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Die Thimigs

Arthur Kahane: Die Thimigs - Kapitel 20
Quellenangabe
typebiography
booktitleDie Thimigs
authorArthur Kahane
year1930
firstpub1930
publisherErich Weibezahl Verlag
addressLeipzig
titleDie Thimigs
pages138
created20120404
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Familienzüge

Allen unseren Thimigs gemeinsam: der Zug zum Theater.

Allen gemeinsam: der Zug zu Max Reinhardt.

Allen gemeinsam: strengste Wahrheit in der Kunst; strengste Ehrfurcht vor der Kunst; strengster Ernst in der Kunst.

Unbedingte Sachlichkeit. Unbedingtes Eintreten für die Sache um der Sache willen.

Und allen gemeinsam: Talent.

Menschliche Qualitäten: Humor. Gescheitheit. Liebenswürdigkeit. Zuverlässigkeit.

Schauspielerische Qualitäten: Humor. Gescheitheit. Liebenswürdigkeit. Zuverlässigkeit. (Weil nämlich menschliche und schauspielerische Qualitäten nicht zu trennen sind.)

Weitere schauspielerische Qualitäten: Schlichtheit. Natürlichkeit. Aber zugleich auch das sicherste Stilgefühl.

Ein bürgerliches Gefühl für Ordnung und Sauberkeit. Ein unbürgerliches Gefühl für den Wert der Persönlichkeit.

Ein bürgerlicher Glaube an den Zusammenhalt der Familie. Ein unbürgerlicher Glaube an das Theater als allem übergeordnete Macht.

Alle Thimigs machen den Eindruck, meist heiter und vergnügt zu sein. Im Grunde neigen sie alle, mehr oder minder, dazu, zu grübeln.

137 Auf der Bühne haben alle Thimigs die Gabe der Leichtigkeit. Im Leben nehmen sie nichts leicht, weder ihr Leben noch ihre Kunst.

Alle Thimigs sind schicksalsgläubig.

Um so weniger taugen sie, in der Klarheit ihrer gesunden und gesund erzogenen Naturen, zu irgendeiner Art von Hysterie oder Hypochondrie.

Einfach sind die Thimigs aber nicht, bei aller Natürlichkeit. Jeder Thimig hat seinen Puschel. Jeder sein Teufelchen, mit dem nicht zu spaßen ist, und die versteckte Stelle, in die sie niemanden hineingucken lassen.

Weil man nämlich, ohne das, nicht Schauspieler werden könnte. Wenigstens nicht von Thimigschem Range.

In der Arbeit sind sie alle einander vollkommen ähnlich: von der letzten vorbildlichen Gewissenhaftigkeit, Pünktlichkeit, Unermüdlichkeit und Präzision.

In der Unabhängigkeit von Erfolg und Mißerfolg hat, vermute ich, Helene den höheren Grad erreicht: die Herren scheinen empfindlicher.

Im Gesicht sind Vater Hugo und Hermann einander unverkennbar ähnlich, ebenso wie Helene und Hans einander.

Die Bewegungen haben bei allen Thimigs eine gewisse Ähnlichkeit, allerdings bei Helene und Hans ein bißchen gemäßigter und weniger ausgeprägt. Es hat nämlich jeder Schauspieler irgendeinen bevorzugten Körperteil, der es zu einer besonderen pantomimischen Fertigkeit bringt: auch die Thimigs haben einen.

Wahr sind sie in allen Körperteilen. Weil sie es im Seelischen sind.

Der Körper und seine Beredsamkeit, seine Geschicklichkeit und Elastizität, seine Leichtigkeit und seine Beschwingtheit, spielen übrigens in der Schauspielkunst aller Thimigs eine große Rolle.

138 Alle Thimigs sind musikalisch. Und in der Musik als seelischem Motor liegt eine wesentliche Formquelle ihrer Kunst.

Die Thimigs sind im Leben selbstbeherrscht. Auf der Bühne sind sie von großer Reizbarkeit und gegen alles, was nicht dazugehört, gegen jedes störende und ablenkende Nebengeräusch äußerst empfindlich. Sonst im kollegialen Verkehr durchaus konziliant, wehren sie jeden Versuch, eine Vorstellung durch Späße zu stören, als unkünstlerisch und frivol mit einer leidenschaftlichen Heftigkeit ab.

In ihrem äußeren Auftreten geben sie sich schlicht und unauffällig. Sie sind ein Beweis, daß man sich dem Theater mit Haut und Haaren verschreiben kann, ohne theatralisch, ohne komödiantisch zu werden. Und sie sind ferner der Beweis, daß Sachlichkeit das einzige Mittel ist, sich von Komödianterei und Cabotinage freizuhalten.

Nicht in der unbürgerlichen Allüre liegt das Unbürgerliche des künstlerischen Schicksals.

Sondern in der Gewißheit: nicht leben zu können, wenn man nicht in seiner Kunst lebt.

Auch diesen Familienzug haben die Thimigs gemeinsam: zu fühlen, Thimig sein heißt: erst Theaterspielen, dann leben.

Eine Theateranekdote erzählt: kurz bevor der große Kean zum erstenmal den König Macbeth spielte, starb König Georg III. von England, und während einer Probe vernahm man auf der Bühne den Klang der Londoner Kirchenglocken, die zum Begräbnis läuteten. Man drängte in Kean, daß er die Probe abbreche, aber er weigerte sich, und als man ihm sagte: »Herr, ein König wird jetzt begraben«, antwortete er: »Und hier wird ein König geboren«. Kein Thimig hätte anders gedacht.

Aber gesagt hätte es keiner.

 

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