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Die Thimigs

Arthur Kahane: Die Thimigs - Kapitel 4
Quellenangabe
typebiography
booktitleDie Thimigs
authorArthur Kahane
year1930
firstpub1930
publisherErich Weibezahl Verlag
addressLeipzig
titleDie Thimigs
pages138
created20120404
sendergerd.bouillon@t-online.de
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III. das unbürgerliche Theater

Die Leute vom Theater sind eine gemischte Gesellschaft. Am Theater kommt alles zusammen. Aus allen Schichten drängt es sich dahin, wie wenn sich aller Glanz und alles Licht in dem einen Punkte sammelte, der die Motten lockt. Und das Theater fragt nicht erst lange: Wer bist du?, und woher kommst du?, sondern nimmt alles an und schlingt alles ein, was nur irgendwie Talent oder Wille zum Talent hat.

Was sich am Theater sammelt, das sind nicht Angehörige bestimmter Gesellschaftsklassen, sondern Wünsche, Wünsche aller Art und jeder Provenienz. Vage Vorstellungen von rascherem Gelderwerb, von müheloser Selbständigkeit, von Erfolg und Ruhm, von lockender Publizität in den Zeitungen, von gesellschaftlichen Bekanntschaften und Verbindungen, von unbegrenzten Liebesmöglichkeiten, von einem Leben in Freiheit und ungebundenem Genuß, von einem Leben in Schönheit und Traum treiben zum Theater, heißhungrige Gier nach dem Leben die einen, Flucht aus dem Alltag die anderen. Die einen suchen im Theater 17 das Abenteuer, die anderen ihre einzige Möglichkeit, sich selbst zu gestalten und zu erfüllen. Zum Theater kommen die noch Ahnungslosen, die vom Theater das wirkliche Leben erwarten, zum Theater die den Überschuß ihrer Kräfte loswerden wollen, zum Theater die vom Leben oder von der Liebe Enttäuschten. Wem sein Beruf nicht genügt, wer keinem Berufe genügt, sucht im Theater Ausweg und Hafen. Zu Dutzenden entlaufen sie den Kaufmannsläden, sie kommen aus den Banken und den Ämtern, fertige Ärzte und Rechtsanwälte und ihre Gattinnen, bankrotte Fabrikanten, Sänger, die ihre Stimme verloren haben, Aristokraten, ehemalige Offiziere, Kandidaten der Theologie und Rabbiner, sie alle erhoffen, erwarten, verlangen vom Theater ein neues Leben und neue Lebensmöglichkeiten.

Wie Verschiedenes auch der Begriff Theater umfassen mag, wie weit auch in seiner Entwicklung, Ausbreitung, Vertiefung das heutige künstlerische Theater sich vom grünen Wagen, vom fahrenden Volk, vom landstreichenden Komödiantentum, das in der bürgerlichen Geltung hart neben allen Parias und Ausgestoßenen der Gesellschaft, neben Vagabunden- und Gaunertum siedelte, entfernt hat, welche Wandlungen auch der einzelne auf dem langen Wege von seinen Schmierenanfängen bis zur internationalen Berühmtheit erfährt, das Theater bleibt eine Welt für sich. Immer noch außerhalb der Gesellschaft, mit der es nur eine tangentiale Berührung ersehnt und erzielt, nie eine Durchdringung. Dem Bürgertum ist im Theater keine andere Rolle zugeteilt als die des besten und zahlenden Publikums.

Eine um so größere dem Theater im Leben des Bürgertums. Wer das Dämonische nicht in sich hat, nicht selbst erleben kann, den zwickt's erst recht, es an anderen zu erleben, als unbeteiligter Zuschauer sich das bequeme Schauspiel von anderen vormachen zu lassen. Es kostet nicht viel 18 und gruselt angenehm über den Rücken. Man wird, ohne jedes Risiko und ohne persönlichen Einsatz, selbst mitten in das Dämonische hineinversetzt. Man ist dabei, erlebt mit, glaubt, geschmeichelt, manchmal sogar sich selbst zu erkennen, und im Grunde geht's einen, Gott sei Dank, doch nichts an. Das Theater, dieses seltsame, rätselhafte, immer bunte und abwechselnde, helle und farbige, aufregende Ding, das einem das ganze Leben vorschwindelt, nur viel wahrer und deutlicher als das wirkliche Leben, und doch kein wirkliches Leben ist, mit seinen Leuten, diesem merkwürdigen, verrückten, leichtfertigen Volk, das sich so anders gibt als alle anderen vernünftigen Menschen, viel schöner oder viel häßlicher, als es erlaubt ist, viel besser oder viel schlechter, viel ernster oder viel lustiger, aber wer weiß, ob das alles wahr ist? und wie müssen diese Leute leben? und was müssen sie für Leidenschaften haben?, das reizt alle Neugierigen, daß sie es immer wieder beschnuppern, und mit keinem Ding auf der Welt beschäftigt sich die bürgerliche Phantasie so gerne und unablässig wie mit diesem. In dieser Art von Beziehung, die, mit kritischen Prätentionen durchwachsen, von Spannungen und Sensationen genährt ist, bleibt das Verhältnis des Bürgertums zum Theater im allgemeinen stecken: es ist ihm immer ein Drüben, in das man am liebsten, erstaunt, über Zäune und durch Astlöcher hineinguckt.

Es ist nicht wahr, daß, wie vielfach behauptet wird, das Theater sich verbürgerlicht. Im Gegenteil, es entbürgerlicht, immer noch, jeden, der sich ihm verschreibt. Der Lebensstandard, das Ansehen, die Formen mögen sich gehoben haben, aber das Wesen bleibt unbürgerlich, und die tägliche Funktion, durch die der ganze Mensch in Mit-Leidenschaft gezogen wird, mit allen seelischen Erregungen, verhindert, daß es je anders werde. Und so wie das Theater 19 keinen nach seiner gesellschaftlichen Herkunft fragt, muß der Bürgerliche, der hineingerät, bereit sein, seiner gesellschaftlichen Herkunft zu vergessen. Wenn er nicht bereit ist, um so schlimmer für ihn: dann dauert es nur um so länger, bis ihm die Mimikry an die Welt des Theaters, die eine Welt für sich ist, gelingt. Wenn er Talent hat, wird das Theater stärker sein als das Bürgerliche. Wenn er kein Talent hat, vielleicht das Bürgerliche. Aber wen interessiert das?

 

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