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Die Tochter des Diplomaten. Erster Teil

Philipp Galen: Die Tochter des Diplomaten. Erster Teil - Kapitel 2
Quellenangabe
authorPhilipp Galen
titleDie Tochter des Diplomaten. Erster Teil
publisherA. Schumanns Verlag
yearo.J.
printrunFünfte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Erstes Kapitel.
Der Krankenbesuch in Mürren.

Ein undurchdringliches Nebelmeer, den ungemessenen Raum zwischen Himmel und Erde füllend und beide unseren Blicken verschließend, umgibt uns von allen Seiten. Stehen wir auf dem Gipfel eines Berges oder befinden wir uns in einer tiefen Talschlucht, in die kein Sonnenstrahl fällt? Wir wissen es nicht, wenigstens verrät es uns nichts, denn auch der Wind, der selten schlummernde Bewohner gewaltiger Höhen, hält seine luftigen Schwingen gefesselt, und seine belebende Stimme schweigt, als wollte er die seltsame unheimliche Stille, die uns einsame Wanderer in diesem Augenblick umfängt, noch drückender und beängstigender machen. Doch halt! Da vernehmen wir einen dumpf krachenden Ton, der aus nicht allzu weiter Ferne zu kommen scheint. Wie düster grollender Donner hallt es zuerst in der uns umgebenden Nebelwüste wieder, aber nicht lange mäßigt sich die gewaltige Naturstimme: brüllend und schmetternd dröhnt sie in unser Ohr, wie tausend Gewitter, und das gespenstische Echo brüllt und schmettert in wenig gemilderten Tönen ihre wilden Kadenzen nach. Und siehe, unser Ohr, einmal geweckt, lauscht dem leiser und leiser verhallenden Gepolter da drüben, und als wären unsere Sinne alle dadurch aus ihrem Schlummer gerüttelt, glauben wir in verschiedenen Richtungen lauter und lauter tönende Stimmen zu vernehmen, als ob gießende Ströme über und unter uns rauschten, als ob Sturzbäche von himmelhohen Felsen auf harten Steinboden herniederregneten, und wo wir noch eben einsam in einer öden und leeren Wüste standen, beginnt sich das Leben tausendfältig zu regen, wir fühlen, daß wir mitten in Gottes großartiger Schöpfung stehen und daß nur unsern Augen zu sehen verwehrt ist, was unser Ohr schon lange vernommen, unser Geist mit ahnungsvollem Schauer begriffen hat.

Aber auch das sehnsüchtig starrende Auge soll nicht lange mehr vergeblich in die bläulich weißen Nebelmassen dringen, denn plötzlich bewegt sich die träge Dunstschicht, ein mächtiger Windstoß, über unsern Köpfen dahinsausend, wirbelt sie durcheinander, so daß sich die Wolkenberge bilden, die chaotisch hin- und herstürzen, sich gegenseitig verschlingen und zerdrücken, als wären sie in einem erbarmungslosen Vertilgungskampfe begriffen. Und ja, das große Werk scheint ihnen zu gelingen, denn nachdem erst ein Windstoß sich bemerklich gemacht, kommen viele seiner Gefährten herbei, und es wirbelt und kreist in den Lüften, als wollte sich eine neue Welt vor unsern Augen erzeugen, die nichts mit den Dünsten und Wolken gemein hat, welche uns noch eben umgaben. Plötzlich aber beginnt sich das düstere Chaos zu lichten: hoch über uns schimmert ein silberner Ring durch das Gewölk, und als seine siegreiche Kraft erst einmal sich fühlbar gemacht, wächst sie zu einer unwiderstehlichen Allgewalt, und während es zu unsern Füßen noch wüst und düster ist, erhellt sich über uns die feine Luft – die Nebel weichen wie im Fluge, und langsam entwickelt sich ein bläulicher Streifen durchsichtigen Äthers, der rasch an Ausdehnung gewinnt und bald den halben Horizont vor uns in unbeschreiblicher Klarheit erscheinen läßt.

Aber was ist das? Das Nebelmeer hat sich in ein goldenes Lichtmeer gewandelt und aus diesem Lichtmeer tauchen wie helleuchtende Inseln silbern strahlende Kuppen und Spitzen auf, die wie erhabene Geister über den Wolken thronen und bis an die blaue Kuppel reichen, die sich nun schon weit und breit über das entzückend schöne Gemälde wölbt. Pfeilschnell aber verbreitet sich das Licht und der Strahl des neugeborenen Tages: es dringt auch schon tiefer an den breiteren Fuß der schneeigen Riesen, und grüne Matten erheben sich aus dem klar gewordenen Grunde, dunkel schimmernde Wälder bauen sich wie hergezauberte Phantasiegebilde auf, die frisch duftende Erde belebt sich mehr und mehr, friedliche Menschenwohnungen treten sichtbar hervor, und nun wird es uns klar, was das Dröhnen und Rauschen vorher bedeutete: wir sehen das stäubende Stürzen donnernder Lawinen von den Eisbergen und gewahren den Fall rauschender Felsbäche, die von den Stirnen der Schneeriesen herniederbrausen und so jene unbeschreibliche und grandiose Szenerie erzeugen, die nur ein Land Europas aufzuweisen hat, und dieses Land ist – die Schweiz, das Land der freigeborenen und frei sich fühlenden Helvetier. –

Der Leser verzeihe den seltsamen Eingang unserer Erzählung, allein das wunderbare Land, in welches wir ihn zu führen beabsichtigen, beherrscht und verlockt unsere Feder, wie es einst unsere Phantasie und unsere Sinne beherrschte und verlockte, und erst allmählich vermag jene unsere traute Gefährtin die stille Bahn wiederzugewinnen, in der sie sonst zu laufen gewohnt ist. So aber wollen wir sie jetzt an diese Bahn zu fesseln versuchen und in ruhiger Stimmung dem Leser den Ort bezeichnen, dessen prachtvolle Szenerie wir soeben im allgemeinen angedeutet haben.

Wir befinden uns im Berner-Oberland, im Anfang des Juli 1863, und der Tag, der schon vor sechs bis sieben Stunden angebrochen ist, hat sich erst spät von seinen Morgenschleiern befreit, und die Sonne beginnt erst gegen mittag ihr goldenes Licht über die himmelanstrebenden Berge und die grünenden Täler auszugießen, die sich allmählich in ihr schönstes Gewand kleiden, um unsern Augen ebenso majestätisch und erhaben, wie lieblich und reizvoll zu erscheinen.

Eines der höchstgelegenen Dörfer der Schweiz Es liegt 5018 Fuß hoch. ist das Dorf Mürren. Auf schroffen Wänden steigt das mächtige Schilthorn vom Lauterbrunnentale in die Höhe, und noch 1500 Fuß höher, als der fast 1000 Fuß herabstürzende Staubbach seinen Sprung antritt, da, wo die Waldregion aufhört und eine steile, kahle Grasfläche beginnt, hat es der Laune des verwegenen Menschen gefallen, sich Hütten zu bauen, von denen aus er nun bequem in die Wunder der gewaltigsten aller Berggruppen der Schweiz, in die Finsteraarhorngruppe, hineinblicken kann.

In der Tat, wenn das die Absicht der Gründer dieser abgelegenen Niederlassung war, so kann man dieselbe als gelungen betrachten, denn eine schönere Lage mag selten ein von Menschen bewohnter Ort aufzuweisen haben.

Wenn die Luft klar ist, wie an dem Morgen, wo wir nach Zerteilung der Nebel uns daselbst einfinden, rollt sich ringsum ein so großartig prächtiges Gemälde auf, wie es sich wohl keines schaffenden Künstlers Phantasie erdenken kann. Amphitheatralisch steigen gewaltige Bergmassen, Turm auf Turm und Spitze auf Spitze übereinander gebaut, in nächster Nähe auf; die Finsteraarhorngruppe enthüllt ihre mächtigen Zierden, den Eiger, den Mönch, das Breithorn und, in der Mitte aller, die mächtigste und schönste, die im unvergleichlichen Prachtbau sich erhebende Jungfrau, die, auf breiter grüner Unterlage beginnend, zu einem ungeheuren steinernen Koloß sich aufschwingt und zahllose strahlende Nebengruppen bildend, endlich in jenen wunderbar geformten Schneegipfel zuspitzt, der sein eisig glänzendes Haupt mit Ausnahme des riesigen Montblanc, über alle Gipfel der schweizerischen Eisberge streckt und als weithin strahlende Leuchte über tausend Täler und Seen seiner Heimat hinblickt.

Von allen Seiten dieser erhabensten aller irdischen Jungfrauen wälzen sich meilenlange, unübersehbare, breite Eisflüsse herab, die vielbesprochenen Gletscher, die mit ihren steintrümmerreichen Ausläufern mitten in den grünen Matten endigen, auf denen das kostbarste Tier der Alpen, die braune Milchspenderin, die treuherzig blickende Kuh weidet, deren melodisch tönende Glocke weithin über Berg und Tal läutet.

Außer diesen zu Eis erstarrten Gletscherströmen stürzen aber noch hundert flüssige Bäche von den Höhen herab, hier in malerischen turmhohen Sprüngen, dort in perlender Staubgestalt kopfüber der Tiefe zustrebend, um unten im Tale sich zu sammeln und in immer noch wildem, wenngleich geregelterem Lauf die blaugrünen Alpenseen aufzusuchen, aus denen sich Flüsse bilden, die zu Strömen anwachsen und nach allen Richtungen unser deutsches Vaterland durchziehen, bis sie sich endlich in das unendliche Meer ergießen, um in seinen ungemessenen Tiefen zu verschwinden und so das Schicksal alles Irdischen zu teilen.

Aber nicht allein auf Eisströme und Schneetürme, auf tosende Sturzbäche und stäubende Wasserstrahlen blickt hier das fast geblendete Auge des Wanderers hinab, nein, auch in die düsteren graugrünen Spalten der Bergriesen senkt es sich hinein, und kaum weiß man, was bewundernswerter ist, jene erstarrten Ströme und blitzenden Schneespitzen, oder diese von Steintrümmern, grünen Matten und dunklen Tannen strotzenden Tälern, wie zum Beispiel das Nottal, das des Schmadrigletschers und des Stüfisteins, die schwer zu erreichen sind und sogar nur selten von den kundigsten Gemsjägern besucht werden.

Doch wir haben fürs erste genug von diesen Wunderwerken erwähnt – sie zu beschreiben oder nur alle zu nennen, kann hier nicht unsere Aufgabe sein – kehren wir zu dem Dorfe Mürren zurück, über welchem die von allen Dünsten befreite Sonne jetzt fast im Zenith steht, und sehen wir, was es daselbst so Ungewöhnliches heute zu schauen gibt. In dem kleinen, aus etwa vierzig Wohnungen bestehenden Ort, die ziemlich weit voneinander entfernt liegen, schien sich ein seltsames Ereignis zugetragen zu haben, denn es herrschte eine auffallende Bewegung unter den wenigen Menschen, die fast alle ihre Häuserchen verlassen hatten und in einer kleinen Gruppe vor denselben hier und da zusammengetreten waren.

Und in der Tat, schon am Abend vorher war hier etwas Ungewöhnliches geschehen, etwas, was der schweizerische Bergbewohner nicht gern hat, da es nicht nur seine patriarchalische Ruhe stört, sondern auch den allgemeinen Ruf der Sicherheit des fremden Reisenden, von dem so viele Tausend Schweizer ihre Nahrung erhalten, zu gefährden imstande ist. Mit einem Wort: einer der berühmtesten Führer der Gegend, der bedächtige, kühne Michel aus Grindelwald, war am Tage vorher mit einem Fremden aus Unterseen in Mürren eingetroffen, um von hier aus die untere Schneeregion der Jungfrau in der Gegend des Silberhorns zu besuchen. Drei Männer aus Mürren hatten sich ihnen angeschlossen, und bei günstiger Tageszeit und gutem Wetter war man frohen Mutes jodelnd und jauchzend ausgezogen. Allein an demselben Abend schon war die kühne Gesellschaft zurückgekehrt, schweigend und verstimmt, denn den Fremden, der ein reicher und angesehener Mann sein sollte, hatte trotz aller Sorgfalt seiner Begleiter das Unglück ereilt, daß er, nachdem man den ersten Gletscherstrom kaum erstiegen, ausgeglitten und in eine tiefe Eisspalte gefallen war, aus der man ihn nur mit vieler Mühe und nach stundenlanger Arbeit blutend und fast leblos hervorgezogen hatte. So waren die vier Männer mit ihrer hilflosen und unbeweglichen Last abends in Mürren wieder eingezogen, wo sie sich im Schulhause, welches die meiste Bequemlichkeit bot, um den Kranken bemüht hatten und ihm die geringe Hilfe angedeihen ließen, die so arme und einfache Leute in ihrer Abgeschiedenheit von allem Verkehr zu bieten vermögen. Der Führer Michel aus Grindelwald aber war gleich in der Nacht nach Interlaken geeilt und hatte einen in der Wundarzneikunst berühmten Mann geholt, der dieser Aufforderung auch willig gefolgt und schon am frühen Morgen zu Pferde in Mürren eingetroffen war.

Mit kundigem Auge und sicherer Hand hatte der Mann der Wissenschaft den Fremden untersucht und dem geängstigten Schulmeister wie dem niedergeschlagenen Führer Michel seine Meinung dahin verkündet: daß keine Lebensgefahr drohe, ja sogar die völlige Gesundheit des Verwundeten in einigen Wochen wiederkehren werde, daß man denselben jedoch, nachdem er sorgfältig verbunden, vorsichtig nach seinem Gasthof in Unterseen transportieren müsse, und daß er selbst dafür sorgen wolle, daß alles geschehe, was unter den obwaltenden Umständen notwendig und ersprießlich sei.

Dieser mit männlicher Ruhe und Sicherheit ausgesprochene Trost hatte die Aufregung aller Beteiligten wundersam besänftigt, und unter verschiedenen Vorkehrungen hatte man sehnsüchtig den Mittag des gegenwärtigen Tages erwartet, um die dicken Nebel, die den schwierigen Transport des Schwerverwundeten bisher unmöglich gemacht, sich erst senken zu lassen, und nun standen acht kräftige Männer bereit, sobald es der Arzt befehlen würde, ihre Last auf einer sorgsam zugerichteten Tragbahre die steile Bergstraße hinunterzutragen und nicht eher von ihrem Pflegebefohlenen zu weichen, als bis er sicher und sanft in seinem Bett geborgen wäre.

Kurz vor dem Aufbruch des Zuges sah man aus dem kleinen Hause des Schulmeisters drei Männer treten, die bei dem gegenwärtigen Vorfall zumeist beteiligt schienen. Es waren drei schon in ihrer äußeren Erscheinung merklich voneinander abweichende Persönlichkeiten, und während sie auf den grünen Vorplatz des Hauses treten, um bedächtig nach dem Wetter auszuschauen und vielleicht auch eine ungestörte Unterhaltung abseits des Kranken zu pflegen, wollen wir sie uns aus der Nähe betrachten und je nach ihrer Bedeutung für unsere Erzählung mehr oder minder einer sorgfältigen Musterung unterziehen.

In dem kleinen, noch ziemlich jugendlichen Manne mit dem langen grauen Rocke, dem schlichten weißen Zipfelhalstuche und der bequemen Hauskappe erkennen wir mit leichter Mühe den stillen Schulmeister des abgelegenen Ortes, der, seinem mühseligen Berufe getreu und blindlings den Befehlen seiner Vorgesetzten gehorchend, sich mit einem Amte begnügt, das ihm kaum mehr einträgt, als zum notdürftigsten Lebensunterhalte hinreicht. Sein schmales blasses Gesicht trägt unverkennbar den Stempel der Entsagung in allen Zügen, und dennoch ist er mit seiner Lebenslage zufrieden, denn er ist ein Freund der erhabenen Natur seiner Heimat und fühlt sich wohl im Bewußtsein, ein regensicheres Dach über seinem Haupte, ein reinliches Strohlager mit einem warmen Bettstück und hinreichend Kartoffeln, Käse und Milch für seinen Appetit zu haben, welche Nahrungsmittel täglich ohne Abwechslung seinen Tisch bedecken, wie den der übrigen Bewohner seines winzigen Dorfes. Gegenwärtig ist er noch halb betäubt von dem Unfall, der sich im Bereiche seiner Wirksamkeit zugetragen, und doch auch wieder beglückt, denn die beiden Goldstücke, die ihm Michel auf Befehl des verwundeten Herrn als Belohnung für seine Mühwaltung und Gefälligkeit gereicht, machen eine Summe aus, die fast den vierten Teil seiner amtlichen Besoldung für das ganze Jahr beträgt.

Einen ganz anderen Eindruck bringt schon der berühmte Gemsjäger Michel aus Grindelwald hervor, denn solcher stämmigen, breitschultrigen Männer, an denen jede Bewegung die stählerne Kraft und Biegsamkeit ihrer Muskeln verrät, dürfte es selbst in der so starke Söhne erzeugenden Schweiz nur wenige geben. Seine braune, jetzt an verschiedenen Stellen zerrissene Jacke bedeckt eine breite, mächtige Brust, die schon manchen schweren Atemzug in grober Gefahr in der feinen Luft der höchsten Bergspitzen und auf den kalten Eisfeldern seiner heimatlichen Gletscher getan hat. Seine schwarzen manchesternen Hosen reichen nur bis zum Knie, das in seiner braunen Nacktheit eine Muskulatur aufweist, deren sich kein Gladiator des Altertums zu schämen gehabt hätte. Seine kolossalen Waden stecken in blauwollenen Zwickelstrümpfen, und seine großen Füße, die so schwerfällig aussehen und doch so behende sind, um wie eine Gemse über Eisspalten von entsetzlicher Breite zu springen, in Schuhen, deren mit starken Spitznägeln beschlagene Sohlen für die Dauer eines Menschenalters bestimmt zu sein scheinen.

Das Charakteristische seiner Erscheinung prägt sich jedoch in seinem intelligenten, ziemlich bärtigen Gesicht aus, das, infolge der zahllosen Strapazen seines Lebens, einem schon alternden Manne anzugehören scheint, obwohl unser Freund, der uns künftig noch häufiger begleiten wird, erst sechsunddreißig Jahre zählt. Allein die Söhne der Berge altern schnell, die Mühseligkeiten ihres Berufs verzehren ihre Lebenskräfte rasch, und ein Mann von fünfzig Jahren gleicht bei ihnen in der Regel einem Siebenziger in der Ebene, welch hohes Alter sie selten erreichen, da sie nur zu häufig die Opfer ihrer Kühnheit und ihrer wagehalsigen Unternehmungen werden.

Einen fast angenehmen Eindruck machte Michel, wenn er sein großes braunes Auge lächelnd auf jemanden richtete und dabei von heiteren Dingen sprach, während der starklippige Mund mit den milchweißen Zähnen in seinen herabgezogenen Winkeln ein ihm zur zweiten Natur gewordenes ironisches Lächeln blicken ließ. In der Haltung des beweglichen Körpers dagegen sprach sich seine ganze Kühnheit und Unerschrockenheit aus, als ob er stets auf dem Sprunge zu irgend einem Wagnis stände, wenn er, wie zur Prüfung ihrer Biegsamkeit und Elastizität, die Hüften unaufhörlich hin- und herwiegte. Die Art endlich, wie er den halbzerdrückten braunen Filz mit dem Gemsbart auf einer Seite des Kopfes trug, erweckte den Glauben, daß Freund Michel bei aller seiner natürlichen Einfachheit ein etwas trotziger, auf seine Körperkraft und Gewandtheit sicher bauender und keine persönliche Gefahr scheuender Mensch sei, für den es kein größeres Vergnügen auf der Welt gäbe, als, selbst in der Voraussicht, den Hals zu brechen, einer flüchtigen Gemse von Eisfeld zu Eisfeld nachzuklimmen oder den hinterlistigen Geier zu jagen, der mit Menschen und Vieh so oft sein verräterisches Spiel treibt.

Am heutigen Tage jedoch sprach sich in dem Wesen des kühnen Jägers eine gewisse Gedrücktheit, fast Niedergeschlagenheit aus. Sein mit so großen persönlichen Aufopferungen bis heute bewahrter Ruhm, ein stets zuverlässiger und in allen Nöten erprobter Führer zu sein, war durch den so unglücklichen Fall jenes Herrn in seinen eigenen Augen stark erschüttert worden, und er wagte kaum, das Gesicht zu den Männern zu erheben, die ihm schon wiederholt Trost zugesprochen und seinen wankenden Mut wieder aufzurichten versucht hatten. Wenn aber überhaupt jemand in dieser Beziehung imstande war, belebend und erfrischend auf ihn zu wirken, so war es der dritte Mann, zu dessen Beschreibung wir sogleich gelangen werden, denn zu ihm hatte er nicht allein ein ungewöhnliches Vertrauen, sondern seine Achtung für ihn und seine Leistungen war fast unbegrenzt, da er schon seit Jahren sein steter Begleiter auf vielen beschwerlichen Ausflügen in den Gebirgen gewesen war und die ausgezeichneten Eigenschaften des Geistes und Herzens dieses Mannes schätzen gelernt hatte.

So betrachten wir uns denn auch diesen Mann, den aus Interlaken herbeigeholten Arzt, mit einiger Aufmerksamkeit. Und da müssen wir gestehen, daß uns nur selten ein menschliches Wesen von so ansprechender Erscheinung und ein Gesicht mit so männlichen und wohltuenden Zügen vorgekommen ist wie dieses. Hoch gewachsen und demgemäß in allen Gliedern kräftig entwickelt, konnte dieser Mann einen Herkules der Jetztzeit vorstellen, der, sich seiner Kraft wohl bewußt, doch keinen übermäßigen Wert darauf zu legen schien, und diesem mächtigen Wuchse entsprach das edle, von der Luft dunkel gefärbte, fast bartlose Gesicht, in dessen reinen blauen Augen ein Ausdruck von Güte, Menschenfreundlichkeit und Vertrauen erweckender Ruhe strahlte, der jedermann auf den ersten Blick nicht nur zu gewinnen, sondern auch zu beeinflussen und zu beherrschen geeignet war.

Kaum sah man diesem Mann, der eine einfache gleichfarbig dunkle Sommerkleidung und einen breitrandigen Strohhut trug, sein Alter an, denn die Raschheit und Entschiedenheit seiner Bewegungen verjüngten ihn augenscheinlich; er schritt mit seinen sechsundfünfzig Jahren so leicht und sicher einher, als wären sie um die Last von zehn Wintern geringer gewesen, und nur in der Ruhe und Bedächtigkeit, mit der er sprach, prägte sich ebensoviel Selbstbeherrschung wie reiche Erfahrung und Menschenkenntnis aus, die stets die untrüglichsten Zeichen reiferer Jahre sind und die sich dieser Mann in der Tat an verschiedenen Orten und in den seltsamsten Lebenslagen in reichlicher Fülle gesammelt hatte.

Wenn indessen die Gemütsruhe, welche aus seinen Zügen und Blicken sprach, noch eine andere Beimischung hatte, die freilich nur ein geübtes Auge in Momenten ernsten Nachdenkens an ihm zu entdecken imstande war, so war es ein Anflug stiller sanfter Traurigkeit, der um seinen festgeschlossenen Mund lagerte, wenn er schwieg, und der erst verschwand, wenn seine Lippen sich öffneten und Worte hören ließen, die trotz des mächtigen Klanges der Stimme freundlich und wohltuend wirkten, aber stark von dem Dialekt abwichen, der in diesen Landen gesprochen wurde. Jedenfalls war das Leben dieses geistig so begabten Mannes nicht immer glatt und eben verlaufen, er hatte ohne Zweifel manchen Kummer, manche Sorge kennen gelernt; aber wie man es am Morgen der Eiche nicht anmerkt, daß ein nächtlicher Sturm ihren Wipfel erschüttert und einige ihrer Äste auf Augenblicke gebeugt hat, so ließ auch dieser Mann nicht merken, daß es Ereignisse in seinem Leben gegeben, die manches anderen Menschen Geist zu beugen, ja sein Herz zu brechen stark genug gewesen wären. –

Als die drei Männer von dem Häuschen fort bis an den Abhang getreten waren, an welchem der ins Tal führende Weg beginnt, blieben sie stehen und schauten schweigend nach verschiedenen Himmelsgegenden aus. Während aber Michel und der Schulmeister das Aussehen des Himmels, den Zug der Luftströmung und die in der Tiefe immer mehr verschwindenden Nebelstreifen prüften, haftete des Arztes Auge mit wahrem inneren Wonneschauer auf der sich ihm darbietenden Aussicht und sein strahlendes Auge flog von Berg zu Berg, von Tal zu Tal, als sende es Grüße über Grüße aus, und dabei war er so tief in Gedanken versunken, daß er die schon zweimal an ihn gerichtete Rede des Führers überhört hatte.

Endlich aber legte Michel, der vielleicht ungeduldig war, mit dem Kranken von dem Orte wegzukommen, seine schwere Hand nachdrücklich auf des Arztes Arm, drückte ihn fühlbar und wiederholte dabei: »Ja, ja, Herr Doktor, hören Sie doch; es wird Zeit, daß wir aufbrechen. Das Wetter hat sich vollständig aufgeklärt, unser Weg liegt ohne Hindernis vor uns, und da die Männer zur Hand sind, die den kranken Herrn nach Hause tragen wollen, so sehe ich keinen Grund, warum wir noch länger hier oben zögern sollten.«

»Gemach, Michel, gemach!« erwiderte der Arzt nach einer Weile, wie aus einem Traume erwachend und den ungeduldigen Mann mit seinem ruhigen Auge betrachtend, »wir haben uns auf keine Weise zu übereilen. Ich komme nur selten hier herauf und sättige mein Auge gern an Gottes großer Schöpfung. Ach ja, es ist schön, sehr schön hier – doch Ihr wollt fort, ich sehe es. Nun denn, ja, vorwärts, sage auch ich. Ruft die Männer herbei, daß sie den Kranken herausbringen, die frische Luft wird ihm wohl tun. Dann mache Gott ihre Arme und Füße stark und dauerhaft, denn sie werden eine tüchtige Last auf schlechtem Wege sechs Stunden lang zu tragen haben.«

Michel ließ sich diese Aufforderung nicht zweimal sagen. Flugs eilte er nach dem nächsten Hause, in welches sich, einer Herzstärkung wegen, die acht Träger soeben zurückgezogen hatten, und rief sie herbei.

Die Männer folgten seinem Rufe bereitwillig und bald waren sie unter Vorantritt des Arztes in den Flur des Schulmeisterhauses getreten, in welchem der Kranke bereits auf einer mit Heu und Decken gepolsterten Tragbahre so bequem lag, wie man es unter den obwaltenden Verhältnissen nur hatte möglich machen können.

Es war ein Mann von feinem Aussehen, dessen Gesichtsausdruck allein schon einen hohen Grad von Bildung und Intelligenz verriet. Gegenwärtig war dieses von dunklem Haar und Bart eingerahmte Gesicht allerdings überaus bleich, allein der Schreck über seinen Unfall und die ersten Schmerzen der verletzten Gliedmaßen waren bereits gewichen, und da der sorgsame Arzt den verwundeten Fuß und Arm der linken Seite wohl verwahrt und für den schwierigen Transport zweckmäßig gelagert hatte, so ertrug er sein Geschick mit Ergebung, mit deren Ausdruck auf seinen wohlgebildeten Zügen sich sogar ein freundliches Lächeln verband, als er den Arzt mit vier Männern wieder bei sich eintreten sah.

»Nun, mein Herr,« wandte sich der Arzt an ihn, »soll Ihr Wunsch, von hier fortzukommen, bald befriedigt werden. Alle Nebel, die unsern Weg verdunkelten und unsicher machten, sind verschwunden, es wird den ganzen Tag gut Wetter bleiben und wir wollen getrost unsere Reise beginnen. Haben Sie noch einen Wunsch oder ein Bedürfnis?«

Der Kranke schüttelte leise den Kopf, dessen Stirn auch noch einige blutige Striemen von seinem Falle zeigte, und sagte dann mit leiser Stimme: »Nein, mein Herr, ich danke Ihnen; ich habe keinen Wunsch mehr als den, zu Hause, das heißt bei meiner Frau in Unterseen zu sein.«

»Gut, der Wunsch soll mit Gottes Hilfe erfüllt werden. Sie wohnen also bei Ruchti?«

»Ja, in Beausite.«

»Ich will es mir merken. So. Und nun, Kinder, faßt an, wir sind fertig. Geht vorsichtig und langsam, wie Ihr es sonst tut, wenn Ihr jemanden die Berge hinab tragt, und wenn einer von Euch sich schwach werden fühlt, sagt er es beizeiten, damit ein anderer ihn ablöst.«

Mehr brauchte den sachkundigen Landeskindern nicht gesagt zu werden; sie wußten, um was es sich handelte, und so hoben sie mit gewohnter Umsicht und Kraft den Tragsessel auf und sogleich setzte sich der Zug in Bewegung, indem die vier Reserveträger voranschritten, die Bahre folgte und der Arzt achtsam hinterherging, um sogleich bei der Hand zu sein, wenn sein Beistand irgend einmal verlangt werden sollte. Ihm zunächst hatte sich der Führer Michel angeschlossen, der nach Grindelwald zurückkehren wollte, und hinter diesem ging der Schulmeister von Mürren mit einem gewichtigen Alpstock, da er ein Geschäft in Lauterbrunnen zu verrichten hatte und den Weg lieber in Gesellschaft als allein machte. Unmittelbar hinter dem letzten Mann her aber schritt vorsichtig und gewandt eine kräftige Rappstute, welche dem Arzt gehörte und ihn in der Nacht auf die Höhe getragen hatte. Sie war eins jener klugen und unbezahlbaren Tiere, wie man sie nur in der gebirgigen Schweiz findet, die von der Natur den Instinkt empfangen haben, stets zu wissen, was der Mensch von ihnen will, und die bis zum letzten Atemzuge bereit sind, ihm mit allen ihren Kräften zu dienen und ihre mühselige Arbeit mit einer Vorsicht und Sicherheit vollbringen, die den achtsamen Reisenden oft genug mit Staunen und Bewunderung erfüllen.

So bewegte sich denn der Zug, noch lange von den jüngeren Bewohnern des Dorfes Mürren begleitet, langsam den beschwerlichen Weg nach dem Lauterbrunnentale hinab; wir beabsichtigten jedoch nicht, dem Leser denselben Schritt für Schritt zu beschreiben, sondern bemerken nur, daß alle Schwierigkeiten glücklich überwunden wurden, daß die Träger ihre Aufgabe geschickt wie immer lösten, und daß man endlich nach fast drei Stunden mühevollen Bergabsteigens das schöne Tal erreichte, das von den zahllosen Quellen, die aus allen Felsspalten hervorsprudeln oder von den Bergfirsten gießend und stäubend herniederrieseln, seinen Namen erhalten hat.

Auf diesem langen und beschwerlichen Wege wurden zwischen dem Arzt und seinen Begleitern nur wenige Worte gewechselt, erst als das Gasthaus zum Steinbock in Lauterbrunnen erreicht war, wo man eine kurze Rast zu nehmen gedachte, sammelte man sich um den Verwundeten, der die Reise leidlich ertragen hatte, und richtete teilnehmende Fragen an ihn, die er freundlich und dankbar beantwortete und sich über sein Befinden befriedigend äußerte. Hier war es auch, wo Michel von ihm vor der Hand Abschied nahm, wiederholt versprach, ihn recht bald in Unterseen zu besuchen, und dann dem Arzt einen Wink gab, ihm vor die Tür zu folgen, da er noch einige Worte insgeheim an ihn zu richten hatte.

Während die Träger mit Bier und Kirschwasser gelabt wurden, trat der Arzt vor die Tür des Wirtshauses und schritt mit Michel und dem Schulmeister, der sich von ersterem noch nicht trennen zu können schien, unter einen dichtbelaubten Nußbaum. Hier blieb der Gemsjäger stehen, reichte dem Arzte die Hand und sagte:

»Nun also, Herr Doktor, will ich Ihnen den armen Herrn allein überlassen, dessen Unfall mich vier Wochen lang unglücklich machen wird. Mag es Ihrer Kunst gelingen, ihn bald wieder herzustellen und mich von der Sorge zu befreien, die auf meinem Herzen lastet. Aber wie, kann ich mich versichert halten, daß Sie, wenn jemand in Interlaken mich tadeln sollte, auf meine Seite treten, damit mein guter Leumund keinen Schaden erfährt?«

Der Arzt lächelte freundlich, drückte dem biederen Gemsjäger die Hand und versetzte: »Darum seid außer Sorge, Michel. Auf Euch und Eure bekannte Sorgfalt im Führeramt kann nicht die Spur eines Schattens fallen. Ihr habt Eure Pflicht wie immer erfüllt und der Reisende, der Eure wiederholte Warnung nicht beachtete, hat sich allein die Schuld seines Unfalls beizumessen. Das will ich jedermann verkünden, der es hören will. Nun aber geht mit Gott und grüßt Eure Frau von mir. Nächstens komme ich nach Grindelwald und dann wollen wir wieder einen unserer alten Berggänge ausführen. Gehabt Euch wohl, wackrer Freund, es wird Zeit, daß wir aufbrechen, denn ich möchte noch vor Sonnenuntergang in meiner Behausung sein.«

Die beiden Männer schüttelten sich noch einmal die Hände, dann verließ der Arzt den Führer, und nachdem er sich auch von dem Schulmeister verabschiedet, begab er sich zu seinem Kranken zurück, mit dem er einige Worte wechselte und dann den Trägern befahl, die Reise weiter fortzusetzen, was auch sogleich mit frisch gesammelten Kräften geschah.

Während aber der Arzt seine Rappstute, die geduldig den Aufbruch erwartete, nach einigen Liebkosungen bestieg und langsam dem vorangehenden Zuge nachritt, blieben Michel und der Schulmeister noch unter dem Nußbaum stehen und schauten den abziehenden Männern nach, so lange sie mit den Augen zu erreichen waren; als aber zuletzt der ruhig schreitende Rappe hinter einer Felsecke verschwunden war, wandte sich der junge Schulmeister, der so lange seine Neugier bezwungen, mit einer gewissen Hast an seinen Begleiter und sagte halb flüsternden Tones:

»Das ist ein netter Mann, Michel, und Euer Patient scheint mir in guten Händen zu sein. Ja. Aber sagt mir, wer ist und wie heißt er und wie habt Ihr ihn so schnell nach Mürren hinaufgebracht? Soviel ich mich erinnere, habe ich ihn noch nie gesehen, was freilich kein Wunder ist, denn während der drei Jahre, die ich in Mürren wohne, ist erst einmal ein Arzt oben gewesen, um einen Kranken zu besuchen. Wie ich aber aus seiner Sprache entnehme, ist er kein Schweizer oder höchstens aus einem der nördlichen Kantone, deren Sprachweise ich noch nicht aus Erfahrung kenne, wie?«

Michel schaute eine Weile sinnend vor sich nieder und lächelte still in sich hinein, ehe er antwortete. »Hm! Ja freilich,« fuhr er dann auf und schnippte mit den Fingern der rechten Hand in die Luft, »ein geborener Schweizer ist er nicht, aber ein sehr geschickter Arzt und ein vortrefflicher Mann obendrein gewiß. Wenn Sie noch länger in dieser Gegend wohnen, Herr Schulmeister, werden Sie ihn schon besser kennen lernen, denn den Doktor Marssen im Bödeli weiß jeder Junge ringsherum bei Namen zu nennen. Ja, hm! Freilich, ein Arzt, so wie die andern vornehmen Herren da unten im Tale sind, ist er nicht, er reitet nicht um Geld in die Berge, wohl aber aus Menschenfreundlichkeit, und wenn jemand einmal in rechter Not ist, wie ich es gestern war, dann ist er gerade der Mann, der immer zuerst bei der Hand ist.«

»So. Also Marssen heißt er und im Bödeli wohnt er?«

»Ja, schon seit sechs Jahren, und er hat sich da ein ganz hübsches Nest zugelegt und sich redlich bei uns eingebürgert, das muß man sagen.«

»Aber wo ist er denn hergekommen? Und was für ein Landsmann ist er?«

Michel sann wieder einige Augenblicke nach, dann wiederholte er, wie es schien, halb unwillig: »Was für ein Landsmann? Na, das müssen Sie doch gleich weghaben, daß er ein Deutscher ist?«

»Nun ja, das habe ich wohl gehört.«

»Ein Deutscher!« sprach Michel wie zu sich selbst und fuhr mit der Hand durch sein krauses Haar, von dessen vor der Zeit ergrauten Spitzen dicke Schweißtropfen niederrieselten. »Ein Deutscher, weiß es der liebe Gott, und ein kreuzbraver Mann, das ist gewiß. Aber das ist es eben, was ich noch immer nicht begreifen kann –«

»Was könnt Ihr denn nicht begreifen?«

»Daß er als Deutscher hierhergekommen ist oder vielmehr, daß er als solcher hierherkommen mußte, denn er hat sicher nicht sein Vaterland aus freien Stücken verlassen –«

»Ah!« unterbrach ihn der Schulmeister, der endlich zu begreifen anfing, was seinen Gefährten so wurmte. »So ist er wohl einer der auswärtigen Verbannten, die leider Gottes unsere Schweiz so reichlich bevölkern helfen?«

»Verbannter!« fuhr Michel trotzig auf. »Was weiß ich es, und was geht es uns eigentlich an! Aber ärgern tut es mich dennoch, wenn ich so etwas sehe. Bei meiner verstorbenen Mutter Sarg – Gott habe sie selig! – das große Deutschland muß einen ungeheuren Überfluß an bedeutenden und guten Männern haben, wenn es Leuten, wie diesem da, den Stuhl vor die Tür setzt, ihnen das Haus vor der Nase zuschließt und den Abschiedsgruß zuruft: Hol' dich der Henker! Tausendsapperlot, so dumm ist in keinem andern Lande ein Mensch, als diese deutschen – Stuhlsetzer und Hausverschließer sind. Bei meiner Ehre! Das tun nicht einmal die tollköpfigen Engländer, die ich, wie jede Krähe weiß, nicht leiden kann, wenn sie uns auch für zehn Schritte immer einen Franken zahlen. Nein, das tun die verrückten, starrköpfigen, nur sich selbst sehenden Engländer nicht, die wissen ihre klugen Leute besser im Inlande zu gebrauchen, und nur die überfrachtigen Narren schicken sie auswärts. Haha! Und auch die Franzosen, die so gern unsere Freunde sein möchten und doch bloß gierig nach unsern Bergen und Seen sind, auch sie behalten ihre Kinder im Hause, und nur ihre liederlichen Frauenzimmer schicken sie nach Genf und anderen Orten, weil sie sie nicht allein bezahlen wollen, haha! Und wer schickt uns noch seine klugen Leute her, etwa die Russen und Italiener? O nein, die sind auch klug genug und behalten für sich, was sie gebrauchen können. Freilich schwatzende Polen drängen sich genug bei uns ein, aber was gehen uns die Polen an, die fliehen vor den Russen und nicht vor den eigenen Potentaten. Zum Teufel! ich werde warm, wenn ich daran denke, daß gerade die Deutschen, die mit uns eine Sprache reden, verdammt sind, wie wilde Bestien von Haus und Hof vertrieben werden, und wer glaubt es den deutschen Regierungsherren, wenn sie behaupten, daß gerade sie einen so großen Überfluß von Unkraut haben? Nein, nein, das kann und werde ich nie begreifen, wenn ich die Vertriebenen und Verbannten, die sie in unsere Berge jagen, in der Nähe betrachte. Es sind lauter gescheite, kluge und überaus ruhige Leute, deren Herz nur nicht gerade so viel Pulsschläge zählt, wie es nach der höheren Polizeiverordnung bei ihnen zu Hause zählen soll. Na, laß sie nur verjagen, wir wissen die Spreu schon vom Weizen zu sondern, und in unsern Bergen ist Raum genug, ein ganzes Heer solcher, wie da eben einer von uns ging, zu ernähren. Ja, bei Gott! jeder Prinz, meine ich, an denen die Deutschen so reich sind, müßte sich freuen, solche Männer vor seinen Karren zu spannen. Ein Land voll solcher Männer muß ein glückliches Land sein, weil ein Land nur durch wahre Männer groß werden kann. Nun ja, Herr Schulmeister, das ist so meine dumme Politik, und jener Mann, der Doktor Marssen, das ist ein wahrer Mann. Hm – lassen Sie mich einen Augenblick nachdenken – ja, es sind in diesem September nun gerade sechs Jahre, daß er mit seiner Schwester, außer der er nur noch einen Sohn hat, hier ankam. Ich führte just eine mondsüchtige englische Familie mit tausend Schachteln und Taschen durch das Land und sah ihn in Neuhaus aus dem Thuner Dampfer steigen. Er hatte nur zwei winzige Koffer bei sich, an Geld aber schien er keinen Mangel zu leiden, schon nach wenigen Monaten kaufte er sich im Bödeli ein Haus, richtete es sich hübsch ein und wohnt nun als naturalisierter Schweizer unter uns, indem er unsere Gesetze befolgt und jedem hilft, wo er kann. Das ist die rechte Art, Herr Schulmeister, und loben muß man den Mann, der also handelt. Weiter aber weiß ich nichts von dem Herrn, und nun habe ich genug mit Ihnen über ihn geschwätzt. – Wohin gehen Sie jetzt?«

»Ich will auf die Pfarre. Gehet mit Gott, sage auch ich, und mag Euch nicht oft ein Unheil begegnen, wie gestern. Lebt wohl, Michel!«

Der kleine schmächtige Schulmeister reichte dem treuherzigen Gemsjäger die Hand, die dieser leise schüttelte, worauf er sich, ohne ein Wort zu erwidern, von ihm abwandte und den nächsten Weg nach Grindelwald einschlug. Die letzten Worte des Mürrener Gelehrten hatten ihn wieder an sein kaum vergessenes letztes Unglück erinnert, und er verfolgte langsam seinen Weg, ohne sich nach irgend etwas umzuschauen, nicht jodelnd und jauchzend wie sonst, wenn er nach einem glücklichen Ausflug, in den Taschen die klingenden Goldstücke tragend, aus den Bergen kam und in sein stilles, heimatliches Haus zurückkehrte, denn daß neben ihm, dem gesuchtesten und erfahrensten Führer, ein Reisender beinahe das Leben verloren, wurmte ihn schwer, und tief bedrückt schlich er auf stillen Fußpfaden dahin, absichtlich jedem Begegnenden ausweichend, der durch Zufall ja schon sein unerhörtes Mißgeschick erfahren haben konnte.

*

Unterdessen waren die Träger mit dem Kranken schon ziemlich auf der Landstraße vorgerückt; leichten, elastischen Schrittes bewegten sie sich auf dem ebenen Boden fort, und dabei suchten sie achtsamerweise jede Erschütterung des Verwundeten zu vermeiden, so daß dieser sanft wie in einem stillstehenden Bette lag. – Unmittelbar hinter dem Tragsessel hielt sich der Doktor Marssen. Die Zügel hatte er auf den Hals seines wackeren Pferdes gelegt, das seinen Weg kannte und keiner Führung bedurfte, und zwischen den Lippen hielt er eine angenehm duftende Zigarre, deren bläuliche Rauchwirbel, wie sie einem Wölkchen gleich gegen die riesigen Felswände aufstiegen, er mit heiterem Blicke verfolgte. Den Weg, den er jetzt machte, hatte er schon oft zu Fuß und zu Pferde zurückgelegt, aber immer wieder zog das romantische Tal mit der rauschenden Lütschine, den hochgetürmten, vielgestaltigen Felsmauern und den düsteren Schluchten mit ihren tausend und abertausend quellenden Wassern sein Auge an, und er genoß diese Schönheiten alle wie ein Mensch, der sich bewußt ist, daß der Schöpfer der Welt sie hierhergesetzt hat, damit sein edelstes Geschöpf, der Mensch selber, seine Freude daran habe.

Doch lange bevor man Zweilütschinen, den Vereinigungspunkt der schwarzen und weißen Lütschine, erreicht hatte, sollte seine stille Bewunderung der großartigen Natur durch den Kranken unterbrochen werden, den er im Schlafe und also nicht stören zu dürfen glaubte. Denn als die Träger eben die Bahre niedersetzten, ihre Gefährten sie in der Arbeit ablösten und der Arzt sich dem Lager des Kranken näherte, erhob dieser den Kopf, nickte seinem Beistand freundlich zu und sagte auf dessen Frage nach seinem Befinden:

»Ich danke Ihnen, es geht mir gut, und ich bin mit meiner Lage zufrieden.«

»Dann werden Sie auch bis Unterseen in diesem Zustande verharren, denn der Weg bleibt so glatt und eben, wie er hier ist, bis vor Ihrer Tür in Beausite. Bewahren Sie nur Ihren Mut und Ihr Vertrauen, das übrige wird sich finden. Allerdings haben Sie ein bedauernswertes Unglück gehabt, allein das Leben ist Ihnen erhalten, und Sie hätten leicht noch ärger können beschädigt werden. Schmerzt der Fuß noch so sehr wie vorher?«

»Nein,« erwiderte der Kranke nach einigem Besinnen und dabei freudig aufblickend, »die Schmerzen sind erträglich. und nur einige Mal hat es auf dem Berggang fürchterlich in Arm und Bein gezuckt. Daß mir altem Bergsteiger so etwas begegnen mußte! Viermal bin ich schon in der Schweiz gewesen, ein Dutzend Gletscher habe ich erstiegen, und diesmal bin ich kaum drei Tage im Angesicht der Jungfrau, so faßt sie mich und fügt mir das große Leid zu.«

Doktor Marssen schwieg auf diese halb scherzhafte Klage, während die neuen Träger den Sessel wieder aufhoben und damit ruhig weiter schritten. Jedoch hielt er sich jetzt dicht neben dem Kranken und schien Lust zu haben, das begonnene Gespräch noch eine Weile fortzusetzen.

»Strengt Sie das Sprechen auch nicht an?« fragte er nach einer kurzen Pause.

»O nein, ganz und gar nicht, und ich unterhalte mich gern mit Ihnen. Vor allen Dingen aber würde es mir angenehm sein, zu wissen, wen ich in Ihnen vor mir zu sehen die Ehre habe. Ich selbst, um Ihnen ein gutes Beispiel zu geben, bin von Hause aus ein Jurist, habe aber, als mein Vater starb, in Frankfurt am Main sein Bankgeschäft übernehmen müssen und bin jetzt nebenbei ein Stück Regierungsmaschine der alten freien Reichsstadt, was man bei uns Senator nennt. Mein Name ist von Dannecker. Ich bin direkt in einem Zuge von Frankfurt nach Unterseen gefahren, um rasch an Ort und Stelle bei dem guten Ruchti zu sein, den meine Frau alle Jahre sehen muß, und sie würde mich vorgestern Morgen begleitet haben, wenn sie nicht einen starken Schnupfen gehabt hätte. O wie preise ich jetzt diesen Schnupfen, den ich vorgestern so unausstehlich fand! Denn welche Angst würde das arme Weib ausgestanden haben, hätte es mich da unten in der Eisspalte liegen sehen, während man oben noch nicht wußte, ob ich tot oder lebendig sei! Doch nun genug der Klage – darf ich vielmehr um Ihren Namen bitten?«

»Mein Name ist Marssen, und ich wohne in Interlaken, nicht weit vom Jungfraublick, wo ich mich seit einigen Jahren angesiedelt habe.«

»Ah, das ist prächtig, da haben Sie es nicht weit bis Ruchti, um mir Ihre Besuche abzustatten. Ich setze nämlich voraus, daß Sie so gütig sein werden, die ärztliche Behandlung meiner geringen Person bis zu meiner vollständigen Genesung zu Ende zu führen.«

Dem begierig eine zusagende Antwort erwartenden Frankfurter Senator, auf den der fremde Arzt schon seit seinem ersten Worte einen entschieden günstigen Eindruck hervorgebracht hatte, schien diese Antwort etwas lange auszubleiben, und die auffallende Pause, welche seiner Rede folgte, war nicht dazu angetan, seine Hoffnung auf augenblickliche Erfüllung seiner Bitte zu steigern. Schon sah er zweifelhaft forschend nach dem ernsten Gesicht des neben ihm reitenden Mannes hinüber, als dieser freundlich, aber fest sagte:

»Eigentlich, mein Herr Senator, sollte ich Ihr mich ehrendes Gesuch ablehnen, allein da Sie mich für unhöflich und vielleicht sogar für gewissenlos halten können, will ich dasselbe erfüllen und, wenn Sie es wünschen, Ihre Behandlung auch in Unterseen übernehmen.«

Der Kranke sah den so ernst Redenden groß an; augenscheinlich begriff er den Arzt nicht, der keine besondere Neigung verriet, einen bemittelten Patienten mehr in seine Hände zu bekommen. »Wie soll ich mir Ihre dunklen Worte erklären?« fragte er dann freimütig.

»Einfach so: ich habe mich nicht als praktischer Arzt, sondern nur als Privatmann in Interlaken niedergelassen, und da es mehrere Ärzte daselbst gibt und ich keinem von ihnen sein Brot schmälern möchte, so nehme ich in der Regel, namentlich bei wohlhabenden Leuten, Abstand, Aufforderungen Folge zu leisten, wie Sie sie eben an mich gerichtet haben.«

»Ah, nun verstehe ich. Aber Sie lassen doch Ausnahmen gelten?«

»Gewiß, und als eine solche betrachte ich die Übernahme der ferneren Behandlung Ihrer Person.«

»So bin ich Ihnen doppelt dankbar – doch, da sind wir in Zweilütschinen!« –

Das Gespräch brach hier ab, da viele Wagen auf der schmalen Straße daherrollten und der Reiter deshalb von der Seite seines Patienten weichen mußte. Auch wurde der ganze Weg fernerhin schweigend fortgesetzt, der Kranke fing an zu schlummern und wurde erst wieder vollkommen munter, als man sich Interlaken näherte und das brausende Leben, welches diesen paradiesischen Ort gegen abend erfüllt, allmählich zu seinen Ohren drang. Allein es lag nicht in der Absicht des Doktor Marssen, seinen Patienten mitten durch das lebhafte Gewoge des Badeortes zu führen, er ließ vielmehr die Träger einen Seitenweg einschlagen, und so gelangte man, nur von wenigen Menschen bemerkt, von der Neuhauser Seite nach Unterseen, nachdem der Arzt schon längere Zeit vorausgeritten war, um den Wirt und die Frau des Verwundeten auf die Ankunft desselben vorzubereiten.

Wie gewöhnlich an jedem Abend, wenn die Schneekuppen und Felsstirnen der Riesenberge sich mit ihren schönsten Farben zu schmücken pflegen, war die ganze Pensionsgesellschaft von Beausite auch heute vor den Türen unter der Halle des gastlichen Hauses gemütlich versammelt. In verschiedene Gruppen gesondert, hier ein Kranz älterer und jüngerer Damen, plaudernd oder mit einer Handarbeit beschäftigt, dort Herren, rauchend und dabei politisierend oder die neuesten Tagesvorfälle in der kleinen Sommerkolonie besprechend, saßen sie wie die befreundeten Glieder einer großen Familie beisammen, und wenn sie auch verschiedenen Nationen Europas angehörten, obwohl die Deutschen in Beausite an Zahl überwiegend zu sein pflegen, so herrschte doch unter ihnen jederzeit die herzlichste Eintracht, die geselligste Ungezwungenheit, wozu vielleicht der liebenswürdige Wirt und die natürliche Harmlosigkeit des dienstbaren Personals des Gasthauses einen beachtenswerten Teil beiträgt, und nicht selten werden in dieser oder einer ähnlichen Pension unter Personen verschiedenster Nationalität Freundschaften geschlossen, die das ganze Leben hindurch andauern und ohne eins Schweizerreise gewiß niemals zustande gekommen wären.

Die harmlose Unterhaltung am heutigen Abend wurde jedoch durch die plötzliche Ankunft des Doktor Marssen nicht gerade sehr angenehm unterbrochen. Nachdem er nämlich dem sogleich herbeispringenden Wirte mit kurzen Worten das traurige Ereignis mitgeteilt, bat er denselben, ihn ohne Verzug der Gattin des Verwundeten vorzustellen, was Herr Ruchti auch alsbald mit zitternden Lippen vollbrachte, während sein gewöhnlich bleiches Gesicht noch eine leblosere Farbe annahm. Die noch jugendliche Frau trat verwundert dem ihr fremden Manne entgegen, der sich schnell und mit überlegter Vorsicht seiner traurigen Pflicht entledigte, aber trotzdem auch in dem größeren Kreise eine Aufregung erregte, die anfangs einer fast kopflosen Bestürzung glich. Am gefaßtesten von allen zeigte sich im ersten Augenblick die Frau des Senators, und erst als die erschöpften Träger denselben unter die Halle trugen und sie sich an seine Brust warf, brach sie in einen Strom von Tränen und in ein lautes Jammergeschrei aus.

Zwanzig Arme und Hände waren sogleich bereit, dem Verwundeten alle möglichen Bequemlichkeiten zu bereiten, und in wenigen Minuten lag Herr von Dannecker in seinem guten Bett, war von neuem verbunden und fühlte sich so behaglich und zufrieden, wie es sein Zustand nur gestattete. Nachdem nun Doktor Marssen seine letzten Verordnungen gemacht, der immer noch schluchzenden Frau den herzlichsten Trost zugesprochen und seinen Besuch am frühen Morgen des nächsten Tages verheißen hatte, überließ er den ermüdeten Patienten der Fürsorge seiner Gattin und deren Freunde. Fünf Minuten später hatte er sein Pferd bestiegen und ritt, in ernste Gedanken versunken, von Beausite fort, um auf dem Nebenwege, den er vorher eingeschlagen, nach seinem Hause zu gelangen, welches, seitwärts vom Höhewege, der gewaltigen Bergkette näher lag, welche sich im Süden von Interlaken erhebt und allmählich zur Jungfrau aufsteigt, die in ihrer ganzen Majestät und Pracht wie eine Königin der Berge über alle übrigen fortragt und mit ihrem leuchtenden Auge das ganze Bödeli und meilenweit hinaus einen großen Teil der alpenreichen Schweiz überblickt.

Wenn er auch als Arzt, der früher eine ausgedehnte Praxis betrieben, an die Ausbrüche des Schmerzes, des Kummers und der Verzweiflung an Krankenbetten gewöhnt war, so hatte sich sein weiches Gemüt doch keineswegs gegen die Leiden seiner Mitmenschen abgestumpft, vielmehr fühlte er tief und innig die fremden Schmerzen mit, die vor seinen Augen und Ohren laut wurden. Der jammervolle Aufschrei, den die junge Frau vorher hatte hören lassen, als sie das bleiche, mit blutigen Striemen bedeckte Gesicht ihres Mannes sah, den sie vor wenigen Tagen vollkommen gesund, frisch und lebensfroh verlassen, klang ihm noch immer peinlich im Herzen wieder, und es bedurfte einer nicht geringen Anstrengung seines Geistes, sich von den Eindrücken dieser bittern Stunde loszureißen. Da aber, bei einer Wendung des Weges, trat der schneeweiße Mosel der Jungfrau, von den Strahlen der allmählich sinkenden Sonne rosig angehaucht, in seinen Sehkreis, und fast augenblicklich ließ die Spannung seiner Seele nach, sein umflortes Auge blickte freudiger auf, und er fühlte sich wieder in den behaglichen Kreis seines alltäglichen Lebens zurückversetzt.

Fast noch mehr beruhigend auf ihn aber wirkte gleich darauf der Anblick des breiten Daches seines von schönen Nußbäumen beschatteten Hauses, das alsbald seine grünen Fensterläden durch die Zwischenräume der mit Früchten beladenen Zweige schimmern ließ; und als er zuletzt einer lieben und treuen Frauengestalt vor der Tür des stattlichen Gebäudes ansichtig wurde, die ihm mit erwartungsvollem Herzen entgegenschaute, da drückte er seinem müden Rappen die Schenkel fester an, und rasch flog er vor das stille Haus, in dessen Innern der ganze unbeschreibliche Frieden lag, den er sich endlich nach so langen Kämpfen und Widerwärtigkeiten eines bewegten Lebens errungen hatte.

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