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Die Thimigs

Arthur Kahane: Die Thimigs - Kapitel 13
Quellenangabe
typebiography
booktitleDie Thimigs
authorArthur Kahane
year1930
firstpub1930
publisherErich Weibezahl Verlag
addressLeipzig
titleDie Thimigs
pages138
created20120404
sendergerd.bouillon@t-online.de
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I. Anfänge – Meiningen

Hermann Thimig wurde am 3. Oktober 1890 in Wien geboren.

Von schauspielerischen Regungen der ersten Jahre ist nichts bekannt geworden, es sei denn, daß er die Gäste des Hauses – noch ohne jede sprechtechnische Ausbildung – mit der Frage zu begrüßen pflegte: »Du, sag, bin ich nicht 73 schön?« Diese Gewohnheit hat er aber im späteren Verlaufe seines Lebens abgelegt.

Nach absolvierter Volksschule kam er aufs Gymnasium. Hier blieb er ein volles halbes Jahr. Dann ereignete sich folgendes: Eines Tages bat der Direktor des Gymnasiums Herrn Thimig sen. zu sich und sagte, mit einem feierlichen Ernst, der Schlimmstes befürchten ließ: »Herr Thimig, ich ehre und schätze Sie als einen allgemein geachteten Künstler und Bürger. Um so schwerer wird es mir, Ihnen eine Entdeckung mitzuteilen, die mich aufs tiefste entsetzt und erschüttert hat; sie wird es Sie nicht minder. Sie werden es mir nicht glauben wollen, aber leider haben es meine eigenen Augen gesehen. Ich habe Ihren Sohn Hermann Thimig dabei erwischt, wie er – meine Zunge stockt, es zu sagen –, offensichtlich um nicht zu spät zum Unterrichtsbeginn zu kommen –, durch ein versehentlich geöffnetes Fenster in das zu ebener Erde gelegene Klassenzimmer – horribile dictu! – einzusteigen versuchte. Versuchte? Einstieg. Ich sehe darin Anzeichen eines verbrecherischen Charakters, dem für die Folge Ärgstes zuzutrauen ist.« Vater Thimig war erschüttert, faßte sich dann aber und sagte: »Gestatten Sie, Herr Direktor, eine Frage: Sind Sie nie selbst durch ein offenes Fenster in ein zu ebener Erde gelegenes Zimmer eingestiegen?« »Ich?!« erwiderte der Direktor entrüstet, »niemals! Das schwöre ich bei Gott! Was denken Sie von mir?« »Dann bedaure ich, Herr Direktor, Ihnen die Erziehung meines Sohnes nicht länger anvertrauen zu können.«

Hermann kam in eines der Lietzschen Landerziehungsheime nach Ilsenburg und übersiedelte mit diesem nach Haubinda im Thüringer Wald. Ihm schlug, wie seinerzeit seinem Vater, die Landluft ausgezeichnet an, und er gedieh körperlich und seelisch in eine angenehme Breite, jedenfalls 74 einem gesunden Bauernjungen ähnlicher als einem verzärtelten Stadtkind.

Die letzten zwei Jahre seines Studiums verbrachte er in der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, die damals unter der Leitung von Paul Geheeb stand, heute Leiter der vielgerühmten Odenwaldschule. Es muß wohl damals die beste und eine von Krisen reine Zeit des Wickersdorfer Schulexperiments gewesen sein: Hermann fühlte sich in der freien Atmosphäre einer schulstaubfreien Erziehungsmethode glücklich. Und daß im Arbeitsplan dem Theater ein ziemlich breiter Platz eingeräumt war, mag ihn wohl auch nicht gerade unvertraut berührt haben, ihn, der in der Theaterluft des Vaterhauses aufgewachsen, dem Theater längst mehr oder minder bewußt verfallen war.

Er kehrte nach Wien heim, um die sogenannte Intelligenzprüfung abzulegen und, von 1909 auf 1910, sein Einjährigenjahr als Dragoner zu dienen.

Als Hermann das erstemal seinem Vater gegenüber Theaterabsichten andeutete, lehnte dieser glattweg ab. »Kommt nicht in Frage!« sagte er, mit einem Ton, der jede Hoffnung abschnitt.

Hermann traute sich lange nicht, das heikle Thema wieder anzuschneiden. Als er sich schließlich, mit vielen Hemmungen, entschloß, einem bekannten Schauspiellehrer und Freund des Hauses heimlich vorzusprechen, lachte ihn dieser aus: »Mit diesen Beinen! Wie willst du mit diesen Beinen ein Trikot tragen?« Hermann zog betrübt ab, er hatte gar nicht die Absicht gehabt, mit den Beinen vorzusprechen.

Auch sein Vater, hart wie Brutus, hatte gegen seine Schönheit die verschiedensten kritischen Einwendungen. Seine rundliche Körperlichkeit hatte nun einmal nicht das klassische Burgtheaterformat.

75 Da geschah es, daß Freunde des Hauses und des Burgtheaters aus der Wiener Gesellschaft zu irgendeiner festlichen Gelegenheit eine private Aufführung veranstalteten. Deren Clou sollte darin bestehen, daß sozusagen die Kinder des Burgtheaters (nämlich die Kinder prominenter Burgtheatermitglieder, nicht die für Kinderrollen engagierten Theaterkinder) statt ihrer Eltern auftreten sollten. Man versprach sich Spaß davon. Vater Thimig gab zögernd seine Einwilligung.

Man wählte Goethes »Geschwister«. Helene Thimig sollte die Marianne, Hermann den Fabrice spielen. Die Vorstellung fand im Palais Schöller statt. Das Publikum setzte sich zum Teil aus Mitgliedern der Aristokratie und der ersten Wiener Gesellschaft, zum Teil aus den besten Namen des Burgtheaters zusammen. Auch der Intendant Max Grube aus Meiningen wohnte der Aufführung bei.

Hermann wußte: heute entschied es sich. Er trat auf und sprach, ganz harmlos, nichtsahnend, die ersten Worte des Fabrice: »Guten Abend.« Und ein brausendes Gelächter des ganzen Saales, auf das ein stürmischer Applaus folgte, begrüßte ihn. Hermann war verdutzt. Die Worte waren ganz ernst gemeint, ernst gebracht gewesen. Sollte an seinem Kostüm was nicht in Ordnung sein? Er ahnte nicht, daß Lachen und Beifall seiner geradezu lächerlichen Ähnlichkeit mit dem Vater Thimig gegolten hatten. Er faßte sich und spielte tapfer weiter.

Aber nach der Vorstellung kamen alle auf ihn zu, Ernst Hartmann voran, und beglückwünschten ihn, wie natürlich und diskret ihm die berüchtigt undankbare Rolle gelungen sei. Vater Thimig sagte nichts als: »Tja, mein Junge, ich sehe, es wird wohl nicht anders gehen.« Aber man sah es ihm an, wie stolz er auf beide Kinder war. Und Intendant Grube 76 engagierte Hermann auf drei Jahre an das Hoftheater in Meiningen.

Als Väterspieler. Der einundzwanzigjährige Hermann Thimig spielte drei Jahre lang in Meiningen nichts als die ältesten Väterrollen.

»Mit Ihren holländischen Nasenlöchern kann ich Sie doch keine Liebhaber spielen lassen«, hatte man ihm gesagt, als er darum bat, ihm einmal eine jüngere Rolle anzuvertrauen. »Außerdem haben Sie keinen jungen Ton in der Kehle. Ihr Organ hat bereits den Klang einer alten Stimme.«

Sein Organ hatte den Klang der Stimme seines Vaters. Nicht weil er in den letzten Monaten vor Antritt seines Engagements bei seinem Vater sprechtechnischen Unterricht genommen hatte. Übrigens den einzigen, den er je empfangen hat, und sicherlich den besten, den er je hätte empfangen können.

Sondern weil er innerlich, von sich aus keinen anderen Weg zu den alten Rollen, die man ihm gab, finden konnte als den Umweg über seinen Vater. Um als älter zu wirken, half er sich, ganz einfach, indem er seinen Vater kopierte. Unwillkürlich. Die charakteristische Körperhaltung und Bewegung seines Vaters lag ihm so nah, wurde ihm so leicht, war ihm so zur Gewohnheit, ja zur Natur geworden, daß er sich ihrer, statt einer eigenen Gestensprache, bedienen mußte. Noch dazu in Fällen, in denen er anderes als seine eigene Jugend zu geben hatte. Und mit dem Körper ging die Umwandlung naturgemäß auf die Stimme über.

Unwillkürlich, nicht unbewußt. Als er 1911 in Meiningen debütierte, in der kleinen Rolle des Steinmetzen in »Wilhelm Tell«, und er an die Stelle kam: »Den Hammer werf' ich in den tiefsten See, der mir gedient bei diesem 77 Fluchgebäude!«, da war es ihm in diesem Augenblick, als kämen die Worte aus einem andern Munde, und zum ersten Male ging ihm selbst, fast unheimlich, die ungeheure Ähnlichkeit auf, und er erschrak fürchterlich. Damals begann schon der Kampf mit dieser Ähnlichkeit, aber natürlich vergeblich, solange jede neue Rolle eines alten Mannes ihn zwang, seine Ausdrucksmittel außerhalb der eigenen Natur zu suchen.

Man gab ihm nur alte Rollen zu spielen. Nicht viele, aber nur alte. Den hundertjährigen Stille in »König Heinrich IV.«, den nicht viel jüngeren Engelbauern in »Glaube und Heimat«, den Ragueneau in »Cyrano de Bergerac«, den sein Vater erst gespielt hatte, als er vierundvierzig alt geworden war, und den altersblöden Magister in »Renaissance«.

Erst ganz zum Schlusse, unmittelbar bevor er Meiningen verließ, gewährte man ihm, um ihm einen Wunsch zu erfüllen, als Abschiedsrolle den Lanzelot Gobbo im »Kaufmann von Venedig«. Und er hatte, zur verspäteten Verblüffung aller, einen ganz ungewöhnlichen Erfolg. Der Herzog selbst kam auf die Bühne, gratulierte ihm aufs herzlichste und fügte als höchste Anerkennung hinzu, er habe ihn so überaus an den berühmten alten G. erinnert, den verstorbenen, aber immer noch unverschmerzten Liebling des Meininger Hofs und Publikums. Hermann Thimig war ein wenig verdutzt über dieses Lob, denn ganz zufällig hatte er am selben Tage in einem Briefe seines Vaters gelesen, daß jener berühmte G. der schlechteste Schauspieler gewesen sei, den er je auf einer deutschen Bühne gesehen habe.

Unterdessen hatte Felix Hollaender Hermann Thimig in Meiningen spielen gesehen und zur Laute singen gehört und für das Deutsche Theater zu Berlin als jugendlichen Komiker und Naturburschen engagiert. 78

 

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