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Die Thimigs

Arthur Kahane: Die Thimigs - Kapitel 17
Quellenangabe
typebiography
booktitleDie Thimigs
authorArthur Kahane
year1930
firstpub1930
publisherErich Weibezahl Verlag
addressLeipzig
titleDie Thimigs
pages138
created20120404
sendergerd.bouillon@t-online.de
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II. Lauchstädter Sommerzwischenspiel – Am königlichen Schauspielhaus

Noch einmal, zum drittenmal, in Wien, die »Geschwister«, diesmal im Palais Schöller. Jene Aufführung, bei der Hermann, offenbar als Ersatz für Helene, vom Intendanten Grube für Meiningen engagiert wurde.

Und dann kam der ganz große Erfolg, bei den Goethe-Festspielen in Lauchstädt. Sie spielte die Eve im »Zerbrochenen Krug« und die Lisbeth in Holbergs »Erasmus Montanus«. Im nächsten Jahre (1912), um es vorwegzunehmen, die Lucie Heil in der Uraufführung von Gerhart Hauptmanns »Gabriel Schillings Flucht«. (Die ganz anders wieder: eine klare, kluge, besonnene Mädchenintelligenz.) Vor diesem festlichen Parkett der Gebildetsten, vor diesen in der Luft Goethes zu reinem Genießen willig und feierlich Gestimmten brach offenbar der ganze spröde Knospenreiz einer reinen Blume zum erstenmal in seiner vollen herben Pracht und Anmut auf. Niemand konnte sich dem in der Bauernmädchenverkleidung noch ottilienhaft Goethischen des Mädchens verschließen, und alle, die es erlebt haben, trugen einen jungen Ruhm in die Welt hinaus.

Ich begegnete bald nach jenem ersten Lauchstädter Festspiel in Berlin unserem alten Jakob Tiedtke, der in Lauchstädt mitgetan hatte. Er war voll Erregung und rief mir schon von weitem entgegen: »Ich habe in Lauchstädt ein 112 ganz großes Talent gesehen, die Tochter von dem alten Thimig in Wien, der mir übrigens den Richter Adam weggespielt hat. Das Mädel ist wahr und echt, wie die junge Höflich, aber doch wieder ganz anders. Die sollt ihr euch sichern.«

Felix Hollaender wollte sie für das Deutsche Theater sichern. Aber es war zu spät: das Königliche Schauspielhaus hatte sie bereits engagiert.

Sie debütierte am 28. August 1911 als Georg im »Götz« und blieb bis zum 28. August 1917. Diese Zeit, unterbrochen nur durch alljährliche Urlaubsgastspiele, die sie, in den verschiedensten großen Rollen, wiederholt nach Wien, nach Prag (Gretchen), Kattowitz (Ophelia), Stuttgart, Wunsiedel, Brünn, Breslau, Ballenstedt führten, Gelegenheiten, Erworbenes auszuprobieren, Neues zu erwerben, diese sechs Jahre Königliches Schauspielhaus waren ihr mehr eine Zeit der Saat als der Ernte. Können und Sicherheit stiegen, Geltung und Ruhm stiegen, die letzte innere Befriedigung, die Erfüllung ist, kam nicht. Sie spielte fast alles, was sie zu spielen wünschte, im Kranze ihrer Rollen fehlte keine Farbe. Alle jenen Eigenschaften, denen sie ihre Einmaligkeit verdankte, das Thimigische, auch das Helene Thimigische, alles das war bereits da, verdichtete sich, wurde deutlich und konnte auch von dem Kurzsichtigsten nicht mehr übersehen werden. Die Weichheit und die Herbe ihrer Weiblichkeit, ihre Zartheit und Spröde, ihre geistige Energie und ihre Beseeltheit, ihre Schamhaftigkeit und ihr intellektueller Mut, ihre innere Wahrhaftigkeit und ihr Nichtanderskönnen, ihre unbeirrbare Sachlichkeit und ihre Hemmungen, alle diese Widersprüche und Gegensätze, die natürlichen Zeichen einer reichen, sich in Kampf und Einsamkeit organisch gestaltenden Natur, standen nebeneinander da und bildeten, alle zusammen, das reizvollste aller 113 künstlerischen Probleme: aber seine Lösung hatte es noch nicht gefunden. Manches unbeschreiblich Schöne, das im Laufe dieser Jahre diesem Talente geschah und das ihm gelang, Schwanenweiß, Clärchen, Antigone, war ein wunderbarer Einzelglücksfall, aber die starke Hand, die alle diese Einzelglücksfälle zu einem in seiner eigensten Notwendigkeit begriffenen Ganzen zusammenfügte, sollte noch kommen.

Es gibt Menschen, Abenteurer ihres Lebens, die sich an alle und an alles verschwenden können, ohne sich zu verlieren: die gedeihen überall, auch in der Fremde, denn es gibt für sie keine Fremde. Und es gibt andere, die in einer fremden Luft nicht leben können und die ein untrügliches Feingefühl dafür haben, was ihrem Wesen fremd ist und was zu ihnen gehört.

Helene hatte sich am Schauspielhause nie recht heimisch, immer wie eine Fremde gefühlt. Darum ging sie und nahm ein Engagement am Deutschen Theater, an dem auch ihr Bruder Hermann wirkte und zufrieden war, am 1. Oktober 1917 beginnend, an.

 

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