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Die Tochter des Diplomaten. Erster Teil

Philipp Galen: Die Tochter des Diplomaten. Erster Teil - Kapitel 4
Quellenangabe
authorPhilipp Galen
titleDie Tochter des Diplomaten. Erster Teil
publisherA. Schumanns Verlag
yearo.J.
printrunFünfte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel.
Auf der Furca.

Während die in den beiden ersten Kapiteln berichteten Vorgänge sich im Bödeli und dessen nächster Umgebung zutrugen, entwickelten sich in weiterer Ferne davon gewiß nicht weniger interessante Ereignisse, und um denselben von Anfang an beizuwohnen, müssen wir einige Tage in der Zeit zurückgehen, um namentlich das Abenteuer kennen zu lernen, welches im Hause des Doktor Marssen ebenso große Verwunderung wie Freude hervorgerufen hatte.

An dem Tage, der dem bekannten Unfall des Senators aus Frankfurt am Main in den Eisfeldern der Jungfrau vorherging, hatten sich teils in dem reizend gelegenen Andermatt im Ursener Tal, teils in dem unfernen Hospenthal, wo die nach dem Reußtal führende Gotthardtstraße sich von dem Saumpfad Die jetzt vollendete bequeme Fahrstraße war zu der Zeit, in der unsere Erzählung sich abwickelt, noch nicht einmal begonnen. abzweigt, der über den Furcapaß in das Berner Oberland führt, in verschiedenen Gasthäusern mehrere Familien und einzelne Fußreisende, ohne sich noch zu kennen oder je gesehen zu haben, eingefunden und für den folgenden Tag Pferde bestellt, um dem nächsten gemeinsamen Ziele, der Furca, zuzusteuern und von hier aus über den Rhonegletscher, die Grimsel und das Haslital die schönen Seen zu gewinnen, die das Endziel, Interlaken im Bödeli, einschließen.

Die Witterung war in den jüngst vergangenen Tagen verlockend schön gewesen, alle Wetterkundigen prophezeiten auch für die nächste Zeit das herrlichste Reisewetter, allein in der Schweiz und namentlich in den hohen Berggegenden derselben darf man auch den Kundigsten hierin nicht trauen. In abgelegenen Tälern, deren atmosphärische Zustände die vorgelagerten Bergreihen verdecken, brauen sich oft im Fluge entsetzliche Ungewitter zusammen, und diese stürzen dann plötzlich, wie die wilde Jagd, unerwartet, unbemerkt über die armen Reisenden her.

Ähnlich sollte es auch an diesem Tage geschehen. Schon in frühester Morgenstunde, etwa um fünf Uhr, sah man viele gesattelte Pferde vor dem Mayerhof in Hospenthal stehen, und bald ritten die ersten Reisenden ab, denen in kurzer Zeit andere, und endlich um halb sieben Uhr die letzten folgten, um die Wunder der Natur zu schauen, die ihnen für diesen Tag verheißen waren. –

Gleich von Anfang an schien das im voraus zu viel gepriesene Wetter nicht sonderlich günstig angetan. Der in der vergangenen Nacht so tiefblaue und mit goldenen Sternen besäete Himmel zeigte sich am frühen Morgen von blaugrauen Dünsten verhüllt; Wirt und Führer im Hospenthal verhießen jedoch, wie immer, einen guten Tag, und so zögerte niemand, den allgemein als schwierig bekannten Weg anzutreten. Allein je weiter man auf dem mühseligen, von scharfen Steinen und morastigen Löchern unwegsam gemachten Pfade fortschritt, der, nachdem er sich durch das letzte Dorf Realp hindurchgewunden, allmählich zu steigen beginnt und von herabstürzenden Bergwässern und Quellen oft fast ungangbar und ewig schlüpfrig gemacht wird, um so drohender zeigte sich das düstere Himmelsgewölbe, denn der ganze Horizont hüllte sich in aschgraue Wolken ein, ein empfindlich kalter Wind blies vom Matterhorn herüber, das seine riesige Kuppe nur auf einige Augenblicke erkennen ließ, und sogar die Pferdetreiber vermochten nun nicht länger mehr zu verhehlen, daß ein recht böser Tag im Anzuge sei.

Wenn die öde Gegend, durch welche wir jetzt ziehen, schon an sonnig klaren Tagen das Gepräge einer trostlosen und melancholischen Trauer trägt, da nichts als kahle, formlose Steinberge sich zu beiden Seiten des steil ansteigenden Weges erheben, auf dem keine menschliche Wohnung, höchstens die schmutzige Erdhütte eines verwitterten und zerlumpten Ziegenhirten angetroffen wird, wie mußte erst ein trüber, kalter Tag dieselbe verdüstern und niederdrückend auf die Stimmung der Reisenden wirken, die ihr Tagewerk so fröhlich und hoffnungsvoll begonnen hatten! Und in der Tat, diese Wirkung wurde immer merklicher, denn die Aussichten trübten sich umsomehr, je weiter man kam, und noch lange nicht hatte man die gabelförmige Bergspalte des Furcapasses erreicht, so senkten sich die drohenden Wolken tiefer und tiefer, und ein eiskalter Regen rieselte, erst in kleinen Tropfen, dann in gewaltigem Gusse hernieder, der sich um so inniger mit nadelscharfen Schneeflocken vermischte, je näher man der 7419 Fuß hoch gelegenen Furca kam.

Allein, was blieb anders zu tun übrig, als den einmal begonnenen Weg mit stoischem Gleichmut fortzusetzen, und so trieb man denn die keuchenden Pferde, die auch heute ihre Schuldigkeit, wie immer, mit der größten Gelassenheit taten, lebhafter an, bis man die Furca wie ein ungeheures, oben weit und unten eng ausgeschnittenes Tor vor sich liegen sah, von wo aus man sich über die höher gelegenen Schneegruben wandte, um das auf kahler, den Winden preisgegebener Höhe erbaute und sehnlichst erwartete Gasthaus zur Furca zu erreichen.

In dem kleinen, aus grauen Steinen erbauten und von niedrigen Pferdeställen umgebenen Hause sah es am Morgen dieses Tages, etwa um zehn Uhr, nicht gerade sehr einladend aus. Zwar war der große Ofen in dem nicht allzu geräumigen Gastzimmer warm, der schwarzhaarige, finster blickende Wirt hatte seine Speise- und Weinkarte hoffnungsvoll ausgelegt, aber da draußen heulten die eisigen Winde wie toll um das einsame Gemäuer, und der Regen schlug prasselnd mit seinen Eisperlen gegen die kleinen Fensterscheiben, so daß man von ihnen aus kaum einige Schritte weit in die Ferne sehen konnte. Rechnet man nun noch hinzu, daß keine übergroße Sauberkeit in dem verwitterten Gemache herrschte, daß man in dieser von Menschenwohnungen so entlegenen Niederlassung auf keine allzu feine Bewirtung, dagegen auf eine um so bessere Rechnung zu hoffen hatte, so war der halberzwungene Aufenthalt hierselbst gewiß kein angenehmer: allein der durchnäßte und durchfrorene Reisende, der aus dem draußen tobenden Unwetter kam, fühlte sich schon durch den bloßen Anblick des grauen Bauwerks erlabt und gestärkt, und so arbeiteten sich auch die klugen Pferde schneller und mit angestrengteren Kräften zu der luftigen, wolkenumlagerten Höhe empor.

Die ersten Reisenden, die gleich nach zehn Uhr morgens so glücklich waren, dies Asyl zu erreichen, waren zwei Engländer, ein Herr und eine Dame, die außer ihrem Pferdeknecht noch einen berittenen, etwas vornehm blickenden Führer zur Begleitung hatten, also Leute, die es sich etwas kosten lassen konnten, und die von ihrem insularischem Instinkt angestachelt, es sich zum Grundsatz gemacht zu haben schienen, stets an einem fremden Orte zuerst anzukommen, um die Hauptgenüsse und Bequemlichkeiten desselben vorweg in Beschlag zu nehmen und so dem großen nachfolgenden Haufen nur den schalen Rest zu überlassen.

Wer überhaupt glaubt, in der Schweiz, die so häufig von ihnen besucht wird, liebenswürdige Engländer kennen zu lernen und sich von ihnen nachahmenswerte Sitten anzueignen oder sich vielleicht an den so viel gerühmten patriarchalischen Gewohnheiten ihres Familienlebens zu erbauen, der wird sich sehr oft bitter getäuscht finden. Einem solchen Wiß- und Lernbegierigen raten wir, nach England selbst zu gehen, denn auf Reisen, namentlich im Auslande, lernt er sie wahrhaftig nicht kennen, noch weniger lieben und achten.

Es ist seltsam aber wahr, die großbritannischen Inseln scheinen nur ihren Überfluß an Unliebenswürdigkeit, Arroganz, Dünkel und Albernheit von Zeit zu Zeit, wie etwa ein Vulkan periodisch seine Asche und seine verbrannten Schlacken ausspeit, nach dem Festlands auszuwerfen, denn alle Subjekte, die nur einigermaßen einen Überfluß an Geld haben oder vielleicht auch auf einige Zeit weniger luxuriös als zu Hause wirtschaften wollen, strömen in heuschreckenähnlicher Fülle nach Deutschland und der Schweiz, um daselbst in einer Weise den insularischen Übermut an den Tag zu legen, wie ihn sonst keine Nation der gebildeten Welt zu zeigen wagt. Wir sind erstaunt gewesen, diese oft flegelhaften Burschen, wie zum Beispiel in dem feinen Hotel Saussüre in Chamouny, im Lesezimmer, wo deutsche Damen lasen, mit ausgezogenen Schuhen, mit offenen, die bloße Brust zeigenden Hemden und dabei so laut gähnend, daß sogar die Fliegen erschraken, sich auf dem samtnen Sofas lang ausgestreckt, rekeln zu sehen. Überall, wohin wir kamen, sahen wir die blasierten, häßlichen und langweiligen Ladies, die stets auf eine ganz eigentümliche, vielleicht auch patriarchalische, man möchte aber lieber sagen, schamlose Weise kokettieren, das, was aller Welt für sein Geld gehört, als ihr unantastbares Eigentum benutzen; sie nahmen nicht nur aller Orten die besten Plätze in Beschlag, sondern sie musterten uns mit dummdreisten Blicken, als wollten sie uns ihre Verwunderung und Verachtung ausdrücken, wenn wir es wagten, in die Nähe ihrer Roben zu treten; und die jungen Herren, die schlimmsten von allen, hätten uns auf den Dampfern am liebsten über Bord geworfen, wenn wir auf eine ihrer unverschämten englischen Fragen ein unverstandenes deutsches Wort erwiderten.

Als Mr. Raphael Flail, so schrieb er sich später in das ausgelegte Fremdenbuch ein, mit seiner Lady ins Zimmer trat, erschienen beide nur wie eine düstere triefende Wolke, denn sie waren vom Kopf bis auf die Zehen in schwarze wasserdichte Überwürfe gehüllt, die bei jedem ihrer Schutte Spuren von dem nassen Element hinterließen, dem sie so eben entronnen waren. Hinter ihnen her trat der berittene Führer, der für gutes Geld auch die Rolle eines Bedienten spielte und jetzt erst der Lady, dann Mr. Raphael Flail, die beide starr und steif, wie aus Holz geschnitzt, bei diesem Geschäft standen, die nassen Überwürfe abnahm und auf einen stummen Wink des Britten sie über drei oder vier Stühle um den Ofen ausbreitete, auf den fünften und sechsten ihre Hüte, und auf den siebenten ihre durchweichten Handschuhe legte, so daß kein Mensch weiter sich der wärmenden Strahlen des wohlgeheizten Ungetüms erfreuen konnte.

In Mr. Raphael Flail machen wir die vorübergehende Bekanntschaft eines sechs Fuß langen und stark im Leibe und in der Brust entwickelten Mannes, der ein aufgedunsenes, nichtssagendes Gesicht mit starkem braunroten Backenbart und eine Nase besitzt, die sich auf Grund ihrer Länge, Dicke und Färbung als ausländisches Phänomen erster Klasse sehen lassen konnte. Sein Anzug bestand aus einem gleichfarbigen schokoladenbraunen Sommeranzug, der außer dick goldenen Knöpfen an der Weste und noch dickerer Uhrkette darüber nichts Auffallendes bot. Letzteres hatte dagegen seine noch leidlich jugendliche Ehehälfte übernommen, denn sie präsentierte mit sichtbarem Wohlgefallen einen zerbrechlichen Körper ohne Fleisch, der aus einem unscheinbaren Kinderkopf, einem unendlich langen und mageren Halse und aus einem Leibe mit Gliedmaßen bestand, der einer fadendünnen Hermensäule von Sandstein auf ein Haar glich. Auch die Farbe ihres Seidenkleides war ganz genau die des verwitterten Sandsteins, und die Formen ihres Körpers stellten sich so gleichmäßig eben und glatt wie die einer Hermensäule dar. Ohne Taille, ohne einen merkbaren Umfang des Rocks, hing das ganze Kleid anmutlos, hoch am Halse beginnend, nur an der Stelle des Gürtels durch eine schwarze Korallenschnur lose zusammengehalten, bis auf die Knöchel herab, aller Rundung und Steife bar, einer vom Regen aufgeweichten und regungslos hängenden Flagge gleich. Um diesen allzu sichtbaren Mangel auf eine glänzende Weise abzuhelfen, trug Mrs. Flail ungeheure zahllose Armspangen, Broschen, Ringe und fingerdicke Uhrketten von massivem Gold und einer so sichtbaren Schwere, daß man verwundert fragen konnte, wie dieser aus Haut und Knochen bestehende schmale Körper imstande sei, die Last eines solchen Metallüberflusses zu tragen. Im übrigen zeigte die Dame ein gelblich blasses Gesicht mit dunklen Augen, die unter einer übermäßig gewölbten Stirn keck hervorschauten, an deren Seite sich hinter dem Ohr zwei einsame Löckchen niederringelten, die sichtbar von der feuchten Luft gelitten hatten und beinahe bis auf den Korallengürtel reichten.

Sobald diese beiden Personen aus ihrer äußersten nassen Hülle, nicht geschlüpft, sondern gewickelt waren, war es ihr erstes, sich rings im Kreise umzuschauen, ob dieses winzige Haus ein komfortables und für sie passendes Gemach enthalte. Aber da zeigten sich gleich saure Gesichter, denen die grobe Enttäuschung keinen verschönernden Glanz verlieh, denn nichts, was sie sahen, entsprach der Idee, die sie über das Meer herüber, durch das ganze feste Land der barbarischen Deutschen und über die Berge bis auf die schreckliche Furca mit heraufgebracht hatten, ohne sie jemals auch nur in so vollkommenem Maße erfüllt zu finden, wie sie das göttliche Albion selbst in dem erbärmlichsten Squirehause verwirklicht.

Allein es blieb ihnen in anbetracht ihrer traurigen Lage an diesem Unglücksmorgen nichts weiter übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen, und so pflanzten sich beide gemächlich, ohne nur ein Wort miteinander zu wechseln, an dem der Tür entgegengesetzten Ende der Tafel auf, wo ein kleines hartes Sofa stand, das sie einträchtig miteinander teilten. Nur hatte die Lady durch einige stumme Winke dafür gesorgt, daß der Führer, bevor er das Zimmer verließ, um den Wirt hereinzusenden, noch ihre Plaids, die sie unter dem Regenmantel getragen, zwei wollene Decken, zwei Regenschirme und noch einige andere Reiseutensilien über ein halbes Dutzend Stühle im Zimmer ausbreitete, so daß diese beiden Personen mit ihrem Besitz fast den ganzen Raum in Beschlag nahmen, der wenigstens für ein Dutzend Menschen berechnet war.

Als endlich der Wirt, der hoffnungsvoll, also rasch seiner Köchin einige Anweisungen gegeben, mit ehrerbietigen Verbeugungen vor das fremde Paar trat, das er zum mindesten für die Abkömmlinge einer Lordsfamilie hielt, fand er dasselbe einerseits den Kopf über die Weinkarte, und anderseits über die Speisekarte gebeugt und nicht im geringsten geneigt, seiner Höflichkeit mit irgend einer Bewegung oder einem Worte entgegenzukommen. Dies schien ihm auch ziemlich gleichgültig zu sein, der Herr Wirt kannte schon, wie alle ehrlichen Schweizer, seine Leute, und erst auf seine englisch gesprochene Frage, was die Herrschaft zu speisen beliebe, deutete Mr. Raphael Flail, ohne ein Wort zu sprechen, mit seinem rechten kleinen Finger, der von einem großen Brillanten funkelte, aber nichtsdestoweniger wegen des furchtbaren, zugespitzten Nagels daran schreckenerregend aussah, auf die Namen einiger Speisen und Weine, und es dauerte nicht lange, so stand eine Flasche feurig sein sollenden, aber in Wirklichkeit sehr sauren Yvorners mit zwei trüben Gläsern vor ihm, und der »mögliche« Lord war so unartig und ungentlemanisch, daß er erst zwei Gläser davon in seinen eigenen erkälteten Magen stürzte, ehe er an den seiner geduldigen Gefährtin dachte.

Fünf Minuten später schon, während die beiden zärtlichen Gatten noch immer im Schweigen verharrten, erschien der Wirt wieder mit zwei Tellern voll halbgebratenen Fleisches, das einen zweideutigen, seiner Jugend höchlichst widersprechenden Geruch ausströmte. Der Engländer aber, nur von Zeit zu Zeit einen grunzenden Ton ausstoßend, machte sich ohne Bedenken über das ihm gehörende Beefsteak her, während die vorsichtige Lady erst mit ihren langen Zähnen ein kleines Stückchen versuchte und langsam und halb widerstrebend dann das übrige nachfolgen ließ.

Auch dieses frugale Frühstücksmahl wurde bis ans Ende schweigend eingenommen; erst als beide fertig waren, erhob sich die Dame mit einem seufzerartigen Laut, trat ans Fenster und blickte in den trüben Nebeldampf hinaus, während Mr. Raphael Flail konsequent wieder die Speisekarte vornahm, wie der fleißigste Student darin eifrigst studierte und beim Mangel anderweitiger Beschäftigung und in anbetracht der Langeweile, die er damit tötete, sie auswendig zu lernen schien.

Da fiel sein Auge plötzlich auf die unterste Reihe der Karte, und er stieß einen heiterklingenden Ruf aus, der die ebenso gelangweilte Gemahlin sofort vom Fenster herbeizog. Ihren stumm auf den Gatten gerichteten Blick verstand dieser sehr gut, denn er zeigte sogleich auf die ihn beglückende Stelle, und Mrs. Flail senkte die beiden Löckchen mit dem daran befestigten kleinen Kopf und las, nachdem sie sich eine massiv goldene Lorgnette vor die Augen gehalten: »Das Diner wird Punkt zwölf Uhr eingenommen.«

Über Mr. Raphael Flails Gesicht flog ein rosiger Freudenschimmer, wie über das seiner Gemahlin, und diese wollte eben ans Fenster zurücktreten, als ihr das Fremdenbuch ins Auge fiel, welches in der Nähe lag. Nachdem sie es aufgenommen und eine Weile darin geblättert, brachte sie es Mr. Flail mit einer tintengefüllten Feder und dieser, ihrem Wunsche willfahrend, trug sogleich seinen klangreichen Namen mit einem Schlußschnörkel ein, wie sie auf dem Festlande nur die jungen Prinzen zu machen verstehen. Nach diesem anstrengenden Geschäft setzten sich beide wieder in die Sofaecken, der Herr stocherte sich die Zähne mit einem goldenen Zahnstocher und schnalzte, im Vorgefühl des pünktlichen Diners, vor Vergnügen wiederholt mit der Zunge dazu; die Lady dagegen spielte mit ihrer goldenen Uhrkette, gähnte dann und wann laut auf und streckte endlich ihre wohlbeschuhten Beine über einen vor ihr stehenden Stuhl aus, dem Beispiel des Gatten nur halb folgend, welcher sich schon längst für jedes seiner unteren Extremitäten eine ähnliche Unterstützung beschafft hatte.

In dieser bequemen Lage mochten ihnen etwa zehn Minuten vergangen sein, als sie auf eine sehr unliebsame Weise in ihrem einsiedlerischen Stilleben gestört wurden. Einem lauten, fröhlichen Stimmenwechsel auf dem engen Flur folgte ein rasches Hereintreten dreier junger Männer, deren beschmutztes Schuhwerk sattsam erkennen ließ, daß sie den Weg vom St.-Gotthardt her zu Fuß in mühsamer Weise zurückgelegt hatten, was auf ihre gute Laune aber nicht den geringsten Einfluß zu üben imstande gewesen war. Alles an ihrer äußeren Erscheinung, da sie weder Mäntel noch Schirme bei sich führten, triefte vom Regen, und nur ihren fest umschlungenen Plaids war es zu danken, daß ihre leichte Sommerkleidung und ihr kleines Ränzchen nicht bis auf den Grund vom Wasser durchweicht waren.

Gleich bei ihrem Eintritte in das Gastzimmer nehmen wir an ihrem harmlos ungezwungenen Betragen und an ihren Ausdrücken wahr, daß es süddeutsche Studenten sind, die das liebliche Heidelberg oder das fidele Würzburg mit der noch schöneren Schweiz auf einige Wochen vertauscht haben. Fröhlich klang ihr »Guten Morgen!« zu den Engländern herüber, diese aber hatten keine hörbare Antwort darauf; die Lady nickte höchst unmerklich mit dem Kopf, was eigentlich nur die beiden Lockenstränge durch eine zitternde Bewegung verrieten, und Mr. Raphael Flail zog nur auf einen flüchtigen Augenblick den rechten Mundwinkel herab, wobei sein herrliches Gebiß nicht eben allzu freundlich auf eine Sekunde sichtbar ward.

Das war der ganze stumme Gegengruß, der den jungen Musensöhnen zuteil wurde, allein auch damit waren sie zufrieden, und nachdem sie ihre Mützen, Plaids und Tornister abgelegt, entfernten sie ohne Umstände einige wollene Decken der Briten von ihren Plätzen und nahmen auf den dadurch freigewordenen Stühlen am untersten Ende des Tisches Platz, als verschmähten sie es, mit den hochmütigen und in ihrer ruhenden Lage verharrenden Insulanern in nähere Berührung zu treten.

Gleich darauf trugen sie dem freudig herbeieilenden Wirt auf, ihnen zu allererst eine Flasche Schweizer »Krätzer« zu bringen, und als derselbe mit ehrlicher Miene versicherte, daß er diese Sorte weder kenne noch besitze, lachten sie hell auf und forderten eine Flasche Wein, möge er einen Namen haben, welchen er wolle, da ihrer Meinung nach die Namen in der Welt durchaus nichts zu bedeuten hätten, vielmehr stets und überall die Güte einer Sache für sich allein spräche.

Jetzt verstand sie der Wirt, und flugs holte er eine große Flasche herbei, der in wenigen Minuten die zweite folgen mußte, und nachdem die jungen Leute auch das vor der Hand verlangte Brot erhalten, blieb er eine Weile bei ihnen sitzen und unterhielt sich lebhaft mit ihnen, da die Musensöhne eine unendliche Reihe von Fragen über das Wetter, die Weite des Weges nach dem Rhonegletscher und dergleichen mehr zu stellen hatten.

Zu den jetzt im Gastzimmer versammelten fünf Gästen, die ohne Zweifel alle gleich froh waren, dem Unwetter entronnen und unter Dach und Fach zu sein, sollten sich aber in kurzer Zeit noch andere gesellen und die Miene der Engländer noch mehr verdüstern, da ihnen die Aussicht allmählich zu schwinden begann, daß ihre Mäntel, Plaids, Hüte, Handschuhe und Reisetaschen ebenso gute und bequeme Plätze auf der Furca behalten würden wie sie selber.

Ein abermaliges Geräusch auf dem Flur rief den Wirt, nachdem er sich eben versichert, daß die drei jungen Herren auch am Diner Punkt zwölf Uhr teilnehmen würden, von der fröhlichen Unterhaltung ab. Bald darauf öffnete er die Tür wieder, und ein geschmeidig im Tänzerschritt heranwogender Franzose führte eine Dame ein, die sich sogleich beide nach allen Seiten freundlich lächelnd verneigten und, von den heiteren Gesichtern der Studenten angezogen, sich nach Ablegung ihrer durchweichten Tücher, wobei abermals zwei Stühle den Engländern entrissen wurden, in unmittelbarer Nähe derselben niederließen.

Die Dame war zierlich und in ein modernes Sommerkleid gehüllt, das sie in etwas zerknitterten Festons hoch aufgeschürzt trug; ihr mit Blumen geschmückter koketter Strohhut aber hatte dem Anstürmen des Regens noch weniger Widerstand zu leisten vermocht und ließ seine Blüten und Blätter schlaff niederhängen, als ob sie vor der Zeit verwelkt wären. Ein homerisches Gelächter aber erregte es unter den Studenten, als gleich nach dem Eintritt des glücklichen jungen Ehepaares ihr Pferdeführer erschien, in einer Hand zwei Reisetaschen und in der andern hoch erhobenen eine Krinoline tragend, die bis diesen Augenblick vorsichtig auf der Croupe des Damenpferdes befestigt gewesen war. Das arme Pariser Drahtungetüm war ebenfalls etwas stark mitgenommen; aus seiner eleganten runden Form gebracht, sah es, völlig durchnäßt und entfärbt, eher einem bemalten und zerbrochenen Hühnerkorb als einem unentbehrlichen Kleidungsstück einer zarten Dame ähnlich. Dafür aber wurde es auch sogleich zum Trocknen an den warmen Ofen gehängt, wobei wiederum ein Regenmantel Mr. Raphael Flails sich mit der Hälfte seines bisherigen Raumes begnügen mußte.

Gleich nachdem die zuletzt Angekommenen Platz genommen, entspann sich zwischen ihnen und den Musensöhnen eine lebhafte Unterhaltung, die ihre komische Seite in der Mischsprache hatte, womit sich beide Teile einander verständlich zu machen suchten. Allein wer nur den guten Willen dazu hatte, der macht sich überall leicht verständlich, und so hatten die fünf Personen bald gegenseitig ihre Herzen ausgeschüttet, ihre heutigen Leiden gestanden und zugleich unter Lachen und Scherzen die Hoffnung ausgesprochen, daß es noch nicht aller Tage Abend sei und daß das Wetter sich möglicherweise noch aufklären könne, an welcher Hoffnung allerdings der bedenklichste Wetterprophet nichts auszusetzen haben konnte.

Als auch das französische junge Paar eine Flasche Wein zur einstweiligen Stärkung erhalten und ein paar Gläser mit abgestandenem Wasser zu einem höllischen Gebräu gemischt, getrunken hatte, erscholl abermals auf dem Flur ein ungewöhnlich lautes Gelärm, gerade während ein überaus freigebiger Regenguß die Fenster des Gastzimmers erklirren ließ. Alsbald ging die Tür auf, und zwei herkulische Männer mit ungeheuren Vollbärten, vermummt wie die Buschklepper, mit zerknitterten Hüten und vom langen Reiten ziemlich steif, traten mit geräuschvollem Wesen herein. Erst als sie die warm ihnen entgegenströmende Luft fühlten und die reichliche Zahl ihrer Leidensgefährten raschen Blickes überflogen, entschlüpfte ihnen ein Erleichterungsseufzer, und sie begannen sich aus ihren Hüllen zu schälen und dieselben ohne Bedenken über die der Engländer zu breiten, was diesen ein überaus schwermütiges Grunzen und Ächzen entlockte.

Sobald die beiden Herren sich aber ihrer Tücher und Paletots entledigt, begrüßten sie mit einem halb brummigen, halb lächelnden Gesicht die Gesellschaft und nahmen unverweilt einander gegenüber an der Seite der Franzosen Platz, die sich mit graziösen Verneigungen und verbindlichen Lächeln nach ihrem Befinden erkundigten.

Beide, ansehnlich gestaltete, gut gekleidete und mit männlich ausdrucksvollen Gesichtern begabte Personen, blickten sich etwas befangen an, als sie die hier unerwarteten französischen Laute vernahmen, aber sie fanden sich so gut in ihr Schicksal wie die Franzosen, die sie ebensowenig, wie jene sie verstanden, und der eine Herr fuhr sogleich mit einer polternden Heftigkeit, die gleichwohl durch die sauersüße Miene des Redenden einen komischen Anstrich erhielt, mit dem deutschen Ausruf hervor:

»Guten Morgen, meine Damen und Herren! Na ja, das soll ein Vergnügen sein? Ich bedanke mich dafür. Daß dich das Wetter! das war ein sauer Stück Arbeit, für einen vierzigjährigen Menschen sowohl, wie für meinen armen Braunen. Solch einen Berg habe ich in meinem Leben noch nicht erklettert – und Schnee mitten im Juli, wo bei uns die Hundstage anfangen, das ist unerhört. O mein Gott, ich wünschte, wir wären zu Hause geblieben, Vetter. In dem gesegneten Mecklenburg auf unsern Gütern gibt es im Winter auch Regen und Schnee, aber so kalt und naß wie hier wird man wahrhaftig nicht dabei. Bah!

Während er sich schüttelte und fröstelnd die Hände rieb, die Studenten aber in eine Art jauchzender Beistimmung ausbrachen, wiegte der mecklenburgische Vetter mit einer olympischen Miene das bärtige Haupt und sagte phlegmatisch:

»Was hilft's, Vetter, wir sind einmal so dumm gewesen, nach der republikanischen Schweiz zu reisen, wo alles drunter und drüber geht, und in Anbetracht, daß dies unsere erste Reise ist, meine Herren – unsere Eisenbahnen waren nämlich nicht eher fertig – können wir noch mit unserem Schicksal zufrieden sein, vorausgesetzt, daß wir schließlich mit heiler Haut davonkommen und uns auf diesen Schandwegen nicht die Hälse brechen. Aber munter, Vetter, heda – was trinken wir?«

Während ein abermaliges Gelächter, Kopfnicken und Augenblinzeln den andern Teil der Gesellschaft beschäftigte, hatte der brummende Vetter die Weinkarte ergriffen: nachdem er aber nur einen Blick darauf geworfen, schleuderte er sie wieder fort, rief den Wirt herbei und hieß ihn eine Flasche vom besten Champagner bringen, die nicht kühl gestellt zu werden brauche, da man ja hier mitten im Winter sei.

Bald stand auch die verlangte beste Flasche mit zwei Gläsern vor ihm und nun begann ein wahrer Wettkampf zwischen den beiden Vettern, dem die am unteren Tischende Sitzenden mit einem ausdrucksvollen Ergötzen zuschauten. Einer der Herren, die in der Tat reiche mecklenburgische Gutsbesitzer waren, trank immer auf die Gesundheit des andern, und dabei sprachen sie sich wiederholt Trost und Mut zu, so daß in einigen Minuten die Flasche leer war, die sofort mit der zweiten vertauscht wurde, welcher nachher bei Tische noch zwei oder drei allerbeste folgten.

Die Unterhaltung war jetzt im besten Gange und die Hoffnung, den allseitigen Appetit bald stillen zu können, wuchs mehr und mehr, da bereits nicht zu verkennende Anzeichen verrieten, daß das Diner zu der festgesetzten Zeit wirklich eine Wahrheit werde. Daher verursachten die herbeigebrachten Teller, die sich klappernd auf das einmal weiß gewesene Tischtuch niederließen, eine so angenehme Musik, daß selbst die bisher trübsten Gesichter der Anwesenden sich allmählich aufhellten und sogar die regungslos dasitzenden Engländer einige zufrieden lautende Flüsterworte austauschten.

Eben als die Messer und Gabeln neben die Teller gelegt und frische Gläser davor aufgepflanzt wurden, schien, nach einer fremdartig klingenden Stimme draußen zu urteilen, wieder ein Gast gekommen zu sein. In der Tat ließ derselbe die gespannt nach der Tür gewandten Blicke der bereits Versammelten nicht lange warten, und herein trat, in einen langen hellgrauen Reisemantel gehüllt, ein kleiner Mann von etwa dreißig Jahren, der auf den ersten Blick den ehemaligen Militär, und die Weitgereisten auch die Nation erkennen ließ, der er entsprossen war. Letzteres bestätigte denn auch bald seine Kleidung, denn sobald er den langen, schweren Mantel über die nächste beste, sorgsam gebettete Hülle der Engländer gehängt, zeigte sich ein feiner Mann in der so einfachen und doch imponierenden ungarischen Nationaltracht.

Sein schwarzer, mit Schnüren besetzter kurzer Rock war bis an das Kinn zugeknöpft; seine enganliegenden ebenfalls schwarzen Beinkleider steckten in, für diese Reise viel zu eleganten, langen Stiefeln mit Quasten unter dem Knie, und auf dem starken Kopf trug er die kleidsame ungarische Hutmütze, die er erst zuletzt abnahm und damit höflich nach allen Seiten grüßte, ohne jedoch ein einziges Wort laut werden zu lassen.

Der kleine, stolz und sicher einherschreitende Mann hatte ein von der Sonne überaus verbranntes Gesicht und rabenschwarzes, kurzgeschorenes Haar. Sein breiter dichter Schnurrbart, blauschwarz und glänzend wie geschliffene Steinkohle, lief in steife, langgezogene Spitzen aus und sein schöner Kinnbart begann unmittelbar unter und in der ganzen Breite der Unterlippe und reichte mit seiner nadelscharfen Spitze bis auf die halbe Brust herab.

Offenbar wurde ihm die Mitteilung in irgend einer hier verständlichen Sprache schwer, obgleich man ihm ansah, daß er sich gern unterhalten hätte; wenigstens bemühte er sich bald, dem einen Mecklenburger Gutsherrn, neben dem er Platz genommen, mit gebrochenem Deutsch, das er mühsam, aber verständlich genug sprach, das Vergnügen auszudrücken, dem Unwetter entronnen und in so gute Gesellschaft geraten zu sein. Nach diesen wenigen Worten aber verhielt er sich während der ganzen Tafel still, nur sein glühendes, pechschwarzes Auge flog unaufhörlich von dem einen zum andern Gaste, und erst späterhin blieb es wie festgebannt auf einer einzigen Person haften, ohne daß dadurch sein bescheidenes Wesen beeinträchtigt worden wäre, was sogar der englischen Dame zu imponieren schien, denn sie zog erst nach seinem Eintritt ihre Beine von dem Stuhl und setzte sich wie jedes andere Menschenkind auf ihrem Sofa zurecht.

Jetzt waren im ganzen Zimmerraum, der mit der Zeit weniger einem Speisesaal als einer Garderobenkammer, in der sich zwanzig Menschen entkleidet haben, ähnlich geworden war, nur noch fünf Plätze an dem Tische frei, und zwar die in unmittelbarer Nähe der Engländer, in deren Nähe sich kein neu hinzukommender Reisender bisher gewagt hatte. Auch hatten dieselben bis jetzt in keiner Weise an der allgemeiner gewordenen Unterhaltung teilgenommen und nur von Zeit zu Zeit sich mit einem gegenseitigen pagodenmäßigen Zunicken und Zugrinsen die Zeit vertrieben. Mr. Raphael Flail ließ auch jetzt noch seine kolossalen Beine auf den beiden Stühlen liegen; gleichgültig und mit fast studiertem Phlegma schaute er gelangweilt über die Tafelreihe hin, und erst die Ankunft des Wirtes mit einer Suppenterrine von altersgrauem Zinn scheuchte ihn aus seiner liegenden Stellung auf. Eben fing er an, ein Stück Brot nach dem andern zu zerbrechen und zu verschlucken, als ein abermaliger Zuwachs von Gästen auch die Stühle neben ihm und seiner Gemahlin in Anspruch zu nehmen drohte.

Mit der Suppe zugleich, die von allen Anwesenden auf eine fabelhaft eilige Weise vertilgt wurde, obgleich sie ihnen wenig Kraft und Stärkung gab, verkündete sich durch harten Schlag gegen die Fenster der letzte strömende Regenguß, und eben als alle Köpfe sich nach den Fenstern wandten und alle Blicke ein gleiches Bedauern über das unfreundliche Wetter aussprachen, ging die Tür auf und herein trat eine Gesellschaft, die fast auf der Stelle die Aufmerksamkeit sämtlicher Anwesenden auf sich zog.

Wer zum erstenmal die Schweiz besucht, wird anfangs oft überrascht, unter den tausenden, allen Nationen angehörenden Reisenden so viele unangenehme Physiognomien und so seltsame und meist geschmacklose Kostüme zu finden, wie sie selten an einem Orte der Welt sich zusammenhäufen. In den ersten Tagen achtet das Auge voller Verwunderung darauf, bald aber schwindet der Reiz des Neuen und die häßlichsten Menschen wie die abenteuerlichsten Toiletten gehen spurlos an ihm vorüber. Anders jedoch ist es, wenn einmal, was leider Gottes dem Reisenden jetzt so selten begegnet, eine schöne Persönlichkeit auf den Schauplatz tritt oder wenn eine Damentoilette auftaucht, die ebenso einem feinen Geschmack zusagt, wie sie dem Zweck, den sie erfüllen sollte, entspricht. Und merkwürdig ist es, daß sich derartige Erscheinungen oft Jahre lang dem Gedächtnis des mit Bedacht Reisenden einprägen, und daß er immer wieder gern in seiner Erinnerung zu dem Orte zurückkehrt, wo seinem Auge ein so seltener Genuß geboten wurde.

Eine der Erscheinungen, die sich in der Gesellschaft befand, welche wir jetzt bei ihrem Eintritt in das Furca-Gasthaus zu schildern haben, war eine solche vorzugsweise begabte Persönlichkeit, und es war also nicht zu verwundern, daß sie zumeist die Aufmerksamkeit der jüngeren Leute erregte, in deren Gegenwart sie, dem Drange der Umstände folgend, die Ordnung ihrer Toilette vornehmen mußte, was eine Dame sonst immer gern unbeobachtet vollbringt.

Die neue Gesellschaft bestand aus einem Herrn, der etwa sechzig Jahre zählen mochte, und drei Damen verschiedenen Alters, denen ein Diener folgte, der allen der Reihe nach seine hilfreiche Hand lieh, indem er der älteren Dame zuerst, dann dem Herrn, dann der jüngsten Dame und endlich der, welche im Alter zwischen ihren beiden Gefährtinnen stand, seine ungeteilte Aufmerksamkeit widmete.

Bei ihrem Eintritt trugen alle vier Personen völlig wasserdichte Plaids, der Herr einen grau, schwarz und weiß gewürfelten, die zwei zuerst bedienten Damen vielfach buntfarbige, in denen das Rot vorherrschend war, und die dritte Dame einen kleineren von grüner und blauer Farbe. Allen vier Personen waren diese großen Tücher auf eine erstaunlich kunstfertige Weise dermaßen umgeschlagen, daß sie fast ihre ganzen Figuren bedeckten und eigentlich nur die Hände und das Gesicht freiließen. Der Schutz, den diese allerdings schweren, aber überaus großen Tücher ihnen gewährt, war ein so sicherer gewesen, daß sie sämtlich fast keine Spur von Nässe zeigten und selbst in der kalten Temperatur der schneebedeckten Berge sich in einem behaglichen Wärmezustand befunden haben mußten.

Als nun aber diese vier Personen aus den Tüchern gewickelt waren und in einer gefälligeren Erscheinung vor die Augen der Anwesenden traten, entstand ein allgemeines Stillschweigen, das, sichtbar mit Bewunderung gemischt, noch eine geraume Zeit fortdauerte, ja, während der ganzen Speisestunde sich behauptete und bei den verschiedenen Zuschauern ganz verschiedene Wirkungen hervorrief, indem die vorher schweigsamen und wenig an den Vorgängen Teilnehmenden lebhaft, dagegen die gesprächigen still wurden und fast verzagt auf die zuletzt gekommenen Gäste blickten. Nur der Ungar, der immer still gewesen war, änderte seine Schweigsamkeit nicht, dieselbe nahm sogar, wenigstens was seine Augen betraf, eine Art Starrheit an, denn wie dieselben vorher unstät und blitzend von einer Person zur andern geschweift waren, so wurzelten sie jetzt mit einem an Begeisterung streifenden Interesse auf der jüngsten Dame.

Jedoch, wir wollen dem Leser die vier Personen der Reihe nach zu schildern versuchen, damit auch er Gelegenheit habe, je nach seinem Naturell entweder an der schweigsamen Bewunderung der einen oder dem starren Erstaunen der andern teilzunehmen.

Der alte Herr mit dem graubraunen Haar erschien, nachdem er sein Plaid abgelegt, welches der Diener wie die übrigen sogleich mit aus dem Zimmer nahm, in einem einfachen braunen Reiseanzuge ohne alle hervorstechende Abzeichen, die etwa auf eine bevorzugte Stellung im Leben deuten konnten, nur trug er eine kurze goldene Uhrkette und auf dem linken Zeigefinger einen Siegelring mit lebhaft blitzendem Stein. Er war ein hochgewachsener und dabei wohlbeleibter Mann von unleugbar aristokratischem Wesen, das aber leider durch ein sofort zutage tretendes Übermaß von fast beleidigendem Stolz und herausfordernder Kälte litt. Seine Gesichtszüge, von einem starken, ebenfalls ergrauten Vollbart eingefaßt, waren im allgemeinen wie aus Stein gemeißelt, fast an Erstarrung grenzend, obwohl sie im einzelnen eines gewissen Adels nicht entbehrten, der freilich mehr in dem Bewußtsein seiner persönlichen Stellung, als in seiner Seele begründet zu sein schien.

Wenn man dies gelblich-blasse, versteinerte Gesicht einer genaueren Prüfung unterwarf, so mußte man sich gestehen, daß es verschiedene, und zum Teil ganz entgegengesetzte Empfindungen hervorrief. Der erste Eindruck, den man empfing, war der einer unwillkürlichen Scheu und Unbehaglichkeit, denn man ist nicht gern mit einem Menschen zusammen, dessen Züge von einer Festigkeit und Steifheit erscheinen, daß sie sich nie zum Lächeln, viel weniger zum fröhlichen Lachen hinreißen lassen. Unter Umständen mochten die Muskeln dieses Gesichts sich wohl zu einer lebhafteren Bewegung entschließen können, immer blieb es aber, trotz dieser kaum sichtbaren Bewegung, starr, kalt, finster und fast bitter, als nage ein innerer, von Stolz unterdrückter Schmerz oder ein mit persönlicher Selbstüberschätzung verbundener, tief verborgener Haß gegen die ihn umgebende Welt an der Seele dieses Mannes.

Hatte man diesen ersten unheimlichen Eindruck überwunden und schaute man bei heller Beleuchtung in sein Gesicht, so war der zweite ebenfalls kein günstiger, vielleicht sogar ein noch trüberer. Denn es lag unleugbar auf diesen marmor-kalten Zügen, in diesen durchbohrend blickenden Augen ein fast greifbarer Egoismus, und namentlich um die zusammengekniffenen Lippen lauerte ein mit Mühe verbissener Ingrimm, mit dem das katzenartige Flimmern des graubraunen Auges, wie der geheime Durst nach Rache oder nach Blut, auf traurige Weise zu harmonieren schien.

Und doch, wenn diese starren Lippen sich öffneten, dieses scharfe Auge geradeaus blickte und beim Sprechen Bewegung in die verkrampften Muskeln kam, konnte man das Gesicht im ganzen nicht unschön nennen; es barg immerhin eine achtungswerte männliche Festigkeit, eine kühne Entschlußfähigkeit, mochte sie auch mit Halsstarrigkeit verwandt sein, aber angenehm war es gewiß bei alledem nicht, und kein Mensch auf der Welt konnte sich in der Nähe dieses Mannes behaglich, viel weniger noch gemütlich angeregt finden.

Alle diese Eindrücke zusammengehalten würden nun ein wenig anziehendes, ja bei weitem mehr abstoßendes Gesamtbild gegeben haben, wenn nicht noch ein anderer, der letzte Eindruck hinzugekommen wäre, der das Urteil über diesen Mann außerordentlich gemildert hätte. Über das ganze Antlitz nämlich war, wenn es so still und gleichsam mit verödetem Blick vor sich hinstarrte, ein Schimmer düsterer Traurigkeit gebreitet, die immer das Mitgefühl eines beobachtenden Menschen erregen wird. In der Seele dieses Mannes nistete also ein nie ganz zum Durchbruch kommender Seelenschmerz, ein tief inneres, mehr geistiges als leibliches Leiden nagte wie ein Wurm an seinem Herzen und, mochte man von ihm denken, was man wollte, glücklich, nein ganz gewiß, glücklich war dieser Mann nicht; und weil dies Gefühl zuletzt die Oberhand über die andern Eindrücke behielt, milderte man sein Urteil über ihn und sah zum Teil die düstere Wolke schwinden, die auf den ersten Blick sein ganzes Wesen umnachtet hielt.

Die ältere Dame, welcher der Diener zuerst überaus ehrerbietig seine Dienste widmete, mochte eine Frau von einigen vierzig Jahren sein, sie sah aber ungleich älter aus, da sie offenbar körperlich leidend, schwächlich, mager und jetzt von gelblicher Hautfarbe war, obwohl dieselbe einst gewiß frisch und rosig gewesen sein mochte. Sie war in ein kostbares, dunkelbraunes Seidenkleid gehüllt, aber selbst diese leichte Last schien sie zu drücken, und wenn sie mit ihren zarten, wachsbleichen Händen, was sie oft unwillkürlich tat, nach dem edelgeformten schmerzenden Kopfe fühlte, glaubte man die Hand einer Frau zu sehen, die nur noch wenig Blut in ihren Adern fließen und ebenso wenig Lust und Freude am irdischen Dasein hat.

»Aber, mein Gott,« dachte vielleicht mancher der auf der Furca Anwesenden, als er diese schlanke, bleiche Frau leise wie ein Schatten durch das Zimmer schreiten sah, »diese Frau macht den Eindruck, als ob sie schon halb im Jenseits wäre, wie kann sie noch eine so beschwerliche Reise unternehmen? Und wie sieht sie dabei so gelangweilt, so übermäßig abgespannt und gleichgültig gegen alles aus, was sie umgibt!«

Dieser Ausdruck lag allerdings auf dem bleichen Gesicht der hinfälligen Dame. Darum erhob sie auch kaum ihr großes, schönes braunes Auge, um zu sehen, was um sie her vorging, und wenn sie es einmal erhob, lag ein kummervoller, heimwehartiger Blick darin, der nichts sagte, als: »O, warum quäle ich mich noch, wozu nützt es mir? Es ist ja doch alles, alles vergeblich, was man mir zeigt, was man mir sagt; ich sehe und höre nur immer das eine, was in meinem Herzen wehmütig pocht und spricht, und das pocht und spricht: die Welt hat keine Reize mehr für mich, und wäre sie ein himmlisches Paradies; sie ist tot für mich, wie auch ich bald für sie sein werde, und wenn es noch ein Glück und einen Trost für mich gibt, so ist es der Gedanke, die Hoffnung: bald, recht bald von diesem Wandern ohne Ende, dieser Quälerei ohne Ruhe und Rast, befreit zu sein.«

Die etwa um zehn Jahre jüngere Dame, die sich stets in der Nähe der kränklichen Frau hielt, war ohne Zweifel eine Art Gesellschafterin, deren Sorgfalt man die Leidende anvertraut hatte, weil man wußte, daß sie für sie sehen, hören, lesen und überhaupt tun würde, was gesunde und fröhliche Leute am liebsten für sich allein zu tun pflegen. Diese Gesellschaftsdame trug ohne Widerspruch in ihrer äußeren Erscheinung alle Züge, die eine wohlerzogene Dame von englischer Abstammung auszeichnen; sie ging höchst einfach in einem wenig gesteiften schwarzseidenen Kleide einher, ihre blonden Haare waren ohne Kunst, fast ohne Sorgfalt gescheitelt, und auch bei ihr fehlten die Löckchen hinter dem Ohre nicht, obgleich sie nicht so lang und bindfadenartig herabhingen, wie bei der Lady des Mr. Raphael Flail. In ihrem sanften, freundlichen Gesicht lag vor allem ein stiller, teilnehmender Zug, ihr blaues, schwimmendes Auge blickte bescheiden, fast demütig, vor allen Dingen aber erwies sie sich achtsam auf jeden Wink, jeden Blick ihrer Gebieterin, und damit glauben wir sie dem Leser genügend geschildert zu haben.

So kommen wir denn endlich zu dem vierten Mitgliede dieser Familie, der jüngsten, etwa neunzehnjährigen Dame, eben der, von welcher wir vorher andeuteten, daß sie schon durch ihre auffallende Schönheit die Bewunderung der Anwesenden und infolge derselben ein allgemeines Stillschweigen hervorgerufen habe.

Was zunächst ihre Kleidung betrifft, so war dieselbe allerdings, selbst in der Schweiz, eine ungewöhnliche und wich weit von allen denen ab, die man junge schöne Damen in Europa tragen sieht, wenn wir davon ein einziges Land ausnehmen, in welchem sie als alte Nationaltracht noch für heilig gehalten wird.

Ihre vollkommen schöne Büste, die bei der nicht großen Figur reich entwickelte Formen zeigte, umschloß eine enge, durch schwarze Knöpfe zusammengehaltene Weste von schneeweißem Piquee, über die eine schwarzsamtne Jacke mit reichlichen Schmelzverzierungen gezogen war, welche man bei uns jetzt Zuavenjacken zu nennen beliebt und die einem schönen, elastischen Körper immer ein vorteilhaftes Aussehen verleiht. Nur die Ärmel wichen von den an diesen Jacken gebräuchlichen ab, denn sie schlossen sich eng um den vollen Arm und reichten bis zum Handgelenk herab, von welchem schmale Manschetten von gesteiftem Batist oberwärts zurückgeschlagen waren, die jedoch, als die Dame eintrat, von hellbraunen, mit Seide gesteppten Stulphandschuhen bedeckt wurden. Unter der Weste quoll in unzähligen Falten ein kurzer, rot, blau und grüngewürfelter Rock von einem aus Seide und Wolle bestehenden Stoff hervor, der sich eng um die Hüften schmiegte und bei jedem Schritt der Inhaberin in eine Art rollender Bewegung geriet, die eine breite Schärpe, aus blauer Seide gewebt, zu beschränken suchte, deren mit goldenen Franzen besetzte Enden fußlang auf der linken Seite herabhingen. Auf den Füßen saßen von gelbem genarbten Leder vorzüglich gearbeitete, feste und wasserdichte Stiefelchen, deren nicht mehr sichtbare Stulpen bis über die Knie hinaufgingen. Im ganzen war dies also eine Tracht, wie sie für eine Reise, welche meist zu Pferde vollbracht werden muß, nicht passender erdacht werden konnte und die daher, trotz ihrer Fremdartigkeit, allen Anforderungen entsprach, die man an eine kleidsame und zierliche Damentoilette machen kann.

Ohne allen Widerspruch zierte den schönen Körper dieser Dame ein nicht weniger schöner und im Farbenschmelz des Gesichts ebenso jugendlich blühender wie in seinem geistigen Ausdruck bewundernswerter Kopf. Das Gesicht war nämlich von einer auffallenden Weiße, die wenig von den Strahlen der Sonne zu leiden schien, und nur über die sanft gerundeten Wangen und die feingestalteten Lippen ergoß sich eine so lebhafte rosige Frische, daß nur wenige Blüten in der Natur damit zu vergleichen gewesen wären. Unter einer überaus edel geformten Stirn schimmerte, von dunklen, schön geschwungenen Brauen beschattet, ein Augenpaar hervor, dessen Farbe ebenso schwer wie seine Ausdrucksfähigkeit mit einem Worte zu schildern sein dürfte. Ursprünglich von tiefbrauner Färbung und in einem großen See milchweißer Perlmutter schwimmend, nahmen sie bei matter Beleuchtung die unergründliche Schattierung schwarzen Sammets an, fiel jedoch das Tageslicht voll hinein, noch mehr aber, regte irgend eine Leidenschaft das Gemüt des jungen Mädchens auf, so schien es in Feuer aufzuglühen, und ein fast dunkelroter Strahl ergoß sich wie ein Meer von Licht gegen den, auf welchen es die ernst forschenden, und oft sogar schneidend scharfen Blicke richtete.

Noch ein Wort aber müssen wir schließlich über das Haar dieser jungen Dame und den dazu gehörigen Kopfputz sagen, denn gerade die Art, wie sie dieses Haar trug, gab ihr den eigentümlichen Ausdruck kühnen Mutes, siegreichen Eigenwillens und bisweilen sogar fast männlichen Trotzes, der bei aller sonstigen Weichheit ihrer Züge in dem feinen, jugendlich strahlenden Antlitz zu schlummern schien. Dies tiefbraune, reiche und eher schlichte als lockige Haar war nämlich an der linken Kopfseite, etwa über dem linken Auge, gescheitelt, wie es wohl junge Männer in ähnlicher Weise zu tragen pflegen, und dabei hinten im Nacken ringsherum kurz abgeschnitten, obgleich die Enden nicht sichtbar waren, vielmehr nach innen umgeschlagen, bis zu den kleinen Ohren hin einen wulstartigen Halbkranz bildeten, eine Haartracht, die dem Friseur keine schwere Arbeit aufbürdete und nebenbei den vollen weißen Hals in seiner ganzen reinen und schönen Form wahrnehmen ließ.

Auf diesem schief gescheitelten Haar aber trug sie ein kleines niedriges Barett von Sammet, dessen Farben mit denen des Rocks übereinstimmten und in dessen Form sich vorzugsweise die nationale Liebhaberei eines nördlich wohnenden Volkes ausspricht. Von der linken Seite dieses Baretts, über welches im Zimmer ein dichter blauer Schleier rückwärts geschlagen war, stieg nur wenige Zoll hoch die rote und weiße Feder eines Seevogels auf, die, dank dem großen Plaid, so wenig von dem Regen gelitten, daß sie ihren vollen Glanz und ihre elastisch anmutige Form auch an diesem Morgen bewahrt hatten. –

Sobald die vier Fremden sich ihrer großen Tücher entledigt und ihre Toiletten einigermaßen in Ordnung gebracht hatten, bot der Herr der leidenden Dame den Arm und schaute sich nun mit einem blitzartigen Leuchten seines scharfen Auges um, wo in dem gefüllten Raume wohl noch Platz für ihn und die Seinigen zu finden sei, wobei er ganz übersah, daß der sehr aufmerksam gewordene Wirt schon hinter den, von des Engländers Sachen völlig befreiten Stühlen stand, die er rasch an den Tisch gerückt hatte. Die einladenden Bücklinge des Wirts gar nicht gewahrend, eilte das funkelnde Auge des Fremden über die Anwesenden fort, sie gleichsam mit feiner Unterscheidung prüfend: kaum aber hatte es den Engländer wahrgenommen und sogleich als solchen erkannt, so schritt er auf ihn zu und nahm mit seiner Gemahlin neben ihm Platz, richtete es jedoch so ein, daß er selbst unmittelbar an Mr. Raphael Flails Seite zu sitzen kam. Ehe er sich aber noch auf den Stuhl niedergelassen, hatte Mrs. Flail ihrem Gatten das Wort » Scotchmen!« Schotten. ins Ohr geflüstert, was dieser mit wegwerfendem Kopfschütteln erwiderte und sich dann mit sehr steifer Hauptbewegung, die kaum eine Verneigung zu nennen war, gegen den Fremden wandte, der seinen stolzen Kopf zu einer achtungsvollen Verbeugung gegen die beiden Insulaner zwang.

Dem älteren Paare gegenüber nahmen nun die beiden jüngeren Damen Platz, und zwar so, daß die als Gesellschafterin bezeichnete Ältere Mrs. Flail zunächst saß.

Kaum hatten sie ihre Stühle eingenommen, so näherte sich der Wirt dem Herrn und fragte ihn, ob absichtlich, ob zufällig, bleibt dahingestellt, in deutscher Sprache, was für eine Sorte Wein die Herrschaft befehle.

»Bringen Sie, was es ist, mir ist es einerlei!« lautete die in gleicher Sprache und mit sonorer Stimme gegebene Antwort, die auf die nebenansitzenden Gäste die Wirkung einer merklichen Enttäuschung übte, da man in der Tat keine deutsche Rede aus dem Munde dieses Mannes erwartet haben mochte.

» German!« Ein Deutscher. brummte der Engländer, verächtlich die Achseln zuckend, in den Bart, warf seiner Frau einen hochmütigen Korrektionsblick zu und schickte sich dann an, von der Fleischspeise zu nehmen, die ihm eben von einem Aufwärter geboten wurde.

Als auch der Fremde seinen Anteil genommen, mochte er es für schicklich halten, an seinen Nachbar einige begrüßende Worte zu richten, und diese sprach er in fließendem Englisch, obwohl das Ohr des Briten heraushören konnte, daß der seine Muttersprache Redende kein wirklicher Landsmann von ihm sei.

So ließ er sich denn auch nur so weit herab, die Worte des Fremden mit einigen Silben zu erwidern, aber mit einer so kühlen und seinen stolzen Nachbar demütigenden Miene, daß dieser auf der Stelle das Gespräch abbrach, finster vor sich niederschaute und später nur noch leise einige englische Worte mit seiner Nachbarin wechselte, die fast gar nichts aß und nur ein Glas stärkenden Weines genoß.

Ebenso still blieben die beiden Damen ihnen gegenüber, und da auch der Engländer mit seiner Frau kein Wort austauschte, verlief die Tafel an diesem Tischende sehr still, während sich am anderen bald wieder eine lebhaftere Bewegung kundgab. Allmählich fielen die Studenten in ihre frühere Heiterkeit zurück, die Mecklenburger, ihrer Weinlaune sich momentan überlassend, lachten aus vollem Herzen, und die Franzosen schwatzten so überaus ungezwungen und vergnügt, daß der Wirt selbst seine Freude daran hatte, zumal dabei eine ganz ansehnliche Reihe von Flaschen edlen Weines geleert wurde. Nur der Ungar verhielt sich unbeweglich und still; seine Augen allein funkelten über den Tisch und blieben gleichsam bezaubert an den Zügen der jungen schönen Dame hängen, die ihr Gesicht fast nicht vom Teller erhob und sich ganz und gar der Befriedigung ihres Appetites hingab.

Gerade als die Munterkeit am unteren Tischende im besten Gange war, öffnete sich leise die Tür, und noch ein Gast, der letzte an diesem Tage auf der Furca, trat in das Speisezimmer ein, und zwar so bescheiden und still, daß fast keiner der Anwesenden seiner ansichtig wurde, bis er plötzlich an die Tafel trat, sich nach einem Platze umschaute und von dem herbeieilenden Wirt auf den einzig leeren Stuhl aufmerksam gemacht wurde, der zufällig neben dem Ungar und der jungen Dame im schottischen Kostüm schräg gegenüber stand.

Als dieser letzte Gast ins Zimmer trat, hielt er einen wuchtigen Alpstock und seinen durchnäßten grauen Filzhut in der Hand. Gegen den Regen war er durch einen langen spanischen Kragen von leichtem, wasserdichtem Stoff geschützt, und ebensowenig hatten seine Füße von der Nässe gelitten, denn sie steckten in langen, festen und starkbesohlten Stiefeln, die über die grauen Beinkleider bis zum Knie heraufgezogen waren. Außerdem trug er einen hechtgrauen Reiserock mit gleichfarbiger Weste, und um den kräftigen Hals hatte er ein helles Seidentuch geschlungen, über welches ein bunter Hemdkragen zurückgeschlagen war. Das kleine, sorgsam mit Wachsleinwand überzogene Ränzchen, welches seinen Rücken ebensowenig beschwerte, wie eine viel größere gut verwahrte Malermappe, legte er neben seinen Alpstock, den er mit daran aufgehängtem Mantel, kurz nach seinem Eintritt in die nächste Ecke lehnte.

Wie gesagt, niemand hatte auf den späten Ankömmling, der offenbar ein geschulter Fußreisender war, bis er sich seiner Umhüllung entledigt, geachtet; erst als er am Tische saß und seine nächsten Nachbarn ungezwungen und leicht grüßte, ohne jedoch mit irgend jemanden ein Wort zu reden, richteten sich die Blicke der Speisenden auf ihn, und man nahm allgemein wahr, daß der letzte Gast dieses Tages keine unangenehme Erscheinung darbot, obwohl er sich sehr einfach geberdete und nicht den geringsten Anspruch auf persönliche Beachtung erhob. Auch bediente ihn der Wirt rasch und nickte ihm verschiedene Male vertraulich zu, als erinnere er sich seiner von einem früheren Besuche der Furca her.

Der junge Mann, denn jung war er noch, da er sein siebenundzwanzigstes Jahr gewiß nicht überschritten hatte, war von schlankem und nicht übermäßig hohem Wuchse, jedoch kräftig, wohlgebaut, und zeichnete sich durch ruhige und ungekünstelte Bewegungen aus, die; ohne daß sie es bezweckten, und eben weil sie so natürlich waren, einen gefälligen Eindruck machten. Sein von der Sonne verbranntes Gesicht, in dem nur die hohe, feste Stirn auffallend weiß geblieben, war von dunkelbraunem Haar und reichlichem Bart eingefaßt und trug offene, edle Züge, auf denen ein sinniger Ernst ausgeprägt lag, der dem jugendlichen Antlitz den Ausdruck einer kühnen Entschlossenheit verlieh, die bei einem Manne immer das Zeichen eines männlichen Charakters ist und ihm leicht das Vertrauen und die gute Meinung anderer erwirbt. Aber noch ein anderer Zug schmückte und verschönte oder vielmehr verfeinerte es, den wir nicht so leicht zu entziffern imstande sind. Das, was man gemeinhin genial nennt, und was vielleicht oft nur in der Einbildung der Menschen beruht oder auch bisweilen nur aus dem Rufe entspringt, welchen ein sogenannter genialer Mensch in der Welt genießt, war es wohl eigentlich nicht, obwohl der Fremde auf den Besitztitel dieser magischen Geistesfähigkeit wohl Anspruch erheben durfte. Aber das wirkliche Genie eines Menschen nimmt man nicht immer, ja nicht einmal sehr häufig in seinem Äußeren, seinen Gesichtszügen wahr; oft brennt es nur wie eine kleine geheimnisvolle Flamme in seinem Auge oder zuckt wie ein blitzender Wetterstrahl von Zeit zu Zeit um seine Lippen, was nur ein eingeweihtes und erfahrenes Auge zu entdecken vermag. Und diese kleine Flamme spielte oder züngelte gewiß bisweilen in dem reinen blauen Auge des jungen Mannes, allein es war niemand in der ganzen Gesellschaft, der dieselbe an diesem Tage schon, auch wenn er eine besondere Neigung oder Fähigkeit dazu gehabt, wahrgenommen hätte.

*

Das frühe Mittagsmahl in der einsamen Hütte auf dem von Schnee- und Regenwolken umlagerten Furcaberge nahm nun seinen durch keine äußere Störung mehr unterbrochenen gewöhnlichen Fortgang, und je länger es dauerte, um so heiterer wurde die Gesellschaft am unteren Tischende, die sich, ohne auf die anderen Rücksicht zu nehmen, dem Genusse des Augenblicks ganz und gar überließ, wogegen die am oberen Ende der Tafel Sitzenden in dem bisherigen Schweigen verharrten, und es also hier jedem einzelnen überlassen blieb, sich so gut wie möglich zu unterhalten.

Diese Unterhaltung jedoch bestand hauptsächlich, wenn wir den mäßigen materiellen Genuß an den dargebotenen Speisen nicht in Anschlag bringen, in dem von einigen Seiten her eifrig betriebenen Studium der vorhandenen Persönlichkeiten und ihres seltsamen Verhaltens untereinander, ein Studium, welches, in Ermangelung eines anderen Genusses, manchem Menschen ein großes Interesse gewährt und ihm die Unterhaltung reichlich ersetzt, die ihm von gleichgültigen Nachbarn oder langweiligen Gefährten geboten werden könnte.

Die reichste Ausbeute in dieser Beziehung machte der zuletzt angekommene Gast, der sich so unverhofft mitten in eine überaus schweigsame Gesellschaft versetzt sah. Denn, was ihm auf der einen Seite durch die mangelnde Unterhaltung entzogen wurde, gab ihm die andere in so reichem Maße wieder, daß er sich selbst das stille Geständnis ablegte, lange nicht oder vielleicht nie eine so schöne Gelegenheit gehabt zu haben, um Menschen zu studieren und Gestalten und Physiognomien zu betrachten, die einen ungewöhnlichen Anreiz zu solchen Beobachtungen boten.

Aber nicht etwa die charakteristisch ausgeprägten Gesichter der Engländer und das leidende, fast Mitleid erregende Wesen der neben ihm sitzenden, völlig in sich selbst versunkenen Dame, obgleich er auch sie einer Musterung unterwarf, zogen ihn auf die Dauer und zumeist an, nein, es war vielmehr die ungewöhnliche Persönlichkeit der jungen Dame, welche seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, was um so natürlicher war und um so leichter geschehen konnte, da sie seinen Augen durch Zufall als nächster Zielpunkt hingestellt war.

Wenn man indessen glauben wollte, daß diese schöne Persönlichkeit einen ähnlichen Eindruck auf den jungen Mann machte, wie sie ihn schon seit ihrem Eintritt auf den von ihr fast bezauberten Ungar gemacht hatte, so würde man sich in einem großen Irrtum befinden. Die bei manchen jungen Leuten so leicht erregbaren Empfindungen des Herzens oder gar ein sinnliches Wohlbehagen an einer so auffallenden weiblichen Erscheinung kamen bei ihm nicht im entferntesten in Tätigkeit, gegenwärtig vielmehr überließ er sich einzig und allein den höheren Trieben und Anreizen, welche seinen künstlerischen Geist bewegten, denn daß dieser Mann wirklich ein Künstler war, wird der Leser bereits erraten haben, noch bevor wir es ihm ausdrücklich gesagt.

Ohne daß er es selbst wußte, haftete des jungen Malers Auge vom ersten Moment an, da er sie sah, auf den Zügen der jungen Schottin, denn dafür hielt er auch sie von Anfang an; und in der Tat, er fand gerade für seine Kunst hier viel zu bewundern vor. Eine solche von der Natur vollkommen gebildete Gestalt, ein mit so seltenen Reizen begabtes Gesicht, also mit einem Wort: ein so im ganzen und einzelnen vollendetes Modell war ihm noch nie vor Augen gekommen, wohin und unter welche Nation ihn sein Fuß auch schon getragen haben mochte. Es war ihm einige Mal zu Mute, als sei hier keine wirkliche, lebendige Menschengestalt, sondern nur ein für den Augenblick verkörpertes Ideal aus dem Rahmen eines Gemäldes von der Hand eines bedeutenden Meisters der niederländischen Schule, vor seine Künstlerphantasie getreten. Wo in der Welt gab es so herrlich gebildete Hände, mit solchen anmutigen und zugleich kühnen Bewegungen? Wo ein Gesicht von so weißer, durchsichtiger Frische, mit einem so feinen, reinen Inkarnat übergossen, wie es sich sonst nur in der Einbildung und dann in der Farbenmischung eines erfahrenen Künstlers finden läßt? O, welche vollkommen sichere und nirgends das richtige Maß harmonischer Schönheit überschreitende Abrundung der Form, in der Büste sowohl, wie in der Bildung der Stirn, der Wangen und Lippen! Und nun, welches Feuer und welcher Glanz in diesem ruhig und fest blickenden Auge, das nicht im geringsten durch sein bewunderndes Fixieren und das starre Wohlgefallen anderer verletzt zu werden schien! Welche kecke Grazie lag in dem Ausdruck, der Haltung dieses unvergleichlich geformten Kopfes, dem das schiefgescheitelte und kurz abgeschnittene braune Haar, nachdem sie das Barett beiseite gelegt, gerade einen so markigen, weil selten gefundenen Reiz verlieh!

»Sollte man das alles, oder wenigstens einen Teil davon nicht auf der Leinwand wiedergeben können?« fragte sich der junge Mann, dem wir notwendig unsere Teilnahme zuwenden müssen, wiederholt, »sollte man das nicht festhalten können, um es in ruhiger, geweihter Stunde allen künftigen Zeiten als ein Urbild weiblicher, einmal dagewesener Schönheit aufzubewahren?«

Der, wie wir sehen, schon mit weitergreifenden Plänen umgehende Künstler war gerade in diese angenehme Phantasiebeschäftigung vertieft und genoß dabei von den ihm dargebotenen Speisen, ohne zu wissen, was es war, einige Bissen, als seine Gedankenreihe durch den rasch eintretenden Führer des Engländers unterbrochen wurde, der sich Mr. Raphael Flail näherte und ihm halblaut sagte, daß es die beste Zeit zum Aufbruch sei, wenn er der erste in der Restauration des Rhonegletschers sein wolle, und daß zu dem Zwecke bereits die Pferde gesattelt vor der Tür ständen. Das Wetter habe sich merklich gebessert, es trieben nur noch wenige Schneeflocken in der Luft, und man könne nicht wissen, ob es später nicht wieder schlimmer werden würde.

Mr. Raphael Flail besann sich nur einen Augenblick. Dann, seiner Gemahlin einen verständlichen Wink gebend, sagte er zu dem Führer: »Ja, machen Sie alles fertig, wir kommen sogleich.«

»Soll ich wie bisher die Rechnung bezahlen?« fragte der Führer zurück.

Der Engländer lächelte stolz, warf den Kopf in die Höhe und schleuderte dem um solche Kleinigkeit ihn ansprechenden Schweizer einen zustimmenden Blick zu, worauf dieser sich sogleich entfernte, um seine Pflicht zu erfüllen.

Auf den Künstler, der jedes Wort verstanden, übte diese Mitteilung keine andere Wirkung, als daß sie ihn veranlaßte, einen raschen Blick nach dem Fenster zu werfen, worauf er alsbald die Wahrheit der Aussage des Mannes in Bezug auf das Wetter bestätigt fand.

Aus den laut geführten Reden der munteren Tischgäste hatte unterdes längst jeder der Anwesenden, der Ohren dafür gehabt, entnehmen können, daß sämtliche Reisende dasselbe Ziel, nämlich das Grimselhospiz, an diesem Tage erstrebten. Die Studenten hatten sich mit den Franzosen und diese mit den Mecklenburgern geeinigt, die Reise dahin möglichst gemeinschaftlich zu machen, um am Abend die heitere Unterhaltung fortzusetzen, die man am Mittag dieses gesegneten Unglückstages begonnen. So war es also allen klar geworden, daß niemand, wer er auch sei, sich heute über Mangel an Gesellschaft zu beklagen haben werde, denn aus einigen Worten, die der neben dem Engländer sitzende Fremde mit seiner kränklichen Frau gewechselt, hatte der Maler entnommen, daß auch die aus vier Personen bestehende Gesellschaft sich auf dem Wege nach dem Berner Oberlande befinde, und daß der Fremde hoffe, seine Gattin werde dort bald durch behagliche Ruhe und Pflege für die leider so anstrengende Reise hinreichend entschädigt werden.

Die ersten, die jetzt vom Tische aufbrachen und bei weitem nicht den Schluß des Mahles abwarteten, waren die Engländer, in deren Gemüt durch die Meldung des Führers eine sichtbare Unruhe gefahren war. Ohne ein Wort an ihre Nachbarn zu richten oder sie nur anzublicken, ja, ohne jemandem den geringsten Abschiedsgruß zu spenden, erhoben sie sich von ihren Plätzen und begannen mit Hilfe des wieder eintretenden Führers ihre Sachen zusammenzusuchen, was ein mühselig Stück Arbeit war und einige Zeit fortnahm. Als sie aber alles gesammelt und sich in ihre Regenwämser gehüllt, verließen sie das Zimmer, als ob sie allein darin gewesen wären, und diese Art und Weise, sich von einer Gesellschaft zu trennen, mit der man in einem so entlegenen Weltwinkel auf einsamer Felshöhe einige Stunden geteilt, erschien den Studenten so komisch, daß sie in ein homerisches Gelächter ausbrachen und der eine von ihnen ein ironisches: » Vivat furor britannicus!« den Abgehenden nachrief.

Fünf Minuten, nachdem die Engländer das Zimmer verlassen und den bergabführenden Weg schon betreten hatten, erhob sich auch der finster blickende Herr am oberen Tischende und begab sich hinaus, um mit seinem Diener zu sprechen. Nach kurzer Zeit kam er mit vor Zorn rotem Gesicht wieder herein und ließ sich auf seinen Stuhl nieder, indem er mit seiner Familie leise einige Worte in deutscher Sprache wechselte. Bald aber erkannte man aus den Vorbereitungen, welche die einzelnen Mitglieder derselben trafen, daß auch sie schon an einen Aufbruch dächten, und in der Tat führten sie kurze Zeit darauf ihr Vorhaben aus, sobald der Diener hereingekommen war, um ihnen seine Hilfe anzubieten.

Die Anlegung der großen Plaids, die vorher so künstlich und schwierig erschienen, vollbrachte sich unter seinen geschickten Händen außerordentlich leicht, und ehe man bemerkte, wie es eigentlich geschah, waren sämtliche Personen unter ihren Hüllen verschwunden und, nachdem sie die Zurückbleibenden mit einer stummen Verbeugung gegrüßt, aus dem Zimmer geschritten.

Bei diesem Abgange hatten sich die letzteren alle ohne Ausnahme von ihren Stühlen erhoben und sich mehr oder minder ehrerbietig verbeugt, indem sie damit der Schönheit und ihrem Gefolge einen Zoll entrichteten, der stets um so lieber gegeben zu werden pflegt, je weniger er gefordert wird. Ein junger hübscher Student war sogar neugierig genug, sie abreiten zu sehen, und begab sich hurtig vor die Haustür, und erst nach einigen Minuten kam er wieder mit der Meldung zurück, daß die reizende Vision aus dem schottischen Hochlande den Blicken der armen Sterblichen entrückt sei.

Unmittelbar nach diesem jählings erfolgenden Aufbruch bemerkte der Maler eine große Unruhe an seinem Nachbar, dem Ungar, und es dauerte nicht lange, so erhob auch er sich, verbeugte sich ringsherum äußerst höflich und schritt in seinem langen Mantel zur Tür hinaus.

Als auch dieser Mann verschwunden war, befiel die Unruhe die Mecklenburger, und sie zögerten nicht lange, ihren raschen Entschluß zur Tat werden zu lassen. Einer von ihnen ging hinaus, und bald darauf rief er den Vetter ab, worauf sich beide mit Händedrücken von den Studenten und Franzosen empfahlen, die bald nachzukommen versprachen. Noch waren auch keine fünf Minuten verstrichen, so erklärte sich die Französin zur Reise bereit, und nachdem sie, ihr Mann und die Studenten sich fertig gemacht, grüßten sie höflich den allein zurückbleibenden Maler, und bald lag auch hinter ihnen die Tür.

Der letzte Gast aber blieb unbeweglich auf seinem Platze sitzen, obgleich er schon längst sein Essen beendigt hatte. Vielleicht gönnte er mit Bedacht seinen Füßen noch einige Ruhe, obgleich man nicht bemerken konnte, daß er sich gerade sehr eifrig mit ihnen beschäftigte, denn er starrte vor sich hin wie ein Mensch, der eben zwei zusammengehörende Gedanken gehabt und davon den einen verloren hat, ohne ihn wiederfinden zu können. Vielleicht auch dachte er über die plötzliche Öde und Stille um sich her und über den Zufall nach, der kurz vorher alle diese Menschen hier zusammengeführt hatte und es niemals würde zustande bringen können, sie abermals daselbst zusammenzuführen.

Was er aber auch denken und grübeln mochte, bald störte ihn der Wirt auf, der an seinen Schenktisch trat und mit fröhlichem Gesicht die heute so reichlich eingegangenen Geldstücke zählte. Eben wollte er sich nach ihm umwenden und nach seiner Rechnung fragen, als die Tür aufging und zu seinem Erstaunen der Ungar wieder hereintrat, unwillig seinen Mantel ablegte und sich dann seinem früheren Nachbar näherte.

»Wie,« sagte der Maler aufstehend, »Ihnen ist doch nichts Schlimmes begegnet?«

»Nein, Schlimmes nicht, aber Unangenehmes!« lautete die langsam gesprochene Antwort. »Ich wollte eben der vorangegangenen Gesellschaft folgen, als mein Führer bemerkte, daß mein Pferd zwei Eisen verloren habe, und so wollte er unter keinen Umständen eher fort, als bis sie durch andere ersetzt wären, was jetzt geschieht. So habe ich die Gesellschaft verloren, der ich mich gern angeschlossen hätte und muß am Ende noch den langweiligen Berg im Schneegestöber allein hinabsteigen.«

»Auf der Reise muß man sich von dergleichen kleinen Unfällen nicht trübe stimmen lassen,« erwiderte der Maler. »Fassen Sie sich in Geduld und setzen Sie sich noch ein Weilchen. Wenn ich mich genügend ausgeruht, will ich Ihr Gefährte sein, falls Sie mich dazu haben wollen.«

Der Ungar verbeugte sich ungemein höflich und drückte mehr durch freundliches Lächeln als durch Worte seine Dankbarkeit aus. »Wollen Sie auch nach dem Rhonegletscher?« fragte er.

»Sogar nach der Grimsel, wenn es irgend möglich ist.«

»Meinen Sie, daß wir jene Herrschaften, die da oben saßen, noch im Wirtshaus am Gletscher treffen?«

»Ohne allen Zweifel, und ich glaube kaum, daß sie bei diesem trostlosen Wetter mit der kranken Frau die Maienwand hinaufkommen.«

»Mit der kranken Frau? Ich habe ja keine gesehen!« sagte der Ungar, seine großen schwarzen Augen verwunderungsvoll aufschlagend.

Der Maler lächelte und glaubte den Grund zu ahnen, warum sein neuer Reisegefährte von der kranken Dame nichts gesehen. »Die Gattin des Herrn, der hier oben saß,« erwiderte er, »wahrscheinlich die Mutter der jungen schönen Schottin, erschien mir sehr leidend.«

»So, so. Also haben Sie die Familie auch für Schotten gehalten?«

Der Maler besann sich einen Augenblick, dann sagte er mit noch ernsterem Gesichtsausdruck als gewöhnlich: »So ganz bin ich mit mir noch nicht darüber einig. Anfangs hielt ich sie allerdings für Schotten, als ich sie aber so gut deutsch sprechen hörte, änderte ich meine Meinung, und nun bin ich ganz im Zweifel. Doch das ist mir eigentlich gleichgültig. – Da Sie aber zu Pferde sind,« fuhr er, den Gegenstand plötzlich wechselnd, fort, »werden unsere Wege sich doch bisweilen voneinander trennen müssen. Ich bin nämlich, wie Sie sehen, diesmal nur ein einfacher Fußreisender.«

»O bitte, vom Trennen sprechen Sie nicht; ich werde Sie zu Fuß begleiten, wenn Sie es erlauben.«

Der Maler warf einen forschenden Blick auf die feine Fußbekleidung des Ungarn und sagte: »Ihre Stiefel scheinen mir kaum für eine Bergtour, wie wir sie vor uns haben, am wenigsten bei so schlechtem Wetter, gemacht zu sein, wie?«

»O doch, o doch, für heute und morgen werden sie wohl aushalten, und übermorgen finde ich bei meinem Gepäck in Interlaken andere. Doch, da wir jetzt zusammenreisen, möchte es geraten sein, uns einander vorzustellen.« Hierbei zog er eine Karte aus seiner Brieftasche und reichte sie mit höflicher Verbeugung dem Maler mit den Worten hin: »Ich bin früher Soldat gewesen und habe für mein Vaterland gefochten, jetzt bin ich Privatmann und lebe in der Nähe von Pest.«

Der Maler verneigte sich dankend für die Mitteilung und las die Karte. Der Namen lautete: Baron Stephan Tekeli. Dann verneigte er sich nochmals und sagte: »Ich danke Ihnen sehr; da ich aber keine Karte bei mir habe, muß ich Ihnen sagen, daß ich Franz Marssen heiße, ein Maler bin und in Interlaken wohne.«

Der Ungar reichte Franz Marssen die Hand, und dieser schüttelte sie freundlich. Beide setzten sich nun wieder an den Tisch, der Wirt brachte auf des Ungarn Geheiß noch eine Flasche Wein, und nun unterhielten sich die beiden Männer eine halbe Stunde, bis der Maler endlich erklärte: jetzt habe er lange genug geruht und fühle sich wieder kräftig, den weitesten und beschwerlichsten Marsch zu unternehmen. Das Pferd, wenn es noch nicht fertig sei, könne man ihnen nachführen, und er schlage vor, einstweilen bis zum Gletscher vorauszugehen, wo sie sich doch wohl eine Weile aufhalten würden.

Der Ungar war sogleich bereit, und in wenigen Minuten hatten die Männer ihre Zeche bezahlt, ihre Reisekleider angelegt und traten nun vor die Tür, um das einsame Haus, in dem sie eine so schöne, aber leider so rasch vorübergegangene Vision gehabt, ferner den Nebeln und Wolken, den Stürmen und allen Unbilden zu überlassen, die auf diesen abgelegenen Höhen toben und jedem Menschen, mag er sein, wer er will, den Wunsch abzwingen, bald, recht bald in bewohntere Tiefen zu gelangen, um mit Seinesgleichen zu verkehren und wieder grüne Bäume und ebene Straßen zu schauen.

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