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Die Tochter der Luft

Johannes Scherr: Die Tochter der Luft - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorJohannes Scherr
titleDie Tochter der Luft
publisherMax Hesses Verlag
seriesNovellenbuch
volumeVierter Band
printrunSiebente Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070710
projectid11d64b39
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Zweites Buch.

Eva.

Mein ganzes Leben war eine Kette trauriger und unglückseliger Widersprüche gegen mein Herz und meinen Verstand.
Lermontoff.

1. Im verwunschenen Schloß.

»Beim Zeus! der Tauberich hat nicht so ganz unrecht gehabt, wenn er Bernwartshall ein verwunschenes Schloß nannte. Jedenfalls sieht es nicht sehr heimelig aus.«

Dieser halblaute Ausruf entschlüpfte dem jungen Rechtsanwalt, als er, ein paar Stunden nach der Unterredung mit dem Goldforellenwirt, aus der Pappelallee auf den freien Platz trat, an dessen Ende das Schloß seine schwärzlichen Zinnen und altersgrauen Türme in die Luft erhebt.

Bernwartshall ist in seinem Kern ein uraltes Bauwerk. Die Sage will, daß die Grundmauer des mittelalterlichen Wartturms, welcher jenen Kern bildet, von den Römern herrühre, was gar nicht unwahrscheinlich ist. Ein aufmerksamer Beobachter kann an den einzelnen Teilen des Schlosses noch jetzt deutlich die Merkmale des Vorschrittes mittelalterlicher Architektur wahrnehmen. Das Ganze bildet eine architektonische Chronologie in Stein etwa vom zwölften bis weit ins siebzehnte Jahrhundert herab. Zugleich kann Bernwartshall eines der besterhaltenen Beispiele jener Art von mittelalterlichen Burgen abgeben, welche man Wasserburgen nannte, im Gegensatz zu den Bergburgen. Wie bei diesen Fels und Hügel die Hauptmittel der Befestigung und Sicherheit darboten, so bei jenen See und Fluß. Der breite Graben, welcher, von der Forg gespeist, Bernwartshall zu einer Wasserburg machte, existiert noch heute, und können überhaupt Romantiker an dem ganzen Bauwerk, soweit es jetzt noch vorhanden, ihre antiquarische Neugierde befriedigen. Platz haben sie genug dazu, ihr Steckenpferd zu tummeln, denn das Schloß ist groß und bedeckt mit seinen Ringmauern und Höfen einen weiten Raum. Auch wird sie, die romantischen Antiquare nämlich, niemand in ihren Untersuchungen stören, es wäre denn, daß – doch das gehört noch nicht hierher.

Ottmar hatte nicht nötig, die unter der Torhalle diesseits des Grabens angebrachte Klingel zu ziehen, denn die Zugbrücke war heute nicht aufgezogen. Er betrat sie und kam drüben durch ein düsteres Torgewölbe, welches auf einen kleinen Hof mündete, der ringsher von hohen Mauern eingeschlossen war. Indem er sich umsah, ungewiß, welche Richtung er einschlagen sollte, kam aus einer Art Portierloge am Ausgange des Torgewölbes der »beliebige Kerl«, welcher gestern den Groß- und Detailhändler, Stadtrat und Kirchenältesten empfangen hatte und kein anderer war als der Torwart. Der Mann sah gar nicht räubermäßig aus und trug, wie die übrige männliche Dienerschaft des Schlosses, eine schmucke hellgrüne Livree mit Silberborten.

»Ich bin der Rechtskonsulent Horst,« sprach Ottmar den Hellgrünen an, »und wünsche dem Herrn Grafen meine Aufwartung zu machen.« »Der gnädige Herr wird Sie auf der Stelle empfangen, Herr Doktor,« entgegnete der Diener. »Meine Herrschaft erwartete Sie schon gestern. Haben Sie nur die Güte, mir zu folgen.«

Unser Freund ging seinem Führer nach, welcher ihn aus dem engen Vorhof durch ein zweites, noch längeres und düstereres Torgewölbe in den eigentlichen Burghof, den sogenannten Ehrenhof, geleitete. Hier sah es freundlicher aus. Ein alter Ahorn stand mitten auf dem Platz und beschattete einen großen Röhrbrunnen. Zur Rechten sah man ein langes Gebäude, welches zu Remisen und Stallungen eingerichtet war und vor welchem ein Jockey den gesattelten und dampfenden Schimmel der Gräfin auf und ab führte, der seine Herrin soeben von einem raschen Ritt zurückgebracht zu haben schien. Zur Linken, gegen den Fluß zu, streckte sich die lange Fronte des eigentlichen Herrenhauses hin, augenscheinlich das jüngste Bauwesen von Bernwartshall, wohnlich aussehend und sogar nicht ohne Ansprüche auf jene architektonische Schönheit, welche den Stil der Renaissance auch da noch kennzeichnet, wo er schon in den Perückenstil des achtzehnten Jahrhunderts überzugehen anfängt.

Ottmar folgte dem Diener den breiten Perron hinauf und droben durch eine Vorhalle mit zierlicher Wölbung. In dieses Vestibulum, wenn man es so nennen darf, mündeten von links und rechts her Korridore, deren ersterer, wie der Hellgrüne unserem Freunde bedeutete, in die Gemächer des Hausherrn, der zweite in die der Gräfin führte. Jenen hinabgehend, stießen Ottmar und sein Führer auf einen Mann, dessen kupferbraunes Gesicht unsern Freund einen halben Schritt zurücktreten machte, obgleich er durch Wate darauf vorbereitet war, einen Indianer in Bernwartshall zu finden. »Milimach,« sagte der Hellgrüne zu dem Rothäutigen, »melde dem Sachem, daß der Herr angekommen sei, welchen er gestern erwartete.«

Der Indianer ließ sein dunkles Auge mit der gleichgültigen Kälte seiner Rasse einen Moment auf den Zügen des Fremden ruhen und verschwand dann, ohne einen Laut von sich zu geben.

»Milimach! Sachem!« sagte Ottmar zu sich, als er in dem Kabinett, in welches ihn sein Führer gebracht hatte, allein war, »das sind Namen, so abenteuerlich wie die Gegenstände, welche sie bezeichnen. Ich muß, glaub' ich, die Erinnerungen Cooperscher Romane, aus meinem Gedächtnis heraufholen, um mich auf diesem Terrain zurechtzufinden.«

Er sah sich in dem Gemach um, welches, mehr tief als breit, nur ein Fenster hatte, das auf einen kleinen Grasfleck mit einer verwilderten Baumgruppe hinausging. Weiter reichte der Blick nicht, denn hochaufgeschossenes Gebüsch schnitt die Aussicht auf den Fluß ab, und man konnte auf den Einfall kommen, der Bewohner des Gemaches habe dasselbe absichtlich gewählt, weil er hier vor jeder Störung von außen, vor jeder Beeinträchtigung seines Nachdenkens durch äußere Dinge gesichert war. Die Bücherrepositorien an den Wänden und der große, mit physikalischen Instrumenten bedeckte Tisch in der Mitte des Zimmers widersprachen dieser Annahme nicht. Mehrere Bücher lagen da und dort aufgeschlagen umher, und als Ottmar, gelangweilt durch das lange Ausbleiben des Grafen, eines derselben zur Hand nahm, sah er, daß es Orfilas Toxikologie war. Er begann gleichgültig da zu lesen, wo das Buch des berühmten Chemikers aufgeschlagen war, und las einige Seiten herunter, welche eine Analyse des Nikotins enthielten, ganz nur mechanisch und ohne seiner Lektüre irgendwelche tiefere Aufmerksamkeit zu schenken. Endlich hörte er Tritte auf dem Korridor und legte das Buch weg.

Der Graf trat ein.

»Willkommen, sehr willkommen in Bernwartshall, mein werter Herr Doktor,« sagte er, »und entschuldigen Sie, daß ich Sie warten ließ. Ich war gerade in meinem Laboratorium beschäftigt – ich treibe nämlich, um die Zeit totzuschlagen, Chemie – als Sie kamen, und wollte mich Ihnen doch nicht in dem manchmal etwas schauerlichen Kostüm eines Laboranten vorstellen.«

»Wie dem armen Tauberich,« dachte Ottmar, ließ es aber bei einer Verbeugung sein Bewenden haben. Soweit er den Schloßherrn während der folgenden Unterredung beobachten konnte, stellte sich das Resultat seiner Beobachtung etwa so.

Graf Hippolyt war hochgebaut, mager, sehnig. Er trug über der hohen, schmalen Stirne das rötlichblonde Haar kurz geschoren, während ein nachlässig behandelter Bart Lippen und Kinn umwucherte. Seine Züge hätte man gewöhnlich nennen können, wenn ihnen nicht die tiefe dunkle Furche zwischen den Brauen, welche bis zur Wurzel der dünnen Habichtsnase herablief, einen gewissen Ausdruck von Energie verliehen hätte. Soweit hätte man sich mit dieser Physiognomie schon befreunden können. Aber die Augen des Mannes ließen das nicht zu. Es waren blaßblaue Augen, die, ohne gerade zu schielen, einen ganz eigentümlich falschen Blick hatten, einen gewissen matten Bleiglanz, der ankältend wirkte. Es machte einem unbehaglich, in diese Augen zu sehen.

»Wir haben Sie schon gestern erwartet, Herr Doktor,« sagte der Graf, »und wir hoffen, daß es Ihnen in Bernwartshall gefallen möge. Das Haus ist freilich nicht mehr der frohe Ort von ehemals; indessen wollen wir unser Möglichstes tun, Ihren Aufenthalt so angenehm zu machen, wie die Umstände es erlauben. Ihre Zimmer sind in Bereitschaft –«

»Verzeihen Sie mir, Herr Graf, wenn ich unhöflich erscheine, indem ich Ihre Gastfreundschaft nicht in ihrem ganzen Umfang annehme. Gewiß, ich weiß Ihre Güte zu schätzen, allein zufällige Umstände bestimmten mich, mein Quartier in der Goldforelle im Bühl aufzuschlagen.«

»In der Goldforelle?« versetzte der Graf mit einer Betonung, die es zweifelhaft ließ, ob er mit dieser Ablehnung seiner Einladung nicht so ganz unzufrieden war, oder ob er seine Unzufriedenheit mit weltmännischem Takt zu verbergen wußte.

»Ja, in der Goldforelle,« sagte Ottmar. »Das Haus ist mir von meinen Knabenjahren her ein bekanntes, und dann haust gegenwärtig auch mein Freund Wate dort, mit welchem ich während meines Aufenthaltes im Forgtal möglichst viel zusammensein möchte.«

»Das ist freilich ein triftiger Grund, welcher aber, wie ich hoffe, nicht verhindert, daß Sie mein Haus als das Ihrige ansehen werden. – Sie kennen also Herrn Baldung?« fügte er leichthin bei, doch entging unserem Freunde der forschende Ton dieser Frage nicht.

»Ja, Herr Graf, und zwar als einen Ehrenmann durch und durch.«

»Gewiß, das ist er,« erwiderte der Graf rasch und eifrig. »Herr Baldung ist ein wackerer Mann, in der Tat. Er hat zwar gewisse Eigenheiten, sagt man, aber –«

»Wer hat die nicht?« beendigte Ottmar den angefangenen Satz des Hausherrn.

»Freilich, freilich, ich bin ganz mit Ihnen einverstanden. – Aber jetzt wollen wir, wenn Sie nichts dagegen haben, von unserem Geschäfte reden.« »Deshalb kam ich, Herr Graf. Wenn Sie es mir jedoch zugute halten wollen, möchte ich eine Frage vorausschicken.«

»Ich bin zu ihren Diensten, Herr Doktor.«

»Ihr für mich schmeichelhafter Antrag kam mir ganz unerwartet, so unerwartet, daß Sie meine Neugierde begreifen, zu erfahren, wie es kam, daß Sie gerade auf mich verfielen, während es doch unter meinen Kollegen in der Hauptstadt viele gibt, mit denen ich an Ruf mich durchaus nicht messen kann.«

»O, das ging sehr einfach zu. Als ich vor kurzem mit meiner Frau in der Residenz war, wurde die Gräfin durch eine Dame ihrer Bekanntschaft auf Sie aufmerksam gemacht. Sie teilte mir das mit, und auf meine Erkundigungen erfuhr ich, daß ich Ihnen mit vollstem Zutrauen die Führung dieses nichtswürdigen Prozesses überlassen könnte, von dessen Ausgang, wie ich Ihnen nicht verschweigen will, die Zukunft meines Hauses abhängt. Im übrigen muß ich noch sagen, daß mich bei Ihrer Wahl neben Ihrer mir von kompetenter Seite verbürgten Tüchtigkeit auch noch der Umstand leitete, daß Sie ein Forgtaler Kind. Ich dachte mir, Herr Doktor, ein geborener Forgtaler würde an dieser Sache einen lebhafteren Anteil nehmen, als ein Fremder, der die ganze Angelegenheit über den banalen Geschäftsleisten schlüge.«

»Ich hin Ihnen dankbar für dieses Vertrauen, Herr Graf, und Sie sollen sich insofern nicht in mir geirrt haben, als ich mein möglichstes tun werde. Aber ich spreche wie der Blinde von der Farbe, denn ich weiß nur ganz obenhin, daß der Forgforst der Gegenstand Ihrer Streitsache ist.«

»Ja, dieser unglückselige Forst, welchen meinetwegen der Teufel holen könnte, wenn er nicht einen so großen Wert besäße.« Hier zog sich die Brauenfurche des Sprechers schwärzer zusammen, und der Bleiglanz seiner Augen wurde unheimlicher, indem er fortfuhr:

»Ich nannte den Prozeß einen nichtswürdigen, weil es ein wahrer Skandal, daß mein Halbbruder sich nicht herbeilassen will, eine durch nichtswürdige Rabulisterei verschleppte Streitsache in billiger oder vielmehr gerechter Weise beizulegen. Der Freiherr weiß recht gut, daß das Recht auf meiner Seite ist.«

Ottmar hielt sich nicht für befugt, auf diese persönliche Seite der Sache näher einzutreten, und bemerkte daher:

»Aber die Gegenpartei muß doch Anhaltspunkte für ihre Ansprüche haben, sonst hätte sich die Sache unmöglich so lange verschleppen lassen. Doch um was dreht sich denn eigentlich der Streit?«

»Die Sache ist an und für sich sehr einfach, und soweit sie einfach ist, will ich sie Ihnen sofort mitteilen. Was jedoch die Verworrenheit betrifft, welche die Gerichte und Ihre Herren Kollegen – entschuldigen Sie, Herr Doktor – daraus gemacht, darüber muß ich Sie, an meine Frau weisen, die im vergangenen Winter aus Langweile, glaub' ich, diesen verhenkerten Prozeß zu ihrem Studium gemacht. Ich selber mochte nie etwas damit zu tun haben; schon der Anblick dieser abscheulichen Aktenstöße machte mich krank. – Also, wie gesagt, meine Frau wird Sie über, den Gang des Prozesses besser belehren können als ich. Ich beschränke mich daher auf den einfachen Sachverhalt. – Mein Großvater war ein Mann wie wir Bernwarte alle, das heißt, er brauchte viel Geld und machte sich der Zukunft wegen keine Sorgen. In einer seiner gewöhnlichen Verlegenheiten oder, wenn Sie wollen, in einer ungewöhnlichen wandte er sich, wie das schon oft geschehen, an seinen Nachbar, den Freiherrn von Moosbrunn. Nun müssen Sie wissen, daß die Moosbrunn oder wie sie, wie ich behaupte, eigentlich ursprünglich hießen, die Moosbrunner – denn ihr Ahnherr war so sicher und gewiß, als ich ein Bernwart bin, nicht mehr und nicht weniger als ein Jude – die Moosbrunner also besaßen von jeher ein ebenso eminentes Talent zum Schachern und Erwerben als die Bernwarte zum Verschwenden. Der Großvater meines Halbbruders war daher gleich bereit, meinem Großvater die Summe vorzustrecken, welche derselbe gerade bedurfte, und mein Großvater stand nicht an, ihm als Pfand dafür den Forgauer Forst, einen unserer letzten und schönsten Wälder, zu verschreiben. Das Pfand wurde natürlich zu der als Termin bestimmten Zeit nicht eingelöst. Aber bemerken Sie wohl, ich spreche vom Forgauer Forst.«

»Zum Unterschied vom Forgforst, nicht wahr?«

»Allerdings; aber wie, auch Sie kennen diesen Unterschied?«

»Wenigstens glaube ich mich aus meinen Knabenjahren dunkel zu erinnern, daß diese Unterscheidung im Forgtal gang und gäbe war. Wenn mir recht ist, so betrachtete man früher den Bach, welcher beim Bärenschlößchen von den Bergen herabstürzt, oder vielmehr den tiefen und breiten Einschnitt, durch welchen dieser Bärenbach aus dem weiten, hinter dem Schlößchen liegenden Waldgebiet hervorkommt, als die Grenzmark zwischen dem Forgforst und dem Forgauer Forst. Dieser dehnte sich an dem linken, jener an dem rechten Ufer des Baches weithin über Hügel, Bergkuppen und Schluchten.«

»Ganz richtig, so ist es noch heutzutage. Sie haben ein bewunderungswürdiges Gedächtnis, Herr Doktor, und ich stehe nicht an zu sagen, daß ich diese Treue Ihrer Erinnerung für ein gutes Omen ansehe. Aber hören Sie weiter. Der Moosbrunner Schurke wollte die Gelegenheit benutzen, nicht nur den Forgauer Forst, sondern zugleich auch den Forgforst einzusacken, und die Sorglosigkeit meines Großvaters, welche er allzugut kannte, erleichterte ihm seine Spekulation ungemein. Er wußte es zu machen, daß in der Pfandurkunde der Name des fraglichen Waldes so undeutlich geschrieben ward, daß kein Experte der Schreibekunst – hole sie der Henker allesamt! – bis auf den heutigen Tag hat daraus klug werden können, ob das Wort Forg- oder Forgauer Forst heiße. Zur Vermehrung der Gaunerei hatte jener Hund von Enkel eines Judenbuben in das Dokument auch noch den Ausdruck, »das ganze Waldterritorium« des unleserlichen Forstes einzuschmuggeln gewußt. Auf das noble Dokument gestützt, nahm dann der Schuft den Forst hüben und drüben vom Bärenbach in Anspruch, und so begann noch bei Lebzeiten meines Großvaters dieser verdammte Prozeß, welcher früher von unserer Seite leider so nachlässig betrieben wurde, daß die Gegenpartei einen bedeutenden Vorsprung gewann.«

»Erlauben Sie mir zu fragen, Herr Graf: Existiert außer dem besagten Dokument über die fragliche Verpfändung kein weiteres?«

»Doch. Mein Großvater scheint seinem Nachbar doch nicht so ganz getraut zu haben. Die Pfandverschreibung wurde in Duplo ausgefertigt und in unserem Exemplar ist das Pfandobjekt ganz deutlich »Forgauer Forst« geschrieben. Noch mehr, in unserem Exemplar heißt es weiter: ›Und soll besagtes Pfand, der Forgauer Forst, begreifen das ganze Waldgebiet bis zu den drei Anno 1744 gesetzten Marksteinen längs des Baches.‹«

»Das ist ja vortrefflich!«

»Wohl, hatte die Sache nur nicht einen Haken, an welchem sie die Gegenpartei geschickt fassen konnte.« »Wie denn?«

»Sie bemerkten, daß es in der Urkunde leider nur heißt: ›längs des Baches‹, nicht aber: ›längs des Bärenbaches‹. Demzufolge behauptete und behauptet die Gegenpartei, unter dem Bach sei nicht im entferntesten der Bärenbach, sondern vielmehr der Trausigbach zu verstehen, welcher diesseits des Plateaus des Pfaffenwaldes allerdings die Grenze des ganzen prächtigen Hochwaldgebietes bildet, das einst unserem Hause gehörte und von welchem jetzt nur noch der bestrittene Forgforst uns geblieben ist. Diese Behauptung der Moosbrunner wurde durch zwei höchst unglückliche Umstände unterstützt. Erstens vermochten sie urkundlich nachzuweisen, daß auch jene noch jetzt stehenden Grenzsteine am Trausigbach drüben im Jahre 1744 gesetzt wurden, und zweitens waren, als mein Vater einen Anlauf zu energischerer Betreibung des Prozesses nahm, die Marksteine längs des Bärenbaches nicht mehr aufzufinden.«

»Das ist in der Tat schlimm.«

»Allerdings, und die Sache wird noch dadurch verschlimmert, daß in den alten Lehnsurkunden die Territorien des Forgforstes und des Forgauer Forstes nicht streng auseinander gehalten sind, sondern daß darin bald dieser, bald jener Name für das ganze Waldgebiet vorkommt. Eine dieser Urkunden jedoch, die jüngste von allen, führt die beiden Forste als voneinander getrennte Teile des ganzen Waldgebietes auf und bezeichnet ausdrücklich den Bärenbach als die Grenze zwischen den beiden Parzellen.«

»Das ist nun wieder meines Erachtens ein sehr glücklicher Umstand, Herr Graf. Der glücklichste freilich wäre der, daß sich die drei Marksteine längs des Baches, nämlich des Bärenbaches, wieder auffinden ließen. – Ich sehe Ihnen an, daß Sie sagen wollen, das einzusehen, bedürfe man keines Juristen.«

»So etwas, Herr Doktor,« versetzte der Graf und versuchte zu lächeln.

»Sie haben recht,« sagte Ottmar. »Im übrigen muß ich mir vorbehalten, Ihnen meine Ansicht über den Stand dieser wichtigen Angelegenheit im allgemeinen und speziellen erst dann darzulegen, wenn ich mich mit dem aktenmäßigen Gang des Prozesses von Anfang an bis heute vertraut gemacht haben werde. Ich will schon heute, spätestens morgen an mein Geschäft gehen.«

»Sprechen Sie vor allen Dingen mit meiner Frau. Sie kennt diese verdammte Geschichte viel genauer als ich und weiß vortrefflich Bescheid in unserem Familienarchiv. Ich selber – wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen – will nichts oder wenigstens möglichst wenig mit der Sache zu tun haben. Sie ist mir im höchsten Grade zuwider. – Die Bekanntschaft der Gräfin haben Sie ja, wie sie mir sagte, schon gestern gemacht, auf dem Pfaffenwald droben.«

»Ja, ich hatte das Vergnügen. Allein bevor ich der Frau Gräfin aufwarte, möchte ich an Sie, Herr Graf, noch zwei Fragen richten.«

»Sprechen Sie. Ich höre.«

»Haben Sie schon alles Nötige versucht, um die Grenzsteine längs des Bärenbaches aufzufinden?«

»Alles. Ich selber habe mich zu wiederholten Malen und einmal eine ganze Woche lang mit Aufsuchung der verwünschten Steine beschäftigt, und noch dazu half mir die Rothaut, der Milimach, welchen ich aus Sonora mit heimgebracht. Diese Indianer haben, wie Sie wissen, Augen, denen nichts entgeht; allein obgleich Milimach auf der ganzen fraglichen Stelle sozusagen jede Zollbreite des Bodens untersuchte, fand sich doch nicht die Spur von einem Markstein vor. Die drei Steine sind wie weggeblasen, und da sie es schon zu meines Vaters Zeiten waren, so will ich jeden Eid darauf schwören, daß der Moosbrunner, jener nämlich, welchem der Forgauer Forst verpfändet wurde, bei Nacht und Nebel die Grenzsteine beseitigt hat.«

»Das ist eine schwere Beschuldigung, Herr Graf.«

»O, lange nicht zu schwer für jenen infamen Schubiak, den maldito gojo, welcher hoffentlich in der untersten der siebzehn Höllen bratet, an welche die Mexikaner glauben.«

Ottmar fand es nicht nach seinem Geschmacke, die augenscheinlich nur mühsam verhaltenen Zornausbrüche seines Klienten mit anzuhören, und sagte daher:

»Entschuldigen Sie, Herr Graf, wenn ich zu meiner zweiten Frage übergehe. Haben Sie einen Versuch gemacht, Ihren Halbbruder zu einer gütlichen Austragung der Sache zu veranlassen?«

»Ich tat es, und leider, daß ich es tat!«

»Wieso?«

»Der Moosbrunner Laffe, der –«

Hier gebrauchte der Graf einen so gemeinen Ausdruck, daß ihn die Feder nicht wiedergeben kann.

Ottmar schämte sich für seinen Klienten, und dieser fühlte doch selbst das Unpassende seiner Sprache. Er machte, um sich zu fassen, einen Gang durch das Zimmer und sagte dann:

»Verzeihen Sie, Herr Doktor, daß ich in meiner gerechten Erbitterung ungehörige Worte gebrauchte. Hörte ich doch einmal einen gescheiten Mann sagen, seinem Rechtsanwalt gegenüber dürfe man sich so wenig verstellen, als man es seinem Arzt gegenüber darf. – Die Sache ist, daß Adalbert mit der ganzen Süffisance eines Kavallerieleutnants, was er ist, meine Vergleichsvorschläge zurückgewiesen hat. Davon, sagte er, ließe sich etwa sprechen, wenn er den Prozeß gewonnen habe.«

»Recht brüderlich das!«

»Nicht wahr? Aber,« fuhr Graf Hippolyt fort, indem er Ottmar starr und fast sarkastisch ansah, »derartige Brüderlichkeit scheint in unseren Tagen Mode zu sein, denn ich glaube gehört zu haben, daß die Brüder Horst –«

Ein gezwungenes Lachen ergänzte den Satz.

Unser Freund merkte die Absicht des Grafen, die Blöße, welche derselbe vorhin sich gegeben hatte, durch eine Parallele zu decken. Das verstimmte ihn, und er bemerkte daher kurz:

»Die Brüder Horst, Herr Graf, haben sich vereinbart, der Welt wenigstens keine Gelegenheit zum Ärger oder zum Lachen zu bringen.«

»O, was das betrifft, Herr Doktor, Adalbert und ich spielen auch nicht Edmund und Edgar mitsammen. Sie haben Ihren Shakespeare ohne Zweifel besser inne als ich und werden mich verstehen.«

»So ziemlich, obgleich ich, offen gestanden, nicht recht begreife, wie man mit einem solchen Prozeß zwischen sich leidlich miteinander sich vertragen kann.«

»Ja, was wollen Sie? Adalbert sagte, als er im letzten Herbst hier war, in seiner impertinenten Weise zu mir: ›Ich denke, Hippolyt, von unserem Prozeß sprechen wir gar nicht; das ist die Sache unserer Advokaten und geht uns persönlich nichts an.‹ – Ich, als Gentleman, konnte doch wohl nicht anders, als in diesen Ton eingehen? Nachher trafen wir uns in der Residenz, und seit er für diesen ganzen Sommer Urlaub genommen hat und mit seinen zwei poetischen Raritäten ins Forgtal heraufgekommen ist, verging kaum ein Tag, ohne daß er in Bernwartshall war. Die Konvenienz, wissen Sie, Herr Doktor, ist allmächtig. Außerdem dient der Umgang mit Adalbert und seinen Gästen zum Amüsement meiner Frau, und ich mag ihr das wohl gönnen, um so mehr, als meine physikalischen Studien mir keine Zeit übrig lassen, ihr die ihrige vertreiben zu helfen.«

Der Graf brächte das alles ganz unbefangen und leichthin vor, und doch wollte es unseren Freund bedünken, diese Unbefangenheit sei nur eine gemachte. Er hielt sich jedoch um so weniger berufen, den verfänglichen Gesprächsgegenstand festzuhalten, als er dem Grafen den Wunsch anzumerken glaubte, die Unterredung überhaupt zu beendigen. Er wollte sich daher eben empfehlen, als sein Klient sagte:

»Sie würden mich verbinden, wenn Sie jetzt meine Frau aussuchen wollten. – Ich habe vor Tische noch einige dringende Briefe zu schreiben. – Sie bleiben natürlich zum Diner; es sind einige Gäste geladen, die von jenseits des Flusses, und Ihr Freund Wate, glaub' ich.«

So sprechend, klatschte er dreimal mit den Händen und tat einen eigentümlich gellenden Pfiff. Fast unmittelbar darauf öffnete sich im Hintergrund des Kabinetts eine Türe, und ein phantastisch aufgeputztes weibliches Wesen hüpfte herein.

»Erschrecken Sie nicht, Herr Doktor,« sagte der Graf, als Ottmar die seltsame Erscheinung befremdet musterte. »Es ist nur mein Page, die Tochter Millimachs. Estrella,« fügte er, zu der jungen Indianerin gewendet, hinzu, »führe den Herrn zu meiner Frau.«

Das braune Mädchen schoß aus ihren tiefschwarzen Augen einen Blick der Neugier auf den Fremden. Ottmar bemerkte, daß sie für sehr hübsch gelten konnte, aber ihre feuersprühenden Augen blickten nicht sehr weiblich. Von mittelgroßer Gestalt, war ihr Gliederbau üppig und doch zugleich ebenmäßig. Das turbanartig um die schwarzen Haare gewundene rote Tuch, die hellgrüne Tunika und die scharlachenen Beinkleider, an welche sich an den Knöcheln gelblederne Stiefelchen schlossen, bildeten eine Tracht, welche, wenn man sich erst an die Fremdartigkeit derselben gewöhnt hatte, nicht übel zu der ganzen Erscheinung paßte.

»Kommen Sie, Sennor,« sagte das Mädchen in den tiefen Gutturaltönen ihrer Rasse, jedoch mit einer Deutlichkeit, welche zeigte, daß sie der deutschen Sprache mächtig war.

Während Ottmar seiner Führerin durch die Korridore des Schlosses folgte, wandten sich, da ihm Estrella schweigsam voranging, seine Gedanken zu dem Grafen zurück.

»Der Mensch gefällt mir nicht,« sagte er sich. »Es ist etwas Verstecktes in ihm, ja, und etwas Halbwildes, wie Baldung richtig sagte. Die gemeinen Schimpfworte, welcher er sich in der Aufwallung bediente, verraten, daß hinter seiner ruhigen Außenseite eine Roheit schlummert, die unter Umständen sicherlich wild genug aufschlagen kann. Wer war es doch gleich, der die Bemerkung machte, daß Shakespeares Shylock dann, wann er seiner Wolfsnatur die Zügel schießen lasse, immer zynisch werde? Das ließe sich, vermute ich fast, mutatis mutandis auch auf den Herrn Grafen anwenden. Und diese braune Nymphe da, welche hübsch ist wie die Sünde und Augen hat wie ein Teufelchen! Hm, beim Zeus! Am Ende hat Herr Tauberich doch recht, von diesem Schloß als von einem verwunschenen zu sprechen.«

2. Typen und Kontraste unserer Tage.

Unser Freund gehörte nicht zu den Männern, welche in einem Frauengemach eine gewisse geniale Unordnung lieben und geneigt sind, diese Genialität als ein Merkmal eines nicht gewöhnlichen Frauencharakters anzuerkennen. Er war im Gegenteil der Ansicht, ohne Ordnung im größten wie im kleinsten sei jene Schönheit nicht denkbar, welche in der Harmonie besteht, und harmonisch mußte nach seiner Meinung die Erscheinung einer Frau sein, den Charakter der Harmonie mußte sie ihrer ganzen Umgebung aufdrücken.

Demzufolge ward er nicht eben angenehm berührt, als er beim Betreten des Zimmers, an dessen Schwelle die Indianerin ihn verlassen, sich unwillkürlich sagen mußte: »Da sieht's chaotisch aus.«

In der Tat, das ganze Gemach war nur ein Wirrwarr von unzusammmgehörigen Dingen, ein buntes Allerlei von sorglos durcheinander gestreuten Gegenständen: Bücher und Kleidungsstücke, Albums und Blumenvasen, Gitarren und Reitgerten, ein namenloses Potpourri auf Tischen, Diwans, Sesseln; an der einen Wand die Kopie einer Tizianschen Venus, an der andern eine von Kranachs Christus unter den Kindern, auf dem Kamingesims die Marmorbüste Goethes und hart daneben die Gipsfigur irgend eines obskuren Gustav-Adolfvereinlers, unter dem Trumeau die Bilder von Byron und Georges Sand in Stahlstich und darüber herhängend ein gutkatholischer Rosenkranz.

Um Ideenassoziationen ist es bekanntlich eine eigene Sache. Sie machen sich oft so sonderbar und willkürlich, daß die Psychologie vergeblich sich müht, ihrem Zusammenhang untereinander auf den Sprung zu kommen. So war es denn auch recht eigen, daß Ottmar beim Anblick des Boudoirs der Gräfin daran denken mußte, wie ihm vorhin, bevor er die Goldforelle verlassen, der Zufall gestattet hatte, einen Blick in das bescheidene Kämmerchen des Aivli zu werfen. Wie war da alles sauber und blank und jungfräulich keusch gewesen! Ihm war dabei das Wort eingefallen, welches der Anblick von Gretchens Kammer dem Mephisto abnötigt:

Nicht jedes Mädchen hält so rein –

Aber wenn ihm der Tempel einen widerwärtigen Eindruck machte, so verschwand derselbe vor dem überwältigenden Zauber, welchen die Schönheit der Göttin übte.

Die Gräfin trat durch die offenstehende Glastüre herein, welche auf eine Terrasse am Fluß draußen führte.

Mit einer gewissen Hoheit und doch zugleich mit unbefangener, zwangloser Heiterkeit begrüßte sie ihren Gast.

Er stand geblendet vor ihr, und wenn er sich später dieses Augenblickes erinnerte, wähnte er empfunden zu haben, daß Waldau dieses Weib gemeint haben mußte, als er die Züge seiner Rahab entwarf:

Nie zogen die Brauen noch zarter geschwungene Bogen,
Nie trugen sie kühner ein stolzeres Stirnengewölbe,
Und würdig so herrlicher Brücke bewies sich der Strom auch,
Der mächtig und klar wie Kristall durch die Bogen geschossen.
Nicht milde bezaubert sie zwar, nicht fesselt sie lieblich
Mit dem Frühlingsschmelz und dem Flaum jungfräulicher Anmut;

Doch, seit ihr die ersten, die zartesten Blüten verwelkten,
Erschlossen noch reichere Pracht glühfunkelnde Kelche.
Hinreißend und sinneverwirrend, ein leuchtend Gebilde
Schwungkräftigster Schönheit, wonnigster Weibesentfaltung,
Entzündet das selige Bild heißlodernd Begehren.

Eva bemerkte unschwer die mächtige Wirkung, welche ihre Erscheinung auf den jungen Mann machte, und sie hätte müssen kein Weib sein, wenn das Wohlgefallen, welches sie darob empfand, ihr Lächeln nicht noch strahlender gemacht.

Gerade dieses Lächeln aber ließ bei unserem Freund, der doch sonst kein Mensch aus Marzipan war, nicht so rasch, wie er gewünscht hätte, die rechte Fassung aufkommen, und er verwünschte später seine Albernheit, daß ihm kein anderes Wort eingefallen, als nach gemachter Verbeugung zu sagen:

»Gnädige Frau, Sie haben einen wunderlichen Pagen.«

»Einen Pagen! Wen meinen Sie?«

»Nun, das Indianermädchen, welches mich herführte.«

»Estrella?«

»So heißt sie, wenn ich recht gehört habe.«

»Erlauben Sie, Herr Doktor, einen kleinen Irrtum zu berichtigen. Estrella ist nicht mein Page, sie ist die Maitresse meines Mannes.«

Das wurde so kühl, so dezidiert, so unbefangen gesagt, daß Ottmar unmöglich sich überreden konnte, er habe falsch gehört, und doch hätte er das gerne getan.

Die Franzosen haben in ihrer Sprache ein Wort, stupéfait, für welches unsere deutsche keinen ganz entsprechenden Ausdruck aufweisen kann. Dies Wort ließ sich jetzt auf Ottmar anwenden.

Recht eigentlich stupéfait, schaute er drein. Daß eine Frau so etwas und mit solcher Gleichmütigkeit sagen könnte, das hätte er sich nicht träumen lassen.

Er wußte in Wahrheit nicht, was er dazu sagen sollte, denn, um einen trivialen Ausdruck zu gebrauchen, der Verstand stand ihm still.

Die Gräfin ergötzte sich eine Weile an seiner naiven Verwunderung. Dann winkte sie ihm nach der Glastüre und sagte:

»Kommen Sie, wir wollen auf die Terrasse hinausgehen. Da draußen ist Luft und Sonnenschein. Ich bleibe nur in den Zimmern, wenn ich gerade muß.«

Er folgte ihr mechanisch, war aber der Ortsveränderung froh, denn der frische, vom Fluß heraufkommende Luftzug wehte ihm die Beklemmung von der Brust weg.

Es war da draußen ein heimeliges, lauschiges Plätzchen, welches durch rechts und links an seinen Enden vorspringende Mauerpfeiler zu einem zum Fürsichsein geeigneten Ort abgeschlossen wurde. Zwei Kastanienbäume zu beiden Seiten boten Schatten, ohne Licht und Luft abzuhalten. Von der Flußböschung nach vorn führten ein Dutzend Stufen zu dem Wasser hinab, und unten an der Treppe war ein Pfahl eingerammt, an welchem ein kleiner, zierlich bemalter Kahn angebunden war. Unter den Bäumen standen gußeiserne Gartensofas und Stühle; auch ein rundes Tischchen von demselben Material war da, und darauf lagen mehrere jener zierlichen Goldschnittbändchen, in welchen die Lyrik der Gegenwart ihre Gefühlchen und Gedänkelchen den Frauen in die Hände schmeichelt. Weiter stand ein schöner Tubus auf dem Tische, nach den Bergen hinübergerichtet. Endlich bemerkte Ottmar noch einen Gegenstand, aus welchem er nicht recht klug werden konnte. Es war eine Art Signalstange, auf die Böschung des Wassers gepflanzt und oben mit einer Rolle versehen, durch welche ein Seil lief. Die Aussicht von der Terrasse war anziehend. Man konnte den Lauf der Forg eine gute Strecke flußaufwärts verfolgen, gerade gegenüber öffnete sich die breite Avenue, welche von dem Schlosse der Moosbrunn zu dem Wasser herablief. Von dem Schlosse selbst war nur der Mittelflügel sichtbar über dessen breiter Freitreppe ein großer Balkon vorsprang.

»Sie haben mich vorhin merkwürdig erstaunt angesehen, Herr Doktor,« nahm die Gräfin das Wort, nachdem sie unserem Freund einen Platz an ihrer Seite auf einer der Bänke unter den Bäumen angewiesen hatte. »Lassen Sie sich sagen, daß ich Ihr Erstaunen nicht recht begreife. Es handelte sich dabei nur um eine einfache Berichtigung Ihrer Meinung betreffs der Stellung Estrellas.«

»Gnädige Frau,« erwiderte Ottmar, seine Verwirrung bemeisternd, »ich bedaure, Sie durch meine einfältige Äußerung zu einer Berichtigung veranlaßt zu haben, die Ihnen schmerzlich sein mußte.«

»Schmerzlich? Wieso denn? Wenn einem die Tatsache gleichgültig ist, wie sollte dann das Aussprechen derselben einem schwer fallen? Ich nenne es im Gegenteil einen günstigen Zufall, daß Sie sozusagen an der Schwelle von Bernwartshall einen klaren Einblick in meine Stellung zu Hippolyt erhielten. Das erspart mir viele weitläufige Auseinandersetzungen.«

Unser Freund wußte wieder nicht, was er sagen sollte.

Wenn er einen Blick auf das schöne Wesen an seiner Seite warf und den seelenvollen Klang dieser sonoren Stimme vernahm, konnte er doch wohl nicht annehmen, daß in diesem Prachtstück der Natur keine Seele wohne. Und doch, durfte eine Frau so sprechen? Konnte sie gegenüber einem Manne, welcher ihr eigentlich doch wildfremd war, in dieser Art von zartesten Dingen reden, ohne aller Weiblichkeit Hohn zu sprechen? War das eine bei der Blasiertheit angekommene Verderbtheit oder aber ungeschminkte Natur, welche den Mangel an Zartgefühl durch Wahrhaftigkeit ersetzte?

Er wußte sich in der Geschwindigkeit diese Fragen nicht zu beantworten, um so weniger, da ihm Eva allen Skrupeln zum Trotz das lebhafteste Interesse einflößte.

Um sich der Klemme zu entziehen, versuchte er ein Mittel, welches eben nicht sehr geschickt gewählt war. Er öffnete nämlich eins der vor ihm auf dem Tisch liegenden Büchelchen und sagte aufs Geratewohl:

»Sie scheinen, gnädige Frau, die Entwickelung unserer Modepoesie mit Aufmerksamkeit zu verfolgen.«

»Ich? Ach, gehen Sie! Die beiden Minnesänger, die bei meinem Schwager da drüben zu Gaste sind, haben mir diese Eingebungen ihrer Musen beschert. Es sind schale Dinger.«

»Wer? Die Gedichte oder die Dichter?«

»Wie Sie wollen.«

»Ist das nicht undankbar gesprochen von so ergebenen Anbetern?«

»Anbeter? Das ist ein dummes Wort, entschuldigen Sie. Aber was wissen Sie denn von meinen Anbetern?«

»Ich bitte sehr um Verzeihung. Aber Sie selbst, gnädige Frau, bezeichneten mir Don Rodrigo und Herrn Walter von dem Schmelz als Ihre Ritter. Ich hätte also Ritter sagen sollen statt Anbeter.«

»Das kommt auf das gleiche heraus. Aber ich vermute, der gute dicke Wate, der mir die Ehre antut, Liebesblicke nach mir zu schießen, so massiv, wie er selber ist, hat Ihnen allerlei Schnurren von mir erzählt. Ist's nicht so? Lügen Sie nicht! Es kleidet Ihr Gesicht nicht gut. – Aber sagen Sie, wollen Sie etwa auch in die Brigade meiner Anbeter treten? Sie treffen da eine ziemlich gemischte Gesellschaft. Aber eifersüchtig dürfen Sie nicht sein; sonst könnte es tragische Geschichten absetzen, denn Sie finden in der besagten Brigade auch Ihren leiblichen Bruder.« »Den frommen Jeremias? Das hat mir Wate erzählt. Es ist schnakisch.«

»Warum? Trauen Sie mir denn nicht die Fähigkeit zu, auch einem frommen Mann den Kopf zu verdrehen?«

»Die Fähigkeit, der ganzen Welt Kopf und Herz zu entzünden, gnädige Frau. Aber ich gebrauchte den Ausdruck schnakisch deshalb, weil es mir ungeheuer wunderlich vorkommt, erfahren zu müssen, daß Jeremias eine andere Person lieben könne als seine eigene.«

»Sie sind boshaft.«

»Bitte recht sehr, nur wahr.«

»Wahr! Das ist viel gesagt. Kann ein Mann das sein?«

»Warum nicht? Unter Umständen –«

»Gut, daß Sie einen Vorbehalt machen. Aber setzen wir den Fall, ich bedürfe eines Freundes, eines wahren Freundes – könnten Sie mir ein solcher sein?«

Ottmar hatte sich, wie der vorstehende Dialog zeigt, zu seiner eigenen Verwunderung ziemlich rasch in den leichten, fast kordialen Ton hineingefunden, den die Gräfin angeschlagen. Bei Stellung ihrer letzten Frage jedoch hatte sie ihn geändert, plötzlich und doch mit einem so sicheren Übergang, daß dieser nicht im geringsten affektiert erschien. Ottmar fühlte die Seele des wunderbaren Weibes in der Frage nach einem Freunde, einem wahren Freunde. Sie lag auch in den unbeschreiblich tiefen Augen Evas, welche jetzt voll und fragend auf dem jungen Manne ruhten.

»Wollen Sie mein Freund sein?« wiederholte sie mit innigstem Herzenston und hielt ihm die geöffnete Hand hin.

Er legte die seinge darein und fühlte mit Entzücken den Gegendruck dieser kleinen, weichen, vom regsten Lebensfeuer durchpulsten Hand. »Ich will Ihr Freund sein, Gräfin,« sagte er bewegt.

»So ist es recht,« versetzte sie. »Ich wußte, als ich Sie damals im Theater zuerst sah, daß Sie der Freund einer Frau sein können. Glauben Sie mir, das ist eine sehr seltene Gabe.«

»Ja, eine sehr seltene!« bekräftigte Ottmar, und er seufzte heimlich, der arme Junge.

»Sie sollen,« fuhr Eva fort, »seinerzeit erfahren, warum ich eines Freundes bedarf. Für jetzt mögen Sie wissen, daß ich mit Hippolyt nur noch durch die Bande der Konvenienz und, wenn Sie wollen, des gegenseitigen Vorteils zusammengehalten werde. Hätte ich das Glück gehabt, Mutter zu werden, so wäre vielleicht das und vieles andere anders gekommen. Aber genug davon. Nehmen wir das Leben leicht, es ist an sich schwer genug. Hier in Bernwartshall handhaben wir die Last, so gut es gehen will. Warum ist sie nicht ein Federball, den man einander scherzend und lachend zuwirft? Sie ist es nicht, aber darum braucht man wenigstens nicht zeremoniell mit ihr umzuspringen. In Bernwartshall gibt es keine Etikette, keinen Zwang, und wir alle singen, jeder nach der ihm gerade passenden Tonart, mit Mozarts Helden:

Hier gilt kein Stand, kein Name –
Es lebe die Freiheit hoch!«

Sie sang das wirklich allerliebst und hing daran einen jener grotesken Jodler, wie sie der Schwarzwälder Volksgesang liebt.

»Macht denn diese Frau alles zur Posse?« fragte sich Ottmar. »Ist sie eine Heldin oder eine Komödiantin? Ein Engel oder ein Dämon?«

Er fühlte sich durch Evas Gegenwart seltsam bewegt, abgestoßen und doch wieder gefesselt wie von unwiderstehlicher Magie. Wates humoristische Prophezeiung fiel ihm ein, auch Baldungs ernst warnendes Wort. »Allein was sollte da zu befürchten sein, bei einer so außerordentlichen Offenheit? Das ist keine Koketterie,« dachte unser Freund, »das ist ein Phänomen, eine originale Natur statt der verdammten Abklatsche aus den Modejournalen, wie sie in unseren Städten herumlaufen. Ich denke, man kann sich sorglos daran erfreuen, wie man sich an der Farbenpracht und dem exotischen Duft einer Tropenblume erfreut.«

»Ich sehe,« unterbrach Eva sein Schweigen, »Sie philosophieren wie ein echter Deutscher und Sie philosophieren über mich. Nun, was denken Sie von mir?«

»Daß Sie das wundersamste Wesen seien, welches mir je begegnet ist.«

Sie sah ihn durchdringend an und entgegnete in jenem kühlen Ton, der ihr gewöhnlicher war:

»Wundersam ist, soweit ich Ihre Muttersprache kenne, nahe verwandt mit wunderlich und dieses mit absonderlich. Es liegt also keine Schmeichelei darin und so kann ich's gelten lassen. Schmeicheln Sie mir nie, hören Sie; ich dulde das nur von meinen Anbetern, nicht von einem Freunde. – Verstehen Sie spanisch?« fragte sie aufstehend.

»Nein.«

»O, das ist schade! Sie können nicht ermessen, welcher Zauber für mich in den Glockenklängen der Sprache meines Heimatlandes liegt. Hör' ich diese Klänge, meine ich fortgetragen zu werden aus diesem Lande des Nebels und Frostes in das ›sonnige Land des Weins und der Gesänge‹. Ich liebe Goethe, liebe ihn sehr. Nicht wegen der tiefsinnigen Sachen, die er gedichtet, die ihr bewundert und die ich nicht verstehe, sondern darum, weil er seiner Mignon jenes Lied vom schönen Süden auf die Lippen gelegt hat, jenen süßesten Sehnsuchtslaut, den ich je vernommen. O, ich will nicht sterben, nein, ohne jene glücklichen Lande gesehen zu haben, ›wo die Myrte still und hoch der Lorbeer steht‹. – Doch sehen Sie, da kommen unsere Gäste.«

So sprechend deutete sie auf den Fluß, von dessen jenseitigem Ufer ein Nachen abstieß, der mit wenigen Ruderschlägen so nahe kam, daß Ottmar den Freiherrn Adalbert und die beiden berühmten Dichter erkennen konnte.

»Wie kommt denn Ihr Herr Schwager zu diesen beiden Berühmtheiten, Frau Gräfin?« fragte Ottmar.

»Er hat sie in der Residenz aufgegabelt, wo sie gerade poetische Gastrollen gaben. Sie wissen, Sänger und Lieder vom Kreuz sind dermalen bei unserer vornehmen Welt sehr in Mode und Gunst, und da mein Schwager sich einbildet, ein Schöngeist zu sein, so fühlte er sich sehr geschmeichelt, als die beiden großen Männer seiner Einladung entsprachen. Übrigens sind es zwei gute Tierchen, nur muß man sich hüten, ihrer eminenten Eitelkeit wehzutun, wenn man sie bei guter Laune erhalten will.«

Das Boot landete an der Böschungstreppe, und zugleich kam ein Diener mit der Meldung aus dem Schlosse, daß serviert sei.

Die Gräfin gab unserem Freunde den Arm und forderte die Herren auf, ihr zu folgen.

Wie Ottmar mit seiner Dame über die Terrasse schritt, richtete der hinter ihnen gehende Freiherr in einem, wie es Ottmar vorkam, etwas gereizten Ton einige Worte in einer fremden Sprache, welche dem Klange nach die spanische war, an die Gräfin. Sie wandte den Kopf zurück, und ihr Führer glaubte ein zorniges Aufleuchten in ihrem Auge wahrzunehmen, als sie ihrem Schwager in derselben Sprache eine kurze Antwort gab.

»Sollte der Mann eine Anwandlung von Eifersucht verspüren?« dachte der Jurist. »Das könnte wohl sein, denn er musterte mich vorhin mit nicht sehr freundlichen Blicken.«

Im Speisesaal trafen die Ankömmlinge Wate und den Pfarrer von Moosbrunn, und als kurz darauf auch der Graf eingetreten war und seine Gäste flüchtig begrüßt hatte, ging man zu Tische, an welchem die Gräfin mit zwangloser Anmut den Vorsitz führte.

Ottmar, welcher neben Wate zu sitzen gekommen, verwunderte sich über die luxuriöse Ausstattung der Tafel und des ganzen Gemaches. Es war da nirgends etwas von jener Klemme zu bemerken, in welcher Baldungs Äußerungen zufolge der Besitzer von Bernwartshall stecken sollte. Die aufwartende Dienerschaft, das Geschirr, die Mannigfaltigkeit der Speisen, die Feinheit der Weine, das alles entsprach vollständig dem Stil und Brauch eines alten und reichen Hauses.

Das Gespräch drehte sich zuerst um die Wette, welche die Gräfin gestern richtig gewonnen hatte, und wandte sich dann auf die unvermeidliche Frage des Tages, auf die orientalische, welche damals gerade durch das Einfahren der westmächtlichen Flotten in die Dardanellen in eine neue Phase getreten war.

»Wir werden also,« sagte Herr Walter von. dem Schmelz, »zu den vielen Ungeheuerlichkeiten unserer Zeit noch eine neue hinzukommen sehen. Die Banner Englands und Frankreichs, welche einst glorreich auf den Zinnen von Jerusalem wehten, werden zur Seite des Halbmondes gegen das Kreuz ins Feld getragen werden.«

»O, mein Bester,« versetzte der Freiherr, »machen Sie sich darüber keine Sorgen. Rußland ist stark genug, den Türken mitsamt ihren Alliierten die Spitze zu bieten. Wir werden es, sage ich Ihnen, erleben, daß den Krämern Von der Themse und den Sansculotten von der Seine zum Trotz das russische Kreuz auf der Sophienkirche aufgepflanzt wird.«

»Das dürfte doch wohl nicht so rasch gehen, Herr Baron,« meinte Wate. »Sie vergessen, daß Friedrich der Große gesagt hat, wenn die Russen erst in Konstantinopel, so würden sie binnen kurzem auch in Königsberg sein. Ich verlasse mich in dieser wie in allen Fragen der höheren Politik auf die tiefe Weisheit des Berliner Kabinetts. Nicht wahr, Don Rodrigo, das ist das Gescheiteste, was man tun kann?«

»Ich würde Ihnen von Herzen beipflichten,« erwiderte der berühmte Dichter, »wenn ich nicht wüßte, daß Ihre Worte mephistophelisch gemeint sind. Ich meines Teils vertraue allerdings unbedingt auf Preußen und seine erhabene Bestimmung. Es wird, wenn die rechte Zeit gekommen, sein Heldenschwert ziehen, und dieses wird auch in dieser Frage ein Schwert der Gerechtigkeit sein.«

»Ohne Zweifel, ganz ohne Zweifel, edler Freund,« sagte Wate; »ich bin vollständig Ihrer Meinung.«

»Nein, erlauben Sie,« entgegnete der gereizte Poet, »das sind Sie nicht.«

»Was denn, wenn ich bitten darf?«

»Sie sind der Geist, der stets verneint, der Pessimist par excellence.«

»Sehr verbunden,« lachte Wate im Bart. »So wäre ich also glücklich unter die Schablone gebracht. Aber da es sich hier, mit dem russischen Kabinett zu sprechen, um eine rein religiöse Frage handelt, so dürfte es zweckmäßig

sein, auch die Ansicht unseres theologischen Freundes zu hören. Was sagen denn Sie, Herr Pfarrer, zu der russisch-türkischen Geschichte?«

Wate war boshaft in diesem Augenblick, denn er bemerkte, daß Jeremias mit seinen Augen und Gedanken ganz wo anders, das heißt, völlig in das Anschauen der Gräfin versunken war. Als daher die Frage an sein Ohr schlug, entgegnete er ziemlich verwirrt:

»Ich halte es nicht für meines Amtes, mich mit weltlichen Dingen zu befassen.«

Ottmar, welcher die Richtung der Blicke seines Bruders bemerkt hatte, errötete für ihn.

»Es fehlt unserer Zeit,« fuhr Jeremias fort, »wie überhaupt, so auch in dieser Sache die rechte Einkehr in sich selbst.«

»Im Gegenteil, Herr Pfarrer,« warf Wate ein. »Die rechte Auskehr, eine tüchtige Auskehr fehlt ihr.«

»Sie meinen wohl eine radikale?« erwiderte der Pfarrer geringschätzig. »Über diese Tollheit sind wir, Gott sei Dank, längst hinweg. Wenn Ihnen aber das Wort Einkehr nicht gefällt, so will ich das Wort Umkehr substituieren. Nur die Umkehr zu dem schlichten, innigen Glauben unserer Väter kann uns, kann Europa vor einer entsetzlichen Zukunft bewahren.«

Der Pfarrer sagte das nicht ohne Würde, und sein salbungsvoller Ton wirkte sympathisch auf den frommen Walter von dem Schmelz.

»Sie haben ein treffend Wort gesprochen, Herr Pfarrer,« sagte der junge Mann begeistert. »Die Umkehr, das ist's, was uns nottut. Die edelsten Geister deutscher Nation arbeiten dermalen an diesem großen Werk, und es ist mein höchster Stolz, sagen zu können, daß der Herr auch meine geringen Bemühungen in dieser Richtung schon vielfältigst gesegnet hat. Aber ihr Protestanten verschließt eure Augen leider noch allzusehr der Wahrheit, daß nur das Panier Petri uns voranwehen kann auf unserem Kreuzzug für die Umkehr zum gelobten Lande. Ich meine das figürlich und auch geographisch sozusagen. Erlauben Sie mir, meine Freunde, mich darüber näher zu erklären. Im figürlichen Sinne verstehe ich die Umkehr so. Wir müssen, nachdem es durch die rettenden Taten unserer Tage bereits faktisch geschehen, auch theoretisch oder intellektuell mit den unglückseligen Ideen der Revolution brechen. Wir müssen umkehren nach dem Montsalvatsch mittelalterlichen Glaubens und mittelalterlicher Treue, um dort auf dem geweihten Berge in vollen Zügen zu trinken aus dem heiligen Gral vorzeitlicher Gottinnigkeit, damit unser ganzes Wesen wiederum durchglüht und durchleuchtet werde von echter Gottesminne, echter Frauenminne, echter Ritterlichkeit und Poesie. Dann wird auch die orientalische Frage – und hier komme ich auf die geographische Seite meiner Ansicht – im rechten Sinne gelöst werden. Zum Unheil der Menschheit hat die Weltgeschichte eine westliche Richtung genommen. Wir müssen sie nach Osten zurücklenken. Ostwärts liegt unser Heil. O, daß wir alle das begriffen! Daß wir schon jetzt das Mysterium faßten, in welches mir ein prophetischer Blick vergönnt ist! Ich sehe, und zwar in nicht zu ferner Zeit, alle Völker der Christenheit, Deutsche, Briten, Franzosen, Spanier, Italiener, Dänen und Schweden, vereint mit Rußlands frommen Söhnen unter der Oriflamme des Kreuzes sich scharen, sehe sie hinabwallen an den Bosporus, die ungläubigen Türkenhunde ins Meer werfen, sehe sie hinüberziehen nach Kleinasien, wie es in den Tagen Barbarossas und des löwenherzigen Richard geschah, sehe sie den Boden des gelobten Landes reinigen von den entweihenden Fußstapfen der Heiden und dann anbetend niederknien auf Golgatha im heiligen Siegesjubel.«

Die Stimme Herrn Walters schien zu zerschmelzen in Rührung, aber er raffte sie noch zusammen und deklamierte mit Inbrunst:

»Zum Kampf, ihr Christen, Gottes Scharen
Ziehn mit in das gelobte Land;
Bald wird der Heiden Grimm erfahren
Des Christengottes Schreckenshand,
Wir waschen bald im frohen Mute
Das heil'ge Grab mit Heidenblute.«

Der Freiherr blickte ziemlich gelangweilt, Don Rodrigo aber drückte seinem Bruder in Apollo gerührt die Hand.

»Herrgott, das ist 'ne Brühe!« sagte Wate, indem er auf seinem Teller die Crême umrührte, als meine er diese.

Die Gräfin lachte unverhohlen.

»Ich vermag dem kühnen Flug Ihrer Phantasie nicht zu folgen, Herr Walter,« bemerkte der Pfarrer nicht ohne Spott. »Indessen haben wir meines Erachtens noch genug zu tun, das heidnische Unkraut im eigenen Lande auszureuten, und daher möchte ich wünschen, daß namentlich die Herren von der Literatur dem großen Unternehmen der inneren Mission eine ernstere Aufmerksamkeit widmeten, als bisher geschehen. Bevor die Umkehr des Protestantismus bis zu einem gewissen Ziel gediehen ist, kann von einem gedeihlichen Kompromiß zwischen den Konfessionen wohl keine Rede sein.«

»Ich weiß die Arbeit der inneren Mission wohl zu schätzen, Herr Pfarrer,« entgegnete Herr Walter. »Aber ich tadle es an den Leitern des Unternehmens, daß sie nicht freisam mit der Sprache herausgehen. Warum überhaupt nicht das Bekenntnis ablegen, daß aller Protestantismus vom Übel? Es führt nur ein Weg zum Heil.«

»Sie vergessen, mein lieber Herr,« sagte Wate im Ton eines gravitätischen Dozenten, »daß diverse, ja, alle Wege nach Rom führen.«

»Bitte, ihr Herren,« nahm die Gräfin das Wort, »um's Himmels willen keine theologische Kontroverse! Das ist herzlich langweilig,«

»Da haben Sie sehr recht, Frau Schwester,« pflichtete der Freiherr bei, ein Gähnen verbergend.

»Wir sind ganz von unserem Gesprächsgegenstand abgekommen,« fuhr Eva fort. »Und doch hätte es mich interessiert, zu erfahren, welchen Standpunkt gegenüber der Tagesfrage unser neuer Freund Horst einnimmt.«

»Ich, gnädige Frau? Die Wahrheit zu gestehen, gebe ich mir seit einiger Zeit Mühe, mir die Politik vom Leibe zu halten. Wenn Sie mir aber in dieser Sache einen Standpunkt zumuten, so sage ich, daß ich nicht einsehe, wie ein Deutscher einen anderen haben kann als den deutschen.«

»Bravo!« rief Don Rodrigo, der im Grunde ein guter deutscher Junge war, soweit sein Deutschtum ihm nichts kostete, sondern im Gegenteil allerhöchste Pensionen einbrachte. »Welche Stellung wird Deutschland in dieser Angelegenheit nehmen? Das muß für uns die Hauptfrage sein.«

»Bah, Deutschland!« sagte der Freiherr nachlässig. »Geht mir doch mit diesem geographischen Begriff!«

»Entschuldigen Sie, verehrter Freund und Gönner,« entgegnete Don Rodrigo, dem der genossene Wein, da er sonst nur Zuckerwasser und Tee zu trinken gewohnt war, warm zu machen begann. »Entschuldigen Sie, diese orientalische Frage scheint mir nur die Einleitung zur Lösung der deutschen. Die muß gelöst werden, wenn Europa zur Ruhe und zu neuem Gedeihen kommen soll. Nein, ich lasse mir mein Vaterland nicht schelten. Kennen Sie den Spruch:

Fleiß ziert Deutschland,
Wenn es nährt,
Treu ist Deutschland,
Wo es wehrt,
Groß ist Deutschland,
Wenn es lehrt –
Pflug und Schwert und Buch es ehrt.«

»Ein recht hübscher Spruch, ohne Zweifel,« versetzte der Freiherr. »Aber alle hübschen Sprüche, die je gesprochen wurden, wiegen kein Lot in der Wagschale der Politik. Die deutsche Frage wird allerdings gelöst werden, das heißt, Rußland wird sie lösen, in seiner Weise. Dort allein ist Entschluß zu kräftiger Tat.«

»Wie,« warf Don Rodrigo ein, »Sie könnten im Ernste glauben, daß deutsche Bildung der Barbarei unterliegen müßte?«

»Ich leugne,« erwiderte der Freiherr, »daß Rußland barbarisch sei. Das ist nur liberalistischer Schnickschnack. Aber gesetzt auch, unsere liberalen Schwätzer hätten recht, so wäre daran zu erinnern, daß auch das hochgebildete Griechenland und das überbildete Rom Barbaren erlagen.«

»Diese Erinnerung scheint mir nicht ohne Berechtigung zu sein,« bemerkte Ottmar. »Unser zerrissenes Vaterland hat nur allzu große Ähnlichkeit mit Hellas am Vorabend seines Falls.«

»Nein und abermals nein!« sagte Don Rodrigo eifrig. »Unsere germanisch-christliche Bildung erhebt sich turmhoch über die griechische, die ich wie irgendeiner von Ihnen zu kennen mir schmeicheln darf. Wir sind, wie es auch mit uns stehen mag, wahre Riesen, verglichen mit den Hellenen. Nein, Deutschland kann nie und nimmer untergehen!«

»Etwas von Deutschland,« versetzte Ottmar, ebenfalls warm werdend, »kann allerdings nie untergehen und wird leben, solange der Erdball zusammenhält: der deutsche Geist. Ihr meint,« fuhr er fort – »nun, wie heißen doch gleich die schönen Verse, die ich neulich wo gelesen, und welche das, was ich über die Zukunft Deutschlands denke, unendlich viel besser ausdrücken, als ich mit eigenen Worten es könnte? Ja, richtig:

Ihr meint, wir Deutschen seien starke Riesen
Und jene Griechenstämme waren Zwerge –
Kein Zwerg war Rom und hat sich schwach erwiesen,
Als ihm die Stürme neuer Weltgestaltung
Den Schicksalsspruch ins fahle Antlitz bliesen!
Wir aber gleichen mehr an Artentfaltung
Homers so viel zerstückeltem Geschlechte
Und teilen seine Bürgschaft für Erhaltung:
Nur was wir schufen, gibt uns Lebensrechte.
Wir sind kein Volk an unsern eignen Herden,
Wir sind der Kitt im ganzen Weltgeflechte!
Es scheint, als sollten nimmermehr auf Erden
Die Rassen, die für alle andern denken,
Zu körperlich begrenzten Massen werden.
Noch zehrt die Welt an Hellas' Gastgeschenken,
Und wir – o, was der deutsche Geist geschaffen,
Wird nach Jahrtausenden noch Völker lenken –

Wate streifte den Freund mit einem spöttischen Blick, welcher sagte: »Mußtest du dein Faible für Zitate wieder einmal aller Welt zeigen?« Dann bemerkte der Grimme:

»Die Verse gehen an, denn sie enthalten doch wenigstens auch einen Gedanken, nicht bloß Reime wie unsere heutige Bimbambum-Lyrik.«

Don Rodrigo und Herr Walter schossen einen gemeinschaftlichen Basiliskenblick auf Wate, welcher aber tat, als bemerkte er denselben nicht, und fortfuhr:

»Trotz alledem aber, lieber Freund, gibt dein Zitat nur einen leidigen Trost. Mir wenigstens, der ich es auch in der Politik wie in allem mit dem Reellen und Kompakten halte, ist es nicht sehr tröstlich, zu wissen, daß Deutschland nicht leibhaft, sondern nur geistweis, wie wir Schwarzwälder zu sagen pflegen, durch die Geschichte der Zukunft gehen soll. – Im übrigen, ist es nicht spaßhaft, gnädige Frau, zu sehen, was hier für sonderbare Kategorien von Menschen an Ihrem gastlichen Tische zusammensitzen? Da ist ein Verehrer des Zarismus, der edle Freiherr, da ein frommer protestantischer Christ und innerer Missiönler, der wohlehrwürdige Herr Pfarrer, da ein preußisch-christlicher Germane, Don Rodrigo, da ein mittelalterlicher Vollblut-Minnesänger und Kreuzfahrer in spe, Herr Walter von dem Schmelz, da ein resignierter Patriot, Herr Ottmar Horst, endlich ich, ein Pessimist, das heißt ein Mann, welcher glaubt, die ungeheure dumme Majorität werde in alle Ewigkeit von der klugen Minorität ausgebeutet werden. Es fehlt uns jetzt nur noch eine Kategorie, die der Europamüden, und diese wird, vermute ich, repräsentiert von unserem verehrten Wirt, der heute merkwürdig wortkarg ist.«

In der Tat war der Graf die ganze Zeit über sehr zerstreut gewesen und hatte an dem Gespräche keinen Anteil genommen. Jetzt sagte er:

»Ich bin allerdings europamüde in dem Sinne, als mich die europäische Politik, der Zank um des Kaisers Bart, herzlich ennuyiert. In Amerika liegt meines Erachtens der Schwerpunkt der Zukunft, falls die Amerikaner sich enthalten können, der alten Welt ihre Dummheiten abzulernen. Was die orientalische Geschichte angeht, so glaube ich, daß der ganze Lärm von seiten Englands eine kommerzielle, von seiten Frankreichs eine dynastische Spekulation ist. Voilà tout

»Sie vergessen eins, Herr Graf,« entgegnete Wate, »Sie vergessen Österreich. Diese Macht ist ohne Zweifel Herr der Situation, in viel höherem Grade als Frankreich und England. Wie Österreich die türkisch-russische Frage faßt und durchführt, davon hängt, glaube ich, ein gut Stück deutscher Zukunft ab, ja vielleicht die ganze.«

»Nun wohl, so lassen wir sie einstweilen hängen, die halbe oder die ganze,« bemerkte die Gräfin, ihren Stuhl zurückschiebend. »Diese Diskussion fängt an mir Kopfweh zu machen, und hoffentlich kommen die Herren auf anziehendere Gegenstände, wenn sie drunten auf der Terrasse den Kaffee nehmen.«

3. »Ich weiß, wo einsam einer ruht.«

»Kennen Sie diesen Platz?« fragte die Gräfin, mitten im grünsten Dickicht des Forgforstes stillstehend und sich zu ihrem Begleiter zurückwendend, welcher kein anderer war als unser Freund Ottmar.

Es waren einige Wochen vergangen, seit jenes Diner in Bernwartshall stattgefunden, für den jungen Mann Wochen voll Sorge, Aufregung, schwankender Stimmung. Täglich sah er die Gräfin, ja er verbrachte den größeren Teil des Tages in ihrer Gesellschaft und meistens noch dazu unter vier Augen. Der Graf mochte wirklich, wie er gesagt, mit der Prozeßangelegenheit nichts zu tun haben und hatte seinen Sachwalter ein- für allemal an seine Gemahlin verwiesen. Eva kannte allerdings alle die Schlangenwindungen, welche diese Rechtssache schon durchgemacht hatte, aufs genaueste, und Ottmar verwunderte sich über die Kühlheit der Auffassung, über die logische Schärfe und die sprachliche Gewandtheit, womit die schöne Frau ihm die juristische Verwickelung bis ins Speziellste hinein auseinanderlegte. Sie hatte so ziemlich sämtliche Akten, deren Stöße, nebenbei gesagt, ein halbes Zimmer füllten, chronologisch geordnet, und so hatte Ottmar mit den Vorarbeiten zu seinem Geschäfte nicht viel zu tun. Daß ihm seine Beschäftigung in solcher Gesellschaft angenehm war, versteht sich wohl von selbst. War der junge Mann doch ein Bekenner der Religion der Schönheit. Manchmal freilich verhehlte er sich die Gefahr dieses Umgangs nicht, denn es kam oft genug vor, daß er nur mit Aufbietung seiner ganzen Willenskraft sein pochendes Herz beschwichtigen, seine trunkenen Sinne beruhigen konnte.

Eva ihrerseits schien diese Kämpfe nicht zu bemerken. Ihr Benehmen dem jungen Manne gegenüber blieb sich stets gleich. Es war voll freundlichen Vertrauens, aber durchaus nicht kokett. Ottmar war nicht eitel genug, sich zu überreden, daß in Evas Betragen gegen ihn irgend eine Lockung läge. Die Gräfin war stets offen in ihrer Sprache, manchmal kühn und originell, zuweilen bizarr. Im Sichhinwegsetzen über konventionelle Schranken war sie großartig, ohne doch je jene Grenzlinie zu überspringen, diesseits welcher das Reich der Gemeinheit beginnt. Oft wollte es unserem Freunde scheinen, diese mit den seltensten Vorzügen des Geistes und Körpers ausgestattete Frau verachte, wie die Menschen, so auch das Leben; dann wieder, es pulsiere in ihr ein vulkanisch heißes Lechzen nach den Berauschungen, welche das Leben bietet. Er gestand sich, daß es ihm noch keineswegs gelungen, auf den Grund dieser Frauenseele zu blicken. Er ahnte nur, daß dort verschleiert etwas ruhe, eine Fülle von Liebe oder von – Haß. Mit der Gewissenhaftigkeit eines Deutschen hatte sich Ottmar schon wiederholt die Frage gestellt: Könnte ich diese Frau lieben lernen, oder liebe ich sie etwa bereits? Aber er konnte bei aufrichtigster Selbsterforschung nicht mit sich ins klare kommen. Zuweilen schlug eine Flamme der Leidenschaft in ihm auf, deren Glut und Macht ihn erschreckte, aber dann ward ihm auch wieder das Herz so kühl in der Brust, daß er seiner Besorgnis spottete.

Dies Beunruhigende und Quälende rasch wechselnder Empfindungen suchte er loszuwerden durch Arbeitseifer, welcher ja stets eine beruhigende Wirkung übt, und da er kein Mensch von jähheftigen Leidenschaften war, so hätte das Mittel wohl angeschlagen, hätten ihn nur nicht gerade seine Arbeiten in sozusagen unausgesetzter Beziehung zu der Gräfin erhalten.

Sein Verhältnis zu dem Grafen blieb ein loses, einsilbiges. Hippolyt schien sich in einer strikten Unumgänglichkeit zu gefallen, nahm an den Gesellschaften, welche die Gräfin um sich versammelte, keinen Teil und kam fast den ganzen Tag nicht aus seinem Laboratorium heraus, wo er unablässig Experimenten oblag, bei welchen der Indianer und seine Tochter gewöhnlich die Assistenten machten. Dieses Sichabsondern des Hausherrn verlieh dem Aufenthalt in Bernwartshall etwas Unerquickliches, wenigstens für Ottmar, dessen bürgerliche Begriffe in dieses aristokratische Gebaren sich nicht recht zu finden vermochten. Die übrigen Gäste des Schlosses schienen freilich durch das Sichfernhalten des Hausherrn eher erleichtert als unangenehm berührt. Der Freiherr, die beiden Dichter, auch Wate und der Pfarrer von Moosbrunn fanden sich beinahe täglich ein, und in seinen »kühlen« Stunden bereitete es Ottmar großes Ergötzen, die verschiedene Art und Weise zu beobachten, wie diese Männer ihrer Göttin den Hof machten. Ergötzlich war es auch zu hören, wie der grimme Wate von der Anstrengung des Hofmachens sich nachher immer dadurch erholte, daß er sich selbst ironisierte und persiflierte. »Ich komme mir,« sagte er einmal bei einer solchen Gelegenheit zu Ottmar, »ich komme mir, Gott straf' mich, akkurat wie ein Elefant vor, der sich's in den Kopf gesetzt hat, in eine Gazelle verliebt zu sein, und nun recht elefantenhaft um den Gegenstand seiner Narrheit herumtrampelt. 's ist ein Elend!«

In Stunden leidenschaftlicher Erregung strengte unser Freund mit eifersüchtiger Wachsamkeit sein Beobachtungstalent an, um herauszukriegen, in welchem Verhältnis eigentlich Eva zu ihren Anbetern stände. Daß sie mit den Bimbambummlern, wie der Grimme die beiden poetischen Berühmtheiten respektwidrig nannte, nur ihren oft bis zum höchsten Mutwillen sich steigernden Scherz trieb, war dem Beobachter bald klar geworden. Ebenso, daß sie den guten Wate ganz in der Manier behandelte, wie die Tochter der Komödie ihrem gutmütigen Polterer von Vater um den Bart geht. Die Huldigungen des frommen Jeremias schienen ihr geradezu widerwärtig zu sein, aber manchmal verriet sie eine koboldartige Freude, den gravitätischen Theologen mit scharfen Neckereien behelligen zu können, welche er mit einer Duldermiene aufnahm, die unsern Freund höchlich belustigt haben würde, hätte er dabei nicht jedesmal mit Bedauern seiner Schwägerin gedenken müssen. Aber die Stellung Evas zu dem Halbbruder ihres Mannes blieb ihm unklar. Manchmal schien es, als stehe der ziemlich unbedeutende Freiherr auf der nämlichen Stufe der Gunst, welche seine beiden poetischen Gäste einnahmen; dann aber kam es wieder vor, daß die Gräfin ihren Schwager mit achtungsvoller Rücksicht behandelte und in fast zärtlichem Tone zu ihm sprach. Offenkundige Zeichen eines vertraulicheren Verhältnisses zwischen den beiden nahm Ottmar allerdings nicht wahr, wohl aber glaubte er da und dort ein Symptom einer engeren Beziehung zu bemerken. Er glaubte gesehen zu haben, daß die Augen der Gräfin in einem unbewachten Moment mit unverkennbarem Interesse auf der schönen Gestalt des Freiherrn ruhten; er glaubte ein andermal beobachtet zu haben, daß zwischen der Dame und ihrem Schwager ein Blick gewechselt wurde, dessen Bedeutung über die verwandtschaftlicher Freundlichkeit hinausging, und daß endlich eines Tages Adalbert in der Zerstreuung oder was es sonst war, seine Schwägerin einfach mit ihrem Namen Eva angeredet, das hatte er deutlich gehört.

Man ersieht aus diesen Beobachtungen, daß Ottmar, wenn er nicht verliebt war, doch auf gutem Wege, es zu werden, sich befand. Denn, um mit den Rokokopoeten des vorigen Jahrhunderts zu sprechen, sehr oft bildet ja das Labyrinth der Eifersucht den Vorhof von Kupidos Tempel.

Im übrigen hatte sich sein eigenes Verhältnis zu den Besuchern von Bernwartshall ganz leidlich gestaltet. Der Freiherr, welcher bald gemerkt, daß unser Freund nicht der Mann war, welchem man durch hochfahrendes Wesen imponieren konnte, hatte mildere Saiten aufgezogen und die Einladung in sein Haus zuvorkommend gegen Ottmar erneuert. So hatte denn dieser schon mehrere heitere Abende in der munteren Junggesellenwirtschaft des freiherrlichen Schlosses verlebt und war auch von den beiden Poeten gern dort gesehen. Sie hielten ihn zwar seiner politischen und religiösen Ketzerei wegen für ein Ungeheuer, aber sie ließen sich trotzdem gerne den Schutz gefallen, welchen ihnen seine gutmütige Urbanität gegen die beißenden Sarkasmen des grimmen Wate bot, welche sie nur desto mehr fürchteten, je mehr sie sich die Miene gaben, dieselben zu verachten.

Ungeachtet dieser freundlichen Beziehungen zu der vornehmen Welt des Forgtals fühlte sich doch Ottmar viel mehr als sonst überall im Bühl heimisch. Es war ihm immer ein Genuß, abends mit seinem wackeren Wirt seine Pfeife zu rauchen und den vielerfahrenen Mann über landwirtschaftliche und andere Verhältnisse reden zu machen. Da war er stets sicher, auf einen gesunden Verstand, ein unbeugsames Rechtsgefühl und auf eine feste sittliche Grundlage in allem und jedem zu stoßen. Baldung bezeigte ihm ein Wohlwollen, welches sich nicht in vielen Worten kundgab, aber deshalb ein nur um so redlicheres war. Zu dem Aivli stand er auf dem Fuß eines Bruders. Es war ihm, er wußte nicht wie, zum Bedürfnis geworden, mit dem »dundersnetten Meidli« zu schäkern und zu lachen. Schade nur, daß es Leute im Hause gab, welche meinten, 's Aivli lache und singe in neuester Zeit nicht mehr so unbefangen und so häufig wie früher. Zu den Leuten, welche dieses meinten, gehörten vorab der alte Brosi und Wate im Bart.

Der Grimme machte auch dem Freunde gegenüber kein Hehl aus dieser seiner Meinung.

»Hör' mal, lieber Junge,« hatte er erst gestern bei guter Gelegenheit gesagt, »ich bin kein Rigorist und Splitterrichter, das ist weltbekannt. Habe auch, Gott straf' mich! gar nichts dagegen, wenn du Gefallen daran finden solltest, den Lovelace zu spielen. Ist das Geschmackssache, und du weißt, de gustibus und so weiter. Aber tu mir den Gefallen, deine Romane, wenn du solche aufzuführen willens bist, außerhalb des Bühls spielen zu lassen. Mache dem Aivli keine Flausen vor.« »Flausen? Dem Aivli? Ich?« hatte Ottmar heftig erwidert. »Was zum Teufel! ficht dich an?«

»Mich? Bah, möchte, Gott straf mich! das Ding sehen, welches mich noch ernstlich anföchte. Aber, siehst du, das Aivli könnt's anfechten, und das soll's nicht. 's kommt mir vor, das Kind sei seit einigen Tagen nicht mehr so burrlemunter wie früher, und maßen du ein Kerl bist, welcher, wie deine Erfolge im Schlosse zeigen, alle Weibsbilder am Bändel hat –«

»Bist du eifersüchtig, Alterle?« unterbrach Ottmar den Freund lachend, und damit hatte das Gespräch ein Ende.

Je vertrauter der junge Sachwalter mit der Streitsache geworden, deren Führung er übernommen hatte, um so klarer mußte es ihm werden, daß der Punkt, um welchen sich die Entscheidung drehe, das Auffinden oder Nichtauffinden der so rätselhaft verschwundenen Marksteine am Bärenbach sein müßte. Er hatte schon allein, er hatte im Verein mit dem Grafen und Milimach die beiden Ufer des kräftigen Baches nach den abhanden gekommenen Steinen auf und ab gesucht, aber ohne irgend einen Erfolg. Heute hatte die Gräfin erklärt, sie selber wolle noch einen Versuch machen, wenn Ottmar sie begleiten würde, und so waren die beiden bei guter Zeit nach Tische vom Schlosse weg und in den Bergwald hinaufgegangen. Ihr mehrstündiges Suchen war aber ebenfalls völlig resultatlos geblieben, und ermüdet und enttäuscht hatten sie endlich von ihrem Bemühen abgelassen.

»Die Steine sind fort,« hatte Eva gesagt; »die Hoffnung, Herr Doktor, welche Sie darauf gesetzt, müssen Sie fahren lassen. – Aber wie es hier in der Schlucht dumpf und schwül ist! Kommen Sie, mein Freund, wir wollen uns einen schattigeren Heimweg suchen, als der Herweg gewesen.« Es war still, tiefstill in den Gründen des weiten Waldgebietes, welches sich gegen Norden zu in Kuppen über Kuppen auftürmte. Kein Rehruf, kein Amselschlag wurde laut in der grünen Wildnis, kaum daß da und dort fernab in der Öde der Schnabel eines Spechtes an die Stämme klopfte oder das Eichhorn einen kurzen Pfiff ausstieß, wenn es sich von einem der regungslosen Wipfel zum andern schwang. Am Westhimmel braute in schwarzdrohenden Wolkenmassen ein Gewitter und schob eine unheimliche Schwüle vor sich her, welche träg und schwer auf Berg und Wald und Tal lastete.

Eva schritt ihrem Begleiter voran einen schmalen Fußpfad hinan, welcher an der rechten Wand des Bärenbachtälchens dem Forgforst zuführte. Sie schien mit den Wegen des Waldes genau vertraut zu sein, denn obgleich der Pfad bald unter üppigem Brombeergeranke verschwand, ging sie doch elastischen Trittes vorwärts, ohne sich weiter über die einzuschlagende Richtung zu besinnen. Der Wald verschlang sich immer öder, wilder und romantischer um die beiden her, sie waren offenbar in eine Gegend desselben gekommen, welche nur selten von Menschen betreten wurde.

Endlich stand die Gräfin in einer kleinen muldenartigen Einsenkung still, wandte sich gegen Ottmar um und fragte:

»Kennen Sie diesen Platz?«

Es war ein recht einsamer Ort, wie weit, weit fernab von der Welt gelegen. Granitblöcke waren umhergewürfelt, über und über umsponnen von Rankengewächsen. Das braungrüne Moos schwoll hoch unter dem Tritt des Menschen, und die Stämme ungeheurer Tannen drängten sich auf allen Seiten dicht aneinander, als wollten sie den Zugang wehren. Ottmar sah sich die Stelle neugierig an, und eine vage Erinnerung dämmerte in ihm auf.

»Ich glaube nie hier gewesen zu sein,« sagte er, »und doch ist mir fast, als müßte ich vor langen Jahren diesen Ort schon einmal gesehen haben.«

»Wirklich?« versetzte Eva. »Da sieht man wieder, daß wir Frauen ein so viel treueres Gedächtnis haben als ihr Männer. Ich erinnere mich noch so deutlich, als ob es erst gestern geschehen, wie Sie dort durchs Gebüsch brachen, als mich an dieser Stelle eine kindische Todesbangigkeit des Verirrtseins befallen hatte.«

»Ach ja,« rief Ottmar lebhaft aus. »Jetzt ist mir wieder alles klar. Ich sehe Sie noch vor mir in Ihrer rührenden Hilflosigkeit und Verschüchterung. Wer hätte gedacht, daß ich eines Tages an diesem Orte wieder an Ihrer Seite stehen würde, nach so viel Kämpfen, Enttäuschungen und Leiden!«

»Haben auch Sie gelitten, mein Freund? Doch ich vergesse, daß Sie die Kämpfe der Zeit mitgemacht und schwer für Ihren Enthusiasmus gebüßt haben. Aber Sie waren glücklich trotz alledem: Sie konnten kämpfen und leiden für eine große Idee. Wir Frauen sind dazu verdammt, für nichts und wieder nichts zu leiden, und alle unsere Schmerzen sind am Ende bloß lächerlich. Ich fühle es, wäre ich ein Mann gewesen, ich hätte getan wie Sie und würde mein Leben lang stolz darauf sein.«

Sie hatte ihm ihre Hand gereicht, die er an seine Lippen führte. Ihm war, als müßte er das schöne Wesen, welches so eben mit so schöner Teilnahme zu ihm gesprochen, in seine Arme schließen; aber er wagte es nicht, denn ihr Blick war keineswegs auffordernd, sondern so ruhig freundlich wie immer.

Vielleicht ahnte sie, was in dem jungen Manne vorging, denn sie entzog ihm ihre Hand, welche er noch immer festhielt, und sagte:

»Wir stehen hier auf heiligem Grund. Hat sich mein armer Großvater nicht eine schöne Grabstätte auserwählt? Fern den Menschen und dem betäubenden Wirbel des Lebens, welcher unter tausenderlei neuen Formen ewig den alten Jammer der Menschheit wiederkehren läßt, wollte er einsam ruhen. Sehen Sie, da haben wir ihn eingesenkt.«

So sprechend bog sie das saftig wuchernde Strauchwerk auseinander, welches den schmalen Raum zwischen zwei gewaltigen Felsblöcken ausfüllte, und zwischen dem Gezweige wurde ein niedriges, halbübermoostes Steinkreuz sichtbar.

Sie stützte sich mit beiden Händen auf das Kreuz und verharrte lange in Schweigen. Ob sie betete? Ottmar glaubte, es müßte so sein. Wurde ihm doch selber andächtig zu Sinne.

Es war ein tieftrauriger Moment. Der Himmel hatte sich umdüstert, und die schwarzen Wolken droben vermehrten die Düsternis des stillen Ortes. Der Herold des Gewitters, jener unheimlich pfeifende Luftzug, griff erst sachte, dann stärker in die Wipfel der Tannen und brachte ein Geräusch hervor, als stöhnte der ganze ungeheure Forst in der Angst vor etwas Bedrohlichem leise auf. Aus der Ferne herüber grollte von Zeit zu Zeit ein dumpfer Donnerton – präludierende Paukenschläge einer Prachtsymphonie der Natur.

Während Ottmar noch mit sich zu Rate ging, ob er die Dame in ihrem Sinnen stören und auf die drohenden Wetterzeichen aufmerksam machen dürfte, kehrte sie sich zu ihm und sagte ruhig:

»Wir werden ein Gewitter haben. Zum Glück ist es nicht weit bis zum Bärenschlößchen, wo wir unterstehen können, wie die Bauersleute zu sagen pflegen.«

Sie bog das Gesträuch wieder sorgfältig über dem Steinkreuz zusammen und fuhr fort:

»Ich will versuchen, mein Freund, Ihnen während des Gewitters die Zeit zu vertreiben, indem ich Ihnen die Geschichte meiner Jugend erzähle. Aber wir müssen eilen. Kommen Sie!«

Sie beschleunigten, sobald sie aus dem Dickicht heraus waren, ihre Schritte, und bei der genauen Ortskenntnis Evas gelangten sie, als eben die ersten schweren Tropfen fielen, an den Absturz des Plateaus, welches den Forgforst trägt, und sahen in der fahlen Gewitterbeleuchtung die Ruine des Bärenschlößchens auf einem aus der Bergwand vorspringenden Felsen vor sich liegen, zu welchem ein halbvermorschter Holzsteg hinüberführte.

Eva ging unserem Freunde rasch voran über den Steg, der nur noch auf einer Seite ein fragmentarisches Geländer hatte. Drüben kamen sie über einen schmalen Vorplatz, der mit Mauertrümmern übersäet war.

»Folgen Sie mir,« sagte sie, »aber geben Sie acht, daß Sie sich nicht die Schienbeine zerstoßen. Es sieht hier wüst aus, und Wind und Wetter werden ihr Werk bald vollends getan haben. Die uralte kleine Kapelle, an welche sich die übrigen Baulichkeiten des Schlößchens nach und nach anleimten, trotzt dem Zahn der Zerstörung am längsten. Sie war auch Großvaters und meine eigentliche Wohnung. Jetzt ist freilich, wie Sie sehen, das Dach größtenteils eingestürzt; doch kann ich Ihnen immer noch ein Obdach gegen das Unwetter versprechen. – Cielo, wie das blitzt und donnert!«

Sie standen vor dem türlosen Eingange des alten Bauwerks und betraten das Innere, als eben das Gewitter mit voller Macht losbrach und der Sturm um die Felsenklippe heulte, als wollte er das Trümmernest in die Tiefe hinabfegen.

»Beim Zeus,« sagte Ottmar, indem er in der Streiflichterbeleuchtung der Blitze in der Ruine sich umsah, »da sieht's weniger gemütlich als romantisch aus.«

»Viel Komfort werden Sie da allerdings nicht finden, mein Freund, immerhin aber ein trockenes Plätzchen,« versetzte die Gräfin.

Sie durchschritten den dachlosen ovalen Raum der ehemaligen Kapelle, und Eva holte aus einer Mauerspalte einen großen altertümlichen Schlüssel hervor, womit sie eine in die Hintermauer eingelassene niedrige Bogentüre aufschloß, die sich lautkreischend in den rostigen Angeln bewegte und ein kleines gewölbtes Gemach sichtbar werden ließ, vorzeiten die Sakristei des schon längst seinem kirchlichen Zweck entfremdeten Gebäudes.

»Das war unsere Winterstube,« sagte Eva, auf die ärmlich einfache Ausrüstung des düsteren Gelasses deutend. »Sehen Sie, an diesem Tische hier hielt der Großvater mit mir Schule, und in dem Ofenwinkel dort verträumte ich die endlos langen Winterabende.«

Unser Freund fühlte sich heute mehr als je zu Eva hingezogen. Es lag so etwas Stillsinniges in ihrem ganzen Gebaren, es war in ihrer unbedeutendsten Äußerung ein Ton wie verhaltene Klage.

»Das war wohl eine recht traurige Jugend, meine teure Freundin,« sagte er. »Ich bemitleide Sie von Herzen.«

»O, ich weiß nicht,« entgegnete sie, »ob da Ihr Mitleid wohl angebracht ist, denn oft, sehr oft will mir scheinen, jene einsamen Jahre seien meine glücklichste Zeit gewesen.«

»Und Sie wollen mir davon erzählen?«

»Ja, wenn Sie hören wollen.«

»Wie können Sie fragen?«

»Gut. Machen Sie sich's so bequem, als Sie können. Ich fühle mich Ihnen gegenüber, zu dieser Stunde und an diesem Ort so recht mitteilsam gestimmt.«

Er nahm an ihrer Seite auf einem der schwerfälligen alten Stühle Platz, und Eva hob inmitten des Gewittertosens ihre Erzählung an.

4. Eva erzählt.

»Sie wissen, mein Freund, ich bin ein Kind des Südens, aber Sie würden mich vergeblich nach meiner Herkunft fragen, ich wüßte Ihnen darauf keine Antwort zu geben. Ich bin recht eigentlich ein auf den Ozean des Lebens hinausgeschleudertes Brett, vielleicht der letzte Splitter eines Fahrzeugs, das einst stolzbewimpelt über die Wogen dahinglitt.

Ohne Bild: mein Großvater, der mich vor dem Erwachen meines Bewußtseins fernher in diese Berge brachte, war ein Spanier, das ist gewiß. Halte ich ferner alle die seltenen und dunkeln Äußerungen zusammen, welche ihm während unseres Beisammenseins über seine Vergangenheit entschlüpften, so muß ich annehmen, daß er zu den Vornehmsten und Reichsten seines Landes gehört habe.

Welches Verhängnis meinen Großvater aus seinem Vaterlande vertrieb, weiß ich nicht. Daß es eine schreckliche Katastrophe gewesen sein muß, ahne ich. Zuweilen entfielen ihm Worte, wie nur furchtbare Erinnerungen sie den Menschen auf die Lippen jagen. Je mehr ich heranwuchs, desto seltener verlautbarte er solche Worte, allein die wenigen Fragmente von Selbstgesprächen, welche ich früher von ihm gehört, hatten sich mit brennender Schärfe mir in die Seele geätzt. So kenne ich denn weder den wahren Namen meines Großvaters noch den seiner Familie, ich weiß weder von Vater noch von Mutter; aber ich bin überzeugt, daß meine Mutter das einzige Kind meines Großvaters war und daß ich ein Kind der Liebe oder, wie die Welt das nennt, der Sünde bin. Die Geschichte meiner Eltern muß eine traurige gewesen sein und gewiß, ich kann dieses Gedankens mich nicht entschlagen, sie ruhen beide in einem blutigen Grabe. Vielleicht hat meines Großvaters Hand das, was er seine Schande nannte, furchtbar gerächt. Er war ein Mann, dem man die wildesten Affekte wohl zutrauen durfte. Eine meiner frühesten Erinnerungen ist die, daß ich eines Abends, hier an dieser Stelle, zwischen den Knien des finsteren Greises stand, und er sich von mir seinen verworrenen Bart zerzausen ließ. Plötzlich funkelten mich seine tief in ihren Höhlen liegenden Augen mit unbeschreiblicher Wut an. Aufspringend schrie er: ›Du hast die Züge deiner Mutter und blickst mit den Augen deines Vaters. Weg! weg! Warum Hab' ich nicht die ganze Brut –‹ Ich hörte nicht weiter, denn im Aufspringen hatte er mich so rauh zurückgestoßen, daß ich auf den Boden hinschlug, mich bedeutend am Hinterkopf verletzte und vor Schieck und Schmerz besinnungslos wurde. Als ich wieder zu mir kam, sah ich den Großvater über mein Lager gebeugt, und da ich mich in nachwirkendem Entsetzen von ihm kehrte, faßte er mich sanft in seine Arme und beschwichtigte mich mit den zärtlichsten Worten und Liebkosungen. Solche Stürme und Begütigungen wiederholten sich oft. Überhaupt war in dem Benehmen des Großvaters gegen mich ein schroffer Wechsel. Hatte er seine finsteren Zeiten, so kümmerte er sich tagelang, ja wochenlang nicht im entferntesten um mich, verbrachte seine ganze Zeit einsam im Walde und gönnte mir beim Heimkehren kaum eine Silbe. Dann aber wieder kamen Tage und Wochen, wo er mir die liebevollste Aufmerksamkeit widmete, zärtlich für meine Bedürfnisse sorgte und mich sorgfältig unterrichtete, wozu seine ausgebreiteten Kenntnisse ihn befähigten. Ich gewöhnte mich nach und nach an seine Eigentümlichkeiten, merkte es mir frühzeitig, daß Fragen, welche sich nicht auf Gegenstände des Unterrichts bezogen, seinen heftigsten Zorn erregen konnten, und unterließ sie daher. Übrigens hing ich mit grenzenloser Zuneigung an ihm, und wie hätte das auch anders sein können? Hatte ich doch auf der weiten Welt außer ihm niemand, niemand! Er war mir Vater und Mutter, Wärterin, Beschützer und Lehrer, und da er augenscheinlich grenzenlos unglücklich war, da seine eiserne Natur unter den Folterschlägen schrecklicher Erinnerungen sich krümmte, mußte ihn meine junge Seele nur um so mehr lieben.

Wir lebten hier oben ganz abgeschieden von den Menschen. Der Großvater duldete es nicht, daß ich ins Tal hinabging, und die Furcht, welche sein finsteres, drohendes Wesen den Talbewohnern einflößte, sicherte unsere Einsamkeit vor allen Beeinträchtigungen. So konnte es nicht fehlen, daß ich scheu war wie ein Reh, wenigstens den Menschen gegenüber, und als Sie, mein Freund, damals das verirrte Kind im Walde fanden, war meine Schüchternheit gewiß keine verstellte. Jenes Abenteuer prägte sich mir übrigens fest ins Gedächtnis. Ihre Freundlichkeit hatte mich so ganz eigen angemutet, und wenn mir später der Großvater in seinem grimmigen Menschenhaß das ganze Menschengeschlecht als einen Knäuel von Dummheit, Bosheit und Niederträchtigkeit schilderte, machte ich immer zu Ihren Gunsten eine heimliche Ausnahme.

Wir lebten ärmlich und kärglich, nicht selten sogar in bitterer Not. Letzteres dann, wann der Großvater, in seine wilde Melancholie versunken, gar keine Bedürfnisse zu empfinden schien und es, wie er sonst tat, unterließ, in dunkler Nacht nach Bernwartshall hinabzusteigen, um sich von dem alten Kastellan unseren Wochenvorrat an Lebensmitteln verabreichen zu lassen. Einmal, aber auch nur einmal schien sich sein Stolz dagegen zu empören, denn er sagte mir: ›Du brauchst nicht zu glauben, daß du von Bettelbrot lebest, Eva. Ich habe diesem deutschen Grafen – er meinte den Vater Hippolyts – vordem in meiner Heimat Verpflichtungen auferlegt, die nicht zum hundertsten Teile dadurch abgetragen werden, daß er uns füttern läßt.‹

Was kümmerte mich das? Ich war mit einem Leichtsinn ausgerüstet, welcher in meiner Lage ein glücklicher genannt werden durfte. War nur das Wetter schön, gleichviel ob Sommer, ob Winter, dann war alles recht. Ich kannte nur die Einsamkeit, die Felsen, die Bäume und Bäche, den Wald und seine Bewohner und o, wie liebte ich sie! Wie waren sie mir alle vertraut! In einer reizenden Novelle von Georges Sand habe ich später von einem jungen Mädchen gelesen, welchem ein eigentümlicher Zauber innewohnte, sich die Vogelwelt befreundet und dienstbar zu machen. Was das für köstliche Erinnerungen in mir wachrief! Auch mir waren ja die Sänger des Waldes und nicht nur sie, sondern auch das Eichhorn und das Reh freundliche Gespielen gewesen, die meinen Tritt, meine Stimme kannten, meinem Rufe folgten, mich durch die Waldeshallen begleiteten, meine Worte verstanden, meine kindlichen Scherze teilten. Ich wollte nur, ich könnte Ihnen das alles so recht anschaulich schildern – es war eine glückliche Zeit.

Bis in mein zwölftes Jahr lebte ich so hin. Der Großvater hatte bis dahin beim Unterricht und sonst nur deutsch mit mir gesprochen und war jeder Erinnerung an Spanien möglichst aus dem Wege gegangen. Da fand ich einmal unter den Büchern, welche er ebenfalls nächtlicher Weile vom Schloß heraufholte, eine alte Reisebeschreibung über das Land meiner Geburt. Wahrscheinlich hatte sich das Buch nur durch Zufall unter die anderen verloren, ich aber las es mit um so größerer Neugier, als Spanien für mich ein noch unentdecktes Land war. Der Tourist hatte namentlich Andalusien und dort wieder Granada mit der Alhambra und dem Generaliph mit großem Aufwand von Phantasie und Begeisterung beschrieben. O, wie schön muß das alles sein! rief ich enthusiastisch aus an einem Winterabend, wo die Stürme um unsere ruinenhafte Behausung her wüteten und demnach das, was ich von den paradiesischen Gärten der granadinischen Vega, von den silbernen Gipfeln der Sierra Nevada, von den herrlichen Marmorhallen der maurischen Königsburg und dem klaren dunkelblauen Himmel darüber gelesen hatte, mit der Wirklichkeit in einem nur um so wirksameren Gegensatz stand. Der Großvater, welcher in düsterem Brüten durch, das schmale Bogenfenster dort in die Nacht hinausstarrte, kehrte sich zu mir und fragte mich gleichgültig: ›Was muß schön sein, Eva?‹ – ›Dieses Spanien mit seinen andalusischen Tälern und Bergen, mit seinem blauen Himmel und seinen feenhaften Schlössern.‹ – Der Großvater sah mich finster an, und seine Augen schössen einen jener Blitze, die ein Gewitter ankündigten. Aber diesmal kam es nicht zum Ausbruch. Der alte Mann verließ die Stube und schritt lange in der dunkeln Kapelle draußen auf und ab. Zurückkommend nahm er mir das Buch aus den Händen, blätterte eine Weile darin und sagte dann ernst, aber nicht unfreundlich: ›Du möchtest also von Spanien, dem Lande deiner Geburt, erfahren, Eva?‹ – ›O gern, Großvater,‹ versetzte ich. – ›Wohl, ich will dir davon erzählen. Ich will dich einführen in die Sprache, Geschichte und Sitte unseres schönen Heimatlandes, welches vormals dem Erdkreis gebot und jetzt zum Spott der Volker geworden ist.‹

Von da an unterwies mich der Großvater im Spanischen, und war es angeborene Fähigkeit, war es mein brennender Eifer, was dieses Studium mir erleichterte, in kürzerer Zeit, als mein Lehrer erwarten mochte, bemächtigte ich mich dieser Sprache voll metallenen Klanges. Wir sprachen jetzt meist nur noch das Idiom unseres Landes, und da die gräfliche Bibliothek ziemlich reich war an Werken der spanischen Literatur, so wurde ich eingeführt in die Herrlichkeit der kastilischen Dichtung. Welche Zaubermacht wehte mir entgegen aus den Werken Lopes und Calderons! Wie versenkte sich meine Seele in die von brennender Farbenpracht leuchtenden Gemälde altspanischer Liebe, Ehre, Rache und Abenteuerlichkeit! Der Großvater hielt freilich darauf, daß ich mehr historische als poetische Werke läse, aber wenn ich, gehorsam seinen Winken, das Geschichtbuch des Solis von dem Eroberungszug der Spanier nach Mexiko zur Hand nahm, was war das anderes als eine historische Romanze voll anmutiger und furchtbarer Episoden? Meine Phantasie begann unter diesen dichterischen Eindrücken, die mit der Wirklichkeit meiner Lage so sehr kontrastierten, ihre Schwingen zu rühren, mein Herz schwoll hochauf und eine Atmosphäre voll Phantastik bildete sich um mich her. In Wahrheit, wenn ich von den Büchern aufsprang, um mir den glühenden Kopf draußen im Waldesschatten zu kühlen, und dann meine gefiederten Gespielen zwitschernd mich begrüßten, um mir wie ein Ehrengeleite durch den Forst zu folgen, da hielt ich mich oft allen Ernstes für eine verzauberte Prinzessin und erwartete jeden Augenblick, daß der Ritter mit dem Silberschild und dem Goldhelm aus dem Dickicht treten würde, um den Zauber zu losen und mich heimzuführen auf seine von Festjubel durchtönte Burg, die all ihren Glanz vor mir auftat.

Sie mögen wohl lächeln, mein Freund, über diese kindischen Phantasien, aber lassen Sie sich sagen, daß dieselben nicht mehr so recht eigentlich kindisch waten. Wir Südländerinnen reifen schneller als die kalten Töchter eines kalten Himmels. Ich war an der Schwelle zwischen Kind und Jungfrau angelangt, hatte sie auch wohl schon überschritten, ohne es zu wissen. Warum doch hat noch kein großer Dichter den wunderbaren Zustand eines weiblichen Wesens, unter dessen knospendem Busen ein glühendes Herz sich zu regen beginnt, genau analysiert? Mir deucht, wenn ich imstande wäre, die Regungen, welche damals mich durchstürmten, zu einem Gedichte zu verkörpern, es müßte dies wirklich ein Gedicht sein. Doch ich Vergesse, daß ihr Deutschen eine Art von solchem Gedicht wirklich besitzt: Mignon in Goethes Meister. Eine seltsame Unruhe kam in mein Blut und trieb mich tagelang rastlos durch die Wälder. Ich begann zu ahnen, daß das Weib nicht geschaffen sei, einsam zu bleiben. Ich sehnte mich gleichsam aus mir hinaus, wollte mich mir selbst gegenständlich machen, um mit einem zweiten Ich verbunden zu werden. Darum beugte ich mich über den Spiegel der Quellen, um mich selber zu erblicken. Ich fand nicht, daß ich schön wäre, aber ein scheuer und doch zugleich wilder Instinkt sagte mir, daß ich geliebt werden wollte.

Unsere Einsamkeit hier oben wurde mir furchtbar zur Last. Ich sehnte mich zu Tale, unter Menschen, und doch wagte ich den Bann des Großvaters nicht zu brechen, um so weniger, als er mich jetzt stets so liebevoll behandelte wie früher nur in seltenen Momenten. Aber stundenlang saß ich draußen auf dem Felsen, den ziehenden Wolken nachblickend, von fern die Wege der Talbewohner erspähend, mich hinaussehnend in die Welt, von der ich nur jene unklare Vorstellung hatte, wie Bücher sie uns verschaffen – nach Süden, nach Norden, nur fort, weit, weit! – und meine nach der Kenntnis von Welt und Leben und ihrem Genuß dürstende Seele mit bunten Phantasien schweigend und schwichtigend.

Der Großvater war nicht blind für meine Aufregung. Er verwies mich, sie zu bändigen, auf ernste Geistesarbeiten und entfernte die Werke der Dichter aus dem Bärenschlößchen. Ich versuchte es auf seinen Rat mit dem Studium der Geschichte. Aber das hieß mich nur aus einer Unruhe in die andere werfen. Die Gedanken und Taten der großen Menschen flügelten mich empor zu den Ätherhöhen der Begeisterung für das Große, Edle, Schöne, und es zu denken und zu tun fühlte ich damals den brennenden Wunsch in mir aufsteigen, ein Mann zu sein. In meiner exaltierten Stimmung wähnte ich die Strophen eines Unbekannten und Ungenannten, die ich um jene Zeit zu Gesicht bekommen, ich weiß nicht mehr wo, direkt auf mich beziehen zu dürfen:

Ich hätte wohl gewußt, mit reinen Händen
Der Themis unverfälschtes Lot zu heben,
Zu üben Recht und Unrecht abzuwenden
Und, die dem Volke die Gesetze geben,
Zu zünden mit der Rede Feuerbränden.
Gewußt hätt' ich, dem Vaterland zu leben
Und ihm zu sterben, wenn es sein gemußt,
Wie Hektor starb – ich hätt' es wohl gewußt.

Und eine Krone mocht' ich mir verdienen,
Idol des Volks, wie eine nur gewesen.
O, schön ist's, in geliebter Menschen Mienen,
Den Beifall seiner Taten sich zu lesen,
Den Unsinn durch der Wahrheit Opfer sühnen
Und des Gewissens hochbeleidigt Wesen
Durch Sympathie, wonach wir alle ringen,
In süßen Einklang mit sich selbst zu bringen.

Wenn der Becher zu voll ist, schäumt er über. Es konnte daher nicht fehlen, daß der in mir tätige Sturm und Drang irgend eine Ableitung nach außen suchte. Die mich verzehrende Unruhe schuf sich eine entsprechende Äußerung, die keine andere war als der Tanz. In besonders friedlichen und verhältnismäßig heiteren Stunden hatte mich der Großvater spanische Volkslieder gelehrt. Eines Frühlingstages, als ich gerade die Kapelle draußen zu unserem Sommeraufenthalt gelüftet und in Ordnung gebracht hatte, stimmte ich eins jener Lieder an, und unwillkürlich begannen meine Beine den Takt der Melodie zu treten. Von jener Stunde an sang ich tanzend. Es mochte sein, daß ein ungewöhnliches tänzerisches Talent bis dahin in mir geschlummert, es mochte auch sein, daß meine Füße die Erinnerung an mein Heimatland treuer bewahrt hatten als meine unmündige Seele – genug, indem ich die Bewegungen meines Körpers den Melodien meiner Silvas und Redondilias anpaßte, lernte ich die nationalen Tänze des Landes, aus welchem jene Lieder stammten. Es war purer Instinkt; ich tanzte Fandango, Bolero, Cachucha, El Ole, la Madrilena, ohne von diesen Tänzen mehr als die Namen zu kennen. Als der Großvater mich einmal bei diesen von mir mit Leidenschaft betriebenen Übungen überraschte, sah er mir mit stummer Verwunderung zu. Er sagte auch später nichts dazu, allein ein paar Tage darauf gab er mir Kastagnetten, die er aus Buchs für mich geschnitzt, und deren Gebrauch er mir zeigte. Das war prächtig; nun hatte ich doch ein Instrument, meine Stimme zu unterstützen. Jetzt erst tanzte ich mit wahrer Begeisterung, und oft, wenn mich in lauer Sommernacht die Unrast meiner Seele vom Lager trieb, schlich ich hinaus in den Wald und zog im Schweigen der Mitternacht auf dem schwellenden Moosteppich meiner Tänze bacchantische Kreise.

Ich empfand dabei die süße Genugtuung des Künstlers, und es dämmerte in mir das Bewußtsein auf, daß ich eine Künstlernatur sei. O, warum war mir nicht vergönnt, der inneren Stimme zu folgen? Warum trieb mich mein Schicksal nicht auch mit äußerlicher Gewalt auf die Bahn der Schauspielerin, Sängerin oder Tänzerin? Gewiß, ich fühle es noch jetzt, wo doch meine beste Kraft schon gebrochen ist, ich hätte, wenn ich jene Bahn wirklich betreten, anderen Freude und mir selbst Befriedigung verschafft, statt daß ich jetzt mit innerlichem Überdruß auf eine Existenz blicke, welche nur eine verfehlte ist.

Ja, mein Freund, ich hätte Künstlerin werden sollen. Aber es sollte anders kommen, ganz anders, und ich bin jetzt bei einem Abschnitt meiner Geschichte angelangt, den ich als einen unerquicklichen möglichst kurz abmachen will.

Eines Abends traf ich, aus dem Walde heimkehrend, bei meinem Großvater einen Fremden, einen jungen Mann, den ersten Gast, welchen der Großvater über unsere Schwelle gelassen. Es war Hippolyt, der nach dem in den Wildnissen von Sonora erfolgten Tode seines Vaters in die Heimat zurückgekehrte letzte Bernwart. Sein Aussehen erschien mir interessant. Man sah ihm an, daß er fern von der Uniformierung, welche unsere moderne Zivilisation allem und jedem aufzwingt, unter kühnen Wagnissen eine abenteuerliche Jugend verlebt hatte. Auch er war sozusagen in der Einsamkeit aufgewachsen wie ich, und das gab schon ein Bindemittel zwischen uns ab. Ein zweites war der Umstand, daß ihn sein Aufenthalt in den Provinzen Mexikos mit der spanischen Sprache vertraut gemacht hatte. Endlich verfehlte das Benehmen des Großvaters gegen den jungen Mann nicht seines Eindruckes auf mich. Er behandelte Hippolyt mit einer Zuvorkommenheit, deren ich ihn gar nicht für fähig gehalten hätte.

Hippolyt kam öfter, bald täglich. Gewöhnlich wortkarg und verschlossen wie ein Indianer, entwickelte er eine gewisse wilde Beredsamkeit, wenn ich ihn vermochte, seine Erlebnisse in den Wäldern und Steppen der Neuen Welt zu schildern. Die Abenteuerlichkeiten, welche ich da zu hören bekam, stimmten oft wunderbar mit der phantastischen Welt überein, welche ich in der Brust trug. Das Seltsame und Wilde dieser Erzählungen verliehen dem Erzähler einen eigentümlich romantischen Reiz. Nicht mein Herz, aber meine Phantasie wurde bestochen, und mein Verstand war nicht ausgebildet genug, um die Einbildungskraft zu kontrollieren. Wie auch hätte er es sein sollen?

Ich müßte kein Weib gewesen sein, wenn ich nicht bald gemerkt hätte, daß ich auf Hippolyt Eindruck gemacht. Er zeigte mir durch sein ganzes Benehmen, daß ich ihm gefiele. Dann sagte er es mir auch. Was mich betrifft, mein Herz blieb stumm, aber meine Phantasie gab Antwort. Nicht minder meine Eitelkeit und– meine Sinnlichkeit. Ja – erstaunen Sie nicht über dieses Bekenntnis, mein Freund – ich war ein heißes Mädchen, und keine Mutter hatte mich gelehrt, die Wallungen meines Blutes mittels jenes moralischen Schnürleibs zurückzupressen, welchen man Anstand nennt und der doch meistens nur eine schlecht durchgeführte Koketterie ist. Aber vielleicht tue ich den Mädchen dieses Landes unrecht, und das sollte mir leid tun, denn ich bin weit entfernt, um mich zu beschönigen, anderen das Feuer zuschreiben zu wollen, welches in meinen Adern rollte.

Die Eingebungen meiner Phantasie, meiner Eitelkeit und meiner Sinne, dann der Überdruß an meinem einsamen Leben machten mich zu Hippolyts Frau. Es kam aber auch noch ein weiteres Motiv zu jenen hinzu. Die Gesundheit des Großvaters war schon lange gebrochen. Er verfiel zusehends und fühlte mit kältester Gleichgültigkeit, daß es rasch mit ihm zu Ende ginge. ›Eva,‹ sagte er eines Abends zu mir, ›wenn ich tot bin, und ich werde es sehr bald sein, so bist du eine heimatlose Bettlerin. Du hast zu wählen, ob du dieses oder aber Gräfin Bernwart sein willst. Der Graf hat bei mir um deine Hand angehalten. Ich will dich zu dieser Verbindung weder zwingen, noch kann ich es. Aber ich rate dir, heirate ihn!‹

Was sollte ich, die wie eine Wilde außerhalb der Gesellschaft stand, dagegen sagen? Ich gab Hippolyt mein Jawort, die Wilde dem Halbwilden. Ich konnte glauben, daß Hippolyt mich wirklich liebte, ich glaubte es wirklich; denn wenn nicht eine wahre und große Leidenschaft, was denn sonst sollte ihn bewogen haben, die Heimatlose, die Bettlerin zu seiner Frau zu machen? Allerdings verspürte ich in meiner Seele nicht jenes Geloder einer ätherischen Flamme, welches die Liebe ist und sein soll, wenn anders die Dichter recht haben; allein ich war meinem Bräutigam auch nicht gerade abhold. War er doch der erste Mann, welcher sich huldigend um mich bemühte, und welches Weib in meiner Lage wäre für diese Huldigungen unempfänglich geblieben? Auch verpflichtete er mich so sehr zu Dank. Wie kindisch freute ich mich, als er eine mächtige Kiste voll prächtiger Brautgeschenke ins Bärenschlößchen herausschaffen ließ, als ich, die bisher in schlichtester Mägdekleidung gegangen, in Seide und Sammet und Spitzen einherrauschen konnte! Wie staunte ich, wie war ich glücklich, als er mich, die ich bisher in einer armseligen Ruine gewohnt hatte, in die schönen, hohen, mit luxuriösem Mobiliar und kostbaren Kunstsachen ausgestatteten Gemächer seines Schlosses führte und mich der glückwünschenden Dienerschaft als ihre Herrin vorstellte. Das alles war für mich ganz feenhaft; meine Kinderträume waren in Erfüllung gegangen, und diese Erfüllung berauschte mich so, daß ich in dem Leichtsinn des Glückes den wenige Tage nach meiner Hochzeit erfolgten Tod des Großvaters leicht verschmerzte.

Wir gingen auf Reisen, lebten in der Hauptstadt, gaben in Bernwartshall rauschende Feste. Hippolyt genoß den Reiz des Ungewohnten in so durstigen Zügen wie ich selber. Er schien sich des Ungestüms zu freuen, womit ich mich in den Strudel der Gesellschaft warf und dem Vergnügen nachjagte; es schien ihn stolz zu machen, daß man meine Schönheit Pries, meine Originalität bewunderte, meine Liebhabereien nachahmte. Er besaß so wenig als ich das, was ihr Deutschen sittlichen Halt nennt. Aber der Rausch konnte unmöglich lange dauern, und als, durch die ökonomische Misere des Grafen beschleunigt, die Ernüchterung eintrat, war auch die bunte Illusion meines Glückes zerstoben. Es bedurfte nicht erst der Entdeckung, daß unter der gewöhnlich kalten Außenseite Hippolyts eine unheimliche Glut vulkanischer Wildheit brenne, die zuweilen wütend hervorbrach, um mich zu vergewissern, daß meine Heirat nur ein Irrtum der Phantasie gewesen, welchen jetzt das Herz schwer zu büßen hatte. Es bedurfte dazu auch nicht der Entdeckung, daß die Tochter Milimachs meine glückliche Nebenbuhlerin war. Das Band, welches Hippolyt und mich verband, war ein Band von Sand gewesen. Daß es auseinanderfiel, er und ich tragen gleicherweise die Schuld. Wir machten auch keinen Versuch, es wieder zu knüpfen, und lebten seither nicht miteinander, sondern nebeneinander so hin, so gut es gehen mochte. Wären uns Kinder verliehen worden, sie hätten vielleicht ein neues Band gewoben. Ja, ich fühle, ich weiß es, Mutterglück und Muttersorgen hätten mir das wilde Herz gesänftigt und mich still tragen gemacht, was zu tragen war. So aber wurde mein Leben nur eine Kette von Torheiten, Betäubungsversuchen und Täuschungen, ein ebenso tolles als eitles Haschen nach einer Befriedigung, deren Quelle in meinem Inneren längst versumpft war.«

5. La Madrilena.

Die Erzählerin brach plötzlich ab und stand geräuschlos auf.

Das Gewitter war vorübergezogen, und in der Ferne verhallten dumpfrollend seine letzten Schläge.

Aber auch da, als es über dem Bärenschlößchen gestanden, hatte es nicht vermocht, Ottmars Aufmerksamkeit von der Geschichte Evas abzulenken.

Das war einmal ein Stück Romantik! Mit einem sehr modernen Anhängsel allerdings, aber man wird es begreiflich finden, daß unser Freund darüber wegzusehen geneigt war. Man stelle sich einen jungen Mann vor, in einem nur zuweilen durch Blitze erhellten Halbdunkel einer Frau von unvergleichlicher Schönheit zur Seite sitzend, einer Frau, deren süßer Atem den engen Raum mit einem berauschenden Fluidum erfüllte, einer Frau, die mit beispielloser Offenheit vor ihrem Zuhörer eine Vergangenheit aufrollte, die wie ein Märchen in der Prosa unserer Zeit dastand; man rechne hierzu die undefinierbare und doch so gewaltige Magie, die für einen, der zu lieben beginnt, schon in dem Rauschen des Kleides der Geliebten, in jeder ihrer leisesten Bewegungen liegt, und man wird sich nicht eben darüber verwundern, daß Ottmar die Beute einer heftigen Aufregung war.

Er hatte freilich die Geschichte Evas mit wechselnden Empfindungen angehört. Manches darin war wie ein Dämpfer – ob vielleicht gar ein absichtlicher? – für seine aufflackernde Leidenschaft. Aber im ganzen überwogen die günstigen Eindrücke doch weit. Heftiges Begehren, verwegene Wünsche durchzuckten seine Brust, und mit tausend Armen umstrickte ihn die Vorstellung, der Besitz dieser Frau müßte ein märchenhaftes Glück sein.

»Was bin ich für ein blöder Tor!« schalt er sich heimlich und streckte den Arm aus, das reizende Weib zu umfassen.

Aber er griff in die leere Luft; Eva war ihm von der Seite geschlüpft.

In diesem Augenblick wurde draußen in der Kapelle ein seltsam klapperndes Geräusch laut.

Ottmar trat unter die Türe der Sakristei, und vor seinen Augen entwickelte sich die reizendste Szene.

Durch die leeren Fensterhöhlen strömte die balsamische Luft der durch das Gewitter gekühlten Sommernacht, und über dem offenen Dachraum stand am tiefblauen Himmelsgewölbe, im Geleite der ewigen Sterne, voll und klar der Mond, die ganze Fülle seines süßen Lichtes durch die von Dünsten geklärte Atmosphäre niedersendend.

Mitten in dem magischen Lichtkreis, welchen die Seitenwände der Ruine scharf abschnitten, stand Eva. Sie hatte ihr weißes Kleid hochaufgeschürzt und hielt die Kastagnetten in den Händen, von welchen das klappernde Geräusch ausgegangen, das den jungen Mann aus der Sakristei gelockt hatte.

»Ich sprach von meinem Dasein als von einer Kette und einem Sumpf, nicht wahr?« rief sie scherzend dem Freunde zu. »Wohlan, werfen wir die Last der Kette von den Schultern und tanzen wir leichten Fußes über den Sumpf dahin.«

So sprechend stimmte sie mit einer kühnen Wendung der Summe eins jener mutwilligen Lieder an, wie sie die heiße Sonne Andalusiens zeitigt:

»Während der April noch blühet,
Freu' dich, Mädchen, deiner Schöne!
Frühlingsnachtigallentöne
Schweigen, wenn der Sommer glühet.

Bind der Liebe nicht die Flügel
Und verkaufe nicht dein Lächeln;
Wenn dich Liebesseufzer fächeln,
Dem Geliebten laß die Zügel!

Gib das Glück mit vollen Händen!
Und du wirst in Fülle leben.
Wenn erlosch der Flamme Leben,
Wird das Graun der Nacht dich blenden.

Freue dich des Frühlings Blühen
Und genieße seiner Wonne,
Eh' in heißer Sommersonne
Duft und Farbenschmelz verblühen.

Die reizende Melodie summte fort, der Taktschlag der Kastagnetten knackte darein, und die leichte Gestalt setzte sich in anmutigste Bewegung.

Sie tanzte die Madrilena, erst in gleitendem Schreiten den kleinen Raum umwandelnd, dann mählich in graziösester Stufenfolge zum wildesten Wirbel südlicher Tanzaffekte übergehend und in dämonisch kühnen, aber immer schönen Bewegungen und Wendungen, im Kommen und Gehen, in Schritt und Schwung, in dem reizendsten Zusammenspiel des ganzen herrlichen Gliederbaues mänadenhaften Mutwillen, bacchantisches Locken, verführerisches Fliehen entfaltend – ein blühendes Wunder der Schönheit, die Verkörperung eines üppigen Dichtertraums.

Ottmars Leben konzentrierte sich in seinen Augen, als er diesem wollustvollen Tanze zusah. Seine Pulse flogen, er war berauscht, geblendet, entzückt, außer sich, als er dieses wunderbare Schreiten und Schweben, Schwingen und Wirbeln der vor seinen Blicken gaukelnden Flamme sah.

»Ja, dieses Weib ist die Tochter der Luft!« rief es in ihm. »Eine Willi ist sie, eine Fee aus dem schönsten Märchen der Welt!«

Noch ein wirbelnder Kastagnettenschlag, noch ein Sylphidenschwung – und die Tänzerin stand in der Mitte des Kreises still und verbeugte sich mit ihrem reizendsten Lächeln vor ihrem Zuschauer, wie seines Beifalls gewärtig.

Ottmar fand kein Wort, um seinem Entzücken Luft zu machen, aber er eilte auf die Zauberin zu und schlug seine Arme um die Hochaufatmende.

Sie ließ es geschehen, daß er sie mit leidenschaftlicher Gewalt an sich zog, sie schmiegte sich einen Augenblick an seine Brust.

Aber wenn sie auch die brennenden Küsse, womit er ihr Augen und Lippen bedeckte, duldete, sie erwiderte dieselben nicht.

Der letzte Rest von Besinnung, welcher ihm noch geblieben, machte ihn fühlen, daß Eva seinen Rausch nicht teilte.

Sie wand sich aus seinen Armen und sagte in einem Ton, hinter dessen Ruhe ein leichter Spott lauerte:

»Küßt ein Freund so heiß?«

»O, Eva, ich liebe dich!« entgegnete er leidenschaftlich und streckte verlangend die Arme nach ihr aus.

Sie machte eine abwehrende Bewegung und sagte freundlich, aber bestimmt:

»Nicht so, nicht so, mein Freund. Dem Augenblick ist sein Recht widerfahren, damit genug. Mich zu lieben, ist es zu spät, viel zu spät!«

Und als er eine protestierende Geberde machte, setzte sie hinzu:

»Es ist nur eine Täuschung der Stunde, lieber Freund, was Sie befangen hält, eine artistische Ekstase über meine artistische Leistung. Das wird vorübergehen, bevor die Nacht um ist. Sie können mich nicht lieben, Sie dürfen nicht, um Ihrer selbst, um Ihrer Zukunft willen. – Still, betrügen Sie sich nicht selbst. Das Erwachen aus diesem Traume müßte bitter sein. Habe ich Ihnen denn nicht deutlich genug gesagt, daß mein Leben ein verlorenes, daß ich eine Verlorene? Und sagte ich Ihnen nicht auch, daß ich nicht eines Liebhabers – den habe ich – Wohl aber eines Freundes bedürfe? Wenn die Zuneigung, die Sie mir beweisen, etwas anderes und Besseres ist als eine Aufwallung Ihrer Sinne, so gedenken Sie dieser Stunde dann, wann ich einmal zu Ihnen sagen sollte: Mir ist ein Freund vonnöten.« Sie reichte ihm die Hand, raffte ihren Schal vom Boden auf, verhüllte sich die Schultern damit und sagte fest:

»Kommen Sie. Die Nachtluft wird unangenehm kühl, und wir haben noch einen weiten Heimweg vor uns.«

So sprechend schritt sie dem Ausgang der Ruine zu, und er folgte ihr mechanisch.

Es ließ Ottmar nicht schlafen, als er, nachdem er die Gräfin nach Hause geleitet, in seiner Stube in der Goldforelle angekommen war.

Eine fieberhafte Unruhe trieb ihn auf den Söller hinaus. Aber der Nachthauch vermochte ihm die heiße Brust nicht zu kühlen. Wie ein Dolchstich schnitt ihm das Wort der Gräfin: »Ich bedarf nicht eines Liebhabers, den habe ich!« immer wieder durch die Seele. Und doch konnte er die Blicke nicht losreißen von dem Bärenschlößchen drüben, auf welches der untergehende Mond seinen letzten fahlen Schimmer warf. Welche wundersame Szene hatte er dort erlebt! Er sah sie immer noch schweben und locken und fliehen, die Willi, die Tochter der Luft. Er sah ihre strahlenwerfenden Augen das magische Helldunkel durchblitzen, die weißen Schultern leuchten, den blendenden Busen schwellen. Selbst die Erinnerung noch war berauschend, unwiderstehlich. Unbewußt sprachen seine Lippen Worte des Entzückens, fragmentarische Ausrufungen, in welchen ein Dichter seinen Liebesrausch geoffenbart. »Welch ein Weib,« rief er aus:

»Welch ein Weib!
Vor seinen Reizen muß ein Heiliger erliegen,
Fühlt er diese Formen schmelzend sanft an seine Brust sich schmiegen,
Fühlt er Feu'r des Lebens schlagen durch die prächtige Gestalt,
Schaut dies Aug', erglüh'nd und schmachtend – Herr und Gott, er bleibt nicht kalt!«

Ein derber Schlag auf seine Schulter schreckte ihn aus seiner glühenden Träumerei.

Umschauend sah er in das lachende Gesicht des grimmen Wate.

»Hat's dich, lieber Junge?« lachte der im Bart. »Schätz' wohl, 's hat dich. Du bist abgemacht, eingetan, fertig, breitgeschlagen, eingesalzen, Petschiert, weg, ganz weg.«

»Zum Henker mit deinen schlechten Späßen!« entgegnete Ottmar unwillig.

»Späße?« versetzte der Grimme. »Ich und spaßen in dieser schauerlichen Mitternachtsstunde? Gott straf' mich, du bist verdammt schief gewickelt, amigo mio, wenn du glaubst, ich scherze. Mir ist's barer, blutiger Ernst, ja, das ist's mir, wenn ich sage, dich hat's! Und wie hat's dich! Kapital, kolossal, pyramidal, obeliskal! Dixi et salvavi animam meam. Und damit gute Nacht, respektive guten Morgen!«

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