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Die Theegesellschaft

Ludwig Tieck: Die Theegesellschaft - Kapitel 20
Quellenangabe
typecomedy
booktitleSchriften, Zwölfter Band
authorLudwig Tieck
year1829
firstpub1796
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDie Theegesellschaft
pages66
created20131021
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtzehnter Auftritt.

Vorige. Die Gesellschaft; sie setzen sich in den Hintergrund.

Ahlfeld. Wer sind denn die Leute da?

Wahrsagerin. Herrschaften, Ihr Gnaden; – o! ich habe vielen Zuspruch, Ihr Gnaden, von Herrschaften, – hoch und niedrig – und niemand wird bei mir übertheuert.

Ahlfeld. Nun, fangt nur an, –

Julie. Mein Gott, ist das nicht mein Oheim?

Wahrsagerin. Belieben Sie abzuheben, gnäd'ger Herr, aber mit der linken Hand, denn die kommt vom Herzen.

Ahlfeld, thut's. Nun, ich bin doch begierig. –

Wahrsagerin, legt die Karten. Ihr Gnaden, das fängt alles sehr glücklich an. – Herzendaus – Pikachte –

Ahlfeld. Nun?

Wahrsagerin. Wie ich aus allem ersehe, gnädiger Herr, so suchen Sie ein Amt, einen Rang, –

Ahlfeld. Wirklich.

Wahrsagerin. Hier liegt der Pikbube, das ist ein Mann, auf den Sie sich verlassen.

Ahlfeld. Richtig.

Wahrsagerin. Coeur liegt dabei, – er ist verliebt, und, – o weh! da kommen viele Treff.

Ahlfeld. Was bedeuten die?

Wahrsagerin. Geld oder Unglück, – hier Unglück; – Sie verlassen sich mit Unrecht auf ihn.

Ahlfeld. Wie?

Wahrsagerin. Er kann Ihnen nichts helfen; Sie werden sehen, Sie werden nächstens, vielleicht heut noch einen Brief bekommen, der Ihnen Vieles klar machen wird.

Ahlfeld. Ei das gesteh' ich! – Aber sagt mir einmal, macht mir nur deutlich, wie Ihr das alles so gleichsam im voraus wissen könnt? – Ich bin erstaunt, ich habe das immer für Narrenspossen gehalten, Charlatanerien, – aber wahrhaftig, fast möcht' ich, – ist das alles Zufall? sagt mir einmal die Wahrheit.

Wahrsagerin. Zufall, gnädiger Herr? Glauben Sie, daß es in der ganzen Welt einen Zufall giebt, oder geben kann?

Ahlfeld. Sie hat Recht; solche alte Leute haben oft mehr Verstand als man glaubt. – Ihr habt wohl viel Erfahrung?

Wahrsagerin. Die Menge!

Ahlfeld. Aber mit den Karten, – ich bitte Euch, – ich kann's nicht begreifen.

Wahrsagerin. Es muß auch unbegreiflich bleiben, denn sonst würde es jedermann machen können.

Dornberg, der auf Ahlfeld zugeht. Ei, ei! liebster Freund, treffen wir uns hier an?

Ahlfeld. Was? Wie?

Julie. Liebster Onkel, das hätt' ich nicht geglaubt, da sie uns erst so beschämten. –

Ahlfeld. Kinder, – was ist denn das? – wahrhaftig die ganze Gesellschaft! – Je, mein Gott! je, – was soll ich denn sagen? – Ihr glaubt am Ende im Ernst, ich glaube an so etwas, ich komme hieher, um mir prophezeien, die Zukunft aufschließen zu lassen: – nicht im geringsten! – Seht, ich wollte einen Spaß machen, und Euch heut Abend mit der Erzählung überraschen, – ich werde am Ende den ganzen Vorfall bekannt machen lassen, denn er ist doch gar zu lustig. – Nun, wollt Ihr nicht auch herantreten?

Rothmann. Ich will die Alte recht anführen, – geben Sie Acht, wie sie sich mit mir prostituiren wird. –

Julie. Oheim! das kann ich Ihnen so bald noch nicht vergessen.

Ahlfeld. Possen, Kind! – Nimmt den Baron beiseit. Aber lieber Baron, haben Sie wohl gehört, was die Frau da sagte? ich verließe mich –

Dornberg. Sind Sie denn wirklich so abergläubisch?

Ahlfeld. Es ist auch wahr, ich dachte gar nicht daran. – Es ist ja der pure Aberglaube, weiter nichts.

Rothmann. Nun, liebe Frau, ich möchte gern mein Schicksal wissen, –

Wahrsagerin. Nun, mein Herr! dazu liegen ja die Karten hier. Sein Schicksal kann man immer erfahren, wenn man nur recht ernstlich will. – Sie legt die Karten.

Rothmann. Ich bin ein armer, unglücklicher Mensch, ein Papiermacher, und nun fehlt es meiner Mühle ganz an Lumpen. Sage Sie mir, wie soll das werden?

Wahrsagerin. Papiermacher? Sehen Sie hier, – ei! ei! Papiermacher! nimmermehr, – Papierverderber wollen Sie sagen.

Rothmann. Wie? Die Uebrigen lachen.

Wahrsagerin. Papierverderber mein' ich nur so; denn Sie schreiben viel, und das Papier ist doch nachher zu nichts mehr zu brauchen. – Sie haben da einen guten Freund, mit dem Sie viel umgehn, einen wunderlichen Menschen, – Sie haben ihn zum Besten; aber er braucht Sie eigentlich zu seinem Zeitvertreibe.

Rothmann. Schon gut! – Sie ist des Teufels!

Ahlfeld. Werden Sie auch abergläubisch, Herr Rothmann? – Ja, ja; der Mensch ist manchmal schwach, das geht nicht anders. – Wunderbar ist es immer, daß sie so die Wahrheit trifft.

Rothmann. Die Wahrheit?

Ahlfeld. Nun, ich meine eigentlich nicht so recht die Wahrheit, sondern nur, daß, – enfin, Sie verstehn mich wohl.

Julie. Nun bin ich zu ungeduldig. – Sie tritt mit Dornberg an den Tisch. – Sagen Sie uns beiden zugleich unser Schicksal.

Wahrsagerin. Ist eigentlich gegen die Regel – aber so eine schöne Mamsell –

Julie. Sehn Sie, sie kann auch Komplimente machen.

Rothmann. Aber wie tief ist in unsern Zeiten das delphische Orakel gesunken!

Ahlfeld. Ja wohl, zu Delphi, oder Delos, wie das Zeug heißt, da war's noch eine Lust, sich wahrsagen zu lassen! Da wurden einem die Karten anders gelegt!

Wahrsagerin. Wenn ich so die Wahrheit sagen soll, – sehn Sie hier, – so haben Sie zwei Liebhaber, wovon es der eine ehrlich meint, der andre nicht.

Dornberg. Sehn Sie, Julie?

Wahrsagerin. Der eine liebt nur Ihr Vermögen, der andre aber Ihre Perschon.

Julie. Wirklich?

Wahrsagerin. Ei, ei! den redlichen haben Sie abgeschafft –

Julie. Wie?

Wahrsagerin. Und doch sind Sie ihm noch immer gut – im Herzen, verstehn Sie mich, innerlich.

Dornberg. Was hör' ich?

Julie. Werden Sie auch abergläubisch?

Dornberg. Nicht doch, ich scherze nur.

Wahrsagerin. Der alte Liebhaber ist Ihnen auch immer noch gut, denn verstehen Sie mich, die Liebe ist nicht so schnell zu vertreiben – er will sich's aber selber nicht gestehn, und darum ist er jetzt etwas wunderlich.

Dornberg. Wer ist denn der?

Julie. Je, wer sollt' es sein? Niemand. –

Wahrsagerin. Sie, gnädiger Herr, werden bald eine wichtige Nachricht bekommen.

Dornberg. So?

Wahrsagerin. Sie werden sich darüber wundern, denn, – verstehen Sie mich, es wird Sie verdrießen, Sie werden sich ärgern.

Dornberg. Wirklich?

Wahrsagerin. Sie sind jetzt im Begriff, in den Stand der heiligen Ehe zu treten, Sie thun eine schöne Partie, – denn, Sie verstehen mich, Geld ist da, an der Liebe liegt Ihnen nicht viel.

Julie. Wie, Baron?

Dornberg. Können Sie so abergläubisch sein, auf dies Zeug zu hören?

Julie. Verzeihen Sie, – man wird hier ganz betäubt.

Wahrsagerin. Ei, ei! – was seh' ich? – Lieben Kinder, verstehen Sie mich wohl; – hier fallen die Karten zu wunderlich, – Sie sind nicht das, wofür Sie sich ausgeben.

Ahlfeld und Julie. Was?

Wahrsagerin. Ja, ja! Sie sind kein Baron, Sie haben kein Vermögen, Sie lieben Ihre Braut nicht.

Dornberg. Unverschämtes Thier!

Wahrsagerin. Nun, Herr Baron, soll ich's Ihnen alles beweisen?

Alle. Was ist das? – Wie?

Werner wirft die Verkleidung ab. Ich bin's, meine Herren, ich: – erstaunen Sie nicht. – Er zündet die Lichter an. Hier, Herr Ahlfeld, Er überreicht ihm Briefe. dieser Herr ist nichts als ein falscher Spieler, der Sie hinterging, um sich ein ansehnliches Vermögen zu erheirathen. Ein guter Freund giebt mir hier den Auftrag, ihn aufzusuchen, und schickt mir zugleich einige Dokumente mit, die es unumstößlich beweisen. Seine Frau will sich von ihm scheiden lassen.

Ahlfeld. Ei! Sie! – ei! was? – mir ein Amt verschaffen? Mich in die Höhe bringen? – Mich –

Dornberg. Ich empfehle mich; – wart', Schändlicher, ich treffe Dich wohl! Schnell ab.

Wagemann. Aber um's Himmelswillen!

Werner. Nun, Julie, was sagen Sie? – So viel Wahrheiten hatten Sie hier wohl schwerlich vermuthet?

Julie. Ach, Werner! wie bin ich gestraft, wie gedemüthigt!

Ehlert. Aber sage mir nur, Werner, – ich bin wie betrunken; – Du bist doch ein toller Kerl.

Rothmann. Ein charmantes, witziges Kerlchen.

Werner. Vergeben Sie mir, Julie?

Julie. Können Sie mir vergeben?

Werner. Darf ich hoffen? – Sie schweigen? – Herr Ahlfeld, Sie haben einen Mann für Ihre Nichte gewünscht – der Baron ist verschwunden; wollen Sie nun einen Bürgerlichen nicht verschmähn?

Ahlfeld. Nein, wahrlich nicht; Sie haben uns heut auf eine Art die Wahrheit gesagt, daß ich noch immer in einer gewissen Ekstase dastehe.

Werner. Julie!

Julie. Ich bin die Ihrige. – Ich hatte Sie nicht vergessen – aber mein Oheim – meine Thorheit –

Werner. Lassen Sie uns das nicht mehr berühren. – Ich wollte Ihnen schon heut Abend alles entdecken; aber Sie ließen mich nicht zu Worte kommen – ich konnte Sie unmöglich so hintergehn lassen.

Ehlert. Hatt' ich nicht Recht? – Du warst noch immer verliebt, so sehr Du's auch läugnen wolltest.

Wagemann. Nun, das sind doch noch vernünftige Wahrsagungen, die alle so eintreffen. Werner ist nun unter den neuen Propheten der einzige, dem ich glauben will. –

 


 

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