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Die Theegesellschaft

Ludwig Tieck: Die Theegesellschaft - Kapitel 14
Quellenangabe
typecomedy
booktitleSchriften, Zwölfter Band
authorLudwig Tieck
year1829
firstpub1796
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDie Theegesellschaft
pages66
created20131021
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölfter Auftritt.

Vorige, ohne Werner.

Ahlfeld. Giebt's was Neues?

Wagemann. Eben nicht.

Rothmann. Salzmann kündigt hier an, daß er für 1 rthl. 8 gl. einen Himmel auf Erden liefern will.

Wagemann. Nun, das ist billig.

Ahlfeld. Aber, daß ich's recht begreife, – mit Erlaubniß, – ist das nur so zum Spaß?

Rothmann. Nein, es ist sein völliger Ernst.

Wagemann. Nun sage mir einer, daß die Welt nicht närrisch sei! –

Berger. Das Politische scheint nicht von Bedeutung.

Ahlfeld. Sehr von Bedeutung, in Rußland gehn ja die Couriere stark; – es sind wunderbare neue Combinationen in dem bekannten Gleichgewichte von Europa.

Dornberg. Wie das?

Ahlfeld. Ja, es verändert sich alles so gewaltsam, – es ist gleichsam Evolution und Revolution schon im Zuschnitt da, – es geht wie ein elastisches Feuer von einem Gliede ins andre, – es wird eine gewaltige Reverberation setzen.

Rothmann. Meinen Sie? – Die Menschheit wird im Ernste jetzt wiedergeboren, – es –

Ahlfeld. Erlauben Sie, – wie ich sagte, Schlag auf Schlag, und das giebt am Ende Reverberationen, daß es kaum zu begreifen ist.

Rothmann. Und der Adel der Menschheit wird wiederhergestellt, die Moralität kömmt wieder oben auf.

Ahlfeld. Ganz recht, denn die seltsamen Conclusionen, die jetzt zu Stande kommen, werden der ganzen Sache den Ausschlag geben. – Sie sind, wie gesagt, ein guter, ein geschickter Mann, Herr Rothmann, aber von der Politik scheinen Sie, mit Ihrer Erlaubniß, nicht viel zu verstehn. Es ist aber auch ein Studium, das mehr als ein Sensorium commune erfordert, – es ist gleichsam der Radius aller Wissenschaften, der Inbegriff des Ganzen, wie gesagt. –

Julie. Haben Sie sich schon wahrsagen lassen?

Dornberg. Wie kommen Sie darauf? – Nein.

Julie. Es muß doch eine seltsame Empfindung sein.

Dornberg. O ja, der Gedanke ist abentheuerlich genug.

Julie. Und wenn es eine größere Gesellschaft ist, muß es auch zugleich lustig sein.

Rothmann. Gewiß, – und es ist zugleich eine poetische Illusion. Ein dunkles Zimmer, – ein altes Weib, die mit der größten Zuversicht ihre Prophezeiungen hersagt. –

Berger. Es wäre eine Erfahrung mehr, die man machte.

Julie. Wir sollten Herrn Werner bitten, uns die Wohnung der Frau zu sagen, – und so alle zusammen hingehn. Es ist etwas zu lachen auf Monate.

Dornberg. Wenn es Ihnen Vergnügen macht, von Herzen gern.

Rothmann. Schon in der bloßen Aktion des Kartenlegens liegt so etwas Abentheuerliches. –

Ahlfeld. Kinder, Kinder, – ich weiß durch einen Zufall die Wohnung des Weibes, – aber bedenkt, ich bitte Euch, – o pfui. Ihr alle wolltet so abergläubisch sein?

Julie. Kein Aberglaube, lieber Onkel, es ist nur des Spaßes wegen.

Ahlfeld. Wir müssen dem Himmel dafür danken, daß die Aufklärung, ein vernünftiges Eclaircissement, endlich mit vieler Mühe zu Stande gebracht ist, und nicht nun muthwillig wieder einreißen, was so langweilig aufgebaut ist.

Rothmann. Aber das Poetische darin –

Ahlfeld. Mit Erlaubniß, wo steckt denn das Poetische? – Phantastisch ist es, – barock und grotesk! – Ja, zu Hamlets und Makbeths Zeiten, das weiß ich selber gut genug, da wurden solche Hexen und Wahrsager aufs Theater gebracht, – das war das Zeitalter des dunkeln Mittelalters. Damals waren diese Phantome gleichsam noch amüsant, weil man noch daran glaubte; und wie ich sage, sie existirten blos deswegen, weil man daran glaubte. Das war also zu Hamlets Zeiten.

Rothmann. Zu Shakspeare's –

Ahlfeld. Nun ja freilich, das behaupte ich eben. Aber jetzt ist die Menschheit zu vernünftig; denn die Fackeln und die Lichter, alle die Gelehrten, das Wesen, die Recensionen, – da ist ja alles, was man sonst vom Aberglauben dachte und schrieb, über den Haufen gefallen.

Dornberg. Aber zur Ergötzung, –

Ahlfeld. Nein, nein! ich kanns nicht zugeben. Ihr seid ja alle wie Werner geworden, über den wir eben erst gespottet haben.

Julie. Wo wohnt die Frau?

Ahlfeld. Nichts, nichts! ich erlaube es nicht, es kann nicht sein. – Man sollte das ganze Weib nur in die Denkwürdigkeiten der Churmark setzen, so wie einmal der Monddoktor in der Berlinischen Monatsschrift widerlegt wurde. Er war doch gestürzt, und wir haben seit der Zeit, Gottlob, einen Aberglauben weniger.

Berger. Sie nehmen die Sache vielleicht zu ernsthaft.

Ahlfeld. Ei, man kann da nicht zu ernsthaft sein. Ich bin hier der älteste und der vernünftigste, – ich kann's nicht zugeben. – Aber noch eins, ich muß vor dem Abendessen noch ausgehn, denn zum Essen komme ich gewiß zurück. – Zu Ehlert. Sie bleiben doch bei uns?

Ehlert. Wenn Sie erlauben.

Ahlfeld. Ich gehe, denn es ist ein unumgängliches, gleichsam ein wichtiges Geschäft. – Adieu indessen! Ab.


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