden würden, begab sich, nachdem er Kaffee getrunken, sogleich nach seinem Kämmerchen und holte sein Reiseskizzenbuch hervor, um die Morgenstille zu benutzen und sich ohne Zögern in der Nähe eines Fensters im Speisesaal an die Arbeit zu begeben.

Nachdem er in dem Heft, das meist kleine und flüchtig entworfene Skizzen enthielt, wie sie die Gelegenheit auf seiner jüngst vollbrachten Reise ihm zugeführt, ein schönes, glattes Blatt ausgewählt, begann er diese Arbeit mit ganzer Hingebung und einem Eifer, welchen nur der Künstler kennt, der immer die gerechte Besorgnis hegt, die im stillen entworfene Gestaltung könne ihm unter den Händen entschlüpfen und der Augenblick ihrer Konzeption ihm unwiederbringlich verloren gehen. Aber diesmal saß die Konzeption fest in dem Gehirn des denkenden Künstlers, und seine Hand war ruhig und geschickt genug, das bisher nur gedachte Werk ins Leben zu führen. Flüchtig und doch sicher glitt sein Bleistift über die glatte Fläche, und ohne daß man den Aufwand innerer Kraft und die geistige Anstrengung wahrnahm, mit der es vollbracht wurde, stellten sich, gleichsam wie von selbst, rasch und treu der schöne Kopf und die charakteristischen Gesichtszüge dar, die dem Künstler in ihrer wundervollen Lieblichkeit und Vollendung seit jenem Mittagessen auf der Furca unvergeßlich vorgeschwebt hatten. Wenn er aber die Umrisse des Körpers – es war ein Brustbild, was er jetzt zeichnete – nur mit wenigen Strichen hinwarf, so widmete er eine um so größere Sorgfalt und Genauigkeit dem edlen Kopfe, und in den kühnen Linien, die so überraschend schnell aufeinander folgten, entwickelte sich bald eine unverkennbare Ähnlichkeit mit dem Original, die nur noch einiger sorgsamer Ausführung in gewissen feinen Zügen bedurfte, deren Hinzufügung der Maler aber einer späteren Zeit vorbehielt, in der Hoffnung, es werde sich noch irgend eine günstige Gelegenheit bieten, die ihm das Fehlende zu ergänzen gestatten würde.

Kaum war seit dem Beginn der Arbeit eine Stunde vergangen, so war die Zeichnung so weit gediehen, wie sie vor der Hand gedeihen konnte. Halb befriedigt, aber seine Idee noch lange nicht ganz verwirklicht sehend, einzelnes sogar mit kritisch tadelndem Blick überfliegend, beschaute er dennoch sein kleines Werk mit wachsendem Wohlgefallen, vor allem jedoch erfreute ihn die Ähnlichkeit mit dem Urbilde, die demselben zu geben ihm so glücklich gelungen war.

Aber da hielt er im Betrachten seines Werkes inne, als ob ihm mit einem Mal der Atem versagt hätte, und, die Augen vor sich hin ins Leere bohrend, lehnte er sich nachdenklich m seinen Stuhl zurück. Eine neue Idee war urplötzlich in ihm wach geworden, und sie ergriff ihn so mächtig, daß er sie notwendig auf der Stelle innerlich verarbeiten mußte, wobei er nur noch schwankte, in welcher Weise er sie zur Ausführung bringen wollte.

Und so geht es dem wirklich produktiven Künstler, mag er Maler oder Dichter sein, oft genug. Während er an der einen Arbeit sitzt und sie nach besten Kräften zu vollenden sucht, taucht ihm der nebelhafte Umriß einer zweiten wie ein ihn verlockender Schatten vor der Seele auf, und während sein Pinsel oder seine Feder hastig über die Leinwand oder das Papier fliegen, arbeiten und schaffen, weben und bewegen sich seine Gedanken schon auf einem ganz anderen Felde, wobei es nicht selten geschieht, daß Gegensätze, wie so oft im Leben, auch hier sich geltend machen und die Phantasie auf die wogende See, ans schaumbedeckte Gestade eilt, wenn sich die bildende Hand gerade mit dem Felsgestein und dem in die Wolken ragenden Gipfel eines Bergriesen beschäftigt.

»Ja,« sagte der Künstler nachdenklich zu sich selber, »dieser Kopf und diese Büste mögen vor der Hand ihrem schönen Urbilde ähnlich genug sehen, aber ein eigentliches Bild von dem Wesen und Charakter desselben geben sie ganz gewiß nicht. Ich muß die Figur, mit Hand und Fuß, wie ich nie etwas Vollendeteres gesehen, und wie nur die Natur sie so unübertrefflich bilden kann, ganz darstellen und ihr auch die Anmut der Haltung, den Reiz der Kleidung, vor allen Dingen aber die Farbe, wie sie im Leben ist, zu verleihen suchen, wenn ich mir selbst genügen will. Und das will ich, ein unwiderstehlicher Trieb drängt mich dazu. Aber wie, in welcher Stellung, in welcher Situation stelle ich sie dar? Soll ich den kalten Gletscher wählen, auf dem ich sie halb gebrochen und doch so stolz sitzend fand? Soll ich die blaue Eiswand malen, die ihren kühnen Fuß hemmte, oder die entsetzliche Spalte, die sie nicht überspringen konnte? Nein, das darf ich nicht, das würde ihren stolzen Sinn demütigen, denn sich in einer Lage abgebildet zu wissen – wenn sie es auch nicht mit eigenen Augen sähe – die eigentlich eine Niederlage für ihren mutigen Geist war, müßte ihr peinlich sein und würde mir ihrerseits einen wohlverdienten Vorwurf zuziehen. Ah – ja, jetzt habe ich es – zu Pferde muß sie sitzen, da ist sie am schönsten an ihrem Platz, da prägt sich ihr ganzes charakteristisches Wesen am schärfsten und deutlichsten aus. Also zu Pferde – aber welche Staffage wähle ich? Ein Gebirge – ja – die Schweiz? Wie, eine Schottin in der Schweiz? Nein, das würde mir die Harmonie der einzelnen Teile stören, und Harmonie, im ganzen und einzelnen, muß in jedem Menschenwerke zu spüren sein, sonst kann man es weder schön noch edel nennen. Ah, jetzt habe ich es, und siehe da, die Szene, die ich hier vor Augen sehe, wenn ich mir nur den Schnee fortdenke und einen Baum hinzufüge, bietet mir selbst den Schauplatz dar, denn selten wie hier gleicht die Schweiz den schottischen Hochlanden mit ihren kahlen, grauen Bergzügen, mit ihren blauschimmernden Seen und düsteren Wolken, die einen mystischen Schatten, wie den Nachklang einer heroischen Sage, über ihre ganze Landschaft werfen.«

Und schon hatte er ein reines Blatt aufgeschlagen und seine Bleistifte für die neue großartige Skizze zugespitzt. Ohne nur noch einen Augenblick zu zögern oder zu schwanken, begab er sich mit einem Eifer an die Arbeit, daß er nichts sah oder hörte, was um ihn her im Zimmer vorging, sondern allein seinem inneren Genius folgte, der ihn in der Tat diesmal auf geweihtem Wege zu einem herrlichen Ziele führte.

Die Skizze, die später in viel größerem Format und in Öl ausgeführt werden sollte, stellte also eine schottische Hochlandsgegend dar. Den Hintergrund schlossen kahle, graugrüne, eigengestaltete Hügel ein, auf deren in der Mitte gelegene Schlucht ein steiniger Weg an einem ovalen See vorüber führte. Der See, halb von Röhricht und Binsen bedeckt und von kurzem, dichtem Gebüsch umkränzt, blieb zur Rechten; zur Linken im Vordergrunde aber erhob sich eine uralte Föhre, die ihre markigen Äste in seltsamen Windungen in die Lüfte ragen ließ. Unter der Föhre selbst aber hielt eine edle Gestalt zu Pferde, von zwei Windhunden umsprungen, und an dieser Gestalt – wir wissen schon, wen sie darstellen sollte – arbeitete der Künstler, nachdem er zuerst ihre Umgebung geschaffen, mit einer so warmen Hingebung, daß schon die bloße Bleistiftskizze, die kaum noch eine Skizze zu nennen war, ein wahres Meisterstück wurde.

Diese Arbeit hatte jedoch etwas mehr Zeit fortgenommen als die erste, und während dabei der Tag weiter vorgeschritten war, hatte sich auch das Wetter ganz anders gestaltet. Der Schnee, den die Phantasie des Malers vorher weggezaubert, war auch in Wirklichkeit verschwunden, denn die zunehmende Wärme der heraufsteigenden Sonne hatte ihn geschmolzen, und als unser Freund sein Auge endlich von der Arbeit erhob, sah er eine ganz neue Landschaft vor sich liegen, über der die strahlende Sonne lächelte, die sich so lange hinter drohenden Wolken verborgen hatte.

Doppelt erfreut und diesmal schon mehr befriedigt, einmal, weil ihm seine Arbeit gelungen, und dann, weil Gottes freundliches Licht wieder über der Welt aufgegangen war, erhob sich der Maler von seinem Stuhle und schaute lange in die Steinwüste hinaus, die sich rings um das Grimselhospiz in ihrer ganzen grandiosen Starrheit ausbreitete.

Da störte ihn der Wirt, der mit lachendem Gesicht erschien und laut seine Freude über die endliche Änderung des Wetters äußerte, das nach seiner Meinung sich nun fortan bessergestalten würde. »Lassen Sie die Wasser sich nur erst etwas verlaufen,« sagte der freundliche Mann, »dann können Sie bald hinaus, und bis heute abend haben Sie Zeit genug, noch schöne Studien an den Gletschern zu machen, die hier ganz in unserer Nähe liegen.«

»Das ist meine Absicht heute nicht,« erwiderte der Maler lächelnd. »Allerdings werde ich einen Spaziergang antreten, aber weit will ich mich nicht entfernen, denn ich habe Arbeit genug im Hause zu vollbringen.«

Bald darauf verließ er das einsame Haus, und wenige Augenblicke sah man ihn auf dem Felsenhügel des Nollen stehen und den gigantischen Gebirgszug des Finsteraarhorns betrachten, der sich immer klarer aus den Wolkenschleiern entwickelte und seine Schneekuppen wie strahlende Leuchten weit über alle Berge der mittleren Schweiz erhob.

*

Als Franz Marssen seine kleine Exkursion beendigt hatte und wieder in das Gastzimmer zurückgekehrt war, um nochmals an seine Arbeit zu gehen, fand er die schottischen Damen um den Frühstückstisch versammelt. Augenscheinlich hatten sie schon geraume Zeit ihr Frühmahl abgetan, denn das Familienhaupt saß mit finsterblickendem Gesicht bereits an einem Seitentische und war wieder mit Schreiben beschäftigt.

Der Maler begrüßte die Gesellschaft mit einer ehrerbietigen Verbeugung und richtete beim Vorübergehen eine Frage nach ihrem Befinden an die Mutter, die sie höflich aber kurz beantwortete, während ihr Gemahl nur einen kaum hörbaren »Guten Morgen!« murmelte und sich in seinem Geschäft nicht stören ließ. Da dem Maler nichts an den Damen verriet, daß sie eine längere Unterhaltung mit ihm wünschten, so entfernte er sich mit einer abermaligen Verbeugung von ihrem Tisch und setzte sich an dasselbe Fenster, wo er vorher gearbeitet hatte. Kaum aber lag sein Skizzenbuch vor ihm aufgeschlagen, so standen die drei Damen von ihren Plätzen auf. Die Mutter nahm eine Ecke des Sofas ein, legte sich ungeniert bequem darauf zurecht, und die englische Miß schickte sich an, ihr aus einem mitgebrachten Buche leise vorzulesen.

Die junge Dame dagegen nahm dem Maler gegenüber einen Stuhl an dem zunächstliegenden Fenster ein, so daß sie ihm das rosige Gesicht voll und klar zukehrte. Dann legte sie ein kostbar eingebundenes Skizzenbuch auf einen herangerückten Tisch vor sich nieder und begann sofort zu zeichnen, wozu sie die Felsengegend mit den beiden kleinen Gebirgsseen vor dem Hause zum Vorbild genommen zu haben schien, da sie oft längere Zeit darüber hinausblickte.

Eine günstigere Gelegenheit, seine Zeichnungen mit dem Original zu vergleichen und, wo es nötig war, zu korrigieren, konnte dem Maler nicht geboten werden, und er begann sein Werk ohne Zögern, obwohl er möglichst vermied, der jungen Dame sein Tun zu verraten. Jetzt erst war sie für ihn der Augenblick einer ihn lohnenden Genugtuung gekommen, denn er konnte mit Befriedigung auf seine Arbeit blicken, da seine Erinnerung, wie er jetzt sah, ebenso treu wie seine Hand geschickt gewesen war.

Das leise Gemurmel der Vorlesenden abgerechnet, blieb es still in dem großen Gemach, und die vier Personen fuhren mit gleicher Emsigkeit in ihrem Tun fort, so daß ein Fremder, wenn er jetzt eingetreten wäre, sich über den Fleiß derselben gefreut haben würde.

Nach einer kleinen Stunde etwa aber erhob sich der Schreibende, legte seine Papiere zusammen, schloß sie in eine lederne Mappe und ging, ohne ein Wort zu reden, hinaus. Kaum war die Tür hinter ihm zugefallen, so erhob die junge Dame den Kopf und schaute erst vorsichtig, ob sie auch nicht beobachtet werde, dann, als dieses von keiner Seite der Fall war, dreister nach dem Maler hinüber, der mit tief niedergebeugtem Kopfe feine Linien in seiner beinahe fertigen Skizze zog.

Da erhob er zufällig das von der Arbeit gerötete Gesicht, und seine klaren blauen Augen, von einem warmen Glanz belebt, wie ihn geistige Arbeit immer verleiht, trafen unerwartet mit den dunklen Augensternen der jungen Schottin zusammen. Unmerklich zuckte sie mit denselben, als sie der erste Strahl des hellen Künstlerauges traf, aber bald hatte sie sich wieder gefaßt und hielt nun eine Weile ruhig seine Blicke aus, die wider sein Wissen und Wollen mit der Zeit einen freundlicheren, fast grüßenden Ausdruck annahmen, der, nach einem raschen Blick zu der lesenden Gruppe hinüber, fast auf gleiche Weise erwidert wurde. Aber das alles ging so rasch und spurlos vorüber, daß kein Mensch, auch wenn er etwas neugierig gewesen wäre, es hätte beobachten können.

Da aber erhob die Dame stolz den Kopf, schüttelte ihr zwanglos gescheiteltes braunes Haar von der weißen Stirn zurück und gab dem Maler einen nicht zu verkennenden Wink mit der Hand, der offenbar bedeutete, daß er näher herankommen möge, und daß sie mit ihm zu reden wünsche. Allerdings lag etwas Gebieterisches in diesem schnellen stolzen Wink, aber Franz Marssen, an das seltsame Benehmen seiner Reisegesellschaft schon gewöhnt, war dadurch nicht im mindesten befremdet, und so stand er mäßig eilig auf, schlug sein Buch zu, nahm es unter den Arm und näherte sich mit ruhigen Schritten dem Tische der Dame, der gegenüber er, infolge eines neuen auffordernden Winkes, auf einem leeren Stuhl Platz nahm. Die auf dem Sofa sitzende Dame schien diese Ortsveränderung des Malers ebensowenig zu bemerken wie die Lesende, wenigstens verriet kein Zeichen an ihnen, daß sie die geringste Notiz davon nahmen.

»Guten Morgen, mein Herr,« begann das reizende Mädchen das Gespräch mit leiser Stimme, um die Vorleserin nicht zu stören, und nickte dabei anmutig mit dem Kopfe. »Störe ich Sie auch nicht, wenn ich Sie von Ihrer Arbeit abhalte und einige unbedeutende Worte an Sie richte?«

»Nein,« erwiderte Franz Marssen ebenso leise, »Sie stören mich nicht; meine Morgenarbeit ist so gut wie beendet und ich bin ganz Ohr – Ihre unbedeutenden Worte zu vernehmen.«

Das junge Mädchen hob verwundert den Kopf in die Höhe und ein funkelnder Blick aus ihrem Auge, das sogleich einen rötlichen Schimmer annahm, traf auf das seine. »Ah,« sagte sie, »Sie geben mir meine Anrede mit Wucher zurück, und das ist gut, nun weiß ich doch gleich, wie ich mich Ihnen gegenüber zu verhalten habe. Sie sind ein kurz angebundener Herr und scheinen ein Freund der mutwilligen Echo zu sein. Doch das wollte ich Ihnen ja nicht sagen, ich wollte vielmehr zu Ihnen, dem Künstler, sprechen. Nun ja, Sie sind ja ein Maler, wie Sie mir selbst gesagt, jetzt will ich Sie einmal auf die Probe stellen und mich überzeugen, ob Sie Ihre Kunst verstehen. Sehen Sie da – ich zeichne soeben diese Steinwüste und die Seen darin. Nun sagen Sie mir, habe ich es recht gemacht und können Sie mir eine gute Zensur ausstellen?«

Franz Marssen nahm das ihm zugeschobene Buch, drehte es herum und warf einen raschen prüfenden Blick über die Zeichnung. Was das Technische derselben betraf, so war sie ganz artig und nett, die Dame mußte einen leidlichen Lehrer gehabt haben und verriet offenbar Anlagen zu ähnlichen Unternehmungen, allein die Auffassung war falsch und augenblicklich erkannte das kundige Auge des Malers, worin der Fehler lag.

»Darf ich ganz offen zu Ihnen reden?« fragte er nach einer kurzen Pause.

»Ganz offen, wie es Ihnen – das Herz, will ich nicht sagen – aber der kritische Sinn gebietet, denn daß Sie tadeln wollen, begreife ich schon, wie ich auch weiß, daß ein Künstler selten die Werke eines Dilettanten lobt.«

»Das will ich noch nicht sagen, mein Fräulein, ich lobe überall gern, was zu loben ist, und gleich hier habe ich manches zu loben.«

»Manches? Nun, das enthält schon einen kleinen Tadel.«

»Noch gar keinen, wie ich es meine. Sehen Sie nur, Sie haben sich da an eine schwer zu lösende Aufgabe gewagt, an der sogar ein gut geschulter Maler scheitern könnte. Szenerien, wie diese eine ist, lassen sich schwer in gefälliger und verständlicher Form wiedergeben, was doch eine Hauptaufgabe des darstellenden Künstlers ist.«

»Warum nicht?«

»Weil hier die Natur, wenn man mitten in ihr steht, wohl malerisch ist, aber von dem trocknen, kalten Bleistift nicht wiedergegeben werden kann. Um eine so öde, durch keine hervorstechenden Punkte ausgezeichnete Gegend so darzustellen, daß man sie auf den ersten Blick erfassen und erkennen kann, dazu gehört notwendig die Farbe. Wenn ich nun von dem Allgemeinen zum Einzelnen übergehe, so haben Sie namentlich einen Fehler begangen, der mir verrät, daß Sie nur eine Dilettantin, wenn auch eine ganz achtbare und viel versprechende, sind. Sie haben nämlich einen Verstoß gegen die Perspektive gemacht. Jener Berg darf in dieser Zeichnung nur in den Hintergrund, nicht in den Vordergrund treten, und die eigentlich charakterlose Öde, die auf dem wirklichen Vordergrund liegt, läßt sich eben nicht zeichnen, höchstens mit Farben malen. Ich würde das Ganze etwas anders aufgefaßt und mich auf den See und diese beiden ausgezackten Bergkuppen beschränkt haben, dann wäre ein abgeschlossenes und in sich vollendetes Bild entstanden.«

Die junge Dame hatte den sanft vorgebrachten Worten aufmerksam zugehört und sah die Richtigkeit derselben ein. »Sie haben gut reden,« sagte sie nach einigem Besinnen, »beweisen Sie lieber durch die Tat, daß Sie es besser machen können, und lassen Sie mich sehen, wie ein geübtes Auge die Sache auffaßt.«

»Gern,« erwiderte Franz Marssen, nahm sein eigenes Skizzenbuch, das er neben sich gelegt, schlug ein reines Blatt auf und begann mit einigen raschen und sicheren Strichen die Zeichnung von neuem. Kaum aber hatte er die ersten Linien gezogen, die unter seiner geschickten Hand sich von selbst zu bilden schienen, so veränderte sich der bisher so scharfe Gesichtsausdruck seiner Schülerin und sie sah mit frohem Erstaunen, wie ihr Lehrer die begonnene Zeichnung in wenigen Minuten anschaulich und seiner richtigen Ansicht entsprechend, beendete.

»So,« sagte er, als es fertig war, »da haben Sie es. So ungefähr würde ich es auffassen. Sehen Sie ein, daß meine Kritik nicht zu schroff war?«

»Vollkommen und ich wundere mich über mich selber, daß ich es nicht besser machte. Aber eben darin liegt die Schwierigkeit, es gleich von Anfang an gut zu machen, und leicht ist nur das Vollendete zu erkennen, wenn es auf dem Papiere steht.«

Sie behielt das Buch vor sich, stützte den Kopf, nachdem sie die Ellbogen auf den Tisch gelegt, auf beide Hände und sah lange und ernst die nur in ihren äußersten Umrissen hingeworfene und doch so leicht erkennbare und charakteristische Zeichnung an.

In diesem Augenblick ertönte vom Sofa her ein Ruf, den der Maler auf sich beziehen mußte, um demselben Folge zu leisten. »Mein Herr,« redete ihn die bleiche Mutter in ihrem schwerfälligen Deutsch und mit matter Stimme an, »wie steht es mit dem Wetter? Ich denke, gut. Wird es so bleiben?«

Franz Marssen erwiderte einige Worte, die durch die gute Hoffnung, welche sie aussprachen, belebend auf die Fragende wirkten, und da diese das Gespräch noch eine Weile in ähnlicher Weise fortsetzte, behielt ihre Tochter Zeit genug, das vor ihr liegende Skizzenbuch des Malers zu durchblättern und einige von den fertigen Zeichnungen zu betrachten. Aber wie seltsam und unerwartet wurde sie durch diese Betrachtung bewegt, denn alles, was sie sah, ließ sie erkennen, daß sie einen bedeutenderen Künstler in ihrem Reisegefährten vor sich habe, als sie vermutet hatte. Allein noch weit mehr verwunderte sie sich, als sie plötzlich ihr eigenes Porträt, von Meisterhand entworfen, erblickte und, noch ein Blatt weiter umschlagend, dasselbe noch einmal in ganzer Figur und zu Pferde sitzend wahrnahm. Im Innersten betroffen und tief im Anschauen versunken, staunte sie jedoch mehr über die Kunstfertigkeit der Zeichnung als über die Wahl des Gegenstandes und, da sie wohl stolz und hochmütig, aber in allen doch gerecht und verständig war, wich ihre bisherige Geringschätzung des unscheinbaren Mannes einer hohen Achtung, die jedermann, auch der stolzeste Aristokrat, dem wahren Künstler zollen muß, wenn er sich den oft so heiß erstrebten Ruhm zuerkennen will, alles Große und Schöne zu begreifen und zu würdigen, wo in der Welt er es auch finden mag.

Das Gespräch zwischen dem Maler und der Mutter hatte jedoch bald sein Ende erreicht und da ersterer eben wieder an den kleinen Tisch am Fenster trat, schlug die junge Dame rasch die erste Seite zurück und blickte anscheinend noch immer gedankenvoll auf die frisch entworfene Zeichnung hin.

»Nun,« sagte Franz Marssen, der das Umschlagen der Blätter, da es hinter seinem Rücken geschehen, nicht bemerkt hatte, »haben Sie sich überzeugt, daß man einen und denselben Gegenstand von verschiedenen Seiten auffassen und darstellen kann?«

»Vollkommen, mein Herr, und wenn es Ihnen behagt, es von mir zu hören, so gestehe ich Ihnen, daß Sie, falls Sie ebensogut in Farben malen, als mit dem Bleistift zeichnen, wirklich ein großer Künstler sind.«

»Haben Sie daran gezweifelt?« fragte Franz Marssen unbefangen.

»Ja, mein Herr, ich zweifle an allem, bevor ich mich nicht gründlich überzeugt habe, daß kein Zweifel mehr möglich ist. Habe ich aber diese Überzeugung gewonnen, dann hört bei mir jeder Zweifel auf. Und das soll diesmal mein Urteil über Ihre Kunstleistungen sein.«

Das Gespräch wurde durch ihren Vater unterbrochen, der wieder hereinkam und von dem günstiger gewordenen Wetter sprach. Da er kein Wort an den Maler richtete, so hielt dieser sich für überflüssig im Zimmer, nahm seine Sachen zusammen und ging hinaus, um abermals einen kleinen Spaziergang anzutreten.

*

Kurz vor Mittag waren sechs bis acht neue Reisende von nicht sehr bedeutendem Aussehen eingetroffen und nahmen mit den bereits Anwesenden an der Tafel teil. Die Fremden unterhielten sich lebhaft genug von ihrer Reise und bekümmerten sich wenig um die vor ihnen Angekommenen, obgleich sie die schöne schottische Dame von Zeit zu Zeit mit neugierigen Blicken betrachteten. Die Familie selbst verhielt sich, wozu ihr Haupt diesmal wie auch sonst durch sein Beispiel Anlaß zu geben schien, durchaus still und sogar mit dem Maler wechselte niemand ein Wort, da dieser selbst nicht zu sprechen begann. Diese Schweigsamkeit beobachtete er, nicht allein weil er überhaupt kein lebhafter Sprecher war, sondern auch aus einem anderen Grunde. Er hatte sich bereits eine bestimmte Richtschnur in seinem Verhalten gegen die Fremden vorgezeichnet. Das schöne Mädchen zwar, wir kennen ja die Gründe, zog ihn einerseits augenscheinlich an; das Widerspruchsvolle, schroff Abweisende in ihrem Wesen aber, obwohl es momentan einen eigenen pikanten Reiz bot, sagte andererseits seiner einfachen und geraden Natur wenig zu, und wiederholt hatte er sich schon auf dem stillen Wunsch ertappt, ihr lieber nicht auf dieser Reise begegnet zu sein.

Bei weitem störender aber war ihm noch das vornehm herablassende, weinerliche Wesen der Mutter, und am widerwärtigsten die höhnende Kälte, der verbissene Ingrimm und die hochmütige Grandezza des finsteren Mannes; und oft, wenn er das grollende, fast aller Welt feindselig zugekehrte Gesicht desselben betrachtete, machte er sich im stillen Vorwürfe, sich mit so wenig umgänglichen und verschlossenen Leuten in nähere Verbindung eingelassen zu haben, in deren Nähe keine Gemütlichkeit aufkam, wie er sie liebte und gewohnt war und wie sein offener Sinn sie notwendig zu einem befriedigenden Lebensgenuß bedurfte.

Und dennoch – wie seltsame Widersprüche liegen in der menschlichen Natur, die wir nicht ergründen können – dennoch zog ihn ein unnennbares, dunkles Gefühl, das er sich nicht zu entziffern vermochte und welches weit von irgend einer Leidenschaft des Herzens entfernt war, zu der ganzen Familie hin. War es Mitleid mit der bleichen, einer welkenden Blume gleichenden Mutter, war es unbewußte Bewunderung der reizvollen Tochter, war es endlich ein Gefühl des Bedauerns, welches ihn oft bei dem Anblick des alternden Mannes ergriff, der, so stolz er war, in Momenten einem schweren Geschick zu unterliegen schien, oder wirkte dies alles mit einer Wucht auf ihn zusammen ein, er wußte es nicht. Genug, ein unbestimmtes Gefühl war vorhanden, was ihn immer wieder zu der Familie hinzog, obgleich dasselbe fast stets auf der Stelle wich, sobald er in ihre Nähe gelangt war und die Gegenwart eines andern ihm nicht den Alpdruck der ihrigen ertragen half.

Die am Mittag angekommenen Reisenden waren bald nach Tische abgeritten und es herrschte wieder die alte Stille in dem abgelegenen Hause. Das Wetter war in der Tat freundlicher geworden, der Schnee, mit Ausnahme des in den nahen Schneegruben liegenden, war geschmolzen und die Sonne schien hell vom blauen Himmel herab. Auch die Luft war ruhig und mild und die Natur schien mit den Winden in der vergangenen Nacht alle ihre Feindseligkeit ausgetobt zu haben, obwohl selbst in den wärmsten Nachmittagsstunden eine gewisse Frische in dieser Höhe zu spüren war.

Franz Marssen wollte den schönen Nachmittag zu einem weiteren Ausfluge benutzen und verließ das Gastzimmer, als kaum die Tafel beendet war. Allein als er mit dem Wirt über sein Vorhaben sprach, fand sich bei näherer Überlegung, daß die größeren Ausflüge zu weit, daß die Wege auf den Bergen noch immer sehr schlecht und schlüpfrig und daß also ein eigentlicher Spaziergang nicht recht ausführbar sei. So stieg er denn nur eine Strecke die Anhöhe hinan, mit welcher der Weg nach dem Haslitale beginnt, und suchte sich hie und da ein charakteristisches Stein- und Felslabyrinth aus, dessen Abbild er seinem Buche einverleibte, worauf er endlich am späteren Nachmittag, als die Sonne schon schräge Strahlen warf, nach dem Hospiz zurückkehrte. Eine eigentümliche Beleuchtung der beiden kleinen, von Gletscherwasser gespeisten Seen in der Nähe des Hauses zog ihn an den Rand derselben hin und nun umwandelte und umkletterte er sie, so weit es ging, um schließlich noch einmal den Hügel des Nollen zu besteigen und für diesmal Abschied von der Finsteraarhorngruppe zu nehmen, bis er sie an einer anderen Stelle wieder begrüßen konnte.

Eben wollte er den Weg dahin antreten, als er die junge Schottin allein von dem Hospiz daherkommen und den Weg einschlagen sah, der seinem eigenen Standpunkt zuführte. Sie trug einen langen Alpstock in der Hand und schritt in ihrem bequemen, kleidsamen Anzuge stolz und langsam daher, wobei sie das kühnblickende Auge bald über den See, bald über die umliegenden Höhen schweifen ließ.

Der Maler, nicht sehr geneigt, ihr mit merklicher Absicht entgegenzugehen und ihr so seine Gesellschaft aufzudrängen, blieb stehen und betrachtete sie ruhig aus der Ferne, wobei ein stilles Lächeln seine in der Regel ernsten Züge überflog. »Da haben wir wieder ein schottisches Hochlandsbild,« sagte er zu sich, »und wenn ich ein zweites malen wollte, so hätte ich hier den herrlichsten Vorwurf dazu. Ha, der alte See mit dem schwarzgrauen Wasser, die nackten, kahlen Steine ringsum, und diese stattliche Dame – schreitet sie nicht wie eine stolze Königin der Berge heran, den langen Stab gebieterisch auf den Boden stampfend, als wollte sie sagen: »Das ist mein Reich, und hier habe ich über Menschen und Steine zu befehlen!« Wahrhaftig, eine Gestalt hat sie, die ebenso in der Ferne imponiert, wie ihr Gesicht in der Nähe, und die ganze kleine Person könnte sich als klassische Erscheinung dreist unter den schönsten Heldinnen Ossians malen lassen. Nun, wer weiß, wie ich mir diese leichte Beute noch zu Nutze mache, denn in der Tat, etwas Besseres ist mir noch nie geboten worden. Ha, sie winkt mit dem Stabe, also sie ist wieder gnädig und will mir die Ehre ihrer Unterhaltung gönnen. Was ich doch glücklich bin! Aber wie, jetzt sehe ich ihr Gesicht schon deutlicher – wo ist der alte Hochmut daraus geblieben? Sie sieht heute einmal wie ein Weib aus, während man sie früher für eine kalte Fee hätte halten können.«

Der Maler irrte sich in dem Gesichtsausdruck der jungen Dame nicht. Ihr schönes Antlitz leuchtete von einer Milde, wie er sie noch nie an ihr bemerkt, und das dunkle Auge sprühte nicht wie sonst ein verzehrendes Feuer aus, wenn sie mit dem jungen Manne sprach, den sie noch vor kurzem für einen ganz gewöhnlichen Menschen gehalten zu haben schien. Franz Marssen ging ihr ruhig entgegen, nahm grüßend den Hut ab und wollte eben eine Frage an sie richten, als sie ihm schon aus einiger Ferne zurief:

»Wollen Sie in die Berge?«

»Ja,« erwiderte der Maler, noch einmal höflich seinen Hut ziehend, »das war eigentlich meine Absicht.«

»Dann will ich Sie keinen Augenblick aufhalten. Ich ginge gern ein Stück Weges mit, aber es ist mir zu naß, und meine Mutter hegt plötzlich Sorge um meine Gesundheit, die sie – ganz ohne Grund – bei diesem Wetter für gefährdet glaubt.«

»Da hat sie doch wohl recht. Lassen Sie uns also nur jenen Hügel ersteigen, von seinem Rücken aus können wir die Gipfel des Finsteraarhorns sich röten sehen.«

»Gut, bis dahin gehe ich mit, hier macht man sich die Füße nicht naß.«

Franz Marssen warf einen Blick auf ihr zierliches, wiewohl festes Schuhwerk, da sie noch immer ihre gelben Reitstiefelchen trug. »Was Ihre Gesundheit betrifft,« fuhr er weitergehend fort, »so hat, wie mir scheint, Ihre Frau Mutter wohl Ursache, Sie zu warnen, da sie selbst so traurige Erfahrungen in Bezug auf ihre eigene gemacht hat. Wissen Sie, daß ich mich schon lange gewundert habe, wie eine so schwächliche und leidende Frau eine so beschwerliche und anstrengende Reise unternehmen konnte?«

Die junge Dame seufzte und schwieg eine Weile. Dann aber hob sie das Auge fast vertrauensvoll gegen ihren Gefährten auf und sagte mit leiserem Tone, als befürchte sie, von irgend jemandem gehört zu werden: »Ach ja, meine Mutter ist sehr leidend, und zwar schon so lange, wie ich sie kenne, und das Übel nimmt alle Jahre zu, ohne daß man eine Aussicht auf Besserung gewinnt. Indessen wurde uns die Reise hierher gerade von den Ärzten angeraten, weil sie der Meinung waren, daß die reine Gebirgsluft ihr besser behagen würde, als unser feuchtes, kaltes und windiges Klima. Allerdings setzte man kein schlechtes Wetter voraus, wie wir es in der letzten Zeit erlebt haben. Auch sagte man uns nicht, daß die Wege so beschwerlich wären, sonst hätten wir gewiß nicht die Reise über die Furca angetreten, die sie sehr angegriffen hat.«

Franz Marssen machte eine beistimmende Bemerkung und setzte dabei gelassen den Weg nach dem Gipfel des Hügels fort, da er zu bemerken glaubte, daß das junge Mädchen in einer mitteilsamen Stimmung war, die er früher nicht an ihm wahrgenommen hatte. »Sie scheint auch kein großes Vergnügen an den Schönheiten der Natur zu finden, die sie vor sich sieht?« sagte er dann.

»Ach nein, leider nicht das geringste, und das wirkt lähmend auf uns alle zurück. Ihr körperlicher Zustand hat augenscheinlich auf ihren Geist einen üblen Einfluß geübt. Sie ist stets niedergedrückt, gleichgültig gegen alles und sieht und hört kaum, was in ihrer nächsten Nähe vorgeht. Ach, die ganze große und so schöne Welt scheint keinen Reiz mehr für sie zu haben, sie wandelt nur wie eine lebende Maschine, aber nicht wie ein empfindender Mensch darin einher. Mein Vater ist der einzige, dem sie blindlings wie ihrem Schicksal folgt, wohin er sie führt, und da er noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben hat, ihre Kräfte zu stärken und ihren Geist wieder aufzurichten, so erträgt er seine Aufgabe mit einer Geduld, die ich oft bewundern muß.«

Es erfolgte ein längeres Stillschweigen, während man den Hügel erklomm und einen Blick auf die wunderbare Fernsicht warf, die sich hier vor den Augen der Schauenden auftat. Beide ließen sich dann auf zwei nahe beieinanderliegende Steingerölle nieder und blickten still vor sich hin.

»Haben auch Sie Geduld,« fuhr der Maler endlich mit sanfter Stimme fort, »hoffentlich erreichen Sie morgen den Hafen der Ruhe. Sie sagten mir ja, Sie blieben längere Zeit in Interlaken, oder irre ich mich darin?«

»Nein, Sie irren sich nicht, wir werden wahrscheinlich – denn Gewisses gibt es für uns nicht auf der Welt – den ganzen Sommer in Interlaken bleiben. Uns allen, auch meinem Vater, ist diese Ruhe nötig, wenn er bei seinem regen Geist und seinen vielfachen unangenehmen Geschäften überhaupt je zur Ruhe kommt.«

»Ich habe aber bisher keine große Unruhe an ihm bemerkt?« erwiderte der Maler, ohne zu wissen, daß seine Worte einen fragenden Ausdruck annahmen.

Die junge Dame lächelte fast schmerzlich. »O, wie wenig kennen Sie diesen Mann,« erwiderte sie eifrig, »der sich in allem, was er tut, so männlich beherrscht. Haben Sie noch nichts von einem Vulkan gehört, der unter still ruhender Asche schläft? Nun, sehen Sie wohl; solch ein Vulkan liegt in meinem Vater, und das Feuer, das er in seinem Innern birgt, bricht periodisch hervor und zerstört dann alles, was in seiner Nähe ist. O, ich fürchte, es wird auch noch einmal ihn selbst zerstören! – Ach, mein Herr,« fuhr sie nach einem tiefen Seufzer fort, »es tut mir wohl, mein Herz einmal erleichtern zu können. Es ist merkwürdig, wie manche Zeit im Menschenleben so reich an erschütternden Ereignissen und Erlebnissen ist. Von dem Augenblick an, wo wir unsere letzte Reise antraten, folgte uns das Unheil, bald größeres, bald kleineres, auf den Fersen. Schon der eigentliche Beweggrund zu dieser Reise war ein Unglück.«

Sie schwieg, als hätte sie schon zu viel gesagt, und starrte mit flammenden Augen auf das erhabene Schauspiel hin, welches die klar versinkende Sonne im Hochgebirge stets herbeizuführen pflegt.

»Was für Unheil haben Sie denn auf Ihrer Reise erlebt?« fragte der Maler, mehr teilnehmend als neugierig.

Das junge Mädchen schwieg noch eine Weile, dann schien es sich ein Herz zu fassen und sprach weiter, wobei es jedoch mit großem Bedacht sich bemühte, nicht mehr zu verraten, als ein Fremder erfahren durfte, der keinen tieferen Blick in seine Familienverhältnisse tun sollte. »Ich kann Ihnen nicht alles nennen,« sagte sie, »was uns unterwegs begegnet ist; was ich Ihnen aber sagen kann, ist folgendes. Wir sind über See gekommen, und auf derselben erlebten wir den ersten Unfall. Es war stürmisches Wetter, und die Maschine unseres Dampfers zerbrach. Vierundzwanzig Stunden schwebten wir in großer Gefahr. Das griff meine Mutter so an, daß wir für ihr Leben fürchteten. Endlich liefen wir in einen Hafen ein und wurden durch die Krankheit meiner Mutter an eine Stadt gefesselt, in der mein Vater aus wichtigen Gründen nicht gern weilen mochte. Doch er ertrug meiner Mutter zu Liebe alles geduldig und fügte sich in das Unvermeidliche. In der letzten Nacht unseres Aufenthalts daselbst brach in dem Gasthause Feuer aus, und wir wurden nur mit Not aus einer neuen Gefahr gerettet. Als wir endlich weiterreisen konnten, durften wir es nur in kleinen Tagereisen tun, und so erreichten wir die Schweiz viel später, als wir gewünscht hatten und die Verhältnisse meines Vaters es verlangten. Hier aber finden wir, wohin wir kommen, alle Gasthäuser überfüllt und nirgends eine Spur von der einer Kranken so notwendigen Behaglichkeit. Die Schweiz ist nur für Gesunde und Starke ein angenehmer Aufenthalt. Ferner hatten wir überall böses Wetter, Regen und Kälte, und als wir uns den Kutschern und Führern anvertrauen mußten, kamen wir überall schlecht an. Hier brach die Achse eines Wagens, dort versagte ein Pferd den Dienst, und wie es uns auf dem Rhonegletscher ergangen ist – das wissen Sie ja ebensogut wie ich.«

Sie senkte den Kopf dabei, und man merkte ihr an, daß ihr eigenes Abenteuer auf dem Rhonegletscher ihr noch immer ein Gefühl der Demütigung erregte. Der teilnehmende Maler wollte dasselbe nicht aufkommen lassen, und so sagte er freundlich:

»Da sind Sie freilich in viele Verlegenheiten geraten, aber hoffentlich ist das Unheil jetzt müde geworden, Sie zu bedrängen, und wie dem Regen Sonnenschein folgt, so folgen Ihren düsteren Tagen auch heitere nach. Weder das Glück noch das Unglück hat immer Bestand, daran muß man denken, darauf hoffen, wenn uns das Unglück lange gequält hat.«

Die junge Dame schwieg, dachte eine Weile still nach und erhob sich dann plötzlich. »So,« sagte sie, »die Sonne ist hinter uns untergegangen, und die Berge haben ihren rosigen Lichtmantel abgelegt. O, wie bleich und fast leichenhaft treten jetzt die weißen Schneekuppen hervor! Lassen Sie mich aufbrechen, das macht keinen guten Eindruck und erregt wenig Hoffnung, daß Ihre Wünsche in Bezug auf uns erfüllt werden. Ich muß Sie verlassen, da Sie doch wohl noch länger hierbleiben werden?«

Aus den letzten Worten schien Franz Marssen den Wunsch herauszuhören, daß er nicht mit ihr zurückkehren möge, und so nahm er den Hut ab, grüßte höflich, und sie trat mit ruhigem und stolzem Gange, wie sie immer ging, den kurzen Rückweg an. Franz Marssen aber setzte sich wieder auf den Stein und richtete seine Blicke auf ihr früheres Ziel. Für ihn hatte das Nachtgewand der Berge nichts Betrübendes oder gar Leichenhaftes. Er sah nichts darin als den ewigen Wechsel der Natur, der sich von selbst ergiebt und versteht, und der nur eine eingreifende Bedeutung für uns hat, wenn wir unsere persönliche Lage damit in Verbindung, in eine Art Wechselwirkung bringen und dabei unsern Geist nicht auf unser Gemüt wirken lassen, der uns sagt, wie der Maler vorher: daß der finsteren Nacht der lichte Morgen und der düsteren Wolke einst immer wieder der Sonnenschein folgen muß.

*

Wie es gewöhnlich gegen Abend geschieht, hatten sich auch heute viele Nachtgäste von Norden und vom Süden her auf der Grimsel eingefunden, die nun sämtlich an dem gemeinschaftlichen Abendessen teilnahmen und lebhaft plaudernd beieinander saßen. Gegen das Ende der Tafel trat der Wirt des Gasthauses hinter Franz Marssen und flüsterte ihm einige Worte zu. Daß dieselben eine angenehme Nachricht für den jungen Mann enthielten, konnte man an seinem überrascht und froh aufblickenden Gesicht wahrnehmen, auch erhob er sich sogleich und folgte dem Wirt auf den Flur hinaus.

Als er hier bei dem matten Licht der sparsam aufgehängten Lampen um sich blickte, fiel sein Auge sogleich auf die kleine, untersetzte Gestalt eines jungen Mannes, und als dieser den Hut abnahm, lächelte ihm das gutmütige und wohlbekannte Gesicht Jürgens entgegen.

Noch erhitzt von seinem langen und anstrengenden Marsch, begrüßte er den Sohn seines Herrn mit freudigster Miene und meldete, daß die drei Pferde frisch und munter im Stalle ständen, worauf er einen Brief übergab, den ihm Doktor Marssen bei seiner Abreise eingehändigt hatte.

Franz Marssen drückte seine Freude über die rechtzeitige Ankunft Jürgens und der Pferde aus und begab sich sogleich nach dem Stall, um sich selbst von dem Wohlbefinden der letzteren zu überzeugen. Sie standen schon in Decken eingehüllt und ließen sich das süßduftende Heu der Berge vortrefflich schmecken. Es war der uns schon bekannte starke Rappe, den wir den Doktor Marssen bei dem Krankenbesuch in Mürren reiten sahen, ferner eine viel zarter gebaute, aber dabei kräftige und sanftgehende Fuchsstute und endlich ein kleiner, mutiger und überaus schöngeformter Grauschimmel von spanischer Abkunft, welcher letztere Franz Marssens eigenes Bergpferd war. Alle drei trugen noch ihre eleganten Damensättel auf den Rücken, und auf Tante Karolinens Geheiß hatte Jürgen dem Schimmel die langen silberhaarigen Mähnen und den obern Teil des dichten Schweifes mit roten Bändern durchflochten, ein Schmuck, der dem feurigen Tiere das Aussehen eines zierlichen Damenzelters verlieh.

Unser Freund lächelte freudig, als er die Sorgfalt der guten Tante wahrnahm, und liebkoste dann sein schönes Pferdchen, dessen Ausdauer und Sicherheit beim Erklimmen steiler Berge und glatter Saumpfade er kannte und schon oft selbst erprobt hatte.

»Nun, Jürgen,« sagte er zu dem immer heiter blickenden Knecht, »es ist mir lieb, daß du so zeitig gekommen bist, nun können wir morgen früh um sieben Uhr aufbrechen. Aber ruhe und pflege dich selber und die Pferde, damit wir Ehre mit unsern Transportmitteln einlegen. Du wirst dich morgen beständig bei der Fuchsstute halten und sie sicher über die glatten Platten nach dem Haslitale leiten. Eine kranke Dame wird darauf sitzen, und du mußt ihr alle Aufmerksamkeit erweisen. Sollte sie oder ein anderer dich aber nach irgend etwas fragen, was sich auf unsere Familie bezieht, so gib ihr keine Auskunft irgend welcher Art, ich werde den Herrschaften das Nötige selbst eröffnen. Zu diesem Verhalten habe ich meine Gründe. Du hast mich verstanden, Junge, wie?«

»Ei ja, gewiß, Herr, es ist ja auch sonst nicht meine Art, zu plaudern, und wenn mich jemand fragt, soll er eine passende Antwort erhalten.«

»Gut, so richte dich ein, daß wir Punkt sieben Uhr aufbrechen können, das Wetter wird hoffentlich klar, und wir werden bei guter Zeit in Meiringen sein. Jedoch kehren wir diesmal bei den Reichenbachfällen ein.«

»Mir recht, es soll alles pünktlich besorgt werden, verlassen Sie sich darauf, Herr.« –

Als Franz Marssen in den Speisesaal zurücktrat, hefteten sich zwei dunkle Augen auf ihn, die sonst wenig von ihrem Teller aufzublicken pflegten, wenn fremde Gäste in der Nähe saßen. Aber diesmal schauten sie, wie es schien, etwas neugierig nach dem Maler, als dieser schräg gegenüber seinen Platz am Tische wieder einnahm und sogleich einen Brief öffnete und las. Die wenigen Worte dieses Briefes aber lauteten folgendermaßen:

»Mein lieber Franz!«

Sehr gern erfülle ich Deine Bitte und sende Dir Jürgen mit den Pferden, da ich sie auf einige Tage recht gut entbehren kann. Es ist mir lieb, daß Du Dich einmal vergnügst und dabei ruhst und zu neuer Arbeit stärkst. Wann Du auch in Dein väterliches Haus zurückkehren magst, offene Arme und treue Herzen werden immer für Dich bereitstehen. Wir sind beide gesund und grüßen Dich herzlich. Auf ein baldiges frohes Wiedersehen hofft

Dein treuer Vater Leo Marssen.«

Über des Malers ernstes Gesicht flog ein Strahl warmer Freude, als er diese liebevollen Worte las, und während er den Brief einsteckte, sah er lächelnd nach der schottischen Familie hinüber, um ihr alsbald die angenehme Meldung der Ankunft der Pferde abzustatten. Als in diesem Augenblick gerade der alte Herr sein Gesicht gegen ihn wandte, rief er ihm zu:

»Die Pferde für Ihre Damen sind gekommen, mein Herr, und stehen zu Ihren Befehlen.«

Das Gesicht des finsteren Mannes hellte sich nur wenig auf, als er diese Worte vernahm, jedoch grüßte er gravitätisch herüber und sagte: »Es ist gut. Wann müssen wir morgen aufbrechen?«

»Ich denke, um sieben Uhr. Dann sind Sie bei hellem Tage in Meiringen und haben noch Zeit genug, nach Interlaken zu kommen.«

Der Fremde nickte abermals beistimmend, aber ein dankendes oder nur seine Zufriedenheit ausdrückendes Wort ließ er nicht mehr hören, was der Maler auch sicher nicht erwartet hatte, denn er kannte schon seinen Mann. Bald darauf brach dieser mit seiner Familie auf, um sich zur Ruhe zu begeben. Franz Marssen dagegen blieb noch zwei Stunden im Gastzimmer sitzen und unterhielt sich lebhaft mit einigen Reisenden, die nach der Gotthardtstraße wollten und sich verschiedene gute Ratschläge von ihm erteilen ließen. Lange vor Mitternacht aber noch lag der große Speisesaal, der alle Tage verschiedene Gesichter sah und verschiedene Mundarten hörte, wieder verlassen da, sämtliche Reisende hatten ihre Schlafstellen gesucht, und diesmal heulte kein Wind vor ihren Fenstern, der sie vom Schlafe abgehalten hätte, sondern klar und freundlich blinkten die Sterne vom blauen Himmel nieder, einen ebenso wolkenlosen und hellen Tag verheißend, wie es der letztvergangene gewesen war.

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