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Die Thimigs

Arthur Kahane: Die Thimigs - Kapitel 6
Quellenangabe
typebiography
booktitleDie Thimigs
authorArthur Kahane
year1930
firstpub1930
publisherErich Weibezahl Verlag
addressLeipzig
titleDie Thimigs
pages138
created20120404
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Familiengeschichte

Die Geschichte der Familie Thimig fängt an, wenn Hugo Thimig zum Theater geht.

Sie werden historisch, sowie sie mit dem Theater in Berührung kommen.

Sie finden ihre eigentliche Heimat, ihre Wahlheimat, ihre künstlerische Heimat, durch das Theater, in Wien. Wenn man dem Vater noch, was sehr lustig ist, den Sachsen anhört, bei den Kindern ist das vollständig verschwunden, wie weggewischt. Ihr Wesen, ihre Sprache, ihr Tempo ist wienerisch.

Das ist die schicksalhafte Macht des Theaters, daß es alles Vorhergehende unwesentlich macht oder verwandelt.

Gewiß, die Macht des Blutes ist groß: aber kann man mehr, als sie konstatieren? Wer vermag sie zu analysieren und ihre Einflüsse zu bestimmen oder gar zu erklären!

Die Thimigs stammen also aus Sachsen. Ich glaube nicht, daß damit allein ihr Talent fürs Theater zu erklären ist. Ich kenne Sachsen, die sogar beim Theater sind und gar kein Zeug zum Theater haben. Allerdings sind die meistens aus Leipzig.

Die Thimigs aber stammen aus Dresden. Es ist ein altes, lange in Dresden angesiedeltes Geschlecht, das durchaus in allen Generationen und Linien angesehene Handwerksmeister, meist Handschuhmacher und Uhrmacher, auf 22 weist. Und wenn wir daraus die gute Handwerksgesinnung der Theaterdynastie ableiten, so ist damit fast alles gesagt, was an Familienbeeinflussung sichtbar wird.

Mit dem Theater hatten sie nichts zu schaffen.

Ein weniges doch. August Thimig, Hugos Vater, war als Jüngling, in seiner Gesellenzeit, das beliebte Mitglied eines kleinen bürgerlichen Geselligkeitsvereins, den er durch seine komischen Vorträge, in allerlei Typen und Verkleidungen, regelmäßig erheiterte. Natürlich blieb das gewisse Podiumsglück bei Frauen nicht aus. Pauline Weise verliebte sich in ihn, und Hugo Thimig besitzt heute noch zwei allerliebste Federzeichnungen nach solchen Masken, von der glücklichen Braut aus dem Erinnern heraus zierlich angefertigt und mit liebevoll verschnörkelten Initialen des Namens August Thimig versehen. Es wurde die glücklichste, bis ins hohe Alter ungetrübt heiterste Ehe.

August Thimig war Handschuhmacher und sein Geschäft in der Schloßstraße das blühendste seiner Zeit und seiner Branche. Pauline war die Tochter des Dresdner Uhrmachers Weise, der durch mehrere Erfindungen und durch sein patrizisches Wesen eine ganz besondere Stellung unter seinen Fachgenossen einnahm. Paulinens Mutter war Luise Weise, die Tochter des Dresdner Stadtzimmermanns Hauptmann und die Nichte des berühmten Kirchenkomponisten Moritz Hauptmann in Leipzig.

Hugo Thimig wurde am 16. Juni 1854 geboren und hatte drei Geschwister, die außer ihm von sieben Kindern am Leben geblieben waren: Luise, Paul und Max. Luise heiratete einen Fabrikanten in Erfurt, Paul wurde Uhrmacher in Dresden wie sein Großvater mütterlicherseits, und Max übernahm das Handschuhgeschäft der Eltern.

Es war ein gottesfürchtiges und lustiges Haus, in dem Hugo Thimig aufwuchs, und man geht wohl nicht fehl in 23 der Annahme, noch mehr lustig als gottesfürchtig. An Kindergeschrei und jungem Treiben fehlte es nie. Im übrigen lebte man einen guten Tag, hatte Sinn für Humor und harmlose Neckerei, was sich später in der Wiener Periode der Thimigs zu dem dort ortsüblichen System der Frozzelei kunstgerecht ausbildete. Man liebte einander, hielt zusammen, war stolz auf den Namen Thimig und lag sich auch mitunter in den Haaren, wie es eben in allen anderen Familien auch der Brauch ist. Wenn es mir gelungen wäre, durch familiengeschichtliche Forschung festzustellen, daß es hundert Jahre vorher bei Friedrich Wilhelm Thimig und seiner Ehefrau Marie Luise, bei Johann Gottlieb Weise und seiner Ehefrau Sofie Charlotte und bei Christian Martin Hauptmann und seiner Anna Dorothea ebenso zugegangen war, so glaube ich nicht, daß damit etwas Wesentliches für die genealogische Zusammensetzung des Thimigschen Blutes und für die Erklärung seines Dranges zum Theater gewonnen gewesen wäre. 24

 

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