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Die Thimigs

Arthur Kahane: Die Thimigs - Kapitel 2
Quellenangabe
typebiography
booktitleDie Thimigs
authorArthur Kahane
year1930
firstpub1930
publisherErich Weibezahl Verlag
addressLeipzig
titleDie Thimigs
pages138
created20120404
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Eine Familie und ihr Schicksal

I. Ein Familienidyll

Die Thimigs – das Bild der deutschen Familie.

Man möchte es sich vorstellen: im milden, friedlichen Schein der Abendlampe alle sechs um den schon sehr wohlbesetzten Tisch vereinigt, im eigenen, selbstgeschaffenen, schmucken Hause, in der behaglichen Ruhe einer sicher geborgenen Wohlhabenheit, umgeben von den heimisch vertrauten Dingen eines soliden und ruhigen Geschmacks, sechs zufriedene, heiter vergnügte Menschen, mit jener guten Feierabendsheiterkeit, die nur das Bewußtsein ernster Tagesarbeit, korrektester Pflichterfüllung und Ordnung im großen wie im kleinen gibt, alle sechs einander unverkennbar, ja mitunter fast drollig ähnlich, in den Gesichtern, in der Körperhaltung, in den Bewegungen, in den Stimmen, untereinander einig und friedlich, wie Menschen, die in denselben Gedanken zu denken, mit demselben Schlage zu fühlen gewöhnt sind, die dieselbe, nur ihnen gehörige Sprache sprechen, alles wie aus einem und demselben guten Holze geschnitzt und zu einem Stücke, zu einer festen, undurchdringlichen Einheit geworden. Ein Familienidyll.

So könnte es sein, und so wäre es. Wenn nicht über diese Familie das Theater hereingebrochen wäre, nicht das Theater als abenteuerliche Stillung romantischer Sehnsüchte, 10 nicht das Theater als Schmiere und Boheme, Drang und Flucht jugendlicher Leichtfertigkeit aus der Enge des Vaterhauses in die zügellose Freiheit, nicht das Theater als ein Beruf unter vielen, ohne innere Not ergriffen, zum leichteren Gelderwerb, aus Eitelkeit, aus Freude an einem bunten und auffälligen Schein. Sondern: das Theater als ein schweres, auferlegtes, unentrinnbares Schicksal, dem man, ohne Wahl, dämonisch verfallen ist und dem man mit allen seinen Kräften, mit allen Aufopferungen des persönlichen Lebens, mit kaum sichtbaren, schlummernden und um so schwerer erwachenden Dämonien schmerzlich dienen muß.

Wem verhängt ist, Theater so zu erleben, Theater als Schicksal zu erleben, den läßt es nicht mehr. Den zeichnet es für sein ganzes Leben. Dem erfüllt es jede Stunde, bestimmt ihm den Inhalt jeder Minute, schreibt ihm tyrannisch Laune und Stimmung, Glück und Unglück vor, baut ihm sein Leben auf, seine Entwicklung und Bildung, baut ihm den Weg, den Inhalt, das Ziel seiner Wünsche vor. Und nichts ist mehr in ihm, was sich nicht auf das gehaßt-geliebte, auf das Theater bezöge.

Wer sieht es dem bürgerlichen Idyll an, was sich hinter ihm, in diesen stillen und beherrschten, schamhaft keuschen und verschlossenen Seelen abspielt? Menschen, die zum Glücke bestimmt scheinen, aus deren guten und frischen Gesichtern, aus deren klaren und geglätteten Zügen eine innere Sauberkeit, Korrektheit und Ausgeglichenheit spricht, bei denen Ernst und Heiterkeit sich im richtigen Ausmaß das gesündeste Gleichgewicht halten. Sie sind lebhaft und lustig. Sie sprechen auch über ernsteste Dinge, dann sind sie ernst, klar, klug und besonnen. Fast strenge. Auf einem ganz hohen Niveau, wenn auch mit der ungekünstelten Einfachheit unerbittlicher Wahrheitsliebe und 11 einer ganz persönlichen Anschauung. Wenn sie heiter sind, sind sie harmlos. Fast verspielt. Sie lachen gern und viel. Sie haben das herzhafte, ansteckende Lachen vergnügter Kinder. Und Vater Thimig erzählt. Aus dem unerschöpflichen Born seiner Erlebnisse und Erinnerungen, aus einem märchenhaft treuen, nie versagenden Gedächtnisse zahllose Anekdoten, eine um die andere, eine lustiger und witziger als die andere, sprudelnd, ausgelassen, erzählt sie nicht, sondern spielt sie, knabenhaften Übermut in den spitzbübischen Äuglein, im immer noch jugendlich rosigen Gesichte, in der akrobatischen Beweglichkeit der Glieder. Alles vom Theater natürlich und ums Theater herum und aus der goldenen Zeit des Theaters, die er in einer Nähe erlebt hat wie keiner. Und ein bißchen Bosheit ist auch dabei. Und klatscht sich auf die runden Schenkel, und alle lachen bis zum Nichtmehrkönnen, bis zu Tränen. Dann kommt Hermann daran und erzählt anderes, und genau so, und ist der ganze Papa, lächerlich ähnlich, ob er will oder nicht. Manchmal will er, aber manchmal auch nicht. Kopiert den Vater manchmal und ist ebenso lebendig und ebenso drollig und ebenso gescheit, nur eben von heute. Dann sagt Helene, mit einer unbeschreiblich verschwärmten Wärme im Ton etwas ganz Leises, Zartes, Tiefes und Wahres. Auch Geistreiches und Witziges. Und immer unsäglich Weibliches. Und immer ist in ihrer Stimme, die jeden Alltag verscheucht, das Vibrato eines Entzückens, das diese Seele, die bewundern muß, braucht, um leben zu können.

Hans der Träumer, der jüngste, sitzt still daneben und hört zu, mit stillen, tief in sich gekehrten Augen. Und wenn er etwas sagt, dann sind es die scharfen, klugen und harten Sachen, wie sie nur die jungen Leute von der letzten Generation sagen.

Mama Thimig aber, der gute Geist des Hauses, rundlich 12 und fest, lebhaft und gescheit, immer freundlich, immer vergnügt, immer gütig, immer bereit zu verstehen, zu vermitteln, auszugleichen, Sorgen abzunehmen, sitzt da und guckt, mit den frischen Augen in dem schönen, jungen, alten Gesicht, verliebt von dem einen zum andern. Nur sie weiß, was in jedem einzelnen dieser Herzen vorgeht, und daß unter der leicht gekräuselten Oberfläche gefährliche Stürme drohen. Nur sie kennt, sie errät mit dem Ahnungsvermögen der Mütterlichkeit die Qual der ungestillten Wünsche, die Unerfülltheiten, das Stigma des Fragmentarischen, das jedem wahren Künstlerleben aufgedrückt ist. Und sie lebt mit jedem einzelnen die schmerzlichen Kämpfe der Seele mit sich selbst, mit der Kunst und alle Martyrien der schöpferischen Künstlerschaft mit. Aber sie läßt es sich nicht merken.

Dann ist noch ein Sohn da, Fritz, der Landwirt geworden ist. Manchmal behaupten seine Eltern – aber es muß nicht richtig sein – daß er der theaterbegabteste von allen sei. Jedenfalls wollte er vom Theater nichts wissen. Aber wer weiß! Vielleicht ist grade darum, freilich anders als den andern, auch ihm das Theater Schicksal geworden, an dem er – vielleicht – nicht weniger schwer zu tragen hat als die anderen.

 

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